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Die Spielereien einer Kaiserin

Max Dauthendey: Die Spielereien einer Kaiserin - Kapitel 8
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Spielereien einer Kaiserin
authorMax Dauthendey
year1910
firstpub1910
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleDie Spielereien einer Kaiserin
pages235
created20120428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Epilog

Am Kaiserinnenbett

Personen des Epilogs

  Kaiserin Katharina I.
Fürst Menschikoff
Prinzessin Sascha
Ein weißer Pierrot

Hofdamen und Kammerdiener

Epilog: Im Schlafzimmer der Kaiserin Katharina I. 1727.

 

Charakteristik der Hauptpersonen des Epilogs

Katharina im lila Seidenkleid mit feuergelbseidener, loser Jacke. Goldseidene Blumen in die lila Seide gewebt. Sie trägt ein Diadem im Haar.

Katharina ist krank und zerrüttet. Übertrieben geschminkt. Sie fiebert. Sie hat blaue, tiefe Augenhöhlen und spricht heiser und oft sonor wie ein Mann. Sie trinkt viel und möchte leben. Sie ist noch lebenshungrig und nicht mehr übermüdet wie im vierten Akt. Sie spricht rasch und hastig, als möchte sie sich mit Sprechen vor dem Sterben schützen. Sie weiß, daß sie stirbt, und fühlt es schon am Anfang des Epilogs. Aber sie bleibt mutig und wird nur manchmal plötzlich weinerlich. Sie stirbt schnell, fällt zurück, streckt sich und sieht dabei im letzten Augenblick aus, als glaubte sie plötzlich nicht mehr daran, daß es der Tod ist, der sie anfaßt; sie lächelt belustigt, während sie stirbt.

Menschikoff ist breit und behäbig und versöhnt mit dem Schicksal. Er hat gleichfalls Humor und ist grau geworden. Menschikoff erscheint in pelzverbrämtem Kaftan, mit weiten Beinkleidern, reich, aber gemütlicher gekleidet und behäbiger, weiß mit rot.

Sascha in weißem Kleid mit efeugrünem Laubmuster. Grüne Federn im Haar. Sie hat einen hellblauen Seidendomino übergeworfen.

Ein weißer Pierrot mit weißer Maske und weißgeschminkten Händen. Er hat ein geisterhaftes, groteskes Benehmen, als ob er aus weißem Papier ausgeschnitten wäre, so zitterig und halb komisch tritt er auf und hat die Bewegungen einer automatischen Puppe, ist dabei spukhaft wie ein Geist.

 

Bühnenbild des ersten Aktes

Das Schlafzimmer der Kaiserin. Ein goldgelbes Gemach. Ein riesiges, geschnitztes, schweres, goldenes Bett steht, mit dem Kopfende gegen den Hintergrund, in der Mitte des Zimmers. Das Bett füllt fast das ganze Zimmer. Das Gemach ist nicht sehr groß. Links und rechts im Hintergrund zu beiden Seiten des Bettkopfendes je ein Fenster. Ein Kamin schräg in der Ecke, aus schwarzem Marmor. Auf dem Gesims steht der silberne Schmuckkasten der Kaiserin. Eine große, gebauchte Mahagonikommode mit Goldbeschlägen. Heiligenbilder aus Gold mit kleinen blauen Ampeln in den Ecken. Ein hellblauer Teppich am Boden. Goldgelbe Bettvorhänge, von einer mächtig goldenen Krone an der Decke gehalten. Das Bett steht etwas erhöht. Ein goldener Serviertisch zum Rollen, mit Flaschen, Kannen und Gläsern und Bechern bedeckt.

Blaue Morgendämmerung draußen und Morgenröte. Eiszapfen am Fenster. Über einem Sessel liegt ein Blaufuchspelz, mit blauem Samt überzogen. Eine Tür in der linken Seitenwand.

 


 

Am Kaiserinnenbett

Sascha, in Balltoilette mit übergeworfenem Domino, kommt durch die Korridortüre links; sie flüchtet vor einem weißen Pierrot. Dieser hat eine weißseidene Maske vor dem Gesicht.

Sascha komisch ernst, bleibt in der Mitte des Zimmers stehen. Sie hat es eilig, weil sie etwas von der Kommode holen soll.
Du Unverschämter, du, bist mir vom Maskenballe nachgelaufen!
Durch alle Korridore von dem Schloß, unheimlich Weißer du!
Hängst wie ein Schneeball mir an meinen Stiefelhacken!
Weißt du denn, wo du bist?
        Sie deutet mit einer Geste über das Zimmer.
                                            Der Kaiserin Schlafgemach.
Ich muß ihr Riechsalz und Pastillen holen,
Sie wurde unwohl auf dem heißen Ball, doch keiner soll es merken.
Welch Auge du jetzt machst, seit du erfahren, wo du hingeraten!

Die weiße Maske ist bis an das Bett gekommen.

Sascha mit großer Geste
Ein Riesenbett, ein Kaiserinnenbett, siehst du die Krone von der Decke hängen?

Sascha holt inzwischen Riechsalz und Pastillen von einer Kommode im Hintergrund. Sie wendet dem Pierrot den Rücken. Rückwärtsgehend schlüpft dieser durch dieselbe Tür, durch die er gekommen, hinaus und ist verschwunden, als Sascha sich wieder nach ihm umsieht.

Sascha.
Ah, ist er denn zu Luft geworden! Er lief zum Fest zurück!
Die Türe ist noch offen! Find' ich ihn wieder, dann verlieb' ich mich.

Die Kaiserin Katharina, in gelb und violett seidenem Kleid, das reich mit Hermelin besetzt ist, kommt herein; sie stützt sich halb ohnmächtig auf mehrere Frauen und ist von zwölf Damen umgeben, alle in reichen Maskentoiletten. Sascha kommt ihr entgegengelaufen, bestürzt, und reicht ihr das Riechsalz; die Frauen führen die Kaiserin auf das große Bett und legen sie nieder, während sie mit sonorer Stimme, atemlos und halb schimpfend, spricht.

Katharina.
Mir ist so niederträchtig und gemein zu Mut,
Ich fiel betrunken um und bin doch nüchtern!
Mein Kopf steckt wie in einem heißen Sack,
Daß ich schon alles dunkel nur noch sehe.
Verwünschtes Fieber! Sascha, ruf' den Menschikoff!
Muß mir den Dusel aus dem Hirn fortschwatzen.
Und bring uns Wodka, Wein, wie jeden Morgen!
        Sie zittert im Schüttelfrost.
Frühluft ist schauerlich, und trinken muß man;
Und regenbogenfarbiger sieht sich das Leben an,
Betrachtet man's durch Weinbouteillen.

Die Kaiserin verabschiedet die Frauen; sie verbeugen sich alle auf einmal und gehen. Sascha rollt einen goldenen Serviertisch aus der Ecke neben das Bett. Der Tisch steht voll Weinkaraffen, Schnapskaraffen und Gläser.

Sascha.
Mir, Majestät, scheint ohne die Bouteillen
Das Leben süffiger als der Wein.

Katharina erschöpft, in den Kissen
Sascha, das Leben lebt sich nicht von selbst,
Und Totes muß man mit dem Wein beleben;
Denn jeder, der lang lebt, der trägt auch Totes,
Gleich Steinen, in der Tasche mit herum.
Geh, ruf mir Menschikoff, wir wollen Tote wecken.
Nur er und ich verstehen uns darauf.
So'n Maskenball mit seinen Masken war
Gleich einer Kinderstube voll Puppen anzusehen;
's war nicht die Teufelsbande mehr wie sonst,
Mit der ich manche Höllenfahrt beim Karneval oft mitgemacht;
Die Weiber gingen wie die Ammen nur
Heut' plump und wohlgenährt im Saal herum,
Und alle Kavaliere hingen an ihren eignen Eheweibern,
Wie nur die Säuglinge am Milchvorrat.

Sascha.
Mich, Majestät, verfolgte einer, der war nicht abzuschütteln,
Ein kreideweißer Mann, und mit mir kam er bis
In Euer Schlafgemach; den, wenn ich wiederfände,
Der war so diebisch in den Augen, dem sänk' ich gern an seinen Hals,
Und wäre es der Tod in Mannsgestalt.

Katharina lacht auf und richtet sich in dem Kissen höher.
Haha, du liebst am Tod die Mannsgestalt?
        Sie stöhnt; die Augen treten ihr weit aus den Höhlen. Sie spricht heiser.
Mir ist, als wär mein Bett ein Wagen
Und jagte mit zwölf Hengsten durch die Luft,
Das Blut rast mit wie eine Koppel Hunde.
        Sascha stützt den Rücken der Kaiserin mit einem Kissen.
Ich liege gut, laß jetzt den Menschikoff herein,
Sonst aber keine andere Mannsgestalt
Und keinen Leibarzt über meine Schwelle;
Zuschauer sind sie alle nur in ernster Stunde.

Sascha will gehen; die Kaiserin hält sie zurück.
Der Fürst ist sicher schon auf seinem Weg hieher
Und kommt wie jeden Morgen, Majestät.

Katharina deutet aus einen Handspiegel, den ihr Sascha reicht.
Werd' ich denn schon in eine Gruft gemauert! –
Ich seh' nicht mehr im Spiegel mein Gesicht.
        Sie atmet auf.
Die Luft war dunkel, jetzt wird's wieder hell,
Ich sehe meine Maske wieder drinnen im Spiegelglas erscheinen.
        Sie deutet in den Spiegel.
Sascha, schau her, so sehn die Menschen aus,
Die Menschen, welche nichts bereuen.
Das sagt der Menschikoff, wenn er betrunken ist.
Wer weiß, vielleicht reut ihn doch jetzt die Zeit . . .
        Sie hustet.

Sascha.
Dem Menschikoff reut niemals nichts im Leben.

Katharina spricht weiter im selben Satz.
. . . die Zeit mein ich, die er mit einer Kranken
Jetzt jeden Morgen hier versäuft. Ich bin zu krank.
Sascha, er weiß, ich lieb ihn nicht mehr lang.
Mich liebt ein anderer seit einigen Tagen.
Ein sehr gewaltiger, inbrünstiger Gesell'.

Sascha erstaunt, erschrocken
Ein anderer! Ach, ist es der gewesen, –
Der weißmaskierte Herr, der mir gefolgt?

Katharina lacht und seufzt.
Der andere, Närrin, war noch niemals hier.

Sascha halb furchtsam
Es trat hier vorhin einer an das Bett
Und war verschwunden, plötzlich, wie ein Geist.

Katharina.
Der mich sucht, Sascha, Närrin, der,
Der kommt und geht nie fort, wenn er gekommen.

Sascha.
Es schaudert mich, wenn ich dran denke,
An diesen weißen Mann, der mich verfolgt . . .

Katharina lacht heiser.
Der, wenn er's war und hat mich nicht gefunden,
Dann kommt er wieder; kannst mir's glauben.
        Sie versucht zu spaßen.
Haha, ein weißer Pierrot war bei mir;
Er hatte lange, dürre Finger, was?
Er tanzte gern auf einem Bein, nicht wahr,
Und zeigte blanke Reihen Zähne, grinsend?

Sascha.
O, wie Ihr lustig von der Maske redet,
Trotzdem ich sicher weiß, es war ein Hofherr nur,
Der auf dem Ballsaal keck mir nachgelaufen,
Glaub' ich, man könnt' Gespenstern noch begegnen,
Wenn Majestät von einem andern redet,
Den Ihr erwartet jede Stund'!

Es klopft an die Tür; Sascha schreit entsetzt laut auf.

Katharina ruhig
Es klopft; was schreist du? Menschikoff, herein!

Menschikoff tritt ein; die Kaiserin deutet auf Sascha.
Hört nur, wie Sascha schreit! – Gut' Morgen, Liebster!

Sascha. außer sich
O, Majestät, ich weiß, Ihr meint den Tod;
Er kommt, wenn Ihr ihn in Gedanken ruft,
Er ist ja wie ein räud'ger Hund versteckt,
Den man nicht vorlockt unterm Bett;
Ist er mal da, zeigt er die Zähne.

Menschikoff angeheitert
Wer will denn sterben hier, wo doch das Leben
Frühmorgens schon mit hellem Wein beginnt!
Ganz überflüssig, find' ich, ist der Tod
Und kommt auch nicht zu denen, die ihn rufen.
Er ist ein Geck, den Lustigkeit verdrießt;
Der Tod sucht gern die Sauertöpfe auf,
Weil er selbst nur ein Sauertöpfer ist.

Sascha.
Für mich ist schon der Name » Tod«
Was für die Kinder eine Rute hinterm Spiegel;
Schon bei dem Namen spür' ich Schmerz vor Schreck.

Menschikoff welcher der Kaiserin die Hand geküßt hat, zu Sascha
Laßt Ihr uns nur ein kleines Weilchen
Bei unsern Flaschen hier allein, Prinzessin,
So wollen wir das Leben leben lassen,
Wie jeden Morgen hier beim vollen Glas!

Katharina.
Ja, Sascha, lass' uns, aber bring' den Pelz zuerst,
Den Blaufuchs, Sascha, den ich öfters liebe.

Sascha.
Den Blaufuchs, Majestät? Ihr seid rauflustig heut'?

Menschikoff.
Ja, schlüpft Ihr in den Blaufuchs, Kaiserin,
So seid Ihr bald dem besten Freund ein Feind.

Katharina. läßt sich von Sascha den Pelz umlegen und die Kissen aufschütteln, indessen Menschikoff die Flaschen betrachtet und gegen das Licht hält und verschiedene Gläser einschenkt.
Heut' nicht, heut' ist ein seltner Tag.
Heut herrscht auch Burgfried in dem Blaufuchs, heut'!
Ich will den Pelz zur Ausfahrt mit mir nehmen . . .

Menschikoff.
Fahrt Ihr denn aus, so früh schon, Majestät?!

Sascha will sich zurückziehen.

Katharina.
Vielleicht so früh. Zu Sascha Geh nicht zu weit fort, Närrin,
Ich brauche dich vielleicht zur Ausfahrt später.

Sascha an der Tür
Ich geh und frage nur im ganzen Schloß,
Wer hier der weiße Maskenherr gewesen,
Daß sich vor Neugier nicht mein Haar verfärbe.

Katharina.
Geh, frag, doch laß vor allem keine Ärzte ein,
Natur läßt sich nicht gern in's Handwerk pfuschen.

Sascha verneigt sich und geht. Menschikoff reicht der Kaiserin auf einem Tablett einige gefüllte Gläser und stellt diese neben sie auf den Tisch.

Menschikoff.
Trinkt, Majestät, der Schnaps ist auch ein Fuchs
Und wird sich mit dem Blaufuchs wohl vertragen.

Katharina läßt das Glas unberührt stehen und spricht in ihren Gedanken weiter, indessen Menschikoff ihr zutrinkt.
Schad', Menschikoff, daß ich nicht klug gewesen
Und im Palast vergessen habe,
Für Raritäten mir ein Kabinett zu bauen.
Ich hätt' dran große Freude jetzt im Augenblick.
Gar manche Dinge zähl' ich in Gedanken noch,
Die ich wie diesen Pelz als Rarität verehre.

Menschikoff trinkend
Daß du so viel Erinnerungen brauchst?!

Katharina.
Weißt du, das Reitkleid in Marienberg,
Das du mir schenktest an dem ersten Tag,
Darin ich einschlief als Dragonerweib,
Das hätt' ich gern als Rarität bewahrt.
Die Scherben auch von dem zerbrochenen Service,
Das dir der Zar damals im Zorn zerschlug, –
Und auch den goldnen Teller, drauf er Nüsse knackte.

Menschikoff.
Des Zaren Wille ging nicht leicht in Scherben,
Du bliebst sein Lieblingswunsch seit jener Stunde.
        Katharina nimmt ein Glas in die Hand; aber sie beginnt plötzlich zu weinen.
Du bist empfindsam heute, Katharina,
Du weinst ja über das gefüllte Glas.
Schluck lieber Wodka statt der eigenen Tränen!
        Er hebt sein Glas.
Dein Wohlsein, Kaiserin! Mach' mich nicht zittern!

Katharina.
Dein Wohl, mein Liebster! Zitterst du?
Du, der einmal vor mir nicht zittern wollte?!

Menschikoff deutet auf den Kamin.
Dort steht der Kasten noch auf dem Kamin,
Den du »o Schatz, mein Schatz« laut angeredet.

Katharina unter Tränen
Wie hast du mich so schwer damals verstanden!
Ich mußte erst zu einem Kasten reden,
Damit du hörtest, daß ich dir zurief.
Haha, wie köstlich war der ganze Lärm!

Menschikoff.
Du bist so blaß, daß ich fast zittern möchte.

Katharina aufflackend, heiser
Denk' halt, ich sei ein weißer Domino!
Prost, Menschikoff, es leb' die Maskerade!
        Sie trinkt ihm zu, er trinkt auch.
Vielleicht ist's Leben wie ein Taschentuch,
Man wirft es weg und nimmt ein anderes.
Werd' nicht nachdenklich jetzt und schenke ein!

Menschikoff.
Ach ja, ein Taschentuch ist bei den Raritäten.
        Er trinkt ein großes Glas aus und schenkt verschiedene Gläser ein.

Katharina lächelnd
Ja, ja, das Taschentuch, das echt französische,
Das sollte dicht bei diesem Blaufuchs liegen.
Zwei Tote können beide schnell erwecken,
Bei diesen wollte damals ich den Menschikoff
Fürs Leben gern einmal vergessen.
Doch, ach, die unvergeßlich Liebenden,
Du Gottvergessener, die machtest du zu Toten mir.
Tyrann du, daß du sie jetzt auferweckst!

Menschikoff.
Du meinst den Pagen Mons und den Franzosen?
        Er trinkt wieder ein Glas aus.
Ich möchte fast, wie Sascha vorhin sagte,
Dran glauben jetzt, daß du heut' Rauflust hast,
Weil du die Kerle unvergeßlich nennst.

Katharina trinkt ihr Glas schnell aus und zieht Menschikoff am Ärmel zu sich; Menschikoff setzt sich auf den Bettrand.
Du weißt nicht, Schatz, was mir der blaue Fuchs
Für Augen oft im Dunkeln machen kann.
Dann knistert er wie's Haar vom jungen Pagen.
Der blaue Fuchs und ich wir haben beide, weißt du,
Das blutige Schafott in vollem Gang gesehen,
Als du mir meinen Pagen unters Beil gebracht,
Den jungen, jungen Mons mit seinem blonden Haar.
Der Henker schwenkte seinen Kopf am Haar.
Es war ein Morgen, grad' wie heut', voll Eis;
Eiszapfen am Schafott, wie jetzt am Fenster dort,
Als schnell der Zar mich zwang, mit auszufahren,
Im off'nen Schlitten in den Morgennebel.
In seinem Schlitten am Schafott entlang zu fahren
Darauf man meinen Pagen just geköpft;
Es tropfte von den großen eisigen Zapfen
Vom Rande des Schafotts das rote Blut; das Blut war weit im Bogen fortgeschossen,
Der Zar saß neben mir im Schlitten, mich zu prüfen,
Mißtrauisch, ob ich ihn mit Mons betrogen;
Doch über'n Pelz vergaß ich meinen Pagen,
Denn mir war wirklich bang um meinen blauen Fuchs.

Menschikoff.
Du liebtest mehr den Pelz als deinen Pagen?

Katharina.
Gleichgültig war mir alles, was ich sah,
Ich dachte nur an dich und meinen neuen Pelz,
Auf den das Blut hoch vom Schafott hintropfte.
Den Pelz, den ich mir sehnlichst lang gewünscht,
Hatte der Kaiser mir am Morgen erst geschenkt.
Hätt' ich in meinem Pelz nicht stets an dich gedacht,
Daß ich drin gerne dir gefallen wollte,
Ich wäre ahnungslos vor dem Schafott erblaßt
Und hätte vor dem Kopf des Pagen aufgeschrieen
Und hätte mich verraten vor dem Zaren.
So war ich ganz auf meinen Pelz bedacht,
Daß du ihn sehen solltest unbesudelt.
Der blaue Pelz war Retter mir vor Peter,
Der zwischen Schuld und Unschuld schwankend wurde.
Erst heute werd' ich blaß, wenn ich dran denke,
Wie knapp ich am Schafott vorüberfuhr.

Menschikoff.
Du hast's zu hundert Malen schon erzählt,
Doch sah ich's niemals deutlicher als heute.

Katharina.
Mich hat auch nie der Blaufuchs so gewärmt,
Wie jetzt, wo ich im Schüttelfroste friere.

Menschikoff.
Ja, ja, vergossenes Blut macht jeden heiß.
Gehaßt hast du den Zaren seit der Stunde.
        Er trinkt sein Glas aus.

Katharina zieht Menschikoff an sich und küßt ihn.
Weil ich ihn niemals so geliebt wie dich. –
Schenk ein, die Toten werden zu lebendig!

Menschikoff schenkt die Gläser voll.
Mal schenkt man Blut ein, und mal Schnaps ins Glas,
Man wechselt eben ab auf Erden.
Prost, Katharina, hoch die Raritäten!

Katharina.
Prost, Schatz, ich hätt' noch eine Rarität.
Das ist der Schlußeffekt und wertvoll bis ans Ende.

Menschikoff.
Ich werd' noch eifersüchtig auf die Dinger.

Katharina.
's ist nur die Tafel, meine Schreibstundtafel!
Und ich, ich selber hab's nicht mal geschrieben,
Nur unterschrieben groß mit meinem Namen.
Ich lieb' dich heut' wie immer, Menschikoff!
        Menschikoff küßt sie.
Ja, ja, ich sagt' es mir die letzten Nächte,
Als ich nicht schlief, laut vor mich hin:
»Ich lieb' dich heut' wie immer, Menschikoff.«
Und wenn ich's sage, kenn' ich keine Schmerzen.

Menschikoff streichelt ihr Haar.
Die Kaiserin spielt heut' mit Sentimenten!
Von dieser Seite kenn' ich sie sonst kaum;
Sonst mußte Wodka stets den Schmerz vertreiben.

Katharina streichelt Menschikoffs Hände.
Das Leben ist wie Wodka: niemals nährt es
Und gibt nur Appetit zum Weiterleben.
Und durstig gehen wir, wenn wir mal gehen;
Durstig, wie wir es nicht uns träumen konnten,
Als wir bescheiden angekommen sind.

Menschikoff richtet sich auf und lacht.
Was wir auch trinken, Durst kehrt immer wieder,
Der große Trinker züchtet sich stets größeren Durst.

Katharina.
Wo will das hin, wenn's Leben durst'ger wird
Und nie zu stillen ist, nie auszuleben? – –
Ich sehne mich, beim nächsten Glas
Ein wenig drüber einzuschlafen.
        Sie lächelt ermüdet.

Menschikoff leicht scherzend
Und hoffst, daß man neu einschenkt dir indessen.

Katharina lehnt sich in die Kissen zurück.
Du trinkst für mich, indessen ich verschnaufe.

Menschikoff schenkt neue Gläser ein.
Das Leben will wie Wein genossen sein,
Will, daß man's auf der Zunge schmatzend koste.
Beim Lieben und beim Trinken sollt' man nie ermüden
Siebenunddreißig Jahre zählst du erst.

Katharina.
Beim Trinken und beim Küssen zählt man nicht.
Wir haben beide stets ein heftig Tempo angeschlagen.
Ich hasse die Bedächtigen, die allzu müd geboren wurden,
Die nur als Publikum sich hin vors Leben setzen
Und über ihre Nasenspitze verächtlich hin zur Bühne blinzeln.
Sie brauchen nur das rechte und das linke Ohr,
Um sich nach rechts und links hin taub zu stellen;
Den Mund, um die Gefühle zu verschlucken,
Und geben Durst und Hunger keine Zeit.

Menschikoff.
Weil sie ihr Blut beargwöhnt stündlich haben,
Als wär's gepanschter Muskatellerwein.

Katharina.
Warum sind Menschen nicht verschwenderisch,
Wie's Götter sind, mit den Gefühlen!

Menschikoff.
Mein Schatz, die Öfen alle heizen nicht
Gleich, einer wie der andere, im Russenreich.
Gottlob, die Menschen ändert oft ein Nachmittag
Und Seelen sind beweglich wie die Launen.

Menschikoff reicht ihr ein frisches Glas.

Katharina.
Die Menschen geizen mit der Freude.

Menschikoff.
Sprich nicht, als ob du Magenbitter schlürfst,
Statt des gezuckerten und süßeren Genevers.
Du, als Dragonergattin einst, und ich, als Zuckerbäcker,
Wir dürfen's Leben heut nicht sparsam nennen.
Wir schwimmen heute mehr im Fett
Als alle Krapfen in der Butterwoche.
Der Andern Leben ist ein stiller Baum,
Doch deins und meines rauschte gleich den Wäldern.
Wir schauen auf die Liebestage statt auf die Ahnenreihen.

Katharina.
Ja, unsre Ahnen sind die Liebestage! –
Die Tage müssen gleich den Bildern dunkeln
Und schauen aus den Rahmen, sanft versöhnt.
Ach, alle Jahre mästen uns mit frischen Tagen,
Bis uns ein Tag dann mal als Mahlzeit braucht,
Und Balg und Knochen wirft er unter'n Tisch.

Menschikoff.
Die Jahre wollen ihren Rausch,
So wie wir jeden Morgen uns berauschen.

Katharina.
Beim Prost und Klingklang, den die Herzen geben,
Erschüttert unser Leib in allen Fugen.
Doch eh' der Tag kommt, der uns frißt,
Kommt erst ein Augenblick, der's Blut uns trinkt . . .

Menschikoff ihren Satz fortsetzend
. . . langsam uns kostend, wie ein Glas Madeira.
Den süff'gen Augenblick, den nennen Menschen » Liebe«.

Katharina.
Den Augenblick kann niemand rufen.
Die Liebe ruft den Menschen ganz allein. –
Wer hätte das gedacht, wir sind ja alle arme Happen nur.
Ein Happen, der heißt Bettler, einer – Kaiserin,
Doch für die Zeit sind alle gut zum Kauen. –
Prost, auf die großen Schmerzen, Menschikoff,
Die Schmerzen, die uns heute Freude machen!

Sie stoßen beide an, trinken aus; und Katharina seufzt erleichtert auf; dabei verändert sich ihr Gesicht; nachdem sie sich mit einem Tuch über die Stirn gefahren ist, ist sie todbleich und leuchtet vor Blässe.

Menschikoff.
Seufzt du aus Freude oder Schmerzen jetzt?

Katharina.
Ich weiß nicht, daß ich eben seufzte, –
Ich glaub', es seufzte jemand neben mir.
Weit fort bin ich, ach, weiter, als es gut ist.
Ich hör' Musik; ist denn Musik im Schloß? . . .
Ach nein, in meinem Kopf sind's die Gedanken,
Und die Erinnerungen musizieren.
        Sie richtet sich plötzlich hager auf; Menschikoff steht neben ihr am Bett.
Weißt du, ich fühl' im Rücken eine Hand, –
Als will mich einer um die Hüfte fassen.
        Sie lächelt schwach.
Vielleicht werd ich dir heute untreu, Schatz.

Menschikoff fest und bestimmt
Ich töte auch für dich zum vierten, fünften Mal.

Katharina.
Ach, dessen Hand ich fühle,
Den bringst auch du nicht um.
Von allen meinen Liebhabern ist der der stärkste.

Menschikoff erschrocken
O, Katharina, sprachst doch eben noch
Von einer Ausfahrt in die Morgenluft?

Katharina packt ihn am Arm.
Jetzt legt die fremde Hand sich an mein Herz . . .
Nein, Menschikoff, es geht um's Leben jetzt . . .

Menschikoff verzweifelt, ballt seine Fäuste.
So schüttel sie doch ab, die Hand!
        Er schlägt sich die Fäuste an die Stirn.
Herrgott, zehn Finger, und nicht einer taugt
Ihr Leben aufzuhalten; Herr, sie stirbt . . .
        Katharina hat sich zurückgelehnt, streckt sich, Menschikoff schreit verzweifelt auf.
Er ist ein Feigling, der es wagt,
Dich anzurühren unsichtbar . . .

Katharina schwach
Ei, Menschikoff, es tut nicht weh, es ist . . .

Menschikoff kniet am Bett nieder.
O Katharina, Kaiserin, o bleib!

Katharina streckt sich und stirbt lächelnd.
Nichts – es ist nichts – nur eine Spielerei.

Menschikoff schluchzt und bedeckt ihre Hand mit Küssen. Sascha kommt herein. Menschikoff hat sich aufgerichtet und betrachtet lange die Tote.

Sascha kommt laut lachend herein und ruft unter der offenen Tür:
Der weiße Pierrot ist ein Automat!
Das Küchenvolk erzählt's im ganzen Schloß.
Er hat ein kunstvoll Walzenwerk im Leib
Und lief aus Rädern durch die Korridore.
Wollt Ihr, daß ich die weiße Puppe hole?
Das Uhrwerk zieht man auf, wenn's abgelaufen,
Mechanisch ist es, und kein Geisterspuk!
        Sie tritt näher und fragt halblaut:
Die Kaiserin, – fährt sie nicht aus? – Sie schläft?
Ist sie schon lange eingeschlafen?

Sie erkennt, daß die Kaiserin tot ist, und wirft sich aufschluchzend an der andern Seite des Bettes nieder.

 

Vorhang

 

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