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Die Spielereien einer Kaiserin

Max Dauthendey: Die Spielereien einer Kaiserin - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Spielereien einer Kaiserin
authorMax Dauthendey
year1910
firstpub1910
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleDie Spielereien einer Kaiserin
pages235
created20120428
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Vierter Akt

Die Witwenhaube

Personen des vierten Aktes

  Katharina
Fürst Menschikoff
Prinzessin Sascha
Ein Mohr, Ofenheizer im Schloß

Damen, Zug aus Frauen und Kindern. Kammerdiener, Kosaken.

Vierter Akt. In einem Bilder- und Bücherzimmer der Kaiserin im Jahre 1725 am Todestage Peters I.

 

Charakteristik der Hauptpersonen des vierten Aktes

Katharina ist gealtert. Sie ist üppiger. Sie ist zu bewußt. Sie wurde müder und hat sich an ihrer Sehnsucht nach Menschikoff erschöpft. Im Augenblick, wo ihr Gemahl Zar Peter I. stirbt, ist sie beim Verzichtleisten ihrer großen Leidenschaft angekommen. Sie kann nur noch frivol von ihrer Leidenschaft sprechen und glaubt nicht mehr an Menschikoff.

Ihre Bewegungen sind nicht mehr hochmütig leidenschaftlich, sie ist nur gereizt und aufs äußerste überreizt. Sie weiß kaum noch, was sie will, und wechselt ihre Launen und ist fahrig in ihren Gesten. Sie ist immer noch eine schöne Frau, aber ihre Seele ist entstellt von Zerrissenheit. Sie ist in Schwarz gekleidet und ohne Schmuck; nur ihr schönes goldrotes Haar leuchtet.. Schwarze, glänzende Steine sind in russischen Ornamenten auf das schwarze steife Kleid genäht.

Sascha in Schwarz gekleidet.

Menschikoff in Schwarz gekleidet. Er ist umgewandelt, frei und natürlich.

Der Mohr in Grau mit Gelb als Lakai gekleidet.

 

Bühnenbild im vierten Akt

Ein Bilder- und Bücherzimmer im Schloß. Große holländische Gemälde, über der schwarzen Holzverkleidung der Wände hochgehängt, große Landschaften in schwarzen Rahmen. Den Hintergrund nimmt eine Glaswand ein; man sieht auf eine Galerie hinaus und dahinter große, beschneite Baumzweige in der Luft. Eine Glastüre führt in der Mitte hinaus.

Ein schwarzer geschnitzter Holztisch ohne Tischdecke. Schwarze Holzsessel mit Lederbezug und Schnitzereien. In einer Ecke stehen Haubenstöcke und große Haubenschachteln voll Witwenhauben.

Eine große schwarze Schiefertafel, wie sie in Schulen gebräuchlich ist, steht auf einer Staffelei; ein Stück Kreide hängt an einer Schnur daran. Auf der Tafel steht A B C geschrieben mit kleinen Buchstaben oben an dem Rand. Ein Kamin rechts aus weißem Gips. Ein großer Gobelin über dem Kamin. Eine Holztür in der linken Seitenwand. Das Zimmer ist nüchtern auf schwarzweiß gestimmt. Ein roter, feuerroter Fußboden.

 


 

Die Witwenhaube

Ein Mohr in greller, bunter Livree als Ofenheizer kniet an einem großen Kamin rechts im Vordergrund und schürt das Feuer. Sascha kommt durch die Glastür im Hintergrund und setzt sich auf einen Stuhl am Kamin.

Sascha.
Huhu, – mich friert! Ich muß mich ausruhn hier.
Der Zar liegt drüben immer noch im Sterben.
Bedenke, viermal vierundzwanzig Stunden
Stirbt er jetzt schon und wird nicht fertig mit.
Ich bin, aufrichtig unter uns gesagt,
Längst müde von dem vorschriftsmäßigen Weinen.
Wenn so ein Kaiser zu lang stirbt und doch nicht stirbt,
Ist auch der kaiserliche Tod schon gar nicht mehr erbaulich.
Es wirkt stupide und fast ordinär,
Wenn's gar kein Ende nimmt, das kaiserliche Ende.

Der Mohr vor dem Kamin knieend
Mir tut des Zaren ew'ges Sterben auch nicht gut.
Ich esse heute schon zum vierten Mal
Den vierten Todesschmaus aus kaiserlicher Küche.
Viermal war Majestät schon tot erklärt,
Und viermal war ein Schmaus schon angerichtet.
Und weil es nicht verderben soll, das viele Essen,
Ißt sich das Küchenpersonal daran kaput.
Ihr seid vom Weinen müd' und wir vom Kauen.
Am Traueressen sind wir alle krank.
Und zögert unser Kaiser jetzt acht Tage noch,
Wird man das Küchenvolk vor ihm begraben.

Sascha zieht unter ihren Kleidern zwei kleine Lederkissen vor.
Fast kann ich meine Knie nicht grad' mehr stellen.
Vier Tage hab' ich vor den Heiligen gekniet,
Gebete um Gebete hergesurrt.
Fast hätt' ich mir mein Schienbein wund gerutscht.
Drum band ich diese kleinen Kissen drunter.

Der Mohr.
Kniet denn die Zarin auch herum und betet?

Sascha.
Die Zarin, – Gott bewahr', die macht sich's leicht.
Sie läßt uns Tag und Nacht vor allen Heil'gen rutschen.

Der Mohr.
Ihr seid halt nur Prinzessin und nicht Zarin,
Deshalb zum Beten immer gut genug.

Sascha.
Und Ihr ein schwarzer Mohr und Ofenheizer!
Mit Eurer Trauerfarbe reizt Ihr mich.
Das Schwarz an Euch reizt mich wie Dunkelheit.
Und küss' ich Euch, glaub' ich, es sieht es niemand,
Nicht mal Ihr selbst.

Ein Zug von Frauen und Kindern zieht draußen an der Glaswand in der Galerie vorüber.

Mohr richtet sich auf.
Wenn Ihr mich küßt, fühl' ich mich Prinz, Prinzessin.
        Er deutet hinaus auf den Zug, der langsam vorüberzieht und verschwindet.
Jetzt kommt die Bande schon zum fünften Mal!

Sascha.
Kebsweiber Seiner Majestät,
Zum Sterbezimmer vorgelassen alle;
Sie wollen Abschied nehmen.

Mohr.
Herrgott, wie sind die Herrscher doch beliebt!

Sascha.
Das ist ja nur die Auswahl erst von seinen Liebsten.

Mohr.
Nur Adelige sind sie, hoff' ich, all diese vorgelassenen Weiber,
Die Bürgerlichen dürfen doch nicht Abschied nehmen?

Sascha.
Hochmütig seid Ihr sehr, Herr Ofenheizer!
Ihr tut, als könnt' Euch eine Bürgerliche
Beim Ofenheizen hier im Schlosse stören.
Die Zarin selbst ist eine Bürgerliche,
Und jetzt bekommt sie noch die Krone obendrein,
Die Krone von dem russischen Kaiserreich.
Von Menschikoff kriegt sie sie aufgesetzt.
Das ist bis heut noch niemals dagewesen,
Daß eine Frau regiert im Land der Grobiane.

Mohr.
Hei, Saprament, wird man sich das erlauben?
Statt einer Haube kriegt jetzt ein Dragonerweib die Krone?

Sascha.
Just, weil sie ein Dragonerweib gewesen
Und bis ins Eingeweid' geblieben ist
Und Menschikoff Pastetenbäcker war,
Zieh'n beide jetzt am gleichen Karren.

Mohr.
Das macht mir keiner weis, – da steckt noch was dahinter!

Sascha.
Du Schwarzer siehst vielleicht im Dunkeln mehr?

Mohr.
Habt Ihr mir nicht einmal erzählt, der Menschikoff,
Der hat der Zarin zwei Geliebte umgebracht?
Erst den französischen, den er erwürgt, den Grafen,
Und später dann den Pagen Mons, den man geköpft,
Seitdem verfolgt die Zarin Menschikoff mit Haß;
Und glaubt Ihr, er wird seine Feindin krönen?

Sascha gleichgültig
Zariza liebt und haßt in einem Atemzug.

Mohr.
Noch manches Feuer wird im Schloß verbrennen,
Bis Bürgerliche Kaiserinnen werden.
Wo soll das Russenreich dann hingelangen,
Wenn Bäcker und Dragonerweib regieren?
Ich weiß was andres, was im Anzug ist.

Sascha ironisch
Du, Mohr, wirst dich vielleicht heut über Nacht,
Als Kaiser aller Russen hier kreieren?

Mohr geheimnisvoll
Im Schloßhof, da kampiert ein Regiment;
Die springen ein zur rechten Zeit.
Soldaten sollen einen Zar ausrufen,
Nicht eine Bürgersfrau, und auch nichts Weibliches.

Sascha.
Der Menschikoff, der für die Katharina
Aus Eifersucht zweimal getötet hat,
Hat auch die Faust dazu, sie jetzt zu krönen,
Trotz den Soldatenregimentern und trotz den Generalen und den Ständen.
Wenn's ihm beliebt, krönt er den Haubenstock dort auf dem Tisch
Und nennt ihn Kaiserin von Rußland; wenn er will.

Mohr.
Ich glaub, die Kaiserin schafft man sich heut vom Hals.
Man wird sie schleunigst an die Grenze bringen,
Sobald's dem Kaiser mal beliebt, zu sterben.

Sascha stolz
Schwätz kein Geschwätz! Ich bin der Zarin Freundin.
        Man hört plötzlich dumpfes Glockenläuten.
Wahrhaftig, – horch! Der Zar ist endlich tot!
All die Soldatenkerle tummeln sich im Hof!
Horch nur, – sie treten alle ans Gewehr!
        Sie spricht feierlich:
Die Glocken läuten, als ob Bienen schwärmen,
Wie wenn die Bienenvölker einen Korb verlassen
Und eine Königin sich wählen in der Luft.

Mohr atmet auf.
Jetzt scheint der Zar mir wirklich richtig tot.
Man braucht nicht mehr zu beten und zu knien
Und sich den Magen nicht mehr zu verderben.
Noch einen letzten Totenimbiß halt' ich aus.

Sascha gleichfalls aufatmend
Man fühlt schon an der ganzen Luft im Schloß,
Daß endlich wieder mal sich was ereignet;
Die Treppen werden wieder mal lebendig.

Mohr sieht durch die Glastüren im Hintergrund
Die Leute kommen schon zurück vom Sterbebett,
Und die Kosaken öffnen alle Türen.

Sascha wieder komisch werdend
Der Tod ist doch ein festlich Ding, wenn man ihm zusieht aus der Ferne.
Er gruselt angenehm und feierlich.
Wenn einer fortgeht und nicht wiederkommt,
Fühlt man die eignen Nieren doppelt mollig leben.

Mohr schürt den Kamin.
Neugierig bin ich nur, den Wettlauf hier zu sehen,
Wer Zar heut wird und sich die Krone fängt.

Sascha geschäftig werdend
Die Zarin wird hier gleich herüberkommen,
Um ihre Witwenhaube zu probieren.
Man hat die Hauben in den Schachteln schon acht Tage aufbewahrt.
Nun muß ich schleunigst für den Spiegel sorgen.

Mohr.
Ich geh', um mir den Zaren zu betrachten.

Sascha.
Du brauchst nicht tiefe Trauer anzulegen, du Schwarzgeborener du!

Sie lacht und geht links fort. Er lacht und geht durch die Glastür im Hintergrund. Zwei Frauen kommen von links und bringen einen venezianischen Toilettenspiegel, den sie auf den Tisch stellen. Sie holen die Haubenschachteln, die auf der Seite aufgestapelt stehen, und stellen ein paar Haubenstöcke auf den Tisch. Sie gehen dann durch die Glastür im Hintergrund fort. Die Kaiserin erscheint, auf Sascha gestützt, in schwarzer Trauertracht, umgeben von fünf schwarzgekleideten Damen, von Kammerdienern gefolgt, welche die Tür vor ihr öffnen und schließen. Mit einer Handbewegung verabschiedet Katharina die Hofdamen. Diese und die Diener verlassen durch die Glastüre das Gemach, und Katharina, immer noch auf Saschas Arm gestützt, geht einige Male im Zimmer auf und ab und spricht in drastischer Ekstase.

Katharina pathetisch
Der Peter! Ja, er war ein großer Mann!
Er war ein großer, großer Mensch!
Er war ein großer und der größte Zar!
        Sie weint erschüttert und übertrieben.
Ich bin sein elend und gemeines Weib.
Hörst du es, Sascha, – er, so himmelhoch!
Niemals hab' ich verdient, sein Weib zu sein!
Niemals. Er war zu gut, zu groß!
Er war zu edel – sage ich – zu edel!

Sie reibt mit der Handfläche die Tränen aus den Augen. Nach einer Pause in ganz anderem Ton. Sie setzt sich.

Im Grunde mag ich edle Menschen nicht!
Jetzt ist er tot, ganz tot, der edle Mann.
Und etwas reizt mich immer an den Toten.

Sascha.
Was reizt Sie an den Toten, Majestät?

Katharina setzt sich, platzt heraus und schlägt auf den Tisch.
Der Hochmut reizt mich an den Toten,
Hochmütiger sind alle als die Lebenden!
Und stirbt dann so ein edler Mann,
Soll man gleich glauben, daß er Engel werde,
Wenn er noch kurz vorher die Wand bespuckte
Und ihn sein Weib mit »Schafskopf« titulierte.
Dem Edellebenden traute ich niemals ganz bei Nacht,
Vor edlen Toten doch, da fürcht' ich mich am hellen Tag.

Sascha.
Ei, Majestät, die Toten, die, die kann man ja vergessen!

Katharina furchtsam
Zudringlich, sag' ich dir, sind alle Toten,
Kannst ihnen weder Bett noch Leib verweigern.
Sie gehen in Gedanken ein und aus
Und lassen sich von niemandem befehlen.

Sascha.
Bald kümmern alle Toten Euch nicht mehr.
Ihr könnt bald allen Lebenden befehlen
Im großen Russenreich bis zur Chinesenmauer.
Der Menschikoff setzt Euch die Krone auf.

Katharina in Gedanken
Der Menschikoff, der quält mich mehr noch als die Toten.

Sascha.
Er ließ sich leider nie zur Lieb' befehlen!
Solang' Ihr Zarin seid, blieb er Euch fern.

Katharina erbittert
Den Menschikoff, den muß ich ganz vergessen,
Noch mehr, als man die Toten sich vom Leibe hält.
Er lebt als Diplomat, lebt nur dem Zaren und dem Reich.
Und ich bin kaiserliche Puppe nur für ihn,
Ich seh' schon, wie er mich zum Throne führt,
Vorsichtig mich behandelt, gleich wie ein venezianisch Glas.
Wie gern ich doch den Fürsten und den Diplomaten möchte schlachten lassen,
Um Wiedersehn mit seinem Blut zu feiern,
Mit diesem Blute, das mich einst geliebt!

Sascha.
Befehlt als Kaiserin ihn doch noch heut' in Euer Bett;
Ich bin ganz sicher, daß er heute kommt.

Katharina.
Wenn auch sein Blut ihm mal befahl, er soll mich, Katharina, lieben,
Sein Hirn sagt nichts und war nur stets Minister.
Verbeugung macht er mir und höfisches Gephrase,
Doch scheint das Herz dem Fürsten weggeblasen.

Sascha.
Daß er Euch an den Zaren abgetreten,
Die Reue läuft ihm, wie ein Hund, stets nach.

Katharina.
Er trug die Treu' zum Zaren wie 'nen Panzer mit sich,
Er hielt mir das Ministerportefeuille als seinen Tugendschild entgegen.

Sascha. bestimmt
Er liebt Euch noch. Ihr könnt Euch heut' noch rächen.
Laßt ihn jetzt schmachten, wenn er zu Euch kommt.
Jetzt ist der Zar ein Toter wie die andern,
Und Tote stehen nicht der Lieb' im Wege.

Katharina abwehrend und pathetisch
Ich bleibe meinem Peter treu. Ich will verzichten auf den Menschikoff.
Vor einigen Jahren noch hatt' ich dem Fürsten es verziehen.
Doch jede meiner Spielereien mußt er stören.
Daß er mir den französischen Grafen würgen ließ,
Das konnt' ich ihm verzeihen ganz und gar;
Daß aber auch mein Page dann von Menschikoff verraten wurde,
Worauf der Zar vor Wut und Schreck erkrankte,
Das darf ich Peters wegen nie vergeben.
Einmal im Leben möcht' ich edel handeln!
Wenn stets der große Peter edel war, so wie es alle heute schrein,
So will auch ich das Edelsein probieren.
Auch Katharina soll man edel nennen.
Ich will auf meine große Liebe stolz entsagen,
Mit Pomp entsagen einem alten ewigen Leid.
Die Lieb' zu Menschikoff soll mir im Herzen sterben,
Ich trete sie mit beiden Füßen tot.

Sascha schelmisch bekümmert
Ich fürchte, alles geht Euch ewig schief,
Wenn solch ein Edelsinn nicht bald Euch reut.

Katharina elegisch und sich ereifernd
Ich halt's vielleicht nicht lange aus, mag sein,
Ich lenke schon bei Zeit von selber ein,
Doch muß ich einmal edel sein, ich will's.
Der Zar hat mich geprügelt wie 'ne Magd,
Als ihm der Menschikoff den Pagen Mons verriet.
Den Peter hat's erwürgt, er ist daran gestorben.
Er lebte heute noch, wär' ihm der Menschikoff
Nicht stets wie eine Laus im Bart gesessen;
Und hätt' er ihm den Kummer nicht bereitet,
Von meiner Spielerei mit Mons zu schwatzen.

Sascha.
Doch habt Ihr Euch so unschuldig verstellt,
Der Zar hat nie an Eure Schuld geglaubt.

Katharina seufzend und pathetisch werdend
Ein Mann, der zweifelt, ist wie'n Haus, das wackelt,
Und eines Tages stürzt es doch mal ein.
Wenn Zweifel zwischen Schuld und Unschuld wählen,
So ist die Welt nicht weiß mehr und nicht schwarz;
Die Welt ist für die Zweifler wie durchlöchert.
Der große Peter ist aus Gram gestorben,
Weil meine kleinsten Spielereien
Der Fürst ihm gleich aus Eifersucht verriet.
Nun will ich edel sein und ewig Witwe bleiben;
Wenn Witwentum nicht stolpert, hat's was Edles.

Sascha bricht in Lachen aus und lacht unbändig.

Katharina nickt.
So lache, lache nur, wenn es von Herzen kommt.

Sascha fährt sich mit der Hand an den Mund.
Herrgott, die Toten nehmen 's Lachen übel.

Katharina muß beinahe auch lachen.
Lach' nur, vielleicht kommt dein Verstand dann bald zurück.
Du Närrin, andre weinen hier im Haus,
Und du, du steckst mich an mit deinem Lachen.
Ich weiß es wohl, das Edelsein wirkt öfters komisch.

Sascha schüttelt sich vor unterdrücktem Lachen.
Ich möchte bersten vor Vergnügen,
Wenn ich die Witwenschaft bedenke,
Die Ihr im Arm von Menschikoff vergnügt beschließt;
So wahr ich niemals bucklig war von Kindesbeinen,
So wahr ist's, daß Ihr nie zum Witwenstande taugt.

Katharina schüttelt den Kopf, wird wieder pathetisch.
Nein, diesmal bin ich stolz, unweigerlich.
Ich hasse diesen Menschikoff von Herzen,
Den Mann, der glaubt, unfehlbar hier zu sein,
Der immer gibt und nimmt wie's ihm beliebt.
Ich will ihn quälen, sehn' mich, ihn zu quälen.
Will sagen ihm, daß ich 'nen andern lieb',
Nie soll er's wissen, daß er es ist, der mich gequält.
Und schweigend bis ans Lebensende, nehm' ich die Liebe in mein Grab.
Nie soll es der Tyrann jemals erfahren,
Daß er mich Jahr um Jahr nur schmachten ließ.

Sascha einfach
Euch macht ja auch die Liebe ganz tyrannisch,
Ihr haßt und liebt den Mann in einem Atemzug,
Ihn, der wie Ihr durch Jahre schmachtete.

Katharina steht auf
Mit Menschikoff hab' ich jetzt abgerechnet;
Und kommt er als Verliebter an mit Feuer,
So findet er in mir die Witwe nur,
Die ihre Witwenhaube eisig ihm entgegenträgt,
Wie er mir das Ministerportefeuille
Bis dato stündlich vor die Nase hielt.
Ich räche mich, ich litt zu viel, ich liebe nichts mehr als die große Rache!

Sascha.
Ja, rächt Euch erst von Herzen an dem Eiszapf schnell,
Dann aber schmelzt die schwarze Trauerschaft,
Wie schwarze Kohlen Diamanten geben;
Laßt nicht die Jahre lieblos mehr verkümmern.

Katharina heftig
Was schert es dich, daß ich jetzt lieblos lebe.
Bring' jetzt die Hauben zu dem Haubenstock.

Sascha holt von einem Seitentisch den Toilettenspiegel.
Hier ist ein Spiegel, hier dann, Majestät,
Die Hauben, die der Trauer Nachdruck geben.
Auf dieser ist aus Perlen eine Krone.

Sascha hat eine große schwarze Haube mit einer kleinen Perlenkrone auf einem Haubenstock neben andere Hauben gesetzt. Katharina deutet auf die große Haube und läßt sie sich von Sascha aufsetzen; sie steht vor dem Spiegel und betrachtet sich.

Katharina.
Ja, gib mir diese mit der Krone her.
Ich will nicht auf den Menschikoff erst warten,
Bis er zur Krone die Erlaubnis bringt.
Sieh, – – wackelt nicht die Krone auf der Haube?

Sascha.
Die Krone sitzt wie angegossen, Zarin.
Und auch die Haube ist recht schwarz und düster,
Und Eure weiße Haut glänzt bei der Trauerfarbe doppelt weiß,
Und Euer rotes Haar lebt doppelt auf;
Wie eine Rachegöttin seht Ihr aus.

Katharina unwirsch und mißmutig
Halt' dein Gebiß doch endlich still, du Närrin!
        Sie stößt die Haube auf dem Kopf ärgerlich hin und her.
Sonst räch' ich mich zuerst an dir,
Daß ich das simple Ding da tragen soll,
Wie eine Nonne arm erschein' ich in der Haube.
Es sollten schwarze Straußenfedern drüber nicken;
Die wären wie ein schwarzes Nest von Grabgedanken,
Und weithin sichtbar wär' die Trauer dann.

Katharina wendet sich vom Spiegel weg, gereizt und weinerlich, und hält die Hände vors Gesicht.

Sascha schelmisch
Weint nicht, weint nicht, weint doch nicht über Euer Edelsein.

Katharina schreit fast.
Ich wein' nur über die bescheidenen Hauben,
Und daß man gar so wenig Aufwand macht,
Wenn ich aufs Liebste auf der Welt verzichte.
Wenn ich so edel bin, wie ich es nie geglaubt,
Dann will ich auch, daß man's symbolisch sieht.
So aber schein' ich mir erbärmlich nur
Und schäbig einfach unterm schwarzen Samt.
Als hätt' ich Kopfweh und Migräne nur,
Statt Aufruhr in dem ganzen Leib.

Katharina wirft sich plötzlich verzweifelt auf einen Stuhl und weint hysterisch.

Sascha.
Weint nicht, Fürst Menschikoff ist drüben eingetreten,
Ich höre ihn im Vorzimmer schon husten.

Katharina ist einen Augenblick noch ärgerlich, wischt sich plötzlich die Tränen fast demütig ab und wird wieder pathetisch.
Ich kenne diesen Husten jetzt seit Jahren,
Er schluckt sein Herz hinunter, wenn er hustet.
Die Haube mit der Krone laß ich auf.
Er soll sofort verstehen, wie ich's meine.
Zur Abdankung bin ich gerüstet; laß ihn ein!
Mein Herz dankt ab, mein Kopf regiert mein Leben!
An meinen edlen Peter will ich denken,
Wenn Menschikoff mich schwanken machen sollte.
Ich bleibe Witwe! Sascha, sorg' inzwischen,
Daß man noch heut' mir würdige Hauben bringt
Mit großen, schwarzen Federn, imponierend.
        Katharina tritt wieder vor den Spiegel und setzt ihre Haube mit der Krone zurecht.
Er hustet nochmals draußen, kann es nicht erwarten.
Laß ihn nur stehn, bis meine Haube sitzt!
        Sie spricht in den Spiegel hinein, während sie die Haube festdrückt.
Im Sterben legte uns der Zar vorhin,
Dem Menschikoff und mir, die Hände ineinander;
Ich aber riß die Hand von ihm erkältet weg.
Der Menschikoff, er hat kein Blut im Leib,
Wie Eis, so tödlich kalt sind seine Glieder.
Mir wallte große Glut, wie Flügel, hoch!
Vom langen Wachen kreiselte mir das Gemach,
Ohnmächtig halb, fing Menschikoff mich auf;
Ich lag nur für Sekunden kurz an seinem Hals, ich hasse ihn,
Mich streifte kaum am Ohr sein Kinn,
Kalt war sein Kinn wie das Kristall, das von der Decke da als Leuchter hängt.

Sie winkt Sascha, zur Türe zu gehen, um Menschikoff einzulassen, weil man Menschikoff wieder husten hört; sie spricht zu ihrem Spiegelbild.

Ein Gräuel ist's, so düster aufgeputzt zu sein
Als Witwe mit dem Trauerturm am Kopf
Und vor dem Liebsten häßlich dazustehen.
Doch ist die Haube eine Barrikade,
Dahinter ich verschanzt sein will.

Menschikoff kommt herein, gefolgt von Sascha, welche sich wieder zur Tür zurückziehen will, um die beiden allein zu lassen. Katharina schrickt am Spiegel bei seinem Schritt zusammen, wendet sich um und geht vom Spiegel fort zu einem andern Tisch und Stuhl.

Menschikoff sich verbeugend
Ich bin's nur, Majestät!

Katharina Sascha, welche an der Türe steht, befehlend zurufend
Sascha, du bleibst!

Menschikoff zu Katharina
Ich hätte gern mit Euch allein gesprochen.

Katharina ironisch
Dann gehe, Sascha, denn ich muß dem Fürsten
Von jeher stets aufs Wort gehorchen.

Menschikoff.
Ich störe, Majestät?

Katharina jedes Wort betonend
Wie immer stört Ihr jede Stunde meines Lebens,
Die frohen sonst und heut' die traurigen.
        Sie weist ihm einen Stuhl an und setzt sich.
Ich glaub', ich muß Euch heute hier
Noch unter Tränen grob die Wahrheit sagen.

Menschikoff ernst, verbeugt sich, ehe er sich setzt.
Die Tränen eines alten Zarendieners, Majestät,
Vermischen sich mit Euren Tränen.
So wie das Russenreich vom Kaukasus bis zum sibir'schen Meer
Heut' übern Tod des edlen Zaren weint . . .

Katharina unterbricht ihn rasch.
Ihr habt bereits am Sterbebett mir Euer Beileid ausgedrückt,
Sprecht von was andrem, Menschikoff, und stört mich nicht!
Im Leben ist das Ernsteste nicht stets der Tod!

Menschikoff.
Wenn Ihr befehlt, werd' ich nicht weitersprechen;
Doch dacht' ich nicht, daß Euch die Toten stören.

Katharina höhnisch, belustigt
Die Toten sind oft beste Kameraden,
Sie reden wahrer als mancher Feldmarschall.
Das ist das Große an dem Tod, daß er nie lügt
Und deutlich mit der Farbe die Absicht zeigt.

Menschikoff immer ernst und einfach
Ich wollt' von nächster Zukunft zu Euch sprechen.

Katharina immer die Höhnische spielend
Das kann nicht schaden, Fürst, wenn wir von Zukunft sprechen
Und mal Vergangenes von Grund aus jetzt vergessen.

Menschikoff.
Ich hoffe, Eurer Majestät wird von den Ständen
Die Zarenkrone noch vor Abend zugesprochen.
Abstimmend treten jetzt der Adel und die Stände
In dieser Stund' im Weißen Saal zusammen.

Katharina unvermittelt, enttäuscht
Ach, ist's nur Diplomatenweisheit,
Die Ihr mir hersagt jetzt in dieser Stunde?
        Noch höhnischer und lachend
Das große Möbel dieses Hauses:
Die Kaiserkrone, rettet Ihr zuerst;
Es brennt das Haus, und Katharina
Laßt Ihr im Rauch ersticken aus Vergeßlichkeit.

Menschikoff warm und einfach
Ich rette Euer Gut, weil ich Euch sicher weiß.
O Katharina, wer spricht vom Vergessen!

Katharina fällt ihm ins Wort, laut und bös auflachend.
Ach, seid Ihr meiner sicher, Herr; wie unvorsichtig, Herr!
Ich rede frei heraus, Herr Feldmarschall,
Ich war noch niemals meiner selber sicher.
Wir beide kennen uns von ungeschminkten Stunden,
Wir kannten uns vor Zeiten sehr, sogar im Negliglé.
Deshalb will ich heut' nicht Versteck hier spielen.
Ich muß Euch dringend danken für den Eifer,
Den Ihr bezeigt zur Rettung meines Guts,
Und daß Ihr eine Kaiserkrone wünscht
Für's simple Weib, wie ich es bin.
Verblüfft Euch nicht, wenn ich in dieser Stund',
Statt nur von einer Krone, auch von Heirat rede.
Ich bin mal so; mein Peter, der mich kannte,
Verübelt's mir im Sarg gewißlich nicht.
Eh' ich von Euch die Kron' mir bringen lasse,
Und Ihr Euch müht, besinnt Euch erst,
Ob sich die Mühe auch bei mir verlohnt.
Ich sag Euch frei heraus, stets will ich Witwe bleiben.
Ich lieb zwar heimlich einen Mann,
Dem werd' ich baldigst heimlich angetraut,
Doch öffentlich bleib' ich die Witwe,
Die ich seit dieser Stund' im Reiche bin. –
Ihr werdet diesmal nicht den Mann,
Den ich gewählt, mir wieder töten,
Wenn Ihr ihn kennt, könnt's seinem Frieden schaden,
Ihr sollt ihn darum nie erraten, und niemals nennt ihn Euch mein Mund.
Und werd' ich Kaiserin, so will ich auch befehlen ganz allein.
Will nicht als Marionette baumeln in Eurer Gnadenhand,
Im voraus sag' ich's deutlich, Fürst: werd' ich gewählt,
Undankbar bin ich dann zu Euch wie nie;
Erwartet also nichts von meiner Krönung;
Von meinem Thron seid Ihr auch gleich entlassen.

Und wird ein Anderer Kaiser heute Abend,
So geh ich außer Landes still,
Geh hin nach Spanien, Frankreich, irgendwo,
Leb als Zigeunerin mein Leben,
Verliebt nur wie die Mücken in der Sonne. –
Was sagt Ihr jetzt dazu, daß ich geheim gewählt?
Und Euch bleibt's unerforschbar, Herr Minister?

Menschikoff verbeugt sich unverändert.
Ich kam als Diplomat her, Majestät.
Ein Diplomat muß aus Natur sich fassen.
Indessen ich mich tief verbeuge, wünsch' ich dem russischen Reich
Nichts besseres als Euer glückliches Gesicht.
Heiraten, Majestät, ist Frauen meistens gut bekommen,
Besser als oft so manchem Mann.

Katharina außer sich, daß Menschikoff sich so schnell faßt, verliert vollständig die Fassung und ihre höhnische Haltung.
Das sagt Ihr mir, mir, die ich wehrlos bin, –
Mir, der der Mann gestorben, und die einsam steht?

Menschikoff erkennt die ganze Komödie, lenkt beschwichtigend und zärtlich ein.
Ich bitt' Euch, Katharina, laßt das Maskenspiel!

Katharina heftig
Ah, weil Ihr kommt, um mir die Krone aufzupfropfen,
So soll ich still sein hier und mich beschimpfen lassen!
Die Witwenhaube gibt Euch noch kein Recht, Grobheiten mir zu sagen.
Ihr haltet es in keiner Ehe aus, das glaub' ich Euch!
Glaubt Ihr wohl gar, zur Ehe wollt' ich Euch bewegen!?

Menschikoff tut bestürzt.
Ich denke, Majestät, Ihr habt bereits gewählt?

Katharina aufspringend, auf und ab laufend
Ich war ein Werkzeug stets in Eurer Hand. Ich war nie frei!
Nie frei, seit vor Marienburg es Euch gefiel,
Ein armes Ding mit Säbelrasseln und mit Befehlen einzuschüchtern,
In Haft zu nehmen, unters Joch der Leidenschaft zu zwingen,
Der unausrottbaren! Die Leidenschaft, die unausrottbar blieb.

Menschikoff ist zugleich mit Katharina aufgesprungen.
Die Krone bring ich Euch, o Katharina,
Noch heut, damit Ihr Menschikoff befehlen könnt,
Befehlen, was Ihr wollt, zu allen Zeiten und vor aller Welt.

Katharina lacht auf und ist geringschätzig.
Was ließt Ihr Euch die Jahre durch wohl je von mir befehlen?
Ihr schiebt auf diplomatischer Bühne mich als Kulisse hin und her,
Verändert wie ein Regisseur im Bühnenspiel die Szenenfolgen.
Ich hab es satt, in dieser Stunde noch fall ich aus meinen eingelebten Rollen.
Will meinen Abgang selbst agieren, wie mir's beliebt. –
Ich laß Euch köpfen, sag ich, werd' ich Kaiserin!
Bringt mir die Krone in der einen und Euren Kopf in Eurer andern Hand,
So nur könnt Ihr mir nützen und dem Haß im Herzen.
Mein Herz für Euch ist längst verraucht und abgestanden, kalt wie Morast.
Dumpf und voll Ekel stockt mir 's Blut vor Euch und friert in allen Adergängen.

Menschikoff mit verhaltener Erregung
Ich dank Euch, Majestät, daß Ihr kein Blatt vor'm Mund behaltet.
Doch nehmt Euch nicht die Müh', den Mann auf's Blut zu hassen,
Der Euch nichts mehr als Spielerei nur war.

Katharina springt vom Thema ab und fängt nur das Wort Spielerei auf; redet leidenschaftlich offenherzig.
Neunt meine Schmerzen Spielereien, denn schmerzlich hab' ich oft gespielt.
Ja, jede Spielerei, wie furchtbar ernst habt Ihr sie doch genommen,
Und jede Spielerei war nur erdacht, zu reizen Euch;
Und wohler war's mir nie, als wenn Ihr's Spiel verdorben,
Die Liebhaber ertappen, köpfen, würgen ließet!
Wie wohl war mir an einem solchen Tag im Herzen,
Euch grau und weiß vor Wut zu seh'n wie eine Leiche,
Wenn Ihr's entdecktet, daß ich, Weib, geliebt sein wollte
Und mir zum Zeitvertreib ein junges Blut anlockte,
Um es im Leichtsinn zu vergessen, daß Ihr mein Herz verschenken durftet.
Verschenken an den Zaren und die Welt, um eine Kaiserin Euch zu verschaffen.
Ein Puppenspiel habt Ihr mit meinem Herzen stets gespielt,
Und wollt das Püpplein heute krönen lassen!

Wär' nicht der Meuchelmord unsauberes Geschäft für Weiber, –
Kaltblütig, Herr, möcht' ich Euch Gift anstatt des reinen Weins einschenken.
Ein Gift, das Euch so stumm macht wie die Erde,
Auf der Ihr immer noch mit Frechheit vor mir steht.
Von Herzen sehne ich mich heut', die Jahre, die ich litt,
Zu rächen einzeln, Jahr um Jahr, an Euch.
Drum nehm ich auch vor meinen Mund kein Blatt und rede.
Und wär' ich nicht ein Weib, so würd' ich handeln jetzt, nicht schwätzen erst.
Wollt Ihr die Krone jetzt noch bringen,
Wo ich mit Haß und Gift Euch danke?
So tut's, wenn Euch mein Haß ein Vorteil scheint.

Menschikoff einfach
Die Zarenkrone bring ich Euch, so wie ich Euch versprochen.
Ob auch mein Kopf sofort gefällig vor Eure Füße rollt,
Versprech' ich nicht, weil's Prahlerei nur wäre, –
Denn kopflos; Majestät, war ich von je in Eurer Nähe.
Ich habe längst als Rumpf stumpfsinnig nur gelebt,
Und meine Augen, Ohren, Lippen und Gehirn
In Eurer Näh' nach Kräften abgetötet.
Die langen Jahre ohne End' ging ich geköpft einher.
Bring ich die Krone jetzt, dann, wunderliche Frau,
Könnt nach Belieben Ihr den Kopf mir wiedergeben,
Oder behalten ihn; den Rumpf leg' ich dazu,
Tot oder lebend, wie Ihr's wollt, vor Eure Füße.

Katharina.
Heuchler! Ihr hättet all' die Jahre selbstlos Diplomatie getrieben?
Haha! – fast hätt' ich's tölpelhaft geglaubt.
Nein, Euer Ehrgeiz nur lag Euch am kalten Herzen.
Ehrsucht und Herrschsucht einzig waren im Leben Eure Leidenschaften.
Da Ihr Euch selbst nicht krönen könnt, bringt Ihr die Krone mir,
Erschleicht Euch Macht bei einer Frau und heuchelt Herzlichkeit.
Ich sag' es nochmals: bringt die Krone und seid entlassen dann!

Menschikoff.
Ich bin kein Heuchler! Katharina! Mir bluteten die Stunden Tag und Nacht.
Hast du vergessen, wie du außer dir vor Freude tanztest,
Als dir die zweifelhafte Ehre wurde, dem Zaren erstmals zu gefallen?

Katharina.
Was weiß ein Weib vom Leben, wenn das Leben wirr,
Wie Nordlicht glänzend, vor die Fenster springt!
Geblendet stürzt man leicht vom Fenster auf die Straße,
Wenn der uns nicht im Hause hält, der Haus und Herz als Halt gegeben.
Nein – Menschikoff –, zu spät; ich glaub's nicht mehr.
Zu viele Jahre zogen fremd durch dieses Haus,
Wo Ihr als Fremder aus- und eingegangen;
Und unbekannt bin ich mir selbst geworden.
Wenn ich in diesen Spiegel schaue und Katharina still besuchen will,
Ist jemand Totes in dem Spiegelglas, den meine Augen nicht erkennen.
Die toten, fremden Jahre sehn mich an,
Die Jahre, die wie dürrer Steppensand durch meine Hände hingerieselt sind.
Und nur die tote Form von mir liegt in dem Spiegel dort,
Wie eine starre Leiche auf dem Wasser schwimmt –,
Und Jahr um Jahr riß Stück um Stück den Boden unter meinen Füßen fort.

Menschikoff hingerissen, weich, zärtlich, nähert sich vertraut Katharina.
Ich trage dich auf Händen, Katharina,
Ich geb' dich keinem andern, keinem! Hörst du!
Wen du auch wählst, und seien es die Engel Gottes selber!
Ich dulde nicht das Zuschau'n mehr, wie in den ewigen Jahren,
Wo ich als Prellstein an dem Zarenschloß gesessen.
Zu gut zu bloßen Spielereien, hab' ich mich schwer und hart gemacht,
Und auf den heut'gen Tag gewartet, wie nur ein Toter auf die Auferstehung.
Ich lieb' dich, Katharina, wie nur ein Zwanzigjähriger hingebend stehen könnte.
Geliebte, sag', sag', liebst du mich? Lieb' mich! . . .

Katharina hat ihm den Rücken gewandt. Hört ihm ergriffen, totenblaß zu, schließt die Augen und murmelt.
Mehr! Mehr! – Ich glaube, daß die Steine singen lernen . . .

Sascha kommt durch die Glastüre im Hintergrund hereingelaufen. Sie ist atemlos, geheimnisvoll und scheint nicht zu hören und nicht zu sehen; hastig
Herrgott, – Herrgott, verzeiht, Zariza!
Die Stände sind versammelt drüben! Zu Menschikoff
Man sagt, es wird bald abgestimmt und ohne, Fürst, auf Euch zu warten.
Man hintertreibt die Wahl der Kaiserin
Und will des Großfürsten Alexis Sohn,
Den Prinzen Peter, krönen, wenn Ihr zögert.
Eilt Euch, man wählt, Fürst Menschikoff! Man wählt!

Menschikoff wie aus tiefen Gedanken aufwachend, sieht zur Tür, hält die Hand vor die Stirn, spricht erst barsch, dann wieder in Gedanken fallend
Man wählt??!
Man wählt nicht ohne mich! Man wählt . . .?!

Er verbeugt sich ehrerbietig, aber geistesabwesend, als wenn er sich vor der Luft verbeugt, und geht fort.

Sascha allein mit Katharina
Verzeiht, ich störte ernstlich wohl, ich weiß es,
Doch Majestät, ich mußte stören.

Katharina schüttelt heftig den Kopf, reißt sich die Witwenhaube vom Kopf, fährt sich in ihr Haar, daß die Haarnadeln herunterfliegen, lacht wahnsinnig auf, schüttelt ununterbrochen den Kopf, daß ihre Locken über die Schultern fallen, lacht und fährt sich in die Haare und fällt auf einen Stuhl.
Hahahaha, – da sieh dem eiteln Komödianten nach!
        höhnisch und bitter
Man wählt . . .! man wählt! . . .
Er war in schönster Liebesraserei! –
        Sie wirft die Arme in die Luft und ruft höhnisch, spöttisch.
Man wählt! – Man wählt! –
Kaum hört er's Stichwort in dem Ohr,
Steht statt des Liebenden der Diplomat sich neigend vor mir auf.
Man wählt! –Man wählt! – Hahahahahaha!

Sascha zart und schelmisch
O Majestät, meint er es denn nicht gut?
Er nimmt das Wählen ernst, weil er Euch liebt!
Das ganze Haus würd' einen Knax bekommen,
Ihr stürbt vor Ärger, habt Ihr nicht die Krone,
Eh' heut' die Sonne untergeht in Petersburg.

Katharina wird plötzlich ganz ruhig, erwacht zur Wirklichkeit und betrachtet Sascha fragend, sagt leise und gedankenvoll:
Kennt wirklich dieser Mann mich besser als ich selbst?
Ihn treibt's zum Handeln, während ich hier schwärme nur und mich versäume.

Sascha nickt.
Er ist ein reifer Mann und nützt sich die Sekunden streng.
Ihr müßtet ohne ihn in einer Stund' vielleicht das Schloß verlassen,
Vielleicht auch noch das Land, und im Exil, verbannt, als Heimatlose vegetieren,
Fern von dem Mann, den Ihr verehrt,
Wenn er die Krone nicht für Euch erzwingt.

Katharina steht auf, stößt auf den Tisch; entschlossen
Niemals verlass' ich dieses Haus für einen andern!

Sascha schelmisch lachend
Da seht, wie Euch der Herrscherkamm schon steigt!

Katharina legt den Finger vorsichtig an den Mund.
Schweig, Närrin! Wahrheit sagt man wohl den Ohren laut,
Doch nicht den Wänden laut, die's weitersagen.

Sascha lachend
Was gebt Ihr ihm, wenn er die Krone bringt?

Katharina besänftigt, lächelnd
Die Witwenhauben alle zum Verbrennen.

Sie deutet auf die Ecke, wo eine große Schulschiefertafel auf einer Staffelei aufgestellt steht. Darauf sind einige Buchstaben und Silben geschrieben, wie für einen, der Lesen und Schreiben lernt.

Sascha, hol' rasch die große Tafel aus der Ecke!
Indessen Menschikoff im Thronsaal an der Arbeit ist,
Will ich auch hier mein Pensum schnell studieren.
Ich muß doch lernen, meinen Namen schreiben,
Damit ich mich im Kronrat nicht blamiere.
Wie macht man doch das große K? Sie seufzt.
Daß ich den Buchstaben so schwer behalte!

Sascha hat die Staffelei mit der Tafel herbeigerollt, nimmt die Kreide und malt langsam und erklärend den Buchstaben K.
Das große K! Erst ein gerader Strich und dann ein Pfeil,
Der ihm in's Herz hinzielt. Auch könnt' man's einen Vogelschnabel nennen,
Der weit geöffnet wie nach Nahrung schreit.

Katharina.
Ein Schnabel, dem die Zunge ausgerissen,
Und der nicht schreien kann und schreien möchte.
Nie werd' ich mehr das große K vergessen.
        Sie malt groß » Katharina« auf die Tafel.

Sascha bemerkt durch die Glastüre den Mohren, der grinsend und zähnefletschend auf der Galerie draußen erscheint. Zur Kaiserin, welche noch den Namen auf die Tafel malt
Da kommt der Mohr, mein Schatz, er will was melden.
Umsonst fletscht er nicht vor der Glastür dort die Zähne.
Es wird ihm schwer, was Neues zu verschlucken.
Darf ich ihn zu uns rufen, Majestät?
Denn sicher hat er Gutes angehorcht.

Katharina nickt und schreibt weiter. Sascha läuft zur Glastüre, winkt den Mohren herein, wechselt ein paar Worte mit ihm und kommt zur Kaiserin gelaufen.

O hört nur, Majestät, was er mir sagt!
Fürst Menschikoff kam just im letzten Augenblick
Und stürzte schnell die Wahl schon beim Erscheinen.

Mohr tritt bescheiden näher und spricht wichtig.
Ein Offizier wollt' nach dem Hof das Fenster öffnen;
Man sagt, das war ein Zeichen für die Garde;
Die Regimenter, die im Hof vorm Schloß kampieren,
Die sollten einen Zaren fordern: des Großfürsten Alexis Sohn.
Doch rief Fürst Menschikoff, daß es zu kalt sei und durch's Fenster ziehe,
Und er verbat sich fest und drohend, daß einer an das Fenster rühre.

Sascha fällt ihm ins Wort.
Und weiter sprach er eifrig Euch, o Majestät, das Wort:
Ihr nur könnt Rußland groß und glücklich machen.

Katharina glücklich
Ich seh' ihn deutlich dort, er redet, reißt die Leute mit,
Wie ein Orkan so wild und wirbelnd unbekümmert.
Und die Idioten, hingerissen, mit ihrer Nase in der Luft,
Gehorchen alle; sie, die doch eben noch mich gerne Lands verwiesen hätten.

Sascha hat dem Mohren abgewinkt. Der Mohr geht
Und alle Lippen haben schon in diesem Augenblicke Euch gewählt.

Katharina leise zu Sascha
Er liebt mich wirklich endlich, und ich glaube ihm.
Schreib rasch dort auf die Tafel, Sascha,
» Ich lieb' dich heute, Menschikoff, wie immer.«
Mein Nam', der drunter steht, der soll's bestätigen.

Sascha hat den Satz rasch auf die Tafel geschrieben, sie sieht rasch auf die Galerie hinaus.
Der Fürst kommt schon am End' der Galerie,
So blaß, als holte er sein Todesurteil!
Vielleicht ist ihm die Thronrede mißglückt?!

Katharina glücklich
Jetzt ist's mir gleich, jetzt hab' ich's überwunden.
Ich kann auch auf die Krone gern verzichten,
Wenn Menschikoff mir gut ist und mich liebt.
Betrachten will ich ihn erst aus der Ferne;
Geh, Sascha, wenn er kommt.
Ich stelle mich in diese Fensternische
Und laß ihn erst die Tafel lesen.

Sascha nickt und geht links hinaus.

Menschikoff tritt eilig durch die offen gelassene Glastüre im Hintergrund ein, sieht sich um, sucht die Kaiserin, sieht die große Tafel und die Schrift darauf, liest, – liest zweimal.
O Katharina, o Geliebte – und meine Kaiserin!

Er nimmt blitzschnell die Kreide und schreibt triumphierend eine römische I hinter den Namen Katharina.
Katharina tritt aus der Fensternische, kommt ihm mit offenen Armen entgegen; er breitet die Arme aus und ruft.

Menschikoff.
O Katharina! Heut wie immer!

Beide halten sich leidenschaftlich umarmt.

 

Vorhang

 

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