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Die Spielereien einer Kaiserin

Max Dauthendey: Die Spielereien einer Kaiserin - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Spielereien einer Kaiserin
authorMax Dauthendey
year1910
firstpub1910
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleDie Spielereien einer Kaiserin
pages235
created20120428
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Dritter Akt

Das Taschentuch

Personen des dritten Aktes

  Katharina, Gemahlin Peters I.
Fürst Menschikoff
Prinzessin Sascha
Ein französischer Graf

Dritter Akt: Im Boudoir der Kaiserin Katharina im Winter 1720 in St. Petersburg

 

Charakteristik der Hauptpersonen des dritten Aktes

Katharina. In diesem Akt zeigt die Kaiserin den vollen Ausbruch ihrer Leidenschaft zu Menschikoff offen. Sie hat alle ihre Liebesgefühle für ihn bewußter, wie Bilder, vor sich. Ihr Gang ist beherrscht und ihr Wesen vollständig in ihre Stellung als Kaiserin eingelebt. Sie ist nur etwas müder in ihrer Lebenslust, eingewöhnt in höfische Sitte und höfische Beherrschung, und nur nicht eingelebt in die Entsagung ihrer Liebe zu Menschikoff.

Sie trägt ein weißes, bauschiges Brokatkleid mit eingewebten großen weißen und silbernen Blumen. Mit viel Spitzen an den Ärmeln. Mit silbernem Mieder. Eine lose, russische Jacke ohne Ärmel aus mauvefarbenem Samt mit Hermelinbesatz darüber. In den Samt sind silberne Blumensträuße reich gestickt. Sie trägt viele Perlenketten, viel grüne Smaragdenketten.

Menschikoff in reicher Bojarentracht. Das Haar an den Schläfen in Zöpfe geflochten.

Er ist verdüstert, lacht niemals. Ist eisig ironisch und in sich gekehrt.

Sascha in veilchenfarben und weiß gestreiftem Kleid mit korallenrotem Mieder, nicht mehr als Närrin, sondern als Freundin der Kaiserin in Gesellschaftstoilette. Trägt rot, blau und weiße Bänder und ein kleines, goldenes Füllhorn im Haar, aus dem künstliche Blumen fallen.

Der französische Graf in grausilbernem, französischem Brokatfrack mit eingewebten bunten Blumensträußen, grüner Weste und himbeerfarbenem kurzem Beinkleid. Er ist nicht übertrieben geckig, aber süßlich hübsch und vornehm höflich und lebhaft.

 

Bühnenbild im dritten Akt

Ein Boudoir der Kaiserin. Das Boudoir ist auf rosa und weiß gestimmt. Die Möbelbezüge rosa. An den Wänden viel weißer Stuckschmuck. Die Tische sind silbern mit blauen Platten aus Lapislazuli. Ein Kamin aus grünem Malachitstein mit großem Feuer darin ist an der linken Seitenwand. Ein großer Spiegel in grünem Malachitrahmen darüber. Ein Stück der Kaminecke ist abgeschlagen.

Die Flügeltüren sind aus getriebener Silberbronze. Eine Tür im Hintergrund. Eine Tür links vorn. Eine Tür rechts in der Mitte. Das Zimmer hat nur ein langes Fenster ohne Vorhänge im Hintergrund rechts.

In der Mitte des Zimmers ein Sofa schräg. Daneben ein Sessel gegen den Kamin gerichtet, als Platz, um vor dem Feuer zu sitzen. Ein grüner Spieltisch rechts, beinah in der Mitte. Vier Stühle darum. Zwei Leuchter mit brennenden Kerzen auf dem Spieltisch. Reiche Kerzenleuchter brennen auf dem Kamin und auf Nebentischen.

Im Hintergrund in der Fensterecke ein prächtiges goldenes Heiligenbild eingerahmt. Ein Gebetschemel davor; mehrere rote kleine Ampellichte brennen vor dem Heiligenbild in Silbergefäßen.

Mondschein vor dem Fenster.

 


 

Das Taschentuch

Katharina, Menschikoff, ein französischer Graf und Sascha sitzen um einen Spieltisch.

Katharina.
Ei, Graf, ein Taschentuch nennt Ihr das kleine Tuch in Frankreich heutzutage!
Ein Taschentuch? Von dieser neuen Mode hört' ich noch nichts bei uns in Rußland.
In solche Tüchlein steckt der Hof jetzt in Paris die Nase, sagtet Ihr?
Wir schneuzen uns gut russisch in die Hand.
Umständlich, ach, und feierlich legt Ihr sogar die Nase in ein Tuch?
Gleichwie man Kindlein frische Windeln reicht.
Man könnt' ein Taschentuch auch Nasenwindel nennen!

Graf.
Man nennt's noch vielerlei; mal Schnupftuch, Schneuztuch, Majestät,
Sacktuch und Fächeltuch; weil man, wird es zu heiß, sich Kühlung damit fächelt.
Paradetuch: man kokettiert damit und spielt Verstecken;
Schmolltuch, wenn Herrn und Damen verliebt dahinter schmollen.
Auch Tränentüchlein nennt man es; man tupft es an die Augen
Und drückt sein Schmachten aus und sein Verschmachten,
Wenn Angebetete uns auf die Folter spannen.

Der Graf begleitet die Beschreibungen der Verwendung des Taschentuches mit den dazu gehörigen affektierten Gesten.

Katharina.
Ach, drückt das Tüchlein doch nochmal dicht an die Augen!
Verrückt und lustig sieht das aus, wenn große Männer weinen wollen.

Sascha.
Macht, bitte, noch einmal das Schneuzen vor, das war zu hübsch zu sehen.

Graf tupft erst das Taschentuch an die Augen und affektiert dann das Schneuzen.
Es sprengt mir mein Gehirn. Ich tat mein Möglichstes bereits heute Abend schon.

Sascha entzückt lachend, klatscht in die Hände.
Nein, reizend unanständig ist der Handgriff mit dem Tuch,
Als wollt' sich einer gleich mit seiner Nase in einen Weiberunterrock verirren.

Katharina.
Das Schneuzen ist nicht halb so hübsch als wie das Weinen.
Ach, Mode, die erfindet in Paris stets Spielereien gegen Langeweile.

Graf.
Die Mode ist uns heilig, wie Heiligenbilder in den Zimmerecken den Russen heilig sind.

Katharina.
Ja, was aus Frankreich kommt, das scheint uns stets verlockend.

Sascha.
Ihr selbst, Herr Graf, seid wie ein Äffchen possierlich und so wunderlich.

Graf nickt Sascha spöttisch zu.
Ich dank' Prinzessin Sascha für die Ehre, ein menschenähnlich Tier zu sein.

Katharina beschwichtigend
Prinzessin Sascha selber nenn ich Äffin,
Weil sie gescheit, gewandt, erfinderisch und sehr verliebt sein kann.

Sascha.
Ja, Assen lieben heftiger und ungeduldiger als die Menschen.

Graf zur Zarin
Ei, wenn Ihr diese Meinung teilt, Zariza,
So bin ich gerne hier am Hof ein Äffchen unter Euern Augen.

Katharina.
Wir Russen lieben's, offene Bosheit hinzureden,
Konträr den Deutschen, die mit Wahrheit protzen.

Sascha.
Und eitel sind wir gar nicht, wie ihr Herrn Franzosen.

Katharina.
Und Etikette ist uns lästig, so wie der Maulkorb einem Hund.
Viel glatter als das Eis der Newa, sagt man,
Ist das Parkett bei dem Franzosenkönig.
Als Peter einst und ich im Ausland waren,
Hat es mich sehr geniert, hin nach Paris zu gehen.
Die Freiheit auf den Reisen war mir lieber
Als Euer faxiges Geduldspiel Etikette.
Vielleicht an Euerm Arm, Herr Graf, hätt' ich mich zum pariser Hof gewagt.
Ihr seid geschmeidig wie ein Windhund, Herr.

Graf.
Ich würd' Euch sicher vorsichtig dort führen, o Zariza,
Auch wenn die Böden Spiegelscheiben wären.

Sascha.
Zeremoniös sind sehr die Herrn Franzosen,
Doch noch viel komischer im ewigen Ernst die Deutschen sind.
Wißt Ihr, Zariza, noch, wie wir auf einem Spreekahn in Berlin,
In Montbijou damals, den Einzug bei dem Preußenkönig hatten
Und jede Eurer Damen ein Wickelkind statt eines Schoßhunds trug,
So daß die Preußenkönigin erstaunend fragte, wie all die Kindlein zu den Damen kämen.
Die zimperliche Gräfin von Bayreuth war einer Ohnmacht nah am Ufer,
Als jede Dame auf die Frage der Königin
Als Antwort sagt': Dies Kind hat seine Majestät der Zar
Die Ehre sich gegeben mir zu machen.
Und dreißig Damen zeigten dreißig Kindlein und sagten ihren Spruch.
Ich sag' Euch, Graf, es war ein lustig Defilieren von dreißig wohlgenährten Wickelkindern!

Katharina.
Wir führten gern die Gräfin von Bayreuth an ihrer Gouvernantennase irr.
Man hatte uns erzählt, sie führe peinlich Tagebuch dort in Berlin.
Wir arrangierten die Parade mit den Wickelkindern,
Damit ihr zimperlicher deutscher Gänsekiel
Beim Niederschreiben sich von Grund aus sträuben sollte.
Bei den Zivilisierten hatten wir, Sascha und ich, recht boshaft frohe Stunden.
Im Ausland wird ein jeder Bär zahm mit dem Nasenring geboren,
Wir lernen hier in Rußland nicht den Walzer und's Gehorchen nie;
Uns fehlt der angeborene Nasenring, nicht wahr, Herr Feldmarschall?

Sie gibt dem ganz in sich vertieften Menschikoff, der nervös mit den Karten spielte und Kartenhäuser baute, einen Puff mit dem Ellenbogen, daß seine Kartenhäuser umfallen.

Menschikoff.
Verzeiht, Zariza, wenn ich nicht der gleichen Meinung bin!
Ich glaub', den Nasenring kann man auch später noch erhalten;
Und später angeschmiedet, ist er so gut wie angewachsen,
Man wird damit sogar begraben, war man ein Tanzbär mal.

Katharina.
Ihr seid den ganzen Abend knurrend aufgelegt gewesen, Fürst,
Heut' nie zur gleichen Meinung zu bewegen,
Ihr sitzt vertrutzt da und voll Widerspruch;
Seid Ihr verschnupft, Fürst Menschikoff, heut Abend?
        Katharina muß niesen.

Menschikoff.
Zum allerhöchsten Wohlsein, Majestät.
Ich glaub', Zariza selber sind erkältet.

Graf reicht der Zarin ein Etui mit kleinen Taschentüchern.
Ein nagelneues Tuch. Darf ich's aus dem Etui
Von meinem kleinen Vorrat Majestät hier reichen?

Katharina nimmt ein Rosatuch, führt es an die Nase und fährt mit der Nase zurück.
Pfui, welch ein greller Wohlgeruch ist an dem rosa Lappen dran!

Graf.
So wie es jetzt die heilige Mode uns in Paris befiehlt.
Man tupft sich scharfen Duft auf solch ein Tuch,
Um mit den Nasen anderer die Freundschaft schnell zu schließen.
Doch wählt ein anderes, Zariza; dies blaue da hat sanfteren Geruch.

Die Zarin tauscht ihr rosa Tuch gegen ein blaues ein; der Graf spielt von dem Augenblick an mit dem rosa Tuch, weil es die Zarin in der Hand gehabt hat.

Menschikoff etwas bärbeißig
Macht man sich künstlich jetzt beliebt in Frankreich
Durch Kunstgeruch, so, mein' ich, darf man nicht
Mit solchem süßen Stank zu uns nach Rußland kommen.
Kräftige, russische Luft bringt alle Süßgerüche um,
Juchtne Soldatenstiefel und Wodka sind die Hofluft hier beim Zaren.

Katharina.
Er riecht nicht allzu schlecht, französischer Duft;
Er riecht doch immer sehr nach Liebenswürdigkeit.
        Sie niest wieder.

Menschikoff.
Die Liebenswürdigkeit, die wie der Salmiak stinkt
Und Eure Nase, Kaiserin, zum Niesen reizt,
Die habt Ihr niemals sonst vertragen.

Katharina gähnt.
Ach, ich bin müde, Menschikoff, schon allzu müde.
Sagt, wieviel ist die Uhr nach diesem langen Abend,
Wo ich im Kartenspiel nur immerfort verlor an Euch?
Nach soviel Zeitverlust ist mir der Schlaf willkommen.

Menschikoff.
's ist nicht zu spät; zwei Uhr ist's, Kaiserin,
Doch will ich gleich im Schlosse Ruh' befehlen.
Wir wollen auch nicht länger stören hier,
Wenn schlafen not tut nach versäumter Zeit.

Katharina.
Ach, laßt die Unruh hier im Schloß zur Nacht, die hab' ich gern.
Das Liedersingen aus Gesindezimmern und den Soldatenstuben
Zerstreut mich oft die langen, öden Nächte.
Ich bin, seit ich allein, seit Peter in den Kaukasus gezogen,
Nicht mehr vom Lärm verwöhnt, entbehre den Spektakel.
Seht, Graf, die Ecke dort am marmornen Kamin
Schlug Peter mit der bloßen Faust vom Simse ab.
Von seiner Stimme bricht das Newaeis in Stücke.
Er ist ein Lärmbold, Tag und Nacht, ohn' Ende.

Sascha.
Oft hab' ich hier die ganze Nacht jetzt künstlich lärmen müssen,
Weil Majestät nicht schlafen kann, wenn's allzu ruhvoll ist.

Graf.
Ei, haben Majestät es nie noch mit magnetischer Kraft probiert?
Mit starkem Magnetismus schläfert man oft leicht den andern ein.

Menschikoff.
Es ist das wieder eine letzte Neuheit aus Paris?

Graf.
O, Zariza, wär' ich Ihr Offizier du jour, nur eine Nacht,
Und ließ man mich in diesem Nebenzimmer wachen,
Ich wollte mich getrauen, magnetisch durch verschloss'ne Türen stark zu wirken,
Die Ruh' auf Euer schlaflos' Aug' zu breiten.
Ich hab' unwiderstehliche magnetische Kräfte zur Verfügung,
Und gern in angenehme Träume getrau' ich mich Zariza zu versenken.

Katharina tut scheinbar überrascht.
Wahrhaftig, könnt Ihr das durch Magnetismuskraft, –
Das will ich mir noch einmal überdenken.

Menschikoff.
Daß man durch Türen, durch verschlossene Türen, in Frankreich einer hin zum andern wirkt,
Das glaube ich in Rußland auch, Herr Graf, nur glaub' ich's nicht im Hause unseres Zaren.
Die Türen sind hier trutzig wie die Festungswälle,
Solide und gewichtig liegen sie im Mauerwerk
Und fallen zu, gleich wie ein schweres Beil auf einen harten Block.
Ich möchte keinem raten, vorwitzig seinen Kopf hier durchzuschieben,
Solch eine Tür schlägt leicht den Nacken ab.

Katharina zum Grafen
Singt jetzt noch ein pariser Lied auf Eurer Mandoline, Graf;
Schwerfällig sind die russischen Lieder hier am Hof
Und wachsen sich wie die Gewohnheit gern zu plumpen Höckern aus;
Zu würdevoll, zu rührend, zu melancholisch und langweilig auch
Sind alle Lieder unserer Mandolinen,
So gravitätisch wie der Feldmarschall heut' Abend hier;
Er tadelt jede Spielerei der Laune.

Menschikoff.
Ich tadle nie als Diplomat ein wetterwendisches Programm.
Die Spielereien sind der Zarin noch niemals ernst gewesen,
Und für den Ernstfall nur bin ich als Russe boshaft.

Menschikoff nimmt, ehe der Graf danach greiffen kann, die Mandoline, die auf einem Sessel liegt, und hält sie, darauf klimpernd, an die Brust.

Sascha.
In Euren Händen, Feldmarschall, ist diese Mandoline gleichwie ein Singvöglein,
Das in den Zähnen einer Bulldogg' steckt.
Ist das nicht schön gesagt und gründlich boshaft?

Menschikoff.
Die Frauen üben Bosheit stets realer,
Wenn sie sich vor dem Manne wehren müssen.

Katharina.
Ich finde, Menschikoff, Ihr werdet heute Abend
Von Stund' zu Stund' um Jahre älter
Und ungenießbar ganz wie ein gekränkter Greis.
Indessen der französische Monsieur bei Frauen sich verjüngt,
Je länger ich ihn übern Tisch betrachte.

Graf.
Ein Russenfeldmarschall wird nur im Schlachtfeld jünger,
Und wir Franzosen, wir verjüngen am liebsten uns in dem Salon,
Wie Majestät so treffend hier bemerkten.

Sascha zu Menschikoff
Wollt Ihr denn selbst ein Lied zum besten geben,
Herr Feldmarschall, Weil Ihr die Mandoline an Euch drückt?

Katharina.
Das wäre heut' zum ersten Mal seit langer Zeit,
Daß ich den Fürsten singen hören würde.

Menschikoff zur Zariza
Ich singe mit Verlaub, ein Lied für den Monsieur.
Dann aber muß ich Euch um Urlaub bitten,
Weil mich zur Nacht Depeschen noch erwarten.

Katharina warm
Ja, singt mal wieder, Menschikoff, singt wieder mal von Herzen
Und meinetwegen dann geht heim zu den Depeschen.

Sascha heimlich zum Grafen
Graf, haben's alle Diplomaten des Nachts in Frankreich auch so eilig
Und sprechen von Depeschen bei den Damen?

Menschikoff stellt sich in den Vordergrund und singt zur Mandoline.
Ein jeder Degen will einmal in warmem Blut gewaschen sein;
Die Diplomaten und Verliebten verstehen sich mit List allein.
Doch dort, wo zwei im Herz versteckt und wortlos umeinander frein,
Da steck' als dritter nicht den Kopf als Unwillkommener herein.
Denn wie die Hand im Handschuh drin nicht immer unverletzbar ist,
Steckst locker du in eigener Haut. Gar leicht der Tod in Seelenruh'
Den Leib dir von den Knochen frißt.

Katharina wiederholt nachdenklich für sich.
Denn wie die Hand im Handschuh drin nicht immer unverletzbar ist,
Steckst locker du in eigener Haut. Gar leicht der Tod mit Seelenruh'
Den Leib dir von den Knochen frißt.

Sascha.
Uhu, zitiert Fürst Menschikoff das schauerliche Tier, den Tod.

Graf.
Bei dem Gedanken an den Tod schmeckt Wodka süffiger den Russen,
Und man vertreibt sich Wünsche gern, die wie die sauren Trauben sind,
Die höher hängen, als der Hals gewachsen;
Wie in der Fabel des Herrn La Fontaine,
Wo hübsch der Fuchs vom Weinstock schleicht.

Menschikoff.
Es war ein Lied, wie's die Soldaten singen,
Wenn's ihnen leichter nicht vom Herzen kommt.

Sascha.
Ihr habt's zu gut gemeint mit Eurem Liede, Feldmarschall,
Habt alle Saiten abgerissen von dem französischen Instrument.

Katharina zum Grafen
Er reißt im Ärger gern die Welt entzwei!
Nehmt Eure Mandolin' ein andermal in Acht vor diesem Bären.

Sascha.
Zu eifrig sind die Hände mancher Spieler, die's allzu eilig haben
Und heim zu den Depeschen müssen, Kaiserin.

Menschikoff zum Grafen
Französische Mandolinensaiten, die sind wie Spinnwebfaden so empfindlich.
Auch Euer rosa Taschentuch wär' nichts, Monsieur, für mich gewesen,
Es kriegte Löcher, faßte ich's nur an.
Darf ich mal sehen, ob ein Taschentuch sich anfühlt, wie es aussieht, Graf?

Katharina hat, während Menschikoff das Lied vortrug, ihr blaues Taschentuch mit dem rosa Taschentuch vertauscht und dieses zu sich in ihre Corsage gesteckt. Sie macht dieses Manöver halb heimlich, halb auffallend, um Menschikoff eifersüchtig zu stimmen, indessen der Graf entzückt ist und glaubt, die Aufmerksamkeit gelte ihm.

Graf antwortet Menschikoff ziemlich bestürzt.
Ich hab' das Tuch verloren, glaube ich.

Menschikoff ironisch lächelnd.
O nein, ich glaub', die Kaiserin, sie hat es für Euch aufgehoben.

Katharina greift unwillkürlich an die Brust und zieht das rosa Tuch heraus.
Ei, Menschikoff, seid Ihr wohl eifersüchtig?

Menschikoff.
Nein, nur erstaunt bin ich, Zariza.
Denn Ihr bewahrt sonst tote Dinge an Eurem Herzen niemals auf.

Katharina.
Ihr könntet mir mit Euern Augen besser dienen,
Als mich bei Spielereien zu belauschen.

Menschikoff.
Kann ich Zariza besser dienen, als wenn ich meine Augen offen halte als Diplomat,
Und fremdes Land beargwöhne.
Zum Beispiel Frankreich, Preußen, England, Osterreich und . . . . .

Katharina gähnt.
Und welches Land dann noch? Und . . . . .

Menschikoff.
Und nochmals Frankreich, denk' ich.

Graf.
Ach, welche Ehre, Fürst, daß die Franzosen doppelt gelten!

Menschikoff.
Die Menschen, die man doppelt sieht, entgehn uns nicht.

Sascha.
Daß alle hier in Rußland doppelt sehen,
Das kommt vom Wodka hier, den wir mit Portwein mischen.

Katharina.
Und davon spricht die Zunge doppelt
Bei manchen Russen, die sich schnell erbosen.

Graf höhnisch zu Menschikoff
Manch einer fühlt sich wichtiger als Doppelnull.

Menschikoff ist an das Fenster getreten und sieht zum Mond.

Sascha deutet auf Menschikoff und sagt halblaut.
Man schmachtet nach dem Mond wie nach den sauren Trauben.

Menschikoff dreht sich am Fenster um.
Mir war, als hört ich einen Hahn im Küchenhause drunten krähen,
Als übt sich einer hier im Schloß noch laut, nicht ahnend,
Daß man ihn vor Sonnaufgang noch erwürgen könnte.

Sascha.
Pfui! Morgen eß ich keinen Hahnenbraten!
Ach, Fürst, Ihr könnt das Frühstück uns verleiden!
Delikatesse scheint der Tod Euch auf der Zunge.
Zu oft sprecht Ihr vom Tod in dieser Nacht.

Katharina.
Nicht bloß das Frühstück, Sascha, auch Musik
Hat mir der Feldmarschall für heut' verleidet.
Ich mag auch kein französisch Lied mehr hören;
Hier, Graf, habt Ihr das Taschentuch zurück.
Ich mocht' wohl stärkeren Duft der Liebenswürdigkeit,
Daß ich es in Gedanken zu mir steckte.
Ich glaub auch nicht, daß ich viel schlafe diese Nacht.
Wir könnten's drum mit Magnetismus mal versuchen.
Ich möchte, Graf, daß Ihr im Nebenzimmer wacht.

Graf.
O, welch Vertrauen, Majestät! Ich danke Euch.

Menschikoff zu Katharina
Ihr schlaft nicht gut, seitdem der Zar verreist?

Katharina überhört ihn.
Jawohl, ich will's; im Zimmer hinter jener Türe drüben
Wacht heut der Graf! Es ist mein Wille, Menschikoff.

Menschikoff höhnisch
O Kaiserin, ich wagte nie im Weg zu steh'n, wenn Ihr befehlt.
Von allen Wächtern wacht hier keiner besser, als den sich Majestät gedacht.
Versuchen Majestät es mal mit Magnetismus!

Katharina.
Mich reizt das Neue stets an jedem Augenblick;
Sonst wirkt das Leben wie ein alter Gaul,
Der schon den Weg zum Stalle kennt.
Hat man die großen Leidenschaften zum alten Eisen werfen müssen,
Nützt man sein Leben ab an Augenblicken.

Menschikoff.
Und Majestät dressieren sich die Augenblicke!
Sie müssen nach der Pfeife tanzen, wie Bären an dem Nasenring.
Ich warte gern mit Muße im Gewühl der Zeit.
Die Lust am Augenblick hab ich schon längst verloren.
Ich warte in der Ebbe auf die große Flut,
Die Flut, die einmal wiederkehren muß.
Die Flut ist niemals ausgeblieben, sie kommt nur nicht im Augenblick.
Die Zeit läßt sich nicht wie ein Aff' dressieren.
Und gegen Zeit nimmt man Geduld; Geduld ist eine Medizin.

Katharina heftig
Geduld, Geduld! Sprecht von Geduld zum Wachslicht auf den Leuchtern!
Es wird Euch nicht begreifen, abbrennt es und verlöscht.
Uns Menschen ist wie einer Kerze die Lebensdauer angeboren.
Wir brennen weg, wir sehen es im Spiegel, daß wir's tun.
Geduld, Geduld! Ich haß die Worte, die nicht Fisch noch Fleisch.
Geduld ist körperlos, ist ohne Anfang, ohne Ende,
Ein Schatten, der sich blutlos unterm Mond bewegt;
Ich hasse die Geduld! Ich bin kein Diplomat, den die Geduld gezeugt!
Mich tötet die Geduld . . . .! Gut Nacht, Ihr Herrn!

Sie dreht heftig, jede Widerrede abweisend, dem Tisch den Rücken und geht zu einem Kaminspiegel, ihren Halsschmuck zu ordnen. Menschikoff verbeugt sich tief und geht ernst und gewichtig, ohne sich umzusehen, durch die Türe links im Hintergrund.

Sascha zum Grafen, welcher gleichfalls gehen will. Sie deutet über ihre Schultern auf die Kaiserin.
Sie meint die Ungeduld und stellt die Dinge gerne auf den Kopf,
Er meint Geduld und stellt gern ihrer Ungeduld ein Bein.
So quälen beide sich seit Jahren, Graf.

Graf.
O, dieser Menschikoff, der seine Leidenschaft zu Grabe trägt,
Verdient, daß man sich über ihn belustigt.

Der Graf will sich verabschieden.

Sascha.
Der Weg zum Wachtgemach ist hier,
Wo Sie das Bett dicht bei der Schwelle finden.
Sie schnarchen hoffentlich nicht allzu laut?

Katharina wendet sich am Spiegel um, zum Grafen
Ich schnarche nämlich, Graf, und knirsche mit den Zähnen.

Graf.
Glauben Zariza, das könnt' mich vertreiben,
Wenn hier zur Wach' mein Bett dicht an der Türe steht?

Katharina.
Ei, schnarchen Sie so fest, daß nichts Sie wecken kann!
Ich dacht', Sie wachen, Graf; ich rate Ihnen,
Bewachen Sie sich selbst, und schlafen Sie nicht, Graf,
Heut' Abend hat manch' Ding mich nachdenklich gestimmt.

Graf.
Ich schlafe niemals in der Nähe von schönen Damen ein.
Der Mond, der an dem Fenster steht, zudringlich, wie er immer ist,
Der läßt wie meine Augen nicht von seinen wachen Träumen los.
Der Mond, glaubt mir, und ich, wir werden uns versteh'n, Zariza.

Sascha.
Ja, starren Sie den Mond nur lange an,
Er ist wie eine silberne Medaille, Graf,
Und hier in Rußland sagen sich die Leute,
Das Bild der Kaiserin sei aus den Mond geprägt.
Wer lang ihn ansieht, dem kann gar Zariza nachts im Mond erscheinen.

Katharina.
Du Närrin, du, der Graf ist ja kein Russe.
Er wird die Kaiserin im Monde niemals sehen,
Ist nicht nach Rußland hergekommen,
Um mich im Monde aufzusuchen.

Graf vor Katharina
Nein, nicht im Mond such' ich die Kaiserin,
Wenn ich direkt in ihre Züge wie in die große Sonne sehe.

Sascha.
Das habt Ihr recht und zuckersüß französisch hergesagt,
Wie ich's nie fertig bring', wenn ich die Wahrheit rede.

Katharina.
Gut' Nacht, Herr Graf, und träumt mit offnen Augen.
Hol' mir doch meinen Zobelpelz, ich friere, Sascha.

Sascha läuft nach der Tür links und dreht sich unterwegs um.
Verpaßt's nicht, Graf, wenn Euch die Sonn' aufgeht!
        Sie geht hinaus.

Graf stürzt vor der Kaiserin sofort auf die Kniee.
O, hohe, schönste Frau!
Verzeiht, Ihr gabt mir Mut um Mut an diesem Abend.
Darf ich Euch danken für so viele Gunst,
Daß Ihr mich ausgezeichnet und ich wachen darf,
Daß Ihr das Taschentuch mit meinem tauschtet?
Ich werd' dies Tuch in meinem Sarge einst
Noch auf mein Herz mir legen lassen,
Als Ehrenzeichen schmück' es noch den Toten

Katharina.
Um Gotteswillen, Graf, sprecht nicht von Sarg und Toten!
Steht auf, mir fällt was ein, noch eine Andacht hab' ich abzuhalten.
Mein Mann starb heut' vor vielen Jahren, mein erster,
Er, der Dragoner war; heut' ist der Jahrestag von seinem Tod.
Ich muß noch vor den Heiligenbildern knieen
        sie deutet auf die Ecke, wo die Heiligenbilder stehen
Und beten erst . . . . . .

Graf sich erhebend
Erst beten, Majestät, und dann?

Katharina.
Dann wachen, Graf; Sie wissen, daß ich wache.
Ich habe schon seit langem nicht Geduld,
In einen Schlaf wie andere einzuschlafen.

Graf.
Der Magnetismus, Majestät, wenn Sie an Magnetismus glauben,
Der kann, wo Schlaf fehlt, Wunder wirken.

Katharina.
Das Wichtigste hatt' ich vergessen!
Noch drei Sekunden setzen wir uns hier
Und sprechen noch ein Wort vom Magnetismus.
Gibt's denn ein Ding, das ernst zu nehmen ist?

Katharina hat sich gesetzt, der Graf hat sich ebenfalls auf einen Stuhl in ihrer Nähe niedergelassen.

Graf.
Die kleinen Füße, Kaiserin, die vorschaun unterm Kleidersaum,
Die sind wohl ernst zu nehmen, denk' ich, wenn sie sich her zu mir bewegen.

Katharina.
Sind Füße denn verantwortlich,
Wenn sie den Weg einmal verfehlen?

Graf.
Sie sprechen, wie die Pythia sprach auf ihrem Dreifuß, Majestät,
Die gern Verfängliches in Griechenland in Bildern redete.
Die blieb dabei unnahbar, tief verborgen
In Nebeln, die aus einem Abgrund stiegen.

Katharina.
Französische leichte Kleider tragen wir am Hof,
Doch schweres russisches Blut darunter, das herzlos ist. –
Nun weiter jetzt vom Magnetismus, Graf!

Graf.
Das Mächtigste ist er im Leben.
Der Magnetismus lockt die Menschen.
Die Seelen müssen alle ihm gehorchen;
Er führt trotz Widerstand die Menschen näher.
Ein unsichtbares Fluidum ist seine Kraft,
Verbindet zwei er wie ein Adernetz.

Katharina ganz in Gedanken, spricht wie in somnambulen Zustand. Ihre Augen sehen vergeistigt geradeaus.
Und bindet zwei er wie ein Adernetz, –
Durchsichtig sind die Mauern dann den Menschen!
Dann sind der Berge keine mehr im Wege!
Dann schwebst du lautlos wie der Schnee im Himmel!
Dann reden Steine wie der Liebste zärtlich!
Dann bist du nie allein und nie verlassen!
Dann fühlst du Kälte nicht und keine Wärme und keinen Frieden mehr!
Dann bist du ruhlos, ruhelos gleich den Kometen!
Dann fällt ein brennend Gift in jeden Trank!
Dann knirschen dir die Zähne Tag und Nacht!
Dann wird die Stunde dir zum Scheiterhaufen,
Die dich verzehrt und nichts als Asche läßt!
Und die Gedanken stürzen ein wie Kartenhäuser!
Dann wehrst du dich mit Tücken wie die Katzen!
Dann ringelst du dich wie die Schlangen lautlos
Und stürzt ins Dunkel hin wie Fledermäuse!
Dann bist du wie ein Acker, der voll Würmer,
Die sich gebären und verenden müssen,
Die von dem Dasein nur die Zuckung kennen
Und, wenn ein Messer sie in Teile trennt,
Dann doch noch weiter leben zweigeteilt!

Graf weiter kokettierend, ohne den Ernst des Augenblicks zu bemessen
Vorzüglich, Majestät, vorzüglich!
Die Mystik kleidet ausgezeichnet im Mondschein hier.
Der Mond, paßt er nicht prächtig hier zur Pose
Und zu dem Thema ebenso?!

Katharina fährt wütend in die Höhe und schleudert im höchsten Zorn und wie von Sinnen zum Grafen ihre Worte hin.
Mensch, hüte dich, ich kann dich rädern lassen, –
Dies Thema war mein Herz, das durch das Zimmer ging!

Graf steht gleichfalls verblüfft auf und will beschwichtigen.
Ich sah nur erst das Bild der Kaiserin im Monde
Und war noch nicht auf Euer Herz gefaßt.

Katharina sieht über ihre Schulter nach der Tür.
Sascha, Sascha, wo bleibt mein Pelz denn, Sascha!

Sascha kommt mit dem Pelz hereingelaufen.
Hier, Majestät, ich wußte nicht, ob ich Euch unterbrechen durfte
Und eine Zwiesprach stören, die Ihr hieltet?!

Katharina spricht zu Sascha und wendet dem Grafen den Rücken und läßt sich den Pelz umgeben.
Führt diesen Gecken fort, ich hasse ihn!
Er hat mich nackt gesehen vom Kopfe bis zum Fuß
Und nannte meines Herzens Nacktheit – Pose!

Sascha zum Grafen, der verschüchtert dasteht
Ihr habt die Zarin nur als Mondbild aufgefaßt,
Sie ging indessen um als Sonnenfinsternis.

Graf demütig zu Katharina
Ich weiß nicht, ob die Stunde hier mich lieben oder hassen will,
Ob sie mich leben oder sterben sehen möchte.

Katharina kurz
Geht, geht, wir beten hier für einen Toten!

Der Graf verbeugt sich und geht lautlos, von Sascha bis zur Türe begleitet, rechts hinaus. Sascha schließt hinter ihm die Tür und kommt zur Zarin zurückgelaufen, welche in tiefe Gedanken ins Kaminfeuer starrt.

Sascha.
Warum ließt Ihr denn das Französlein laufen?
Zum Schäferstündchen schien er wie geschaffen;
Nicht, Majestät?

Katharina.
Ich hab' nicht die Sekunden hier beschworen,
Um eine Schäferstund' zu arrangieren.
Sie sind zu fix, wie Spinnen, die Franzosen,
Wie Blitze, die nie Zeit zum Fühlen haben.
Jetzt wird er's büßen müssen mit dem Leben,
Daß er sich aufwarf zum Rivalen Menschikoffs,
Der Graf, der arme Geck.

Sascha hastig und geheimnisvoll
Ihr schicktet mich doch fort, den Pelz zu holen,
Da sah ich drunten übern Schnee sechs Kerle schleichen,
Die trugen eine Leiter um das Schloß.

Katharina glücklich und überrascht
Sahst du das wirklich, Sascha?

Sascha.
Glaubt Ihr, daß Menschikoff den Grafen kapern will?
Habt Ihr deshalb den Grafen hier behalten
Aus Mitleid, um den Armen schnell zu retten?

Katharina.
Ich spielte mit dem Taschentuch des Grafen nur, um Menschikoff zu reizen,
Zu fühlen, ob er sich von mir noch reizen läßt.
Der Graf jedoch, er nahm es allzu ernstlich.

Sascha.
Umsonst hat Menschikoff nicht von dem Tod gesungen,
Und nicht umsonst vom Hähnlein laut gesprochen,
Das man vor Morgen noch erwürgen könnte.

Katharina.
Ich wollt' den Graf hinhalten hier zum Morgen,
Bis dann vielleicht dem Menschikoff der Zorn verraucht.
Durch Plaudern und Gespräch dacht' ich's zu können,
Doch weit fort war mein Herz und folgte nicht der Zeit.
Ich konnte nur von meinem Herzen zu mir sprechen.
Mein Herz, das nachlief meinem Menschikoff und wissen wollte,
Ob wohl der Fürst, verschlagen wie ein Drache,
Die Fenster drunten in dem Schnee umkreist,
Dem Grafen eifersüchtige Flüche sendet . . .

Sascha Ich fürchte, der Franzose wird, Zariza,
Jetzt nicht den Hunger mehr zur Morgensupp' erleben.
Der Menschikoff ging Galle speiend und wie ein Henker finster fort von hier.
Der leichte, offene französische Graf!
Und unergründlich unser eigensinniger Fürst daneben!
Welch himmelweiter Unterschied der Männer!
Ich liebe mehr den fixen Herrn Franzosen,
Dem Menschikoff seid nur von allen Frauen,
Zariza, Ihr allein gewachsen..

Katharina setzt sich vor dem Kamin nieder.
Hu, wie mich friert, auch noch im dicken Pelz.
Knie dich vors Heiligenbild und bete laut!
Ich sagte, daß ich beten wollt' für meinen ersten Mann.
Er ahnt nicht, daß ich seiner Seele dabei gedacht, der arme Graf!
Ermordet Menschikoff ihn heute Nacht,
Dann muß ich jubeln, weil der Mord der Liebe gilt!
Dann weiß ich, daß der Unergründliche mich unergründlich weiter liebt;
Und eifersüchtig mordet er für mich wie ein erboster Gott.

Sascha.
Der arme Graf sitzt ahnungslos da drüben.
Es sitzt im Mondschein schmachtend das Französlein,
Nicht mal ein Küßlein ward ihm hier bescheert.
Ich will doch gleich zu allen Heiligen beten,
Daß ihm das Himmelreich ersetzen soll,
Was heute Nacht das Leben an ihm frevelt.

Katharina.
Lösch' alle Kerzen aus, laß keinen Leuchter brennen,
Daß man im Schloßhof glaubt, wir schlafen jetzt.

Sascha löscht alle Kerzen aus; man sieht nur den Kaminfeuerschein im Zimmer. Katharina sitzt, rot beschienen, vor dem Feuer; Sascha kniet im Mondschein in der Zimmerecke vor dem Heiligenbild nieder.

Sascha niederknieend
Hu, nur der Mond ist hier bei uns und 's Feuer im Kamin.
Ich will zu allen guten Geistern beten.
Gott schütz' den armen Graf vor Menschikoff.

Katharina.
Wie sah der Menschikoff wohl aus vorhin?
Als er den Rücken wandte und den Grafen
Allein als Wache bei mir ließ,
Da hätt' ich gern sein Angesicht betrachtet.

Sascha.
Er wurde wie ein Truthahn rot,
Als pfauchte er im Koller vor sich hin,
Als blies' er alles um aus seinem Weg.

Katharina.
Als ich das Taschentuch vom Grafen heimlich nahm, sah's Menschikoff;
Gleich sah er's wie ein Luchs; ich freute mich.

Sascha.
Verliebte gehn in alle Fallen, die Eifersucht am hellen Tage stellt.

Katharina.
So wie der Jagdhund seine Fährten wittert,
Ging Menschikoff heut' meiner Fährte nach.

Sascha.
Doch glaubt, wenn Ihr den Menschikoff zur Wache
Ins Zimmer nebenan statt des Franzosen herbefohlen hättet,
Er wäre nicht mit Schwüren zu bewegen,
Heut' Nacht die Schwelle hier zu übertreten.

Katharina.
Er rupft, wie nur die Pelikanenmutter,
Fürs Vaterland allein den Leib sich nackt,
War treu dem Zar, standhaft in allen Jahren.
War nie ein offener Geliebter mehr, stets nur Minister und Soldat
Und doch ein heimlich Liebender, verschmachtend schier.

Sascha erschrocken, halblaut
O Majestät, es klopft; wer will herein?
Der Graf hat wohl Verdächtiges bemerkt!

Sascha steht auf.

Katharina horcht.
Das Klopfen scheint mir drüben im Kamin,
Vielleicht schürt er das Feuer, friert wie wir.

Sascha kommt dicht zu Katharina.
Ach Gott, ich glaub', ich höre deutlich Schritte drüben.

Katharina horchend
Er geht wohl auf und ab und kann nicht schlafen,
Ist voller Ungeduld wie alle die Franzosen.

Sascha ängstlicher
Jetzt stieß er heftig an den Tisch, hört nur, er stöhnt!
Jetzt klingt ein Fenster, und jetzt fiel ein Stuhl!

Katharina steht auf
Der Lärm beginnt mich doch zu interessieren.
Licht, Sascha, geh', vom Schlafgemach den Leuchter!
Ich will doch nicht, daß er ihn morden soll;
Mir ist's genug, daß Menschikoff es will!

Sascha angstvoll, huscht rasch zur Türe links, findet sie verschlossen, läuft zur Ausgangstüre im Hintergrund links und findet sie auch verschlossen.
Ein Mord, ein Mord, die Türen sind verschlossen!

Katharina erschrocken
Die Tür verschlossen, alle Türen?
        Sie springt schnell an die Tür, hinter welcher der Graf wachen soll.
Graf, Graf? Er stöhnt, als ob er reden möchte!

Sascha leise, ist zu ihr hingelaufen und horcht mit ihr an der Türe, welche der Mond bescheint.
Die Diele zittert, hört, ein Körper fällt!
Es kämpfen viele drüben auf der Diele,
Viel Schritte gehen, ohne Schuhe dumpf!
Sie töten ihn, Zariza, rettet, rettet doch,
Ihr seid doch Herrin hier, man mordet uns, Zariza!
Und kein Licht! Wir werden alle sterben!

Katharina steif aufgerichtet, lehnt unbeweglich mit dem Ohr an der Tür, während Sascha niederkniet und sich bekreuzigt.
Dicht an der Türe atmet Menschikoff!

Katharina schreit plötzlich leidenschaftlich, zärtlich auf und spricht eindringlich und immer eindringlicher, bald taut, bald halblaut durch die Tür.

O, Menschikoff, Geliebter! Komm, Geliebter,
Komm, Zärtlicher, ich kenne dich am Atmen,
Am ungeduldigen; ach, öffne doch die Tür, ach, komm!
Wir suchen beide uns durchs lange Leben.
Geliebter sag ein »ja«, ein »ja«, liebst du mich? Sag?
Sag, Liebster, nur ein einzig Mal ein »Ja«! –
Mach' auf, mach' auf, ich bin geliebt, –
Er sagte deutlich »ja«! O öffne, öffne doch, Geliebter!
Laß mich zu dir nach langen Jahren, –
Schweig nicht, du sagtest eben doch, du liebtest mich?

Sascha halblaut
O, Majestät, die Schritte gehen fort.

Katharina schreit verzweifelt auf.
Geh nicht von mir, geh nicht, geh nicht!

Sascha.
Sie gingen alle fort, nichts rührt sich drüben mehr.
        Sie atmet tief auf.

Katharina richtet sich auf.
Als hätte ich von einem Menschen Blut getrunken,
So heiß ist mir! Geh, fürchte dich nicht mehr und suche Licht zu machen!

Sascha versucht noch einmal die Tür der linken Wand zu öffnen.
Die Türe ist jetzt offen, wie zuvor.

Sie läuft hinaus.

Katharina sinkt auf einen Stuhl.
Ja, ja, – er sagte ja; – o Liebster mein!
Und morgen steht er wortkarg neben mir,
Weiß nichts von dieser Nacht, schweigt wie begraben.

Sascha kommt mit einem dreiarmigen Leuchter.
Gottlob, Licht, hier ist Licht, ich starb vor Angst!
Ich dachte, Menschikoff will uns ermorden!
        Sie versucht, die Tür zum Grafen zu öffnen.
Die Türe geht zu öffnen, Kaiserin,
Doch fürcht ich mich vor ihr, als wäre diese Tür der Deckel eines Sarges.

Katharina sitzt tief in Gedanken versunken, hört nichts. Sascha schreit auf. Sie hat nochmals versucht, die rechtsliegende Türe zu öffnen, und bringt sie halb auf.
Was fürchtest du dich vor der Tür?
Glaub, Menschikoff ist längst gegangen.
Er weiß es kaum noch, daß er dagewesen.

Sascha kommt zu Katharina gelaufen.
Quer liegt ein Körper an der Schwelle drin,
Die Tür geht halb nur auf, Zariza . . . . .

Katharina steht auf und drückt mit einem energischen Ruck die Tür auf. Sascha leuchtet hinter ihr mit dem Leuchter, schreit auf und kniet mit dem Leuchter nieder.

Sascha schreit auf.
Der Graf ist tot, Herrgott, erwürgt!
Mit seinem Taschentuch erwürgt von Menschikoff!
Herrgott, sei seiner armen Seele gnädig!
Kein Gott wird Menschikoff den Mord verzeihen!

Katharina sieht ohne Erregung auf den Leichnam hinunter und sagt einfach und schlicht:
Den Mord verzeiht dir die Geliebte, Menschikoff,
Wenn auch kein Gott den Mord verzeiht.

 

Vorhang

 

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