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Die Spielereien einer Kaiserin

Max Dauthendey: Die Spielereien einer Kaiserin - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Spielereien einer Kaiserin
authorMax Dauthendey
year1910
firstpub1910
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleDie Spielereien einer Kaiserin
pages235
created20120428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Akt

Der Schmuckkasten

Personen des zweiten Aktes

  Zar Peter I.
Katharina, seine Gemahlin
Fürst Menschikoff
Prinzessin Sascha, Hofnärrin der Zarin
Erster General
Zweiter General
Leibarzt der Zarin

 

Charakteristik der Hauptpersonen des zweiten Aktes

Katharina, Gemahlin des Zaren. Sie ist über Dreißig. Sie erkennt in diesem zweiten Akt die Unendlichkeit ihrer Leidenschaft und Sehnsucht zu Menschikoff. Sie macht zum ersten Mal ihrem Herzen in einem großen Schrei Luft.

Sie ist üppiger geworden, despotischer, und vollständig in Haltung und Pracht eine barbarische Kaiserin. Sie ist noch unermüdlich an Kraft und Klugheit. Aber unter der Maske einer unduldsamen Herrin versteckt sich das von Sehnsucht gepeinigte, unbefriedigte Weib, das sich in ungebändigter Willkür Ersatz sucht für die Einsamkeit in ihrem Herzen.

Ihr Kleid ist erst eine rote Gardeuniform mit silbergrauem Rock, halb Reitkleid, halb Uniform mit Feldherrnschärpe und Feldherrnhut mit großen gelb und schwarzen Federn. Gelbe Reithandschuh. Später ein violett und purpurnes Kleid mit eingewebten großen Ranken. Ihr blendend weißer Hals und die Schultern heben sich hell und schmucklos ab; nur ihre rotgoldenen Locken ringeln sich üppig wie ein goldenes Diadem.

Zar Peter I. In gelber Uniform mit weißen Hosen, prächtig und reich verschnürter Rock.

Sascha ist im zweiten Akt Vertraute und Hofnärrin der Kaiserin geworden. Sie trägt ein grün, rot und gelbes Narrenkleid mit einem Übermantel aus Katzen- und Fuchsschwänzen und mit großen runden Messingschellenknöpfen daran. Auf dem Kopf ein Mützchen aus Hasenschwänzchen. Rote hohe Stiefelchen.

Menschikoff in prächtiger und prunkvoller grün und goldener Uniform mit Schärpe. Er ist selbstsicher, aber bescheiden, ist männlicher und verschlossener. Sein Gang ist fester und abweisender.

Der Mohr ist in roter Seide, türkisch gekleidet. Mit gelbem Turban.

 

Bühnenbild im zweiten Akt

Ein rot in rot gestreiftes Prunkzelt. Goldene Adler an goldenen Stangen halten die Zeltwände. Rote Teppiche am Boden. Goldene Prunktische und viele goldene Heiligenbilder im Hintergrund auf goldenen Tischen aufgestellt.

Viele rote Schemel und eine Ottomane mit schwarzem Bärenfell und Hermelin. Goldene Pfosten mit rot und gelb und weißen Büschen Straußenfedern bezeichnen links und rechts auf der Bühne zwei Ausgänge.

Eine rotseidene spanische Wand neben der Ottomane mit goldenen Füßen. Goldene Amoretten und goldene Adler halten goldene Kronen und goldene Embleme. Das Zelt ist mit schwülstiger barbarischer Pracht und Prunksucht ausgestattet.

Auf dem Tisch in der Mitte, um den goldrote schwülstige Sessel stehen, liegt eine Reitpeitsche mit goldenem Griff. Das Zelt ist Rot in Gold gestimmt.

 


 

Der Schmuckkasten

Sascha als Hofnärrin steht im bunten Hofnarrenkostüm halb hinter einem Wandschirm und läßt sich von einem Mohren in Livree küssen. Katharina tritt durch die Zeltvorhänge von links ein. Der Mohr schlüpft rechts hinaus.

Katharina lächelnd
Was tust du in der Ecke, Närrin, liebe.

Sascha hat einen buntscheckigen Übermantel über ihrem Kostüm, an welchem vorn alle Knöpfe abgerissen sind und die Fäden hinunterhängen.
Ich stand im Dunkeln dort, und Euer Mohr, Zariza,
Und ich, wir zählten meine Knöpfe ab an meinem Kleid,
Um das Orakel gründlich zu befragen,
Ob wir die Türken heute noch verprügeln endlich,
Wie es für russische Christen sich gehört.

Katharina lachend
Seit du Hofnärrin bist, küßt du die ganze Welt!
Und nun –, was sagen deine Knöpfe wahr?

Sascha.
Die Knöpfe sagen nichts Gescheites, sie plappern Unglück her.

Katharina.
Du hast ja nur noch Fäden an dem Überkleid,
Und keinen einzigen Knopf, der richtig sitzt!

Sascha.
Zariza, ach, stets war ein Knopf dabei,
Der alles besser wissen wollte.

Katharina.
Und weil dir seine Antwort nicht gefiel,
Hast du sie alle von dem Kleid gerissen.

Sascha Ein Knopf hat stets den Türken Sieg gegeben,
So oft ich zählte. Seht's nur selbst hier an den Fäden!
Seht nur: wir prügeln, geprügelt,
Prügeln, geprügelt, prügeln, werden –
Prügeln, geprügelt, prügeln, werd –

Katharina fällt ihr ins Wort.
Halt! dieser letzte Faden gilt nicht mehr!
Zählt einfach nicht mehr weiter, denn – wir prügeln.

Sascha.
Ja, das ist Euer Despotismus wieder!
Der will sogar's Orakel heut' regieren.
Die Knöpfe aber lassen sich abreißen wohl,
Doch übersehen nicht und nichts befehlen.
Ich weiß, wir werden heute noch geprügelt.

Katharina greift grimmig nach einer goldenen Reitpeitsche, die auf dem Tisch liegt, und geht wie ein Tier im Käfig auf und ab. Dabei fuchtelt sie mit der Reitpeitsche immer in der Luft. Schlägt effektvoll auf Tische, Stühle, Möbel, als wenn es Menschen wären, die ihr im Wege sind. Sie geht abwechselnd langsamer, abwechselnd schneller. Dazwischen sitzt sie eine Sekunde auf einem Stuhl, um dann gleich wieder aufzustehen und weiter zu gehen.
Daß man den Hintern dir verknuten möchte,
Wenn du dein Kleid sperrangelweit und knopflos offen trägst.
An das Orakel, Sascha, glaube ich sofort.
Ich liebe keine Memmen neben mir. Wir prügeln, sag' ich.
        Sie haut energisch auf den Tisch.
Wenn uns die Türken auch umzingelt haben, –
Das sagt noch nichts. Der Krieg ist ein Hasardspiel.
Glaubst du, ich lasse mich gefangen nehmen
Und jetzt von einem Pascha in den Harem stecken,
Um unter dreimal hundert Weibern numeriert,
Vielleicht als Zahl dreihunderteins, dem türkischen Dickbauch
Im Jahr einmal und spärlich Liebe zu verdanken?
Ich bin Gemahlin eines Zaren jetzt und will den Krieg gewinnen,
Wenn uns der Türke auch die Hölle heizt. –
Was scheren wir uns viel um alle Türkenteufel!
Ich wette, daß der Türkensatan selbst mir hilft,
Wenn ich ihn bitten möchte. Denn alle sind bestechlich!
Der Russenteufel zieht sich stets aus jeder Patsche,
Verschlagen und gemütlich, wie er ist.
Wirst heut' noch manches, Sascha, auf der Welt erleben,
Wenn ich erst weiß, ob sich's zu leben lohnt.

Sascha hat sich auf einen Diwan gesetzt, die Beine heraufgezogen und knüpft an die herunterhängenden Fäden wieder ihre großen Knöpfe an.
Ich dachte stets, Ihr glaubt an keinen Teufel?

Katharina geht immer auf und ab.
Seit ich erfahren, daß die Menschen alle
Ihr eigen Schicksal stündlich sich verhunzen,
Weiß ich's, daß jeder sich sein eigner Teufel ist,
Und glaub an keinen Teufel als an mich.

Sascha ironisch
Und Gott sieht zu, wie der Zariza es beliebt.

Katharina.
Gott ist der Augenblick, den ich am Schopf ergreife,
Wenn ich nicht abwechselnd mal dir, Hofnärrin,
Dazwischen in das Haupthaar plötzlich fahre.
        Sie gibt Sascha im Vorübergehen einen leichten Klaps mit der Peitsche.

Sascha ohne von ihrer Arbeit aufzusehen
Ich weiß, Ihr wechselt gerne Eure Götter.
Dragoner erst, dann Menschikoff, der Zar.
Bald ist wohl ein Olymp in Eurem Herzen fertig,
Wenn's mit der Gotterhebung weitergeht.

Katharina droht ihr lachend.
Sascha, ich rate dir: knöpf deinen Mund mehr zu!
Dein offenes Kleid ist nicht so unmanierlich,
Als wenn die Knöpfe dir am Mundwerk reißen.

Sascha lustig rezitierend
Die Wahrheit ist die Blöße einer Zunge.
Die nackte Zunge sollt' am Hof ein Hemdlein kriegen.

Katharina.
Um wahr zu bleiben, – rede auch von dir!
Die Götter deines Herzens sind ein Chaos.
Mal ist's ein Ofenheizer, ein türk'scher Überläufer mal,
Mal ein Bereiter, oder heut' ein Mohr.

Sascha schelmisch
Ich greife wie Ihr selbst den Augenblick am Schopf,
Der Augenblick ist dunkel hier im Krieg,
Und er war deshalb heut' für mich ein Mohr.

Katharina setzt sich auf einen Stuhl.
Ach, Sascha, sterbensunglücklich bin ich den langen Tag!

Sascha.
Der Türken wegen, die vielleicht Euch als Belagerer langweilig sind?

Katharina.
Die Türken, nein, die unterhalten mich.
Doch soll ich heute Schicksal spielen hier und Männer retten
Und weiß nicht, ob sich's lohnt, das Leben oder Sterben dieser Männer.

Sascha.
O, ich verstehe Euch; ach nein, es lohnt sich kaum.
Ihr wollt die Männer retten, die sich hier
Wie Dummköpf' von den Türken, den viel dümmern, umzingeln ließen!
Das ganze Lager liegt ohn' Ausweg eingeschlossen.
Wenn wir zwei nicht mit hier im Lager wären,
Es lohnte sich wahrhaftig die Rettung dieser Stümper.

Katharina.
Oftmals find' ich, die Herren dieser Schöpfung
Sind jenen Erdenkloß nicht wert gewesen,
Den Gott dem Paradies genommen,
Um einen Mann zu formen für die Welt.
Die Männer sind beim Kneten ihm mißraten.

Sascha aufseufzend
Und doch könnt' man nicht ohne Männer glücklich sein.

Katharina steht wieder auf.
Wie sie jetzt ratlos hier im Lager rennen!
Sieh' sie nur an! So hilflos plötzlich und so unbedeutend!
Es ist ein Jammer, daß sie Hosen tragen.
Nicht mal daran kann man im Augenblicke sie erkennen.
Ihr Mut ist blöd verdampft. Sie sind wie bärtige Weiber, weinend.
Ich überlege, ob es sich denn lohnt,
Die russischen Hosen vor den Türkentrödlern zu bewahren
Und sie nach Petersburg zurückzubringen,
Statt sie durch türkische Hausierer zu verschleudern.

Sascha.
Daß alle Herren in den Hosen Euch, Zariza, heut' so wenig sagen,
Das staunt mich doch, wenn Ihr's so fortgesetzt behauptet.

Katharina setzt sich wieder.
Nicht das erstaunt. Mich wundert mehr,
Daß, trotzdem ich mich dieser Männer schäme,
Dieselben Männer doch so viel mir sind,
Daß ich mich nicht von ihnen trennen kann.
Besonders jetzt, wo ich doch Peters Frau geworden
Und mein Gemahl mir lieber sein sollte, als alle anderen Schicksalsherrn,
Da wundert's mich, daß ich notwendig seitwärts schiele
Nach einem andern Mann noch neben meinem Kaiser.
Es ist doch scheußlich, wenn man es genau bedenkt,
Da Peter gut und gütig stets zu mir gewesen.

Sascha.
Ach, welcher Mann, der Euch im Arm gehalten,
Wäre nicht gut und gütig stets zu Euch gewesen!

Katharina.
Ein einziger war es nicht, – und nach ihm schiele ich
Und schäme mich vor meiner kaiserlichen Würde,
Die mir als Zarenfrau das Gradausschaun gebietet.
Und kann doch meinem Herzen keine Brille kaufen,
Um grad und nicht ganz heimlich schief zu sehen.

Sascha.
Bedenkt, auch dieser, den Ihr nie vergeßt,
Trägt ratlos heut durchs Lager seine Hose,
Mit allen andern Herrn ist auch Herr Menschikoff
Im Lager von den Türken eingeschlossen.

Katharina fährt auf.
Nenn' nicht den Namen, der mich stets erbittert,
Der mehr als aller Pulverrauch Ferne und Nähe mir verdunkelt.

Sascha ist aufgestanden.
Vergeßt auch mit dem Namen dann den ganzen Mann, Zariza!
Er weicht Euch aus. Er ist dem Zaren treu.
Ich sag es frei heraus: der Menschikoff hat niemals Euch geliebt.

Katharina fährt mit der Reitpeitsche in die Höhe. Sascha springt hinter den Tisch.
Du Lügnerin, du sagst, er liebt mich nicht?
Mich liebt er nicht? Und ich – ich denke stündlich nur an ihn!
Mich hätt' er nie geliebt? Du, du . . . . .
Liebt er mich nicht? Sag', – liebt er mich?

Sie läuft Sascha drohend mit der Reitpeitsche um den Tisch und hinter verschiedene Möbel nach und schlägt mit der Peitsche in die Luft und auf die Möbel.

Sascha halb versteckt hinter Möbeln; lachend und hartnäckig
Nein, niemals liebte Menschikoff die Zarin.

Katharina aufs äußerste aufgebracht, schlägt mit der Peitsche um sich, kann aber Sascha nicht erreichen.
Nicht – nicht? Er liebt die Zarin nicht?

Sascha hartnäckig und vor der Zarin flüchtend
Er liebt nicht, liebt nicht – nein. Noch nicht – nicht – nein.

Katharina läuft Sascha wütend nach.
Kanaille, nach Sibirien schick' ich dich.
Ich will dich peitschen, rädern, vierteilen.
Und aufs Schafott mit dir! Er liebt mich, sag' ich!

Zar kommt. Zwei Kosaken öffnen vor ihm die Zeltvorhänge, lassen sie wieder zufallen und verschwinden dann.
Was gibt's, wen prügelst du schon wieder, Katharina?
Machst du dir Luft? Gottlob, wenn du's noch kannst.
Ich und der Menschikoff, wir können uns schon keine Luft mehr machen.
In einer Viertelstunde, höchstens noch,
Sind wir gefangen von den Türkensäbeln.

Katharina hat Sascha stehen lassen, welche links hinausschleicht; spricht hochmütig über ihre Schulter zum Zaren.
In einer Viertelstunde sagst du, Peter?
Das ist nicht früh, nicht spät,
Wenn nicht mehr abzuwenden ist
Die Ehre von dem türkischen Besuch.

Menschikoff kommt durch den Zeltvorhang rechts herein mit gesenktem Kopf
Wir sind von jeder Zufuhr abgeschnitten und ohne Lebensmittel.
Das Brot für die Soldaten und nötiges Pulver fehlen,
Die Geldkuriere wurden abgefangen und alle Munition.
In einer Viertelstunde sind die Türkenkerle die Herren hier, –
Und wir Leibeigene, – wenn wir's erleben wollen.

Zar zu Katharina
Was sagst du nun? Du schicktest ja nach mir,
Daß ich dich hier in deinem Zelt mit meinem Feldhauptmann besuchen sollte.
Du schickst nicht gar zu oft nach mir, Gemahlin;
Seit mich mein Glück verläßt, bist du wie alle Weiber,
Mißtrauend einem Mann, der ein Pechvogel wurde.

Katharina gähnt und setzt sich sehr verführerisch auf einen Sessel, der bedeckt ist mit russischen Bärenfellen.
Ja, du hast Pech, mein Peter und mein Zar.
        Gähnt wieder.
Bei Gott, ich hab's wahrhaftig ganz vergessen,
Was ich dir sagen wollt' zu unsrer Rettung.
Ich bin verblüfft noch, daß man gar so schnell
Mich wieder so von einer Hand zur andern gibt.
Ohn' auch mit einem Atemzuge mich zu fragen,
Tauscht ihr den Platz mir unterm Sitzfleisch jetzt,
Heut' Mittag lieg' ich noch auf russischen Bärenfellen,
Und heute Abend dann auf türkischer Ottomane,
Und einen türkischen Halbmond steckt man mir ins Haar, vielleicht
Dorthin, wo vorher aus Brillanten ein russischer Doppeladler saß.
Wißt Ihr denn, ob ich türkisch lieben kann,
Nachdem ich russisch liebte seit Marienberg?
Den Türken bin ich sicher auch nicht fett genug.

Zar stampft auf.
Verdammt, mehr weißt du nicht,
Als mich mit den verfluchten Türken hier zu narren!

Katharina unbeirrt spottend
Hört, Menschikoff, was ist Euch lieber,
Mir bald als ein Eunuch beim Großvezier zu dienen,
Oder, von Türkensäbeln krumm geschlagen,
Tot auf dem Platze hier zu bleiben?

Menschikoff gleichfalls spottend
Ich hab', Zariza, noch nicht nachgedacht,
Wozu ich tauglicher im Augenblick wohl bin.
Eunuch zu sein, wird mir am Leib so neu erscheinen,
Wie's neu mir wird, wenn ich zum Leichnam avanciere.

Zar stampft wieder auf
Verdammtes Weib, du willst uns kujonieren
Und weidest dich an unsrer Seelenpein.
Hast du geglaubt, daß wir den Tod nicht suchen,
Und uns hierher bestellt, um ängstlich uns zu machen?
Eh' noch der Türkenhalbmond auf dem Zelt hier sitzt,
Gehn Menschikoff und ich zu allen Heiligen.
Der Himmel wird sein Zelt uns nicht verweigern.
Wir klopfen droben bei Sankt Peter an,
Und dort bei meinem Namensvetter spei' ich hinunter dann auf alle Türken.
Weißt du nichts Besseres mehr, als am Soldatenpech,
Dich hier an zwei Verzweifelten zu weiden?

Katharina blaß und leidenschaftlich aufspringend
Jawohl, ich weide mich, ich will mich an euch weiden.
Es ist doch gar so herrlich, sag' ich euch,
Zwei Männer da zur Rettung in der Hand zu haben,
In einer Weiberhand, die niemals viel bedeutet,
Die einem Herrn Dragoner mal getraut gewesen,
Und die man weitergab von Hand zu Hand, –
Soll ich an mehr erinnern, meine Herrn?

Zar.
Weib, weißt du nicht mehr, wer du heute bist?

Katharina bitter
Ein Stückchen Menschenfleisch. das öfters den Besitzer schon gewechselt.
Das nur begehrt wird, wenn sich's frisch erhält,
Und leicht verschleudert wird, wenn heut' sein Herr verschwindet.
        Sie stampft empört auf.
O, daß man Menschen weitergibt wie tote Kleider,
Wenn sich die Moden ändern und der Hausbedarf!

Zar aufgebracht
Aus meinen Augen hier! Bist du betrunken?
Hast erst dich zahm gestellt, als wärst du eine Kaiserkrone wert,
Und Frechheit setzt du jetzt dir statt der Krone auf.

Katharina tritt furchtlos unter seine Augen.
Wird nicht dein zahmstes Leibroß wild,
Wenn ihr ihm jedes Pferderecht versagt
Und es mit Euren Schweinen an den Kofen schickt?
Ein jedes Menschenrecht versagt Ihr Eurem Weib!

Zar tief erstaunt
Welch' Menschenrecht hätt' ich dir jemals unterschlagen?
Sag', welches Recht du noch von mir verlangst . . . .
Was willst du mehr? Du bist mein Weib geworden.

Katharina wendet sich ab.
Ich rede nicht, wenn Euer Herz nicht redet.

Zar.
Heut morgen ließ ich dir in aller Frühe sagen:
Zwei Tage sind wir schon nmzingelt und wie ein Wild gestellt
Von dieser Türkenmeute; heut' send' ich einen Brief zum Großwesier
Und bitte, daß man dich und alle Frauen schont
Und unsere Leichen alle – mich und die Generale –
Hier ehrenwert begräbt.
Du tobst seit diesem angesagten Briefe gegen mich.
Du schlägst die Diener und bist ungebärdig, wie eine angeschossne Adlerin.
Du forderst einfach, daß wir, die Hände in den Taschen,
Als Männer demütig hier in den Ecken sitzen, von dir verhöhnt,
Indessen du behauptest, uns zu retten, wenn wir gehorchen wollen.
Du rufst uns her und bist wie eine Wespenbande, setzt wütend Stich bei Stich
Und läßt die Wut an unsrer Langmut aus.
Du kannst nicht retten, – willst nicht, daß wir uns ergeben.
Willst nicht, daß ich den Brief dem Großwesier zusende . . . .
Und ich bin doch gewiß, daß dich die Türken schonen;
Wie den Uraljuwelen, die man auf Samt bewahrt in einem Kasten,
Wird dir kein Leid getan, wenn wir als Männer sterben.
Man wird dich fürstlich halten; du wirst am Licht noch lange leuchten,
Wenn uns der Grabberg längst die Aussicht nimmt.

Katharina spöttisch
Wie ein Gedicht, so schön klingt's, was du da
Von den Uraljuwelen und von dem Grabberg dichtest.
Ihr habt mich ganz gelähmt mit so viel Ehre.
Lebt wohl, ich hab' Euch gar nichts mehr zu sagen,
Als Pfui und Pfui und Pfui zu sagen.

Menschikoff zum Zaren
Ich glaube, weil wir Männer sterben wollen
Und unsrer Zarin nicht den Tod anboten, –
Das ist es, was die Zarin so beleidigt.

Katharina.
Ich glaube, ja, so ist es, Ihr Herrn Tölpel.
Seht, endlich lüftet, wie den Deckel von dem Topf,
Der Feldmarschall ein wenig seinen dumpfen Schädel.
Komm, Sascha, komm, wir wollen uns dreinfinden.
Laßt mir die schönsten Kleider um die Hüften hängen,
Daß ich dem türkischen Großwesier gefallen mag, dem von den Frauen viel verwöhnten,
Wenn er jetzt einzieht in das Zelt mit seinen Janitscharen.
In fünf Minuten also seid ihr alle
Das Leben samt den Weibern los, ihr Männer, ihr!

Sie geht mit Sascha rasch hinaus.

Zar zu Menschikoff
Begreifst du sie? – Die Krone gäb' ich drei Mal her,
Wenn ich dies Weib im Grund ein Mal begreife.

Menschikoff.
Sie ist ein Rätsel aller Rätsel stets gewesen.

Zar.
Was hat sie unter ihrer Stirn zurecht gebraut,
Daß sie uns stehen läßt wie Prügelknaben.

Menschikoff.
Vor einigen Tagen ließ Euch die Zariza melden,
Sie hab das Mittel zu einer Rettung sicher in der Hand.
Sie wollte es in letzter Stunde wirken lassen. –
Ich glaub', sie hat es angewandt und . . . . . .

Zar.
Und es schlug fehl, deshalb der Haß auf uns.
Sie fühlt sich in der Machtlust, die ihr höchste Lust ist,
In ihrem Eifer, zu regieren, im Stich gelassen;
Deshalb auch ihre Tobsucht, die aus Ohnmacht tobt.

Menschikoff.
Nein, Majestät, die Frau ist nie ohnmächtig,
Stets ist ihr eine Macht auch im verlornen Paradies noch untertan, –
Der Teufel und die Schlange selber flüchten gern zu ihr.

Zar.
Diesmal hat auch ihr Teufel sie verlassen.
Sie läßt uns sitzen ohne einen Ausweg,
Nachdem sie mächtig erst mit Rettung prahlte.
Die Türkenklemme schmerzt mich nicht so sehr,
Als wenn ein Weib uns in der Klemme läßt
Und uns als Weib behandelt und Kastrat.

Menschikoff.
Ich glaube, daß sie klipp und klar uns rettet
Und nur Komödie spielt in großen Zügen,
Um heut 's Regieren gründlich durchzukosten.
Die Frauen zögern gern, und sie genießen's gern,
Wenn sie die Gnade in den beiden Händen halten,
Und lassen Männer wie Maikäfer zappeln,
Bis sie zur Rettung ihre Fingerspitze heben.
Ein Weib verachtet uns im Grund,
Wenn sie statt Schönheit ihre Kraft anbietet.
Und Kraft macht boshaft leicht die schwache Frau.
O Majestät, Ihr hättet Euch's nicht bieten lassen sollen,
Daß Euch ein Weib im Männerkriege retten sollt;
Nie mehr wird sie die alte Achtung finden.

Zar.
So eingekeilt von türkischen Regimentern,
Konnt ich nicht anders, als mir helfen lassen;
Ob Mann, ob Weib, man nimmt die Hilfe an,
Sitzt man schon wie der Dachs im Bau verhetzt.

Menschikoff.
Und lebt so von der Gnade einer jungen Frau,
Verhöhnt, verprügelt und doch nicht begnadigt.
Ich fühl mich wohler, wenn in fünf Minuten
Mein Leib als Mist und Dünger auf der Steppe fault,
Als wenn mir der Verstand in allen Knochen trocknet,
Indessen hier ein Weib, laut und nur allzulaut,
Mir meine Schwäche zeigt und mich beschimpft.
Als Mist bin ich doch nützlicher und stinke trotzdem nicht so faul wie jetzt.

Ein Zug von Popen in goldenen Gewändern, welche goldene Heiligenbilder tragen, stellen die Bilder im Hintergrund neben die anderen goldenen Heiligenbilder im Zelt und knieen sich zum Gebet davor nieder.

Menschikoff zum Zaren
Die Popen sind's mit ihren Heiligenbildern.
Ihr habt sie zur Zariza in das Zelt bestellt,
Zum letzten Niederknieen und zum Beten.

Zar.
Bei Gott, ist's wirklich schon so weit,
Daß schon das Amen, Amen hier
Das letzte Wort ist, das uns trösten soll?

Der Zar bekreuzigt sich und kniet in der Mitte der Popen nieder, mit dem Gesicht nach dem Hintergrund. Menschikoff kniet rechts vorn, wo er steht, nieder; bekreuzigt sich und bleibt mit dem Gesicht gegen das Publikum gewendet und spricht zu sich selbst.

Menschikoff.
Gottlob, daß nur der Pope jetzt das Amen spricht,
Ich möcht' es nicht vom höhn'schen Mund der Zarin hören.
        Er untersucht seine Pistolen im Gürtel.
Ein Trost ist's, daß Pistolen nicht wie Weiber spotten,
Und daß das Pulver mir von je
Mein liebster Wohlgeruch im Rock gewesen.
So bringt die Todesstund' nichts Fremdes mit,
Nicht mal den Tod, der längst mein Kamerad.
Der Mensch stirbt nie auf einmal, kommt mir vor.
Er lebt und stirbt, so wie er wacht und schläft, alltäglich,
Und immer stirbt ein Stück; mal Nieren, einem
Andern stirbt der Magen, die Leber, oder ab welkt ihm ein Bein.
Das Hirn stirbt oft zuerst, wenn nicht der Herzensbeutel,
Stückweise ist am Menschen immer etwas tot,
Und täglich teilt man seine Mahlzeit mit dem Tod.

Zar steht plötzlich auf.
Ich hör' die Kaiserin vergnüglich singen.
Ich kann nicht beten, kann's nicht glauben noch,
Daß ich mein Leben schlachten soll.
Verzeiht, ihr Popen, meine Zunge betet,
Doch mein Gehirn spricht Flüche gegens Schicksal.

Menschikoff geht zum Feldausgang links und horcht; man hört Katharina draußen von weitem trällern.
Jawohl, es ist die Kaiserin, die trällert.
So lustig wie ein junger Amselschnabel.

Zar zu Menschikoff
Sie sollt' zum Beten kommen in der letzten Stunde.
Vielleicht, daß ich an ihrer Seite noch
Die Bittgebete für die Heil'gen finden kann.
Doch wenn das Weib uns jetzt nur höhnt und gar noch singt,
Reizt sie mich zum Verfluchen und zum Morden.

Menschikoff.
Das Klügste ist, wir beten hier recht laut,
Daß sie den Mund nicht öffnet, um zu spotten.
Sie kommt, um sich von neuem hier zu weiden.

Zar zu den Popen
Ja, Popen, betet laut, wir beten nach.

Der Zar kniet wieder zwischen den Popen nieder; Zar und Popen murmeln halblaut rhythmische Gebete; Menschikoff kniet auf demselben Platz nieder wie vorher; die Zarin erscheint und betrachtet eine Weile lächelnd und leise trällernd den betenden Zar und die Popen.

Menschikoff spricht zu sich.
Bei Gott, sie zog die schönsten Kleider an und kann noch singen,
Als ging's zu einer Kirmes hier, und nicht zum Totengräber, –
Und sie verlacht den Zar und mich, das tolle wunderbare Weib;
Die Kronbrillanten hat sie abgelegt und läßt die weiße Haut hell glänzen.
Sie neidet, scheint's, den Kronjuwelen der Strahlen Macht,
Und läßt dafür ihr rotgelb Haar wie eine Fackel leuchten.
Es fliegt ihr Haar von weißen Schultern auf,
Als brennt ein Feuerhaufen warm im Schnee.

Sie bekreuzigt sich flüchtig vor dem Heiligenbild; dann setzt sie sich auf einen Stuhl und gähnt; sie nimmt ihren Pfauenfächer, fächelt sich und betrachtet sich in einem Spiegel, der im Fächer angebracht ist. Menschikoff und der Zar beten halblaut mit den Popen. Katharina steckt ihr Haar hoch und gähnt; plötzlich hört man von draußen türkische Janitscharenmusik, Stimmengewirr, Aufregung und Pferdegetrappel; im Lager russische Trompetensignale.

Zar horcht auf, springt empor, die Popen erheben sich.
Die Türken!!

Menschikoff steht auf; rasch
Unmöglich, Herr, das ist kein ernstlicher Alarm.

Katharina guckt in ihren Fächerspiegel und lacht.
Die Türken, ja, jawohl, die Herren Türken.

Menschikoff zum Zaren
Gestatten, Majestät, daß ich mich draußen selber überzeuge.

Katharina langsam, gedehnt und überlegen, steht auf und winkt ihm.
Das ist nicht nötig, Menschikoff, bleibt ruhig.
Ich kann Euch sagen, was Ihr draußen sehen werdet.
Die Türken ziehen ab – und kommen erst von neuem wieder,
Wenn Ihr den Waffenstillstand jetzt nicht schnell benützt,
Das Lager abbrecht und den Frieden schließt
Und schleunigst heimkehrt nach Sankt Petersburg.

Zar aufgebracht
Die Türken sind doch keine launenhaften Weiber,
Daß sie den größten Vorteil spielend fahren lassen
Und einen großen Sieg zum Scherz verpassen.

Katharina.
So überzeugt Euch selber, Majestät, von aller Türkenlaune!
Wenn Ihr nicht mir glaubt, glaubt dann Euren Augen!

Zar.
Und scheinen auch die Türken wirklich abzuziehen,
So ist das eine Täuschung nur für Augenblicke.
Sie legen sich in einen Hinterhalt, die Schelme;
Nur Kriegslist ist die fröhliche Musik,
Und solch ein schneller Abbruch der Feindseligkeiten
Ist nur ein plumper Türkenwitz, uns irr zu führen,
Zu plump, und kann nicht mal die jüngsten russischen Kadetten
Auch nur für einen Augenblick verblüffen.

Menschikoff.
Ich glaub' an alle Wunder, die Ihr wirken könnt, Zariza,
An dieses Wunder glaube ich nur halb.

Katharina schneidend
Mir ganz zu glauben, habt Ihr niemals Euch getraut;
Den Mut bringt Ihr nicht auf, Fürst Menschikoff..

Zar.
Wir wollen sehen, daß wir's glauben können.

Er geht an Katharina vorüber zum Zeltausgang rechts; Generale kommen ihm entgegen.

Zar zum ersten General
Was meldest du, sind wirklich alle Türken Narren?

General freudig
Ich melde, Majestät: wir leben wieder.
Breit ziehen sich die Türken aus der Front zurück.
Sie geben ihre besten Positionen auf,
Die Gräben und die Schanzen werden ringsum leer,
Die Berge lautlos, einsam überall,
Als ob sich in dem Sand ein Meer verläuft.
Es ziehen alle Regimenter sich unter frohem Spiel zurück,
Als ob die Türken ganz ins Nichts verschwinden.

Zar.
Nur meinen Augen ist zu trauen, und nicht den euren,
Wenn euch Armeen wie Gespenster schnell verfliegen.

Zweiter General.
O Majestät, uns allen ist ein Strick vom Hals genommen,
Die Wälder stehen offen und alle Wege frei!

Der Zar geht an der Spitze aller Generale hinaus; die Popen folgen. Katharina stellt sich Menschikoff in den Weg, der folgen will, sich aber einen Augenblick am Tisch anhält, weil er fast vor Aufregung zittert.

Menschikoff.
Mir zittern meine Knie, Zariza, zum ersten Mal im Leben.

Katharina.
Ihr zittert, Menschikoff, weil wir hier plötzlich einsam steh'n im Zelt allein;
Nach langer Zeit mal wieder Aug' in Aug'
Seid Ihr allein mit einer, die Ihr umgangen habt mit Absicht stets,
Vergessen und vermieden auch nicht ohne Grund.

Menschikoff.
Ah, Majestät, Zariza!

Katharina.
Müßt Ihr nicht zittern, jetzt allein zu sein
Mit einer, die Ihr Majestät anruft,
Und die Zariza worden ist, und die die Macht hat,
Die am ganzen Leib Euch zittern machen kann?

Menschikoff.
Vor Freude, daß Zariza und der Zar gerettet;
Die Freude übern Abzug aller Türken kam zu schnell,
Daß ich mich für Sekunden fassen mußte; –
Verzeiht die große Schwäche!

Katharina.
Ihr zittert nicht vor Angst, nicht vor der Kaiserin?
Nicht vor dem Weib, das Euch befiehlt, zu zittern?
Nicht vorm Alleinsein, Fürst, mit mir? – Ihr solltet zittern!
Ich will, daß Ihr Euch fürchten sollt vor meinen Augen!

Menschikoff.
Zariza, nein, ich zittre nicht vor Euch;
Ich fürchtete doch eben nicht den Tod, –
Warum sollt' ich vor einem Menschen zittern?

Katharina.
Weil ich es bin, der Mensch, vor dem Ihr zittern sollt!
Weil ich es will, die Frau, die hier im Kaiserzelt befiehlt!
Wenn ich es will, so zittert Ihr, verstanden, Menschikoff!

Menschikoff.
Wenn Euch auch noch so viel dran liegt, Zariza,
Kann ich das Zittern doch nicht wie das Tanzen lernen.

Katharina.
Ich, Katharina, ich befehl' Euch nochmals:
Ihr habt zu zittern, Menschikoff, bei meinem Anblick wie ein Kalb!
Ich, die Zariza, will es so. Ihr zittert!

Menschikoff ironisch
Ich zittre, Majestät!

Katharina.
Ihr lügt! Ihr rührt Euch nicht.

Menschikoff.
Ich gebe mir die größte Mühe, von heute ab vor Euch zu zittern, o Zariza,
Doch bei der Mühe müßt Ihr's dann auch sehen.

Katharina.
Weißt du nicht, wie du damals zitternd dagestanden,
Als du dem Zaren mich verschenken mußtest?
Weißt du nicht, daß du zitterst in Gedanken
Und vor Erinnerungen heute noch?
Weißt du nicht, was wir beide duldeten seitdem?

Menschikoff.
Ich weiß es nicht mehr, kaiserliche Frau.

Katharina.
Ich bin nicht plötzlich dir im Hirn verschollen,
Du solltest dich besinnen, Menschikoff!
Ich kann dich binnen fünf Minuten
In ewiges Eisen legen und verschwinden lassen.
Ich bin ein Weib und wickle Peter um den Finger.
Ich kann mir gern dein Haupt zum Dank heut' schenken lassen,
Wie einst die Salome das Haupt des Täufers kriegte. –
Ihr zittert nicht vor mir ein wenig jetzt, Herr Menschikoff?

Menschikoff.
Nur für das Vaterland und für den Zaren kann ich zittern.

Katharina drohend
Und –

Menschikoff.
Und – für das Zarenhaus.

Katharina höhnisch auflachend
Aha! Da bin ich auch ein Backstein, an dem Zarenhaus!
Das willst du mich nur deutlich wissen lassen,
Daß ich ein unselbständig Teilchen bin an einer großen Krone,
Und sonst nichts mehr, und nicht ein Weib, das Euch befehlen kann.
        Menschikoff verbeugt sich stumm und tief.
Warum rutscht Ihr mit Eurem Angesicht
Wie eine Flagge auf Halbmast herunter,
Wenn doch an mir nichts ist, was Euch erzittern macht,
Kein Weib, das Ihr bewundern dürftet,
Und keine Herrin, die Euch kommandiert?
Warum verbeugt Ihr Euch vor meiner Nichtigkeit?

Menschikoff,
Ich neige mich nur tief, Frau Kaiserin,
Um Euch zu huldigen.

Katharina.
Hört, Fürst, ich bin nicht immer nur Frau Peter;
Bin Katharina noch vom Scheitel bis zum Absatz.
Ich weiß, Ihr wollt seit meiner Hochzeit nichts
Als nur des Kaisers Gattin in mir sehen,
Bedenkt kaum, daß ich Katharina heut' noch heiße.
Ich bin nicht bloß ein Stück der Krone jetzt!
Ich bleib' ein Weib und hoff', Ihr merkt auch dieses!

Menschikoff.
O, Katharina, deutlich sprecht Ihr, daß es ein Tauber hört.
Und, weil, ein Eheweib zu sein, zu zahm Euch dünkt,
Möcht' Ihr die Dirne gern betonen, die in Euch steckt!
Ich rede mich um Hals und Kopf vor Euch.
Viel lieber, als ich hier Komödie treibe,
Sag' ich es frei heraus und zittere nicht:
Zur Spielerei der Kaiserin bin ich nicht tauglich.
Das sag' ich, ob's auch grob klingt, Euch ins Angesicht.
Die Dirne mag es hören und – die Kaiserin verzeihn.

Katharina verstellt sich rasch; ganz umgewandelt klatscht sie plötzlich in beide Hände.
Bravo, – bravo, mein Menschikoff! Bravo, mein Fürst.
Ihr seid noch ehrlich stets dieselbe Haut,
So wie ich selber ehrlich bin noch heut' zu Euch.
Bravo, bravo, Ihr habt die Probe gut bestanden
Und in Versuchung standhaft, brav und klug geredet
.
Ich werde dieses meinem Peter gleich berichten.
Er zweifelte wohl niemals sehr an Eurer Treue.
Auch ich nicht. Aber besser war die Probe.
Ihr seid nun echt und treu befunden von der Zarin,
Ein Ordensband habt Ihr mit Eurer Haltung frisch verdient.
Die Hand darauf, schlagt ein, daß Ihr vergeßt,
Daß wir in dieser Stund' Komödie spielen mußten,
Um zu erkennen, ob Ihr Treue haltet Eurem Zaren.
Und jetzt aufs Knie! Küßt schnell die Hand noch der Zariza!
Mein bester Menschikoff, ich danke mehr dem Himmel heute
Für einen Helden und getreuesten Vasall des Zaren
Als für den schnellen Abzug aller Türken.
        Sie reicht ihm die Hand.
Mein Fürst und Feldmarschall!

Menschikoff hat erst verblüfft zugehört, dann noch verblüffter seine Kniee gebeugt und die Hand der Kaiserin an die Stirne geführt, ohne sie zu küssen. Katharina nickt ihm zu und geht links durch den Zeltvorhang.

Menschikoff lockert sich seinen Kragen, setzt sich vor den Tisch und hält sich den Kopf mit beiden Händen.
Geb' mir doch einer einen Backenstreich,
Daß ich doch sicher wüßte in dem Augenblick
Hab' ich den Kopf noch wirklich in den Händen!
Die Türken ziehen ab, und eine Zarin läßt sich Dirne schimpfen.
Ich glaube, Weiber sind aus Fleisch und Blut Gespenster;
Und 's ist gefährlicher, harmlos am Mittag einem Weibe zu begegnen,
Als einem Toten auf dem Kirchhof nachts.
Das Stuhlbein wackelt, oder meine Beine wackeln?
Ich zittere wahrhaftig jetzt am ganzen Leib.
Wüßt' sie's, sie würd' sich's nicht entgehen lassen.
Ich zittere wahrhaftig jetzt vor diesem Frauenzimmer.
Herr Gott, das Zittern packt mich wie ein Schüttelfrost, –
Wie's Wechselfieber, so wie's ihr beliebt.
Ich lass' mich schlachten, leb' ich diesen Tag zu Ende,
Ohne mich Schuft und nochmals Schuft zu nennen.
Der Türkentod erschien mir nicht so schmählich!
Hätt' ich doch niemals einen Unterrock gesehen!
Da kommt schon wieder einer, und ich zittere noch.
        Er steht vom Tisch auf.

Sascha weinend, verzweifelt und wehklagend, kommt von der linken Zeltseite hereingelaufen.
Wo ist der Zar, ach schnell, Herr Feldmarschall!
Es geht zu Ende mit der Kaiserin, –
Sie trank aus dieser Flasche und fiel um.
        Sie zeigt eine kleine Likörflasche, auf der ein Totenkopf gezeichnet ist.
Sie fiel mir kerzengrade in den Arm,
War kreidebleich und kalt und wie erfroren.
Dann, eh' ich mich gefaßt, fuhr sie empor.
Sie tobt, sie schreit und, hört, sie schlägt die Diener,
Sie rast und schlägt die Frauen furienhaft.
Vielleicht war es ein Gift, vielleicht ein Tobsuchtstrank.
Seht nur, ich zog die Flasche unterm Kleid ihr vor,
Als sie mir wie im Starrkrampf in den Armen lag.
Seht nur, ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen
Ist auf das Flaschenschild gemalt.
Zariza stirbt und hat sich sicherlich
Absichtlich oder unbewußt vergiftet.

Menschikoff reißt eine Klingel vom Tisch und klingelt wütend; zwei Diener stürzen herein.
Den Leibarzt her, schleunigst den Leibarzt für die Kaiserin!
Fliegt, er soll Gegengifte bringen, fliegt!

Menschikoff schlägt sich vor den Kopf, während Sascha die Hände ringt; von nebenan hört man Katharinas wildes Gekreisch und Peitschenhiebe.

Menschikoff.
Ist denn die Welt wie eine Schaukel heut', –
Daß sie bald mit mir steigt, bald mit mir stürzt;
Bald wirft's mich oben, bald nach unten hin,
Und nirgends ist ein Halt in diesem Tag.

Sascha hält angstvoll ihren Kopf.
Hört nur, hört, wie sie drüben weiterrast!
Ich fürchte mich, entsetzlich fürcht' ich mich!
Als nahm man einem Aal das Wasser fort,
So haut sie mit dem ganzen Leibe wild.
Da kommt der Zar, gottlob, ich glaube der,
Der kann hier besser als der Leibarzt helfen.

Zar steht unter dem Zeltvorhang, den zwei Kosaken öffnen; mit ihm treten ungefähr zehn Generale ein.
Die Türken, Menschikoff, sie sind wie fortgeblasen.
        Er horcht.
Wer ist verrückt geworden dort, ist's Katharina?!
Sie kann sich wohl vor Freude nicht mehr fassen?
Sie lacht und schreit und weint zugleich, wie's scheint.

Zwei Diener öffnen den linken Zeltvorhang, Katharina, gefolgt von ihrem Mohren, erscheint; der Mohr trägt eine silberne Schmucklade im Arm, dieselbe Silberlade, welche ihr Menschikoff damals mit dem Perlenschmuck gegeben hat.

Katharina deutet auf den Fußboden in der Mitte des Zeltes, wohin der Mohr die Lade stellt, worauf er wieder geht; Menschikoff steht in der Nähe; der Zar, Sascha und die Generale im Hintergrund.
Dahin stell' meinen Schatz, daß ihr ihn alle seht,
Ich kann mein Elend nicht mehr still verbergen.

Katharina wirft sich auf die Erde über den Silberkasten, den sie wie einen Menschen streichelt, liebkost, an sich drückt und heftig anredet.

O du, mein Liebling du! Mein Herz, das an dir hängt,
Schreit laut und will noch lauter nach dir rufen
Bist nur ein leerer ausgeleerter Kasten,
Darin mein Schmuck einst und die Juwelen lagen.
Ich stürzte alles um und schüttete es hin,
Ich hab's verschleudert, ach, mein Allerheiligstes.
        Sie öffnet den Schmuckkasten.
Jetzt bin ich bettelarm, und ohne Freudenschimmer
Sieht mich der Kasten leer und wie ein Sarg hohl an.
Steh' nicht so tot vor mir, zerspringe doch,
Sieh' mich nicht an, wie's Grab, so unergründlich!
O, Herzgeselle, Schatz, wie arm bin ich,
Wie leer und hoffnungslos siehst du mich an!
Bist wirklich du ein Sarg jetzt nur, darinnen ich
Die Tränen, meine Tränen all' versenke?
        Sie weint, über den Kasten gebeugt, und streichelt ihn fast hysterisch.

Sascha zum Zaren
O Majestät, ein Tröpflein nahm sie nur aus dieser Flasche, –
Gleich wie die Hölle rast der Tropfen ihr im Hirn.
Seht nur, sie spricht zu ihrem Silberkasten,
Den ihr Fürst Menschikoff als Morgengabe einst geschenkt,
Darin sie die Juwelen stets bewahrte;
Als wäre er ein Mensch aus Fleisch und Blut,
Spricht sie nicht nur zu ihm, sie küßt ihn gar.

Zar.
Den Leibarzt her, schnell, Menschikoff, den Arzt!

Menschikoff zum Leibarzt, welcher rechts hereinkommt; er zeigt ihm die Flasche.
Da kommt Ihr endlich Arzt! Die Zarin, Herr, –
Aus dieser Flasche trank sie, gebt ihr Gegengift.
        Er fährt sich mit der Hand über die Stirn.
Es hol' der Henker diese heiße Luft im Zelt!

Zar zum Leibarzt
Glaubt Ihr, es hat der Türkenschreck der Kaiserin geschadet? –
Ihr zittert, Menschikoff, daß Euch die Orden wackeln.

Katharina schreit von neuem auf und drückt den Kasten fester an sich, als ob sie ihn schützen müßte vor einer unsichtbaren Hand.
Ich gebe meinen Schatz nicht her, ich geb' ihn nicht;
Mein Schatz, bleib' bei mir; ach, sie trennen uns.
Ich leb' nicht ohne dich, du bist mein Eigentum,
Ich geb' dich nicht aus meinen Händen, nie!
Schatz, sieh, ich werde weinen um dich jede Nacht.
Heb' meine Tränen auf, damit sie Ruhe finden.

Sie fällt erschöpft in einen Stuhl und schließt die Augen. Der Leibarzt, der sie verblüfft beobachtet hat, flüstert dem Zaren zu.

Leibarzt.
Die Flasche riecht sehr unverdächtig, Majestät,
Nach Kornbranntwein und schmeckt auch harmlos so.

Zar.
Nach Kornbranntwein? Nur Schnaps riecht aus der Flasche?
Haha, dann laßt mich mit der Kaiserin allein;
Sie ist nur angeheitert und wird zu sich kommen.

Sascha zum Zaren
Sie stand ganz fest auf beiden Beinen, Majestät.
Sie sprach noch vorhin klar und unverwirrt mit mir;
Doch als sie an der Flasche nippte, sprach sie irr.
Es ist ein Zaubertrank; jetzt öffnet sie die Augen.
Sie will zum Fürsten Menschikoff jetzt sprechen.

Katharina stellt den Kasten auf den Tisch und winkt Menschikoff.
Hier, Menschikoff, hier nehmt den Kasten wieder,
Den Ihr mir einstmals gabt als Brautgeschenk.

Zar tritt zu ihr.
Was ist mit dir, sprich, Katharina, erkennst du deinen Peter?

Katharina aufschluchzend, lehnt sich an Peter, welcher sich zu ihr herabbeugt; sie sitzt immer noch am Tisch.
Ach, Peter, wein' mit mir, ich weine ohne Ende,
Ich gab den Schmuck, die Perlen und die Edelsteine fort,
Die großen Ketten, die mein Brautschmuck waren,
Das alles gab ich fort und kann nicht leben!
Sieh' dir den leeren Kasten an, mein Herz zerreißt.
Mein Schatz legt nie mehr sich um meinen Hals,
Liegt nie mehr an der Brust mir hell zur Freude,
Kahl und verödet muß ich jetzt vorm Spiegel stehen,
Seh' mich im Traum noch einsam, daß ich weine!

Zar.
War Gift in dieser Flasche oder Wodka?

Katharina.
Ihr glaubt wohl alle, daß ich trunken bin?
Ich bin's vom Elend, nicht von diesen Tropfen.
Die Flasche trug ich nur im Zelt bei mir des Nachts,
Und wenn ich friere, trink' ich einen Tropfen, –
Damit man nicht den Schnaps, der mich geniert,
Im Glas entdeckt, ließ ich den Tod drauf malen.

Zar.
Und warum wirfst du dich auf den Juwelenkasten
Und weinst, zum Gotterbarmen, ohne Ende,
Und redest irr, als ob ein Mensch dir stirbt?
Wo hast du die Juwelen hingegeben?

Katharina.
Setzt Euch, damit ich's allen schnell erzähle.

Der Zar setzt sich.

Zar.
Neugierig bin ich wie vor einer Schlacht,
Woher der Aufruhr kommt, der uns erschreckt.

Katharina klagend zum Zaren
Ach, daß ich jetzt in Ewigkeit an deiner Seite
Als eine arme Kaiserin hier sitzen muß, –
Das ist der Aufruhr, der nicht austobt mehr.

Zar.
Sag doch, wer hat dich denn so arm gemacht,
Daß du zerschlagen bist am ganzen Leib?

Katharina.
Ach ja, wer hat mich arm gemacht, ja, wer?

Zar.
Sag, wer? Sag, wer dir deinen ganzen Schmuck wegbringen durfte?

Katharina.
Für Euch gab ich mein bestes her von Herzen.
Für Euch gab ich das beste Schmuckstück her.
Für Euch und mich, damit wir hier regieren
Und Zar und Zarin sind im großen Reich.

Zar.
Den Türken gabst du Schmuck und Kronjuwelen?
Den türkschen Großwesier hast du bestochen,
Damit der Waffenstillstand und der Rückzug glückt?

Katharina.
Du gabst mir freie Hand, zu handeln nach Belieben.
Die Schnüre aus Rubinen und Smaragden,
Saphiren und Brillanten gab ich hin.
Die Perlenketten und die goldnen Diademe,
Was mich geschmückt und an mir hell geleuchtet,
Das wie das helle Lächeln war von meinem Lebensglück,
Ach, alles Licht aus meinem Leben gab ich fort.

Zar feierlich
Das hast du als Zariza groß und echt getan,
Nimm meinen Dank und Dank vom ganzen Reich.
        Er steht auf und reicht ihr beide Hände.

Katharina.
Ach, Peter, danke nicht, mir nützt kein Dank.
Ich bin den Dank von dir nicht wert,
Und er ersetzt mir niemals den Verlust.

Zar.
Ich kann dir alles wieder reich ersetzen;
Die Berge im Ural sind unerschöpflich,
Um tausend Kaiserinnen würdiglich zu schmücken,
Und alle Berge werden es dir reichlich danken.
Ach, weine nicht und trage über hohe Tat nicht Reue.

Katharina weinend
Ich kann nicht leben ohne diese reichen Ketten,
Die sich wie feste Arme um den Hals mir legten
Und prächtig sich in meine Schultern drückten.
Ich weine; ach, wie bist du herzlos, Peter!
Du willst, daß ich mein Glück ganz tränenlos entbehren soll.
Ach, Peter, den Verlust, den überleb' ich nicht,
Ich hing am Schmuck des Menschikoff wie an der Erde.
Jetzt bin ich losgerissen, und unter mir der Boden ist wie Luft,
Ich fühle mich nicht reich mit goldnen Ketten
Ans Leben und ans Glück der Welt gefesselt.

Zar.
Ein jeglicher Soldat im Lager soll es schnell erfahren,
Was du geopfert für den Zaren, Kaiserin!
Und neue Ketten schaff' ich dir, geduld' dich nur,
Bald findest du an neuem Schmuck dein Lachen wieder.

Der Zar winkt den Generalen und geht an der Spitze der Generale durch den Zeltvorhang rechts hinaus; Menschikoff, am ganzen Körper zitternd, steht unentschlossen, nähert sich rasch, fast unbeholfen Katharina und stößt hervor:

Menschikoff.
O Zarin, jenen Schmuck des Menschikoff,
Den handeln wir, so wahr ich lebe,
Zurück auf diese Schultern, die ihn jetzt entbehren.
Der Schmuck ist nicht zu Luft geworden,
Wenn sich sein Glanz für Zeiten auch verlor.

Menschikoff verbeugt sich beinahe brüsk und folgt zitternd den Generalen.

Sascha bückt sich schnell zu Katharina.
Er zittert, Kaiserin, der Menschikoff, –
Seht nur, er zittert wie ein Zitteraal,
So habt Ihr ihn erschreckt mit dem Gerase.

Katharina steht auf, streckt beide Arme in die Luft, dehnt sich.
Uff, uff, uff, wie muß man schreien in die taube Welt,
Bis man verstanden wird von einem einzigen.

Sascha rasch
Zariza haben nun doch recht behalten:
Die Türken zogen ab, wir werden nicht geprügelt,
Und alle Knöpfe riß ich ganz umsonst vom Kleid;
Nicht einer sagte wahr, die Knöpfe logen alle.

Katharina matt und seufzend
O Sascha, deine Knöpfe sagten alle wahr,
Ich fühle mich am ganzen Leib geprügelt.
Das Schicksal hat die Sehnsucht sich geschickt erschaffen.
Sehnsucht ist eine böse Knute uns, die mürbe haut.
Und, demütig vor Sehnsucht, fühle ich
Mich mehr als Bettelweib denn Kaiserin von Rußland heute.
Ich bettelte mit allen Künsten hier
Um meinen Liebsten, der mich fast vergessen.

Sie wirft die Hände über den Tisch und legt den Kopf schluchzend in die Hände.

 

Vorhang

 

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