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Die Spielereien einer Kaiserin

Max Dauthendey: Die Spielereien einer Kaiserin - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Spielereien einer Kaiserin
authorMax Dauthendey
year1910
firstpub1910
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleDie Spielereien einer Kaiserin
pages235
created20120428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Akt

Das Frühstück

Personen des ersten Aktes

  Fürst Menschikoff
Katharina, seine Geliebte
Zar Peter I.
Sascha, Prinzessin und Kammerzofe bei Katharina
Der Haushofmeister bei Menschikoff
Diener

Gardeoffiziere, Kosaken, Diener, Küchendiener

Erster Akt: In einem Schlosse des Fürsten Menschikoff bei Moskau 1703

 

Charakteristik der Hauptpersonen des ersten Aktes

Katharina ist fast ein Jahr lang die Geliebte des Fürsten Menschikoff gewesen und weiß sich zugleich vom Zaren geliebt. Sie ist selbstbewußter, ohne stolz zu sein. Ihre Bewegungen sind befriedigter, aber sie ist von der Unruhe einer Unsicherheit Menschikoff gegenüber beherrscht. Ihr Stern ist im Aufsteigen begriffen.

Sie ist sich aber ihrer ganzen leidenschaftlichen Liebe zum Fürsten Menschikoff noch nicht bewußt, trotzdem sie davon redet. Sie handelt noch despotisch willkürlicher mit sich selbst als früher.

Sie trägt zuerst ein grellblumiges Morgenkleid, weit und lose. Große Blumenmuster sind wie auf einer Tapete in Riesensträußen eingewebt. Auf dem Kopf, der unfrisiert, ist eine Riesenhaube aus weiß- und blaugemusterten Riesenschleifen. Die Haube sitzt etwas liederlich, und das Bandwerk hängt herunter bis auf die Kniee.

Später erscheint Katharina hochfrisiert mit Bändern, Federn und in ein weinrotes Damastkleid weitbauschig gekleidet. Sehr tief in die Brust ausgeschnitten, eine lange Schleppe am Kleid. Das Kleid zeigt Riesentrauben als Muster eingewebt. Sie ist geschminkt und gepudert, trägt aber keinen Schmuck.

 

Bühnenbild des ersten Aktes

Ein schneeweißer Pavillonsaal im Hause des Fürsten Menschikoff, im Stil Ludwigs XIV.

Lange Reihen hoher Fenster und Spiegelreihen, in die Wände eingelassen. Weiße Möbel. Eine breite Türe im Hintergrund links, die in das Treppenhaus führt und immer offen ist. Eine Tür in die Seitenwand rechts in die Wohnräume verschlossen. Der Saal ist sehr elegant und fürstlich, weiß in weiß gestimmt.

An der Wand links ist ein Ölbild (Brustbild), das Katharina darstellt im blauen Reitkleid aus Marienberg, in einem silbernen Rahmen zwischen Wandspiegeln eingelassen. Das Bild ist wie eine Schranktür beweglich; dahinter steht in einem Wandschrank ein silberner Schmuckkasten. Auf einem Seitentisch Tintenfaß und Gänsefeder. Durch die Fenster sieht man Seitenflügel des Schlosses mit vielen Fenstern. Auf weißem Serviertisch stehen goldene Fruchtschalen mit Äpfeln und Nüssen. Gläserne und silberne Weinkannen und Becher und Gläser. Links vorn eine Causeuse. Rechts gegen die Mitte ein für drei Personen gedeckter Tisch mit Stühlen.

 


 

Das Frühstück

Der Haushofmeister deckt mit einigen Dienern den Tisch.

Menschikoff mit Orden beladen, in Galauniform, kommt rasch von rechts herein, seine Orden an der Brust mit dem Ärmel putzend; er sieht rasch die Frühstückstafel an.
Ist alles jetzt bereit, Herr Haushofmeister?
Was fällt Euch ein? Die goldnen Teller her!
Wenn mir der Zar die Ehre schenkt in meinem Haus,
Laß ich ihn nie aus Zinn und Silber speisen.
Was fällt Euch ein? Warum wird Goldgeschirr gespart?

Haushofmeister.
Das letzte Mal, als uns der Zar beehrte,
Wart Ihr, Fürst Menschikoff, sehr aufgebracht nachher.
Der Zar stieß Euch den Tisch im Eifer um.
Zu Scherben schlugen alle Chinatassen aus Pekingporzellan.
Viel Scherben hinterließ der Zar im Haus.
Da wollt' ich heut' die goldnen Teller schonen.

Menschikoff.
Das hätte mich geschert, das Porzellan!
Der Zar kann mir mein ganzes Haus zerstampfen.
Mit keiner Wimper zuck' ich nach dem Kram.

Haushofmeister während unter der Tür Katharina mit riesiger Morgenhaube und großblumigem, etwas grellem, geschmacklosem Morgenkleid erscheint.
Verzeihung, Exzellenz,
Verzeihung, Exzellenz, daß ich Euch widerspreche.
Damals habt Ihr acht Tage lang geflucht.
Selbst hier Madame kann mir's gewiß bezeugen.
Das Chinaporzellan ging Euch zu Herzen.

Katharina tritt langsam ein, sieht sich die Vorbereitungen an.

Menschikoff nachdenklich und harsch
Ich weiß nichts mehr, Gottlob, ich bin vergeßlich.
Bringt jetzt das Goldgeschirr, Herr Haushofmeister,
Und eilt Euch, weil wir gleich den Zar erwarten.

Haushofmeister verbeugt sich und geht mit den Dienern.

Katharina nimmt sich einen Apfel vom Serviertisch. Menschikoff hat sich auf einen Sessel in den Vordergrund gesetzt; er hat nur Katharina flüchtig zugenickt. Er putzt aufmerksam und nachdenklich einen Orden nach dem andern. Katharina, einen Apfel kauend, stellt sich hinter Menschikoffs Stuhllehne. Nach einer Weile spricht sie spöttisch und scheinbar gleichgültig
Der Haushofmeister, dieser Esel, hat ja von damals nichts begriffen, Exzellenzchen.
Damals, da konntest du noch toben, fluchen, rasen.
Der Zar, der mußt' dein ganzes Porzellan dir erst zerschmeißen,
Du gabst mich nicht so mir nichts dir nichts hin.
Der Zarenpeter wurde blau vor Wut,
Schlug mit der Faust die Tassen kurz und klein.
Da hättest du ihn gern bei Nacht und Nebel
Aus deinem Hause an die Luft gesetzt.
Wie ein verliebter Stier, so tobte seine Hoheit.
Ich sollt dem Landesherrn den Kußtribut entrichten –
Und Trine zahlte notgedrungen Steuern.
Du hätt'st dem Peter gern die Faust gezeigt
Und ihn erdrosselt, statt mich herzugeben,
Wenn wir dich nicht im Trunk gebunden hätten,
Mit einem Sattelriemen festgefesselt.
Und hattest früher doch so manche Freundin oft
Mit deinem hohen Freund geteilt!
Nur mich hast du verweigert seiner Majestät,
Der du sonst treuster Diener bist bei Tag und Nacht.
Für mich ward ungehorsam der Gehorsamste.
        Katharina streichelt mit einer Hand das Haar des sitzenden Menschikoff.
Liebster, das habe ich dir nie vergessen,
Daß du den Zaren fast ermorden wolltest,
Als er den Kuß erzwang, den ich nicht willig gab.
Ich, Trine, weiß seitdem, daß ich dir unentbehrlich.
Ich, Kathja, ich bin Trumpf, Trumpf bei dem Fürsten Menschikoff.
        Katharina kaut wieder weiter an ihrem Apfel, Menschikoff hat mit den Achseln gezuckt.
Wenn du auch oft mich übersehen willst in letzter Zeit
Und tust, als sähst du rechts und links an mir vorbei,
Und sagst im Zorn, du möchtest dich erholen
Von Liebe, die dich übersättigt hat, –
Sieh Schatz, du redest öfters polternd wie ein Lump.
Ich bin nur deine Freundin hier, nur Katharina hier im Haus,
Und nicht Frau Exzellenz, nicht eine Menschikoff und nicht Frau Feldmarschall.
Weil mich der Zar mit dir geteilt ein Mal,
Willst du mich nicht der Ehe würdig halten. –
Niemals hätt' ich mich deinem Zar gegeben,
Wär ich dein Weib und trüge deinen Namen.
So aber war es besser, ihm zu Willen sein,
Als ihn zu allerhöchstem Zorn zu reizen
Und dich und mich auf das Schafott zu bringen.
Denn Widerstand im Liebeshandel verzeiht kein Zar.
Er hätte blitzschnell uns den Kopf rasiert.

Menschikoff ohne aufzusehen
Schweig still, ich sagte schon, daß ich vergeßlich sei.

Katharina fährt fort.
Und alle Freunde hier im russ'schen Lande teilen die Freundin mal.
Du aber willst es nie vergessen, und du behauptest noch,
Daß du vergeßlich seist, und liebst mich kaum noch halb,
Auch nicht ein Zehntel mehr wie sonst.
Ich sage dir noch einmal, Fürst, du kennst dich nicht.
Die Kathja, die ist Trumpf in deinem Leben,
Trumpf bleibt sie bis ans Lebensende dir,
Das fühlt sie, seit –

Menschikoff.
Das fühlst du, seit du mich verraten hast!
Verschenkt hast du dich an den Zar zur Spielerei.
Ob Zar, ob Schuster, bringt nicht Unterschied,
Denn Mann bleibt Mann bei Weibersachen.

Katharina.
Nun gut, aus Spielerei, wenn du's behauptest.
Nur um dein Leben nicht aufs Spiel zu setzen,
Spielt' ich mit meiner Lieb' va banque.

Menschikoff.
Mein Leben kümmerte mich sonst in keiner Schlacht.
Warum soll ich für's Leben stündlich zittern jetzt?
Ich lebe wie im Kriege mit mir selbst –
Seit jener Nacht, da dich der Zar besaß.

Katharina.
Der Zar köpft jeden Widerspruch.
Er hätte auch den Menschikoff geköpft,
Der ihm die Freundin für den Kuß verweigerte.
Des Friedens halber gab ich mich zum Scherz dem Zaren.

Menschikoff.
Dir war nur scherzhaft, eine Spielerei, der Kuß,
Wie man zum Nachtisch ein Vielliebchen teilt.
Ich hab' es jetzt vergessen, nochmal sag' ich's.
Ich will vergeßlich sein.

Katharina.
» Vergessen« heißt das Leben weiterleben
Ganz ohn' Erinnerung an das, was war.
Du aber lebst nicht weiter mehr wie sonst.

Menschikoff steht auf.
Ich lebe weiter und vergesse täglich.

Katharina.
Und glaubst, du kannst mich bald vergessen ganz
Und eines Tages mir den Rücken wenden.
Und die Vergeßlichkeit soll ich dann mit dir teilen,
Und soll nur neben dir noch aus Gewohnheit gehn,
So wie ein Zeiger an der Uhr dem andern folgt.

Menschikoff ist ans Fenster getreten, hat seine Taschenuhr herausgezogen und richtet sie nach der Schloßuhr; indessen kommt der Haushofmeister mit den Dienern; diese bringen die goldenen Teller, decken rasch und gehen wieder.

Katharina ist an den Spiegel getreten, hat ihre Haube abgenommen, schüttelt ihre rotgoldnen, unfrisierten Locken zurück, setzt die Haube wieder auf und spricht dabei in den Spiegel zu Menschikoff.
Der Zar kommt heute wie das letzte Mal ganz ungeladen,
Vielleicht bin ich der Köder wieder, der ihn lockt.
Ich glaube fast, der Zar ist dir willkommen?
Wenn er den Finger nach mir streckt im Rausch,
Löst er den Zwiespalt dir in deinem liebeslahmen Herzen.
Ich fühl's, du gibst mich frei ganz ohn' Gewissensbisse!
Wir werden dich heut' nicht erst binden müssen mit Riemenzeug,
Damals, da branntest du, heut' tust du ausgebrannt.
Bist aber nur ein Krater, der sich tief versteckt.
        Sie läuft mit beiden Armen auf ihn zu.
O, Menschikoff, muß ich mir täglich Liebe neu erbetteln
Und kann nicht mehr wie sonst dich blindlings lodern sehn?
Ach, küß mich, rasch, eh noch der Zar erscheint!
Dann fühl' ich dich im Blut und kenn' ihn nicht, den Peter,
Dem ich am liebsten niemals mehr begegnete.

Menschikoffsteckt seine Uhr ein, eiskalt weicht er Katharina aus; setzt sich wieder und putzt seine Orden weiter.

Katharina betrachtet ihn eine Weile und tritt empört vor ihn hin.
Läßt du mich betteln, betteln, betteln stets,
Du weißt nicht, wie das tut, wenn man regierte einst
Ganz eines Mannes Herz und fühlt sich drin entthront.
Nah an den Haß und Mord treibt diese Folter.

Menschikoff sieht nicht auf.
Wenn ich den letzten Orden bald geputzt erst habe,
Hoff' ich, daß du nicht länger lamentierst.
Solang' dir Äpfel schmecken auf den nüchtern' Magen,
Wirst du wohl lieber kauen als mich morden.

Katharina wirft ihm ungeduldig den Apfelrest vor die Füße und setzt die Haube wieder auf.
Pfui, selbst den süßen Apfel kannst du einem
Mit deinem Diplomatengift im Mund versauern.

Menschikoff sieht aus seinen Gedanken auf und entdeckt jetzt erst, daß Katharina noch nicht zum Empfang für den Zaren angekleidet ist.
Madame, wollt Ihr den Zaren so empfangen,
Im losen Morgenkleid und in der Morgenhaube?

Katharina kehrt ihm den Rücken.
Ich will den Zaren gar nicht wiedersehn,
Ich komme nicht zu Tisch, Ihr könnt ihm sagen,
        Sie macht eine kleine Pause und platzt heraus
Ich sei verschnupft –

Menschikoff steht auf.
Ihr wollt den Zaren nicht begrüßen,
Und er erwartet's doch?!

Katharina.
O, mag er mich erwarten, bis er Rost ansetzt!
Ich sag' Euch nochmals, nie will ich ihn wiedersehn!
Sagt ihm, ich sei heut' außer Lands gegangen;
Ja, sagt ihm das, lügt schnell, ich sei verreist.

Menschikoff.
Schnell lügen können wohl wir Diplomaten,
Wenn sich's fürs Vaterland zu lügen lohnt.

Katharina.
Und für die Liebe lohnt sich keine Lüge?

Menschikoff.
Wer's Lieben und das Lügen einstudiert,
Nein, dem schlägt beides fehl.

Katharina.
So sagt, ich sei betrunken, und ich trinke
Und trinke, daß ich den Besuch verschlafe.

Menschikoff.
Betrunken bist du ihm erst recht willkommen.
Der Zar fühlt sich am wohlsten bei Betrunknen.

Katharina.
Ach was, find selbst, was mich entschuldigt bei dem Zaren!
Für was seid Ihr denn Diplomat, mein Fürst?

Menschikoff brutal
Vielleicht hat er vom letzten Mal genug.

Katharina neugierig
Du glaubst, der Zar könnt' mich nicht sehen wollen?

Menschikoff höhnisch
Ich glaub' bestimmt, er denkt nicht mal daran.

Katharina erkennt plötzlich, daß er sie verhöhnt.
Fuchs, packst du mich an meiner Eitelkeit,
Damit ich mich aus Trotz erst recht dem Zaren zeige?
O, du, du, du, – du hast mich nie geliebt!
Ich sollte dich zur Strafe gleich verlassen!
Ich tu's. Ich gebe mich dem Zaren, wenn er kommt.
Er nimmt mich mit. Ich werd' Zariza!

Menschikoff.
Du glaubst, daß man's im Handumdrehen wird?

Katharina.
Du glaubst, weil ich nicht Fürstin Menschikoff noch heiße,
Nur deine Freundin bin für Bett und Tisch,
Glaubst du, ich könnt' den Zaren nicht bezwingen?
Zariza nicht und deine Herrin werden?
Ich sage nicht, daß ich es will; doch, Freundlein, reize nicht
Das Weib, das heut' noch stündlich herzlich Sklavin ist!
Es könnte morgen dich aus Haß regieren wollen,
Es könnt' die Lust im Herzen plötzlich spüren,
Den Mann, der nicht aus Lieb' mehr vor ihm zittert,
Zittern zu machen vor der Herrscherlaune.

Menschikoff plötzlich heftig leidenschaftlich
Komm, setz dich hier auf meine Knie, komm, Katharina!
Wir haben kaum noch fünf Minuten Zeit.
Ich muß dich noch einmal, wie du es willst,
Von Herzen küssen, eh' der Zar erscheint.

Katharina erstaunt und sich zögernd auf seinen Schoß setzend, ironisch
Du wirst vertraulich, Freund, bei lauter Eile,
Und ich argwöhnisch vor so vieler Gunst.

Menschikoff.
Ich muß dich küssen, weil ich Lust verspüre
Nach einem Kuß aus alter, lieber Zeit.

Katharina.
Ach, muß man dich das Küssen lehren,
Indem man dich erst eifersüchtig macht?
        Sie fällt ihm zärtlich um den Hals.
Nein, wäre ich Zariza auch,
Du sollst mich immer, immer küssen dürfen.

Menschikoff.
So lang' ein anderer dich küßt, würd' ich verzichten.

Katharina.
Sag' mir, warum du plötzlich heftig bist!
        Er küßt sie leidenschaftlich.
Du nimmst mir allen Atem, Schatz!
So atemlos wie du küßt keiner mehr.
        Plötzlich umgewandelt und erschreckt
Herrgott, soll das ein Abschied sein, weil du nicht lachst?
Du gibst mich her? Du willst mich heut' verstoßen! –
Nein, du vergißt es nie, daß mich ein anderer umarmte.
Ich soll es büßen! Du verschenkst mich heut'?

Menschikoff ausweichend und traurig
Nur die Verliebten wittern fein wie du . . .

Katharina erschreckt fragend
Will er mich heut, der Zar – und gibst du mich?
Du tust's? –

Menschikoff ausweichend
Er ist der Zar, und ich – –

Katharina heftig
Und du bist Menschikoff
Und mein Geliebter, mein Geliebtester!
        Sie umarmt ihn.

Menschikoff macht sich sanft los.
Du liebst es, zu regieren, hast du oft gesagt.

Katharina springt auf, plötzlich verändert, kaltblütig
Regieren? Ja, dafür geb' ich mein Leben.
Dürft' ich doch stets regieren wie ein Kaiser!

Menschikoff nachdenklich
Du möchtest, daß ich dich zur Exzellenzin mache,
Damit du hier befiehlst, als Feldmarschallin?

Katharina abwehrend und wieder zärtlich
Das fällt dir doch zu schwer, das späte Angebot.
Nein, Exzellenzchen, nein, ich will –
Ich will dir Freundin sein, nicht Frau.

Menschikoff.
Hoho, der Titel Exzellenz scheint wenig
Der einst gewesenen Dragonerfrau?

Katharina halb spöttisch, halb verletzt
Jawohl, entweder Bauernfrau,
Wo ich dem Vieh befehle und dem Grobzeug,
Oder das Feinste von dem Feinem gleich –
        Sie wendet ihm den Rücken.
Zariza gleich, wenn du mich nicht mehr liebst.

Menschikoff geht versöhnend zu ihr.
Wir nehmen Abschied diese Stunde noch vielleicht,
Der Zar kommt deinethalben heute her,
Er schrieb, ich soll dich auf ihn vorbereiten.

Katharina traurig und ernst
Warum kannst du mich nur zum Abschied küssen?
Liebhaben, wenn du mich dann nicht mehr willst?
Sollst mich nicht küssen, wenn du mich verläßt.

Menschikoff spricht vor sich hin.
Weil mir mein Herz, seit du's getäuscht,
Die Lieb' nicht stündlich mehr befiehlt,
Kann ich dich küssen und zugleich verlassen.

Katharina wütend wie in Krämpfen gesteigert aufschreiend
So werd' ich, ach, so wahr ich Katharina heiße,
Dein Herz dressieren, bis es stündlich folgt;
Bis es für mich zum Hund und Mörder wird,
Will ich dein Herz dressieren mit der Knute.
Ich will regieren wie ein Ungewitter
Und über deinem Leben drohend stehen
Und will dich hassen und verachten, Mensch,
Und betteln sollst du, betteln wie ich selbst;
Ich will dich lehren zittern vor der Liebe,
Und will dich leiden sehen, wie ich leide.
Verschenk mich an den Zaren, wenn's beliebt,
Ich wünsche mir nicht Bessres auf der Welt,
Regieren will ich und befehlen, und herrschen über dich!
Fürst Menschikoff, von heut' ab wird mir's Wollust sein,
Wenn mich ein anderer küßt, ohn' Euch zu fragen.

Menschikoff.
Also aus Trotz willst du jetzt Zarin werden?

Katharina in Ekstase
Aus Wollust, Herr, aus reiner Wollust nur.

Menschikoff ironisch
Nun sträubst du dich nicht mehr, den Zar zu sehen?

Katharina.
Vielleicht sträub' ich mich doch und kokettiere.

Menschikoff weich, in einem Anfall von Leidenschaftlichkeit
Ja, sträub' dich, sag' ich dir, ich laß dich nie.
Niemals laß ich dich frei, ich seh' es ein,
Du bist mir Trumpf im Leben, Katharina.

Katharina kalt, traurig und müde, hat sich auf einen Stuhl fallen lassen.
Du suchst mich einen Augenblick von dir zu stoßen,
Den nächsten wieder läßt du mich nicht los,
Das geht seit Monaten und ohne Sinn.
Ich will die Qual für dich und mich beenden.
Ich sträub' mich nicht, wenn mich der Zar verlangt.

Menschikoff plötzlich gleichfalls resigniert
Vielleicht ist's besser, daß wir ehrlich sind:
Den Menschikoff vergiß, der dich vergessen will.

Katharina steht auf.
Mein Gott, ich werd' wie's Eisen in der Schmiede glühen,
Wenn mich der Zar, der's ehrlich meint, heut' warm verlangt;
Schon aus dem Grund, weil ich zuletzt stets bei dir fror.
        Sie steht auf und streckt die Arme befreit in die Luft.
Dein steter Wunsch, mich zu vergessen, der ist Eis,
Eis, das du durch die Zimmer trägst den ganzen Tag,
Und Eis legst du ins Weinglas, Eis ins Bett mir,
Eis in die Küsse und ins Auge Eis,
Daß ich nicht eine Träne weinen werde,
Wenn ich wie Eis jetzt heut' dein Haus verlasse.

Menschikoff weint und streicht sich die Tränen aus dem Schnurrbart.
Ich liebte dich. Du machtest alles freudlos,
Seit du die Freude mir mit Füßen tratst.

Katharina spricht über die Schulter verächtlich.
Die Tränen, die du über dich da weinst,
Sollst du nicht fälschen, als ob's echte wären.
Du sehnst dich fort von mir! Ich gehe fort.
        Menschikoff wischt sich mit dem Ärmel die Tränen von der Brust.
Du wenigstens gewinnst dabei, mein Schatz.
Putz' deine Orden weiter, daß sie glänzen!
Ein Orden ist dir heut' vom Zar für mich gewiß,
Ich wette, deine Tränen sind vor Abend
Ordensbrillanten auf der Brust geworden.

Schlittengeklingel im Hof; kommt näher und wird immer lauter.

Menschikoff horcht auf, greift nach seinem Degen, der auf einem Stuhl hängt.
Die kaiserlichen Schlitten! Sie fahren in den Hof.

Katharina spöttisch.
Wer liebt und haßt, hat feine Nase, feine Ohren.

Menschikoff hat den Degen umgeschnallt.
Der Zar! Die Troika klingelt unterm Fenster schon.

Katharina am Fenster im Hintergrund
Ist das der Zar? Den kenn' ich ja nicht wieder.

Menschikoff fährt wütend im Zimmer herum und sucht seinen Hut. Diener erscheinen in der Tür, die ratlos durcheinander laufen.
Wo ist mein Hut – mein Hut? Verflucht!
Ihr Weiber, o verflucht, ihr seid stets schuld,
Wenn sich die Männer auf der Welt blamieren.
Ich komm' nicht mehr zur Treppe zum Empfang.
Mein Hut!

Er läuft durch die Hintergrundtür. Die Diener hinter ihm.

Prinzessin Sascha kommt durch die Tür rechts in giftgrünem Kleid mit rosa Ausputz.
Madame – Madame – ich muß Euch noch frisieren.

Katharina immer noch am Fenster, sieht ununterbrochen hinunter.
Sascha, ist das der Zar, der an der Treppe hält?

Prinzessin Sascha verwundert, sieht hinunter.
Mich fragt Madame? Es ist derselbe Zar.

Katharina zu Sascha gewendet
Ei, du, Prinzessin Sascha, warst am kaiserlichen Hof!
Hast du dich niemals in den Zar verliebt?
Ich glaube, mit Geduld kann man ihm gütig sein.

Prinzessin Sascha lachend
Madame, ich bin bei Hof von je verachtet,
Weil ich mich mehr zu Dienern hingezogen fühle.
Ach, meine Liebschaften – verriet ich's Euch nicht schon? –,
Das waren Kutscher, Diener, Ofenheizer
Und sind es noch. Die küsse ich am liebsten.
Madame, bin lieber Eure Kammerjungfer hier beim Fürsten,
Als steif in Hoftracht Dame unter Damen.

Katharina nachdenklich, wendet sich vom Fenster zu dem Tisch.
Und wirst du bei mir bleiben, wenn ich Zarin würde?

Prinzessin Sascha in Lachen ausbrechend
Bei Gott, dann möchte ich Hofnärrin sein.
Träf' so was ein, ich hielt mich nicht vor Witzen.
Ihr, die als Frau Dragoner zu uns kamt, –
Trügt Ihr die Krone, würd' ich glauben,
Die Welt steht auf dem Kopf den ganzen Tag.

Katharina hat einen Stuhl ergriffen, den sie zu Seite schleudert, daß er umfällt.
Ich stell' sie auf den Kopf noch heut', die Welt,
Bei Gott, der Zar wird mich versöhnlich stimmen.
Ich bin voll Haß und will nicht betteln mehr
In diesem Haus, wo man mich betteln lehrt.
Ich will regieren hier, so wie mich selbst mein Blut regiert.

Prinzessin Sascha hebt den Stuhl auf und sagt vertraut
Ich hab' gehorcht und weiß, daß alles heute um Euch wackelt,
Doch sieht's nur wacklig aus wie dieser Stuhl,
Der wieder still steht, werft Ihr ihn nicht um.

Katharina.
Sag', welche Farben haßt und welche liebt der Zar,
Damit wir wissen, wie ich mich heut' putze.

Prinzessin Sascha.
Euer spinatgrün Damastkleid mit dottergelbem Spenzer
Das möcht' ich nicht empfehlen;
Zar Peter spottet leicht und sagt vielleicht,
Ihr seid mit gelbem Bauch Eidechsen gleich.
Doch Euer weinrot Seidenkleid mit rotem Traubenmuster,
Das ist auch tiefer in die Brust geschnitten,
Das kann dem Zaren Lust und Euch nicht Langweil bringen.

Katharina.
Dann zieh ich's grünundgelbe schleunigst an.
Die Kleider sollen nicht allein den Zaren locken.
Ich will auch häßlich aufgeputzt heut mal gefallen.

Prinzessin Sascha ist ans Fenster gelaufen und ruft
Im Treppensaal ist der Empfang beendet.
Es ist die höchste Zeit! Wir sind schon viel zu spät.

Katharina melancholisch
Der Zar wird nicht gleich wieder weiterlaufen,
Wenn er gekommen, um mich fortzuholen.

Prinzessin Sascha.
Ich eil' nur, daß der Zar nicht über uns hier stolpert,
Weil Ihr die Vogelscheuche auf dem Kopf noch habt,
Die Riesenhaube da, und seid auch nicht frisiert.

Katharina ist wieder an das Fenster getreten.
Ei, seht, nun ist er aus dem Pelz gewickelt
Und nimmt sich üppig aus wie ein Kapaun.
Er steht im Treppenpavillon vor einem Spiegel
Und dreht sich vor dem Glase wie ein Pfau.

Prinzessin Sascha kommt näher, sieht neugierig hinaus.
Man sieht's auf tausend Schritt, warum er glänzt,
Er geht auf Freiersfüßen heut'; er kann es nicht verleugnen.
Und auch Fürst Menschikoff strahlt unterm Zarenglanz.

Katharina wendet dem Fenster den Rücken und richtet sich auf
Werd' ihm in nichts nachstehen heut', dem Zaren;
Will Schminken, Puder, Berge langer Locken,
Schleppen und Schärpenbänder um mich bauen,
Dem Pomp will ich mit Pomp begegnen.

Prinzessin Sascha die Hände zusammenschlagend und lachend
Beladen wie Kamele, die den Sultan tragen,
So wollt Ihr vor dem Zaren heut' erscheinen?

Katharina spricht über ihre Schulter.
Willst du, daß ich als Gänschen schmachtend stehe,
Als Pastorstöchterlein in Mondscheinfarben?

Prinzessin Sascha.
Ich hab' gedacht, Ihr wolltet ihm mißfallen.

Katharina entschlossen
Der Pomp muß mich verstecken heute,
Damit mein nacktes Herz mich nicht verrät.
Muß mich mit Kleidern dicht maskieren,
Drum will ich Weinrot lieber doch mit Traubenmustern tragen,
Will rauschen wie die Königin von Saba einst vor Salomon,
Weil alles gar so falsch und laut hier rauscht.

Prinzessin Sascha.
Also Ihr wollt dem Zaren imponieren?

Katharina.
Mehr, mehr, – ich will den Zar charmieren, Sascha.
Ich will mir selbst mal imponieren heute,
Will lügen wie die Welt, die Lügen fordert,
Die Lügen trocknen oft die Tränen auf eine lange Zeit.
        Sie drückt die Hände an die Augen.

Prinzessin Sascha.
Weint nicht, Madame! Ihr weint Euch rot die Augen.

Katharina läßt die Hände fallen.
Gut, daß du mich erinnertest, daß ich es bin, die weint.
Für Augenblicke weiß ich es nicht mehr,
Wer spricht mit meinem Mund und horcht mit meinem Ohr.
        Sie horcht auf.
Komm' jetzt, ich hör' die Sporen der Kosaken
        Sie geht rasch zur Tür rechts hinaus.

Prinzessin Sascha folgt kopfschüttelnd.
Herrgott, und diese ungestüme Frau, die will die kaiserliche Hofluft atmen!
Sie hat ein Herz, das geht wie Steppenpferde durch.

Sie gehen beide fort. Kosaken besetzen die Tür und bilden Spalier in den halben Saal hinein. Menschikoffs Diener stellen sich an den Wänden auf. In der Nähe der Frühstückstafel der Haushofmeister. Der Zar kommt rasch herein, sieht sich in der Mitte des Zimmers um, als suche er Katharina. Menschikoff kommt gleich hinter dem Zaren; ein Offizier folgt Menschikoff und überreicht ihm eine Mappe; indessen geht der Zar an den Fenstern des Saales entlang und mustert die Aussicht, als könnte er Katharina finden. Menschikoff bleibt abwartend mit der Mappe im Saal stehen.

Zar im Vorübergehen zum Haushofmeister
Ihr hattet Weiber hier?
Es riecht nach Weiberhaar und Weiberhaut.

Menschikoff fragt den Haushofmeister.
Wer war im Saal, Herr Haushofmeister?

Haushofmeister.
Niemand als nur Madame,
Und die Prinzessin Sascha war bei ihr.

Zar.
Das nennst du niemand, nur – Madame –.
Frau Katharina ist so viel, Herr Haushofmeister,
Daß sich die Luft noch lange nach ihr sehnt.
Ich spür' Madame, wo ich nur steh und geh!

Zu Menschikoff, der sich mit den Depeschen von der einen Seite nähert, während von der andern Seite ein Diener mit einem Tablett und einer Silberkanne und einem Silberbecher an den Zaren herantritt.

Bringst du schon die Depeschen, Menschikoff,
Glaubst, daß ich nüchtern bin und nicht betrunken,
Und eilst dich, eh' ich einen Becher leere?
Du hast dich heute gründlich mal geirrt,
Seit ich von dieser Luft hier atme, bin ich nicht nüchtern mehr
Und brauche nicht erst an den Wein zu gehn.
        Der Zar setzt sich.
Doch zeig' nur deine Federwische hurtig!

Der Diener stellt auf den Wink des Zaren den Becher mit Wein neben den Zaren; Menschikoff winkt den Kosaken; Offiziere, Kosaken gehen durch die Treppentür im Hintergrund fort und die Diener folgen. Menschikoff öffnet dann ziemlich umständlich die Mappe.

Menschikoff allein mit dem Zaren.
Hier sind zuerst die Hafenpläne von Kronstadt, Majestät.

Der Zar ist unterdessen, da Menschikoff in der Mappe blättert, wieder aufgestanden und geht an ihm vorüber und wieder an allen Fenstern vorbei.

Zar leicht ungeduldig
Warum ist sie nicht da?
Hast sie vor mir versteckt, seit letztem Mal?

Menschikoff ausweichend
O Majestät, die Frauen sind nicht wie die Pläne,
Die man voraus bestimmen kann bis in den letzten Zug.
Die Frauen üben gern verquerten Sinn im Leben.

Zar knapp
Mit einem Wort, sie mag den Zar nicht sehen.

Menschikoff.
Mit einem Wort wär das zuviel gesagt.

Zar.
Hat sie vielleicht gar Heimweh nach dem ersten Mann?

Menschikoff.
Ach, alles Mögliche ist möglich bei den Frauen.

Zar rasch
So läßt du sie natürlich schleunigst reisen;
Ich gönn' sie dem Dragoner mehr als dir.

Menschikoff.
Wenn Majestät befehlen, soll sie reisen.

Zar.
Du hast die junge Frau als Beute stets behandelt,
Kaum kam sie damals in das Lager, machtest du sie leibeigen dir.

Menschikoff.
Verzeiht mir, Majestät, bei Kriegszeit ist das Brauch.

Zar.
Das Kriegsrecht hattest du für dich,
Doch nicht das Menschenrecht.

Menschikoff.
O Majestät, das Recht des Stärkeren
Ist auch im Frieden immer russisches Recht.

Zar.
Du meinst, ich übt an dir das Recht des Stärkeren
Und fragt' um Katharina damals dich nicht lange?

Menschikoff.
Ich bin vergeßlich, Majestät, und weiß nichts mehr.
        halblaut
So sage ich, wenn ich nicht grob sein will.

Zar. hört den halblauten Satz.
Oho, du borstiger Kamerad, vergiß dich nicht!
Bist du schon grob zum Kaiser, deinem Freund,
Wie wirst du erst auf deine Freundin gröblich wirken.

Menschikoff aufrichtig
Sie läßt mir nichts an Grobheit nach, Frau Katharina.

Zar schlägt auf einen Tisch.
Sie paßt nicht in die Hände eines Wilden!
Ich kann's nicht dulden, daß du sie verletzt,
Ich will, du gibst sie frei! Verstanden, Menschikoff?!

Menschikoff leise
Verstanden, Majestät.

Zar barsch
Ach was, ich heiße Peter, bin dein Freund,
Wenn wir von Weibern reden sind wir du.
Verstanden, Menschikoff.

Menschikoff demütig
Verstanden – Majest . . . – Peter.

Zar.
Die Majestät sollst du in Moskau lassen!
Ich will mal heut' mein Herz hier leichter reden.
        Setzt sich.
Ich schlafe nicht, ich esse nicht, ich trinke nicht mehr gern,
Nicht Jagd, nicht Pferd, kaum das Gebet bekommt mir.

Er zieht Menschikoff am Ärmel und zieht ihn am Ohr und bekreuzigt sich dabei. Menschikoff bekreuzigt sich gleichfalls.

Zar mit gedämpfter Stimme
Ich bin besessen, hörst du, sag' es keinem!
Im Halse sitzt's, im Kopf, im Gaumen trocken heiß.

Menschikoff murmelt
Warum soll ich das alles wissen?
Ich bin Minister – Leibarzt bin ich nie gewesen.

Zar steht auf, nimmt Menschikoff unterm Arm, geht mit ihm wieder an der Fensterreihe entlang.
Ich bin betrunken Tag und Nacht von ihrem Bild;
Ich seh' das Weib wie meinen Schatten täglich;
Sie geht mir nach, als spricht sie neben mir,
Ich bin besessen, sag' ich, von dem Geist der Frau,
Der mich seit jenem Kuß mit Leib und Seel' besitzt.

Menschikoff nickt ironisch.
Hm – hm –, das kennt man, Peter, kennt man,
Ich kenn' das manchmal heute noch an mir.

Zar.
Du meinst, das gibt sich mit der Zeit, wie jede Krankheit heilt?

Der Zar reißt plötzlich Menschikoff mit einem Ruck am Arm herum, läßt ihn los und tritt dicht ans Fenster, an dem sie eben vorbeigehen, und starrt wie hypnotisiert hinaus. Menschikoff folgt seinem Blick und steht hinter dem Rücken des Zaren.

Menschikoff.
Bei Gott, da steht Madame, am Fenster drüben, und ist splitternackt.
Und läßt sich ohne Hemd zur Schau vor uns frisieren.

Zar aufatmend
Seht, seht, sie zeigt sich endlich mir, nicht mehr als Spuk,
Ich sehe sie als Fleisch und Blut, sie lebt als Mensch.
Die Grübchen ihrer Lenden grüßen rosig her!
Jetzt duckt sie sich und schlüpft ins Hemd hinein, –
Und durch die Leinwand schimmert's noch wie Pfirsichblüte.
        Er schnalzt mit der Zunge.

Menschikoff sieht gleichfalls bewundernd hinaus.
Ja, wunderbar ist ihre leckre Farbe.

Zar.
Sie fühlt sich auch wie Pfirsich an, so zart.
Da, da, jetzt hat sie uns entdeckt.

Menschikoff komisch-ernst
Und streckt und streckt dem Zaren –

Zar lacht.
Und streckt blitzschnell die Zunge mir heraus,
Und rasch zieht sie den Vorhang schändlich zu.

Menschikoff geht vom Fenster und kramt in seiner Mappe.
Und hier sind die Depeschen aus dem Ausland, Majestät,
Aus Österreich kam ein Kurier heut' morgen . . .

Zar reibt sich die Augen.
Zum Teufel, seid Ihr nüchtern, Menschikoff?
Ich sage Euch, ich siede wie ein Samowar.
Ich bin nicht hier, um Politik zu hören!
Ich bin dein Peter, komm als Freund zum Freund!

Menschikoff.
Darf ich befehlen, Majestät, daß man das Frühstück bringt,
Damit ich nicht mehr nüchtern mich benehme,
Ich hab' nicht Schaugerichte bloß am Fenster hier.

Zar.
Die süße Speise, die ich eben mit eignen Augen zubereiten sah,
Und die sich mir verweigern wollte,
Die weckt mir heftigen Appetit.
Du sagst, Madame sei nicht verliebt gelaunt?

Menschikoff.
Ich sagte das für mich.
Für Eure Majestät wird sie schon Laune finden.

Zar.
Glaubst du, ich mache Eindruck auch als Mensch bei Katharina?
Und sieht sie mich nicht nur als Zaren, als Kronbesitzer an, –
Gefallen möcht ich ihr auch ohne Krone.

Menschikoff.
Soviel ich Katharina kenne, so nimmt sie, lieber Peter,
Die Dinge, wie sie sind, und nicht, wie sie bloß scheinen.

Zar geht auf und ab.
Herr Diplomat, laßt solche Antwort bleiben,
Die sich wie eine schlaue Schlange in's Schwanzend' beißt
Und keinen Anfang und kein Ende zeigt.
Ich bin verliebt, du hörst es, Menschikoff,
Ich bin verliebt, verliebt, verliebt.

Menschikoff verbeugt sich.
Ich bin der erste, der Euch gratuliert, Zar Peter.

Zar bleibt stehen.
Hat sie vielleicht es selbst gemerkt und dir's gesagt?

Menschikoff stellt sich erstaunt.
Wer, Majestät, wer hat mir was gesagt?

Zar ungeduldig
Nun sie, Madame! Spricht sie von meiner Liebe,
Spricht sie von Sehnsucht nie in Eurer Gegenwart.
Von Sehnsucht nach dem Zar, der sie geküßt?

Menschikoff in verhaltener Wut, läßt den Inhalt der Mappe fallen, stellt sich erschrocken.
Verzeiht, ich bin Euch auf den Fuß getreten, Peter.

Zar.
Mir nicht, doch die Depeschen fliegen fort
Und fallen Euch vor Eure Füße eben.

Menschikoff in Verstellung, jedes Wort scharf betonend
Und ich, ich dachte sicher, ach, verzeiht,
Ich hätte Majestät schmerzhaft getreten.

Zar setzt sich.
Schon gut; ich schrieb dir gestern:
Bereite Katharina vor, daß ich erscheine!
Hast du's getan, und hat sie sich gefreut?

Menschikoff ausweichend
Ich konnt' sie nicht genügend vorbereiten,
Sie sträubt sich noch ein wenig, Euch zu sehn.

Zar.
Ich will auch nicht die arme Seele schrecken
Und tölpelhaft wie neulich scharmutzieren.
Ich sehe Katharina garnicht als einen Zeitvertreib bloß an,
Ich sage dir, für mich ist sie ein höhrer Geist,
Der über mich gekommen ist und mich regiert.
Sie sagte einst, sie wäre Trumpf in deinem Leben, Menschikoff.
Glaubst du, sie denkt's noch heut' und liebt dich?

Menschikoff.
Trumpf war sie für mein Leben, Majestät, bis heut'.
Doch heut' wünscht Ihr ja Katharinas Leben in Eure Hand zu nehmen.
Ich geb' sie frei, sie ist von jetzt ab Euch leibeigen.

Zar steht auf und klopft Menschikoff auf die Schulter.
Mein Junge, niemals war ich mehr erpicht
Auf eine zweite Nacht mit einem Weib.
Und hört, Ihr seid von heute ab mein bester Freund.

Menschikoff hat bei den letzten Worten ein Glas von dem Serviertisch genommen und sich und dem Zaren eingeschenkt; spricht hastig und verwirrt.
Gut Freund, darfst leben, Peter, und Verzeihung, Majestät,
Wenn ich erst, ohne abzuwarten, mich auf den Wein hier stürze,
Ich bin zu nüchtern und will nicht mißfallen.

Zar hebt seinen Becher, hält Menschikoff die Hand hin.
Ja, Freund, aufs Leben; schlage ein, mein Freund!
Und Katharina nehm' ich mit mir gleich,
So wie sie steht und geht noch heute Abend.

Zwei Diener öffnen die Türe rechts, stellen sich zu beiden Seiten der Tür auf.

Diener.
Madame.

Menschikoff entfernt sich vom Zaren und legt seine Mappe auf einen seitwärts stehenden Nebentisch, so daß er Katharina den Rücken wendet. Katharina tritt ein in großer Toilette mit hochgetürmtem Haar und will sich vor dem Zaren verbeugen. Der Zar geht ihr stürmisch entgegen, um sie zu umarmen; sie aber greift mit beiden Armen nach ihrer hohen Frisur, weicht den Armen des Zaren aus, verbeugt sich ironisch sehr tief. Der Zar läßt seine Arme sinken.

Katharina ruft nervös zu Menschikoff.
Läßt du mich ganz allein schon, Menschikoff?

Zar lächelnd
O, fürchtet nichts, ich bin nicht immer Tölpel
Und werde auch allein mit Euch, Madame,
Gehorchen Euch, als wärt Ihr Kaiserin.

Menschikoff kommt und begrüßt Katharina höflich.
Verzeiht, wenn ich Euch nicht sofort begrüßte.
        Zum Zaren.
Befehlen, Majestät, daß wir jetzt speisen?

Zar.
Madame hat hier zu kommandieren!

Katharina nervös auflachend
O, kommandieren tu' ich gar so gern,
Besonders, wo ich nichts zu sagen habe.
Wir setzen uns zu Tisch, Ihr Herrn, wenn's Euch beliebt.

Auf ein Zeichen Menschikoffs stellt sich der Haushofmeister auf. Musik beginnt von draußen zu spielen. Die Diener stellen sich hinter die Stühle; andere Diener an die Wände; andere Diener an den Serviertisch. Der Zar und Menschikoff wollen sich setzen. Katharina läuft zum Serviertisch und füllt sich ihr Kleid mit ein paar Händen voll Äpfeln und Nüssen. Dann setzt sie sich lachend zu Tisch; auch der Zar und Menschikoff setzen sich.

Haushofmeister meldet schleunigst ununterbrochen einen Gang nach dem andern. Bei jedem Ausruf erscheinen eiligst zwei Diener mit den Speiseplatten und stellen sich an den Tisch, so daß allmählich sechsundzwanzig Diener um den Tisch versammelt sind und man die Sitzenden nicht mehr sieht. Ehe die erste Platte kommt, beobachtet der Zar schmunzelnd und bewundernd Katharina, die ihre Äpfel und Nüsse graziös und bequem vor sich auf den Tisch ausbreitet. Die Diener, die, zu zwei und zwei, die ausgerufnen Platten bringen, wiederholen, laut rufend, beim Eintritt in den Saal den Namen der betreffenden Speisen.
Gesalzte Eier, Gurkenschnitten, Kaviar! –
Lammbrust mit deutschen Spargelköpfen! –
Butterpasteten mit gebackenen Austern! –
Schinken vom Bären mit der Trüffeltunke! –
Hirschziemer mit gebrühtem Kohl und Nelkentunke! –
Kaukasische Artischocken in der Butterbrühe! –
Gansbrust mit Äpfeln aus der Krim und Majoran! –
Wildenten an dem Spieß mit spanischen Kastanien! –
Rücken vom Wildschwein in der Morcheltunke! –
Gefüllte Bekassinen auf gebräuntem Speck! –
Melonen von der Krim in Muskatellerwein! –
Ingwer und Zimmetkuchen in Burgunder! –
Französische Karamellen und Genever!

Katharina man hört sie aus dem undurchdringlichen Kreis der Diener, herausfordernd fragend, sprechen.
Stört Euch das Knacken meiner Nüsse, Menschikoff?

Menschikoff kalt.
Ich staune nur, daß Ihr die Nüsse jetzt schon knackt.

Katharina zu Menschikoff
Wollt Ihr sie für mich knacken, Menschikoff?

Menschikoff kalt
Zum Nüsseknacken sind die Diener da.

Zar bereitwilligst zu Katharina
Ich bin der Diener gern für Katharina.
Mit meiner Hand geht's besser als mit Euren kleinen Zähnen.

Katharina lachend
Mit einem Schlag zwölf Nüsse müßt Ihr knacken, Majestät,
Zwölf Nüsse leg' ich hier auf Euren Teller hin.
Und nun, – schlagt drauf!

Man hört einen Schlag, Zerschlagen von Tellern und das Auseinanderkrachen des Tisches. Katharina lacht unbändig auf.

Katharina lachend
Haha, zwölf Nüsse – und den ganzen Tisch und auch den goldnen Teller –
Habt Ihr mit einem Schlag zerschlagen, Zar!

Zar, Katharina und Menschikoff stehen von dem zerschlagenen Tisch auf. Die Diener weichen zurück.

Zar munter
Ei, Menschikoff, die Scherben bringen immer Glück ins Haus.

Menschikoff kalt und höflich
Jawohl. Es fragt sich nur: Wer ist der Glückliche,
Dem heut' das Glück die Scherben bringt.

Katharina zu dem Haushofmeister
Laßt's Frühstück in den grünen Spielsaal tragen!

Der Haushofmeister hört Katharina nicht an und wartet auf Menschikoffs Befehl.

Menschikoff.
Entschuldigt, Majestät, wenn sich das Essen jetzt verschiebt.

Die Diener schieben die Scherben und den zerbrochenen Tisch auf die Seite.

Zar heftig zum Haushofmeister
Ihr sollt die Speisen in den Spielsaal bringen!
Was steht Ihr da und gafft, wenn Euch Madame befiehlt!

Menschikoff rasch
Entschuldigt, Majestät, wenn ich hinübergehe und das Frühstück selbst anordne drüben.

Haushofmeister entschuldigend.
Wir warteten, bis Majestät oder der Fürst die Order gab.

Zar barsch
Dem Wort der schönsten Frau sollt Ihr sofort gehorchen.

Katharina zuckt die Schultern und hat ein paar Äpfel in der Hand. Sie setzt sich auf eine Causeuse, spricht scheinbar belustigt.
Ich bin so froh, wenn nichts kommt, wie man's denkt.
Heut' esse ich nichts mehr, nur Äpfel, bis ich sterbe,
Und lasse für die Herren jetzt das Essen drüben ganz allein auftragen.

Zar tritt zu ihr. Menschikoff ist mit dem Haushofmeister und den Dienern links fortgegangen.
Ihr habt Euch wunderbar geschmückt, Madame,
Und wollt uns einsam speisen lassen ohne Euch?

Katharina scheinbar belustigt, setzt sich bequem zurück und bietet dem Zar einen Platz an.
Ihr könnt ja meine Äpfel mit mir teilen.

Zar setzt sich zärtlich neben sie und deutet auf ihre dekolletierte Brust.
Die süßen Äpfelein, die Ihr ins Mieder tief versteckt habt,
Die teile ich mit keinem, wenn's Euch recht ist.

Katharina schmollend
Was habt Ihr mir versprochen vorhin, Majestät?
Ihr wollt mich nicht mehr tölpelhaft belästigen.

Zar rückt näher.
Sagt, schöne Katharina, habt Ihr nicht einen Wunsch?
Ich möcht' Euch glücklich machen, wie Ihr mir es tut.

Katharina reicht ihm einen Apfel hin.
Beißt in den Apfel, Herr, und sagt mir, wie er schmeckt.

Menschikoff erscheint lautlos. Er steht im Rücken des Zaren und sieht Katharina ins Gesicht, welche ihn nicht gleich bemerkt.

Zar.
Ihr weicht der Frage aus und sprecht, wie's Euch beliebt.

Katharina mit den Äpfeln in ihrer Hand spielend
Das tu' ich immer so. Ich sprech' und handle gern
So, wie es mir und keinem sonst beliebt.

Sie bemerkt, etwas erschrocken, jetzt erst Menschikoff, der sie über des Zaren Schulter betrachtet.

Zar.
Warum seid Ihr mit einem Mal so stumm?

Katharina ernst werdend
Weil ich gelogen habe, Majestät.
Ich spreche nicht stets, wie es mir beliebt,
Und handle nicht nur, wie es mir beliebt.
        Sie sieht Menschikoff dabei an.

Zar Ihr habt in Euren Augen einen Doppelblick!
Bei mir dürft Ihr stets reden frei und einfach
Und nichts befürchten, schöne Frau. – Ich liebe Euch!
Ich liebe alles an Euch, alles.

Katharina schnell und melancholisch
Die Lüge auch? Der Zar betrachtet sie bedenklich.
Wenn Ihr nicht liebt, daß eine Frau mal lügt,
So werdet Ihr's noch lernen müssen, Majestät.

Zar ernst
Von Euch die Lüge kennen lernen, wäre
Langsamer Tod für mich. Ich hasse Lügen.

Er hat seinen Arm über die Rücklehne des Diwans gelegt, so daß der Arm halb über Katharinas Schulter liegt.

Katharina halb lachend, halb ernst
Ihr haltet eine Lügnerin im Arm und sagt, Ihr liebt,
Und sagt im selben Atemzug, Ihr haßt die Lüge!
O Logik, sieh, dein Schöpfer, er heißt Mann.
Das Leben hat die Logik nie erfunden.
Der Mann hat sie erklügelt ganz allein.
Es müßten Wahrheit sich und Lüge lieben,
Wenn Eure Majestät jetzt logisch wäre.

Zar beharrlich
Wenn du die Lüge bist und sagst, du liebst mich nicht,
Muß ich aus Logik glauben dann, du liebst mich doch.

Katharina spricht über die Schulter des Zaren zu Menschikoff.
Und was sagst du zu diesem Satz, Fürst Menschikoff dahinten?

Zar erstaunt
Ei, Menschikoff steht hinter uns und redet mit?

Menschikoff ironisch
Ich kann nur gratulieren bestens zu dem Satz.
Wenn zwei Verschiedenheiten einig werden,
So ist das eine Sach', die endlich stimmt.

Zar.
Sind wir jetzt einig, Katharina? Liebst du mich?

Katharina gequält und nervös, steht auf. Nimmt ihre zwei Äpfel. Sie hat schnell in einen Apfel gebissen, um die Tränen zu verbergen. Halb unter Tränen lächelnd.
Bis ich die Äpfel aufgegessen habe –
Ich kann mit vollem Mund nicht von der Ehe reden
– Muß Majestät sich schon gedulden; – wartet bitte!
        Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten und will fortstürzen.

Zar steht auf.
Ich kann auf Antwort nicht mehr länger warten.
Entscheidet, schönste Frau!

Katharina unter Tränen lächelnd
Ich werd' die Äpfel mit der Zofe Sascha teilen.
Dann komm ich schneller und bin Euch zu Diensten
Mit einer Antwort, – die mir einfällt, hoff' ich.
        Sie läuft hinaus.

Zar erstaunt
Sie weint? Und stürzt davon? Ich glaube, Menschikoff
Ich bin so unwillkommen wie das letzte Mal.

Menschikoff verbeugt sich.
Ich kann Euch leider nicht willkommner machen.

Zar heftig
Dann reise ich sofort. Gib mir zu trinken!

Menschikoff reicht schnell zwei Gläser, die er aus einer Weinkaraffe füllt. Begütigend
Wir trinken auf ein anderes Weib und andere Zeiten, Peter!

Zar wild, schenkt sich ein Glas nach dem andern ein.
Ich bleibe keinen Augenblick in diesem Haus,
Wo mich die schönste Frau mit Tränen füttert,
Statt mit den Küssen, die ich nicht erzwingen möchte.

Haushofmeister tritt ein.
Es ist im grünen Spielsaal jetzt serviert.
Will Majestät geruhen, einzutreten? Geht ab.

Zar heftig, öffnet sich den Rock am Hals.
Ich bleibe nicht! Ein jeder Bissen würde mich hier würgen.
Empört bin ich! Ich laß dich hängen, vierteilen, Menschikoff.
Du sollst mir diese Schmach, die mir ein Weib,
Ein hexendes Dragonerweib, in deinem Hause angetan,
Mit deinem Kopf bezahlen, alter Fuchs!
Du kamst im letzten Augenblick hereingeschlichen!
Du hast sie abgerichtet, »nein« zu mir zu sagen!
Sie sah dich über meine Schulter an und las dir im Gesicht.
Ein abgekartetes Komödienspiel von dir!
        Er stampft auf, daß alle Fenster zittern.

Katharina erscheint lautlos unter der Tür und geht langsam und ernst auf den Zaren zu.
Prinzessin Sascha hat für mich gehorcht.
Sie sagt mir schleunigst, daß es Ärger gibt,
Und sagt auch, Eure Majestät will reisen.
Ich möchte darum gern allein Euch sprechen.
Geht, Menschikoff, daß wir den Kopf behalten.

Menschikoff geht.

Zar verstimmt
Madame, ich wäre lieber ohne Abschied fortgegangen.

Katharina scheinbar erstaunt
Ich hoffe, Zar, Ihr reist nicht ohne mich?

Zar überrascht
Willst du? Du willst? Du liebst mich, Katharina?

Katharina zögert eine Sekunde, als ob Menschikoff wiederkommen soll.
Ich will gern wollen, wenn . . . .

Zar geht schnell auf sie zu; vertraut
Ich lieb dich nicht nur jetzt für Augenblicke!
Ich will dich lieben für mein ganzes Leben.

Katharina lebhaft
Halt! Rührt mich noch nicht an!
Ihr wißt, ich muß erst handeln, wie ich denke.
        Sie zieht ein Papier aus ihrem Brusteinsatz hervor.
Ich möcht es nämlich schwarz auf weiß, daß Ihr mich liebt.

Zar verblüfft
Ihr wollt es schriftlich hier bestätigt haben?

Katharina erklärend, beschwichtigend
Seht, Majestät, ich bin ein Mensch und Ihr ein Mensch,
Und morgen, wenn wir sterben, glaubt es niemand,
Daß je ein Zar ein Weib vom Volk sich wählte.
Ich möcht's nicht nur der Nachwelt hinterlassen,
Ich möcht es auch bei dem Notar hinlegen,
Daß ich das Weib bin, das Ihr lieben wollt,
Versorgen, unterstützen und ernähren täglich!

Zar fährt auf
Herrgott, ich glaube gar, Ihr denkt, ein Zar
Hat nicht genug, um seiner Frau ein Hemd –
Und einen Mittagstisch zum Sattsein einzukaufen?

Katharina unbeirrt
Bei Gott, auch Kaiser werden plötzlich Bettler.
Auf alle Fälle ließ ich's hier von meiner Zofe,
Von der Prinzessin Sascha, niederschreiben.
Denn ich kann weder schreiben, Herr, noch lesen,
Weiß aber wohl, daß Schriftliches regiert.
Lest bitte selbst und schreibt den Namenszug darunter.

Zar lachend
Ich kann ja auch nicht lesen, Katharina.
Verdammt! Wir müssen Menschikoff herholen.

Katharina rasch
Nein, nein – noch nicht! Erst wenn Ihr unterschrieben.
Es steht hier drauf, daß Ihr mich hoch und teuer haltet;
Daß ich in einem Jahr Zariza bin;
Und daß Ihr keine Frau mehr liebt als mich im Leben.

Zar lachend
Bei Gott, das kann ich alles unterschreiben.

Katharina kalt und eifrig; läuft zu dem Tisch mit den Mappen und holt das Tintenfaß und eine Gänsefeder.
Hier ist die Diplomatenfeder und hier das Tintenfaß!
Macht nur drei Kreuze drunter – und es gilt. –
Klatscht in die Hände jetzt und ruft den Menschikoff.

Zar hat drei Kreuze auf das Papier gemalt, klatscht in die Hände; Menschikoff erscheint unter der Tür
He, Menschikoff, hier die Zariza ruft!

Katharina halb lachend, halb ernst
Ihr könnt uns gratulieren, Fürst, wir wünschen es.

Zar.
Seht nur, sie hat es schwarz auf weiß von mir!
Verbeugt Euch! Küßt der Zariza ihre Hand.

Menschikoff halb scherzend, halb ernst, verbeugt sich und küßt Katharina die Hand.
Ich wurde nicht gefragt bei diesem Staatsstreich.

Katharina weint plötzlich.

Zar erschreckt und zärtlich
Weint Ihr? Und wollt durch Tränen in die Zukunft sehen?

Katharina.
Ich bin erschüttert, Majestät.
Verzeiht, es geht gleich wiederum vorüber.

Zar zu Menschikoff, sehr aufgeräumt
Und gebt Ihr keinen Brautschmuck meiner Braut?
He, Fürst, Ihr geizt mit Eurer Huld!
Ich sollte auch mit meiner Gnade geizen?
Den Perlenschmuck für fünfmalhunderttausend Rubel,
Den Ihr mir jüngst gezeigt, den bringt als Morgengabe!
Der paßt so gut für diesen weißen Hals und zu den schönen roten Locken.

Katharina unter Tränen, erstaunt zu Menschikoff
Ihr hattet einen Schmuck im Haus für mich?

Menschikoff.
Zariza, ja, ich wartete auf bessere Zeiten,
Und hielt den Schmuck deshalb bis heut' zurück.
Er ist in dem Geheimfach hier verwahrt,
Gleich hinter Eurem Bild hier an der Wand.

Er dreht das Bild von der Wand, das wie die Tür eines Schrankes sich drehen läßt. Er zieht eine silberne Truhe heraus, stellt sie auf den Tisch und überreicht sie dem Zaren. Der Zar nimmt die Perlenkette heraus und legt sie Katharina um den Hals.

Zar.
Seht, welche Pracht, recht würdig eines Menschikoff,
Der Zariza als Morgengabe anzubieten.

Katharina Menschikoff melancholisch und eindringlich betrachtend, streichelt die vielen schweren Perlenreihen um ihren Hals.
Die Perlen sind so kühl und schwer,
Als liegt ein kühler, schwerer Arm
Mir jetzt zeitlebens um den Hals.
Ich danke gern dem Fürsten Menschikoff.

Menschikoff verneigt sich.

Zar.
Ihr redet düster vor Euch hin
Und lacht noch nicht, wie's einer Braut geziemt.
        Zu Menschikoff
Jetzt laßt schnell heißen Wein einschenken!
Wir wollen speisen, dann die Schlitten angespannt!
Und fort im Schnee fliegt Ihr mit mir nach Moskau, Katharina!
        Er zieht aus seiner Brusttasche ein Etui mit einem Orden.
Den Dank für Euch, Fürst, hol' ich hier noch aus der Tasche.
Den Orden hier laßt auf der Brust Euch glänzen,
Und denkt an Euren Freund, wenn Ihr ihn tragt!
All' die Brillanten sollen Euch für Katharina stündlich danken.

Menschikoff nimmt das Etui.
Den Orden, Majestät, den hab' ich nicht verdient.

Katharina verfällt in ein bitteres, fast hysterisches Lachen und sinkt auf einen Stuhl.
Was sagt' ich heute morgen Euch, Fürst Menschikoff!
Der Tag heut' wird Euch einen Orden bringen.
Hahahahahahaha! – Verzeiht, ich bin so lustig,
So lustig, Herrgott, war ich nie wie heute.
Hahahahahaha! Sie lacht fortgesetzt nervös.

Zar.
Gottlob, sie lacht! Gottlob, sie weint nicht mehr.

Katharina immer unbändig, endlos lachend und sich die Hüften haltend, spricht stoßweise.
Laßt mich, ihr Herrn! Ich bitt' Euch, geht zu Tisch!
Ich muß mich erst vom Lachen hier erholen.
Mein Mieder ist mir fast zu eng geworden.
– Ich mache mich dann reisefertig, hahahaha!
Und komm' dann zu Euch in den Schlitten, – Peter.
Hahahaha! Haha!

 

Vorhang

 

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