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Die Spielereien einer Kaiserin

Max Dauthendey: Die Spielereien einer Kaiserin - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Spielereien einer Kaiserin
authorMax Dauthendey
year1910
firstpub1910
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleDie Spielereien einer Kaiserin
pages235
created20120428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Dragonerweib

Menschikoff hält Katharina auf seinem Schoß.
Ei, du kannst küssen, Hühnchen! Heidensatan!

Katharina lustig; macht sich los und springt auf.
Uff, Uff! Sie haben mir den Kopf verdreht, Herr Feldmarschall!
Ich schwör's, das war das erste Mal im Leben,
Daß mich ein Mann, ohn' mich zu fragen, so küssen durfte
Und mit mir tun im Handumdrehen, was ihm beliebt.
Und sonderbar – ich mag Euch nicht einmal dafür ermorden.
Sonst hätt' es einer wagen sollen, mich auf den Schoß zu ziehn,
Ich hätt' ihn nachträglich gleich abgeschlachtet.

Menschikoff zieht Katharina wieder auf seinen Schoß.
Bleib, komm, und sitz noch hier auf meinem Schoß,
Daß nicht die Luft sogleich um uns verkühlt.
Man muß die guten Stunden nicht entwischen lassen.
Schenk mir und dir mal ein, mein Kätzchen!
– Wer von uns zittert denn? – Ich oder du?
Du gießt daneben, Schatz! Gieß in das Glas!

Katharina übermütig; schenkt in kleine Gläser zitternd Wein ein.
Herrgott, Ihr habt mir ja die Knochen ganz zerdrückt,
Mit Euerm Ungestüm, Herr Feldmarschall! –
Doch Eure Gläser hier sind gar so klein für mich,
Ich gieße zitternd Euren Wein wie Regen übern Tisch.
Solch winzige Gläser gießt mein Herr Gemahl, der Herr Dragoner,
Sich zehn Stück gleich auf einmal in den Durst.

Menschikoff hebt sein Glas und stößt mit Katharina an, und beide trinken aus.
Ich weiß noch gar nicht, wie du heißt, mein Schatz.
Der Pastor Glück hat mir's gesagt. Ich hörte aber nicht,
Weil meine Augen viel zu sehr im Anschaun bei dir waren. –
Du bist des Pastors Pflegekind gewesen?

Katharina will von seinem Schoß aufstehen.
Jawohl, ich hieß erst Katharina Glück, Herr Menschikoff.

Menschikoff.
Und jetzt hast du dich heut mit deinem Pastor
Fort aus der Festung, aus Marienberg, begeben,
Ins Lager zu uns Russen, und bist Überläuferin.
Und ranntest gradeswegs dem Feldmarschall ins Zelt,
Als wolltst du heute Nacht noch eine Russin werden,
Vielleicht sogar Frau Feldmarschallin selbst!

Katharina ist aufgestanden.
O, Herr, wie sollte sich mein Mann drein finden!

Menschikoff steht auf.
Sehnst du dich sehr nach dem Dragonermann?

Katharina spielt kokett mit ihrer Schürze.
Wir sind erst knapp ein kurzes Jahr getraut.
Nun ist er Kriegsgefangener bei Euch.

Menschikoff.
Du kamst, um dir ihn freizubetteln, her?
Was ich versprach, das soll ich wohl jetzt halten? –
Ich denk, du bleibst freiwillig jetzt bei mir.
Wir schicken deinen Mann zu allen Teufeln.
        Er hält ihr sein Glas zum einschenken hin.

Katharina beachtet es nicht.
Ihr habt versprochen, wenn ich Euch erst küsse,
Dann gebt Ihr meinen Mann auch wieder frei.

Menschikoff stellt sein Glas hin.
Gut, deinen Mann, den geb' ich heut' noch frei.
Dich aber, Katharina, dich mach' ich mir leibeigen.
Ich hab' dich schon vom Pastor Glück gefordert,
Und ich versprach den Herren Überläufern meinen Schutz
Nur, wenn leibeigen du die Zeit mir hier im Zelt vertreibst.

Katharina schlau bescheiden, sich verbeugend
Es ist mir eine große, große Ehre, hoher Herr Feldmarschall,
Mit Euch im Zelte hier zu kurzweilen und scherzen.
Ich darf als simples Pflegekind des Pastors Glück nicht mehr erwarten, –
Nicht mal, daß mir ein Feldmarschall sein Wort gibt und es hält.

Menschikoff.
Ich habe keine Lust, dir deinen Mann zu geben,
Der jetzt als Kriegsgefangener unschädlich ist.
Jetzt sitzt er gut bei anderen Gefangenen
Und ahnt nicht, wie sein Weib mich freundlich küßt.
        Er nähert sich ihr zärtlich.

Katharina platzt verächtlich heraus
Du Schwein!

Menschikoff verblüfft
Was? Schwein? Was unterstehst du dich?!

Katharina heftig
Du, Regimentsschwein, du!
Verführst ein unschuldig und junges Eheweib
Mit dem Versprechen, daß du sie belohnst
Und ihrem Mann die Freiheit wieder schenkst.
Ich hab' dich, dankbar, breit in dein Gesicht geküßt
Und hab' doch nur an's gute Werk gedacht
Und dich geküßt, um meinen Mann zu retten.

Menschikoff.
So – deine Zärtlichkeit war nur Barmherzigkeit für deinen Mann?
Herrgott, wie mußt du erst im Liebesfeuer schmecken!
Hättest du ohne mein Versprechen dich besser noch erwärmt vielleicht?

Katharina stellt sich hinter den Tisch.
Ihr hättet mir ja nichts versprechen brauchen!

Menschikoff.
Ist's wahr – du hättest mich auch so geküßt?

Katharina lachend
Sonst küss' ich überhaupt nicht, wenn's nicht schmeckt.

Menschikoff. geht ihr um den Tisch nach.
Du Ratte, du – verfluchtes süßes Rattenzeug!
Ich Tölpel, hätt' ich dir doch nichts versprochen!
        Er schlägt auf den Tisch.
Jetzt hätt' ich nicht den Mann erst herzuschaffen.
Oft straft sich Güte mehr als Schlechtigkeit.
Hätt' ich nur mit Soldatenwillkür zugegriffen!

Katharina kommt hinter dem Tisch vor.
Ich find', Ihr wart schon willkürlich genug,
Ihr habt den Augenblick, den günstigsten, gepackt.

Menschikoff.
Kaum eine halbe Stunde bist du in dem Lager,
Und schon erhältst du von dem Feldmarschall
Den Mann zurück, den du verlangst.
Ich glaube, du hast frischer zugegriffen.

Katharina.
Wortfechten will ich nicht mit Euer Gnaden.
Laßt meinen Mann, den armen Kerl, jetzt laufen!
Er freut sich sehnlichst auf die Freiheit, Herr.
Gefangenschaft tut den Dragonern doppelt weh,
Weil sie gewöhnt sind auf lebendigen Pferderücken
Zu essen, trinken, schlafen, auf Pritschen faulen ihre Knochen.
        Menschikoff schüttelt den Kopf.
Ihr wollt nicht? Seid wortbrüchig, Exzellenz?
        Sie spuckt vor ihm aus.
Pfui, Teufel! Euren Mund, der falsch verspricht,
Den küß' ich nicht zum zweiten Mal, wenn ich auch möchte.

Menschikoff.
Oho, du Satansweib! Verflucht!
Du stichst wie eine Bremse auf ein Pferd!

Katharina.
Neun Bremsen, sagt man, können einen Gaul schon töten.
Vielleicht bekommt's auch eine fertig, ganz allein,
Wenn man sie wütend macht, Herr Feldmarschall.

Menschikoff legt die Hand auf eine Tischglocke.
Wie heißt dein Mann? Und welches Regiment?

Katharina.
Ach, laßt mich nur! Ich find' ihn schon,
Wenn Ihr nur Eure Unterschrift zum Freibrief gebt.

Menschikoff.
Nein, sehen will ich ihn erst, deinen Mann.

Katharina.
Und ihm ein Leids antun, dem Wehrlosen? –
Er ist beim friedrichstädter Regiment,
Mit sieben Kameraden kriegsgefangen.
Gebt mir ein Blatt Papier, das ihn befreit!

Menschikoff klingelt; ein Leutnant tritt unter den Zelteingang.
Man bring' die friedrichstädter gefangenen Dragoner!
Sofort! Und hier ins Zelt gleich alle sieben.
        Der Leutnant salutiert und geht ab.

Katharina.
Ihr seht nicht aus, Herr Feldmarschall,
Als ob Ihr meinem Mann das Leben gönnt!

Menschikoff geht auf und ab.
Die Freiheit hab' ich dir für ihn versprochen.

Katharina.
Ums Leben ihm dann hinterher zu nehmen!
Wenn Ihr ihn freigelassen, schickt Ihr ihn zum Henker.

Menschikoff faßt sie unters Kinn.
Ei, Weib, wie bist du für zehn Weiber schlau!
Ein selten kluges, selten mutiges Geschöpf.
Und selten frech, wie nur –

Katharina fällt ihm ins Wort
– Wie nur ein russischer Feldmarschall in seinem Zelt.

Menschikoff.
Dein Mann wird frei. Du bleibst mein Zeltgenosse.

Katharina.
Mein armer Mann sitzt an der Landstraß' dann!
Soll hungern und verlausen ohne mich!

Menschikoff.
Wieweit du doch vorausdenkst, Katharina!
Für deinen Mann hab' ich Soldatenarbeit.

Katharina.
Schwör', daß du nicht befiehlst, daß man ihn tötet!

Menschikoff.
Wenn nicht die Festungskugeln ihn von drüben holen,
Ich töt' dir ihn wahrhaftig nicht in meinem Lager.
Da kommen schon die Kerle. Also fix!
Such' dir den saubern Herrn Gemahl heraus!

Eine Kosakenwache mit dem Leutnant bringt die sieben Dragoner, darunter Iwan und Michail. Alle sieben sind abgelumpt, schmutzig und pulvergeschwärzt.

Katharina stellt sich rasch hinter den Rücken Menschikoffs und deutet ihrem Mann Iwan mit lebhaften Gesten an. daß er sich nicht zu erkennen geben soll.

Menschikoff.
Nun, Henkerskerle, struppige und schuftige!
Pfui, Teufel, seid ihr dreckig überall!
Ich gratuliere Euch, Frau Katharina, zu dieser Auswahl hier!
        Er kommandiert den Soldaten.
Die Hände an die Hosennaht! Mal stramm gestanden!

Katharina tut, als ekele sie sich.
Sie sind so schwarz wie Köhlerkerle, die armen Herrn Dragoner,
Und scheinen nichts zu sehn und nichts zu hören.
Ach, diese Ärmsten sind verwirrt vom Tageslicht.
Ich finde wirklich meinen Mann nicht drunter.

Menschikoff lacht.
Aha, du kennst vor Pulverruß nicht sein Gesicht?
Der Krieg teilt keine weißen Hemden aus.

Katharina.
Ich glaub', der ist's! Natürlich ist es der!
Iwan, ei, guten Tag, gib mir die Hand!

Sie reicht absichtlich dem Dragoner Michail, aber nicht ihrem Mann, Iwan, die Hand.

Menschikoff.
Verdammt, ist der da Euer glücklicher Despot?

Katharina.
Er will's noch gar nicht glauben, daß ich's bin.
        Sie spricht zu dem Dragoner Michail.
Du hast geschlafen, Iwan! Kennst du die Trine nicht?
Kennst du denn wirklich gar nicht deine Frau?
Iwan, du wirst jetzt freigelassen vom Herrn Feldmarschall.
Der Pastor Glück mit Frau und mir und allem Hausgesinde
Verließ heut morgen erst Marienberg und kam ins Russenlager.
Weil's drüben nicht mehr ganz geheuer ist bei uns
Und heut der Waffenstillstand noch zu Ende geht,
Befahl der Festungskommandant uns, auszuwandern.
Da's doch passieren könnte, daß heut Marienberg kapituliert.
Um Plünderung und Gräueln zu entschlüpfen
Sind wir als Überläufer hier ins russische Lager eingerückt.
Und wir erhielten Schutz von seiner Exzellenz,
Vom Fürsten Menschikoff, dem Feldmarschall.
Iwan, nun sag, rührt es dich nicht?
Ich, deine Frau, hab' dich gleich frei gebettelt!
Sieh mich doch an! Erkenn' mich doch, Dragoner!

Dragoner Michail reibt sich die Augen.
Nö, Euch erkenn' ich nicht als meine Frau.
Wir saßen tief in einem Erdloch drin,
In einem Schanzenloch, und sahen lang kein Licht.
Es kann schon sein, daß Ihr bekannt mir scheint,
Wenn ich erst besser mal das Licht vertrage.
Die Luft macht ganz besoffen nach dem Stank;
Nur faulende Kadaver von verreckten Pferden und nur verreckte Menschen roch man dort.
Nönö, ich kenn Euch nicht als meine Frau.

Menschikoff.
Ist auch nicht nötig, daß du sie erkennst,
Ich hab' sie mir leibeigen angenommen.
Du trittst sie mir als Freundin ab ins Zelt,
Dafür gehört die Freiheit dir. Verstanden?

Dragoner Michail.
Nö, Herr.

Menschikoff.
Verstanden, frag ich dich?

Katharina.
Er wird es schon begreifen mit der Zeit.
Ich bin gefangen, du bist frei geworden.
Iwan, versteh nur, und vergiß es wieder.

Dragoner Michail.
Ich wär' nicht mehr gefangen? Aber – –

Menschikoff.
Kein »Aber«, Kerl! Er will wohl disputieren?
Hand an die Hosennaht! Und draußen steht ein Pferd.
Ihr reitet schleunigst aus dem Lager nach Marienberg!
        Er spricht zum Leutnant.
Den Freibrief durch die Wachen schreibt Ihr, Leutnant,
Daß dieser Kerl nicht aufgehalten wird.

Katharina tut, als wenn sie in ihre Schürze weinte.
Iwan, jetzt bist du frei! Grüß mir Marienberg!
Sei nicht so grob, und dank dem Feldmarschall.

Dragoner Michail.
Schön' Dank! Und Exzellenz – ich – aber –

Menschikoff.
Kehrt marsch, und nicht mehr umgesehen, Kerl!
        Der Leutnant marschiert mit dem Dragoner ab.

Katharina seufzend und halblaut
Iwan, leb wohl! Nun läuft er in den Tod!
Der Arme ahnt nicht, was mit ihm geschieht. –
Und diese andern, Exzellenz?

Menschikoff fährt die Wache an.
Zurück ins Schanzloch mit den andern Lumpen!

Katharina schmeichlerisch
Ich möcht' Euch bitten, Herr, laßt mir die andern da.
Ihr nahmt mir meinen Mann Hals über Kopf,
Laßt mir die Kameraden seines Regiments!
Ich möchte manchmal von der Heimat sprechen.
        Sie legt zärtlich ihre Hand auf Menschikoffs Arm.
Laßt mir die Leute da als Wache vor dem Zelt,
Daß ich nicht einsam bin, seid Ihr im Kugelfeuer.
Ich fürchte mich sonst unter so viel Fremden,
Seh ich nicht hie und da ein altbekannt Gesicht.

Menschikoff.
Nicht übel, suchst dir eine Leibwach aus,
Wie eine Kaiserin. Du hast Geschmack,
Willst gern repräsentieren.
Als Freundin eines Feldmarschalls gehört sich's wohl.
        Der Leutnant kommt zurück. Menschikoff zum Leutnant
Leutnant, verabreicht diesen Kerlen Reinlichkeit
Und jedem eine neue Uniform und Waffen.
Ihr sechs habt Ehrenwache dann bei Eurer Landsmännin
Und lagert vor dem Zelt des Feldmarschalls.

Der Leutnant salutiert und führt mit den Kosaken die sechs Dragoner ab.

Katharina läßt ihre Schürze von den Augen fallen.
Ich glaub, ich weine später wieder weiter.

Menschikoff.
Geliebte Kathja, diesem Herrn Dragoner,
Der nicht einmal sein Weib am Tag erkennt,
Dem weint doch keine Träne weiter nach.
Grundhäßlich war er, daß sich Gott erbarm.

Katharina.
Ach, solche Männer seh'n sich alle gleich
Und sind es doch im Grunde nicht.

Menschikoff.
Du meinst, die Leute aus dem Volk sind alle gleich?
Sieh mich an, ich war Zuckerbäcker einst.

Katharina.
Ihr seid mir dann gleich mehr gefallend,
Wenn Ihr zum Volk gehört mit Haut und Haar
Und Fürst seid aus Verstand und Eigensinn.

Menschikoff.
Auch du gefällst mir sehr im Eigensinn.
Du bist wie eine Fürstin eingetreten in dieses Zelt
Und in des Feldmarschalls geheimstes Schubfach heute,
Das Schubfach, das die Dichter » Herz« benennen.

Katharina.
Ihr schmeichelt mir, wie allen Weibern,
Heut einem Weib, das Katharina heißt,
Und raspelt Süßholz, Monsieur Zuckerbäcker,
Und kennt von mir so wenig, wie zur Nacht
Man weder Freund noch Feind im Dunkel kennt.

Menschikoff.
Ich kenne, Katharina, deine Küsse.
Im Kuß erkennt man Freund vom Feind.

Katharina.
Doch Weiber nie im Kuß, wenn sie nicht wollen.
Und eh' Ihr glaubt, auswendig schon den Text zu wissen,
Wartet das End' doch von dem Lied erst ab.
Im Küssen lügen Frauen mehr als mit der Rede;
Ein Kuß ist ein Versteck fürs falsche Herz.
        Ein Bote kommt zu Menschikoff.

Menschikoff betrachtet die Depeschen, die der Bote ihm gibt, und gibt sie zurück.
Was gibt's? Depeschen? Gut, ich komme.
Sag, General Andrejess soll sie öffnen.
        Der Bote geht.
        Zu Katharina, ernst und aufrichtig und schwärmerisch.

Ich weiß nicht, was mich zwingt, Euch anzusehen.
Ihr tragt so stolze rote Locken, die gleichen einem goldnen Helm;
Als wärt Ihr Feldmarschall und ich ein Leutnant nur.
So herrisch und so sanft zugleich, fürcht ich Euch fast.
Vielleicht seid ihr mein Schicksal, das mir heut begegnet.
Verschleiert wie des Schicksals Aug' ist Euer Blick.
Ich hoffe, daß wir Kameraden bleiben.

Er reicht Katharina die Hand hin, Katharina legt ihre Hand langsam in die seine.

Katharina nachdenklich
Ich such' vergeblich nachzugrübeln in meinem Hirn,
Wo bin ich Euch begegnet schon im Leben, Herr?
Hab ich Euch mal verkleidet schon gesehn
Auf einem Maskenball, in einem Tanzsaal von Marienberg,
Fast wie von einem, der sich mal vor mir schon demaskierte?
Und jetzt mich wieder hinter seiner Larve scharf fixiert,
So unheimlich vertraut ist mir der Blick von Euch.

Menschikoff leiser
Ich glaube, wenn es heute dunkel wird im Zelt,
Dann wirst du mich und werd' ich dich erkennen.

Katharina schlägt den Ton um.
Ei, Weiber halten gern auf ihre Maske.
Verzeiht, die Weisheit stammt nicht ganz von mir.
Ich red' oft nach, was Pastor Glück mich lehrte.

Menschikoff gleichfalls den Ton verändernd
Ich schick' Euch gleich ein Dutzend Weiber her,
Kasernendamen, schöne Katharina, die Euch bedienen sollen.
        Er will gehen, dreht sich aber auf dem Absatz herum.
Noch eins, ich sah vorhin, du warfst noch einem
Der friedrichstädtischen Dragoner verständnisvolle Blicke zu –
Und trotzdem trau ich dir und lasse dir die Burschen.
Sie sollen dir hier um das Zelt als Wache liegen.
        Menschikoff droht mit dem Finger.
Doch rat ich, Trine, laß dich nicht erwischen,
Nur nicht vom Menschikoff erwischen lassen.
        Er geht lachend.

Katharina äfft ihm nach
Nur nicht vom Menschikoff erwischen lassen.

Katharina wartet eine Weile, dann sieht sie durch die Zeltvorhänge hinaus. Sie zieht ihren Mann Iwan herein. Katharina lacht. Iwan lacht; er ist oberflächlich gewaschen und in nagelneuer Uniform.

Katharina lacht.
Das hast du gut gemacht, du bist der Rechte,
Du hast mich gleich erkannt und nichts verraten.

Iwan lacht halb betrunken.
Erst hab ich nichts begriffen, ha ha ha,
Dann aber dacht ich mir, das ist ein guter Witz.
Du redest Michail an für deinen Mann,
Der sah dich dösig an. er hatte Schnaps im Leib.
Wir hatten Schnaps gepascht in unsrer Schanze.
Nun ist der Michail frei, und ich, was ist mit mir?

Iwan sucht auf den Tischen herum und trinkt aus allen Flaschen. Während beide weiterreden, trinkt er zugleich alle Flaschen leer.

Katharina betrachtet Iwan beim Trinken und wird immer ernster.
Michail ist frei, wenn nicht schon totgeschossen.
Ach wenn ers Lager heil verlassen hat,
Fliegt er noch heute drüben in die Luft.
Marienberg wird in die Luft gesprengt
Vom eignen Festungskommandanten,
Noch heute Nacht. Das wäre dir passiert,
Hätt' ich auf dich gedeutet als den Rechten.

Jetzt bist du Kriegsgefangner hier wie ich,
Und er erfährt es nie, der Feldmarschall,
Daß ich mir meinen Mann in seinem Zelt empfange.

Iwan untersucht die leeren Flaschen, spricht dazu
Hat er dich schon geküßt?

Katharina ordnet ihr Haar.

Katharina gleichgültig
Was will man machen, er ist Feldmarschall!

Iwan die letzte Flasche ans Licht haltend
Jawohl, was will man machen! Wo ist Schnaps?
Der Wein ist gar, habt ihr nicht Schnaps im Zelt?

Katharina ärgerlich
Du mußt dein Weib jetzt schützen hier vor jedem Mann;
Das mußt du machen und nicht saufen jetzt.

Iwan findet auf einem Tisch eine Schnapsflasche und duckt sich feig.
Ich dich beschützen vor dem Feldmarschall!
Ich bin ja gar nicht mehr dein rechter Mann,
Seit du den Michail angegeben hier im Zelt.
        Lacht und trinkt aus der Flasche.

Katharina.
Du bist und bleibst mein Mann, wir wollen fliehn.

Iwan lacht sie aus.
Ich fliehn? Wo ich jetzt Uniform und Kost und Wohnung habe!

Katharina aufgebracht
Sind Kost und Kleider dir mehr wert als ich?

Iwan trinkt weiter.
Zeitweise schätzt man eines, zeitweise anderes.
        Trinkt weiter.

Katharina.
Ich schätz, ich hätte dich gleich laufen lassen sollen,
Statt dich vom Tode zu erretten, Feigling du. Kommandiert
Wir fliehen jetzt und gehen in die Welt.
Zwei finden schnell die Hütte, wo man satt wird,
Zwei besser noch als einer in der Welt;
Sollst nur nicht uns das Leben dumm versauern.

Iwan lacht betrunken auf.
Wer glaubt denn noch, daß ich dein Mann bin, Trine?
Du kannst noch lauter schrein, soviel du willst,
Seit du den Michail fortgeschickt als deinen Mann,
Wird dir's nicht eine Laus im Lager glauben,
Auch wenn du tobst und wütend bist wie jetzt.
Wer glaubt's denn, daß du einen Fremden freigebettelt?
Auch Menschikoff wird es nicht merken wollen.
Ich bin für ihn erst recht nicht mehr dein Mann.

Katharina wütend
Oho, du Schuft, du Säufer du und Lump!
Ich werde gleich den Pastor Glück herrufen,
Der wird dir sagen, wer mein Mann hier ist;
Der hat uns angetraut vor Gott und Welt.
Du hast mich hier vor Menschikoff zu schützen.
Warum hab' ich dich sonst bewundert
Und mich bei deinen Fäusten wohlgefühlt im Frieden,
Wenn du mich nicht im Krieg verteid'gen kannst?

Iwan schlägt sich auf die Schenkel und lacht.
Ich dich verteidigen vor einem Feldmarschall?
Das wär', als sollt' ich Rußland für dich kaufen.
Einmal saß ich gefangen schon,
Zum zweitenmal wünsch' ich die Kost nicht mehr.
Verschimmelt Brot und Regenwasser in dem Schanzenloch
Und eingepfercht bei Ratten und Kadavern.
Mit Menschenblut, das durch die Erde sickert,
Hat man den Durst gelöscht, wenn's lang nicht regnen wollte.
Und wenn kein Schnaps zu schmuggeln war bei Nacht,
Hat man sich aus den Fingern Saft gesogen.
Nein, laß mich mit dem Feldmarschall zufrieden!
Dich mag er küssen, – ich besaufe mich.

Katharina stampft weinerlich auf.
Weshalb denn heißt solch Esel Mann, nicht Memme!

Iwan findet eine neue Schnapsflasche, setzt sich und trinkt und zieht Katharina auf einen Stuhl neben sich. Er spricht, betrunken, wichtig und geheimnisvoll.
Beruhige dich! Es kennt mich keiner hier.
Ich stehe mit fünf andern vor der Tür,
Ich will dir sagen, was wir tuen werden.
Du kannst ein Tränkchen nachts dem Feldherrn reichen.
Die Kameraden sorgen für ein Gift, das gieß' ihm in den Wein.
Ich selbst rühr keine Hand vorher; erst wenn er tot,
Dann will ich ihn berauben. Nimm dann sein Geld,
Die Ringe und manch Schmuckstück, das er trägt,
Das bringt uns ein Vermögen ein, erwischen wir's.
        Iwan richtet sich betrunken pathetisch auf und schwingt die Flasche.
Kannst ihm sein Haupt auch mit dem Schwert abschlagen,
Wie Pastor Glück erzählt, daß mal die Judith tat,
Sie brachte Holofernes um, der auch ein General gewesen;
Nicht leiden mocht' sie den. Hat ihn bei Nacht geköpft,
Bei Nacht in seinem Zelt. Das solltest du probieren.

Katharina lehnt sich erstaunt im Stuhl zurück.
Den Feldmarschall, den sollt' ich köpfen, den?

Iwan schlägt auf den Tisch.
Ja den, der dich ganz unverschämt heut küßte.

Katharina steht verächtlich auf.
So hast du nie geküßt wie dieser Herr.

Iwan.
Ei, andere Weiber schätzen anderes an mir.

Katharina.
Du warst mir untreu, du, mit andern Weibern?

Iwan stützt sich schwer auf den Tisch.
Was schert's denn dich, wenn ich's versuche
Und was bedeuten will bei andern auch?

Katharina weint.
Der lange Krieg hat dich verlumpt gemacht.
Kein Faden ist mehr an dir von dem Mann,
Dem mich der Pastor Glück vor'm Jahr getraut.

Iwan wankt zu einem andern Tisch, wo er in leere Gläser starrt.
Da hast du Recht, im Krieg reißt manche Naht.
Warum willst du nicht mal Karriere machen
Und vom Dragonerweib zum Feldherrnrange steigen?

Katharina empört, kommt nah zu ihm hin.
Iwan, so schändlich sprichst du wie ein Lump,
Aus dem statt Seele nur der Schnapsgeist faselt!
Nun will auch ich mir mal die Zunge lockern:
Seit mich der Feldmarschall geküßt, bin ich sein Weib,
        Sie richtet sich stolz auf.
Ich fühl's, als wär mein Blut heut nur Musik:
Als könnt' ich heut der ganzen Welt befehlen,
Und säß auf einem Pferd und kommandierte
Und ritte in die Zukunft wie ein Feldmarschall,
So stolz und prächtig, unbezwingbar fühl' ich mich.
Und all den Ekel, den du statt der Liebe hier mir vorgesetzt,
Der kann mir 's Wohlsein nicht verleiden,
Das mich am ganzen Körper badet heute.

Iwan entdeckt ein halbgeleertes Glas am Tisch, hebt es und trinkt es aus.
Prost! 's wundert mich, was ich bei dir noch soll.

Katharina wendet ihm den Rücken.
Ich hatte Mitleid mit dem Herrn Dragoner
Und hatte Mitleid mit der alten Zeit,
Die aus dem Zelt geht, wenn ich hier im Zelte bleibe.

Iwan fällt mit dem Oberkörper über den Flaschentisch. Richtet sich wieder auf und wankt zu Katharina.
Red' nicht gespreizt und nicht schon fürstlich, Trine!
Du willst von jeher immer hoch hinaus,
Ich gönn' es dir, denn mir ist's zu beschwerlich:
Ich lieb' den Suff und keine Streberei.

Katharina angeekelt
Das merk' ich, du bist lebensmüd'.
Und gehen dir die Augen in dem Kopf stier um,
Dann bist du auf der Höhe deines Daseins,
Und wirst Verräter dann an Herz und Leben.
Gabst deinen Geist im Schnaps längst auf.

Iwan hat sich an die Tischkante gestellt und seinen einen Stiefel ausgezogen.
Schweig still! Ich schlage mit dem Stiefel zu.

Katharina.
Du tust, als wärst du hier im Zelt zu Haus.

Iwan will sie vertraulich am Arm nehmen und deutet auf das Feldherrnbett.
Du bist mein Weib – und dort ist unser Bett.

Katharina stößt ihn zurück.
Ins Bett des Feldmarschalls willst du hinein?

Iwan plump
Warum denn nicht? Es wird ja dein Bett auch!

Katharina.
Geh mir vom Leib!
Die Frauen kommen gleich, die er mir schicken wollte.

Iwan taumelt auf das Bett zu.
Ei, Weiber kommen! Geh, hol' Kameraden!

Katharina.
Iwan, ich schäm' mich, daß ich deine Frau gewesen.
Hätt' ich dich nie aus deinem Schanzenloch befreit!

Iwan ist auf das Bett gefallen, zieht die Beine hoch und zieht den zweiten Stiefel aus.
Dann wärst du auch niemals zum Fürst gekommen,
Und ich hätt' nicht den feinen Wein im Leib.
        Er stößt die Kissen auf die Seite.
Verdammt, zu schläfrig bin ich und fall um;
Mach Platz, und laß mich schnarchen, wo ich schnarche.

Katharina tritt schnell an das Bett.
Du sollst um Gotteswillen hier nicht schnarchen!
Wenn dir dein Leben lieb ist, schlafe lautlos,
Dann kann ich dich verstecken bis zum Abend.

Sie zieht den Vorhang aus Pferdedecken und Soldatenmänteln zu, weil sie die Damen draußen plaudern und kommen hört.

Iwan hinter dem Bettvorhang
Ei Weib, ei Weib der Weiber, Weib!

Katharina wendet sich um, würdevoll wie eine junge Fürstin, und geht den eintretenden Damen entgegen. Die drei Damen verneigen sich vor ihr. Zwei tragen über den Armen ein neues Reitkleid nebst Reithut für Katharina.
Die Damen suchen mich?
Ich danke Ihnen, daß sie sich bemühten.

Eine Dame.
Madame, der Feldmarschall schickt dieses Kleid.

Katharina.
Welch prächtiges Geschenk vom Feldmarschall!
Ich dank' den Damen für die Müh', es herzubringen.
        Sie deutet mit einer Geste auf einen Stuhl, wo man das Kleid hinlegen soll, und lacht.
Das Kleid, das werde ich gleich morgen tragen.
Heut, hoff ich, werd' ich noch dem Fürst gefallen,
So wie ich geh und steh und sauber bin.

Dame.
Wir dachten nicht, daß wir das Zelt verlassen,
Ohn' Euch das Kleid hier erst noch anzuziehn;
Fürst Menschikoff befahl's, und wir gehorchen gern.

Katharina lächelt.
Doch ich gehorche nicht so schnell hier, meine Damen.
Ich bleibe, wie ich bin, und danke Ihnen.

Dame.
Der Fürst, Madame, erwartet Euch im Reitkostüm zu Pferd.
Er will Madame noch heute den Offizieren präsentieren.

Katharina erstaunt und nachdenklich und schnell entschlossen
In einem Reitkostüm zu Pferd soll ich mich zeigen?
Das – ja – das will ich gern und augenblicklich!
Ja, zieht mich an, ihr Damen, darf ich bitten!
Zu Pferd! Ich habe keine andere Lust mehr heute,
Als auf dem Pferde durch das Heer zu reiten.

Sie beginnt sich mit Hilfe der Damen rasch umzukleiden.

Dame.
Madame sind gut zu Pferd und reiten oft?
Wir dachten, daß der Pastor Glück Ihr Pflegevater sei?

Katharina.
Ich – nie saß ich auf einem Pferderücken!
Doch ist mir heut', als hätt' ich's schon erlebt.
Ich weiß nur, daß die Zeltluft hier mich mutig stimmt.
Dem Kleid, euch Damen und dem Feldmarschall
Bin ich auf dieser Erde schon begegnet,
Mal irgendwo im Traum in einer fernen Nacht.

Dame.
Das Kleid sitzt gut und wird Euch fürstlich schmücken,
Wir haben leider Waffen nur und keinen Spiegel hier im Zelt.

Katharina.
Der Spiegel ist das Wohlgefühl, das ich in diesem Kleide spüre.
Ich seh' mich schon zu Pferd, zu Wagen und in Schlössern d'rin erscheinen.

Dame.
Ach ja, man zieht mit neuen Kleidern oft eine neue Zukunft an.

Katharina.
Heut' Morgen hab' ich nicht geahnt, wie mich der Abend kleiden wird.

Dame.
Der Abend überholt den Morgen nicht umsonst.

Katharina fertig gekleidet. Sie bemerkt nicht den Fürsten Menschikoff, der unter der Zelttür erscheint und sie bewundert.
Und in dem Krieg eilt sich das Schicksal mächtig.
        Man hört von fern schwachen Kanonendonner.
Horcht! Hört man die Kanonen wieder singen?
Der Waffenstillstand ist zu Ende heute Abend.

Dame.
Und morgen noch will man Marienberg erstürmen.
        Die Dame deutet auf Menschikoff.
Der Fürst steht dort und sieht Euch längst schon zu.

Katharina sich lachend vor ihm verneigend
Herr Feldmarschall, ich habe mich verwandelt!
        Zu den Damen
Ich dank euch, meine Damen, für die Hilfe.

Die Damen verbeugen sich und gehen fort. Menschikoff kommt näher.

Menschikoff.
Bei Gott, ich bin erstaunt und fast verwirrt;
So Schönes sah dies alte Zelt noch nie.
Ich möcht' mit Euch durchs ganze Lager reiten,
Um alle Offiziere durch Eure Schönheit anzufeuern
Zum letzten Anprall, zu dem Ansturm auf Marienberg.

Die Festungswerke von Marienberg, die über dem halb heruntergerissenen Zeltvorhang am Himmel zu sehen sind, erhellen sich plötzlich im Abenddunkel blitzschnell, feuerrot, und man sieht Türme zusammenstürzen. Ein Explosionsschlag erschüttert zugleich das Zelt; kleinere Explosionsschläge folgen donnernd nach.

Katharina hält die Hand ans Herz.
Herrgott, der Himmel reißt die Erde ein!

Menschikoff ernst
Das war das Ende von dem Kriegsgesang.
Marienberg flog in die Luft – bravo!
Die Festung hat sich, scheint's, die Rechnung selbst gemacht.
Leb wohl! Ich muß zu meinen Generalen.
        Er will hinausstürmen und dreht sich unter der Tür noch um.
Daß Euer Mann, den wir just hingeschickt heut' nach Marienberg,
Wahrscheinlich heut' und niemals mehr jetzt wieder kommt, –
Ich würd's nicht wagen, gleich Euch zu erinnern,
Doch habt Ihr ihn nicht sehr beweint vorhin.
Ich glaub', Ihr atmet fast erleichtert auf?

Katharina.
Ihr tötet leicht und schnell, Herr Feldmarschall.

Menschikoff.
Vielleicht, wär't Ihr ein Mann, versuchtet Ihr es auch,
Wenn so viel Schönheit Ihr an einem Tag entdecktet.
Leb' wohl! Auf später, schöne Katharina.

Von draußen Trompetensignale, Trommelwirbel, Menschengeschrei und Menschengewimmer. Der Lärm wächst immer stärker an. Katharina horcht lange.

Katharina allein
Töten denn Menschen gar so leicht, sobald sie lieben?
Mich schaudert vorm Geschrei der Sterbenden!
Man hört sie von Marienberg herüber, deutlich, als wär's im Zelt.
        Hinter dem Bettvorhang beginnt Iwan erst leise, dann immer lauter zu schnarchen.
Ich bin so müde von dem Krieg und Lärm,
Und leb' erst recht im Krieg mit mir seit heute Morgen!
        Sie geht zum Bett und öffnet den Vorhang weit.
Ach Iwan – Iwan –, armer Säufer, du!
Ich fühl', als müßte ich ihn heut' einmal noch beschützen.
        Sie setzt sich auf den Bettrand.
Er schnarcht, antwortet schnarchend aus dem Schlaf.
Iwan! Herrgott, ich muß ihm noch den Mund zuhalten.
Er sperrt den Mund auf und verschnarcht sein Leben.
        Sie gähnt ermüdet.
Er steckt mich an mit seiner Müdigkeit, der Schnarcher.
        Sie gähnt wieder.
Schnarch' nicht, man hört dich ja bis vor das Zelt, Iwan!
Wie kann ich ihn nur aus dem Bett vertreiben?
        Sie versucht ihn an den Schultern zu heben und gähnt dabei.
Er ist zu schwer, ist wie vom Schlaf noch schwerer.
Ich muß hier sitzen und den Mund ihm halten,
Und bin doch selbst so müd' von diesem wilden Tag.
        Sie schließt die Augen und spricht mit geschlossenen Augen.
Schnarch nicht, Iwan! Nicht schnarchen! Nicht!

Sie schläft fest ein. Es wird dunkel. Man sieht nur im Hintergrund den roten Brandhimmel über Marienberg. Eine Weile bleibt das Zelt leer. Dann hört man russische Kriegsmusik. Zwei Fackelträger öffnen den Zeltvorhang, stellen sich links und rechts auf. Menschikoff, von allen Generalen begleitet, erscheint unter der Zelttür. Ehe er eintritt, wendet er sich an die draußen stehenden Generale, die, von den Fackeln beleuchtet, seine Ansprache freudig anhören.

Menschikoff.
Ihr wollt mir zu dem Siege gratulieren, Generale!
Kommt in mein Zelt mit eurem Glückwunsch!
Mehr als der Sieg heut' von Marienberg
Freut mich die Schönheit, seht, der schönsten Frau.
Ich will euch Katharina zeigen, Frau Katharina Glück,
Die heut' die Freundin wurde eures Feldmarschalls.

Er wendet sich um und tritt in das Zelt. Die Generale drängen nach. Allgemeines Schweigen. Nur die Musik spielt draußen weiter. Menschikoff bleibt mitten im Zelt breitspurig stehen und bricht heftig in die Worte aus:

In allen Höllentagen! Wer ist der Kerl in meinem Bett?
        Atemlose Pause.
Den Kerl und Katharina soll man henken!

Pastor Glück drängt sich durch die Generale. Verbeugt sich lebhaft und stellt sich zwischen Menschikoff und das Bett.
Herr Feldmarschall, ich bin der Pastor Glück, der diese zwei getraut.
Es ist kein Unrecht, wenn die zwei ein Bette teilen.
Sie sind ja Mann und Frau und feiern Wiedersehen.

Menschikoff.
Was? Wiedersehen in dem Bett des Feldmarschalls?
Und dieses Weib hat fälschlich einen andern heut'
Als ihren Mann genannt! Nochmals: man soll sie henken!

Pastor Glück begütigend
Die schöne Frau kann Euer Bett nur zieren.

Menschikoff.
Und jener Kerl soll auch mein Kissen schmücken?

Pastor Glück.
Drückt halt ein Auge zu; dann seht Ihr nur die Frau.
Am besten wär's, Ihr säht gleich gar nicht hin.
Dann morgen ist ein neuer Tag auf Erden.

Der Pastor zieht rasch behutsam die Bettvorhänge über den beiden Schlafenden zu. Er wendet sich wieder höflich lächelnd an Menschikoff.

So – jetzt ist gar kein Grund zu Ärgernis gegeben.
Das Zelt, das hattet Ihr Frau Katharina angewiesen,
Hier sollt' sie schlafen dürfen wie ein Christenkind.
Versprecht, daß Euch der Schlaf der Eheleute heilig.

Menschikoff wendet ihm resigniert den Rücken.
Bei allen Heiligen im russischen Reich –
Wenn beide hier nur schlafen, so sollen sie mir heilig bleiben.
        Achselzuckend zu den Generalen
Verdammt, ihr Herrn, verdammt, ich glaubt', ich wäre Sieger hier im Zelt.
Doch gibt's noch höhere Mächte über Feldherrn.
Die schönsten Damen sind wie Götter mächtig.
Stellt die Musik jetzt ein! Der Ehemann will schnarchen, schnarchen.

 

Vorhang

 

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