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Die Sphinx

Edgar Allan Poe: Die Sphinx - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorEdgar Allen Poe
titleDie Sphinx
booktitlePhantastische Fahrten
publisherPropylen-Verlag zu Berlin
seriesEdgar Allens Poes Werke
volumeFnfter Band
editorTheodor Etzel
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130701
modified20160615
projectid5f45ac46
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Edgar Allen Poe

Die Sphinx

Ins Deutsche übertragen von Gisela Etzel

 

Zur Zeit, als die fürchterliche Cholera in Neuyork herrschte, war ich der Einladung eines Verwandten gefolgt, vierzehn Tage in seinem Landhaus am Ufer des Hudson zu verbringen. Wir hatten hier alles, was man zur sommerlichen Unterhaltung braucht, und wir hätten die Zeit mit Waldspaziergängen und Malen, mit Rudern, Fischen, Baden, Musizieren und Lesen recht angenehm verbracht, wäre uns nicht allmorgendlich aus der volkreichen Stadt so grausige Botschaft zugegangen. Kein Tag ging hin, ohne uns Nachricht von dem Ableben irgendeines Bekannten zu bringen. Dann, als das Verhängnis zunahm, lernten wir, täglich mit dem Verlust eines Freundes zu rechnen. Schließlich zitterten wir beim Nahen jedes Boten. Die ganze Luft von Süden her schien uns nach Tod zu riechen. Ja, diese lähmende Vorstellung nahm von meiner ganzen Seele Besitz. Ich konnte von nichts anderm mehr reden oder träumen, an nichts andres mehr denken. Mein Gastgeber war nicht von so leichter Erregbarkeit, und obgleich er sehr niedergeschlagen blieb, bemühte er sich noch, meine Lebensgeister zu heben. Sein sehr philosophischer Verstand ließ sich nicht von Unwirklichkeiten berühren. Die wirklichen Schrecken empfand er stark genug, für ihre Schatten aber, ihre Spiegelungen, hatte er kein Verständnis.

Seine Versuche, mich dem unnatürlichen Trübsinn, dem ich verfallen war, zu entreißen, wurden durch einige Schriften, die ich in seiner Bibliothek gefunden hatte, wieder zunichte gemacht. Sie waren derart, daß sie den Samen ererbten Aberglaubens, der latent in mir vorhanden war, zum Keimen brachten. Ich hatte jene Bücher ohne sein Wissen gelesen, und so blieb er im unklaren darüber, auf welche Ursachen meine unheimlichen Phantasien zurückzuführen seien.

Ein bei mir beliebtes Thema war der volkstümliche Glaube an Zeichen und Wunder – ein Glaube, den ich nach meiner damaligen Lebensauffassung ernstlich zu verteidigen geneigt war. Wir führten lange und angeregte Zwiegespräche über diesen Gegenstand; er betonte, wie ganz unbegründet der Glaube an solche Dinge sei; ich behauptete, ein so völlig selbständiges, das heißt ohne sichtbare Spuren einer Suggestion entstandenes Volksempfinden trage die nicht mißzuverstehenden Elemente der Wahrheit in sich und verdiene größte Beachtung.

Tatsache ist, daß bald nach meinem Eintreffen dort im Landhaus mir ein so ganz unerklärliches Ereignis begegnete, daß meine Neigung, darin ein Omen zu sehen, begreiflich war. Es erschreckte, verwirrte und bestürzte mich gleichzeitig so, daß viele Tage vergingen, ehe ich mich dazu entschließen konnte, meinem Freunde die Umstände mitzuteilen.

Ein außerordentlich warmer Tag ging zu Ende, als ich mit einem Buch in Händen am offenen Fenster saß, das hinter einem weiten Blick auf beide Flußufer einen fernen Hügel sehen ließ. Ein sogenannter Erdrutsch hatte die mir zugekehrte Seite der Berglehne zum großen Teil der Bäume beraubt. Meine Gedanken waren lange von dem Buch vor mir zu der Trauer und Verzweiflung der nachbarlichen Stadt gewandert. Als ich die Blicke von den Seiten erhob, fielen sie auf die kahle Bergwand und auf ein Wesen – ein lebendiges Ungeheuer von entsetzlicher Gestalt, das eilig seinen Weg vom Gipfel zur Talsohle nahm und schließlich drunten im dichten Forst verschwand. Als dieses Geschöpf zuerst sichtbar wurde, zweifelte ich an meinen gesunden Sinnen, wenigstens an der Klarheit meines Blickes, und viele Minuten vergingen, ehe ich mich wirklich überzeugt hatte, weder verrückt noch traumbefangen zu sein. Wenn ich nun aber das Ungeheuer beschreibe (das ich deutlich sah und ruhig auf seinem ganzen Wege beobachtete), so – fürchte ich – werden meine Leser hinsichtlich dieser beiden Punkte schwerer zu überzeugen sein als sogar ich selbst.

Aus einer Vergleichung mit dem Umfang der großen Bäume, an denen das Ungetüm vorüberkam – der paar Waldriesen, die der Wucht des Erdrutsches standgehalten hatten –, mußte ich schließen, daß es weit größer war als irgendein vorhandenes Linienschiff. Ich sage »Linienschiff«, weil die Gestalt des Monstrums den Gedanken nahelegte; der Rumpf eines unsrer mit vierundsiebzig Kanonen bestückten Linienschiffe vermittelt ein ganz anschauliches Bild von dem Bau des Tieres. Sein Maul befand sich am Ende eines sechzig bis siebzig Fuß langen Rüssels, der den Umfang eines normalen Elefanten hatte. An der Wurzel dieses Rüssels war ein wahrer Wald von schwarzem zottigen Haar – mehr als genügend für die Felle von ein paar Dutzend Büffeln, und aus diesem Haarwald sprangen seitlich und abwärts geneigt zwei schimmernde Stoßzähne vor, ähnlich denen des wilden Ebers, doch von ganz maßloser Größe. Gleichlaufend mit dem Rüssel und an dessen beiden Seiten streckte sich je ein riesiger, dreißig bis vierzig Fuß langer Schaft vor, der aus klarstem Kristall zu bestehen schien und ganz die Form eines Prismas hatte: – er gab eine prachtvolle Spiegelung der Strahlen der untergehenden Sonne. Der Rumpf war keilförmig, das dünne Ende am Erdboden. Aus dem Rumpf breiteten sich zwei Paar Flügel auf – jeder Flügel von fast hundert Meter Länge – das eine Paar saß über dem andern, und alles war dicht mit metallenen Schuppen besetzt, jede Schuppe von etwa zehn bis zwölf Fuß Durchmesser. Ich beobachtete, daß das obere Schwingenpaar mit dem untern durch eine starke Kette verbunden war. Doch die größte Besonderheit dieses entsetzlichen Wesens war das Bild eines Totenkopfs, das fast seine ganze Brust bedeckte und sich von dem dunklen Hintergrund des Körpers so deutlich in schimmernder Weise abhob, als habe es ein Künstler sorgfältig gezeichnet. Während ich das fürchterliche Tier und besonders die Zeichnung auf seiner Brust mit Scheu und Grausen betrachtete – mit einem Vorgefühl kommenden Unheils, das ich mit allen Vernunftgründen nicht besiegen konnte –, sah ich, wie sich plötzlich die gewaltigen Kiefer am Ende des Rüssels auftaten, und es folgte ein so lautes und ausdrucksvolles Wehgeheul, daß es auf meine Nerven wie eine Totenglocke wirkte; und als das Ungeheuer am Fuße des Hügels verschwand, sank ich zugleich ohnmächtig zu Boden.

Als ich mich erholte, war natürlich mein erster Gedanke, meinem Freund von dem, was ich gesehen und gehört hatte, Mitteilung zu machen – und ich habe kaum eine Erklärung dafür, welche widerstrebende Empfindung mich davon zurückhielt.

Eines Abends endlich, drei oder vier Tage nach dem Ereignis, saßen wir zusammen in dem Zimmer, von dem aus ich die Erscheinung gesehen hatte – ich in demselben Stuhl an demselben Fenster und er faulenzend auf einem Sofa nahe dabei.

Da es die gleiche Zeit wie damals und der gleiche Ort war, fühlte ich mich veranlaßt, ihm von dem Wunder zu berichten. Er hörte mich bis zu Ende an – lachte zuerst herzlich und verfiel dann in einen übertriebenen Ernst, als stände meine Verrücktheit außer Zweifel. In diesem Augenblick sah ich das Ungetüm wieder ganz deutlich, und mit einem Aufschrei wirklichen Entsetzens lenkte ich seine Aufmerksamkeit darauf. Er blickte eifrig hin, behauptete aber, nichts zu sehen, obwohl ich den Weg, den die Kreatur am kahlen Berghang herunter nahm, eingehend beschrieb.

Jetzt war ich maßlos bestürzt, denn nun erachtete ich die Vision entweder als ein Vorzeichen meines baldigen Todes oder, schlimmer noch, als den Vorläufer eines Anfalls von Wahnsinn. Ich warf mich in höchster Erregung in den Stuhl zurück und begrub mein Gesicht in den Händen. Als ich die Augen wieder freigab, war die Erscheinung nicht mehr zu sehen.

Mein Gastgeber jedoch hatte seine Ruhe einigermaßen wiedergewonnen und befragte mich sehr eingehend über die Gestalt des Phantoms. Als er hierüber von mir vollkommen unterrichtet war, seufzte er tief auf, als sei eine unerträgliche Last von ihm abgefallen, und redete mit einer Ruhe, die mir grausam schien, über verschiedene Punkte der spekulativen Philosophie, die bisher ein Thema unsrer Unterredungen gewesen waren. Ich entsinne mich, daß er unter anderm sehr eingehend bei dem Gedanken verweilte, der Grundirrtum aller menschlichen Forschung sei der Hang des Untersuchenden, die Bedeutung eines Gegenstandes lediglich durch falsche Berechnung seiner Entfernung zu übertreiben oder zu unterschätzen.

»Um beispielsweise«, sagte er, »den Einfluß einer weitgehenden Verbreitung der Demokratie auf die Menschheit im allgemeinen festzustellen, sollte bei der Berechnung der Faktor mit einbezogen werden, wie weit entfernt der Zeitpunkt ist, an dem eine solche Durchdringung vollzogen sein könnte. Kannst du mir nun aber einen einzigen Schriftsteller der Staatskunst nennen, dem es je eingefallen wäre, diese besondere Seite des Gegenstandes überhaupt einer Behandlung zu würdigen?«

Hier hielt er inne, schritt zu einem Bücherschrank und entnahm ihm einen naturgeschichtlichen Leitfaden. Dann bat er mich, den Platz mit ihm zu wechseln, damit er den kleinen Druck des Buches besser erkenne, nahm meinen Armstuhl am Fenster ein, öffnete das Buch und führte seinen Vortrag in ähnlichem Ton wie vorher zu Ende.

»Nur infolge der außerordentlichen Genauigkeit,« sagte er dann, »mit der du das Monstrum beschrieben hast, bin ich in der Lage, dir darzutun, was es gewesen ist. Zunächst laß mich dir eine für den Schulunterricht bestimmte Beschreibung der Gattung Sphinx vorlesen, aus der Familie der Crepuscularia und der Ordnung der Lepidoptera, zur Klasse der Insecta oder Insekten gehörig. Der Abschnitt lautet:

›Vier hautartige Schwingen, besetzt mit kleinen farbigen, metallisch schimmernden Schuppen; das Maul bildet einen aufgerollten Rüssel, der eine Verlängerung des Kiefers darstellt; zu beiden Seiten befinden sich Rudimente des Kiefers und flaumiger Fühlhörner; das untere Flügelpaar wird mit dem oberen durch ein straffes Haar verbunden; die eigentlichen Fühlhörner haben die Gestalt einer langen prismatischen Keule; Hinterleib spitz zulaufend. Die Totenkopf-Sphinx hat zuzeiten die Bevölkerung durch den schwermütigen Ton entsetzt, den sie ausstößt, wie auch durch das Symbol des Todes, das sie auf ihrem Bruststück trägt.‹«

Hier schloß mein Freund das Buch und beugte sich vor, genau in der Haltung, die ich innehatte, als ich das »Ungeheuer« erblickte. »Ah, da ist es!« rief er jetzt aus – »es steigt den Berghang hinauf, und ich gestehe, daß es ein sehr bemerkenswertes Wesen ist. Immerhin ist es keineswegs so groß oder so entfernt, wie du angenommen hast; denn wie es da an dem Faden, den eine Spinne schräg über den Fensterrahmen gezogen hat, seinen Weg nach oben schlängelt, finde ich, daß seine Länge höchstens etwa ein sechzehntel Zoll beträgt und daß auch die Entfernung von ihm zu meinem Augapfel ein sechzehntel Zoll ausmacht.«

 


 








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