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Jakob Michael Reinhold Lenz: Die Soldaten - Kapitel 9
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Soldaten
authorJakob Michael Reinhold Lenz
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005899-6
titleDie Soldaten
pages1-3
created19990429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Die Schlußszene in der ersten Fassung

Lenz hatte für den Druck auf Anregung Herders die letzte Szene geändert. Die ursprüngliche Fassung in der Handschrift lautet:

Fünfte und letzte Szene

Des Obristen Wohnung.

Der Obriste Graf von Spannheim. Die Gräfin La Roche.

Gräfin. Haben Sie die beiden Unglücklichen gesehen? Ich habe das Herz noch nicht. Der Anblick tötete mich.

Obrister. Er hat mich zehn Jahre älter gemacht. Und daß das bei meinem Corps soll geschehen sein. – Aber gnädige Frau! was kann man da machen. Es ist das Schicksal des Himmels über gewisse Personen – Ich will dem Mann alle seine Schulden bezahlen und noch tausend Taler zur Schadloshaltung obenein. Hernach will ich sehen, was ich bei dem Vater des Bösewichts für diese durch ihn verwüstete und verheerte Familie auswirken kann.

Gräfin. Würdiger Mann! Nehmen Sie meinen heißesten Dank in diesen Tränen. Ich habe alles getan, das unglückliche Schlachtopfer zu retten – sie wollte nicht.

Obrister. Ich wüßt' ihr keinen anderen Rat, als daß sie Begine würde. Ihre Ehre ist hin, kein Mensch darf sich, ohne zu erröten, ihrer annehmen. Obschon sie versichert, sie sei den Gewalttätigkeiten des verwünschten Jägers noch entkommen. Oh, gnädige Frau, wenn ich Gouverneur wäre, der Mensch müßte mir hängen –

Gräfin. Das beste liebenswürdigste Geschöpf – ich versichere Ihnen, daß ich anfing, die größten Hoffnungen von ihr zu schöpfen. (Sie weint.)

Obrister. Diese Tränen machen Ihnen Ehre, gnädige Frau! Sie erweichen auch mich. Und warum sollte ich nicht weinen, ich, der fürs Vaterland streiten und sterben soll, einen Bürger desselben durch einen meiner Untergebenen mit seinem ganzen Hause in den unvermeidlichsten Untergang gestürzt zu sehen.

Gräfin. Das sind die Folgen des ehlosen Standes der Herren Soldaten.

Obrister (zuckt die Achseln). Wie ist dem abzuhelfen? Wissen Sie denn nicht, gnädige Frau, daß schon Homer gesagt hat, ein guter Ehmann sei immer auch ein schlechter Soldat.

Gräfin. Ich habe allezeit eine besondere Idee gehabt, wenn ich die Geschichte der Andromeda gelesen. Ich sehe die Soldaten an wie das Ungeheuer, dem schon von Zeit zu Zeit ein unglückliches Frauenzimmer freiwillig aufgeopfert werden muß, damit die übrigen Gattinnen und Töchter verschont bleiben.

Obrister. Ihre Idee ist lange die meinige gewesen, nur habe ich sie nicht so schön gedacht. Der König müßte dergleichen Personen besolden, die sich auf die Art dem äußersten Bedürfnis seiner Diener aufopferten, denn kurzum, den Trieb haben doch alle Menschen, dieses wären keine Weiber, die die Herzen der Soldaten feig machen könnten, es wären Konkubinen, die allenthalben in den Krieg mitzögen und allenfalls wie jene modischen Weiber unter dem Cyrus die Soldaten zur Tapferkeit aufmuntern würden.

Gräfin. Oh, daß sich einer fände, diese Gedanken bei Hofe durchzutreiben! Dem ganzen Staat würde geholfen sein.

Obrister. Und Millionen Unglückliche weniger. Die durch unsere Unordnungen zerrüttete Gesellschaft würde wieder aufblühen und Fried' und Wohlfahrt aller und Ruhe und Freude sich untereinander küssen.

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