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Friedrich Gerstäcker: Die Sklavin - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Silbermine
authorFriedrich Gerstäcker
yearca. 1890
publisherNeufeld & Henius Verlag
addressBerlin
titleDie Sklavin
pages5-44
created20021030
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Gerstäcker

Die Sklavin

Das Mail- oder Postboot war eben von New-Orleans angelangt und über die von demselben an's Ufer geschobene Planke strömten in ununterbrochenem Zuge fast alle Geschäftsleute und Müßiggänger der kleinen Stadt Bayou Sarah an Bord, um theils für sie angekommene Briefe und Packete in Empfang zu nehmen, theils ihre Neugierde zu befriedigen und an dem zierlich ausgeschmückten Schenkstande ein Glas Brandy und Eiswasser zu schlürfen.

Der Capitain des Postboots, ein kleiner Franzose mit grauem Rock, schwarzem Filzhut und außerordentlich blank gewichsten Stiefeln, schien überall zu sein, und während ihm große Schweißtropfen an der gerötheten Stirn glänzten, schimpfte er in fürchterlich gebrochenem Englisch auf Gott und die Welt, vorzüglich aber auf den Postmeister, der ihm aus seinem Comptoir, eben als er kaum den Rücken gewandt, ein Packet Briefe in zu großem Amtseifer entführt und mit hinauf auf die Post genommen hatte.

»God dam him!« wetterte der kleine Mann, mit der Faust auf das grünbeschlagene Pult niederschlagend, daß die Tinte hoch empor spritzte – »was hat der Pflasterschmierer (der Postmeister hatte zu gleicher Zeit eine Apotheke und einen Kramladen und ließ sich gern »Doctor« nennen) in meinem Comptoir zu suchen? Schleppt Briefe hinauf, eh? Denkt nachher Wunder, was er gethan hat; aber wart' – Du kommst mir wieder.«

»Capitain! Briefe für mich angekommen?« fragte ein junger schlanker Mann, dem Erzürnten lachend dabei auf die Schulter klopfend.

»Geht in die Hölle oder zum Quacksalber hinauf!« fluchte dieser weiter, ohne sich nur die Mühe zu nehmen, herumzuschauen, wer ihn angeredet habe.

»Hallo! was ist wieder im Wind?« lachte der junge Pflanzer – »die Kessel voll zum Zerplatzen? Dampf genug, um drei gewöhnliche Boote in die Luft zu blasen! immer noch der Alte. Ihr Franzosen seid doch sonderbares Volk; gleich Feuer und Flamme, wie Dupont's Schießpulver!«

»Der Postmeister hat die Briefe mit hinaufgenommen,« antwortete der Buchhalter statt des Capitains.

»Dam him!« rief dieser und warf die Glasthür hinter sich in's Schloß, daß die Scheiben klirrten.

»Never mind,« sagte der Pflanzer, »er will gern seine Viertel-Dollars dafür ziehen – Alles zu Onkel Sam'sScherzhafter Name der Vereinigten Staaten, von den Anfangsbuchstaben: United States, Uncle Sam. Besten, 's ist ein gar uneigennütziger Mann, ich kenne ihn wohl; wer einen Brief abholt, muß auch eine Kleinigkeit im Laden kaufen, oder eine Schachtel Medicin mitnehmen. Doch ich will hingehen und sehen, ob etwas für mich angekommen ist.«

Damit trat er hinaus auf den Gang, stieg die Kajütentreppe hinunter und war eben über die Planke an's Ufer gesprungen, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte und ihn eine freundliche, wohlbekannte Stimme anredete:

»Hoho, Ned, wohin so eilig? rennst Du doch, als ob Du von einer Wahl kämst und die wichtigsten Neuigkeiten mitbrächtest!«

»Guston! bei allen Teufeln und Engeln der vier Elemente,« rief der also Angeredete in freudigem Erstaunen aus, –»Guston! aber wie um des Himmels willen kommst Du denn jetzt hierher, wo ich Dich ehrbar und fest in Connecticut angesiedelt glaubte; hast Du die östlichen Staaten schon satt?«

»Vollkommen, mein alter Junge, vollkommen,« entgegnete Guston – »der Böse hole die freien Staaten; ein Pflanzer kann nun einmal da nicht existiren, wo kein Sclavenhandel ist. Ich hatte erst allerlei phantastische Ideen von der Freiheit und Gleichheit der Menschen,« fuhr er fort, als er seinen Arm in den des jungen Mannes hing und mit ihm an das Ufer hinaufschlenderte – »ich glaubte es eine Sünde, meinen »schwarzen Bruder«, wie die Methodisten sagen, zu schinden und zu plagen, bat daher meinen Alten um Reisegeld und ging nach New-York. Von dort aus schrieb ich Dir, daß ich gesonnen sei, mir ein Landgut zu kaufen und mich im Norden des Staats, oder in Connecticut, zwischen den dort eingewanderten gemüthlichen Pennsylvaniern niederzulassen. Es war damals meine Absicht, und hätte ich es gethan, so ständen wir jetzt nicht hier auf louisianischem Grund und Boden zusammen; gerade damals lernte ich aber einen jungen Mann kennen, dem ich mich anschloß und dessen intimer Freund ich wurde, so daß ich, da er in Geschäften nach Europa mußte, mit ihm ging und mit dem Great Western hinüber nach dem »alten Lande« segelte.«

»So bist Du indessen in Europa gewesen?« unterbrach ihn erstaunt der junge Pflanzer.

»Gewiß,« nickte Guston, »in England, Irland und Deutschland; durch die ersten beiden Länder begleitete ich meinen neugefundenen Freund, bis dieser sich plötzlich in ein irländisches Mädchen, und zwar so rasend verliebte, daß er in vier Wochen Hochzeit hielt, gegenwärtig mit allen möglichen alten Squires und jungen Gentlemen nach Füchsen und Kirchthürmen rennt, über alle nur aufzufindenden Hecken, Gräben und Mauern wegsetzt, und sich jetzt, wenn er nicht unter der Zeit den Hals gebrochen hat, ganz wohl befindet. Ich selbst hatte es da bald satt, ging zurück nach England und ließ mich von da nach Deutschland übersetzen. Dort hatte ich Gelegenheit, das Leben der unteren Volksklassen, das Leben der Armen kennen zu lernen, und, Ned, von dem Augenblick an bedauerte ich unsere Sclaven nicht mehr. Es muß hart sein, die Freiheit zu verlieren und der Willkür eines oft vielleicht zu strengen Herrn preisgegeben zu werden; aber das Elend, das ich dort gesehen, die Nahrungssorgen der Unglücklichen, vor deren Augen die eigenen Kinder darben und verderben; der Frost noch dazu im Winter, wo der Vater, der einzige Brodverdiener, eingekerkert wird, wenn er den Jammer zu Hause nicht mehr mit anschauen mochte und in den Wald ging, um ein paar Zweige abzubrechen und die Seinigen wenigstens zu erwärmen, wenn er sie nicht sättigen konnte – der eingebildete, förmlich wahnsinnige Stolz des Adels dabei, gegenüber den unglücklichen Armen – und außerdem noch eine »gesetzliche« Willkür, die dem Unglücklichen mit dem vollem Pomp und Schein offenbarer Gerechtigkeit mit gierigen Händen das Letzte nimmt und dem Vernichteten in der Pracht und dem Luxus der Großen wie zum Hohn alles Das zeigt, was er eben entbehren muß, nicht einmal im Stande, seine Kinder so zu füttern, wie die Hunde der Großen gefüttert werden – das, Ned, füllte mich mit Ekel und Ueberdruß, und ich kann Dir gestehen, ich war froh, als ich das »alte Land« wieder hinter mir hatte. Es mag denen dort zusagen, die es ihre Heimath nennen, der Eskimo liebt ja seine Eisberge und Thrannahrung, aber dem, für den es diesen Zauber entbehrt, ist es ein trauriger Aufenthalt – ich möchte dort nicht leben. Nach kurzem Aufenthalt in Deutschland kehrte ich über Hamburg nach New-Orleans zurück und bin heut, wie Du mich siehst mit dem Postboot heraufgekommen, um von hier zu Land meines Vaters Plantagen zu erreichen.«

»Das zu lernen, brauchtest Du wahrhaftig nicht nach Europa zu gehen,« lachte Ned – »das weiß jedes Kind, daß es unsere Neger besser haben als die armen Leute in Irland oder Deutschland; hol' sie der Henker, und doch murren die Canaillen. Aber heut Abend bleibst Du bei mir, und morgen früh nimmst Du mein Pferd; Dein Alter hat Dich nun so lange nicht gesehen, daß es auf den einen Tag auch nicht ankommen wird.«

»Topp!« rief Guston, »doch laß uns den Schatten suchen, die Hitze hier am Ufer ist unausstehlich. Du wirst mich übrigens führen müssen, denn ich kenne Bayou Sarah ja gar nicht wieder; kaum zehn Häuser waren's, wie ich fort von hier ging, und jetzt steht eine ordentliche Stadt da.«

»Nun, die Mulattin Nelly lebt immer noch,« lachte Willis, »und führt so guten Brandy wie früher; da wollen wir denn vor allen Dingen einmal einsprechen, vielleicht findest Du dort einige alte Bekannte.«

Mit diesen Worten nahm er seines neugefundenen Freundes Arm wieder in den seinigen und schlenderte mit ihm dem nahen Kaffeehause zu, aus dem ihnen lautes Lachen und Jubeln entgegentönte.

Es war ein nicht sehr großes, nach der Straße zu offenes Zimmer, in das sie traten, und dessen Hintergrund ein langer Schenktisch ausfüllte. Der eigentliche Schenktisch (Bar) bestand aus einem aus gemasertem Holz verfertigten, etwas hohen Aufsatze, über den weiße Marmorplatten gelegt waren, um die darauf verschütteten Flüssigkeiten wieder leicht hinwegwischen zu können. Aus einem großen, mit weißem Tuch überdeckten Präsentirteller standen mehrere Dutzend reiner Trinkgläser, während auf einem andern dicht daneben eine gläserne große Schale mit einem plattirten Deckel, geriebenen Zucker enthaltend, prangte. Neben ihr befanden sich wiederum zwei kleine Fläschchen, die, fest zugekorkt und mit einer durch den Stöpsel laufenden Federspule versehen, dazu dienten, die in ihnen enthaltenen Flüssigkeiten (Staunton-Bitters und Pfefferminze) in die Getränke zu tröpfeln, um diesen einen pikanten Geschmack zu verleihen. Hinter dem Schenktische waren in langer Reihe alle möglichen Arten von Getränken, Weine und Liqueure, in zierlichen, farbigen und feingeschliffenen Flaschen und Caraffen geordnet, und zwischen ihnen Orangen und Zitronen aufgeschichtet, was dem Ganzen einen frischen, heitern Anschein gab. Unter dem Schenktische stand eine große Schüssel mit Eis, das in Stücken in die Gläser geworfen wurde, den Trank abzukühlen, und ein junger Mann in einer weißleinenen Jacke und eben solchen weiten Beinkleidern war emsig beschäftigt, den durstigen Gästen, die sich bei der übergroßen Hitze in beträchtlicher Anzahl eingefunden hatten, einzuschenken. Ein langer Doctor von der andern Seite des Mississippi, von Pointe-Coupé, schien übrigens besonders thätig, sein Glas immer wieder auf's Neue zu leeren, bei welchem Geschäft ihm denn alle Anderen helfen mußten, weil er schwur, daß er nicht allein trinken wollte; und immer wieder ließ er das seinige wie die aller Anwesenden frisch füllen, obgleich er sich kaum noch selbst auf den Füßen halten konnte. Oft zwar versuchte ihm Einer oder der Andere zu entschlüpfen, aber mit Adlerblicken entdeckte und erwischte er die Deserteure, und ein frisches Glas war die Strafe, die ihrer wartete. Mehrere, unfähig noch einen Tropfen zu genießen, saßen in der Ecke, als unsere beiden Freunde zur Verstärkung anrückten und augenblicklich von dem Doctor mit offenen Armen empfangen wurden.

»Willis – eh?« redete er diesen an, »durstig? immer durstig?«

»Hier, Doctor, ist ein Freund von mir, ein gewisser –«

»Ein Freund von Euch? er muß mit mir trinken. Sir, geben Sie mir Ihre Hand – so – ich bin der Doctor Siel von Pointe-Coupé, Sie müssen von mir gehört haben. Was wollt Ihr trinken? Hier, Barkeeper, schnell, hier ist ein Mann, der durstig ist – so recht, Gläser, und Eis hinein, – mir aber kein Eis, ich will's heiß haben, heiß wie Lava, will Hitze mit Hitze curiren. Zum Henker, wem gehört das lange Gesicht, was da zum Fenster hereinstiert? kommen Sie herein, Sir; was wollen Sie trinken?«

»Danke, danke,« sagte der Neuangekommene, indem er rasch in die Thür trat und sich ohne weitere Umstände sein Glas füllen ließ.

Es war ein Mann von außergewöhnlicher Länge, der noch um mehrere Zoll über den schon ungeheuer langen Doctor hinausreichte, mit vorstehenden Backenknochen und grauen, scharf und klug umherblickenden Augen, dessen ganze Gesichtszüge aber den Yankee nicht verkennen ließen. Ein blauer langschößiger Frack war trotz des heißen, schwülen Wetters fest zugeknöpft, und ein hoher weißer Filzhut, den er etwas nach hinten gedrückt auf dem Kopfe trug, machte die lange Gestalt noch länger. Seine Stiefeln waren nach der modernsten Façon gearbeitet und ganz neu, mochten ihn aber wohl gedrückt haben, denn auf beiden hatte er, gerade über den Zehen, mit einem Messer einen Kreuzschnitt gemacht, um seinen Füßen Raum zu gewähren; überhaupt schien er das Bequeme zu lieben, denn er setzte sich augenblicklich mit größtmöglicher Gemüthsruhe auf den Ladentisch, wobei ihm seine Ausdehnung sehr zu statten kam, und leerte das ihm mit Wachholder und Wasser dargereichte Glas.

»Gentlemen,« begann jetzt der Yankee, nachdem er einige Kreuz- und Querfragen des Doctors mit eben so vielen anderen Fragen beantwortet hatte, »ich denke, wir können ein Geschäft zusammen machen.«

»Ihr habt doch um Gottes willen keine Wanduhren zu verkaufen?« fragte mit komischem Schrecken der Doctor.

»Nein,« entgegnete lachend der Yankee; »damit befasse ich mich nicht.«

»Ihr Herren scheint Euch sonst nicht gerade an etwas Bestimmtes zu binden,« wandte Guston ein, indem er dem Langen näher trat.

»Für diesmal doch,« antwortete der Yankee, »ich habe mich auf den Menschenfleischhandel gelegt und mit dem läßt sich nicht gut ein anderer vereinigen, Vieh- und Pferdehandel ausgenommen; doch habe ich meine letzten Mustangs in Baton rouge verkauft und nur noch ein Negermädchen von ungefähr fünfzehn Jahren übrig behalten, die ich heute Nachmittag um vier Uhr in Müller's Kaffeehaus ausspielen will, um am Mittwoch wieder mit dem Mailboot nach New Orleans und von da nach meiner Heimath zurückkehren zu können.«

»Und was kostet das Loos?« fragte Willis.

»Fünf Dollars – wir wollen sie auswürfeln!« lautete die Antwort; »es ist ein capitales Mädchen, gesund und kräftig, und die schönste Negerin, die Ihr je gesehen habt.«

»Aber wo steckt denn die Dirne?« unterbrach ihn der Doctor; »schafft sie doch einmal her, und sieht sie gut aus, so nehme ich drei oder vier Loose.«

»Sie ist nur wenige Schritte von hier entfernt,« sagte der Yankee, von seinem Sitz aufstehend – »warten Sie einen Augenblick, ich bringe sie herüber; es wollen sie überdies noch einige Herren hier ansehen.« Mit diesen Worten verließ er das Schenkzimmer und kehrte bald mit einem schönen jungen Negermädchen zurück.

Das kurze, wollige Haar hatte Rabenschwärze; die Nase war, ihrer äthiopischen Abkunft treu, breit gedrückt, aber klein und zierlich, und nur leicht aufgeworfen zeigten sich die kirschrothen Lippen, zwischen denen, wenn sie sprach, ein Paar blendend weiße Reihen Zähne sichtbar wurden und um so mehr gegen die sammetartige, schwarze Haut und die dunkeln, glühenden Augen abstachen. Sie war nicht groß, aber schlank gewachsen und ungemein zierlich gebaut, so daß selbst der seiner Sinne kaum noch halb mächtige Doctor einen Fluch ausstieß und schwur, sie wäre eine verteufelt hübsche kleine Hexe.

Mehrere Pflanzer aus der Umgegend waren jetzt noch hinzugetreten, von denen fast Alle Loose genommen hatten, und der Yankee führte das Mädchen wieder fort, um in St.-Francisville oben noch mehr Theilnehmer für das Würfelspiel um ein menschliches Wesen zu finden.

Unmittelbar hinter dem Mädchen war, als ihr Herr sie zur Schau in die Schenkstube führte, ein junger blasser, aber sehr anständig gekleideter Mann eingetreten, der mit gespannter Aufmerksamkeit den ganzen Verhandlungen horchte und zuletzt, als jeder ein Loos nahm, seine Baarschaft ebenfalls hervorholte. Unstreitig hatte er beabsichtigt, zwei Loose zu kaufen, denn er überzählte sein Geld mehrere Mal; es mußte aber wohl nicht zureichen, denn seufzend schob er einige Dollarnoten wieder in sein schmächtiges, stark abgenutztes Taschenbuch zurück und löste für fünf einzelne derselben ein einziges Loos.

Bald darauf, als sich der Doctor wieder nach ihm umsah und bei Allem, was im Himmel und auf Erden lebe, schwur, daß er mit ihm trinken oder sich mit ihm schlagen müsse, war er verschwunden.

Unterdessen rückte die vierte Nachmittagsstunde heran und eine große Anzahl von Menschen hatte sich vor dem eben erwähnten Kaffeehause versammelt, wo sie ungeduldig den Yankee erwarteten. Endlich kam er – an seiner Seite ging das Negermädchen und nicht weit von ihr entfernt, doch etwas Zurück, der bleiche junge Mann.

Lärmender Jubel empfing die Neuankommenden und der Doctor war der Ausgelassenste und Lustigste von Allen. Das Billard im großen Schenkzimmer wurde jetzt schnell zum Würfeltisch hergerichtet, die Liste der Würfelnden noch einmal verlesen, und der Wirth postirte sich dann mit einem Stück Kreide an die Billardtafel, um den Namen Dessen, der den höchsten Wurf thun würde, aufzuschreiben und die Zahl der geworfenen Augen dabei zu bemerken. Das Mädchen stand in einer Ecke auf einem zu diesem Zweck erhöhten Platz, um von Allen gesehen zu werden, und zwei große helle Thränen hingen an ihren dunkeln, niedergeschlagenen Wimpern.

Ein Herz nur, in all' dem Drängen und Treiben, fühlte ihren Schmerz und theilte ihn – es war der bleiche junge Mann, der, nur wenige Schritte von ihr entfernt, an ein Fenster gelehnt, mit zusammengepreßten Lippen und für den Augenblick von Fieberhitze gerötheten Wangen, die Arme fest ineinander verschränkt, da stand, vor sich niederstarrte und nur dann und wann schnell und mit einem die höchste Angst verrathenden Blick das große, dunkle Auge zu ihr erhob. Als aber das Zeichen zum Anfang gegeben wurde und Aller Aufmerksamkeit sich dem Billard zuwandte, als selbst das Opfer einen Moment schüchtern und bebend aufschaute, begegneten sich ihre Blicke; im Nu war er an ihrer Seite und flüsterte ihr, dicht bei ihr vorbeistreichend, zu. »Muth, Selinde, Muth, Du sollst mein werden und wenn ich Dich aus ihrer Mitte stehlen müßte!«

Ein mattes Lächeln überflog für einen Augenblick das thränenfeuchte Antlitz des armen Kindes, bald aber schwand es wieder und traurig senkte sie das Köpfchen und weinte still.

Das Spiel hatte unterdessen seinen Anfang genommen, dicht um das Billard gedrängt standen die Theilnehmer, mit gespannter Aufmerksamkeit die rollenden Würfel betrachtend, um schnell die fallenden Augen zu zählen.

»Fünfundvierzig!« rief Willis, als sein dritter Wurf gefallen war – »überbietet das, Doctor, wenn Ihr könnt.«

»Nun, ich habe fünf Loose und kann es schon eine Weile mit ansehen,« entgegnete dieser; »aber einmal will ich es doch jetzt auch versuchen.«

Er nahm die drei Würfel in den Becher, schüttelte sie und warf drei Einer.

»Das ist ein guter Anfang!« rief er ärgerlich, als lautes Gelächter ihn von allen Seiten begrüßte – »aber laßt nur, für dies erste Loos werfe ich nicht mehr; könnte ja so nur, im günstigsten Fall, neununddreißig bekommen – ich will unterdessen Eins trinken.

Er trat vom Billard zurück, Andere drängten sich hinzu, und eine Zeit lang herrschte ein gespanntes, ängstliches Stillschweigen, das nur von dem Klappern des Elfenbeins unterbrochen wurde. Der bleiche junge Mann, den Niemand im Zimmer zu kennen schien, trat jetzt hinzu und rief mit leiser, aber fester Stimme: »Mir die Würfel!«

Nur schwach war der Laut, mit dem diese Worte gesprochen wurden; wie ein elektrischer Schlag aber durchzuckten sie den Körper des jungen Mädchens, das krampfhaft emporfuhr und mit geöffneten Lippen und angehaltenem Athem aufmerksam dem geringsten Laut horchte.

Einen Blick nur warf der Spieler auf die vorgebeugt lauschende Gestalt, einen andern an die Decke, wie um da Hülfe zu erflehen, und dann rasselten mit fester Hand die entscheidenden Würfel auf das grüne Tuch – zwei Sechsen und eine Vier. »Sechzehn!« zählte monoton der Anschreiber; »noch einmal!« – wieder lagen dieselben Augen – zum dritten Mal warf er die Würfel in den Becher, schüttelte und – drei Zweien rollten hervor. »Achtunddreißig! – schlecht!« schrie der Ausrufer, und leichenblaß trat der Unglückliche vom Billard zurück. Ein Anderer nahm seinen Platz ein, und in sich zusammenschaudernd hielt die Negerin kaum ihre zitternde Gestalt aufrecht; doch ermannte sie sich nach wenigen Augenblicken wieder, und bat mit leiser Stimme einen nicht sehr entfernt von ihr stehenden weißen Mann um ein Glas Wasser.

»Verdamm' Dich – hol es selber; glaubst Du, daß ich Dein Nigger bin!« rief dieser, sich unwirsch von ihr abwendend. Ohne ein Wort zu erwidern, schwankte sie zum Schenktisch, nahm ein dort stehendes Glas, füllte es mit dem kühlenden Eiswasser und trank es leer; neugestärkt hierdurch, schritt sie leichten, fast elastischen Schrittes zu ihrem Platz zurück und barg, an die Wand gelehnt, das Gesicht in ihren Händen: sie nahm sichtbar keinen weiteren Theil an ihrem ferneren Geschick, und nur manchmal, wenn der rohe, freudige Ausruf eines glücklichen Würflers an ihr Ohr drang, schien eine plötzliche Angst ihr ganzes Innere zu durchbeben, und ein leichtes Zittern überflog ihre Glieder.

Wohl eine halbe Stunde mochte das Spiel so ununterbrochen fortgedauert haben und näherte sich jetzt seinem Ende, als der bleiche Mann, der sich auf kurze Zeit entfernt hatte und dem so viel an dem Besitz des jungen Mädchens gelegen zu sein schien, plötzlich zu dem Sclavenhändler wieder herantrat und ihn leise, mit verhaltener, aber zitternder Stimme um ein anderes Loos bat.

»Gut, mein Herr, ich habe gerade noch zwei, wollte sie selbst werfen, aber um Ihnen einen Gefallen zu thun, ist hier eins davon,« antwortete dieser artig; »jedoch,« fuhr er, sich höflich verneigend, fort – »werden Sie einsehen, daß ich eine Gelegenheit, mein Eigenthum selbst wieder zu gewinnen, nicht ganz umsonst aus den Händen geben sollte – ich kann Ihnen jetzt das Loos nur für zehn Dollars lassen.«

»Mann,« fuhr der Unglückliche empor, indem er krampfhaft seine Schulter faßte, »ich habe Alles veräußert, was ich bei mir hatte, um die lumpige Summe von fünf Dollars zu erschwingen, und jetzt wollt Ihr zehn; ich habe es nicht, mein ganzes Vermögen besteht in sechs Dollars.«

»Freilich kaum bedeutend genug, ein Geschäft anzufangen,« bedauerte der Yankee; »doch erinnere ich mich, daß mein Bruder Jesaiah einst –«

»Hier ist noch ein Ring,« unterbrach ihn plötzlich der Andere, indem er einen einfachen goldenen Reif von seinem Finger zog; »nehmt ihn und gebt mir ein anderes Loos. – Er ist das Doppelte werth,« fuhr er ungeduldig fort, als er sah, daß ihn der Yankee mißtrauisch und aufmerksam in der Hand wog und dann betrachtete; es bedurfte jedoch keiner weiteren Betheuerung. Der Sclavenhändler kannte zu gut den Werth des Goldes, um nicht augenblicklich sich überzeugt zu haben, daß der junge Mann die Wahrheit rede, und reichte ihm eins seiner Loose, während er selbst an das Billard trat und seine drei Würfe that. Das Glück war ihm nicht hold, und ruhig das Resultat des Spiels abwartend, zog er sich in eine Ecke des Zimmers zurück.

Der Doctor hatte jetzt seinen letzten Wurf gethan und rief triumphirend: »Sechsundvierzig! – Das Mädchen ist mein!«

»Sechsundvierzig! bester Wurf!« schrie der Anschreiber eintönig nach.

»Halt! ich habe noch ein Loos!« rief jetzt der junge Mann und drängte sich zur Tafel.

»Warum habt Ihr denn da nicht schon lange geworfen?« entgegnete ärgerlich der Doctor.

»Hatte ich nicht das Recht so gut wie Ihr, bis zuletzt zu warten?« fragte ihn dieser empfindlich.

»Meinetwegen,« lachte der Doctor jetzt dagegen, »Ihr werft doch keine Sechsundvierzig und hättet Eure fünf Dollars sparen können; aber halt!« rief er aus und erfaßte den Arm des jungen Mannes, der eben würfeln wollte – »die Dirne gefällt mir, sie hat ein verdammt hübsches Gesicht – ich gebe Euch fünfzig Dollars, wenn Ihr zurücktretet.«

»Die Würfel mögen entscheiden!« rief der junge Fremde, indem er sich von der Hand des Doctors losmachte und ihm für einen Augenblick das Blut so in die Schläfe trat, daß es ihm die Adern zu zersprengen drohte; in derselben Minute kehrte es aber zu seinem Herzen zurück und ließ nicht einen Tropfen in seinen Wangen. Die Würfel rasselten und eintönig zählte der Wirth die Augen.

»Siebzehn!«

»Beim Himmel, ein guter Wurf!« riefen Alle, die jetzt mit gespannter Erwartung die grüne Tafel umstanden.

Wieder rasselten die verhängnißvollen Stücke Elfenbein in dem ledernen Becher. Todtenstille herrschte und Aller Augen hingen an der Hand des Werfenden, während das arme geängstigte Mädchen betend in die Kniee gesunken war und ihr Gesicht mit den Händen bedeckt hielt. Ihr verhaltenes Schluchzen war das Einzige, was die grabesähnliche Stille unterbrach. Die Würfel lagen.

»Siebzehn! noch einmal!«

»Verdammt!« brummte der Doctor.

»Den dritten Wurf, den dritten Wurf!« riefen Alle ungeduldig, als sie sahen, daß der Fremde ängstlich sinnend einen Augenblick einhielt. Fast krampfhaft faßte er zweimal den Becher, jedesmal wie zusammenschaudernd vor dem entscheidenden Wurf – aber er konnte nicht länger warten – die halb trunkene Schaar wurde ungeduldig, und wieder rasselte der Becher; vorgebeugt umdrängten Alle das Billard, die Würfel fielen – es waren nur elf.

»Hurrah!« jubelte der Doctor, sich auf das Billard wälzend in widerlicher Lust – »ich habe gewonnen! Wer will trinken? ich tractire Alles, was im Hause ist. Müller, he! holla! hierher! füllt die Gläser, gebt Jedem so viel, als er trinken will, ich bezahle Alles!« Und sich dann auf dem Billard niederlassend, rief er aus: »Bringt das Mädchen her, ich will sie betrachten!«

Als Selinde den jubelnden Triumphruf des Doctors hörte, wollten sie fast ihre Kräfte verlassen, und sie wäre gesunken, hätte sie nicht der Fremde unterstützt; doch jetzt ermannte sie sich mit wunderbarer Kraft und flüsterte nur, ehe sie dem Befehl ihres neuen Herrn Folge leistete, ihrem Beschützer leise zu: »Fliehe, Alfons, fliehe, ehe man Dich entdeckt!« und trat dann festen und sichern Schrittes vor ihren Gebieter, seine Befehle zu vernehmen.

»Sie ist ein hübsches Mädchen!« lallte dieser, von heftigem Schlucken unterbrochen, indem er sich mit dem rechten Ellbogen auf den Billardrand legte und mit gläsernen Augen zu ihr aufsah – »gut, gut – meine Frau wird scheel sehen, wenn ich ihr den Nigger in's Haus bringe, aber –«

Er konnte nicht vollenden; die geistigen Getränke, die er an diesem Tage genossen hatte, gewannen durch die letzte Aufregung endlich die Oberhand, und bewußtlos sank er auf's Billard zurück, von dem er fortgetragen und in ein Bett gelegt wurde, um seinen Rausch auszuschlafen.

Der Wirth nahm die Negerin in seine Obhut und schloß sie in ein Zimmer ein, um sie ihrem Herrn nach dessen Erwachen zu überliefern.

Indessen hatten einige junge Leute, unter denen sich auch Willis befand, eifrig mit einander geflüstert und forschende Blicke auf den bleichen jungen Mann geworfen, den die Negerin Alfons genannt und der theilnahmlos in einer Ecke lehnte. Sein krauses, rabenschwarzes Haar hing ihm in langen Locken über die bleiche Stirn herunter, seine Lippen waren bleich und seine Augen geröthet; plötzlich trat Einer der jungen Leute auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und rief in barschem Ton: »Alfons!«

Wie von einer Schlange gebissen, sprang bei dem Klange dieses Namens der Unglückliche empor und starrte wild umher, auf den Kreis fremder, unbekannter Gesichter, die ihn umgaben, bis seine umherirrenden Blicke auf dem des ihm Gegenüberstehenden haften blieben, der ihn fest und durchdringend betrachtete. Als ihm aber dessen Züge klarer und deutlicher aufdämmerten, schlug er sich mit der geballten Faust vor die Stirn, stieß einen tiefen Seufzer aus und sank wie vernichtet auf seinen Stuhl zurück. Der junge Mann dagegen, der solche Veränderung in seinem ganzen Wesen hervorgebracht hatte, wandte sich triumphirend nach seinen Kameraden um und rief:

»Ich kannte den Burschen, und Ihr mögt mich einen Schurken nennen, wenn es nicht ein erbärmlicher Nigger ist.«

»Was, ein Neger?« riefen Alle, sich um den regungslos Dasitzenden drängend, »ein Neger? und mischt sich zwischen Weiße?«

»Hinaus mit ihm! schlagt ihn zu Boden, den Hund! werft ihn aus dem Fenster!« Das waren die Ausrufungen, die mit Blitzesschnelle einander folgten, und nicht allein bei Ausrufungen blieb es, sondern in demselben Augenblick fühlte sich auch der Unglückliche von kräftigen Händen gefaßt, zu Boden geworfen, wieder aufgerissen und dem Fenster zugeschleppt, aus dem er wenige Secunden später auf die Straße geschleudert wurde. Die Höhe, von der er hinunterstürzte, betrug jedoch kaum sieben Fuß und nur wenig beschädigt fiel er zu Boden; schon aber hörte er das Rachegeschrei der Verfolger, die nicht gedachten, ihr Opfer so leichten Kaufs entwischen zu lassen, auf der Hausflur.

Wohl sprang er empor und wandte das blutende Antlitz seinen Feinden entgegen, aber nicht Todesfurcht, nein, kalter Trotz und Verachtung des Schrecklichen, was ihm begegnen könnte, lag in dem Blick, mit dem er seine Peiniger zu erwarten schien. Da scholl aus einem der oberen Fenster die Stimme Selinde's, die ihm, den Untergang des Geliebten voraussehend, in Todesangst zurief:

»Flieh, Alfons, flieh – um meinetwillen!«

Einen Blick warf er hinauf zu der halb aus dem Fenster gebogenen schlanken Gestalt des armen Mädchens, einen Blick voll Liebe, Angst und Trotz; dann aber, wie von einem neuen Gedanken durchzuckt und ehe ihn noch der heranstürmende Haufe erreichen konnte, floh er mit Windesschnelle die Straße hinauf und war bald in den ihn verbergenden Baumgruppen, welche die Stadt umgaben, verschwunden.

Taumelnd und fluchend folgten ihm wohl noch einige der Nüchternsten eine kurze Strecke, gaben es aber bald auf, den schnellfüßigen Flüchtling zu erreichen, und kehrten in das Wirthshaus zurück, indem sie schwuren, dem verdammten Neger, wo er sich nur wieder blicken ließe, Füße und Hände zu binden und ihn in die Bayou zu werfen.

Guston hatte an dem ganzen Vorgange keinen Antheil genommen und ruhig, in einem Fenster lehnend, dem Auftritt zugesehen; einmal zwar, gerade als der Haufe den Unglücklichen auf die Straße schleuderte, war er zusammengezuckt, als ob er im Begriff gewesen wäre, ihm beizuspringen; hatte es aber nur so den Anschein gehabt, oder er sich eines Bessern besonnen, er fiel wieder in seine nachlässige Stellung zurück und blieb bei dem Ganzen ein unthätiger, ja, wie es fast schien, theilnahmloser Zuschauer. Nur erst als die Gemüther sich wieder beruhigt hatten und der lärmende Haufe zum erneuerten Trinken in die Gaststube zurückgekehrt war, entfernte er sich leise, selbst nicht von Willis bemerkt, und ging nachdenkend die Straße nach St.-Francisville hinauf.

Die Sonne war indessen untergegangen und tiefe Dämmerung lagerte sich über das Thal, als Guston den Fuß des Hügels erreichte, auf dem das Nachbarstädtchen erbaut ist. Zu seiner Linken sah er ein mattes Licht zwischen den Spalten eines kleinen Blockhauses hindurchschimmern, das, wie er noch von früher wußte, von zwei Mulattinnen, Mutter und Tochter, bewohnt war. Der Gedanke fuhr ihm durch den Kopf, daß sich dorthin der Verfolgte geflüchtet haben könne, und obwohl sich keines klaren Zwecks bewußt, ging er schnell an dem sanften Abhang des Hügels hinauf und stand bald an der von innen verriegelten Thür des kleinen Hauses, aus dem leise flüsternde Stimmen heraustönten.

Guston legte sein Ohr an eine der Spalten und unterschied bald die tröstende Stimme des Mädchens, die jemandem Muth zusprach und dabei selbst dann und wann einen recht tiefen, tiefen Seufzer ausstieß. Guston war überzeugt, daß der Unglückliche hier Schutz gefunden hatte, aber noch unschlüssig, wie er sich Eingang verschaffen wollte, da die Inwohnenden in ihm unmöglich einen freundlich Gesinnten vermuthen konnten, als er die Stimme der Alten hörte, die, an die Thür tretend, zu ihrer Tochter sagte:

»Ich muß nur noch die Wäsche hereinnehmen, die draußen hängt, sonst dürfte morgen früh wenig davon übrig geblieben sein; setze Du indessen den Kessel auf's Feuer – der arme Mensch wird Nahrung und Ruhe bedürfen.« Zu gleicher Zeit wurde der große, schwere eiserne Riegel zurückgeschoben, und die alte Frau trat in die Thür, erblickte aber in demselben Augenblick den jungen Pflanzer und wollte, zurückschreckend, dieselbe wieder zuschlagen, als Guston schnell vorsprang und das Verriegeln derselben hinderte.

Die Frauen stießen einen Angstschrei aus, und Alfons, der sich matt und erschöpft auf's Bett geworfen hatte, sprang erschrocken empor und riß ein verborgen gehaltenes Messer aus seinem Gürtel; Guston aber hob die Hand zum Zeichen des Stillschweigens, half selbst die Thür verriegeln und dann einen Stuhl an den Tisch rückend, setzte er sich mit einer solchen Ruhe und Kaltblütigkeit nieder, als ob nicht das Geringste vorgefallen sei.

»Mr. Guston,« rief die alte Mulattin, die ihn erst jetzt erkannte, ganz erstaunt aus, »Mr. Guston! wie um des Himmels willen kommen Sie wieder nach Louisiana und in unsere Hütte? Sie wollen doch nicht dem armen Mann da –?«

»Sei nicht bange, Alte,« unterbrach sie der junge Pflanzer, »ich habe keine bösen Absichten, ich komme einzig und allein aus Neugierde und kann dem armen Menschen sogar nützlich sein. Wie aber konntest Du es wagen,« – wandte er sich jetzt an den stumm und regungslos vor sich hinstierenden Quadroon – »Dich so dreist zwischen Weiße zu drängen und mit ihnen zu spielen und zu trinken?«

»Ich habe nicht mit ihnen getrunken,« antwortete eintönig Alfons.

»Gleichviel,« entgegnete Guston, »Du mußtest recht gut wissen, welcher Gefahr Du Dich aussetztest, und das ohne irgend einen Zweck oder Nutzen davon zu haben; denn wenn Du wirklich das Mädchen gewannst, so wäre sie Dir, unter den Verhältnissen, doch nicht gelassen worden.«

Alfons seufzte tief auf.

»Aber sage mir, wo bist Du her? Du bist so weiß wie irgend Einer von uns; ich selbst würde nie einen Verdacht geschöpft haben, daß Du von schwarzem Blute abstammtest. In welchem Verhältnisse stehst Du zu der Negerin? denn einen geheimen Grund mußt Du gehabt haben, Du hättest sonst nie etwas so Tollkühnes unternommen.«

»Und was hülfe es mir und Euch, wenn ich die Geschichte meiner Leiden erzählte?« sagte Alfons traurig, »es ist die Geschichte Tausender meiner Brüder, und Ihr mögt dieselbe in all' den südlichen Staaten dieses freien, gesegneten Landes finden! Oh, ein freies Land ist es!« fuhr er, mit beiden Händen krampfhaft seine Schläfe fassend, fort.

»Du selbst bist doch kein Sclave?« fragte, schnell vom Stuhl aufstehend, der Pflanzer.

»Nicht ich,« murmelte, traurig mit dem Kopf schüttelnd, der Unglückliche; »doch überzeugt Euch,« fuhr er, mehrere Papiere aus seiner Tasche hervorlangend, fort – »überzeugt Euch selbst. Mein Vater schenkte mir die Freiheit; oh, ich glaubte es damals ein schönes Geschenk, ich wurde nicht mit den anderen Negerkindern wie die jungen Mustang-Füllen aufgezogen, ich durfte lesen und schreiben lernen und glaubte mich, durch die Weiße meiner Haut getäuscht, so frei und glücklich wie die Amerikaner. Es war ein kurzer, aber schöner Jugendtraum; überall kannte man mich, wußte, daß meine Mutter eine Mulattin sei, und der »verdammte Neger« durfte sich an keinem Orte, wo sich Weiße aufhielten, sehen lassen, ohne die schmerzlichsten Kränkungen und Demüthigungen zu erfahren.

»Mit leichtem Herzen würde ich auch das Land meiner Geburt verlassen haben, hätte nicht eine Sclavin meines Vaters – dasselbe junge Mädchen, welches heute ausgewürfelt wurde,« – fuhr er mit leisem, zitterndem Tone fort – »mein Herz und meine Seele auf jener Pflanzung gefesselt gehalten. Selinde liebte mich wieder und Priesterhand sollte uns vereinigen, denn mein Vater hatte mir versprochen, sie frei zu geben und mir zu schenken. Da entriß mir der Tod plötzlich das einzige Wesen, das noch einen schützenden Einfluß auf mich ausgeübt hatte, denn auch meine Mutter war ein Jahr vorher gestorben, und Fremde nahmen das Eigenthum in Besitz, das durch unvorsichtige Spekulationen, wie mir gesagt wurde, verschuldet und verpfändet war. Ich wurde mit wenigen Dollars in die Welt hinausgestoßen, und Selinde, mit anderen Sclaven und Sclavinnen, da der neue Eigenthümer selbst deren einige fünfzig aus Georgien mitgebracht hatte, an einen Sclavenhändler verkauft. Dieser verließ Alabama und wandte sich nach New-Orleans, um dort für einen höheren Preis die billig eingehandelten Schwarzen zu verkaufen, was ihm auch mit allen gelang, Selinde ausgenommen, die er für sich behalten wollte, bis er mit ihr hier nach Bayou Sarah kam und es ihm einfiel, sie auszuwürfeln.

»Ich war ihnen von meinem Geburtsort aus gefolgt und hatte oft mit Lebensgefahr das Mädchen, an dem mein Herz hing, zu sehen getrachtet; da hörte ich heute Morgen, hier eben angelangt, von dem beabsichtigten Würfelspiele. Neue Hoffnung belebte mich, ich glaubte mich hier von Niemandem gekannt, der weißen Farbe meiner Haut vertrauend, wagte ich mich in das Wirthshaus und wendete meinen letzten Cent, selbst einen Ring daran, den mir meine Mutter auf dem Sterbebette gegeben, um zwei Loose zu kaufen. Sie wissen das Uebrige. Der junge Mann, der mich erkannte, ist ein Neffe meines Vaters – mein eigener Vetter.«

Alfons schwieg, die beiden Frauen aber saßen in der Ecke und schluchzten; selbst Guston war gerührt.

»Wie aber entgingst Du der Aufmerksamkeit des Sclavenhändlers?« fragte er endlich nach einer Pause; »der mußte Dich doch auf Deines Vaters Pflanzung gesehen haben.«

»Oft genug,« fuhr Alfons fort; »da ich aber mit im Herrenhause schlief und von den Sclaven stets als »Mr. Alfons« angeredet wurde, hatte er nicht den leisesten Verdacht geschöpft, daß ich selbst zu jener verachteten Race gehören könne.«

»Und was denkst Du jetzt zu thun?« fragte Guston teilnehmend, als er ihm die schnell durchgesehenen Papiere zurückgab.

»Was kann ich thun?« hauchte leise der Quadroon.

»Sei morgen Abend wieder hier in diesem Hause,« sagte Guston aufstehend, »ich will mit dem Doctor morgen früh reden, vielleicht kann ich Dir helfen.«

Alfons schüttelte, bitter lächelnd, den Kopf.

»Heute ist so nichts mehr zu hoffen,« fuhr Guston, mehr zu sich selbst als zu dem Andern redend, fort, »um zehn Uhr fährt der Doctor mit der Dampffähre nach Pointe-Coupé, und da wird für diesen –«

»Heut Abend um zehn Uhr?« fragte Alfons hoch aufhorchend.

»Die Dampffähre geht doch bei diesem niedrigen Wasserstande nicht mehr so spät in der Nacht?« sagte die alte Mulattin, sich die Augen trocknend.

»Es sind, wie ich eben hörte, Damen von Taylor's Pflanzung auf dieser Seite des Flusses, und die verlangen noch übergesetzt zu werden,« erwiderte Guston; »da wollen sie den Doctor so lange schlafen lassen und dann mitnehmen; bis dahin ist er nüchtern und kann auf seine Sclavin Acht geben. Doch genug für heut Abend,« unterbrach er sich selbst, »ich habe vielleicht Unrecht gethan, Dir so theilnehmend zuzuhören, da Du nach den Gesetzen des Staates, in dem wir nun einmal leben, eigentlich eher Strafe als Mitgefühl verdient hättest; doch wollen wir das für jetzt dahingestellt sein lassen; also leb' wohl, bis morgen Abend will ich sehen, was sich für Dich thun läßt, und halte Dich ein wenig verborgen, daß Du Deinem Vetter nicht wieder vor die Augen kommst, er scheint keinen großen Gefallen an seiner Verwandtschaft zu finden. – Schon gut,« sagte er, etwas zurücktretend und eine abwehrende Bewegung machend, als er sah, daß Alfons seine Hand ergreifen wollte – »schon gut, Du bist mir weiter keinen Dank schuldig, als daß ich Dich nicht verrathe, und dazu fühle ich nicht die mindeste Lust. Also gute Nacht, Alte, gute Nacht, Anna;« und den Riegel wieder zurückschiebend, sprang er von der hohen Schwelle hinunter und war bald in der Dunkelheit verschwunden.

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