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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Winternot

Der Februar brachte eine Bärenkälte. Was schimpfte Kunz in dem bereiften, vereisten Schuppen! Gisbert hatte seinen Ohrenschmaus.

»In Berlin haben sie vorgestern die hundertsiebenundsechzigste Tanzdiele aufgemacht! Und mir frieren hier die Zehen ab. Hat deshalb die Schöpfung in mir alle menschlichen Reize zusammengehäuft, daß ich zu Puppenlappen verfrieren muß!« 68

Gisbert blieb unanfechtbar, schwebend, über den Dingen.

»Und Du, sag mal, hast Du immer noch Lust, ins All aufzugehen? Der Natur – von minus zwanzig Grad – Dich einzuverleiben? Getreu Deinen Brüdern am Indus, Ganges und Brahmaputra? Die sich da in die Sonne hinlümmeln und sich die Bananen oder sonstwas in den Rachen wachsen lassen. Wir, die wir hier in Schneehütten und Erdhöhlen hausen, Herrgott – wir müssen uns schon ganz in uns selbst hineinkonzentrieren! Daß wir wenigstens etwas Warmes in den Leib kriegen! Der Unterschied zweier Welten! Aber Du – Du mit Deinem Astralgebein!«

Dann kam Tauwetter, eine Regenperiode mit niederträchtigen westlichen Winden. Und ein böser Gast fand in der Baracke sich ein, die Grippe. Fast alle lagen sie auf der Nase. Horst, der noch soeben an einer Lungenentzündung vorbeischrammte, blieb auf den Füßen, pflegte, half und gab das Steuer nicht aus der Hand.

Und wie eine Seuche liefen jetzt, wo sie ihre frische Arbeit nicht hatten, die Unlust, der Überdruß, die fahnenflüchtigen Gedanken durch die Reihen. Von Schimpfen, Stöhnen und Fluchen über das Barackendasein klang der Bau.

Wohl hatte Kunz das Instrument auf diesen Ton gestimmt. Und auch ihm kamen bitterliche Stunden, in denen er Horst sein Herz ausschüttete. »Ich mach nicht mehr mit, – in diesem elenden Kasten – wie ein Sarg ist er – ein Bretterkahn ist er, der in den Orkus hineinfuhrwerkt – ich steig aus! Nach der Großstadt will ich. Müll kutschieren will ich oder den Gummibesen über den Straßenasphalt schieben!«

»Du bist größenwahnsinnig«, erklärte Horst dazu.

Dann gab er sich. Er mochte auch nicht zu dem Chorus gehören. Und da Trübsal und Bitternis nicht 69 abreißen wollten, warf er sich in seinen alten Übermut, hielt sein Lachen parat, zornig und rüttelnd, und wusch die Köpfe.

»Hat das bißchen Schnupfen uns zu Jammerlappen aufgeweicht?« Für die Braven und Zukunftsstarken schleppte er Rum herbei, ihnen braute er heilsamen Grog – wen gab es da, der nicht zukunftsstark wäre?

Mit seiner Zupfgeige zigeunerte er an den Krankenbetten. Muz saß andächtig dabei und hatte gespitzte Ohren. Dichtete an seinen Liedern »vom heimlich-unheimlichen Suff« und sang sie ihnen.

Jetzt sing ich euch das Lied vom Muselmanne,
er betete getreulich seine Suren,
zuweilen aber kriegt' er seine Touren,
und flüchtete zu seiner Fuselkanne.

Oder er warf ihnen so aus dem Handgelenk ganze Bündel Singsangreimereien vor.

              »Prost!«

Herrgott in unserm Schuppen,
da ist der Deubel los,
wir haben all den Schnuppen,
wie leuchten unsre Kuppen,
im Hals da sitzt 'n Kloß.
Ich niese, du niesest, wir niesen,
uns kriegen am Kragen die Krisen,
und keiner und keiner sagt »prost!«

Der Arzt verordnet Suppen,
er sagt, die ist famos.
Der Kunz besorgt uns Druppen,
die Schuppen-Schnuppen-Druppen,
wir saufen sie aus Tubben,
Das ist 'ne andre Schos. 70

Der Alte mit der Hippe,
das gierige Gerippe,
und seine Zippe, die Grippe,
die kamen angetost.
Doch unsere Schnuppen-Druppen,
die Schuppen-Schnuppen-Druppen,
sie, die gesund uns schrubben,
die schlagen dem Tod 'n Knubben!
Wir schwingen unsre Tubben,
er muß von dannen huppen,
und alle brüll'n wir »prost!«

Den Rundreim faßte Muz jedesmal so auf, daß er sich um sich selbst zu drehen und nach seinem Schwanz zu jagen habe. Und er tats mit Lust.

Die Krankheit war erloschen. Aber eine Mattigkeit blieb, Unmut und Düsternis wichen nicht so bald. Heute kam einer von der Mannschaft zu Horst ins Schreibzimmer. »Ich möchte aus dem Verbande austreten,« erklärte er, still, gedrückt. Leicht wurde es ihm nicht, das zu sagen.

In Horst schrak etwas auf. Aber er blickte fest und gelassen. Er wollte den Mann halten – wieviel kam darauf an, daß die Reihe, jetzt in den Anfängen, geschlossen blieb! Er mußte ihn halten! Dann aber, gerade darum, in seiner Sprödheit, in der Schamhaftigkeit seines Gemüts, verschmähte er jedes werbende Wort.

»Wenn es Ihr klarer Wille ist –«

»Ich kann eine gute Stelle in einem Bankgeschäft bekommen. Man darf doch seinem Glück nicht im Wege stehen.«

»Das darf man nicht.«

Es war einer von den Lauen, von den Strohfeuermännern, von den weichen Tieren. Aber einer der 71 Geschicktesten und Arbeitsamsten, auch im Schreibwerk zu Hause.

Kunz trat darüber zu, der heute Bureaudienst hatte. Der das hören und ohne jede Schamhaftigkeit den Mann sich vornehmen! »Das dürfen Sie nicht, Radatz, und das tun Sie auch nicht. Gewiß, wir haben hier kein Mönchsgelübde abgelegt – aber wir wollen was zustande bringen. Man hat die Augen auf uns gerichtet. Man glaubt an uns. Und – was die Hauptsache ist – wir glauben an uns selbst. Darum gibt es bei uns kein Abbröckeln. Gibt es nicht. Unsere ganze Siedlung ist ein Beispiel – und so ist jeder einzelne von uns ein Beispiel. Sie, Radatz, wie wir alle. Und was wollen Sie jetzt wohl für ein Beispiel geben?«

Kunz, der sonst so wortfreudige, sprach nüchtern und trocken. Der also Bedachte schielte nach einer befreienden Ausgelassenheit und fand sich gefangen in dem harten zwingenden Ernst. Es gab weiß Gott für Kunz auch etwas, worin nicht mit ihm zu spaßen war.

»Glauben Sie, daß sich uns andern nicht auch Aussichten auftun? Vor allem unserm Baas, Herrn Oldefeld, der vier lebende Sprachen spricht und darum, wie schon Napoleon sagte, allein so viel ist wie vier Menschen –«

Horst winkte heftig ab.

»Nun ja, das alles erzählen Sie sich am besten selbst. Und jetzt werden Sie tun, was Sie wollen. Sie werden also bleiben!«

Der Mann bedachte sich nicht lang. »Ich will nicht der erste sein, der hier abbaut. So bleibe ich denn.«

»Hab ichs nicht gesagt. Und jetzt ziehen Sie sich mal Ihren Sonntagsnachmittagschen wieder aus und vertreten Sie mich heute im Büro. Ich will uns auf der See 'n paar Wasservögel schießen – Jürgens und Wendland nehme ich heute mit. Es soll genug werden 72 für den ganzen Tisch. Rekonvaleszenten haben Anspruch auf Geflügel.«

Radatz empfahl sich.

»So wie Du, hätte ich nun eigentlich sprechen müssen,« meinte Horst. »Im Grunde bist Du mehr Führer als ich.«

»Jetzt fängt der auch an!«

»Freilich muß ich wieder fragen: wird es vorhalten? Und hat es überhaupt Zweck?«

»Zweck – ja willst Du bloß Unsterblichkeiten? Vorläufig haben wir den Mann wieder.«

Horst strich sich über die Stirn. »Daß mir das so in die Glieder gefahren ist! Herrgott, man bleibt doch der alte dumme Junge mit seinen Illusionen. Natürlich werden wir mit diesem und jenem unserer Bundesbrüder noch manches erleben. Wenn nur nicht in einem selbst etwas abbröckelt –« es klang müde und verzagt.

»Horst.«

»Hast recht. Man hat wohl noch von dem Krankheitsgift im Leibe. Vielleicht ist man doch dichter dran gewesen, als man dachte. Der Hades hat abgefärbt. Der macht immer sensibel.« –

Die drei Jäger kamen am Abend mit erklecklicher Jagdbeute heim. Elf Enten brachten sie und vier Hasen.

Horst musterte die Vierfüßler mit strengem Blick. »Wasserwild –? –« fragte er mißbilligend.

»Hast Du nie von Seehasen gehört?« Aber mit seinen Witzen kam Kunz hier nicht durch.

»Du weißt, wie ich über Wildern denke.«

»Drück mal 'n Auge zu. Die Viecher sind aus dem Dünengelände. Über die Jagdberechtigung streiten sich seit Anno Priemtobak Stadt und Staat. Wem habe ich sie also weggeknallt? Keinem. Die Jagd ist strittig – die Hasen sind es nicht. Habemus.« 73

 

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