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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Frau Tilde

Mit dem Morgengrauen waren sie wieder alle Mann beim Bäumefällen. Auch Gisbert tat heute hier Arbeit, und er tat fast des Guten zu viel. Was seine feinen Glieder hergeben wollten, holte er heraus. So leidenschaftlich war er am Werk, mehr als einmal mußte Elbenfried, der Arbeitsführer, ihm Ruhepause auferlegen. Sie wußten alle – und alle waren ihm herzlich zugetan – wie sehr er noch immer seine Kräfte zu schonen hatte.

Kunz war schlecht gelaunt. Er war heute beim Mundausspülen zu kurz gekommen. Denn mühsamer als je war das Weckeramt von Gisbert und Muz verlaufen. Unruhige Träume hatten ihn allzu schwer heimgesucht.

»Dir verdanke ich das,« so klagte er Gisbert an, »Dir und Deinem Hindutum. Die ganze Nacht habe ich es mit der Seelenwanderung gehabt. Und Muz, der auf nächtiger Insektenjagd mit den Schenkeln die Diele klopfte, gab den Takt dazu. Wisse es: meine Seele fuhr in einen Floh.«

»Oh!« echote Gisbert munter. 41

»Auf Muzens Fell trieb ich mich um, und in was für einer Gesellschaft – was für schwarze Seelen waren da beisammen! Weibliche zumeist. Da war die Frau Potiphar und Herodias und Messalina und die Maintenon und Ninon de Lenclos, Lola Montez und die Pepita. Die faßten sich an und tanzten um mich herum im Ringelreihn. Und die dicke Messalina zog mich beiseite. ›Was bist Du für ein nüdlicher kleiner Flohhengst‹, sagte sie, ›aber so schüchtern! So schüchtern!‹ Und weiß Gott, ich wurde verlegen. Floh sein ist schon nicht so leicht. Aber ich sag euch, ein Floh in Verlegenheit – ! –«

Die zuhörten, mußten lachen. Auch Muz freute sich. Und tat, was er dann immer tat. Er drehte sich um sich selbst im Wirbel und spielte Greif mit seinem Schwanz.

Gisbert aber hatte genug. Er spähte, wo er sonst Hand anlegen konnte, und brachte sich auf Hörweite in Sicherheit.

»Du – Gisbert – das Wahre kommt ja erst!« rief Kunz ihm nach. Aber Gisbert schlug schon mit der Axt, und die Späne sprangen.

Kunz sägte mit dem Balbutz. Da waren die richtigen Kumpane beisammen, doch die Arbeit flog.

»So sind sie nun, die Bramaputraleute.« Kunz schnob vor sich hin. »Jedes Lebewesen ist heilig! hat er mir eingeprägt. Und wiederum hat er mir eingeprägt: in jedem unserer Träume ist eine Wahrheit. Nun also! Und jetzt nimmt er Reißaus vor seiner eigenen Glaubenslehre.«

Gisbert ließ im Arbeitseifer nicht nach. Eben weil sie ihn für einen Träumer hielten – wie gern nannte Kunz ihn die Lotosblume – eben deshalb wollte er hier seinen Mann stehen.

Horst nahm sich den heiligen Josef vor. »Wir müssen uns nach dem Befinden unseres Patrons erkundigen. 42 Wollen wir nicht unseren Gisbert dazu bestimmen! Er ist ja wie im Fieber und schuftet sich hier glatt zuschanden.«

Gisbert zuckte mit den Brauen bei dem Auftrag – er fühlte eine Bevorzugung und Entlastung. Aber die Disziplin saß ihm im Blut. Das Wort des Werkführers galt. Nun war er auf dem Weg nach dem Gutshaus. Bald, nach einer kleinen Stunde schon, kam er zurück. Wie schreitet er bloß, dachte Kunz. Als ob er auf Wolken wandele. Und weiter forschte Kunz, der ihn so gut kannte: Was hat er in den Augen? Ist das nicht wie ein großer seliger Schreck?

Und dann bestellte Gisbert, dem Herrn von Borkhus ginge es gut, seine Tochter, Frau von Mönkhov wäre gekommen. Beide bäten Horst, Dankwart, Kunz und ihn selber, abends eine Tasse Tee im Gutshaus zu trinken.

Die Tochter des Herrn von Borkhus – nun wußte Kunz, wovon sein Gisbert so selig, bis in die Seele erschrocken war. –

Sie machten sich fein zu dem Abend, Horst, Gisbert und Kunz. Dankwart konnte von seinen Modellen und Tabellen nicht fort.

Borkhus war auf den Beinen und empfing sie. Seine schweren Augen leuchteten gesund unter dem weißen Turban des Verbandes.

»Der Aderlaß hat mir gut getan«, sagte er. »Meine Ischias hat sich verblutet. Ich kann laufen wie ein besserer Faßbinder.«

Und dann hatte er seine Tilde bei sich, seine Tochter.

Sie hatte etwas still Verhaltenes, fast mädchenhaft Scheues, diese schlanke, zarte, großäugige Frau, als sie den Herren gegenübertrat. Mit kindlich verlegener Bewegung strich sie die Strähne zurück, die aus ihrem reichen hellbraunen Haar sich löste. 43

»Was sagt die Welt,« so erklärte der alte Herr die Sachlage, »die wildesten Gerüchte über mich verheeren das Land! Setzt sich dieses Mädchen nicht – und sie soll Haus und Hof hüten, denn ihr Mann ist nicht daheim – setzt sie sich nicht vor Morgengrauen in den Schlitten und läßt die Traber glattweg die fünfzig Kilometer fressen!«

»Es ist eine glänzende Bahn«, entschuldigte sich Frau Tilde. »Und auch, wenn wir die nicht hätten –« sie faßte still ihres Vaters Hand.

Die drei jungen Männer musterten sich. Wie verändert sie waren! Welch ein Glanz auf ihnen lag, welche Farben sie trugen – von dem Wesen der Frau. Sie, die das harte, graue, lichtlose, lustlose Barackenleben einschloß. Nun rieselte es über sie von der hellen Wonne.

Und listig lauerte auch wohl jeder, wie die anderen ihre eigenen Farben spielen ließen, zum Werben. Nur daß Gisbert sich schnell und ganz begrub in die Märchenferne dieser Frauenaugen.

Worüber sprachen sie bei Tisch? Über Deutschlands Wunden, in der Andacht ihres Schmerzes. Von ihrer Unfreiheit, ihrer Knechtschaft, ihrer Schmach. Frau von Mönkhov sagte: »Nun haben wir es nicht mehr, das stolze Wort: mein Haus ist meine Burg. Jetzt müssen wir uns schon an Meister Ekkart halten, der uns lehrt, daß unsere Seele unser Bürglein sei.«

Wie schwang und klang es in Gisbert auf. Welch ein Lichtband schlang sich um ihn und diese innige Frau.

Horst aber gab seine harte Zweckmäßigkeit darein: »Nur sollen in diesem Bürglein nicht zu viel der frommen Träume umgehen.«

»Ihnen ist es ums Schaffen. Mir auch. Aber das bleibt nun die Wahrheit: produktiv sind wir nur solange als wir religiös sind.« 44

Kunz aber kaute schon wieder an seinem Zorn. Daß wir uns vor lauter Geistigkeit nicht zu lassen wissen, das ist unser Verderb!

Und der alte Herr, in einer Art mitleidiger Angst, meinte: »Gut, daß Achim, Dein Mann, Dich nicht hört!« – Für den war Religion das rote Tuch. »Religion, so nennen die Menschen ihre Alterserscheinung –!«

Mit Achim von Mönkhov kamen sie zu den Tagesereignissen. Er hatte seinen Koch auf den Schub gebracht, und der spielte jetzt in der Kreisstadt unter den Radikalsten eine Hauptrolle.

Der Vater wollte Einzelheiten hören. Hier griff die Politik in die Familie. Zögernd und ungern erzählte Frau Tilde. Der Mann sei von Tag zu Tag aufsässiger geworden, bedrohlich zuletzt. Da habe ihn Achim kurzerhand hinten am Rockkragen genommen, ihn vor sich her immer mit steifem Arm, zum Hause hinaus über den Hof bis zum Tor geschoben. Und ihm unterwegs in seiner eiskalten Ruhe gesagt: »Zum Lohn für Ihre unvergessenen Wildpasteten besorge ich dieses eigenhändig.«

Die Zuhörer wollten dies als ein sehr sauberes Stücklein gelten lassen. Tilde aber schüttelte ablehnend den Kopf. »Nichts auf der Welt macht so böses Blut wie diese üblen Handgreiflichkeiten. Und wollen wir uns untereinander denn immer mehr erbittern!«

Ihre Augen möchten der Märtyrerkrone ihres Vaters liebes erweisen. Aber dann erschrak sie vor dem Schatten in seinem Blick. Und der Gedanke an seine eigene schwere Tat trübte ihr den Sinn. War es nicht die wildeste aller Handgreiflichkeiten, was auf ihm selber lastete?

Aber schon war Kunz zur Stelle. »Gnädige Frau, es gibt einen alten niedersächsischen Spruch:

»Wur all dat anner beden nich düest,
dor beden am besten de beiden Füest.« 45

Diese betenden beiden Fäuste – sie gehören nun einmal zum Inventar der deutschen Welt. Und für mich gibt es keine Religion ohne die. Mir soll nun einmal keiner den Christus nehmen, der das Schwert gebracht hat und dem seine Mannen Heeresfolge leisteten! So wenig wie den Gott, der Eisen wachsen ließ.«

Sie sah den Sprechenden an mit ihren weiten Augen, nicht verweisend, nicht zustimmend, gütig und doch fern. »Vielleicht bin ich zu müde geworden für das alles.« Sie mußte wohl diesem lohenden Kreise die Blässe erklären, die sie selber fühlte. »Vielleicht habe ich mich erst zu erholen von den vier langen Jahren der Angst. Um die vier, die ich im Felde hatte. Von denen zwei nicht wiedergekommen sind.«

Die zwei waren ihre Brüder. Der Vater legte die Hand auf ihren Arm. Sie strich sich das Haar aus der Stirn. Ihre Augen blieben tapfer.

Dann suchten und fanden sie alle festen und gesunden Boden in dem Nächstliegenden, dem Siedlungswerk.

Frau von Mönkhov begann sich fast freudig zu beleben. Jeder Winkel des Geländes war ihr vertraut. Sie machte Horst noch besonders auf eine Mergelgrube aufmerksam, die längst nicht richtig ausgenutzt sei. Wobei ihr Vater das komisch lange Gesicht eines Getadelten aufsetzte.

Diese großen Augen der stillen Frau, sie waren jetzt heimgekehrt aus ihren Fernen, sie hatten einen nahen vertrauten Glanz gewonnen.

Gisbert saß wie ein Betender.

Und jetzt fragte sie fraulich, mütterlich nach dem Wohngelaß der Siedler.

»Wir haben es sehr gut«, sagte Horst. 46

»Wunderbar haben wir's!« erklärte Gisbert. Ihm hatte schon ihre bloße Frage aus dem Holzstall ein Feenschloß bereitet.

Nur Kunz machte ein beschauliches Gesicht. »Ich weiß nicht,« bemerkte er, »ob es fantastisch ist, bei einer Bettstatt an gehobelte Bretter zu denken. Ein so rühriger Schläfer, wie ich es nun einmal bin, darf getrost sein Fell nächstens einem Holzhändler zur Ausbeute überlassen.«

Frau Tilde, lächelnd, erkundigte sich jetzt nach der Beköstigung, nach der Küche.

»Unser Essen ist gut«, bestimmte Horst.

»Herrlich!« sang Gisbert aus seiner Höhe.

Kunz aber starrte wie entseelt vor sich hin.

Borkhus, dem er Spaß machte, weckte ihn und forderte genußsüchtig: »Sie müssen auch Ihr Sprüchlein sagen.«

»Soll ich? O Du mein! Unser Koch ist Installateur von Beruf. Die Wasserleitung ist sein Leben. Teekesselfett ist sein Element. An seiner unsterblichen Kartoffelsuppe hat er unverzagt solange gearbeitet, daß er jetzt imstande ist, sie sogar ohne Kartoffeln herzustellen.«

»Danach sehen Sie eigentlich nicht aus«, meinte Frau Tilde.

»Oh, wenn ich mir nicht dann und wann ein paar Gabelbissen zusammenwilderte –«

»Lassen Sie sich nicht dabei kriegen!« drohte Borkhus. »Und wer bereitet Ihnen wo diese Leckereien zu?«

»Das sag ich nicht.« Ein Schlingel verkroch sich in seinen Augenwinkeln.

»Aber erschrecklich unsozial ist das doch!« gab Frau Tilde darein, mit scherzendem Ernst.

Kunz schmunzelte: »Eine Krickente – dreiundzwanzig Kostgänger – und die soziale Frage! Da ess' ich den Vogel todesmutig allein. Aber ich werd mir jetzt alle 47 Mühe geben, genossenschaftlicher zu schießen, und mir einen Hirsch langen.«

»Das wird Ihnen leid,« knurrte Borkhus, dem es jetzt doch über die Leber lief.

Seine Tochter aber wollte noch mehr von dem Barackenleben wissen, zumal von seinem geistigen Bau. Und Horst berichtete kurz von ihrem kleinen Staat. Ein Wahlkönig steht an der Spitze. Von den Mannen erkoren – und absetzbar, sobald er versagt. Bei den einzelnen Arbeiten sachverständige Leiter. Im übrigen keine Rangunterschiede. Jeder hat den Wert seiner Kraft.

»Womit die Rangunterschiede gegeben sind!« knurrte der politische alte Herr.

Dazu Horst: »Wer kann die Unterschiede aus der Welt schaffen? Die Unterschiede sind die Welt. Dafür wandeln sich ihre Grenzen und Übergänge. Gerade in ihrer Beweglichkeit sind sie das Lebendige und das Ewige. Und darum auch der Inbegriff aller Freiheit. Deren Tod ganz einfach die Gleichheit wäre.«

In Gisbert drängten seine Empfindungen zum Worte. Er wußte, wie schwer er die Rede meisterte. Die natürliche Scheu des Mannes, vor einer Frau – und nun gar vor dieser Frau! – seine Mängel zu zeigen, lag schwer genug auf ihm. Aber, was er fühlte, wollte ans Licht.

»Unterschiede – warum sprechen wir so gerne von den Unterschieden? Warum nicht lieber von dem Gemeinsamen! Von der großen Sehnsucht, die in allen lebt. Und in der sich alle zusammenfinden. Wie alle Wasser zum Strome, wie alle Ströme zum Meere fließen. Derselbe Zug in uns allen. Suchende, Wandernde wir alle, die der Schmerz unserer Endlichkeit treibt. Warum uns stören, uns hindern und bekämpfen mit den armseligen Gegensätzen, statt die große Gemeinschaft uns tragen zu lassen! Zu unserer aller Ziel 48 – dem Gemeinsamen! Hinein in das Bewußtsein und den Besitz der Unendlichkeit!«

Er rang an den Worten, mit den Worten, in denen mehr war als das karge ihrer Allgemeinheit. Der Reichtum war in ihrem Klang, und dieser Klang war Seele von seiner Seele und war wie der Glanz seiner inbrünstigen Augen. Heilig war ihm, was er bekannte – aber dann erschrak er, daß er bekannte. Und die kleinen Fragen kamen: wollten sie das hören – und gehörte das hierher?

Und verlegen fühlte er sich zu Kunz zurück, dem Freunde, dem so anders beflügelten, aber dem Freunde doch. Der ihn liebevoll aufnahm mit offenen Augen, wenn auch der lächelnde Unmut nicht schwieg. Die Lotosblume! Kann das Leuchten nicht lassen!

Frau Tilde horchte in sich hinein. Da in der Tiefe läuteten dieselben Glocken. Sie hatte es bisher vermieden, in der Scheu vor dem Gleichgearteten, dessen sie auf den ersten Blick sich bewußt war, Gisbert die Arme aufzutun. Jetzt aber, wo der Gleichgestimmte Zeugnis ablegte, umfaßte sie ihn mit einer Art wehen Zärtlichkeit und blieb an seiner Seite.

»Ich fühle wie Sie«, sagte sie einfach und fest. »Und was die Zeit auch von uns fordert, es ist etwas da, was über der Zeit ist. Dahin schauen wir, dahin ziehen wir –«

Horst sprach: »Wir wollen uns die Sterne nicht nehmen lassen. Auch sie gehören zu der Erde. Aber der Festtag sind sie. Und heute, wenn wir unser Leben leben wollen – auch den Festtag müssen wir zum Alltag machen! Es gibt keine Feste!« Hart, eng, unerbittlich und rauh wurde Ton und Gedanke. Er stockte und schwieg.

Kunz aber packte unter dem Tisch seine Hand. »Es gibt keine Sterne! Solange es kein Deutschland gibt, gibt es keine Sterne!« 49

Und das Zeugnis dieser Schwurgenossen, lauter, näher, trotziger als jene Seelenrufe und voll Bitternis, es blieb Herr über die Geister. Sie alle bannte es, denn in ihnen allen war das zitternde Schwingen der einen Not.

Herr von Borkhus brauchte Ruhe. Die Gäste brachen auf.

»Müßte ich nicht morgen wieder nach Hause,« so wandte sich Frau Tilde an Horst, »würde ich mir Ihren Bau einmal ansehen. Und Ihre Kartoffelsuppe probieren. Und Ihnen« – jetzt kam Kunz an die Reihe – »würde ich aus unserem Handwerkskasten einen Hobel mitbringen.«

»Für mein Fell oder für meine Seele?« gab der zurück und verbeugte sich lächelnd.

Gisbert bekam keine Munterkeit zu hören, ihm gab sie nur still die Hand.

Und nun schritten die drei Männer durch die Winternacht heimwärts.

Heimwärts? Das Wesen der Frau geleitete sie wie ein Glanz. Ihre Zartheit, das Gepflegte des Körpers wie des Geistes, die Kultur Leibes und der Seele – von ihrer Stimme der Klang, dies Aufleuchten ihrer großen Augen aus wehmütiger Tiefe zu strahlender Sicherheit, der Pulsschlag ihres lebendigen Wortes, der gütige gebende Druck ihrer feinen sorgenden Hand – alles das war mit ihnen. Das Frauliche war um sie. Von der Mutter her, von der Geliebten her, das Gehegtsein, das Umfangenwerden, das geborgene Hausen – diese Klänge begleiteten den Takt ihrer Schritte.

Was winkte ihnen? Der kalte, düstre, niedere Stall. Wo jeder eingepfercht war in der lieblosen Verlassenheit seiner Schlafbucht.

Die Weichheit war bei ihnen allen, das Heimweh. 50

Horst machte sich traumfest. Er zog, wie immer dann, den Buckel krumm gleich einem Tier zum Sprunge und warf sich nun schonungslos in die Wirklichkeit der Pflichten.

Kunz aber beschwor mit Bedacht einen weniger holden Geist gegen die Lichtgestalt, die mit ihnen schwebte: »Wer mag dieser Achim sein, dieser Ehegatte? Was weiß man sonst von ihm, als daß Religion ihm Gehirnverkalkung ist? Und er einen Koch im steifen Arm verhungern läßt?«

Gisbert machte keinen Buckel und beschwor keine Geister – er zog seine Lichtbahn.

Wie die Baracke vor ihnen aufdrohte und die beiden – hinein ins Verderben! – ihre Schritte beschleunigten, blieb er zurück und im Takt seiner Musik. Als Kunz sich nach ihm umdrehte, erklärte er: »Ich gehe noch einmal an die See.«

Sie ließen ihn und sprachen von der Arbeit, von morgen.

»Wir müssen Pferde kaufen, Kunz. Die Preise steigen ins Schwindelhafte.«

Kunz, der von der Kavallerie her kam, war ein gewiegter Roßtäuscher und jedem Pferdeschmeißer und Viehhändler gewachsen.

Gisbert ging an die See. Der abnehmende Mond, schwer in dunklem Gold, stieg aus der Flut. Langsam, wie lastend, rollte der rote Schein über die gebändigten Wellen. Wie in Trunkenheit wiegte sich die leise Brandung, erschrak, wenn sie rauschte, und gewann das Schweigen.

Die helle Nacht trank alles in sich auf, was noch sprach und flüsterte. Alle Stimmen, alle Schwingungen der Welt mündeten in die große Sternenstille.

Und Gisbert, was er mit sich trug, was ihn erfüllte und quälte und bewegte, was in ihm klagte und jubelte 51 – es löste sich ihm alles in die lichte Unendlichkeit dieser hohen Ruhe.

Was die letzten Stunden ihm geschenkt hatten, das Wissen von dieser Frau, ihre Nähe, die Gemeinschaft mit ihr – »ich fühle wie Sie,« so hatte sie gesprochen – das alles blieb nicht in der Verzückung und in der Begehrlichkeit des Rausches. Es stieg auf aus der Tiefe, befreite sich von der Blutwärme, von dem Zittern der Sinne, verklärte sich in diesem reinen kalten Licht über dem Leben und ging ein in das All.

Und unter Schauern wird es ihm gewiß, ich habe den Weg, die Bahn steht mir offen – ich kenn' es und kann es, das »Stirb und Werde«!

So stand er, verzaubert.

Dann aber, als wäre es ihm um diese Sicherheit gewesen, zerbrach er die Starrheit, reckte die Arme, und da er zurückschritt über die Heide, sang seine Jugend ihr Lied.

Sang das Lied dieser Frau.

Hier meine Hand – ihre Finger haben sie umschlossen. Meine Hand – sieh, Mond, du lieber, dummer, du gescheiter, meine Hand ist dies! Meine glückselige Hand ist dies! Siehst du, wie sie leuchtet! Und so leuchte ich selbst! Ganz und gar leuchte ich so.

Auf Flügelschuhen schritt er, den Kopf gehoben, die Brust geschwellt. Jauchzend die Seele.

»Ich fühle wie Sie! Ich fühle wie Sie!«

Und dann stürmte er jungenhaft über die Halde – sprang über einen erratischen Block – fiel in den Schnee – wälzte sich wie ein Füllen, alle Viere gestreckt, und lachte wie ein Narr, wie ein Kind.

Lebhaft trat er in sein Gelaß. Kunz war im Einschlafen. Ward ungehalten und lallte ihn an. »Was fällt Dir ein – Du trampelnder Mondstrahl – Du brüllende Ätherwelle – Du – Du tobsüchtig gewordener Blütenhauch – –« 52

Von dem Blütenhauch durfte er sich betäuben lassen zu ruhigem Schlaf. Der konnte etwas ergiebiger sein, denn morgen war Sonntag.

 

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