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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Richtfest

Den Feinden der Siedlung war das neue Haus ein Dorn im Auge. Es schwoll ihr Zorn, je höher es wuchs.

»Steinerne Zwingburgen errichten sie«, so lärmten die Schlagwörter in dem Konvent. »Und Zwingburgen werden niedergelegt!« forderte die Nutzanwendung.

Es war ihnen bekannt, das eine hochnotpeinliche Waffensuche unter Aufsicht von Ententeoffizieren den Kreis bedrohte.

»So wissen wir also, wo wir unsere Handgranaten zu verwenden haben – ehe sie uns genommen werden!« rief Kittel, der Buchbinder, und gellend pfiff der Atem aus seiner schmalen keuchenden Brust.

Stahlboom wandte sich dagegen. Er wollte alle Waffen aufgespart haben für die große Aktion, die bevorstand. Die Suche gälte auch nicht ihnen, den Proletariern, sondern den monarchistischen, den reaktionären Banditen. Sie selbst dürften beruhigt sein. Da sprach einer ein Wort furchtbarer Wahrheit: »Wenn die Verräter nicht wären! Wer ist jetzt in Deutschland vor Verrat sicher?« Und das Grausige, das hier aufschrie, verwilderte wiederum die Gemüter.

Die Wüsten waren nicht zu bändigen. Das Richtfest am nächsten Sonntag – sie wollten ihren Trumpf daraufsetzen, es sollte den Siedlern gesegnet werden! Und der schwarze, der blutige Sonntag vom Mai würde seine Sühne finden.

Die Siedler arbeiteten mit verdoppelter Kraft. Zu früh war der Termin für die Richtung des Hauses angesetzt worden – es war ihr Ehrgeiz, ihn inne zu halten. Alles, was die Seelen bewegte und erregte, der Tod Gisberts, Horst in seiner Verschlossenheit, die zur Abkehr und Abweisung sich schärfte und anfing böses Blut zu machen, die Reibungen, Quertreibereien, 285 Scheidungen und Zerwürfnisse innerhalb der Baracke – alles ward dem einen Gedanken untertan, dem Gedanken an das Haus und seine Vollendung.

Ein großer Tag sollte es werden. Alle, denen das Siedlungswerk etwas bedeutete, sollten mit feiern. Was einer an Freundschaft hatte, wollte er bitten, jeder Biedermann sollte geladen sein. Ein Volksfest! Mit eifriger Hingabe sie alle bei der Vorbereitung. Kein Wort gab es, das nicht von der Richtfeier sprach. Wie Kinder vor dem Weihnachtsfest waren die Männer.

Horst berief Dankwart und Kunz zu einer Unterredung. Er sprach ohne Umschweif, mutig und frei. Die schweren Worte wurden von einer harten, hellen Entschlußkraft wie emporgeschnellt. »Ich gebe mit dem Richtfest das Siedlungswerk in Eure Hände. Ich hab mit der Gründung meine Kraft aufgebraucht. Ich kann hier nicht mehr wirken, nichts mehr leisten, ich bin nur noch im Wege. Erst muß ich mich selbst erneuern. Das kann ich nicht in dieser Last. Darum will ich eine Zeitlang außer Landes gehen. Meine neuen schwedischen Freunde haben mich eingeladen. Ich fahre mit ihnen.«

So weit war er also! Die Kameraden hatten ja sein Wanken gespürt. Daß er jetzt ganz von ihnen wich, daß er sie und seine Sache verlassen wollte – wenn sie es auch in dunklen Stunden gefürchtet hatten, jetzt traf es sie wie ein jäher Schlag. Keinem von den beiden lag es, zu klagen, zu jammern, zu bitten, ob sie gleich wußten, was über die Siedlung hereinbrach. Waren sich auch wohl klar darüber, daß mit Flehen und Winseln hier nichts zu schaffen sei.

Dankwart, finster, sprach in sich versunken ein klanglos leeres Wort: »Das ist sehr zu beklagen.« Kunz, beweglicher, weiter greifend, heftiger: »Dann können wir hier also einpacken!«

»Was heißt das!« Horst lehnte sich dem entgegen. »Das Werk bleibt. Und wenn ich nicht bleibe – jeder 286 ist zu ersetzen. Vielleicht ist es meine Sache, etwas anzuregen, etwas in die Wege zu leiten. Aber es fest an der Hand zu halten – das ist mir offenbar nicht gegeben. Ihr seid die Stetigen, die Beharrlichen, die Harten – führt Ihr das Werk weiter.«

Kunz war in die Höhe gesprungen. »Ob das wahr ist, ob das falsch ist – ich habe die eine Frage, die Du immer gestellt hast! Wo bleibt das Beispiel, frage ich! Bist Du es nicht, auf den alles blickt!«

»Man blickt auf mich, sagst Du – nun, so wie ich bin, darf ich mich nicht länger zeigen. Ich muß wieder anders werden – ehrlich will ich mich darum mühen. Ich will ja auch nicht für immer fort.« Und nun schlugen seine Arme wie gehemmte, verschnittene Flügel. »Nur ein Ausflug soll es sein – aber ich brauche den Flug!«

Darauf Kunz, seine Stimme pfiff wie eine Klinge: »Horst – Du kommst nicht wieder.« Hierin war soviel Klage, soviel Zorn, soviel Schmerz, die Männer zuckten zusammen, alle drei. Und ein Schweigen schloß sie ein.

Horst riß sich auf. Eine leichtere Haltung gab er sich, einen lächelnden Ton. »Wenn Du es sagst –! –« Aber es zersprang etwas in ihm. Ein Schmerz schnitt ihm durchs Mark. Und brüchig ward, was er weiter sprach, aber er gab nicht nach. »Dies das Hauptsächliche. Meinen Entschluß kennt Ihr. Das einzelne besprechen wir noch.«

Er hatte Bestimmungen zu treffen, der Tagesdienst holte ihn. Dankwart und Kunz blieben allein.

Beide starrten sie, dumpf, hohl, düster. Dann stieß Kunz rauh und krächzend hervor: »Wie die Siedlung erschlagen ward. Kein Heldenlied ist dies.«

»Gut.« Dankwart hat sich schmerzlich fest wieder beisammen. »Wir stehen auf verlorenem Posten. Aber Posten ist Posten. Und wir halten ihn. Bis in uns nichts mehr hält!« 287

Jetzt ist Kunz an seiner Seite. »Ja, Dankwart, ja. Die Sache will es. Wir wollen es. Und so geschieht's! Mag denn die alte Siedlung zusammenbrechen – eine neue gilt es zu schaffen. Und dann also lustig! Mit dem Großreinemachen zu Hause fangen wir an.«

Auch Dankwart rief es zu der Arbeit. Sein letztes Wort, heiser und bitter, war das: »Und auch hier wieder ein Weib!«

Ingeborg – der Gedanke war bei Kunz gekommen und gegangen. Jetzt saß er fest bei ihm. Natürlich war sie es, die den Ausschlag gab.

Und seine eigene Liebesnot packte ihn immer grausamer an. Hatte er nicht sein Mädchen verloren! Verloren, da er nicht gleich den Weg zu ihr gefunden, da die Stunden, die ungenutzten, immer mehr Hindernisse aufgebaut, immer mehr an Trotz und Scheu. Konnten sie beide noch hinüber – und wollten sie es noch? Das war ja das Schlimmste: wollten sie es noch? War nicht das Köstliche gestorben?

Und gegen Horst wandte sich seine Wut. Du verstehst es, Dir es besser zu bereiten. Was habe ich früher gefabelt von Deiner Weiberfestigkeit, Deinem Weiberstolz – alles, alles bitt ich Dir ab! Wer so wie Du Gelegenheiten wahrnimmt! Wer wie Du in allen möglichen Sätteln gerecht ist!

Wie hast Du um Lona Dich angestellt! Und jetzt, wo das schöne blonde Schwedenmädchen Dir in den Wurf kommt – dieses weiße, blonde, und dieses reiche, dieses reiche, ja!

Er suchte sein Ventil, in seine Reimereien giftete er sich hinein:

Den einen nahm der Brahmaputra –
Den andern langt sich die Valuta.

Und entgiftete sich wieder, denn hier erschrak er nun doch vor sich selbst, vor des Hasses Häßlichkeit. 288

Nein, Horst – das ist es nicht. Soweit ist es nun doch nicht mit Dir. Aber ist es nicht weit genug? Und kommt nicht eins zum andern!

Ist es nicht genug, daß Du von uns gehen willst! Uns im Stich lassen – ja, ja, so nenn ich es! Uns untreu werden und Dir selber.

Wie habe ich immer zu Dir aufgeschaut! Und was bist Du mir gewesen! Wohl, nicht immer war, was Du tatst und ließest, mir nach dem Herzen. Aber die große Linie Deines Wesens – wie zwang sie mich immer wieder zu Dir hin. So gut wie sie alle bezwang, wie sie all unseren Kräften die Richtung gab, das gemeinsam starke, gemeinsam freudige Ziel.

Nun ist sie verbogen, geknickt, gebrochen. Da Du Dein eigenes Werk verläßt und verrätst. Ja, und tausendmal ja, verrätst! Ein Fahnenflüchtiger bist Du! Nichts wird hier beschönigt, verschleiert, bemäntelt. Ein Verräter bist Du! Und Dein Werk geht an Dir zugrunde.

Dankwart und ich, die wir bleiben – er hat es richtig bezeichnet, auf verlorenem Posten stehen wir. Und das Beste unseres Lebens wird hier zerschellen.

Nicht steht es in unserer beider Macht, was Du vermochtest, als Du noch bei Dir und auch bei uns warst, das Auseinanderstrebende, das sich Widerstrebende zu binden! Gewiß, daß dies das Höhere, das Größere war! Wir beide, wir werden zerklüften, zerreißen – der Kampf im eigenen Hause, das ist es, was wir bedeuten! Aber hast Du nicht selbst gesagt, ein Kleindeutschland soll dies hier sein! Nun, so sei es das auch ganz, mit der vollen Zerrüttung im Bruderzwist! Der Wahn eines wilden vernichtenden Hohnes brach aus seinen Augen.

Wir werden unterliegen, gewiß, denn die Masse siegt. Aber besser untergehen, als Masse sein! Die Mulitz und Metzling werden uns zu Boden treten – sollen 289 sie! Aber Dir werden wir es gedenken, denn dies alles danken wir Dir! Und wieder ruft es in ihm: Verräter! Wilder und wilder brausen in seinem Schädel die Flammen, der nur noch mühsam in seinen Nähten festsitzt. Von der Hirnwut, die durch die deutschen Lande rast, befällt es auch ihn. Und es wühlt sich etwas in ihn ein.

Sichtbar sind wir, wir haben die Pflicht der Höhe! Er hat es immer am meisten gepredigt, mit Brustton verkündet, er, der uns jetzt im Stich läßt. Der jetzt sich in Sicherheit bringt, der ins Ausland flüchtet, vor der wachsenden deutschen Not. Ein Verräter!

Und wir – wer sind wir, die wir den Verrat in unseren Reihen dulden! Nein, nicht in unseren Reihen! Den Verrat unseres Führers! Sind wir damit nicht seiner wert! Sind wir damit nicht schuldig wie er!

Verräter wie er, wenn wir ihn ziehen lassen! Und es frißt sich ihm ins Blut: er darf nicht fort! Und wenn es auf Tod und Leben geht – er darf nicht fort!

Was wär bei den Römern geschehen, was bei den alten Germanen! Sollen wir der Väter nicht würdig sein – heut mehr als jemals! Sollen unseren Jungen nicht Vorbilder leuchten! Und sie blicken auf uns! Auf mich! Ich habe meine Sendung.

Das Unerbittliche brauchen wir. Das Unerbittliche. Jetzt, wo alles fließt in Deutschland, fließt und zerrinnt. Wenn nur einer hart ist und treu! Ein Kern nur – ein Kern wird gebraucht – und sei er noch so klein!

Richtfest ist am Sonntag. Das Wort brennt sich ihm in die Sinne. Richtfest – Gerichtstag wird gehalten! Wir werden richten! Ich – ich! Wie ein Wächter steht Kunz, ehern, in Gluten gehärtet. Das Herz leer, dem die Freundschaft starb, dem die Liebe verklang.

Die Siedlermannschaft erfuhr nichts von dem Entschluß des Führers. Nach der Einweihung sollten sie es hören. Daß etwas in der Luft lag; verspürten wohl 290 die feineren Nasen. Aber man hing dem nicht nach. Die Festgedanken fieberten durch die Seelen.

Und jetzt zieht der festliche Sonntag auf. Noch die Nacht hindurch haben sie gearbeitet, das Morgenrot sieht den Rohbau mit dem Dachgerüst vollendet, der Tag gehört der Feier.

Laubgewinde wird gebunden, eine mächtige Krone wird geflochten und mit farbigen Bändern geziert.

Vier von den Männern schleichen geheimnisvoll abseits, verkriechen sich in das Dickicht und üben hier noch einmal das Quartett, mit dem sie die Gefährten überraschen wollen. Die tiefste Einsamkeit sucht Mulitz, der Maurerpolier, der die Kranzrede halten soll. Noch einmal memoriert er, was er mit Benutzung alter Sprüche für die Weihe des Hauses sich aufgesetzt hat.

Die Sonne segnet den Tag. Für die Bewirtung der geladenen Gäste werden noch Tische und Bänke im Freien gezimmert – große Sprünge können die Siedler nicht machen, mehr als Bier wird nicht verzapft, und auch das schon reißt ein übergroßes Loch in die Finanzen. Aber was hilft es, Vornehmheit verpflichtet. Und heute wollen sie einmal alle Sorgen dem Wind vor die Füße schmeißen!

Am frühen Nachmittag soll die Feier beginnen. Als die ersten finden die Jungen aus der Stadt sich ein. Fragen, ob sie noch irgendwie helfen können. Fritz Röder und zwei andere noch haben ihre Kameras mitgebracht. Sie wollen alle Einzelheiten des Festes verewigen und viele Gruppenaufnahmen machen. Damit sind sie besonders willkommen.

Dankwart holt seine jungen Freunde zu sich herein. Sein Modell ist flugfertig. Es soll über dem Bau kreisen, wenn die Weiherede steigt. Ganz hingegeben erklärt er ihnen noch einmal das Neue der Konstruktion. Ebenso hingegeben hörten die jungen Köpfe zu. Wie freuen sich alle auf diese so hohe Überraschung. Wie sind 291 sie getragen von dem Geheimnis, das sie feierlich bewahren.

Siedler empfangen ihre Eingeladenen. Im weiteren Umkreise werden Zuschauer sichtbar. Neugierige machen sich näher heran, andere lagern sich abseits im Heidekraut.

Von Moorhof her kommt eine Frau, schwarz gekleidet, in Begleitung von Pastor Waermanm Die Patronin der Siedlung ist es, Frau Tilde. Wie ein Flor wallt es um sie her. Ernst wird es allen zu Sinn. Verehrungsvoll verneigen sich die Männer. Einer macht sich gleich auf den Weg, Meldung an Horst auszurichten, der in seinem Raum immer noch mit der Ordnung von Schriftstücken beschäftigt ist. Er tritt sofort heraus, den erlesenen Besuch zu empfangen.

In voller Uniform mit Ordensschmuck ist er, dem Tage die Ehre zu geben, wie Dankwart und Kunz auch, wie die meisten der Siedler. Horst trägt nur das kurze Seitengewehr. Dankwart und Kunz haben auch die Pistole im Gürtel.

Horst reicht Tilde still die Hand, bei Gisbert sind ihrer beider Gedanken. Seit er ihr die Nachricht vom Tode des Freundes überbracht, haben sie sich nicht mehr gesehen. Edelsteinhart sind ihre Augen geworden, nur von Pflicht und Arbeit wissen sie. Um ihren beseelten Mund hat ein starrer Zug sich gegraben. Sie versteinert von dem Fluch der Einsamkeit, dem ihr Leben erliegt.

Kunz findet sich zur Begrüßung ein. Horst und er sehen sich heute zum erstenmal. Sie mustern sich wie zwei Kämpfer, kalt, feindlich. Seit Tagen ist kein Wort zwischen ihnen geredet.

Horst spricht mit Tilde, der Pastor mit Kunz. »Warum habe ich Sie so lange nicht gesehen?« fragt Waermann.

Kunz schweigt. Wo hast Du Vita? will es ihm auf die Lippen. Aber dann denkt er, wie gleichgültig ist dies. Gegen das, was hier geschieht. Und sein Blick 292 greift zu Horst hinüber. Der Pastor sieht diesen Blick, und schrickt zusammen. Was ist mit Kunz? Hier ist mehr als Schmerz und Klage um den toten Freund. Etwas Wildes, grausam Gewaltsames züngelt hier. Etwas wahnhaft Verbohrtes wühlt hier. Und wieder gewahrt er das in dem Blick, mit dem Kunz die neuen Gäste, die Schweden aufnimmt. Was geht hier vor?

Oberst Thorild und seine Tochter sind dem Pastor bekannt, Frau Tilde werden sie vorgestellt. Kunz löst sich von der Gruppe, um die ein gemeinsames Gespräch sich schlingt. Er starrt vor sich hin, in seinem Gehirn ist eine leere tote Stelle.

Dann schweifen seine Augen mechanisch über die Versammelten ringsum. Er sieht ein paar Gesichter, die ihm nicht gefallen – Bekannte, von dem Barackensturm her? Wie ein Schleier liegt es über allem.

Und dann doch die Frage: Was wollen die hier? Wie wach und hell hätte ihn früher dieser Gedanke gemacht. Wie hätte der all seine Kräfte angespannt. Jetzt schleichen sie träge. Nur, daß durch ihn das eine hinblitzt: führten sie doch etwas im Schilde! Käme es doch wieder zu blutigem Kampf! Nur Blut könnte hier heilen! Und würde hier alles zerstört und dem Boden gleich gemacht – vielleicht das beste! Besser ein ganzes Nichts als dies halbe Dasein des kümmernden Werks! Und er selbst wird in dem Untergang begraben und ist frei und erlöst, ist ledig aller Pflichten – aller Taten –

Ein Schleier liegt ihm über der Welt, ein rötlicher Dunst ist über den Dingen.

Der alte Torfmeister wuchtet zu ihm her – spricht gewaltig auf ihn ein – seine Ohren dröhnen, die leere Stelle in seinem Hirn füllt sich mit tosenden Schmerzen – er nickt benommen zu allem, was er hört, und weiß von nichts und starrt in die verschleierte Welt. Den Schleier zu zerreißen – mir liegt es ob! 293

Jetzt tritt Mulitz, der Polier, zum Bericht vor Horst. Es sei alles für die Feier vorbereitet. Wenn es recht sei, könne sie beginnen.

»Dann wollen wir also!« bestimmt Horst. Wie matte Bronze ist sein Gesicht, verbissen sein Mund, um seine Augen sind Schatten, aber er ist fest und bereit.

Und bereit ist auch Kunz.

Zwischen Ingeborg und Oberst Thorild geht Horst, da sie nun alle zum Neubau wandern. Die beiden wissen, wie Schweres er trägt. Es ist abgemacht, daß sie gleich nach der Feier abfahren. Die Segeljacht ist bereit. Ihre Koffer haben sie gepackt. Aber sie wollen nicht daran erinnern, nicht davon sprechen.

Doch Horst bringt selbst die Rede darauf. »Darf ich fragen, Herr Oberst, ob es bei dem Reisetermin bleibt?«

»Wenn Sie einen Aufschub wünschen –«

»Aber ich bitte. Meine Sachen sind geordnet. Ich bin freudig dabei.«

Ingeborgs Augen strahlen zu ihm empor.

Sein Führerblick übersieht den Kreis. Ganz dahinten – eine besondere Gruppe fällt ihm auf. In ihr ist lebhafte Bewegung. Einer redet jetzt eben – gestikuliert verzweifelt – ein anderer beschwichtigt – hält zurück – bändigt – beschwört. Die Köpfe sind nicht zu erkennen. Doch nach der Haltung, der Bewegung, der Gestalt – der Bändiger, der Lange, ist das nicht Stahlboom? Die Kommunisten – was wollen sie hier? Bereiten sie sowas wie einen Anschlag vor? Er behält sie im Auge.

Hat die schwarzweißrote Fahne sie erregt, die eben über dem First des Neubaus an dem Flaggenmast in die Höhe steigt, von Sonne und Wind mit Jubel gegrüßt?

Von der Baracke her ist Dankwart mit den Jungen erschienen. Sie tragen sein Flugzeugmodell. Auf 294 die Goldberge steigt er mit ihnen und bringt den Apparat in Stellung.

Vor dem Hause machen Mulitz und der heilige Josef die Ehren. Die Versammelten – eine große Schar ist es geworden – stellen im Halbkreis sich auf. Der Polier will ins Haus, will das Gerüst unter der Krone besteigen und die Kranzrede halten. Da, wie jetzt das Schweigen sich über sie breitet, knattert ein Automobil in der Nähe. Sie horchen auf. Kommt noch hoher Besuch?

Jetzt hört es sich an, als wolle es auf der Straße, die man von hier aus nicht sehen kann, vorüberfahren. Dann hält es. Dann nimmt es eine neue Richtung. Jetzt kommt es querfeldein über die Heide. Wen bringt es? Uniformen blitzen darin.

Das Gelände wird sandig und hüglig. Der Wagen stockt und steht. Die Insassen steigen aus. Ententeoffiziere. Ein französischer, ein englischer Hauptmann. Sie schreiten auf die Versammelten zu. Zwei französische Sergeanten hinter ihnen.

Ein Todesschweigen über all den Menschen. Eine Stille ringsum, als halte die Welt den Atem an. Als drehe die Erde sich nicht mehr. Nur die schwarzweißrote Fahne rauscht im Winde.

Der französische Kapitän, geschniegelt, kokett, bewußt, der Rangälteste und Wortführer, greift sich mit den Blicken Horst heraus, den er gleich als die leitende Persönlichkeit erkennt. Mustert ihn, in seiner deutschen Offiziersuniform, mit unverschämten Blick, von Kopf zu Füßen. Erklärt dann in einer Art leutseligen Gesprächigkeit: sie hätten heute am Sonntag eigentlich nur einen Vergnügungsausflug vorgehabt – à votre océan – und die Frechheit ist wieder obenauf. »Mais maintenant votre noir-blanc-rouge nous a attiré. On revient toujours - vous savez - à ses premières amours!« Horst steht kühl, aufrecht, in voller Höhe 295 vor ihm und würdigt ihn keiner Antwort. Sein Blick ist dem Franzmann unangenehm. Er weicht ihm aus und spricht jetzt herrisch und giftig: da sie nun einmal hier wären, wollten sie »das Nützliche mit dem Angenehmen« verbinden – er schlägt mit dem Handstock seine Ledergamasche – und hier an Ort und Stelle gleich die Waffensuche vornehmen. »S'il vous plaît« – wendet er sich an den Engländer, der schläfrig dasteht und aus seiner kurzen Shagpfeife pafft. Kaum hält er es für nötig, mit dem Kopf zu nicken oder ein »yes« zu kauen.

Der Franzose sieht sich im Kreise um, er mustert das Publikum bei diesem Schauspiel, dessen Hauptheld er ist, da trifft von den Goldbergen her ein Flimmern sein Auge. Das Flugzeugmodell blitzt in der Sonne.

Er setzt den Feldstecher an. »Ah - un modèle d'aéroplane! voilà des essais, qu'il faut surveuiller avant tout!« Er wendet sich an den englischen Hauptmann – »vous arrange - t'il?« – und schreitet auf die Höhe zu. Der Englischmann grunzt und bleibt an seiner Seite. Die Sergeanten folgen.

Horst auf anderem Wege überholt sie. Dies alles geht ihn natürlich zuerst an. Kunz ist an seinen Fersen. Der eiserne Ring, der ihm um die Brust saß, ist gesprengt. Eine neue Tonart spielt das Leben. Er kann wieder Luft holen. Er trinkt sie tief in sich ein. Bis in den Hals schlägt ihm das Herz.

Mit Dankwart zusammen nehmen Horst und Kunz die Feinde in Empfang.

Die Menge ist an den Fuß der Goldberge geströmt. All die Köpfe sind gehoben, all die Gesichter, die Augen glänzen auf zu der Höhe. In allen Herzen klopft es: was wird geschehen? Daß hier etwas geschehen wird, sie fühlen, sie wissen, sie fordern es alle. Und so sind sie einig, geschlossen, eine große Gemeinschaft in diesem einen Gefühl. Von Pastor Waermann, dem 296 Freiheitshelden, bis zu Stahlboom, dem Kommunisten – in Frau Tilde, in Oberst Thorild, Ingeborg, dem Torfmeister, in allen Siedlern, allen Geladenen und Ungeladenen – in allen, allen pulsen die Nerven den selben Takt.

Auch in den frommen Wallern, die heute wieder erschienen sind – zuerst haben sie sich gesondert gehalten und ferne – in scheuer Andacht – wie eifersüchtig auf ihre Sehnsucht – jetzt rücken sie näher – und bald werden sie sich ganz dem großen Chore einverleibt haben. Ist nicht in allen dieselbe Not, dasselbe Gebet? Werden nicht die vielen vereinten Hände, geeinten Herzen am ersten das Wunder beschwören? Am ersten ein Zeichen erwirken? Ein Zeichen des Trostes, und wenn nur ein kleines, das Hoffnung gibt auf die Erlösung!

Da oben, eingespannt in den hellen, vollen, harten, wahrhaftigen Glanz der Sonne, stehen sie – deutsche Offiziere – feindliche Offiziere. Im Schmuck ihres Kleides, im Glanz ihrer Waffen, ihrer Ehren. Stehen sich gegenüber – Welt gegen Welt. Was wird geschehen?

Was entspinnt sich da? Der Kapitän besichtigt das Modell. »Instrument de guerre« erklärt er. »Vous le briserez sur le champ moi présent!«

Dankwart hat dafür kein Wort. Er wendet dem Heischenden den Rücken und legt beide Arme auf die Maschine.

Der Franzose zischt wie eine Natter – packt Dankwarts Schulter – der schüttelt ihn ab, daß er taumelt.

Da, in maßloser Wut hebt der Franzose den Stock und schlägt Dankwart über den Kopf! Dankwart, den Krüppel!

Ein dumpfer Aufschrei preßt sich aus all den Herzen, den Kehlen – 297

Horst – schon hat er den Burschen am Kragen – holt ihn sich hintenüber – reißt ihm den Stock aus der Hand – legt ihn sich übers Knie und läßt seine Hiebe auf ihn hageln.

Blitzschnell das alles. Der Engländer steht regungslos. Die Sergeanten wollen zuspringen. Die Hand mit der Shagpfeife weist sie zurück »Fair play!« Um den breiten Mund ist das Lächeln einer ehrlichen kleinen Teufelei.

Blitzschnell ist es vorüber. Atemlos, im Bann, in verzücktem Schweigen – so haben all die Herzen, die Hirne das Bild getrunken. Sie haben es, sie halten es, verwachsen ist es mit ihnen.

Jetzt, da Horst den Gezüchtigten beiseite geschmissen hat – da dieser mit schäumendem Mund und irrem Auge die Pistole aus dem Gürtel reißt – mit donnerndem Hurra sind all die Siedler den Berg hinaufgestürmt.

Der englische Hauptmann hat den Arm des Verstörten genommen. Sein »we shall see!« kaut er und führt ihn gemessen den Berg hinunter, zu ihrem Auto.

Ein Jubel hat sich aufgemacht wie eine Windsbraut. Das große Meer des Zornes eines edlen, mächtigen, geknechteten, geschändeten Volkes – hier schlägt es seine Wellen empor, himmelan. Sie klatschen in die Hände, sie umarmen sich, sie brausen, sie taumeln unter Weinen und Lachen. Muz wie ein Feuerrad rast um sich selbst – man sieht nur ein tosendes Rund und sprühende Funken. Ein donnerndes Rollen steigt zum Firmament. Lud Uhlenbrook lacht und lacht aus vollem Herzen – so brüllt das Glück. Außer Rand und Band ist die ganze sonnenselige Welt. Das blanke hohe Himmelszelt spannt sich zum Zerspringen – zerreißt es nicht – bricht nicht ein Blitz aus dem Blau – ein Gottesantlitz? 298

Horst über ihnen allen, strahlend wie Michael, die Augen geweitet, die Nüstern gebläht, ein unergründlich glückliches Lächeln um den Mund. Noch meiden sie ihn, wie ein Höheres, ein Heiliges.

Dann aber stürzen die Jungen zu ihm. Fritz Röder – will es schreien – und erstickt an seiner Seligkeit – und stößt es dann mühsam aus verschluckten Tränen hervor – »ich hab es geknipst!« Und zwei andere stammeln »ich auch!« Und Fritz verkündet es heiser, lallend, zusammenbrechend – »ein Bild ist das – ein Titelbild – für die Geschichte – in alle Lande, in alle Städte, in alle Dörfer soll es fliegen – für die Weltgeschichte – für die deutsche Geschichte – ein Titelbild – ich hab es geknipst –«

Wie ein vom Strick Losgeschnittener steht Kunz. Zu heftig hat sich die hohle Stelle in seinem Brägen wieder gefüllt. Noch blickt er verblödet.

Da schleicht von hinten etwas zu ihm, springt ihn an, drückt ihm die Lider zu mit kindlichen Händen – wer ist es? – was fragt er, da er es fühlt?

Und sein Mädchen schenkt ihm der deutsche Jubel! In seinen Armen hängt Vita und küßt ihn mit fast mänadenhafter Glut. Daß er aufs neue verblödet. Aber plötzlich ist er so hell und gescheit wie noch nie in seinem Leben und packt zu und hält fest. Und ist der bedeutendste und mächtigste aller Menschen.

Und ist wieder der Junge, ganz der Junge – schreit auf wie ein Verrückter – schlägt Purzelbäume, sieben hintereinander und brüllt zwischendurch zu seiner Vita hinüber: »Bin ich dick?«

Dann bleibt er besinnlich im Grase sitzen. Ist das ein Tag – eine Tat. Ich muß sie besingen. Die Welt erwartet es von mir. Ein Heldenepos! Ich hab auch schon einen Titel: der Büchsenspanner Seiner Majestät des deutschen Volkes. Nein, ein Volkslied muß es 299 werden. Ein Kutschkelied. Und soll noch von den Enkeln gesungen werden in allen Gauen.

»Da sprach der Horst, das ist mir Worst,
Und haut ihm, daß die Hose borst.«

Ingeborg ist bei Horst. Sie läßt das Glück ihrer Augen leuchten, wenn es auch schwer dahinter dämmert. Sie packt seine Hand mit beiden Händen. Das wiegt alle Worte auf. Dann spricht sie leise: »Aber nun wird Ihnen hier Schweres bevorstehen.«

»Wer das nicht fröhlich auf sich nimmt –!« Gleichwohl schweifen ihre Blicke zur See hinunter und etwas in ihnen spricht: da liegt unsere Jacht segelfertig. Du tust gut, Gras wachsen zu lassen über das, was hier geschehen ist! Komm jetzt! Fahr mit uns! Mit mir!

Doch, wie sie das Auge wieder voll zu ihm wendet, erschrickt sie vor diesem eigenen versteckten Denken und Wünschen. Ich würde es selbst nicht wollen, daß Du Dich von hier entfernst! Daß Du mit uns fährst. Ich würde Dich selbst so nicht wollen! Und ein harter reiner Schmerz bändigt ihre Flammen.

Oberst Thorild tritt hinzu. »Ein Wahrzeichen – ein Wappen – eine Fahne sind Sie geworden!« Seine Augen sind voll Feuer.

»So darf man denn das – Abgedroschene, das Triviale gelten lassen, weil es die stärkste Anschaulichkeit, die größte Bildkraft hat. Dafür werden die Abstrakten im Lande Zeter über mich schreien.«

»Die lassen Sie nur.«

»Und die nützlich Ängstlichen noch mehr. Ich hör es schon in ihren Blättern rauschen. Kostspielig wird die Sache – schädlich verbrecherisch ist Deine Tat! Nur ein Volksfeind konnte so handeln!«

»Die lassen Sie erst recht. Ich sag Ihnen, noch ein Dutzend solcher symbolischen Handlungen, und das Volksgewissen bekommt sein Mousseux, seinen Aufstieg. Ich glaube es lohnt, in diesem Volksgewissen zu leben! 300 Dafür aber, mein Freund – so darf ich Sie nennen – sind wir, Ingeborg und ich, jetzt die Leidtragenden. Da Sie jetzt nicht mit uns fahren.«

»Ich denke, wir werden uns damit nicht verlieren.«

»Niemals. So wie wir uns gefunden haben! Aber jetzt müssen wir Sie mit Ihren Kameraden allein lassen. Leben Sie wohl!«

Mit starkem Händedruck nehmen sie Abschied voneinander. Lange liegt Ingeborgs Hand in der seinen. Dann bleiben ihre Augen nicht mehr fest, und sie wendet sich jäh von ihm.

Horst blickt den Schreitenden nach. Oft noch dreht Ingeborg sich um und winkt mit dem Tuch. Er muß bitter hart die Zähne aufeinander beißen. Wieder ist eine Kraft von ihm gegangen. Wieder eine Saite in ihm zersprungen. Aber, was er noch hat, treu muß er es bewahren, denn es gehört nicht ihm allein.

Und wie er jetzt die Kameraden sucht, da tritt jemand vor ihn hin, ein Unerwarteter. Stahlboom, der Kommunist. Der Feind, mit dem er gekämpft auf Leben und Tod. Der Feind – der Landsmann jetzt, der Deutsche. Reicht ihm die Hand, schnell, hastig – aber Hand ruht doch in Hand. Ob heimlich, wie beiläufig, ärgerlich fast – die Hände haben sich doch gefunden! Wahrhaftig und notwendig! Die Hände und die Herzen! In diesem Zeichen wachsen sie zusammen.

Da leuchtet es nun erst über Horst hin – der Lichtstrahl der glückhaften Erfüllung! Die deutsche Einheit – die Front ihrer Streiter – sie ist kein Traum – sie kann sein – sie wird sein – sie ist! Nur braucht sie ihr Signal! Die rechte Fahne muß wehen! Dafür leben und sterben!

Horst ist mit den Kameraden zusammen. »Ja,« sagt Horst, »ob Ihr mich bei Euch behaltet? Ob Ihr nicht die Suppe, die ich auch Euch eingebrockt habe, mich 301 lieber allein auslöffeln laßt –! –« Da lachen all die Siedler laut hinweg, was er sonst noch hätte sagen können.

Kunz packt seine Hand und reißt ihn zur Seite. Und mit einem unbeschreiblichen Blick, in dem ein Bekenntnis liegt voll aller Düsternis und aller Helle dieser Welt, mit seinem lächelnden Knabenmund: »Ich dank Dir auch, Horst – dank Dir, daß ich Dich nicht hab um die Ecke zu bringen brauchen.«

Horst blickt in diese Tiefen und versteht den Freund, und ihre Freundschaft ist geheiligt.

»Und jetzt weihen wir unser Haus! Ihr Jungen, singt Deutschland Euer junges Lied! Wir stimmen mit ein.«

Und zur Sonne empor braust es:

Wir sind die Jungen! Wir sind die Kraft,
jede Faser gestrafft und gerafft,
wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,
siehst du die nächtigen Wolken lohen?
Wir sind des Frührots lachender Schein!
Frei sollst du sein!

Wir sind die Jungen – die Herzen fliegen!
Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!
Unter die Füße den tückischen Haß,
seine Ketten zerspringen wie Glas.
Unser Gebet, unser Feldgeschrei:
Frei sollst du sein!
      Wir machen dich frei!

 


 

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