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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Und die Not nimmt überhand

Gisbert, der ihrer aller Liebling war, löste sich immer mehr von ihnen. Wie ein Nachtwandler war er, den man zu rufen sich scheute.

Der einzige, der immer noch fest zupackte, war Kunz. Aber auch er griff jetzt immer mehr ins Leere. Und dann, er hatte genug mit eigener Herzenserschütterung zu tun. Vita war ihm entschwebt. Wie ein Traumbild war sie ihm zerronnen. Wohin hatte er sie geschreckt?

So trübte sich Kunz der Blick für des Gefährten Schicksal, den die Not seiner Liebe immer mehr von dem Irdischen trennte. Von der Erde, die, seit sie ihn verschüttet, begraben, erstickt hatte, seinen entrückten Sinnen nie mehr die rechte Heimat gewesen war.

In Gisbert selbst tastete noch etwas nach dem Gegenständlichen dieser Welt, nach Freundeshand, nach Zwiesprache, nach Austausch der Empfindungen. Und so klammerte sich etwas von ihm an Kunz, gerade heut.

Der Wind trug am Nachmittag den Glockenhall von Moordorf herüber. »Wollen wir zusammen in die Kirche?« fragte er Kunz, mit knabenhaften Augen, fromm von kindlichen Gedanken.

Der hatte schon ein »Ja« auf der Zunge. Da fuhr es ihm durch den Sinn: in Vitas Bereich! Wenn ich mich hineinbegebe, muß ich allein es tun! Denn für alles, was hier geschehen kann, brauch ich meine Einsamkeit. Und er schüttelte den Kopf zu dem Vorschlag. 269 So ging Gisbert ohne ihn. Und es trug ihn wie ein Abschiednehmen – er wußte nicht wie.

Er wußte auch nicht, was eigentlich in die Kirche ihn zog. Halbe Wirklichkeit war in allem. Der Raum, die Andächtigen, der Gesang, der Prediger –

Wirklichkeit – was ist das? Es gibt etwas über der Wirklichkeit. Das ist seine Herrin. Das ist dieser Abend, der ihn zu ihr führt.

Schall ohne Sinn war ihm auch erst Pastor Waermanns hell aufstrebende Predigt. Der wieder der Mittler seines geliebten Ernst Moritz Arndt war, des deutschen Stimmführers aller Zeiten.

»Du mußt Gott bitten, daß er dir gebe einen stillen freundlichen und festen Geist, daß du alle deine deutschen Brüder zu dir versammeln magst.

Denn durch der Herzen Zwietracht ist das Unheil gekommen, und durch die Torheit der Feigen plagen fremde Henker dich.

Und ihr sollet euch wieder brüderlich gesellen zueinander, alle, die ihr Deutsche heißet und in deutscher, Zunge redet, und den Trug bejammern, der euch solange entzweit hat.

Und sollet in Einmütigkeit und Friedseligkeit erkennen, daß ihr einen Gott habet, den alten treuen Gott, und daß ihr ein Vaterland habet, das alte treue Deutschland.

Und sollet gedenken, wie ihr ein freies Land von euren Vätern empfangen habet, und wie ihr euren Kindern und Kindeskindern die Freiheit hinterlassen müßt!«

Das klang denn doch in Gisbert nach, das weckte in ihm schlummernde Stimmen. Die Stimmen, die sein Dasein begleitet hatten, die seiner Arbeit Melodie gewesen waren. Sie schlangen das Band zwischen ihm und den Kameraden, den Freunden. Und er ruhte aus in diesen Harmonien. 270

Aber sie hielten ihn nicht, sie trugen ihn nicht, und er entschwebte wieder in seine Welten. Und alles, die Siedlung, das Vaterland, die Gefährten wie der Kirchgang, der Gottesdienst wurden ihm nur zu einer alten Weise wehmütiger Erinnerungen.

Ein paar schrille Weckrufe: zwei Mädchenaugen hängten sich an ihn, von so heller und scharfer fast heftiger Daseinskraft. So viel gesammeltes Leben – es brannte und stach. Den Traumfernen erreichte die fragende Leidenschaft. Bleiben sollst Du und Rede mir stehen! Allein bist Du! Wo hast Du den andern! Ich will ihn nicht! Aber, wo ist er? Das will ich wissen! Und warum er Dich allein hat kommen lassen! Ich will ihn nicht! Will nicht seine packende Hand, seinen dürstenden Mund! Aber, er soll mich suchen! Suchen soll er mich, daß ich ihn abweisen kann, ihn von mir stoßen! Was tut er's nicht!

Und Gisbert wußte es, dieses Mädchen, das nichts ist als Augen, nichts als fordernde, starrende, bannende, naturkindliche Leidenschaft der Augen, es konnte nur Vita sein, das Mädchen seines Kunz.

Jetzt war der Freund doch ganz nahe bei ihm. Von dem er ahnte, daß er um das Mädchen litt. Helfen – ihm, dem lieben, getreuen – und auch ihr, in deren Augen der sehnsüchtige Trotz einer Qual Fieber und Bitterkeit wirkte.

Predigen – von der Liebe predigen! Hier, wo der Ort dafür war! Von der Liebe, die mehr ist als ein Gefühl. Von der Liebe, die die Wahrheit ist. Die Wahrheit und die Freude, aus der jede Kreatur, aus der das All, die Unendlichkeit ihr Leben hat.

Aber die Worte dafür – immer ist das Wort mit seiner Erdenschwere hinter ihm zurückgeblieben. Nun hat es ihn ganz verlassen. Das lichte Schweigen ist um ihn. 271

Und mit dem Wort, das er nicht findet, versinkt ihm all das, was ihn eben noch gerufen und bewegt hat. Ob er es halten möchte, es schwindet ihm hin. Und wieder wie ein Traumwandler zieht er seine Straße, die zu seiner Herrin ihn führt.

Das Auto, das ihm auf der Chaussee entgegenrast, der Staub, den es emporwirbelt, die Hupentöne, die es ausstößt – all das bleibt weit, weit unter ihm.

Er weiß nichts von der Erde, er sieht auch den Himmel nicht, nicht seine grüne Abendflut, die wie brennende, schmelzende Patina ist. Erst wie er in Tildes Zimmer steht, wird er erlöst aus seiner blutleeren Wesenlosigkeit.

Und wieder ist es ein Klagendes in ihren Augen, was ihn erdhaft macht. Keine Wehmut und Weichheit, die nach Mitleid ausblickt. Eine Bitterkeit, die sich immer mehr verhärtet, und die Härte als Hilfe braucht. Wie ein Trotz ist es aufgestiegen aus der Tiefe dieser Augen. Die schwere Arbeit der Tage, das Übermaß der Pflichten schmiedet ihres Wesens Metall.

Hilflos, wie verschüchtert sitzt wieder Gisbert vor ihr. Und wieder die Frage über ihm: was kann ich Dir sein? Ich, der ich mich verblutet habe – ich weiß es selbst – dem das Beste seiner Jugend, seiner jungen Kraft zerronnen ist – »Gedankenblässe«, das ist das Wort! Das ist der Stempel, den ich trage. Ein Schatten, ein Schemen, schwebe ich vor Dir. Und je tiefer sein feines Spüren in die Augen der Frau sich einsenkt – lebt in ihnen nicht eine fast zornige Forderung an das Leben auf?

Über wirtschaftliche Dinge spricht die Herrin mit ihm, trocken, geschäftlich. Dazwischen müde Pausen des Ausruhens und des Schweigens. Sie plant noch ein paar Neubauten und hat Budgetsorgen. Er kann sie nur anhören, kann nicht raten. 272

So einsam ist diese Frau. Der natürliche Gehilfe und Berater, wahnbefangen, der Arbeit verloren, hält sich fern.

Zugleich mit ihm kommt ihr – wie sind sie sich doch nahe – der Gedanke an den, der ihr fehlt. »Achim war eben im Auto hier – nur auf eine Minute. Er ist gleich zur Bahn gefahren. Er will nach Holland zu einem internationalen Match.«

Die Worte reihen sich gleichmäßig auf, fast unbewegt von dem Schicksal, das durch sie hindurchgeht. Und wieder ist das Schweigen um sie beide, gut, heilend und treu. Dann sagt sie: »Kommen Sie, Gisbert. Ich möchte noch ein wenig in den Park.«

Sie gehen hinein in den lichten Abend. Es ist die Johanniszeit, die hellsten, längsten Tage herrschen, die Kraft der Sonne durchwebt die Dämmerung, webt durch die Nacht hindurch dem Morgen entgegen und nimmt sich selbst wieder in Empfang.

»Heut ist des Sommers heilige Nacht«, sagt Frau Tilde. Ihre Blicke ruhen auf dem jungen Freund. Ist er nicht wie der Heilige dieser Helle? Er selbst so durchsichtig, so unirdisch, so verklärt. Und wehklagend zieht es durch sie hin: Armer, lieber Junge. So hast Du Dein Leben hingeströmt! Und ist nicht wie Du ein großer Teil der deutschen Jugend – viele, die unter uns hinschweben, kaum etwas anderes als die Schatten Erschlagener!

Die Johannisnacht beschäftigt ihn. Er spricht von den Sonnwendfeiern, erzählt von einem sanften Brauch, den Frau Tilde nicht kennt – sie weiß nur von den Feuern und Flammentänzen dieser Nacht – von dem Johannisbad erzählt er, dem Blumenopfer, das man den Flüssen darbringt. Und gar nicht bedeutungsschwer, mit einer leisen Fröhlichkeit fügt er hinzu: »In dieser Nacht werden die Lose der Menschen geworfen.« 273

Sie haben den Park durchschritten. Da vor dem Tor ragt auf der kleinen Anhöhe der mächtige Ahorn in den grünglasigen Abendhimmel. Hier auf der runden Bank haben sie damals gesessen, in die Wolken geblickt und von ihnen beide dasselbe vernommen. Und wieder lassen sie sich hier nieder.

Über die Felder gleiten die Blicke. In Tilde regt sich die Landfrau. »Wie gut der Roggen steht!« Bis zu ihren Füßen zittert das grüne Meer in dem Hauch, den die See landeinwärts sendet. »Was hätte Vater für eine Freude daran gehabt!« Nun ist sie bei ihren Toten und in großer Verlassenheit.

»Ach, lieber Junge!« sagt sie dann und streicht ihm übers Haar. Was ist alles in ihren Augen, so viel Mütterliches, sorgend und schützend, und wieder ein Frauliches, das zärtlich nach Hilfe ruft. Und er starrt in diese wogende Tiefe.

Dann nimmt sie seinen Kopf in die Hände und küßt ihn auf die Stirn, und küßt ihn auf den Mund. Schon hat sie sich erhoben und reicht ihm die Hand. »Und jetzt Gut Nacht«, sagt sie einfach. Und weiter nichts. Schreitet zum Park, tritt in das Tor und verschwindet unter den Bäumen.

Gisbert bleibt, bewegungslos. Alle Stimmen seines Lebens klingen zusammen in dieses letzte Wort. All seine Schmerzen, seine Seligkeit, seine Hoffnungen und Enttäuschungen, seine Taten und Leiden, sein Träumen, seine Visionen, seines Wesens Beginn, seines Daseins Ausklang –

Aber auf den Lippen – da brennt es – ein Feuer – so wie eine Todeswunde brennt – schmerzlich und überschmerzlich, bestrahlt schon von den ewigen Wonnen.

Ein Feuer, das bleibt und brennt. Davon das Blut ihm kocht und braust. Das wenige Blut, das noch durch seine Adern flutet. 274

Ich sehne mich, sehne mich nach Dir! Mit allem, was an Kraft und Leben in mir ist, sehne ich mich nach Dir.

Und Du – jetzt wird alles, was in ihm Leben hat, Glut und Glanz eines stolzen Glückes – singt und schluchzt und jauchzt nicht in Dir dieselbe Weise? Sind wir nicht wiedergeboren einer in des andern Herzen? Muß ich nicht bei Dir sein und Du bei mir! Warum bist Du gegangen! Was läßt Du mich allein!

Fliehst Du mich, daß ich Dich suchen soll? So fiebert es grell in ihm auf. Und dann: oder lächelt sie über mich? Lächelt sie, daß ich so weltenfern, so im Übersinnlichen meine Kreise ziehe!

Nun entsetzt er sich, daß er so in die Niederung gerät! Mit den Gedanken an diese Frau. Und überwindet den Schreck und blickt mutig dem Leben ins Gesicht, mit seinen Knabenaugen.

Den Wirbel sieht er, der Lachen mit Grauen mischt, den Wirbel um das Mysterium Weib. Er flieht vor ihm – und seine Gedanken werden immer mehr hineingezogen in den Taumel.

Wenn dieser Tanz mich erlöst aus meiner Verlorenheit? Wenn ich gesund werde – ein gesundes, junges Blut? Und habe meine Geliebte, habe mein Weib –

Eines andern Weib – Untreue, Betrug – das Grauen fällt über ihn her! Was wird geschehen? Was wird sein!

Und es peitscht ihn das Entsetzen vor der öden, schalen Geschlechtlichkeit – die Verzweiflung, daß er das Bild seiner Herrin in diesen Wust herabzieht. Das strahlende, heilige, beseligende Bild der Gnade!

Wie hat er zu ihm gebetet, zu ihm aufgesungen: Du bist die Geliebte meiner Seele. Nicht treibt es mich, mit den Blicken Dich zu fassen, das Auge in Dein Auge zu legen, mit Deiner Stimme mein Ohr zu füllen, Deine Finger mit der Hand zu umspannen. 275 Nur wissen will ich Dich, nur wissen, daß Du bist, nur das Glück fühlen, daß Du lebst! Rühren Worte an die Herrlichkeit dieses Besitzes? Nicht einmal Gedanken!

Nun haben die Gedanken doch an sie gerührt – das Begehren hat nach ihr gegriffen, das gemeine Begehren.

Er ist fortgestürmt, hinein in die dämmernden Weiten. Der Dünensand hemmt seinen Lauf. Nun steht er atemlos – vor ihm schauert das Meer im Hauch der Nacht.

Und dort im Osten aus dem Dunst über der Flut hebt sich der Mond, dunkel, glühend, groß und tief. Drohend und schwül. Feindlich, grausam und böse. Wie ein Schicksalsspruch, wie ein Gericht über Sünde und Schuld, wie der Henker im Scharlachmantel.

Gesenkten Hauptes steht Gisbert. Er trägt den Leib wie eine Last. Dann hebt er sich auf, die Sterne sucht er, noch sind sie bleich – erst allmählich entzünden sie ihre Kraft, ihre Hilfe, ihren Trost. Jetzt aber haben sie die Macht ihrer Sprache. Und Gisbert liest die Verse des Firmaments, die Dichtung des Himmels, die Hymne der Nacht, der Allmutter Nacht. Und er ist daheim.

Der Nacht antwortet das Meer. Und alles klingt zusammen in dem großen Sphärengesang: Güte und Freude ist alles – alles geht aus von der Freude – alles geht ein in die Freude – gut, gut ist das Leben, gut ist das Ewige, ewig das Leben, ewig die Freude –

Der Mond ist emporgetaucht aus dem dumpfen blutigen Dunst – alles Böse hat er abgetan, er hat sein gutes helles Licht gewonnen. Ich bin die Güte, ich bin ein Freund! Und eine Straße baut er über die andächtig stille und ergebene Meerflut.

Gisbert ist am Strande. Zu seinem nächtlichen Bade entkleidet er sich. Vor seine Füße wallt diese 276 leuchtende Straße. Wohin führt sie? Wohin will sie mich leiten? In das All und seine Freude –

Ja, Du strahlender, Du guter Weg – Dir vertrau ich mich an. Du kennst mein Ziel, Du offenbarst mir meine Bestimmung, meine Erfüllung und Vollendung. Abtun will ich meine Schlacken – der reinen Freude will ich ins Antlitz sehen –

Er schwimmt – schwimmt in der lichtgesättigten Flut – in alle Poren dringt der Glanz – die Lungen leuchten – das Herz ist voll Schein – ein verzitterndes Lichtbeben sein Schlag –

Ein Lichtstrahl gleitet sein Leib durch die goldene Flut, hinein in die Wellen des schimmernden Äthers – hinein in das All – in die gute große freudige Heimat – – –

Die Männer standen vor der Baracke – Horst, Dankwart und Kunz. Wie Deutschland Deutschland verrät, das geht ihnen durchs Gemüt. Der Gendarm hat erzählt, Ententeoffiziere wären in der Provinz auf Waffensuche unterwegs. Sie hätten selbst erklärt, daß sie sich vor deutschen Denunziationen nicht retten könnten. Der englische Hauptmann hätte heftig dazu ausgespuckt.

Diese letzten Worte wollen Horst nicht aus dem Ohr. Immer hört er sie in dem trockenen, schmerzlich heiseren Tonfall des Gendarms. Wo er geht und steht, krächzen sie ihm nach.

Bei Kunz ist der Grimm schon weitergestürmt. »Wenn die Henker zu uns kommen – wenn sie bei uns schnüffeln – wenn sie frech werden – was geschieht dann! Was tun wir dann!« Wild schlägt es in seinen Stirnadern. Seine Fantasie schwelgt.

Horst ist allein in die Dünen gegangen. Wie soll man das alles ertragen. Zu der Last, unter der man schon zusammenbricht – immer mehr wird zu ihr aufgepackt. Ich kann nicht – kann nicht mehr! Und will auch nicht mehr! 277

Gegen den Schmutz, die niederste Gemeinheit kämpfen, welch ein übler Irrsinn! Der Schmutz läßt sich nicht besiegen, und man selbst – nicht nur, daß man unterliegt, besudelt unterliegt man! Und der Ekel würgt einen ab.

Nach Norden blickt er. Dort auf der Landzunge steht das Haus, in dem seine Freunde wohnen. Und blickt man weiter, in derselben Richtung, hinter dem deutschen Meer liegt Nordland, liegt Schweden.

»Meine Gedanken wandern über die See,
Weiße Schwäne sind sie, leuchtend wie Schnee.«

Heraus aus dem Schmutz, dem Ekel, an dem ich vergehe! Ein anderes Land öffnet mir die Arme, eine neue Heimat winkt mir – keine neue, die alte, die unserer Ahnen. Der klare Norden mit seinem Stolz, seiner Ehre, seiner Sauberkeit, seiner gesunden Kraft. Aufrecht! Wieder einmal aufrecht stehen und gehen! Liebe Menschen nehmen ihn dazu an die Hand.

Liebe Menschen – und hier? Die Kameraden hier? Kunz, Dankwart – hat sich zwischen ihnen und ihm nicht eine Kluft befestigt? Längst ist er ihnen nicht stur genug, nicht der Unbedingte, der Stürmer nicht, den sie wollen. Mit halbem Herzen nur folgen sie ihm, der ihnen nicht als Ganzer gilt. Sollte er ihnen nicht die Siedlung überlassen! Daß sie sie neu bauten in ihrem Geiste! Ein Stoßtrupp hartdeutscher Gesinnung – warum nicht! Vielleicht das beste.

Denn der linke Flügel, die Mulitz und Metzling, fangen an, bedenklich zu werden, weil ihre Macht ganz unverhältnismäßig anwächst. Durch meine Schuld? Weil ich das Steuer nicht fest genug halte? Nicht mit der sichern, gläubigen Hand, nicht unter dem klaren, unbeirrten, weiten Blick?

Unleugbar, die Widersprüche, die Zerwürfnisse mehren sich. Droht dem Werke der Zerfall – weil ich 278 ihn nicht hindere? Der ich meiner Arbeit mich entfremde – aus Überdruß an meinem Vaterland!

Entfremdet meiner Arbeit – entfremdet den Kameraden – und dem einen, dem Jungen, dem Gisbert untreu, der wenn einer mich braucht! Um den meine Sorge so viel gewacht, an den sie so oft dachte in diesen letzten Tagen – nur daß sie nicht zugriff, wie es sich gehörte.

Wie nötig hat der Junge den treuen, festen Freundesarm, Muskeln und Knochen – er, der sich ganz hinausgeistern will aus dieser körperlichen Welt – nun noch gesteigert, getragen, erhöht und zugleich gescheucht und flüchtig von der Schwärmerei für diese Frau, die selbst hier keine rechte Heimat hat. Bist Du nicht wie entleibt unter uns gewandelt? Wo gibt es ein solches Sichlösen, Sichentäußern, Sichbefreien und Sichbeseelen als in deutschen Herzen? Nennt es Kraft, weil es eine Inbrunst, nennt es Unkraft, weil es ein Zerfließen ist. Und ist nicht ein Stück Gisbert in uns allen?

Seine Augen schweifen über das Wasser. Jetzt nimmt die leuchtende Straße seine Blicke an sich. Die Flut, vom Licht gebändigt, sanft und geduldig, wie hingegeben trägt sie die goldene Brücke zum Mond.

Da hinten aber – weit, weit dem Himmel nahe – was ist es, was sich da bewegt, in Wellen des Glanzes, in blitzenden Strahlen – ein Dunkles, das jetzt in dem Schimmern verzittert? Schon hat das Licht die Wasser wieder geglättet – war es ein mondtrunkener Delphin? Glatt gefügt spannt sich wieder die leuchtende Brücke.

Und weiter nach dem nördlichen Vorsprung zieht es seine Blicke. Dort auf der äußersten Spitze – ist es ein Zauber dieser hellen Nacht – eine weiße Mädchengestalt –? – Trug! Welches Menschenauge kann so weit sehen – 279

Und doch! Was flammt denn zu Häupten dieser Gestalt! Und hebt sie selbst in den Glanz? Nur eins gibt es auf Erden, was so leuchtet, Ingeborgs Haar.

Ein Leuchtfeuer – das nach Norden weist und ruft – das Leuchtfeuer seiner Zukunft –

Und doch ein Trugbild? Horst will wissen, ob diese kürzeste der Nächte, die zauberkräftige, ihn narrt. Er schreitet die Dünen hinunter, am Strande entlang, der Landzunge entgegen. Da sieht er ein Dunkles auf dem weißen Sande – Kleider – eines Badenden – im Wasser ist niemand zu erblicken.

Es fährt ihm durchs Hirn – das Körperliche, das vorhin da in dem Mondstreif sich zeigte – und sein zweiter Gedanke: Gisbert, der Abendschwimmer –

Prüfend betrachtet er die Kleider – ja, Gisbert gehören sie. Er späht über die Flut, die der Nachtglanz ableuchtet – da hinten ein Segel, ein einziges Boot, ruhend in der Windstille, gespensterhaft – sonst nichts, nichts so weit das Auge greift. Das leidenschaftlich forschende, jetzt erstarrende Auge. Und eisig schneidet es ihm durchs Hirn: Gisbert ist von uns gegangen.

Helfen – Hilfe holen – wie sollen sie helfen, und wem! Wenn er es war, der da hinten, am Horizont in dem Mondstreifen trieb, in die Lichtbahn sich löste –! –

Leer ist die Mondstraße, leer ist die Flut ringsum –

Aber, da man nichts tun kann, nicht weiß, was man tun soll, da man hilflos ist – wie furchtbar dieses Alleinsein mit dem Geschehenen! Die Kameraden – Kunz muß es wissen, er muß es hören, muß was sagen, muß dabei sein!

Schon ist Horst nach der Baracke unterwegs. Er holt sich Kunz aus dem Verschlag. Nun stehen sie beide an den Kleidern und forschen über die See.

Dann stehen beide schweigend, und halten eine eigene Totenwacht. 280

Ruckweis befreit sich Horst von dem Schmerz, der ihn lähmen will. »Er hat es geschafft. Auch einer, der zu schade war – für das was uns beschieden ist.«

»Sollen wir so sprechen?« Kunz macht der erste Schmerz nur noch härter, wehrhaft, wahrhaft, unerbittlich. »Zu schade?« Er spielt wie grausam mit dem Wort. »Zu sehr beschädigt. Zu wund und zu weich.« Und noch rauher gegen den eigenen, zuckenden Gram: »Was welk ist in Deutschland, geht ein.«

Dann ist es fast, als kehrt er sich, wie zur Ablenkung, gegen Horst, den selbst nicht mehr Wurzelfesten. So daß etwas in ihrem Schmerz die beiden Männer gegeneinander entflammt.

Schon aber führt in Horst der Leitende das Wort, der seine Anordnungen trifft, bis zum Äußersten. Er hat keine Hoffnung mehr, aber das letzte muß getan werden. »Ins Boot. Das Wasser absuchen. Nicht unmöglich, daß er müde geworden ist, und der Segler da hinten hat ihn an Bord.«

Sie gehen nach dem Vorsprung zu. Da liegen Boote am Strand. Sie schieben eins ins Wasser und rudern hinaus, schweigend, mit gleichmäßig mächtigem Schlag. Und suchen, suchen – hoffnungslos und doch treu.

Jetzt sind sie schon weit draußen. Auf das Segelboot halten sie zu. Immer mit der Umschau, immer in der Erwartung, der Entseelte müsse auftauchen.

Ein Fischerboot, das mit klatschenden Segeln daliegt. Hat es den Ermüdeten aufgenommen? Ein letzter Schimmer –

Die Insassen, verschlafen, drusen dem Morgenwind entgegen. Von einem Schwimmer haben sie nichts bemerkt. Einen treibenden Körper haben sie nicht gesichtet. 281

Die Suchenden wenden und fahren zurück an Land. Jetzt ist es gewiß, die See hat ihn genommen. Wird sie seinen Leib wieder hergeben?

Gisbert ist tot! So pulst es in ihrem Herzen. Das ist der Takt ihres Ruderschlages. Gisbert ist tot. Sie starren in eine Leere. Jetzt ist die große Klage um sie und fügt sie zusammen. Und nichts kehrt sie gegen einander. Geschlossen, versöhnt der Unterschied, der Zwiespalt ihres Fühlens. Nur der Schmerz um den Freund bewegt ihre Seele. Gisbert ist tot. Wie klein sind alle Worte, die seiner gedenken wollen – sie scheuen sich und schweigen.

Die Männer landeten wieder. Und da sie die harte Erde betraten, kamen Forderungen an sie. Gemeinsame, so dachte Kunz. Er mit seiner lebensfesten Hand nahm die Kleider auf, packte sie zu einem Bündel und wandte sich heim. Das »über Gräber vorwärts« lag ihm im Blut.

Er meinte nicht anders, als daß Horst mit ihm gehen würde. Der aber blieb, versonnen, versponnen. Kunz wartete – dann ein fragender Blick, aber kein Wort – dann etwas wie ein leichtes Achselzucken, in dem der alte Schmerz bebte: man lasse die Träumer den Träumen – und er ging allein. Da war es wieder, was in ihm nagte: auch von Horst geht immer mehr verloren. Die Sorge um die Siedlung ließ ihn von jetzt ab nicht mehr los.

Wieder war der Mißklang zwischen den beiden, das Mißtrauen, das nun einmal gerufen war – tiefer griff es in die Gemüter, die der Schmerz zart und feinfühlig gestimmt hatte. In der Empfindsamkeit des Grames fand es neue Nahrung.

Horst spürte es, er wußte, was in Kunz sich von ihm abwandte. Das riß an den gespannten Saiten, und wieder gab es den Zorn, die Bitterkeit, die eigene trotzige Abkehr und Selbstverschanzung. 282

Ich bin Euer Führer, ich hab Euch etwas geschaffen, etwas gegeben – zum Lohn dafür haltet Ihr Gericht über mich, beobachtet mich, nehmt mich unter Aufsicht. So war es schon, und es mehrt sich zur Unleidlichkeit.

Ihr solltet wissen, daß ich das nicht ertrage. Ihr solltet mir meine Arbeit, die mir wahrlich nicht leicht fällt, nicht noch erschweren. Sie mir nicht verbittern! Kein besseres Mittel könnt Ihr dafür finden.

Wen hab ich nun noch in der Siedlung? Da Gisbert mir fehlt. Er, mit dem zarten, zerschlagenen, blutleeren Leib, der Wärmste, der Innigste von Euch allen. Und darum auch allen unentbehrlich, da er zwischen allen die seelischen Fäden wob. Allein steh ich jetzt. Er war es, der mich verband mit den Schwärmern, den blinden Heißspornen, den kühlen Rechnern, den Gleichmütigen, den Matten und Trägen. In ihm fanden sie sich alle, denn alle hatten ihn lieb. Ist mit ihm nicht das Licht der Siedlung erloschen? Ein blasses Licht, ja – aber vielleicht, daß gerade die unirdische Blässe die Herzensandacht schuf!

Gewiß, es war allzuwenig von dem landläufig Gesunden in Dir, gar nichts Lebensstarkes und Robustes. Ein Kind noch warst Du, als Du ins Feld zogst. Die Pubertätsjahre verschlang der Krieg, nun kam, krankhaft verspätet, verfeinert und gesteigert die ganze Empfindsamkeit der Jünglingschaft über Dich – und zerbrach an Weibesliebe. So fein und edel zart, wie es nur deutscher Jugend, die deutsches Leid versehrt, geschehen kann.

Und jetzt steh ich allein. Die Kameradschaft durchlöchert und im Verfall. Argwohn – Übelwollen. Jetzt, wo alles sich ergeben sein müßte auf Leben und Tod! Und die Jungen haben sie mir verwehrt! Neue Ketten schmieden sie. Die Luft im Bagno – wie soll ich sie länger atmen! Und wär nicht die ganze deutsche Luft verpestet – verpestet von Verrat! Rein muß ich 283 atmen können! Ich ersticke hier, ich verderbe in dem Dunst – ich will nicht verderben!

Und wieder suchen seine Blicke die Landzunge. Da steht sie noch immer die weiße Gestalt und schaut auf die See. Jetzt haben die Augen das sichere Bild. Kein Trug – Ingeborg ist es. Zu ihr will ich! In ihrem Schein gesund mich atmen.

Er wandert mit eiligen, mit festlichen Schritten. Sein Leuchtfeuer zieht ihn, ruft ihn, grüßt ihn. Er steigt die Dünen hinan, klimmt dann den Abhang empor.

Da oben steht sie. Und sie sieht ihm entgegen, als habe sie ihn erwartet. Sie streckt ihm die Hand zu. Die Freude ihres Blickes trübt sich, da sie von seinen Zügen das Unheil abliest. Und er sagt ihr, was geschehen ist. Dann, da er seinen Trost findet in dem treuen Druck ihrer Finger, in dem feuchten Glanz ihrer Augen, schüttet er sein Herz ihr aus.

Immer mehr löst sich von mir, eins nach dem andern fällt von mir ab, vereinsamt bin ich in meinem Heimatland, kraftlos – was bin ich ihm nutz? Kann ich so dem Vaterlande dienen?

Und immer klarer spricht er so zu sich selbst. Ich brauche meine Kraft! Wo kann ich sie wiederfinden – wo als in der nordischen Gastfreundschaft! Da werd ich gesund und stark, von da werd ich zurückkehren mit ungetrübtem Wikingermut. Frei von allem, was mich hier lähmt – selbst frei und ein Befreier!

Sie sitzen beieinander, Ingeborg und Horst. Die helle Zaubernacht ist um sie. Er birgt sich in den Glanz ihrer Flechten, wie in einen Goldpanzer hüllt er sich, allem Trüben, allem Düstern, allem Üblen und Niedern eine Wehr. Er nimmt ihre Hand. »Wenn Sie wollen, höre ich nun doch noch in diesem Sommer das Summen unter Ihren Linden.« Da sind ihre Augen voll Seligkeit. 284

 

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