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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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Freunde in der Not

In Freundschaft aber löste dieser Abend allen Unmut und Unwillen.

Eine Flut von Licht empfing ihn, in dem einfachen hellen Landhaus mit seinen strahlenden Birkenmöbeln. 258 Alle Lampen brannten, auch die in den unbenutzten Räumen. Das liebte Herr Thorild so. Wieder bei Horst so etwas wie Zorn: nun ja, sie haben es und können es, denn sie haben die Valuta.

Aber auch in diesen Menschen brannte alles Licht ihrer Herzlichkeit. Und sein Mißtrauen, das dagegen aufflackerte, als ob hier zuviel Güte und Mitleid wäre, war bald im Erlöschen.

Wie gut sprachen sie von Deutschland, wie gut verstanden sie deutsche Art, das deutsche Leid, die deutsche Schuld, das bresthafte deutsche Dasein.

Mehr als einmal schüttelte Oberst Thorild schwer den Kopf. »Daß Ihr aus der Parteizerrissenheit nicht herauskommt, nicht aus Eurer Selbstzerfleischung! Die Fremden peitschen Euch in Wut – und Ihr geht Euch selber an die Gurgel. Nicht leicht ist es, Euch zu begreifen. Kein Land hat soviel Herz und Hirn – kein Land, dank seiner Parteipolitik, so viel herzlose Rechner und hirnwütige Verbrecher.«

Horst nickte dazu mit düsteren Augen.

»Euer großer Physiker hat mit dem von ihm gefundenen Gesetz das deutsche Wesen auf die rechte Formel gebracht: innere Wärme entlädt sich in äußere Bewegung. Vielleicht ist es Euer Fluch, daß Ihr zu viel innere Wärme habt, daß die sich in zu viel äußere Bewegung umsetzt, die Euch so heillos in Fetzen zerreißt. Das Stillhalten freilich ist nie unsere, der Germanen Sache gewesen. Im Draufgehen waren wir groß und im Dulden klein – schon Tacitus hat es uns bezeugt.«

In diesem »uns« war ein Bekenntnis.

Und dann schloß er diese Gedankenreihe: »Im Ertragen von Leiden sind Euch die Serben, die Franzosen und andere Völkerschaften nun schon überlegen. Die Franzosen zumal, das femininste aller Mischvölker, das in den Wehen sich schon eher zu Hause fühlt. So 259 feminin sind Eure lieben Nachbarn, daß sie es nicht einmal fertiggebracht haben, für ›Mann‹ ein Wort zu besitzen. Wo sie es nicht gut entbehren können, begnügen sie sich stolz wie immer mit dem nichtssagenden, bedeutungslosen ›Mensch‹!«

So sprach Ivar Thorild, der Schwede. Und der Deutsche Horst Oldefeld fühlte sich nicht veranlaßt, ihm zu widersprechen. So wenig, wie das alte Lied von Hysterie und weibischer Grausamkeit nun noch besonders anzustimmen.

»Daß Ihr jetzt, in der furchtbarsten Not, nicht zur Einigkeit gelangen könnt!« hob der schwedische Oberst wieder an. »Wir sind auch hier mitten in einer Schuldfrage. Denn es gibt auch eine Schuld nach dem Kriege. Und bürdet sie nicht dem Feindesbund auf, der Euch vergewaltigt! Hättet Ihr den Bund im eigenen Land, brauchtet Ihr Euch nicht knechten zu lassen. All die Schändungen und Verbrechen – »Sanktionen« heißt der erhabene Name dafür – ich sage nur Rheinland, Saargebiet, Oberschlesien – die große heilige Zornwelle eines gewaltig sich erhebenden einigen Volkes hätte diesen Frevel hinweggespült! Aber, Ihr habt was Besseres zu tun, Ihr müßt Euch untereinander begeifern, abwürgen und zu Boden schlagen.«

Wahrheit, alte, immer neue, nicht oft genug zu predigende Wahrheit!

»Und jetzt die andere, die viel berufene Schuldfrage. Die bekannte große Schuldlüge. Hier beschränke ich mich nun nicht auf völkerpsychologische Glossen. Hier kann ich mit freundschaftlich praktischer Arbeit aufwarten. Ich bin nicht ganz unbeteiligt an der neutralen unparteiischen Kommission zur Untersuchung der Kriegsursachen. Sie hat demnächst an Herrn Poincaree einige Fragen zu richten, auf deren Beantwortung oder – Nichtbeantwortung wir gespannt sind. Daß die deutsche Regierung nicht blankzieht, daß sie immer nur den 260 Fälschern im eigenen Lager das Wort läßt, das ist wieder etwas, was wir nun und nimmer begreifen! Vielleicht ist dies das Unbegreiflichste von allem! Herrgott« – und nun spricht der ehrliche Zorn des Blutsverwandten, den gemeinsame Sache bewegt – »wollt Ihr denn das gemeinste und verlogenste Unrecht von der Welt stillschweigend dulden! Die Ihr überhaupt nicht zum Dulden erschaffen seid. Nicht dulden könnt! Und nicht dulden werdet! Unrecht am letzten! So bodenlos verlogenes Unrecht am letzten!«

In diesen Worten brauste ein Kampf- und Kriegsruf. Horst stimmte ein mit schmerzlich, freudig zuckendem Herzen. Von außen muß uns solches verkündet werden. Nicht bloß Feinde hat Deutschland auf Erden! Und noch mehr Freunde würden wir haben, wenn wir selbst noch mehr unsere Freunde wären, unsere starken, gläubigen, wagemutigen Freunde!

Und weiter Herr Thorild: »Was laufen auf unserem Planeten für Geister zweibeinig herum! Daß sie die hirnverbrannteste aller Faseleien sich aufbinden lassen! Deutschland hat den Krieg vorbereitet. Nicht die anderen Großmächte der Erde haben Deutschland eingekreist, nein, Deutschland hat die Welt eingekreist – Deutschland hat eingekreist! Ist es nicht zum Radschlagen! Aber grandios einfach die Genialität der politischen Scharlatane, die mit diesem beispiellosen schlechthin blödsinnigen Schwindel Geschichte – und ihre Geschäfte machen. Derselbe unsägliche Schwindel, mit dem die edlen Franzosen jetzt nach dem Kriege vor sich und der Welt als die Sieger, als die Sieger schlechthin paradieren. Dieselbe Nation, die Ihr in ehrlichem Kampfe Volk gegen Volk derartig zusammengedroschen hättet, daß nichts von ihr übriggeblieben wäre – nachdem sie in diesem schmachvollen Würgekrieg mit all den andern Mächten als Spießgesellen Euch durch das Massengewicht naturnotwendig erdrückt hat, o Glorie ohne 261 Ende! – diese Nation entblödet sich nicht, als die Siegerin sich in die Brust zu werfen! Da die andern soviel Schamgefühl besitzen, dieses Sieges sich nicht eben zu rühmen, darf sie allein das Maul vollnehmen von victoire und gloire! Daß selbst ihre Verbündeten für solche – Bescheidenheit nur noch ein Lächeln haben.«

Auf all die schmerzlichen Erschütterungen, die durch Horst hinbebten, legte Ingeborg warm den vollen Glanz ihrer jungen lebensinnigen Augen. Welche Heilkraft strömte von diesem blonden, leuchtenden Mädchentum aus. Wie Genesung fühlte Horst es durch die wunden Nerven, durch die kranke Seele rinnen. Was sagt Kunz, der Lebenskundige? Gesundheit steckt an. Wann war Horst das Blut in so vollen, reichen, kräftigen, frisch brausenden Wogen durch die Adern geflutet!

Die Männer sprachen dann über ihre kriegsgeschichtlichen Forschungen. »Mein Material häuft sich bergehoch,« klagte Herr Thorild, »und ich werde mit meiner Arbeit nicht fertig. Einen Kompagnon brauche ich. Ich komme nicht einmal dazu, meine Bücherei zu ordnen –«

Hier rutschte Ingeborg auf ihrem Stuhl und machte ein längliches, wundervoll schelmisch gescholtenes Gesicht.

»Denn mehr als je hat mich, sobald es Frühling wurde, mein Famulus im Stich gelassen.«

»Vater – nach dem langen Winter!«

»Dem Winter – mit seinen Eissegelfahrten und seinem Schlittschuhlaufen!« lächelnd nahm der Vater ihr Kinn.

Horst sah sie in der farbenjauchzenden dalekarnischen Landestracht mit fliegenden Zöpfen über das Eis ihre Bogen schlagen! Welch ein Bild.

Er selbst war ein leidenschaftlicher und kunstvoller Eisläufer. Wieviel blanke blitzende Kindheits- und 262 Jugenderinnerungen zuckten durch ihn hin. Wie fröhlich jung er wieder war! Was hatte er diesen beiden Menschen zu danken!

Und jetzt schlug der Oberst schlankweg auf den Tisch. »Wie wär es, Herr Oldefeld, wenn Sie hier einmal Atem holten. Wenn Sie sich einmal unser Land ansähen, Ihrer Urväter Heimat. Und mein kleines Landgut, mein Haus, meine Bücherei. Sie sollen auch kein müßiger Zuschauer sein. Ja, als Lehrmeister brauche ich Sie! Ich sagte Ihnen, daß wir auch siedeln wollen. Die Gedanken, die Sie mir entwickelt haben, und an denen Sie hier arbeiten – vorzüglich! Ich brauche Sie, Herr Oldefeld! Und wäre Ihnen herzlich dankbar für Ihre Hilfe. Und Sie würden vielleicht neue Kraft sammeln für Ihren schweren Dienst – an ihrem Lande.«

Jetzt fiel auch Ingeborg ein, und wie klang ihrer Worte Melodie! »Sie fahren mit uns, nicht wahr? Sie kommen in unsere schönste Zeit. Das Summen unter unseren Sommerlinden sollen Sie erleben. Lindheim heißt unser Gut. Nirgendwo auf der Welt gibt es solche Linden. Nur noch in der Heldensage findet man ihresgleichen.«

Horst konnte nur leise, mit hochatmender Brust den Kopf schütteln zu so herzbetörender Lockung. »Es soll ja noch heute nicht sein«, sagte er tonlos, gehalten zwischen Wehmut und Sehnsucht, sich selbst zu leisem Trost.

»In vierzehn Tagen bin ich hier fertig«, erklärte der Oberst.

»Nun inzwischen werden wir uns ja hoffentlich noch öfter sehen!« Horst bat die beiden, doch einmal die Siedlung zu besuchen. Ob Sie nicht am Sonntag kommen möchten? Dann wären auch seine jungen Freunde aus der Stadt da. Kriegsspiele würde es 263 geben. Die Schlacht bei Großgörschen wäre an der Reihe.

»Ei der Tausend! Da kommen wir natürlich mit doppelter Freude.« –

Am Sonntag, da die Schüler nach Hohenmoor hinauszogen, trug nicht die alte Freude ihre Schritte. Ihre Mienen und ihre Lieder waren voll Trotz.

Dr. Georg Stumps ehrliche Bulldoggenaugen waren blutunterlaufen, so hatte er sich gebost. Auf den Stachelspitzen seiner Haare tanzten Elmsfeuer. Das Provinzialschulkollegium hatte eine Verfügung erlassen und dem gesinnungstüchtigen Direx des Gymnasiums die entschlossene Direktive gegeben. Alle militärischen oder »den militärischen ähnlichen« Übungen der Schüler waren streng verboten. Aber immerhin, Singen und Turnen durften sie noch – wie lange freilich, das weiß kein Mensch! Und so mußte es draußen, am Fuße der Goldberge, vorläufig bei Turnspielen bleiben.

Auch Horst ballt zu dem Ukas die Fäuste. Welch eine Beschämung vor den schwedischen Gästen! In diesem Sklavenland – wie soll man das Leben weiter und auf die Dauer ertragen!

Mit einigen der Jungen, die technische Neigungen haben, ist Dankwart angefreundet. Sie besuchen ihn in seiner Werkstatt. Über neue Flugzeugprobleme belehrt er sie, zukunftsgläubig vor diesen jungen Augen. Für die nächste Zeit schon verheißt er ihnen den Probeflug seines neuen kleinen Modells.

Ingeborg kommt, zunächst ohne den Vater, der noch dem Moordorfer Pfarrarchiv einen Besuch zu machen hat. Wie erfrischend diese nordische Ungezwungenheit und Unbefangenheit, mit der sie unter all die Männer tritt.

Kunz, der Wächter von Horstens Seele, gibt sich überwunden und gefangen. Dankwart verschanzt sich, angstvoller noch und mißtrauischer als vor Frau Tilde 264 hinter dem Eisenwerk seiner Konstruktionen – welch eine Huldigung für die Frau! Und auch in Gisberts weltflüchtigen Augen lehnt sich etwas an die warme, licht- und farbenprächtige Erdennähe.

Sie tritt Horst zur Seite, als gehöre sie zu ihm. Gleich fühlt sie, daß eine neue Wunde ihn brennt. »Was ist?« fragt sie leise und vertraut.

Er schüttelt leicht den Kopf. »Die Erniedrigungen nehmen kein Ende.«

Und schon tritt ein Gendarm auf den Plan, Bitterkeit in dem hellen Auge, Schwermut in dem hängenden Schnauzbart. Sein Auftrag kommt ihm selbst hart genug an. Sein eigener Schmerz ist mehr als all die subalterne Wichtigkeit.

Er macht vor Horst militärische Ehrenbezeugung. Befehl der Regierung. Soll Herrn Hauptmann Oldefeld darauf hinweisen, daß die militärischen Übungen mit den Gymnasiasten der Kreisstadt unliebsames Aufsehen erregt haben und nicht zulässig seien. Soll darüber wachen, daß der heutige Sonntag nicht wieder zu solchen »unerlaubten Veranstaltungen« benutzt werde.

Jetzt also unter Polizeiaufsicht. Auf wessen Geheiß? Horst hat eine Ahnung. »Wollen und können Sie mir sagen, wem wir hier ›unliebsam‹ geworden sind?«

Der Beamte besinnt sich eine Weile. Dann spricht er offen, ein Gleichgesinnter, und seine Brauen ziehen sich zusammen. »Die Ententekommission hat sich an die Regierung gewandt.« Jetzt stockt er, und mühselig kommt es über die zusammengezogenen Lippen. »Bei den Feinden ist von unserer eigenen Bevölkerung hier Anzeige eingelaufen.«

Die Männer sehen sich an, schmerzlich bohren sich ihre Augen ineinander. Sie schweigen tief und lange. Dann sagt Horst gehalten: »Ihr Dienst ist wahrhaftig nicht leicht. Ich will ihn Ihnen ganz gewiß nicht erschweren. Es wird hier heute nichts Verbotenes 265 geschehen. Darf ich Sie bitten, in der Baracke unser Gast zu sein.«

Nun, da er mit Ingeborg allein ist, rüttelt der ganze Schmerz an ihm. Dazu die tiefe Demütigung, daß sie, die Ausländerin, von diesem unsäglichen deutschen Schandwerk hören mußte! Daß Deutsche bei den Landesfeinden Deutsche denunzieren! Der Denunziant – an sich schon der größte Schuft im ganzen Land! Aber auf die eigenen Volksgenossen die Fronvögte hetzen! Die eigenen Brüder den Folterknechten ans Messer liefern!

Und gerade in dieser Stunde wird sie ihm erst recht wie ein Freund, und in der Vertraulichkeit kommen ihm die schmerzensreichsten aller Worte: »O Deutschland! Deutschland!«

Sie sieht, wie er leidet, sie greift mit der Hand nach seinem Arm. »Ich kann Ihnen nicht sagen, wie nah mir das alles geht.«

»Ja – manchmal ist es einem wirklich, als müßte man den Verstand verlieren!«

Die Verzweiflung gräbt sich in seine zerspannten Züge, die Augen starren leer und verlassen. Sie aber, von ihrem Mitgefühl durchflutet und hilfreich beseelt, gewinnt ihn lieber und lieber. Und zärtlicher neigt sie sich zu ihm hin.

Da gibt es ein Blühen in seinem Blut und ein Frohlocken in seinem Herzen. Warum reiß ich sie nicht an mich, dieses liebreizendste aller Geschöpfe – als meinen Halt, meine Rettung, meine Genesung, meine Kraft, meine Seligkeit!

Er fühlt es: wenn ich Dich nehme, gehörst Du mir! Und Du willst, daß ich Dich nehmen soll.

Aber dann klingt in ihm der Ruf aus der dunklen Tiefe – Deutschland, o Deutschland! Und wie gegen 266 eine Verführerin wendet er sich gegen das junge, das herrliche Weib, die Fremde, mit der lockenden Ferne, die ihn heimatlos, die ihn untreu machen will.

Ein weher Schreck durchfährt ihre Hand, von der er sich löst, und es klagt auf in ihren Blicken. Da gibt er ihr ein liebes Wort. »Ich denke so viel an den Platz unter Ihren Linden.«

»Er wartet auf Sie. Und nicht wahr – Sie lassen ihn nicht warten!«

Der Vater tauchte in der Ferne auf. Die Jungen hatten sich inzwischen zum Abmarsch aufgestellt. Sie wollten sich an einer langen Strandwanderung, so gut es ging, schadlos halten.

Sie haben die Jungen mir und mich den Jungen verboten. Aber den Geist bütteln sie doch nicht tot! Er raffte sich hoch, aber mühsam trug er den Kopf auf gesteiftem Nacken.

Über die Goldberge zogen die Jungen. Sie sangen, dann auf der Höhe verstummte das Marschlied. Dem Klang aus dem Grunde lauschten sie. Wohl hatten sie ihn vernommen, denn machtvoller, sieghafter, zuversichtlicher und stolzer rauschte jetzt ihr Gesang, da sie den jenseitigen Hang zur See hinunterschritten.

Wir sind die Jungen – die Herzen fliegen!
Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!
Unter die Füße den tückischen Haß,
seine Ketten zerspringen wie Glas.
Unser Gebet, unser Feldgeschrei:
Frei sollst du sein!
      Wir machen dich frei!

Ihr werdet den Zauber lösen, der in den Bergen schläft. Ihr werdet Deutschlands Freiheit wiedersehen! Ob wir noch, die wir heute Männer sind? Es ist so 267 schwer, so bitter schwer von dem Gedanken sich zu scheiden!

Ihr aber werdet sie nicht mehr sehen, ihr Grauen und Müden! Was ist das für eine kleine mühselige Schar von Alten, Gebückten und Beladenen, die da im Staub des Heidewegs zu den heiligen Höhen herangepilgert kommen? Öfter schon haben einzelne Wallfahrer hier gekniet und gebetet, das Wunder wach zu flehen, das hier unter den Hügeln ruht. Das Wunder der Erlösung des armseligen deutschen Volkes. Heute finden sich wohl ein Dutzend der Gläubigen ein. Männlein und Weiblein, alle so elend verwittert, alle so gramvoll sehnsüchtig. Hilf uns doch, Du Retter, Du Ritter, Du Schlafender! So bitter nötig haben wir Dein Erwachen!

Zum Liebhaben sie alle. Aber man darf sie nicht stören. Still müssen sie mit mummelndem Munde ihre Formeln sprechen. Horst wendet sich ab und zwingt an seinen Tränen. Deutschland – mein Deutschland –!

Und jetzt war auch Herr Thorild bei Ingeborg und Horst. Der mußte sich begnügen, den Gästen und Freunden die Siedlung zu zeigen. Er verschwieg nicht die schwere wirtschaftliche Not, gegen die sie rangen. Aber sie wollten und mußten durch! Und hier setzten seine willenshellen Augen wieder die alten Lichter auf.

Eine Fülle von Anregungen gewann der Oberst aus seinen Eindrücken. Und alles klang wieder aus in dem Wunsch und der Bitte: Sie müssen zu uns kommen!

Wie eine Rührung wogte es durch Horst. Was haben diese Menschen an Dir? Und wieder der Gedanke: So sind wir Deutschen doch nicht schlechthin im Ausland die Verachteten, die Verfehmten. Nur unsere Würde sollen wir wahren. Und Treue ist Würde! Treue auch zum Unglück! Ja, sein Unglück lieben – nur so wird man seiner Herr! 268

In solchem Selbstgefühl durfte er den Freunden frei die Hand reichen. Ich empfange nicht bloß, ich gebe so gut wie Ihr.

Aber die Schatten blieben. Und schwerer und dunkler zogen sie. Es kam für die Siedlung ein schwarzer Tag.

 

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