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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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Der Herr von Moorhof und die Siedler

Sie waren zum Teil Regimentskameraden vom Kriege her, alle aber hatten sie dann einem Freikorps angehört, das gegen die spartakistischen Umtriebe sich einsetzte.

Gerade dieser Küstenstrich hatte schwere Erschütterungen gesehen. Mehr noch als anderswo hatten sich hier Verbrecherhorden mit den Schwarmgeistern gemischt. Auf den Gütern vornehmlich gab es Raub, Brand und Mord.

Da wurde ein Kommando hierhergelegt, Horst Oldefeld der Führer, Dankwart Hamerslag als Offizier ihm zur Seite, Gisbert und Kunz standen als Gemeine mit im Glied. Es waren dreißig Mann. Ihr Hauptquartier hatten sie in Moorhof, dessen Herr, Baron von Borkhus war es, der ihnen dann das Hauptgelände für die Siedelung zuwies.

Das war ein alter Recke und Haudegen, der geborene Häuptling – hätten die Raubgesellen ihn nicht angeschossen bei ihrem Überfall, er würde ganz allein mit seinen Leuten die Landschaft von dem Gesindel reingefegt haben.

So war das geschehen, das mit dem Überfall, dem schwere Tat entsprang.

Zwei Autos rattern auf den Hof, bespickt mit Matrosen und Abenteurern in Marineuniform. Vorne flattert die rote Fahne. Sie springen aus dem Wagen, an die fünfzehn Mann, schwingen ihre Handgranaten, besetzen die Türen von Haus und Stallungen.

Der Führer ein junger, schlanker Mensch mit geistigem Gesicht, schwarzen, kaltfanatischen Augen und schmalem höhnischen Mund. Er und zwei Begleiter, die Pistole in der Hand, die Granaten im Gürtel, begeben sich ins Herrenhaus. 13

Die Mädchen halten sich versteckt, der alte Diener erscheint zaghaft im Treppenhaus.

»Wollen den Besitzer sprechen.«

»Wen darf ich melden?«

Die drei lachen. »Der sogenannte Besitzer hat sich bei uns zu melden. Aber plötzlich. Warten tun wir nicht lange.« Der Führer klopft mit dem Pistolengriff auf den Tisch.

Schon kommt Baron von Borkhus die Treppe herunter, mit schwerem wuchtigen Schritt, der gewaltige Mann. Er geht mühsam, sein rechtes Bein ist von Ischias gekrümmt, die er in den Karpathen sich geholt hat. Er knöpft sich den Uniformrock zu. Mit Bedacht hat er sich den angelegt, als er von seinem Zimmer aus diesen Besuch erblickt.

Seine mächtigen Augen über den Tränensäcken sehen mit einer unheimlich großen Gelassenheit auf die Gäste.

Der Führer geht ihm entgegen, die beiden anderen sind im Anschlag.

»Sie wünschen?« fragt der Herr.

Der Sprecher redet etwas von einem fantastischen Furagekommando, dann tritt er nahe an den Baron hinan, der unbewaffnet und ungefährlich vor ihm steht.

»Sie erlauben wohl! Wir sind hier doch nicht aufm Maskenball!« Und die frechen Finger greifen nach den Achselstücken.

»Hund!« brüllt es ihm entgegen wie ein Orkan, in den glotzenden Augen ist Wut und Blut, die mächtigen Pranken schlagen sich um die Kehle des Angreifers und würgen ihn – würgen ihn –

Die anderen – erst wie betäubt – wollen zuspringen – wollen wieder die Waffen nicht aus den Händen geben – trauen sich nicht zu schießen, weil der Gefährte da in den Händen des Berserkers hin und her baumelt – inzwischen sind durch die Hintertür bewaffnete Gutsleute vom Inspektor hereingeführt – Hände hoch! 14 schreien sie von beiden Seiten – dann wird geschossen – die zwei Matrosen stürzen hinaus – der Baron ist zusammengezuckt – aber seine Hände wie verkrampft in dem einen Willen und gezwungen, sie lassen nicht los und würgen – würgen –

Draußen haben die beiden Wirtschaftseleven mit ein paar mutigen Leuten die eingedrungenen unter Feuer genommen.

Zwei, drei werden getroffen – nun gibt es kein Halten mehr – sie stürzen in die Wagen – kurbeln an – lassen Führer Führer sein – und rasen davon.

Wie der Inspektor zurückkommt ins Gutshaus, kauert der Herr in einem Stuhl des Vestibüls. Um ihn wogt das Grauen.

Auf dem Teppich liegt die Leiche des erwürgten Führers – wie sie hingesunken ist.

»Sie sind fort«, berichtet der Inspektor kurz. Er ist ein langer, sehniger Mann mit harten Zügen und kalten Augen. Die blicken nicht leidig zurück.

Jetzt sieht er Blut über den rechten Stiefel des Herrn sickern. Er steigt über die Leiche, die ihm ein Hindernis ist und weiter nichts.

»Herr Baron, Sie sind verwundet.«

»Bin ich?« und als sei dieses unwesentlich, rührt er sich nicht, starrt und versinkt in die Worte: »erwürgt hab' ich ihn.«

Nun ja – ein Toter – es ist Aufruhr, es ist Krieg. Empfindeleien kennt der Inspektor nicht. Er bleibt bei der Sache. Beordert ein Fuhrwerk in die Stadt, den Arzt zu holen – führt den Herrn in das nächste Zimmer – entkleidet ihn – verbindet die Wunde.

»Grad in das infame Bein«, stöhnt jetzt der Baron. »Nun es geht in einem hin.« Aber er bleibt nicht lange bei sich selber und starrt dann wieder.

Drei Tage später kam Horst mit seinem Trupp. 15

Der Arzt hatte den Baron ins Bett gesteckt. Die Wunde, an sich nicht schlimm, verlangte Schonung. Horst saß an seinem Lager.

Sie sprachen vom Krieg. Aus der unsäglichen Schmach dieser Zeit flüchteten sie in die blanken Tage der Ehren.

Der Baron hatte als Major an der Somme gefochten, durch alle Grauen war er gewatet, durch die Schlammbäche in ihrer Hochflut von Blut, die mit Tornistern und Kochgeschirr Leichenfetzen und zerrissene Glieder mischte.

Welch ein Gefühl der Weihe hatte sie doch getragen, daß all dies Entsetzen sie nicht mit Wahnsinn schlug!

Und zwischendurch hielt er inne und sprach schwer: »Haben Sie schon mal einen Menschen erwürgt – erwürgt mit eigenen Händen?«

»Nein, Herr Major –«

»Einen Deutschen! Ein Deutscher einen Deutschen! Eine Zeit apokalyptischer Greuel!«

Dann steuerten sie hart und schnell einen anderen Kurs. Zwangen sich zur Nüchternheit. Sprachen von wirtschaftlichen Dingen.

Was wird aus all den entlassenen Offizieren und Unteroffizieren, aus all den Kämpfern, die der Krieg erwerbslos gemacht hat?

Land wird gebraucht. Ein eigenes Stück Erde – ist das nicht der Inbegriff des sozialen Heils, weil hier ein seelisches Gut eingeschlossen ist?

Siedlungsland müssen die großen Güter hergeben. »Ich will der erste sein und ein Beispiel«, sagte Herr von Borkhus.

Er hatte gesehen, welch leuchtende Augen der Gedanke an das eigene Land in Horst Oldefeld entzündete, dem armen, verwehten Offizier, ohne Heimstätte, ohne Familie. 16

Er hatte ihn liebgewonnen in den wenigen Stunden. »Wenn Sie wollen, sollen Sie sich hier anbauen.«

Und im Laufe der Tage wurde schnell das Nötigste abgemacht. Baron Borkhus gab freudig. Einen kräftigen Zipfel schnitt er ab von seinem Besitztum – Kulturland und Heide zum Urbarmachen, ein Kieferngehölz und ein großes Stück Moor.

»Die Ziegelei von der Stadt müssen wir dazu haben, dann können Sie selber bauen. Herrgott – und wenn der Tangentiener noch die kleine Ecke hergeben wollte, dann hätten Sie ein rundes Reich für sich!«

Horst war in Geschmack gekommen. »Meinen Sie, daß ich einmal mit Herrn von Tangentien rede?«

»Mit Klaus Tangentien?« Der Baron lächelte. »Soll ich Ihnen sagen, wie der ist? Ich stehe mit ihm auf meinem Acker, nicht weit von unserer Feldscheide. Da muß er Wasser lassen. Was tut er? Läuft er nicht nach seinem Feld hinüber und besorgt es da? Daß seinem Boden nicht das Ammoniak verloren gehe? So ist Klaus Tangentien. Und nun reden Sie mit ihm.«

Horst dankte. Aber Herr von Borkhus ließ es sich angelegen sein, für die wirtschaftliche Sicherstellung das Nötige zu besorgen.

Die Siedler selbst brachten ein Grundkapital zusammen. Am meisten hatte Gisbert in die Suppe zu brocken, den sie den reichen Jüngling nannten, und er gab mit vollen Händen. Auch Dankwart steuerte tüchtig bei. Weniger hatte Kunz zu geben, am wenigsten Horst, der so gut wie mittellos war. Von den anderen Kameraden beteiligte sich dieser oder jener mit kleinen Beträgen.

Aber diese ganze Summe hätte nur für den Anfang gereicht. Borkhus brachte einen größeren Fonds zusammen. Er selbst lieh her, soviel er vermochte. Sobald er wieder auf den Wagen konnte, machte er sich auf die Walze. Bei Parteifreunden und Nachbarn 17 warb er mit einigem Erfolg – Landschaft und Regierung versagten. Immerhin, in ein paar Wochen stand das Unternehmen auf leidlich festen Füßen.

Und er hatte sich selbst einigermaßen wiedergefunden in solchem Liebeswerk. Die Freude, die er machte, leuchtete ihm heraus aus dem Dunst, mit dem diese Tage ihn ersticken wollten.

Was bevorstand, trat ein: das Freikorps wurde aufgelöst. Horst und die drei Offiziere blieben. Dazu neunzehn von den Leuten, die ernsthaftesten und besten, alte Unteroffiziere in der Mehrzahl.

Horst war der geborene Führer. Er trug etwas von dem Glanz des Unzerstörbaren, Unverlierbaren in sich. Er hatte die klare, reine Linie und hielt sie um so fester, als er um sie kämpfen mußte.

Denn er war von Haus aus eigentlich ein Träumer gewesen und hatte viel bunte Märchen gelebt – daher kam sein Lachen und seine Güte. Aber im Grunde seiner Art saß wieder eine starke Sehnsucht nach Verantwortung, eine Inbrunst für das Ziel, eine leidenschaftliche Liebe zur harten Tat. Und daher stammte sein Ernst.

Dann die Offenheit seines Auges, die Unbefangenheit seines Wesens, das von verstecken nichts wußte und auch bei den anderen mit unbekümmertem Griff aus den Höhlen und der Heimlichkeit herausholte, was das grelle Tageslicht mied. Wenigen wie ihm taten sich so die Herzen auf. Darum kannte er auch die Herzen, ihre Kraft, ihre Hoheit wie ihre Tücken und Nücken. Und eben seines Wesens aufspürende Innigkeit feite ihn gegen Groll und Gift. Er hatte nun einmal von den großen Eigenschaften, gegen die es keine Rettung für kleinere Geister gibt – nur die Liebe.

Machte das Hartsinnige, die starre Unbedingtheit den Führer aus, wäre Dankwart Hamerslag dafür der geeignetste gewesen. Ihm hatte das Feste, Spröde, 18 Brüchige seiner Art ein grausames Geschick noch härter geschmiedet. Als frischer Ehemann war er ins Feld gezogen. Wie er auf Urlaub nach Hause kam, hatte seine Frau, die er vergötterte, die kindlich junge, schwärmende, haltlose aus der Ehe sich beurlaubt. Davon trug sein Leben die Wunde, die nicht verharschen konnte, und die sein Blut mit Bitternis durchschwärte.

Er war der Techniker des Kreises, nicht genial und von großen Ideen, dazu fehlte es ihm an Herz und an Feueratem, aber von beispiellosem Scharfsinn und reicher Erfindungsgabe.

Und auch in dieser Seele brannte ein Altar. Das war die Liebe zu seinem heimatlichen Westfalen. Stunden des Heimwehs hatte er, daß die Augen ihm übergingen. Dann wetterte er gegen sich selbst. Er, sentimental, er, den sie die Maschine nannten! Doch dies Gefühl ertrank erst wieder in dem großen Schmerz um die große deutsche Heimat.

Das Westfalenland, das Sachsentum, es schlang ein zärtliches Band um die ungleichsten der Brüder, um ihn und Kunz Rutenberg.

Er, der Mathematiker von Geblüt, und Kunz der geschworenste aller Zahlenfeinde, der einmal erklärte: »Es muß ein Leben nach dem Tode geben! Ich muß mir – muß mir den Mann bei Licht besehen können, der die Logarithmentafeln gebaut hat!«

Kunz mit den frischen Backen, mit den »munteren roten Blutkörperchen«, trotz dem Elend, das auch an ihm fraß, nicht weniger als an den Kameraden. Er war ganz gewiß nicht der leichte Obenauf. Genug des schweren niedersächsischen Sinnes war seinem jungen Frohmut beigemischt. Und wenn die anderen sich mehr an ihm freuen und über ihn lachen wollten, als er hergeben konnte, durfte er ernstlich sagen: »Kinder – wenn ich auch der Clown bin in eurem Zirkus, Komiker sind keine lustigen Menschen!« 19

Das ist ja wahr, der Versunkenheit und dem Kultus mystischer Weltflucht, dem sein Stubengenosse Gisbert oft genug erlag, setzte er leicht eine unbarmherzige Fröhlichkeit entgegen. Nicht mit böser Absicht – dann hätte in Gisbert irgendeine wenn auch noch so unbewußte Komödie am Werke sein müssen. Und dessen Sauberkeit ahnte nun ganz und gar nichts von Pose. Es geschah aus einer unwillkürlichen aber um so lebhafteren Reaktion, die Kunz selber schmerzte. Namentlich dann, wenn sein Übermut eine Ironie hineinpfefferte.

Gisbert, gewiß der zarteste von ihnen allen, hatte im Kriege das Schwerste durchgemacht. Vier Tage und drei Nächte lang war er verschüttet gewesen, alles um ihn war nach und nach verröchelt. Als der einzig Lebende kam er ans Tageslicht. Die Retter betteten einen Verklärten, in Visionen Schauernden. Als sie ihn wegtrugen, hob er den fast schon Seele gewordenen Leib, streckte die fliegenden unkörperlichen Hände inbrünstig zurück – und hauchte: »Nicht fort – ich muß – ich muß – wieder hinein – dort hab ich Gott geschaut – –«

Es stimmte schon, was Horst Oldefeld einmal sagte: »Wir alle haben Wunden, Gisbert aber hat Wundenmale.«

Unter den neunzehn Männern, die mit den vier von ihnen selbst gewählten Führern an dem langen Brettertisch beim Morgenkaffee saßen, fiel einer besonders auf. Nicht weil er der größte und längste war, sondern weil er was großes in den Augen hatte. Es war in ihnen die helle Zuversicht der kindlich reinen Gottesgläubigkeit entzündet.

Er hatte die ganze niederdeutsche treuherzige Unbeholfenheit in den schlaksigen Gliedern, über dem kantigen, noch ganz jungen Gesicht, leuchtete grauweiß sein Haar, das eine Sappenexplosion im Schützengraben entfärbt hatte. Der tüchtigste Arbeiter wie er der 20 bravste Soldat gewesen war. In den Mußestunden hielt er sich viel allein, las, nein, forschte in der Bibel, schrieb nach Hause an seine Mutter, seine Braut. Gustav Elbenfried war Zimmermann seines Zeichens, sie nannten ihn mit neckendem Respekt den heiligen Josef.

Das Wort führte von der einen Ecke aus der ranke, schmeidige Fritz Eggert. Er war gelernter Barbier und hieß darum »Balbutz«. Aber das sagte im Grunde nichts von seinem Wesen und Leben. Kaum einen Beruf gab es, den er nicht geübt hätte. Durch alle Länder Europas war er gewalzt. Hatte auch sattsam geabenteuert, hatte »in den südlichen gelben Halunkenländern« seinem Anfangsberuf getreu manch einen über den Löffel barbiert und lieber selbst Hälse abgeschnitten, als sich begaunern lassen. Kurz vor Ausbruch des Krieges war ihm Europa zu klein geworden, er wollte »Afrika auch einmal was Gutes gönnen«. So war er nach Algier gekommen. Von da trieb es ihn, als der Kriegsruf ihn traf, zu den Fahnen – unter beispiellosen Listen, Finten, Entbehrungen und Gefahren erreichte er deutschen Boden. Dies schuf ihm unter den Brüdern seinen Wert und sein Gepräge.

»Also Kinder,« so gab Horst die Tageslosung aus, »heut werden Bäume gefällt. Wenn wir übers Jahr trockene Bretter haben wollen, wird es Zeit. Arbeitsleiter ist Elbenfried.«

So war es ausgemacht und Gesetz, daß bei jedem Werk der fachmännisch Zuständige das Kommando hatte. Für das Gemeinsamkeitsgefühl gab es keinen besseren Boden.

Und nun scharwerkten all die jungen fleißigen Arme in dem Kieferngehölz am Bergeshang. Die Gedanken und Herzen schlugen für die Heimstätte und für die große Heimat. 21

Schwere Nebel zogen von der See her über die Flur. In Nebel und Not war das Vaterland. Aber hell und stark klangen durch den Dunst und Daak Säge und Axt. Und fast froh flammten die Rufe durch die Schatten und Wolken. Es waren die Stimmen der Arbeit.

 

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