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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Kampf

Horst ging am Nachmittag zum Torfmeister. Lona würde da sein. Käme sie nicht, würde das freilich zu denken geben. Wäre etwas gegen die Siedlung geplant, sie wüßte davon. Und niemals würde sie durch ihr Erscheinen ihn in Sicherheit wiegen.

Dann also hieß es auf der Hut sein. Aber erst dann.

Die Sonne hatte sich versteckt. Die Luft war still, grau und lustlos. Die Singvögel schwiegen und hielten sich verborgen. Von der Niederung her riefen grämlich unsichtbare Brachvögel. Ein Turmfalk rüttelte über der Heide.

Nach den Dünen wandte sich Horst. Er wollte einen Blick über die See werfen. Tückisch lag sie da, wie tot. Ein blinder Glanz war über sie gegossen, bleiern und giftig – gebändigt, gefesselt, gestorben der freie Rhythmus des großen Wassers. 202

Das war keine Erhebung. Er kehrte schwer und traurig in die Heide zurück. Sonne hätte ich heute gebraucht und schäumende Wellen unter blauem Himmelslicht! Wie mit Asche bestreut ist die Welt. Wir büßen – wir büßen –

Und er schritt dumpf und gebückt –

Dann hob er sich empor. So darfst Du nicht weiterschreiten. Du willst helfen und keuchst selbst trostlos unter Hilfsbedürftigkeit. Freimachen willst du und schleppst dich lahm an deinem Verzagen. Wenn irgendwo, brauchst du hier deine gläubige Kraft.

Lona – ja – um Dich geht es jetzt. Ich weiß, daß Deine Starrheit von Dir abfallen will. Du selbst suchst, was Dein Dogma Dir nicht geben kann. Wärme brauchst Du – Zärtlichkeit brauchst Du – denn Du bist ein Weib, ein junges Weib. Und meine Zärtlichkeit wirbt um Dich.

Ich betrüge mich selbst nicht länger mit dem, was Dir längst kein Geheimnis mehr ist. Und was Du selbst nicht mehr von Dir weisest, ob Du zuerst ihm widerstrebtest. Wir wollen zueinander. Es ist etwas, was uns zueinander zwingt.

Und – ist etwas, was Dich herausschauen läßt aus der Gedankenwelt, in der Du Dich verbarrikadiert hast mit dem Haßgefühl, das jetzt gestillt worden – etwas, was Dich erhebt über die Mauern, das Schanzwerk – etwas, was die Burggräben Dich überfliegen läßt. Du bist dabei, Deine Welt zu überwinden. Diese Welt, aus Papier gebaut, aus Gedanken gefügt. Ein System! Das Heimweh, das deutsche Heimweh ist in Dir.

Und an meiner Hand wirst Du hinausgeführt werden in das deutsche Leben! Ich will Dir helfen. Meine Sinne sollen sich bescheiden. Es gibt mehr in mir als Begehrlichkeit, die in den laschen Seelen das Starke ist – Besseres, Machtvolleres. Erst die geistige Erfüllung soll auch den Sinnen das Glück bescheren. 203

Aber sie dürfen hoffen, sie dürfen wünschen. Sie leben und haben ihr Recht am Leben. So trug es jetzt seine Tritte. –

Kunz wollte mit Gisbert am Nachmittag im Moordorfer Pastorenhaus den Besuch machen. Da sah er etwas, was ihm nicht gefiel.

Einzelne Ausflügler aus der Stadt wurden auf den Goldbergen sichtbar. Beschauten sich die Gegend, zeigten sich dies und das. Betonten ihre Naturliebe, legten die schöne Aussicht sich wechselseitig ans Gemüt. Möglich, daß sie harmlos waren. Möglich auch, daß sie Kundschaft trieben. Halten wir die Augen offen! Warten wir, ob es einen Gang der Handlung geben wird.

Nun zwei Familien mit Kindern – sogar ein Kinderwagen ist dabei – steuern treuherzig auf die Baracke zu. Lagern sich unweit von ihr im Freien – wozu es eigentlich noch zu kühl ist, da die Sonne fehlt. Holen ihre Atzung hervor, ziehen Thermophorflaschen aus den Kinderwagenkissen.

Die Kleinen laufen herum, sehen die Hühner und den vornehm wie ein ehernes Bildwerk ruhenden Muz. Zutraulich kommen sie näher, mit dem Hund möchten sie spielen. Der aber ist nicht kinderlieb und blickt sie nur wachsam unnahbar an. Mit den stumpfsinnigen Hühnern läßt sich keine Kameradschaft schließen – die Kinder möchten wissen, was für Getier da hinter den Stallwänden sitzt. Sie drängen sich vertrauensvoll an die Bretter und hoffen auf eine Ritze.

Jetzt treten die Erzeuger in Tätigkeit. Sie kommen die Anhöhe herunter. »Dürft ihr denn das?« Und dann wenden sie sich höflich zu Kunz, der zum Ausgehen fertig vor der Baracke sitzt und auf Gisbert wartet. Er faßt sie ins Auge – Arbeiter aus der Stadt offenbar – anständig gekleidet, gewandt. 204

»Entschuldigen Sie,« sagt der Kleinere und Lebhaftere, »wenn die Bengels Ihnen lästig fallen. Aber wenn sie Pferde riechen, sind sie nicht zu halten.«

»Das ist recht!« erklärt Kunz, und fröhlich leuchtet er ihnen ins Gesicht. »Die sollen einmal zur Kavallerie!«

Die Nasen in den gesinnungstüchtigen Gesichtern werden lang. Da riecht an! denkt Kunz, wie Eure Jungens an dem Pferdemist. Aber sie behalten sich in Zucht und haben offenbar noch etwas auf dem Herzen. Ist es unbefangene Wißbegier? Oder wollen sie tatsächlich spionieren?

Beginnen ein Gespräch. Wie nützlich das Siedlungswerk sei. Und die Baracke so praktisch angelegt. Hier Stallungen und die Wohnräume da. Aber schwere Arbeit! Und die Sonntagserholung, der Sonntagsausgang doppelt nötig.

Zwei Teufel streiten sich, die Kunz reiten möchten. Der eine, mehr von der guten Sorte, will da mit ihm hin: »Seht euch ihn mal an, unsern Bau! Kommt mal mit herein! Die meisten Siedler tun, was sie immer Sonntag nachmittags tun, nach ihrem schweren Alltagswerk. Sie liegen in ihren Kojen und schlafen. Sie sind und bleiben zu Haus. Und am Abend sind sie auf den Beinen. Hier auf den Gängen aber, da stehen unsere Maschinengewehre. Kampfbereit. Vier Stück. Für jede Himmelsrichtung eins. Und sind im Handumdrehen vor der Tür. Und wenn einer Lust hat, zu erleben, was Feuerbereich ist –!«

Und dann sitzt der andere, der sehr bösartige Teufel ihm im Genick und flüstert ihm ins Ohr: »Laßt die Bande doch herauskommen heute abend! Warn sie nicht, stör sie nicht! Sag ihnen, alle sind ausgegangen, sich zu amüsieren – und kommen vor Morgengrauen nicht nach Hause. Du und Gisbert – da kommt er gerade –ihr seid nun die letzten, die gehen! 205 Schließ vor ihren Augen die Haustür zu! Und wenn ihr unterwegs seid – von den Goldbergen könnt ihr es sehen – die marschieren schnurstracks mit Kind und Kegel in die Stadt und bringen den Genossen Nachricht. Und was dann am Abend wird –! –«

Solche Einflüsterung gibt Kunz dann freilich nicht an die Ausfrager weiter. Aber was sie nun damit anfangen, daß sie ihn, nachdem er sich nicht unfreundlich verabschiedet hat, mit Gisbert sich entfernen sehen, das bleibt ihre Sache.

Zum Pfarrhaus aber, so zaubermächtig es ihn zog, begaben sie sich doch nicht. Auf den Goldbergen, ihren heiligen Höhen, den weisenden, wissenden machten sie halt. Und als sie sich nach der Baracke umdrehten, gewahrten sie in der Tat, daß die Ausflügler, wie es schien, in beschleunigter Gangart heimwärts zogen.

Jetzt wurde Kunz hell und hart, ganz Verantwortung, ganz Dienst. »Wir bleiben zu Hause, Gisbert. Wenigstens ich. Vielleicht bekommen wir heute abend nun doch Besuch. Und Besuch – will empfangen werden.« –

Horst fand den Torfmeister allein. Lud Uhlenbrook war wieder tapfer auf den Beinen. »Jedes Jahr acht Tage Lona, und ich sterbe überhaupt nicht!«

Der Alte wunderte sich, daß sie noch nicht da war. Sie wollten mit dem Kaffee auf sie warten – Kaffee aus Moorwasser ist der beste, den es gibt – kommen täte sie bestimmt. Auch vorgestern hätte sie sich verspätet. Sie hätten da in der Stadt offenbar wieder mit Sitzungen so viel zu tun. Dazu seufzte der Alte, daß der Dachfirst es spürte. Und er machte einen seiner grimmigen Witze: all die vielen Sitzungen in Deutschland seien Schuld, daß es nicht wieder aufstehe!

»Bravo, alter Lud!« sagte Horst und schlug ihm auf die Schulter, daß seine Hand an den Mammutknochen zerschellte. 206

Der Abend lugte schon in die graue, glasige Welt. Nebel zogen über das Moor, es deckte sich zu mit dem Flaum, es wollte schlafen. Die Männer waren schweigsam geworden. Sie lauschten auf den Schritt, der nicht hallen wollte.

Nun riß es plötzlich an Horst. Eine Mahnung, ein Alarm, ein Kampfruf! »Sie kommt nicht mehr«, sprach er schrill. Dies war bedeutsam. Dies verkündete Unheil. Das hieß, ich muß jetzt gehen. Auf meinen Posten muß ich!

»Sie kommt«, sagte der Alte. Und Horst ließ sich noch einmal nieder. Aber es wogte und wirrte in ihm. Sie sprachen dies und das. Vom Torfstich, von der Bestellung des Ödlandes. Doch, es litt ihn nicht mehr. Diese Moornebel da draußen waren sein Tod.

Er sprang vom Stuhl. »Ich will jetzt doch nach Hause.« Da lauschten sie auf. Sie blickten in den Vorgarten. Lona war es.

»Ich komme spät«, sagte sie. In ihrer Stimme war ein gehaltener Klang.

»Was war denn?« fragte Lud.

»In der Kirche war ich –«

»Sie haben Orgel gespielt?–!« rief Horst schmerzlich.

»Es wurde mir schon dunkel in der Kirche. Wär ich erst hierhergegangen, hätte ich zuviel Zeit verloren. Und ich brauchte das Spiel heute so.«

»Und ich hab nicht dabei sein dürfen!« Darin war leidenschaftliche Klage.

»Hätten Sie es auch so nötig gehabt –« –

»Sie meinen, ich hätte es fühlen müssen, daß Sie da waren!« fiel er gleichgestimmt ein, mit hellen, brennenden Augen.

»Ich habe mich vor der Kirche nach Ihnen umgesehen.« Sie sprach dann still mit Lud.

In Horst flog es. Was sie sagte – und der Klang ihrer Worte – zitterte nicht ein Vorwurf darin, ein 207 Entbehren, eine Enttäuschung? Das Gefühl einer Zusammengehörigkeit – es lebte in ihr, wie in ihm es lebte! Mehr noch in ihr, da seine Ahnung versagt hatte –? –

Ich habe mich vor der Kirche nach Ihnen umgesehen! Sie hatte erwartet, daß er da sein würde. Ja, er gehörte dazu! Für ihn wollte sie spielen. Ganz gewiß nicht für sich allein.

Ich brauchte es so! Hieß das nicht auch, ich wollte Dich bei mir haben? Du solltest mich hören, ich wollte zu Dir sprechen! Wollte mich Dir offenbaren aus meines Wesens Tiefe! Dir – der einzige bist Du, dem ich mich so bekenne. Denn wir sind uns nah.

Ich hab nach Dir gerufen – und Du bist nicht gekommen. Wie schmerzlich-zärtlich wallte es in ihm auf unter dieser Klage. Das Gewissen peitschte sein Gefühl in heißen Wellen.

Du sollst nicht an mir zweifeln – nicht an dem Zug meines Lebens, der mich zu Dir zwingt. Um so schmerzhaft inniger, da es jetzt wie eine Schuld auf mir liegt. Eine Schuld gegen Dein Empfinden.

Aber sieh, es sind so starke Störungen, die die Leitung hemmen und erschweren. Der Kampf, der Bruderzwist mit seinen Trübungen, seinem Wirrsal, seinem Argwohn und Verdacht. Von diesem Gewühl – wann wird unser Gefühl sich davon losmachen?

Jetzt sind wir soweit, daß unsere Hände sich nehmen – sie erschrecken nicht mehr voreinander. Und unsere Hände sollen sich halten und immer mehr sich beschenken. An einer Gabe soll die andere sich beseelen.

Wie still versonnen, wie mädchenhaft scheu hockte sie bei dem alten Lud. Dessen Augen in sie »wie in einen goldenen Becher« sahen, dessen schwere ehrliche Hand sich mit einer so heilig behutsamen Zärtlichkeit auf ihren Arm legte, voll dankbaren Glücks. 208

In die niedrige Stube bettete die Dunkelheit sich ein. Über dem Moor braute der Abend. Hohl rief ein Kauz aus dem Erlengestrüpp.

Da richtete Lona sich auf. »Jetzt ist es Zeit für mich.« Horst sah in ihrem Auge eine große Angst, die er nicht begriff, dann ein schmerzliches Irren, und wieder waren sie wie nach Innen gewandt. Und als sie dann wieder ins Leben blickten, hatten sie den kalten Schein, der ihm so schmerzlich war.

Sie nahmen Abschied von dem Alten. Zärtlicher als sonst umfaßte sie ihn, daß er wie ein Betrunkener taumelte und grunzte und herumfuhrwerkte. Dann ging sie mit Horst.

»Bis zur Mühle nehmen Sie mich mit, nicht wahr?« fragte er. »Wir wollen hier auf dem Waldweg bleiben.«

So ließen sie die Baracke weit ab liegen. Lona machte eine Bewegung, dann aber folgte sie seiner Führung.

Lind und still ist um sie der Abenddämmer. Die Luft schweigt. Nur von fernher aus dem Innern des Waldes tönt das Gurren wilder Tauben, die ihre Schlafbäume aufsuchen, in den sanften Rhythmen wie märchenverloren.

Und es verliert sich der Raum in diesem grauen Rinnen und Rieseln, es verliert sich die Zeit. In Vergessenheit schreiten sie, in Wolken, in Schweigen. Wie Traumgestalten.

Ein Ausruhen ist es ihnen in Körperlosigkeit, wohltuend nach dem Ungestüm, den Zuckungen, den Brandungen, in die sie die Zeit geworfen.

Sie haben eine Scheu, dies Land zu verlassen, ängstigen sich vor dem leibhaftigen Wort, wandern weiter in Schweigen.

Die Welt von uns abtun – alles da draußen versinken lassen – vergessen die Zeit, die Bedrängnis des Geschehens – nichts wollen, nichts denken – nichts wissen – – 209

Dann aber, da sie immer tiefer und gedankenloser hinabgleitet, geht durch ihn, durch sein wallendes Blut der leise Schlag des Erwachens.

Sie ist bei dir, allein sind wir miteinander. Um uns ist der gütige Abend. Kostbar ist die Zeit, kostbar und inhaltschwer. Jede Minute atmet schicksalsvoll, in jeder Sekunde pocht das Glück.

Ich bin ausgezogen, Dich zu gewinnen! Herüberholen will ich Dich zu mir! Gerade weil Du etwas Eigenes bist, mit eigenem starken Willen und Leben! Ob ich sonst um Dich werben würde?

So aber werbe ich um Dich!

Und sein Wort leuchtet sieghaft auf: »Ich kehre nicht um bei der Mühle, noch weiter gehe ich mit Ihnen, Lona!« Nun ist sie erschrocken wach.

»Ich will den Abend bei Ihnen sein!« drängt er weiter.

Bei mir – nicht bei den Kameraden – nicht auf Deinem Posten –! – So habe ich Dich in der Hand. Und muß ich nicht – muß ich Dich nicht in der Hand haben! Daß Du fern bleibst von Deinen Kameraden!

Unsere Feinde seid Ihr. Unschädlich sollt Ihr gemacht werden! Entwaffnet! Das soll und muß sein. Wenn etwas, liegt das in meinem Willen.

Nun sind sie eine Truppe ohne Führer. Das ist gut. Damit haben wir, wir das Spiel gewonnen.

Und daß ich die Macht über Dich habe! Sie auskosten, den Triumph durch alle Sinne sich flammen, sich jagen lassen, durch alle Nerven, alle Fasern!

Noch immer ist die Rache in mir, ungestillt! Und wenn etwas von Deinem Wesen ins Blut mir gehen will – was bildest Du Dir ein! Träumst Du von zärtlicher Regung! Grausamkeit ist, was sich regt. Wie sie in den Krieg gehört! Grausamkeit, die Lust am Quälen! –! – 210

Denn Krieg ist und bleibt zwischen uns! Darum – Dein Leben zerstören ist das nicht mir aufgegeben – und mein Wille!

Und wie wird Dein Leben zerstört sein! Da der Schlag gegen Dein Haus geführt wird, Du hütest es nicht! Du hast Dich von ihm entfernt – um eines Weibes willen. So wirst Du es Dir nennen, und wirst daran vergehen.

Und das Weib bin ich!

Uns hat etwas zueinander getrieben, machtvoll, hindurch durch die Fluten, die zwischen uns brausten. Was war es – was ist es? Gleichviel, was es ist! Wir stehen im Kampf!

Du bist ehrlich gegen mich gewesen, offenherzig, weitherzig und warm, ganz anders wie Deine Gesinnungsgenossen sind. Und es gab einen Klang zwischen uns. Gleichviel – wir stehen im Kampf. Soll ich meine Freunde verraten um Deinetwillen! Meinen Glauben! Der erste wärst Du, der mich verachtete!

Der mich verachtete – und wenn ich nun weiter mit Dir wandere durch den Abend in die Nacht – bedachtsam – da ich weiß, was Euch bevorsteht – und Dich fortschaffe von dem Geschehnis, in das Du gehörst mit Blut und Leben – wird das, was übrig bleibt, nicht der Fluch sein auf mich und – meine Tücke.

Tücke! Darf ich unser Geheimnis Dir preisgeben! Die Freunde soll ich in Eure Hände liefern! Soll den Tod über sie bringen – um Deinetwillen! Wahnsinn!

Es braust in ihren Ohren. Sie hört nicht die Worte, mit denen Horst sie jetzt umfängt. Aber sie fühlt seine Hand, wie sie ihre Finger nimmt mit festem Druck.

Was ist es, daß sie sie ihm läßt! Muß sie ihre Rolle weiterspielen? Oder hält sie ehrlich ein ehrliches Geschenk, das sie freut, ein Gefühl, dem sie sich neigt im Gleichklang der Sinne und der Seele? 211

Immer war Waffenstillstand zwischen uns, immer der Friede. Wir waren über unserem Kampf. Können wirs nicht bleiben? Vergessen die andern – die Welt – alles da draußen vergessen. Allein sein miteinander – allein auf der Welt –

Da – wie seine Hand ihren Arm greift, bäumt sie sich zurück – ist es der Widerstand des Weibes, die Furcht vor dem Erliegen – kurz, hastig, wie bellend stößt sie hervor: »Sie sollten heute abend lieber in der Baracke sein – und nicht hier bei mir!«

Horst steht und starrt, betäubt. Dann – ein Blitz zerreißt die Wolken. Er sieht das Geschehen – er fliegt in die Höhe, als wolle er durch die Luft. Und dann in wilden Sprüngen stürmt er – über den Sturzacker – in die Heide –

Und Lona, wie im Ertrinken, greift nach dem Gedanken: so ist nun ehrlich die Fehde zwischen uns angesagt – ich will zu den Freunden!

 

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