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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vor dem Sturm

Es war ein neuer Befehl der Regierung ergangen, daß alle Heereswaffen abgeliefert werden sollten. Militärische Kommandos gingen um und überwachten die Erfüllung.

Die Siedler hielten Rat. Und ähnlich wie früher sprach Horst: »Wer sind jetzt unsere Landpfleger?«

»Landpläger«, nannte sie Kunz.

»Wer sind sie heute, wer sind sie morgen? Sie selber wissen es nicht. Und ich kenne sie nicht. Und ehe ich nicht weiß, in wessen Hände ich meine Waffen liefere – behalte ich sie lieber selbst.«

Sie stimmten ihm zu. Und – die Waffensuche ging an ihnen vorüber.

In der Stadt war man sehr strenge gefahren. Aus mehreren Kellern, unter Fabrikarbeiterwohnungen, wurden Maschinengewehre ans Tageslicht gezogen.

Die Arbeiter wüteten. Man wußte, daß die Siedler ihre Maschinengewehre behalten hatten. Man zeigte sie an, bei dem Offizier, der das Kommando befehligte. Der hatte für die Denunzianten nur ein frostiges Schweigen.

Natürlich! Die Bande hält zusammen wie Pech und Schwefel! Das alte System! Wenn wir's leiden, verdienen wir's nicht besser! 191

Das Falkenauge ist wieder einmal in der Kreisstadt. Es gärt aufs neue, jetzt mit dem Frühling, in dem elend wunden und siechen deutschen Volkskörper. Die »betrogenen Proletarier« wollen endlich ihr Recht. Wollen Abrechnung mit den sozialreaktionären Verrätern. Im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland bereitet sich etwas vor. Überall im Lande müssen die Flammen auflodern! Je mehr Herde, um so besser. Um so sicherer der große Schlag und der Sieg.

Auch hier müssen wir zupacken! Unter dieser Parole tagten die Führer in Knubarts Wohnung hinter verschlossenen Türen. Das Falkenauge, Kittel der Buchbinder, Struk der Koch, ein Werkführer aus der Eisengießerei – er war Feldwebelleutnant draußen und ist der Feldherr des Kreises – und Lona. Auch sie ganz im Panzer ihrer Parteigesinnung.

Das Falkenauge hat die Gesamtlage umrissen. Einzelaktionen werden verlangt, überall. Hier mit der Stadt als Operationsbasis läßt sich ein Vorstoß machen. Hier kann das Heil für die ganze Provinz entzündet werden.

»Wenn uns die Siedler nicht als Pfahl im Fleisch säßen!« heißt es dagegen.

Stahlboom, der Werkführer, spricht. Er ist schlank und gut gewachsen, trägt sich kavaliermäßig, wenn auch mit der Nuance des Fadenscheins, hat im Blick etwas fraglos Mutiges und Befehlendes, unterstreicht aber unnötig sein Selbstbewußtsein und zeigt zu oft kriegerisch seine zementplombierten Zähne.

»Uns hat man die Maschinengewehre genommen. Die Siedler haben sie behalten. Das erste muß sein, daß wir diese Maschinengewehre uns holen. Ehe wir die nicht haben, liegen wir im Wurstkessel und bleiben da liegen! Darum – die Baracke wird gestürmt! Die nötigen Leute haben wir. Gewehre und Handgranaten sind noch da. Noch sage ich. Die nächste Waffensuche kann uns auch die nehmen, und was dann!« 192

»Sturm auf die Baracke!« fordert Kittel mit dem gellend pfeifenden Brand seiner Rede. Er war nur noch Feueratem und flammende Augen, sein Leib zerfallen, sein ganzes Wesen jetzt vollends von lauter Dynamitgängen ausgehöhlt.

»Machen wir uns das eine klar!« betont das Falkenauge – er hat den Weitblick, die Zusammenhänge, das konsequente Denken, »mit diesem Sturm auf die Baracke ist es nicht getan. Wenn er gelingt, verpflichtet er zu der größeren Aktion. Mißlingt er aber, ist damit für unbestimmte Zeit unsere Unternehmungskraft hier zerschlagen.«

Sie berieten. Es wurde beschlossen, daß sie es wagen sollten. Stahlboom brachte den Plan in der Tasche mit. Am Abend sollte der Handstreich ausgeführt werden. In der Nacht würden sie dann das städtische Rathaus besetzen. Die Stadt wäre reif. Gäbe es einen Menschen in ihr, der zufrieden wäre? Und wäre es einer, wär er feige. Auf den Mut käme es an, auf die Tat! Nur die Tat zwingt die Herzen.

Vorbereitungen sind natürlich zu treffen. Aber diese Tage, die auch anderswo die Entscheidung bringen, müssen uns am Werke finden!

Vorbereitungen – dazu redet Knubart, und er wittert bedachtsam. »Wir haben es mit einem gefährlichen Feind zu tun. Kerle sind sie alle, die Siedler. Und ihr Führer, der Hauptmann Oldefeld – Lona, Sie kennen ihn ja persönlich.« In seinem Blick ist die lauernde Kälte.

Lona hebt frei die Augen. »Ja, er ist mir bekannt.«

»Sie kommen öfter mit ihm zusammen –«

Nun widerstrebt sie doch, wie einem Verhör. All die Augen, die sich auf sie wenden, gebärden die sich nicht wie Richter über sie?

Und ist in ihrem eigenen Gewissen nicht eine Stelle, darin etwas sich regt – wie ein Argwohn gegen sich 193 selber? Darf sie sich wundern, wenn in den andern, den Freunden, den Schwurgenossen ein Mißtrauen aufzieht?

Mißtrauen! Ich bin unserer Sache treu. Was mit mir verwachsen ist, durch mein Denken, mein Fühlen, mein Leben – nichts von meinem heiligen Glauben habe ich verloren, nichts von ihm habe ich preisgegeben! Wie kann ich das, ohne mich selbst zu verlieren! Ich bin bei der Fahne, ich bin bei dem Schwert – bei dem Schwert unserer Fehme, wie nur je ich es war! Ich kämpfe mit Euch, mein Leib und Leben für unseren Kampf!

Nur Schleichwege dürft Ihr mich nicht schicken wollen!

Aber in Knubarts trägem, laschem Auge ist die Tücke.

Man wartet auf ihre Antwort. Sie zwingt ihren Unmut nieder. Ohne Frage haben die Genossen Anspruch auf ihre Ehrlichkeit. Und wieder schließt sich etwas in ihr, wie um ein stilles Besitztum, das von allem Lauten entwertet wird. Das an jeder Berührung sterben muß – das sie jetzt selbst berühren und zerstören soll!

Ein Heiligtum also! Zum Lachen! Es gibt für mich kein Heiligtum, außer meiner heiligen Sache! Deren Feind Du bist, Horst Oldefeld! Todfeinde wir! Todfeind – man hat das Wort so oft gesprochen, wie eine abgegriffene Münze ist es, deren Schrift man kaum mehr kennt. Hier ist aber das Wort ehern ins Leben gegossen.

Eure Baracke wird von uns gestürmt! Hier hat nun jeder zu zeigen, wer er ist. Hier gibt es keine Empfindungsflausen, keine Gefühlskunststücke, keine Gedankenspreizungen im Rahmen unserer gutgespielten Friedenskomödie – hier gelten jetzt die echten Sakramente: Leib und Blut!

So hart macht sie sich selbst, so bitter hart – und sie spricht hastig, sich überstürzend die Antwort auf 194 Knubarts trächtige Frage: »Herr Oldefeld hat bewirkt, daß ich in Moordorf die Orgel spielen darf – er hat auch schon einmal zugehört. Wir haben einen gemeinsamen Freund, den alten Torfmeister. Bei dem auch er Sonntags nachmittags sich einzufinden pflegt –«

»Sonntag nachmittag«, wiederholt Knubart schwer. Und alle begreifen gleich.

Der Werkführer erklärt: »Dieser Sonntag – um Neumond herum sind wir, dunkel ist es – der Abend ist für den Sturm die gegebene Zeit. Der liebe Sonntag ist ja den lieben deutschen Seelen als Ruhetag in Fleisch und Blut übergegangen – den Tag zum Biertrinken und Spazierengehen, den suchen wir uns aus. Und wenn der Führer dann auch bis zum späten Abend aus dem Hause ist –«

Weiter kein Wort. Ein Blick auf Lona, und sein Instinkt warnt ihn, mehr zu sagen. Sie alle fühlen es: kein Wort mehr. Sie kennen Lona – ihre klare Härte – die so spröde ist, wie das zarteste Kristall. Nichts von ihr, als was ihr Wesen selber ihr befiehlt, im Augenblick der klaren, harten Entscheidung. Blank und ehrlich ist nur die Tat.

Militärische Besprechungen schlossen die Tagung. Nachrichten aus den andern Lagern sollten abgewartet werden. In zwei Tagen mußte es sich endgültig entscheiden, ob der angesetzte Schlag Sonntag geführt werden sollte.

Dann kam es: die endgültige Entscheidung fiel aus den Sonntagabend. –

Gisbert war wieder in der Baracke. Er war noch nicht ganz genesen, aber wie aus Selbsterhaltungstrieb sehnte sich grade das Zerfließende seiner Art nach dem Bandeisen harter Arbeit.

Die Aufsicht über die Stallungen war ihm jetzt zuerteilt. Der Erste war er in der Frühe auf den Beinen, auch heute am Sonntag fand das Morgenrot ihn wach. 195 Er ließ die Hühner aus dem Stall, sie stammten meistens aus Mönkhov, ein Geschenk von Frau Tilde. Es war seine Freude, für seine Gedanken, die längst bei ihr waren, in allem, was um ihn lebte, Trabanten, Pagen und Schleppenträger zu finden.

Jetzt ging er in die Heide. Auf einen ihrer Hügel stellte er sich. Seine Blicke beteten zur aufgehenden Sonne. Unwillkürlich breitete er die Hände aus, die Gnadenspende des Lichtes zu empfangen. Dann setzte er sich und lehnte sich hin. Und seine Sinne hoben sich in den wachsenden Schein. Sie gingen den Weg ins Tor der Unendlichkeit.

Ich suche das Ewige. In mir ist es und um mich ist es. Daß sich beides vereine und durchdringe ist des Lebens, ist meines Lebens Sinn.

Das Bewußtsein des Unendlichen in mir! Das gehört zu mir, wie das Licht zu der Flamme, die in mir brennt.

Der Unendlichkeit! Der ewigen Freude, ja der Freude, aus der alle Wesen geboren sind. Durch die sie erhalten werden. In die sie wieder eingehen.

So befreie ich mich aus dem Schmerz, dem Gefühl der Endlichkeit in die Güte des Alls. So löse ich mich in mein größeres Selbst.

Dahin trug Gisbert die Morgenandacht seiner Seele. Wir sind Nichts, was wir suchen ist Alles!

Und wie er zurückkehrte in die Welt körperlicher Gedanken, empfing ihn das Glück: ich suche ja nicht allein diese Straße des Lichts, Deine Sehnsucht, Du meine Freundin, geht denselben Weg.

In seinem Herzen, aus seinen Lippen formten sich die Worte seines Hohenliedes.

Die Gesänge meiner Gedanken, solange sie atmen, suchen sie Dich! Ich grüße den Morgen, mit der Frohheit des Wachens – mit den selig sachten Schatten der Müdigkeit grüß ich den Abend, den Vater der Nacht. 196 mit seinen Enkeln, den Träumen. Meine Träume flüstern Deinen Namen und lauschen seinem Klange nach, und flüstern ihn wieder und lauschen – und flüstern und lauschen. So ist meine Nacht beseelt von Deinem Wesen, wie mein Tag erfüllt ist von der Gewißheit Deiner Nähe, von der Seligkeit, daß Du bist –

Aber nun, all seine Sinne schwingen ein in den Rhythmus, und ihre Stimmen singen leise mit. Das Bild der geheiligten geliebten Frau zaubern sie herbei. Ihrer Augen tiefe Gewalt leuchtet auf, das weiche Haar fällt über die mädchenhaft versonnene Stirn, die seine Hand mit den seltsam festen Linien streicht es zurück. Ihre Hand – wie oft, wie lange kann er still liegen und nur an ihre Hand denken – in der ihre Seele ist und auch die Kraft ihres Schaffens. Diese Hand, so voll von Musik und doch für sichere Zügelführung begabt.

Und wie in seinen Träumen flüstern jetzt die wachen bewußten Lippen den Namen »Tilde« – »Tilde« –

Ein Schritt pocht auf die Erde. Gisbert fährt zusammen – wendet sich um. Kunz steuert auf ihn zu, in müdem Schlendern. Hockt sich dann neben ihn und gähnt sich erst einmal aus.

»So früh heute und das am Sonntag!« fragt Gisbert.

»Weiß der Frühling, was das mit mir ist! Mich flieht der Schlaf – mich! Was liegt da in der Luft? Du mußt es wissen, der Du selbst in der Luft liegst, Du Ätherbewohner.« Er blickt um sich: »Ist das ein böses, rotes Licht da auf der Heide! Zeichendeuter wird man – Geisterseher – was hat man bloß!« Dann schlang er den Arm um den Freund und sah ihm herzlich ins Auge. »Du, lieber Junge, wirst nun allerdings immer magischer. Darf man Dich denn schon wieder frei herumlaufen lassen?«

»Warum nicht?« 197

»Man wird nun mal die Sorge um Dich nicht los. Sehr viel Blut hast Du nicht mehr herzugeben.« Er nahm seine blasse Hand. »Und dann –«

»Was noch?«

»Die Angst – ich kann mir nicht helfen – Du könntest Dich nun ganz – drei Kreuze vor dem Wort und vor der Sache! – im Pazifismus Dich verblutet haben.«

»Pazifismus – ich fürchte mich nicht vor Worten, Kunz.«

Bei dem kam das Unwirsche seiner Morgenfrühe jetzt obenauf. »Ah! Wir wollen Siedler sein? Arbeiter eines Geistes an einem deutschen Werk? Eine politische Menagerie sind wir nächstens.« Wegwerfend schmiß er die Hand nach der Baracke zu. »Alle Gattungen findest Du jetzt in dieser Arche Noäh beisammen. Wenn ich nicht Schimpfworte vermiede, würde ich sagen, wir sind ein Parlament!«

Gisbert schwieg. Kunz bürstete weiter seinen Grimm. »Weltanschauungen! Haha! Was haben wir bloß für Weltanschauungen im deutschen Land! Alle, die es gibt und nicht gibt. Bloß die deutsche nicht. Seit Horst zum Universalgenie geworden ist, flattern wir nun alle lieblich im gütigen All. Leb wohl, deutsche Erde!«

Gisbert schwieg noch immer. Das machte Kunz nicht freundlicher. »Warum legen wir Siedlungsmönche denn nicht ehrlich und vorbildlich das Gelübde des Geprügeltwerdens ab! Warum kleben wir nicht das Wappen der friedfertigen Seligkeit an unser Haus, die geschwollene rechte und auch linke Backe! Ohrfeigengesichter wir, als Vorkämpfer des deutschen Pazifismus! Denn wenn es nichts mehr gibt, einen deutschen Pazifismus gibt es! Und weißt Du, wie der geht? Wir versöhnen uns, versöhnen uns mit den andern – und die andern dreschen auf uns los! Das 198 ist deutscher Pazifismus, nach unserem eigenen und der ganzen Welt Beschluß!«

Der zuckende Zorn lief durch seine Glieder. Gisbert wußte, wie er litt, er sprach jetzt mit seinen stillen, ein wenig hilflosen Worten: »Wir wollen ja dasselbe, Kunz. Nur auf anderem Wege wollen wir zu demselben Ziel. Es ist gut für Deutschland, daß es Euch gibt. Aber auch uns gibt es nun einmal. Und wir müssen uns ergänzen –«

»Müssen wir, was wir nicht können! Ergänzen heißt ganz machen! Ganz – mit Euch, durch Euch, die Ihr uns zermürbt! Nihilisten seid Ihr, die passiven, die schlimmere Sorte! Was habt Ihr Euch in Asien herumzutreiben! Die wir heute mehr als je – die wir heute nur und nur und immer und weiter nichts als zu uns selbst kommen müssen! Was nehmt Ihr uns die Heimat des Herzens! Was verdünnt Ihr uns bis zur Erschlaffung mit Euren dreimal vermaledeiten Wassern des Ganges unser ehrliches eisenhaltiges deutsches Herzblut!« Seine Hände packten ins Heidekraut, rissen die Büschel aus und warfen sie in die Luft.

Da Gisbert ihn unbeirrt ansah – »Du verzeihst mir, mit Deinen Gazellenaugen. Gütig seid Ihr und liebevoll, aber nur aus Schwäche seid Ihr es. So geschieht's, daß Ihr für alles Verzeihung habt, nur nicht für Tugenden, für männliche! Nur nicht für Kraft! Und darum – gefährlich mögt Ihr sein, aber an den Kern unseres Wesens, nein, an den rührt Ihr uns nicht!«

Nun hatte Kunz sich vollends wieder. »Ihr haltet unsereinen für dumm. An unserer Dummheit liegt es dann wohl, daß Eure Klugheit uns nicht aufgehen will. Herrgott, ist das eine baumwollene Weisheit, die Ihr aus dem Lande der Baumwolle bezieht! Phrasen! Nichts als Redensarten von platzend hohler Allgemeinheit! An ihrer Spitze die große Heilslehre: ›Gutsein heißt das Leben aller Leben!‹ Oder die erlösende 199 Antwort auf die ewige Frage. welches ist der Weg zur Wahrheit? ›Die wechselseitige Durchdringung unseres Wesens mit allen Dingen!‹ O verfluchter Tiefsinn heiliger Abstraktion! Was soll ich damit? Wo ist hier Leben, Wärme, Licht, wo ist hier Liebe? Und Ihr wollt uns das ›verbrauchte‹ Christentum ersetzen! Gebt mir, so gebt mir doch aus Eurer Fülle! Habt Ihr etwas, in dem großen heimatlosen Weltraum Eurer leer leuchtenden Unendlichkeit, was gegen den kümmerlichsten Lichtstumpf des ärmsten Tannenbaums in deutscher Hütte nicht hilflos verblaßt und erlischt und erstirbt!«

»Alles Licht leuchtet dem Einen –«

»Alles – ja – wo nichts ist, da sagt man alles! Und fühlt sich gerettet. Luft – Luft gebt Ihr statt Brot. Und wär diese Luft nicht noch mit Getöse erfüllt! Ihr Stillen des ewigen Friedens, gut, Ihr habt wenigstens Stil. Aber diese Brüller des Pazifismus! Die mit furchtbar krampfhaften Verrenkungen des Leibes, der Seele und des Worts, Schaum vorm Munde und in ihren Versen, ihre Flüche und ihr Wehe schreien! Schnaubende Racheengel, tosende Kriegsfurien der Friedfertigkeit! O Du Grundgütiger! Wer einen Bauch hat, hält ihn sich!«

Gisbert blickte still in den Freund hinein. »Du nennst mich überschwenglich, Kunz – bist Du es nicht auch? Und wenn nun unser Überschwang aus einer Quelle fließt –«

»Verallgemeinere mich nicht!« stöhnte Kunz zornig.

»Verallgemeinern –? Ist es so schlimm für Dich, wenn ich uns beide zusammenspanne?«

Gisbert hatte den reinen Herzenston. Kunz war bezwungen. »Kerl – wenn Du nicht so ein unwahrscheinlich anständiger Mensch wärst! Hauen möchte man Dich manchmal – und haut dann lieber sich selbst. Herrgott – laß Dich meinetwegen schaukeln von der 200 Rhythmik der Ewigkeit, aber brauch auch die Fäuste, die Dir Gott verliehen hat! Du darfst nicht so viel mit Dir selbst zusammenhocken! Mit Dir und mit Deiner Gesinnungsgenossin! Dieser herrlichen Frau von Mönkhov! Sie ist herrlich – aber Eure Seelennähe schadet Dir.«

»Kunz –« man hörte in Gisbert die feinsten Saiten schwirren.

»Verzeihung – ich weiß – mulier taceat in ecclesia – über die Frau schweigt man wie in der Kirche. Aber sieh, Freundschaft muß nun einmal reden. Und nun will ich Dir was sagen. Komm heute nachmittag mit mir ins Moordorfer Pfarrhaus.«

»Das will ich gern.«

»Du sollst Vita kennen lernen. Ihr werdet erschrecken voreinander. Du vor der fanatischen Enge ihres geistigen Ziellebens, vor der jungenhaft trainierten Muskulatur ihres vaterländischen Sinnes. Sie vor Deinem überweltlichen Sonnenkultus. Aber wenn Ihr beiden feindlichen Mächte – wenn Ihr Euch gegenseitig einander in die Arme schrecktet –! –«

Er hielt inne, sein Atem setzte aus, seine Augen waren qualvoll. Gisbert ahnte, daß hier eine Leidenschaft sich grausam gegen sich selbst entflammte, er nahm wortlos Kunz bei der Hand. Und der Händedruck sagte: Dein liebes Mädchen ist sie, und ich bin Dein Freund – und dann – längst hat mein Geschick sich erfüllt.

Dankwart tauchte auf. Wandelte durch die Morgenluft, erfrischte seine Erfinderstirn. Er bog auf sie zu. »Wie sieht die Heide aus? Sie dampft in dem roten Schein. Blutdampf sagt man dazu bei uns zu Hause. Jede Heide hat Blut gesehen. Raucht sie so rot, gibt es neue Bluttaten.«

Die Heide, die seine Heimat war, machte ihn redselig und phantastisch. Er hatte seine Ahnungen, wie Kunz. Gisbert aber war mit seinem Geist über den 201 irdischen Visionen, die aus dem Boden rauchen. Dankwart erzählte, der Balbutz war gestern in der Stadt. Er hat die feine Nase. Und hat sowas von Verschwörung gerochen – Verschwörung gegen uns.

Es war dann an der Morgentafel davon die Rede. Die Anzeichen wurden geprüft. Horst nahm sie nicht schwer. Was sollte ihnen geschehen? Die Maschinengewehre bereitgestellt – stets die nötige Mannschaft in oder bei der Baracke – die andern immer in erreichbarer Nähe – dann müßten die Angreifer schon zu Hunderten über sie einbrechen. Das aber sei der große Bürgerkrieg, und der komme nicht über Nacht.

Immerhin – die Vorsicht wollten sie natürlich nicht außer acht lassen. Und je mehr heute am Sonntag häuslich blieben, um so besser.

 

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