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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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Die Schlacht an der Katzbach

Die Siedler arbeiteten im Felde. Über ihnen die klingende Frühlingsweite. Kunz pflügte mit seinen Schecken. Er war zufrieden und sang. Die Morgenluft hatte alles aus seinem Schädel geweht, was da noch dumpf von Krisenstimmung und Palastrevolution herumrumorte.

Und Horst war von der Verantwortung getragen. Jetzt, wo alle Betriebe lebten, die Landarbeit, die Ziegelei, der Torfstich, wo alle Fäden in seiner Hand 168 zusammenliefen, war er mehr als je der Führer. Er selbst betonte sich die Führerschaft, geflissentlich und hart.

Es war da etwas gegen ihn aufgestanden – in sein Empfindungsleben hatten sie greifen wollen – was im Grunde um so plumper ist, je rücksichtsvoller es sich gebärdet! Und wenn nun gar die Freundschaft ihr Lied hineinsingt –! Solches lehne ich ab! Ich bin, wer ich bin! Wollt Ihr mich nicht so – ich will mich so! Und es gilt den Kampf.

Er fühlte sich allein. So ist die Höhe. Und stark ist die Einsamkeit.

Nach dem Torfstich wandte er sich, zum Moor. Er würde Lona sehen. Durfte er? Mußte er dafür nicht einen Genossenschaftsbeschluß in der Tasche haben? Ein Lächeln. Und er dachte an sie mit einer Art trotziger Innerlichkeit.

Beim kranken Torfmeister fand er sie. Ihre Pflege hatte Wunder getan, der Alte war fast ohne Schmerzen. Die zwei saßen nebeneinander beim Fenster. Sie schauten und horchten aufs Moor. Er hatte seine Pranke auf ihren Unterarm gelegt, der eine Schönheit war. So zogen seine alten Glieder sich die Heilkraft aus ihrem jungen Leib.

»Mein Lütt ist mein Segen«, sagte er. »Und wenn sie sich nun noch aufs Moor verstünde – und das Moor sich auf sie –! –« Dies war sein Kummer. »Denken Sie,« sagte er zu Horst, »sie kann hier nicht schlafen. Wie kann man hier nicht schlafen, wenn das Moor neben einem atmet.«

»Aber es stöhnt im Schlaf«, rief sie. »Wie ein Riese, der sich den Magen verdorben hat.«

Der alte Lud schüttelte den vermoosten Schädel. »So kommt Ihr Euch nicht bei.«

Lona trotz ihrer Schlaflosigkeit blickte aus klareren Augen in die Welt. Von der Güte der Pflegschaft 169 lag es weich um ihren herben Mund. Etwas wie friedliche Versonnenheit war über sie gebreitet.

In Horst ging es auf: ist sie nicht wie befreit, von einer inneren Not, einem Druck, einem Zwang? Da die furchtbare Pflicht von ihr genommen ist – die Pflicht ihrer Rache!

Er mußte an sich halten. Gräber wälzten sich gegen ihn, deutsche Gräber. Aber das Goethewort hallte in ihm nach: »Über Gräber vorwärts!«

Pastor Waermann hatte es gesprochen. Und hier war eine – auch ein darbendes Kind der deutschen Erde – die auch vorwärts schritt, auch hinaus strebte aus dem Fluch, aus den Fesseln des Vergangenen und enger Gelöbnisse. Der sie jetzt die Orgel nicht gönnen wollten, die ihre Erhebung war, die auf den Weg zum Ewigen ihr leuchtete.

Morgen am Sonntag rede ich darüber mit Pastor Waermann.

Und er sagte es ihr. Sie hatte dafür einen dankbaren Blick. »Ob ich aber gerade bei Pastor Waermann Gegenliebe finde?«

»Bei ihm am ersten.«

»Pax vobiscum beten die Christen – bellum aeternum den Pazifisten!«

»Darin ist er nun wie ich: um –isten und sowas kümmert er sich nicht, auf Endungen gibt er nicht viel. Und der Kern der Sache –«

»Ist, daß Lütt Orgel spielt!« rollte Lud Uhlenbrook dazwischen. »Bedanken sollen sie sich, der Pastor und der Herrgott und die Kirche und jedeiner, der mit seinen langen Ohren einen Ton davon aufzuschnappen kriegt!«

»Lud, was weißt Du von meinem Spiel!« Ganz mädchenhaft war ihre Abwehr.

»Ich hab Deinen Vater spielen hören. Und in meiner besten Stube« – er schlug sich an die Brust – »ist 170 seit der Zeit Festesfreude. Wenn sie Dich nicht spielen lassen – wir stürmen die Kirche – was, Herr Oldefeld?«

Seine Pranke hob sich zu mächtigem Schlag und ruhte dann wieder aus auf der köstlichen Armrundung seines Lieblings.

Dann lud er Horst ein, morgen den Sonntagnachmittag bei ihnen zu verbringen. Freudig sagte der zu, ganz glückhaft vergessen. Plötzlich fiel es ihm ein: ich kann ja nicht. Und er ließ sie es wissen. Seine Jungen kämen morgen aus der Stadt heraus zu ihm.

»Was wollen die?« fragte der Alte.

»Soldat spielen.« Horst hielt nicht hinterm Berge. Er sah, daß es um Lonas Mund zuckte. Jugendverführer! mochte das heißen. Er konnte es nicht ändern – o nein und wollte es auch ganz gewiß nicht.

»Natürlich«, knurrte der Alte in zustimmendem Behagen. »Was wollen Jungen sonst! Wir haben es so gemacht, und solange die Welt steht, wird sie's so machen. Jungs sind Soldaten und wollen Soldaten sein. Und warum ist es so?« Hier faßt er dem großen Weltgeheimnis an den Puls. »Weil die kleinen Mädchen es so wollen!«

»Lud, das ist nun mäßig.« Lona lehnte sich auf, aber sie ließ ihm ihren Arm. »Frauen kennen Besseres als rasselnde Säbel.«

Das war ganz gewiß auch auf Horst gemünzt. Der aber schwieg.

»Lütt, Ihr Aufgeregten guckt so oft an der Welt vorbei – und glaubt dann, sie ist anders. Aber sie bleibt wie sie ist, und Soldat ist und bleibt Trumpf für die Frau. Und ich kann Dir auch verraten, wovon das ist. Guck, alles könnt Ihr Frauen meinetwegen werden – Doktor und Apotheker und Advokat und Priester und Küster. Bloß nicht Soldat. Und weil das das richtig Männliche ist, darum ist das auch das Richtige für die Weiber. 171

»Denn das Höchste, Höchste ist für mich ein Reiter,
und das Leben labt und lebt und liebt sich weiter!«

Horst brauchte keine Reiterlieder anzustimmen. Von dem blanken Mannesmut, dem die Frauenhuld gehört. Die totsichere – die lebenssichere Gewähr dafür, daß dieser Geist sich auch fortpflanzt und nun und nimmermehr ausstirbt. Er freute sich daran, wie der Alte die Klinge schlug. Und war es zufrieden, daß er selbst im Hintergrund bleiben konnte – jetzt, wo Lona, die Gebändigte, selber in der Beschaulichkeit sich hielt.

So sagten sie sich still und friedfertigen Sinnes Lebewohl. Horst verhieß, er würde Sonntag abend nach dem Manöver noch herüberkommen und den Kirchenschlüssel bringen. –

Die Jungen strömten heraus mit singenden Lungen und hochschlagenden Herzen.

Sie lagern am Fuße der Goldberge. Horst, in der Mitte des Kreises, hält ihnen Vortrag. Mag das ganze eine Kinderei sein, ein Stammeln im Geiste. Aber gleichviel – auf den Geist kommt es an.

Wir haben hier – so spricht Horst – ein ausgezeichnetes Katzbach-Gelände. Da, die beiden Rinnsale, die von dem Südhang sich abzweigen und ins Moor fließen: Katzbach und Neiße. Drüber die Hochebene. Also heute: die Schlacht an der Katzbach!

Begeisterte Zustimmung leuchtet aus all den jungen Augen.

Wie Horst nun begann die Kriegslage zu erläutern, fand auch Kunz sich ein. Aber er blickte nicht auf das Schlachtgelände, drehte der Strategie den Rücken und hielt mit den Augen die Moordorfer Straße.

Horst erklärte: Napoleon hat versucht, mit großer Übermacht Blücher in Schlesien zu stellen. So dumm ist der Alte nicht – er weicht aus, geht vom Bober hinter die Katzbach zurück und wartet, bis der Kaiser mit einem Teil seiner Armee nach Sachsen zurück muß, 172 da das böhmische Heer anmarschiert. Macdonald erhält den Befehl über die achzigtausend Mann, die den – natürlich! – ›in Auflösung begriffenen Feind‹ weiter verfolgen und vernichten sollen. Bei Blücher haben Russen den rechten und linken Flügel, unter Sacken und Langeron. Das Zentrum befehligt York. Er hält sich hinter Anhöhen versteckt – ahnungslos steigen die Franzosen zu dem Plateau empor. Blücher befiehlt: laßt so viel Feinde herauf, wie Ihr wieder hinunterschmeißen könnt! So geschieht's. Dann beginnt die preußische Brigade Hühnerbein den Tanz, mit Bajonett und Kolben fegt und schmettert sie die Franzosen den Abhängen zu. Aber Macdonald treibt immer neue Massen auf die Höhe. Ein preußischer Kavallerieangriff unter Jürgaß verpufft. Da stürmt der Alte selbst und sein Liebling Katzeler mit preußischen und russischen Reiterscharen gegen den Feind. Kräftig hilft die Infanterie Yorks und Sackens nach – während Ehren-Langeron es vorzieht, Gewehr bei Fuß zu bleiben. Der Franzose wird ins Neißetal geworfen, in den brausenden Strom. Der Sieg ist errungen.

So die kurze Erläuterung. Nun wandern sie durch das Schlachtgebiet. Fröhlich schmunzelt die Fantasie zu den »reißenden Gebirgswassern«. Die einzelnen Stellungen werden bezeichnet. Dann geht es an das Einteilen der Heerkörper, an die Ernennung der Führer.

Natürlich will niemand Franzose sein. Erst wie Horst die Rolle Macdonalds übernimmt, bekommt er sein Heer zusammen. Auch die Russen sind nicht begehrt. Kunz muß sich erst zu dem Jammerkerl, dem Langeron, entäußern. Allerdings hat er dafür den Vorzug, auch sein eigener Heerkörper zu sein – zum Nichtstun bedarf es keiner weiteren Kräfte – und in träumerischer Einsamkeit die Spitze des Moordorfer Kirchturms und die Straße vom Dorf, die so freundlich verheißende, zu betrachten. 173

Auch hat der Posten, der ihm zugewiesen ist, alle Anwartschaft darauf, nicht mit rührender Treue gehalten zu werden. Vielleicht, daß dieser Frühlingssonntag doch noch etwas anderes mit ihm im Sinne hat, als daß er hier den traurigsten aller Wutkigenerale an den Pranger der Unsterblichkeit stellen muß.

Die Moordorfer Straße – eine Straße wie die andern auch. Vom grauen Staub bedeckt, von grauen Bäumen mürrisch bewacht, die der Frühling noch nicht hat entzünden wollen. Und heute ein grauer Himmel über allen Dingen.

Wie aber wird dieser graue tote Weg, auf dem heute niemand geht und niemand fährt, wie wird er zu leuchten anfangen, ein goldener Streif, eine Sonnenbahn, wenn zwei Mädchenfüße ihn betreten!

Wartest Du, Straße, nicht auf diese Füße? Ja, ja – Du bist nichts als ein Warten, als ein Dichdarbieten, als ein Sietragenwollen! Was gibt es auch Herrlicheres für einen Weg, als von dieser unsagbaren Anmut zu federn und zu schwingen!

Nicht wahr, Du, Straße, sehnsüchtig wie ich, Du führst sie mir her, sie weiß ja, daß hier heute Kriegsspiel ist. Was gibt es Lockenderes für sie? Und sie ist mein Kamerad. Wenn ich dabei bin, muß sie doch auch dabei sein! Straße, gedenke Deines Berufes! Trag ihre Schritte! Bring sie mir her!

Der Ehrgeiz der Jungen warb um die Führerstellen. Blücher war natürlich Dr. Georg Stump – an den greisen Marschall hätte auch ihre Bewunderung kaum zu rühren gewagt. Eher schon trauten sie an York sich hinan – der primus omnium, ein ernster, kantiger und steifnackiger Junge ward auserlesen.

Am meisten umworben war Blüchers Verzug, Katzeler, der kühnste und verschlagenste aller Reiterobersten. Als solcher durfte Fritz Röder vor seinen Schwadronen bergan traben, ein Junge, rosig, 174 leichtsinnig, sorglos und liebenswürdig verschmitzt – seine Besonderheit war, listig sich mit der Kamera lustig verfängliche Situationen zu greifen.

Und nun ist Krieg. Die feindlichen Heere haben sich aufgestellt. Horst-Macdonald klimmt mit seinen Scharen die Höhe hinan, die Aufklärung versagt plangemäß, in breiter Linie fluten sie auf den Gipfel.

Wie ein unbändiges Meer wogt die versteckte Brigade Hühnerbein. Schwer ist sie zu halten. Jetzt! Das Kommando! Sie brechen vor auf die Feinde –

Ein erbittertes Handgemenge. In Paaren kugeln sie auf den Boden. Die Franzosen müssen zurück. Aber Macdonald – zu spaßen ist nicht mit dem schlachtenerprobten Marschall, dem Helden von Wagram – er führt neue Truppen ins Feuer – der Kampf steht –

Jetzt ist die Stunde der Reiterei gekommen. Wie das Donnerwetter preschen Blücher und Katzeler mit den Regimentern gegen die Anstürmenden. Und Yorks Infanterie gibt ihren Senf dazu.

Aber – aber die gerufenen Geister – so leicht sind sie nicht los zu werden. Ist es die Schwärmerei für Horst, ihren Führer, ist es der Zorn, daß sie die Franzosen sein müssen – Macdonalds Soldaten stehen und verbeißen sich. In Einzelkämpfen. Sie sind die gewandteren Ringer und bleiben oben. Der große Kavallerie-Angriff und mit ihm das ganze Programm droht in die Brüche zu gehen. Kommandos und Signale werden in der Kampfeswut nicht mehr gehört, die Franzosen dringen erbittert weiter vor, das Bild der Katzbacher Schlacht beginnt, sich heillos zu verschieben und zu verzerren –

Da – was begibt sich? Man weiß, wie oft in die Entscheidungsschlachten der Völker überirdische Mächte, himmlische Erscheinungen eingegriffen haben – Erzengel mit dem Flammenschwert, die Geister sagenhafter Helden oder heilige Frauen im Glorienschein. 175

Und hier – eine Elfengestalt – ein Wesen aus einer anderen Welt – an die Spitze der wankenden Preußen tritt sie – eine Begeisterung, übermächtig, braust durch die Herzen. Die Reihen schließen sich, sie stürmen vor, unaufhaltsam, sie siegen, sie siegen. Und der Feind liegt am Boden.

Kunz, wo hast Du Deine Augen gehabt? Hast Du so lange auf die Straßenlinie gestarrt, wie das Huhn auf den Kreidestrich, daß Du davon eingeschlafen bist?

Vita, Deine Vita ist ja längst zur Stelle. Mit ihrem Vater ist sie gekommen, der heute hier auch nicht fehlen darf. Jetzt steht Horst bei ihr und drückt ihr die Hand, daß sie die geschichtliche Wahrheit gerettet hat. In scheuer Verehrung umkreisen sie die Jungen.

Kunz findet sich schnell hinzu – es zwickt ihn wie die bittere Wehmut einer leichten Eifersucht, es liegt ihm ganz und gar nicht, überflüssig zu sein. Sie begrüßt ihn mit ihren hellen eifrigen Augen. Wie durchrieselt ihn die Freude an ihrer Kindlichkeit. Die ihm, ihm einmal erwachen soll!

Eine Pause gibt es. Wieder lagern sie alle. Die Kritik ist mühelos erledigt. Jeder bekommt seinen Wischer. Nur die Vision wird gefeiert, der Geist und des »Geistes Tochter«, die Begeisterung.

Die drei Männer, Horst, Pastor Waermann, Dr. Georg Stump unterhalten sich über das Leben in Blüchers schlesischem Hauptquartier – der eine weiß dies, der andere das. Die Jungen hören zu mit dürstender Hingabe. Hier ist Trank aus deutschen Quellen.

Wie um den Alten, den sie den »rohen Husaren«, den »Landsknecht« schalten, das regste geistige Leben blühte. Nichts mehr von dem alten bildungsfeindlichen, plumpen Hohn des Kasernentons. Die Helden dieses Kreises, Gneisenau voran, Rühle von Lilienstern, mit Heinrich von Kleist innig befreundet, Schack, 176 Brandenburg, Oppen, – Offiziere von weitestem Horizont. Und auch die Haudegen Horn, der preußische Bayard, Jürgaß, Sohr, Katzeler, der tolle Platen, dem nie die Pfeife ausging – sie alle beileibe keine bloßen Plempenschwinger. Weiß man, daß die Offiziere in Blüchers Hauptquartier Shakespeares Dramen mit verteilten Rollen lasen? Und wieviel Leuchtkraft strahlte von den »Schriftgelehrten« Karl von Raumer, Friedrich Steffens, Friedrich Eichhorn aus! Keine Dumpfheit gab es hier, keine Enge, keine Verketzerung! Freimut die Losung! Alles Ehrliche galt, alles Faule wurde ausgebrannt, bei Fürsten wie bei Untertänigen!

O Du, unser Vater Blücher, auch heute noch – heute mehr noch als je unser Vater! Wie sang Pastor Waermann sein Lied!

»Bewußt und groß!« Erfüllt war sein Bewußtsein von der Sklavennot seines Volkes, seiner eigenen unerträglichen Not! Bewußt war er sich seiner Führerschaft, seiner Kraft, die Fesseln zu brechen – bewußt der Liebe seines Volkes, der Liebe seines Heeres, der Bereitschaft seiner Getreuen, mit ihm in den Tod zu gehen. Keiner ist so klaräugig wie er, mit so unverwüstlichem Vertrauen wie er, der Frische, der Kraft, der Freiheit deutscher Art sich innegewesen – groß war er im Glauben! Und so – bewußt und groß hat er die Volksseele gelöst, gehoben, beflügelt zum Freiheitsflug. Jeder Blutstropfen in ihm war Freiheit, jeder Hauch seines Atems rief nach Freiheit. Der große bewußte Freiheitsheld seines Volkes ist er gewesen. Und ist er uns geblieben, unser Schirmherr, unser Bannerherr, uns, seinen Urenkeln, auf die wiederum die Knechtschaft fiel – und die wiederum die Knechtschaft zerbrechen werden! In unserer Seele brennen und leuchten seine Worte: »Trage Fesseln wer will, – ich nicht. Ich bin frei geboren und muß auch so sterben!« 177

Es bebten die jungen Herzen, es zuckten die Augen.

Turnspiele folgten. Militärische Übungen. Horst sprach noch einiges über Technik in der neuesten Kriegsführung. Dann trennte man sich. Die Jungen waren vollgesogen bis ins Mark von stählenden Erlebnissen. Sie hatten Eisen ins Blut bekommen. Am nächsten Sonntag wollten sie mit tausend Freuden sich wieder einfinden.

Singend zogen sie der Stadt zu, singend das Trostlied ihrem Deutschland:

Wir sind die Jungen, wir sind die Kraft,
Jede Faser gestrafft und gerafft.
Wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,
siehst Du die nächtigen Wolken lohen?
Wir sind des Frührots lachender Schein!
Frei sollst Du sein!

Horst, der Pastor, der Doktor, Vita und Kunz gingen eine Strecke im Takte mit. Der Doktor sprach mit Horst. Er war stolz darauf, daß von seinen Jungen wieder nur die beiden räudigen Schafe fehlten.

Übrigens der eine von diesen, der Kommunist, ein unheimlich begabter Mensch. Ein musikalisches Genie. Lebte als reiche Waise im Hause einer halb verrückten Tante, die ihn frei gewähren ließe. Jetzt hätte er Klavierstunde genommen bei der Nihilistin, die die Stadt unsicher machte.

Lona also. Diese letzte Wendung gefiel Horst nicht. Aber Doktor Stump sagte noch mehr von ihr. Natürlich sei der Junge rasend verliebt in sie. Eine Gefahr nicht bloß für ihn. Eine Gefahr, die weitere Kreise ziehen könne. Höchstwahrscheinlich lasse sie alle Minen springen, um Bresche zu legen in die Reihe der Primaner. Für die sie natürlich etwas lockend Geheimnisvolles und Verbotenes sei.

Horst trug an einem Unbehagen. Aber die Vertraulichkeit einer Entgegnung, einer Auseinandersetzung 178 widerstrebte ihm. Und der Doktor, so ehrlich wie befangen, ging weiter im Text. Von all den Aufwieglern in der Stadt sei sie ohne Frage die Bedrohlichste, schon als die geistig Bedeutendste. Und ihr Zauber, um den die männliche Jugend zu kreisen geneigt ist –! –

»Wer weiß,« rief der Lehrer erbost, »ob ich Ihnen das nächste Mal noch all diese Jungen wieder hinausbringe!«

»Sie meinen –! –«

»Nicht unmöglich, daß sie ein pazifistisch-musikalisches Jugendkränzchen mobil macht, gegen unsere vaterländische Jungmannschaft! Die Erregung gegen sie ist im Wachsen. Vielleicht steht ihr so mancherlei bevor!«

Nun richtete Horst sich steil auf. »Sie ist eine Frau, eine Dame –!«

»Sie macht Politik. Und Politik ist geschlechtslos –«

Die anderen traten hinzu, sie wollten umkehren. So verabschiedete man sich.

Horst ging versunken den Weg zurück. Die drei Andern sprachen lebhaft, er blieb mit sich allein.

Lona – sie laufen Sturm gegen Dich. Wären wir im Mittelalter, machten sie Dir als Hexe den Prozeß. Denn Du trägst Dein Mal. Dein unglückseliges zerrissenes Leben, Dein zerwühltes Gemüt, Deine flammende Sehnsucht, die der Zeit voran fliegen will, hat Dir das Hexenzeichen aufgeprägt.

Ich versteh es, ich seh es, wie die Primanernacken nach Dir sich wenden. Wieviel Reiz ist in der blühenden Schlankheit Deines Wuchses, in dem Doppelleben Deiner Züge, in der Auferstehung Deiner Augen aus vergrabener Tiefe. Wer begreift es nicht, daß gerade junge Fantasie an Dir sich entzücken muß!

Dazu Deine Kunst und – abenteuernden Sinnen ein Zauber – Deine wilde fanatische Kampfstellung, auf geistiger Höhe. 179

Und nun – einen Wettstreit soll es zwischen uns geben, um die Seelen der Jungen? Ist es das, was mir am nächsten geht? Oder ist es der Wettstreit, den ich um Dich auszufechten habe – mit allen, deren Blicke und Gedanken um Dich streichen und werben, ob es die Jungen sind, ob die andern alle! Ob der Alte seine haarige Flosse auf Deinen leuchtenden Unterarm legt – was hat sie da zu liegen! Ob Deine Parteigenossen Deiner begehren und Dich umgirren!

Er kämpfte schon wie um ein eigenes Besitztum, zornig und heiß.

Was hatte der Schulmeister vorhin gesagt? Daß sie sich nicht scheuen werde, ihre Reize spielen zu lassen, um so die Jungen zu sich herüber zu ziehen!

War das nicht wie eine Beschimpfung? Wie hatte er das hinnehmen können! Und heftig fast wandte er sich jetzt an Pastor Waermann. Er habe eine Bitte. Eine ihm bekannte Dame, Künstlerin, Meisterin auf der Orgel, möchte dann und wann in der Moordorfer Kirche spielen dürfen. Kunz spitzte die Ohren.

»Das soll sie!« Der Pastor gab gern seine Einwilligung.

»In der Stadt macht man ihr Schwierigkeiten,« erklärte Horst ehrlich. »Weil sie Kommunistin ist.«

Pastor Waermann wußte von ihr. »Ich muß offen gestehen – unbehaglich ist sie mir ja – aber darum –!«

Horst, der empfindlich gewordene, wollte gegen das »unbehaglich« sich ins Zeug werfen. Dann aber griff er es willig auf. »Sie ist sich selbst nicht behaglich – zerquält, vom Leben zerschlagen. Nur in ihrer Kunst kann sie sich wiederfinden. Und gerade die Orgel trägt sie auf andere Bahn. Es dämmern Bekehrungsmöglichkeiten –«

Dann brach er jäh und unwirsch ab. So was wie gemeinsames Rettungswerk widerstrebte ihm aufs 180 tiefste. Und da er von Wandlungsmöglichkeiten sprach, verriet er hier nicht heimliche Hoffnungen?

Kunz mit Vita ließ seinem Unmut die Zügel frei. Längst hatte er vor ihr keine Geheimnisse mehr. Eine selbstverständliche Vertraulichkeit band die jungen Herzen. »Horst orgelt sich da selbst in etwas hinein. Solche innere Mission färbt immer ab. Er soll die Finger davon lassen. Er braucht – wir brauchen seine reinen Hände!«

Schwer ging seine Brust. Vita sah, wie er litt, an quälender Sorge. Sie nahm seinen Arm. Da durchrann ihn das Glück. Und er hob sich fröhlicher. »Das Siedlungswerk soll nicht untergehen! Deutsche Augen – deutscher Glaube sind auf uns gewandt. Wenn Horst uns versagt – er darf es nicht, denn alles hängt an ihm – aber wenn, wenn – Dankwart ist zu sonnenlos und Gisbert, der jetzt kaum noch was Irdisches hat, schwimmt in seinen Unendlichkeiten. Dann muß ich – ich wachsen an meinen Pflichten!«

Sie blickte zu ihm empor. Alles Kindliche, Spielerische fiel von den beiden ab. Eine Weihe der Kraft schloß die jungen Menschen zusammen.

 

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