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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Über Gräber vorwärts

Frau Tilde war bei Gisbert. Er hatte schon das Bett verlassen und saß im Stuhl, so schnell ging es mit ihm nach oben. Dankbar war Gisbert. Dankbar trank er das Leben in sich auf. Und leuchtend sprach er: »Wie sagt der große chinesische Weise? Was ist der Inbegriff aller Erkenntnis und ihrer Freude? Ich atme bewußt. Und wem danke ich es?« Zu ihr hob sich seine Hand.

Nichts Heimliches, nichts gesucht Vertrauliches – die ganze große mutige Selbstverständlichkeit sprach. Sie waren beieinander, als hätten sie sich von je gekannt.

Tilde sah ihn an, mit der weiten wehen Klarheit ihrer Augen. »Von Vater hörte ich eben das Gegenteil. Das ›but intoxication‹. Wie ist er anders 141 geworden! Man ist hellsehend bei denen, die man liebt. Und ich sehe – das Schlimmste.«

»Ich fand ihn erfrischt – durch den Kampf.«

»Das ist der Rausch, von dem er selber spricht. Wie lange kann ein Rausch dauern? Ich fürchte mich vor dem Erwachen.«

Schwerer wurden ihre Augen. »Ich bin immer – schon als Kind – diesem leidenschaftlichen Hang zur Einsamkeit nachgegangen. Das Leben straft uns an unseren Leidenschaften. Nun werde ich bald niemanden mehr haben.«

Gisbert bewegte sich zur ihr hin, Ergebenheit bis in den Tod reichten seine Blicke ihr dar.

»Und ich hab noch keinem Glück gebracht –« fast warnend sprach sie es aus – »keinem, der mir etwas war – der mich befreite von meiner Sucht, mich in mich selbst zu begraben. Als ob alle es hätten büßen müssen.«

»Gnädige Frau –«

»Ich weiß, das ist wie eine lächerliche Eigenwichtigkeit. Aber, warum mußte alle, aber auch alle, die mir nahe standen, diese Zeit verschlingen oder zerbrechen?«

»Sind wir nicht alle zerbrochen?«

»Doch nicht so, bis ins Lebensmark. Die mir geblieben sind – mein Vater, mein Mann – bloße Schatten. Und alles andere ist mir gestorben. Meine Freundin, die einzige, die ich hatte – der Gram um ihren gefallenen Mann hat sie ihm nachgezogen. Meine besten Freunde waren meine Brüder – sie sind nicht wiedergekommen. So sieht es um mich aus.«

Du sollst nicht klagen, Du sollst nicht traurig sein – machtvoll sehnsüchtig klang es in Gisbert auf. Und ein Glück trug ihn empor. Daß Du so zu mir sprichst! Dich so mir offenbarst! Ich bin Dir etwas – Du fühlst, wie alles, was ich bin, Deinem Wesen zuströmt! 142 Dir dienen will ich, mit allem, was ich bin! Dir geben, alles, was ich habe! Dir, Dir, Du Schmerzensreiche, Du Gebenedeite!

Sie spürte die schwärmende Glut. Sie selbst mußte ihr wehren. Ihre Sehnen strafften sich. »Gut, daß die Arbeit auf einem liegt. Unser alter Inspektor ist der Sache nicht mehr gewachsen. Und Achim –« ein weher Zug grub sich ein – »bereitet sich auf ein großes Match vor. Dennoch hätte ich Vater gern was von seiner Bedrängnis abgenommen. Wir sind glimpflich davon gekommen. Obwohl wir uns das Schlimmste vermuteten. Oder deshalb? Wie ist Vater, der gutgläubige, für seine Einbildungen gestraft.«

Herr von Borkhus kam jetzt, sich selbst nach Gisbert umzusehen. Er war aufrecht, in fester Haltung, berichtete von dem Ausstand, daß die Nothilfe der Gymnasiasten die Wut frisch aufgepeitscht habe, und als Neuestes – ein ehernes Lachen klang in seinen Worten – daß Strempel sich weigere anzuspannen und den Herrn zu fahren.

»Strempel!« Wie geisterhaft tönte es zurück aus Frau Tildes Mund. Ihre Augen forschten erschreckt in des Vaters Zügen. Die blieben hart.

»Ja, Kind. Oh, wir brauchen noch viel Belehrung.« Geradezu ausgelassen: »Sag Mädel, bin ich nicht einfach gereift auf den Mann? Schaubudenhaft? Habe ich mich nicht mit ihm dem Publikum gezeigt? Hier seht Ihr es, meine Herrschaften! Es gibt ein Glück des Gehorchendürfens! Sofern der, der befiehlt, auch selber am rechten Ort zu gehorchen weiß. Es kann ein freies und stolzes Wort sein: ›ich dien‹! Ja, Kind, nun ist die Schaubude umgeweht. Komplett.« Und er lachte ehrlich.

»Vater –«

»Und jetzt – Herrgott, ganz jung wird man wieder! Was war für mich als kleinen Bengel die größte Lust? 143 Selber anspannen! So tue ich's also jetzt wieder und fühl mich als Junge. Ich muß heute noch nach Trent. Besprechung der Besitzer. Der Korpsgeist hat nun den Stoß, den er braucht.«

»Ich fahre Dich, Vater.«

»Kannst mitkommen. Du gehörst ja auch dahin. Oder ist Achim da?«

»Nein. Achim – übt.«

»Nun, dann komm. Auf Wiedersehen, Herr Hegendorf! Und weiter steife Ohren.« –

Der Ausstand war zusammengebrochen. Die Führer wüteten. Die Industriearbeiter in der Stadt höhnten. Es fehlte diesen »Landlümmeln« doch an Schwungkraft und Kampfdisziplin.

Doch aller Haß und Zorn brandete gegen die Siedler. Diese Klopffechter des Rückschritts, die der dunklen Sache den Sieg verschafft hatten. Aber wir werden es Euch eintränken! Wenn wir die Führer nur fassen! Und wir fassen sie. Und dann an die Chausseebäume mit ihnen!

Die Moorhofer Leute fanden sich wieder zur Arbeit ein. Mit einem Lächeln sah Herr von Borkhus dem allen zu. Aber seine mächtigen Augen froren darüber hin, wie über ein Schauspiel, das ihm innerlich nichts zu geben hatte. Und das Lächeln, wie vereist, schwand kaum mehr aus seinem Gesicht.

Nicht als Strempel sich wieder zum Dienst meldete, hündisch, verbogen und verkniffen. Sie wären alle »komplett verrückt« gewesen.

Steinern machte Herr von Borkhus noch einmal die Runde über seinen verwüsteten Hof. Wie er dann abends bei Tisch saß, der Horst, Kunz und die neuen Helfer von der Siedlermannschaft als Gäste sah, war er der liebenswürdigste Wirt, dankte »seinen Freunden«, sprach aber sonst kein Wort von dem, was seinem 144 Moorhof geschehen war. So daß auch die andern davon schwiegen.

Statt des, mit einer eigenen eisenkalten, eisenharten Ruhe, wie der Wut zum Trotz, die all die Zeit in ihm gebrannt und gefressen hatte, führt er selbst die Rede zu dem, was die deutschen Herzen zermalmt. Blickt er selbst mit großen, freien, klaren Augen, in denen der unzähmbar wilde Grimm sonst wühlte, dem Erbfeind ins Gesicht. Eine schmerzlich stille Überlegenheit ist in seinen Worten. Ein fast verklärter Trieb, der Wahrhaftigkeit ein letztes Opfer zu bringen.

»Man wird gestraft an dem, wofür man seine Schwäche hat. Was sind wir dem Franzmann immer nachgelaufen! Wer von uns, der nicht – oft unter eigenem Widerstreben – eine Art Zärtlichkeit für Frankreich gehabt hat!«

»Ich!« rief Kunz frei und hell. »Stets habe ich wie unser Blücher gefühlt: ›dies Volk ist mir zuwider‹.«

Borkhus hielt, Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit, fest an seinem Gedanken. »Und doch frage ich: auf wen haben die geistigen Reize Frankreichs nicht gewirkt? Nicht nur die Stilkraft seiner Mode – die ganze heitere Beweglichkeit seines impulsiven Wesens, das in allen Widersprüchen schillert!«

Horst stand ihm bei. »Weiß Gott, langweilig war das Volk nie. Dem alles ins Schrankenlose, ins Absolute sich überspannt. Absolut in seiner Mathematik, seinem Rationalismus, absolut in seiner Mystik. Das Land des absoluten Cäsarentums und der absoluten Freiheit. Im Absolutismus knieend, wie mit Bewußtsein, um sich im Individualismus zu befreien. Immer taumelnd von Aktion zur Reaktion, aber immer aktiv und immer radikal. Immer das Umschlagen von der Hingabe zur Auflehnung, von der Pietät zum Umsturz. Stets im Gegensatz zu sich selber.« 145

»Und dabei immer auf Wirkung bedacht, und immer der Wirkung sicher«, ergänzte ihn Borkhus wieder. »Der glänzendste Regisseur seiner selbst. Denn Theater – Theater ist ihm nun einmal die Welt, die Geschichte. Gewiß, das ist kokett, gefallsüchtig –«

»Weibisch«! schmetterte Kunz darein.

»Ohne Frage«, vermittelte Horst. »So wahr die Frau stets im Mittelpunkt der französischen Kultur, auch der französischen Politik und Geschichte gestanden hat. Aber auch hier eine Spannweite, wie sie monumentaler nicht gedacht werden kann–von einer Jeanne d'Arc über die Heloise zur Maintenon! Auch hier die klassischen Extreme. Auch hier die Größe der Antithese. Und in der Bewegung, die sie überwindet, der leichte, unbekümmerte, heitere, spielende Flug.«

Für Kunz war das Maß zum Überlaufen voll. »So sind wir also einmal wieder objektiv. Und die deutsche Gerechtigkeit darf sich in die Brust werfen. Gut. Über das Frankreich von einst mag man so denken. Wer aber heute bei uns von der ›Schwäche für dieses Volk‹ nicht geheilt ist« – er sprach mit ungehemmter Leidenschaft – »der ist vermorscht und verfault durch die Knochen hindurch bis ins Mark.«

Sie ließen gern sein ehrliches Ungestüm gewähren. Der Baron fragte dann: »Sie haben in der französischen Gefangenschaft ihre besonderen Erfahrungen machen können?«

»Das habe ich. Und ich freue mich, daß ich der grande nation so habe an den Puls fühlen können. Ehre und wiederum Ehre der deutschen Sprache, daß sie kein Wort hat für das, was Franzosen an deutschen Gefangenen verübt haben! An wehrlosen, kranken, blutenden, hungernden Gefangenen. Die Franzosen haben ein Wort dafür. Sie nennen sich ›ritterlich‹, sie nennen sich ›großmütig‹. Gegrüßt seist du, französische Ritterlichkeit! Die Gefangenen, verdurstet, 146 verwundet, lahm, zerlumpt – mühselig wanken sie vorwärts durch die Gassen. Das Volk strömt herbei – Männer, Weiber, Pfaffen, Kinder – mit Steinen, mit Schmutz, mit Spaten, mit Knütteln werden die Hilflosen bearbeitet. Wer am Boden liegt, wird ausgeraubt. Ein Triumphgeheul der Sieger in so gloriosem Kampf! Sei gegrüßt, französische Großmut! In Kellern, die unter Wasser stehen, auf Mistlagern ist das Nachtquartier. In schmierigen Konservenbüchsen wird stinkige Brühe gereicht, die der Ekel fortschüttet. Und die Wachmannschaft – die Soldaten – Kämpfer, die Kämpfer geleiten – nicht wahr, unter der Waffe ist Ehre – sie wehren dem Graus? O nein, sie grinsen dazu – sie grinsen. Sei gegrüßt, französische Ritterlichkeit! Ihr müßt sie ja kennen, ihr Franzosen, die ihr sie benennt! Aber hoch preise ich mich, daß auch ich das Brandmal trage, von französischer Großmut mir eingepreßt. Immer brennt es, immer flammt es in Feuerschrift! Bei mir, wie bei Tausenden! Niemals, so lange wir atmen, werden wir aufhören, Zeugnis abzulegen von französischem Geist! Denen, die nicht sehen wollen, werden wir in den Augen liegen mit unserem Flammenmal! All denen, die nicht mit dem zufrieden sind, was sie hier zu Lande jetzt am eigenen Leibe erleben! Und heil uns, heil Deutschland, daß wir diesen, diesen Nachbarn haben! Was die deutsche Seele nicht aus sich selbst vermag, er, er wird es vollbringen! An französischer Ritterlichkeit wird die deutsche Seele genesen und sich erheben!«

Borkhus – wo war die Verklärung geblieben, die objektive Erhabenheit? – er reichte Kunz mit brennenden Augen stumm über den Tisch seinen machtvollen Händedruck.

Und weiterhin ließ Kunz seine Munterkeit aufmarschieren. 147

»Natürlich fehlte es uns nicht an Komödien. In diesem Lande der Komödianten. Wir kamen als Gefangene nach Südfrankreich, in ein altes Kastell. Sein Kommandant ein uriger Knochen, giraffenlang, mit ewig wiederkauenden Kinnladen – seine Untergebenen nannten ihn denn auch ›camé léopard‹ – die blaue Nasenspitze wühlte in dem verbasten grauen Schnauzbart, nie machten die tranigen Augen die Läden auf – und immer in Sprit! Ein doller Don Quichotte. Und kam sich als der Kriegsgott vor. Hatte denn auch als wahrhaft solcher seine Geistesgegenwart in allen Schlachten durch Abwesenheit des Körpers dokumentiert. Nun waren außer mir noch ein paar schwere Jungen da – Hatz von der Brah, der bekannte Rennreiter, der Munterste. Und in einer Nacht heckten wir wieder einmal was aus. Eine klobige Metallsache – als Zauber im Morgennebel gedacht, dem Alten zu Ehren. Alle eisernen Öfen wurden mobil gemacht, samt allen Ofenrohren. Kanonen wurden aufgebaut in dem Hof. Unter den Schlafdecken machten Kameraden die Gäule, die wir bestiegen, unsere blechernen Waschschüsseln als Stahlhelme auf den Häuptern, die eisernen Ofenhaken als Schwerter zu Händen. Die wachthabenden poilus hielten sich den Bauch ob dem hahnebüchenen Ulk, sie gönnten ihrem Leopardenkamel unseren Streich. Und jetzt, wie wir uns aufgestellt haben, da brüllen wir los »Deutschland, Deutschland über alles!« Da oben, der Alte ans Fenster, visionär klappen die blöden Glotzaugen auf – Entsetzen – er schreit: aux armes! aux armes! – fährt in die Kleider, verliert das Herz in die Hosen und die Hosen mit dem Herzen. Erst als seine Soldateska sich ausgekugelt hat und wir wieder unschädlich gemacht sind, traut er sich in unser Verließ. Wie es sich gehört, kommen die Übeltäter ins Prison, wir Rädelsführer in schweres. Und das ist unser Glück – Hatz und ich brechen aus. 148 Wie wir uns dann zur Front zurückgefunden haben – durch Mittelfrankreich hindurch, das ist ein Kapitel für sich. Und das Verdienst von Hatz. So was wie den hat die Welt nicht mehr gesehen. Der häßlichste Kerl, und hatte doch alle Weiber am Bändel. Fröhlich wie ein Buchfink, sittenlos wie ein Sperling – und ein Sprachgenie. Sobald er ein Mädel geküßt hatte, redete er ihre Mundart. Sein Patois war unser Schutzengel. Nun, von dem allen erzähle ich ein nächstes Mal.«

Es gab noch Dienstliches anzuordnen. Die Siedler verabschiedeten sich und brachten ihre Maschinengewehre nach Haus. Horst war der Letzte bei Herrn von Borkhus.

Er hatte das Gefühl, als wollte der Baron ihn noch bei sich behalten und mit ihm sich aussprechen. Die Hand und auch die Augen ließen ihn nicht gleich los. In denen war wieder diese stille Gehobenheit, diese geklärte Ferne. Und dann drängte es in ihnen wie ein Bekennenwollen.

Jetzt aber versank Borkhus ganz in sich hinein und sprach leise zu dem jungen Freund: »Sie sind müde – es waren harte Tage. Ich bin es auch – sehr müde.« Damit sagten sie sich Lebewohl.

Gleich nach Mitternacht war es, da wurde Gisbert durch einen Schuß geweckt. Im Hause war er gefallen. Träumte etwas nach in seinem Ohr?

Ein stilles Lauschen in allen Räumen – dann lebt es auf, da und dort – Türen gehen – über die Dielen huscht es – jetzt ein erstickter Aufschrei – aus dem Arbeitszimmer des Herrn –

Gisbert soll noch nicht aufstehen. Aber es duldet ihn nicht auf dem Lager. Er kleidet sich notdürftig an. Geht auf den Korridor. Da kommt ihm der Diener entgegen mit irrem Blick – »Herr Baron – erschossen –« stammelt er – fassungslos irrt er um sich selbst – 149

Gisbert geht in das Zimmer. Hier liegt Herr von Borkhus den Kopf auf dem Schreibtisch. Aus der Schläfe strömt das Blut. Der Körper ist starr und tot.

Gisbert kann sich kaum auf den Beinen halten. Aber das Geschehene spannt ihn ein. Er gibt die Anordnungen. Zu Frau von Mönkhov, zu Horst soll geschickt werden. Auch zum Arzt, obwohl hier nichts mehr zu helfen ist.

Und nun kauert er nieder, er selbst zum Hinsterben schwach, der Kopf hohl, das Herz tonlos und flackernd. Selbst ohne Besinnung starrt er auf den Entseelten und hält, ein Lebloser, die Totenwacht.

So findet ihn Horst. Der nichts eher zu tun hat, als ihn ins Bett zu schaffen und ins Leben zurückzurufen. Dann, da der Puls wieder Dienst tut, wenn auch noch unwillig, kehrt Horst in das Totenzimmer zurück.

Das Personal hilft ihm, die Leiche aufs Ruhebett legen. Er drückt die schweren Lider zu über die machtvollen Augen, die grauenhaft klagenden und drohenden Augen. Und hält stille Andacht.

Dann geht er an den Schreibtisch, den blutüberströmten. Ein Album liegt da, schwarzgebunden. Auf die Blätter sind Drucksachen geklebt. Zeitungsausschnitte zumeist. All die Dokumente der Erniedrigung, der Beschimpfung, der Entehrung, der Plünderung, Verstümmelung und Folterung, die dem wehrlosen Deutschland angetan – tagtäglich – von den trunken zuckenden und gierenden Feindeshänden – sorgsam gebucht seit Anbeginn.

Ein Blutbach hat sich über das weiße Papier ergossen, das vom Schwarz des Einbanddeckels gerahmt ist. Von selbst zog es Horst durch den Sinn: schwarz-weiß-rot – die schwarz-weiß-rote Not! Sie hat Dich zum Sterben gebracht.

Neben dem Album liegt eine Zeitung. Eine Stelle ist angestrichen, bestimmt für die Sammlung, aber 150 nicht mehr hineingelangt. Das letzte – heut abend hat er es gefunden.

»In Boppard a. Rh. wurde eine Schülerin vor den Augen ihrer in Grauen erstarrten Mutter von einem der schwarzen Franzosen genotzüchtigt.«

An den Rand hatte in wildem, ehrlichen, gedankenlosem Ungestüm seine Hand die Worte geworfen: »Hin nach Boppard!« Wie mußte es gezuckt haben in der Hand, in dem Herzen!

Herrgott ja, und wem gehen dabei nicht die Sinne durch. Und nur eines, eines nur von endlos vielem! Dies war es, was Hartwig von Borkhus überwältigte, was ihn in Verzweiflung warf und aus dem Leben.

Das Blutbuch – der Zeuge Deines Unterganges. Um Deutschland bist Du gestorben – und auch für Deutschland! Wir werden Dein gedenken!

Wie einen Fürsten haben sie Hartwig von Borkhus beigesetzt. Die ganze Landschaft hatte zur Trauerfeier sich eingefunden. Pastor Waermann sprach die Abschiedsworte. So klangen sie aus: »Dein Tod ist ein Schrei, ist ein Ruf, der niemals verhallen wird. Deutsches Ohr wird ihn weitergeben an deutsche Lippen. In deutschen Herzen werden sich die Feuer sammeln. Bis der Tag kommt, wo die Flammen zum Himmel auflodern. Die Geister der Entschlafenen werden mit uns sein! Ihr Heerbann wird uns voranleuchten! Für uns aber, die Lebenden, die wir nichts vergessen, die wir treu bleiben jedem, der unser war, heißt die Losung, die harte und gerade: Über Gräber vorwärts!«

 

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