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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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Die Baracke

Er schritt durch die Winternacht über die Heide. Von Kristall war die Mondwelt, die Luft klirrte und klang.

Nach der Hügelkette, die ihm zur Seite blieb, sah er hinauf, »die Goldberge« hießen die Höhen – Geheimnisse schliefen in ihrem Schoß.

Nun ließ er seinen Weg und stieg auf die Gipfel. Hier stand er und blickte ins Land, auf das Reich seines Schaffens.

Sein Reich – eben hatte er den letzten Kampf bestanden, es sich und den Seinen zu gewinnen. Er kam aus der Kreisstadt. Nach endlosen Verhandlungen war es ihm heute gelungen, deren Väter, die trägen, die übelwollenden, die argwöhnischen Gemüter sich zu beugen. Die verfallene Ziegelei, die niemand kaufen, niemand pachten wollte, war samt dem Gelände jetzt ihm und seiner Siedler-Mannschaft gesichert. Damit erst war das ganze Siedlungswerk auf festen Grund gestellt.

Die Ziegelei mit ihren Tonfeldern, auf der anderen Seite das Moor und sein Torfstich, ein Stück Kiefernwald, bereit, die Balken und Bretter zu liefern, reichlich Kulturboden und weites Heideland zum Urbarmachen – was brauchte man mehr zum Bauen und Hausen!

Die Brust schwoll ihm, tief tranken seine Lungen die mondhelle Luft. 6

Im Osten strahlte die See, vom Himmel beleuchtet bis an den Saum des Horizonts. Kein Schiff war zu sehen, kein Dampfer, kein Segler – das tote deutsche Meer.

Da zuckte es schmerzhaft durch ihn hin, und er wandte sich wieder landeinwärts. Schritt herab von der Höhe, schritt wieder seinen Weg über die Heide. Er warf den Druck von sich, seine Sehnen federten wie im Marsch. Das Lied der deutschen Jugend, das durch die Seelen zog, kam ihm in den gestrafften Sinn, und er sang sich die Worte:

Wir sind die Jungen, in Not gestählt,
in Schmerzen geworden, in Schmerzen erwählt.
Deutsche Erde, die uns erschuf,
deutsche Erde, uns gilt dein Ruf.
Wir sind geweiht, wir schließen die Reih'n!
Frei sollst du sein!

Wir sind die Jungen! In unserm Sinnen
du bist der Ausgang, du das Beginnen.
Nicht einen Bissen von deutschem Korn,
nicht einen Tropfen aus deutschem Born,
Deutschland, daß wir nicht dächten dein!
Frei sollst du sein!

Wir sind die Jungen! Wir sind die Kraft,
jede Faser gestrafft und gerafft,
wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,
siehst du die nächtigen Wolken lohen?
Wir sind des Frührots lachender Schein!
Frei sollst du sein!

Wir sind die Jungen – die Herzen fliegen!
Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen! 7
Unter die Füße den tückischen Haß,
seine Ketten zerspringen wie Glas.
Unser Gebet, unser Feldgeschrei:
Frei sollst du sein!

        Wir machen dich frei!

Er war am Ziel. Die Baracke, die an den kiefernbestandenen Hang sich lehnte, war sein Quartier.

Der Bretterbau lag dunkel, die Kameraden hatten nicht mehr auf ihn gewartet. Er klopfte im Dreischlag, der Mann, der die Wache hatte, war gleich zur Hand, steckte eine Kerze an und öffnete ihm.

»Guten Abend, Runge, oder guten Morgen!« grüßte der Eintretende.

»Guten Abend, Herr Hauptmann.«

»Wir haben jetzt auch die Ziegelei.«

»Das ist famos!« In dem verschlafenen viereckigen Gesicht des Wachmannes tanzten freudig die kleinen Augen wie feurige Punkte.

Dann berichtete er »nichts zu melden, Herr Hauptmann«, und jeder ging in sein Losament. Der Wachthabende in das kleine Gemach rechts vom Eingang, Hauptmann Horst Oldefeld in sein Zimmer, das gegenüber lag.

Ein kahler, niedriger, einfenstriger Raum, in dem nichts als ein Tisch, zwei Stühle und ein eiserner Ofen stand. Das Bett war ein Bretterverschlag an der Wand, mit Strohsack und wollener Decke. Lag es sich hart und kalt darin, hatte er die Bannworte bereit: Schützengraben und Champagne! Durch Dreck geschleift – in Dreck verkrustet! Und er kuschelte sich ein voll unbändigen Behagens.

Morgens war er der erste auf. Holte sich die große blecherne Waschschüssel voll Schnee, und rieb sich mit der himmlischen Frische ab von Kopf zu Füßen. Dann 8 im Mantel an den Tisch zum Schreibwerk, und er dampfte von Wärme in dem ausgekühlten Raum.

Nicht lange, da trat der Hauptmann Dankwart Hamerslag bei ihm ein. Hart, ernst, wortkarg. Das Lid über dem rechten Auge infolge eines Kopfschusses halb gesenkt, der linke Arm steif, ein Granatsplitter stak noch in der Schulter.«

»Morgen, Junge«, grüßte ihn Horst. »Also die Städter hätten wir jetzt auch erschlagen.«

»Hörte schon.«

»Endlich die freie Bahn! Nun geht's aber auch mit heidi! Heut werden also Bäume gefällt.«

»Ja.«

»Ich will selbst den ganzen Tag dabei sein. Du übernimmst dann das Bureau.«

»Gern. Nur –«

»Was?«

»Ich bin mit meiner technischen Berechnung noch nicht durch –«

»Für die Kraftanlage?«

»Ja.«

»Das geht natürlich vor. Dann muß Gisbert den Schreibkram hier machen. Ich wollte die beiden Jungen sonst mit rausnehmen.«

Die beiden Jungen waren die Oberleutnants Gisbert Hegendorf und Kunz Rutenberg. Sie schliefen und hausten in einem Gelaß.

Gisbert in seinem Verschlag war der erste, der sich rührte. Langsam fanden seine schweren Traumaugen den Weg in den Morgen. Die langen Finger tasteten, der Wirklichkeit ungewiß, wie fragend nach dem Kopf, dann zuversichtlich geworden, fuhren sie glättend über das weiche blonde Haar. Und nun reckten sich die schlanken Glieder ins Wache, ins Leben.

Kunz schlief noch fest. Wie ein kleiner Junge lag er, den harten, kurzgeschorenen Kopf in den runden 9 Arm geborgen. Zu Füßen seines Lagers hatte Muz sich hingerollt, ein junger Schäferhund, nicht ganz rein von Rasse, aber um so reiner von Gesinnung, wie sein Herr kritischer Schärfe der Betrachtung zu wehren liebte.

Gisbert streckte die langen Beine in den kalten Weltenraum und rief: »Kunz!« Kunz machte den Arm noch runder und schlief weiter.

Gisbert prustete von der Waschschüssel auf: »Kunz!« Kunz knurrte und schmatzte und schnalzte nach einem Schimpfwort, gurgelte es zurück und schnarchte wieder ein.

Jetzt aber trat Muz in Tätigkeit. Erhob sich, zog sich lang und länger die Hinterfüße aus dem Leib und schleifte sich so zu dem Lager des Unerbittlichen. Wie tröstend legte er die Schnauze auf die Schlafdecke und ließ den Schwanz pendeln gleich einem Perpendikel. Es ist Zeit, es ist Zeit, es ist Zeit – und allmählich immer lebhafter: es ist hohe, hohe Zeit! es ist hohe, hohe Zeit!

Diese leise Weckuhr brachte den Schläfer zuverlässig zur Besinnung. Seine Finger fühlten sich zu dem weichen Ohr der Uhr, streichelten das samtene Fell, sie bekamen ihre Regsamkeit und lösten den ganzen Leib aus seiner Starre. Und jetzt landete Kunz Rutenberg mit schnellem Sprung aus dem Bett auf dem harten Dasein und schimpfte sich hier vollends bodenständig.

»Bande,« rief er, »Bande!« Und gähnte und schalt. »Was wollt ihr eigentlich von mir, was hab ich eigentlich bei euch zu suchen – ihr Eisenfresser der Pflicht – ihr Barackenheilige – ihr Kartoffelsuppenspartaner – ihr Strohsackasketen – ihr Flagellanten der Arbeit – was soll ich bei euch – in eurer Arche düsterster Enthaltsamkeit!«

Die gekeuchten Worte gaben den Takt, nach dem er sich wusch und sich frottierte.

»Das Licht ist, was ich liebe – das Licht ist, was ich suche – Geigen sollen schwirren – prickelnde, knisternde 10 Weisen will ich – Farbenfunken sollen sprühen – über duftendes Frauenhaar – das perlende Leben will ich, aus dem Glas, von den Lippen – nicht die dunkle, hundekalte, muffige Öde eures elend ungehobelten Bretterstalls!«

Er schnob gewaltig.

Gisbert lächelte schweigend hinein in seine langen, feinen, edel gebogenen Züge. Dieses Geschmetter in den Morgen brachte ihm an sich keine Überraschung. Damit pflegte Kunz, der hurtige, Tag für Tag sich den Mund auszuspülen. Was dem stilleren Stubengenossen eine leise Freude gab, war die scheinbare Unerschöpflichkeit des Sprachschatzes, der täglich neue Gaben ausschüttete.

Kunz war zuerst mit dem Anzug fertig und drängte nun zum Tageswerk. Er nannte das – um sich vor sich selber treu zu bleiben – den Tag schupsen, daß er eher zu Ende gehe.

Gisberts sorgliche Genauigkeit bekam jetzt von ihm die Peitsche, und bald standen auch die beiden bei Horst im Zimmer. Hier hörten sie gleich von dem Erwerb der Ziegelei, der die Erlösung brachte. Niemand strahlte froher als Kunz. Und wie leuchteten die Augen bei diesem Sybariten des Wortes, als er hörte, daß er mit zu der harten Arbeit des Baumfällens ausersehen sei.

Mit dem Glockenschlag versammelten sich alle in der Halle zum Frühstück, alle Siedler, Führer und Mannschaft gemeinsam – es waren im ganzen ihrer dreiundzwanzig.

Sie saßen ohne irgendwelche Rangordnung durcheinander. Der kameradschaftliche Grundsatz herrschte durchaus vor. Freiwillig hatten die Männer sich zusammengefunden zu schwerem, ernstem, gemeinsamem Werk, von dem sie meinten, es könnte vorbildlich sein. Von dem sie hofften, es könnte Hilfe bringen dem armen, ach so bedürftigen Vaterland – geringe nur 11 durch die Leistung selbst, doch größere durch das Beispiel. Ein Werk, in dem eine Freudigkeit des Glaubens atmete, ein gehobener Wille.

Bauen, bauen wollen wir – aufbauen – was gibt es, das freier wäre, das mehr in die Höhe ginge, das dem Göttlichen näher käme!

Und in lebendiger Gemeinsamkeit schaffen wir – einer so nützlich, so nötig, so unentbehrlich wie der andere – alle uns gleich durch die gleiche Pflicht, den gleichen Stolz, die gleiche Liebe zu dem, was wir schaffen – wie Glieder eines lebenden Wesens, das denkt und sorgt und wirkt!

Heimstätten bauen wir, aus deutscher Erde, auf deutschem Land. So unglückselig arm ist das Vaterland geworden, nur eins ist sein Reichtum, das sind seine Kinder. Die drängen zu ihm hin, die schmiegen sich an seine Brust, sie wollen, sie müssen bei ihm bleiben. Wie sie alle kommen, wie sie sich mehren, es fehlen die Herde sie zu wärmen und zu hüten. Deutsche Herde wollen wir bauen! Helfen wollen wir, daß kein Deutscher heimatlos sei im deutschen Land.

Als wir in Wohlfahrt lebten, in übermütigem, gedankenlosem Glück, haben wir so manche Strecken deutschen Bodens nicht geachtet oder gar verachtet, haben wir über Ödland die Achseln gezuckt.

Nun bietet diese arme Erde sich dar, auch sie möchte nützen und helfen. Und ist sie noch arm, da solche Kraft in ihr lebt? Uns liegt es ob, die Kraft zu lösen und zu mehren, durch unserer Hirne, unserer Hände, unserer Herzen Walten und Wirken. Ist das nicht wie Schöpfung? Ist das nicht Gottesnähe? Ein andächtiges, ein tiefes, ein heiliges Werk.

Etwas von dieser Weihe lag auf jedem der Männer, die solchem tiefinnerlichen Dienst an der deutschen Erde sich ergeben hatten. 12

 

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