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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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Feurio

Gisbert war mit einem Schutztrupp auf dem Hofe zurückgeblieben. Verdächtige Gestalten schlichen um die Mauer. Dankwart fand sich ein und richtete vor dem Maschinengebäude aus altem Material einen Scheinwerfer her. Es war Krieg.

Ruhig verliefen die Nachtstunden. Die Mannschaft wurde schläfrig, da es auf den Morgen zuging. Der Himmel sternenlos, dunstig die Luft und schwül, unheimlich warm für die Jahreszeit. Kein Hauch regte sich.

Da zuckt etwas durch die Nacht. Ein leichter Windstoß. Tastend, wie fragend. Und wieder ein leiser Ruck. Und dann ein kurzes Schnauben. Und wieder Stille. Und dann holt der Wind tief Atem, und nun pustet er vor sich hin. Erst noch gemächlich, wie zum 129 Spaß und wie für sich selber. Dann aber bläst er mit voller Lunge, daß auch die andern was haben.

Noch ist es dunkel, noch wird er des Dunstes und der Wolken nicht Herr. Aber der Widerstand reizt ihn und jetzt faucht er zornig sie an. Ein junger Frühlingssturm braust in die Welt.

Da – ein Bersten – ein Krachen – als wenn Granaten splittern – was ist es, das sein Ungestüm zerbricht? Ist es an den Gebäuden, ist es an den Bäumen des Parkes?

Herrgott! Flammen schlagen auf! Da auf dem Strohdach der Scheune! Es sind wirklich Granaten gewesen.

»Feuer!« brüllt der Ruf. Alles ist gleich auf den Beinen. Nach dem Spritzenhaus!

In fressenden Streifen peitscht der Wind die Glut über das Dach.

Der Inspektor, halb angezogen, ist zur Stelle. Herr von Borkhus erscheint am Fenster – hinkt eiligst zum Hof hinunter – der Diener, im Hemd, folgt mit den Kleidern – notdürftig zieht der Herr sich an.

Der Diener hat das Feuerhorn von der Wand im Flur gerissen. Nun bläst er von der Schwelle in die Nacht – immer im weißen wehenden Hemd – wie einer der Cherubim anzusehen.

In der Baracke hören sie den Ruf, der Torfmeister hört ihn, durch die Dorfstraße wälzt sich der Schall.

Helfer kommen. Die Spritze ist am Werk. Der Inspektor befiehlt.

In wilder Arbeit – all die rotbegluteten Gestalten – die feurigen Gesichter verzerrt in fiebernder Mühsal – das Scheunendach eine prasselnde Flamme – ganze Bündel Feuer reißt der Wind ihm aus – und streut sie auf die Ställe – die gilt es zu retten, auf ihre Dächer den Wasserstrahl! Pumpen! Pumpen!

Und das Vieh in Sicherheit bringen! 130

Wenn nur der Sturm nicht so mit Flugfeuer wütete.

Ungebärdig die Tiere. Die Pferde keilen und steigen. Angeschirrt sind sie, daß man sie halten kann. Wie die Wahnsinnigen toben sie in der Sturmflut des Lichtes und der Lohe, reißen an den Zügeln, wollen zurück in den Stall. Wie soll man sie bändigen?

Und der Sturm peitscht weiter die Feuer in fliegenden Fetzen –

Pumpen! Sie pumpen sich die Seele aus dem Leib.

Der Pferdestall ist der Scheune am nächsten. Schon siedeln sich Feuerkreise an auf seinem Dach. Wie lange noch wird der Strahl sie austilgen können? Das Wasser verdunstet im Gluthauch.

Und gewaltiger wird der Höllenschlund der brennenden Scheuer. Feuerwolken wallen aus ihr empor. Durch die glühenden leckenden Sparren. Das Getreide ist in Brand geraten und ballt und wirbelt seine Lohe nach oben. Wie soll man den Pferdestall schützen gegen diesen Orkan von fegenden Gluten?

Männer sind aufs Dach gestiegen – der heilige Josef sitzt zu oberst. Ein Junge ist der Handlanger. Gewandt wie ein Kletteraffe. Eimer werden gereicht. Sie gießen und gießen. Gießen sich selbst Wasser über den Kopf, über den Leib. Unerträglich ist die Hitze.

Sie müssen hinunter. Der Junge will nicht. Herunterzerren müssen sie ihn. Nun taumeln sie auf den Boden, ausgemergelt, welk, kraftlos, verdorrt. Auch der Stall ist verloren.

Die hellen Flammen sitzen auf dem Dach und die Männer pumpen, pumpen.

Ist hier nicht alles Tun umsonst? Gegen Sturm und Feuer im Bunde? Der Pferdestall – er wird das Feuer in den Schafstall weitergeben – von dem brausen die Flammen zum Kuhstall hinüber – und diesem einen großen Meer von fressenden Gluten – 131 wird das Herrenhaus ihm widerstehen? Die Vernichtung bricht herein über Moorhof.

Herr von Borkhus steht selbst an der Pumpe – auch der Torfmeister ist da – auch der lahme Pastor Waermann. Man fragt nicht nacheinander, man sieht sich kaum. Man arbeitet nur – man pumpt und pumpt –

Keiner auch spricht ein Wort, mit den keuchenden, ausgedörrten Lippen. Nur kurze, trockene Kommandos des Inspektors schallen, der als Brandmeister waltet.

Jetzt – ein krachendes Getöse – das Dach der Scheune bricht zusammen – einen Höllentanz vollführen die aufgestöberten, befreiten Gluten in der tosenden Luft –

Zerstörung – unaufhaltsame – zu schwach sind sie, zu wenig – kommt keine Hilfe – von den andern Gütern – von der Stadt?

Mehr Spritzen werden gebraucht. Weithin sichtbar das Feuer! Viele Meilen in der Runde! Aber auf den Gütern – auch da wird gestreikt – sind da die Mannschaften zur Stelle? Wagen es die Herren, ihre Feuerspritzen fortzuschicken? Droht nicht auch ihnen der rote Hahn? Der Farbenbruder, der Parteigänger und Verbündete der roten Gesellen?

Hufschläge auf dem Pflaster des Hofes – ist das die fremde Hilfe? Nein – Pferde, die sich losgerissen haben – sie stürmen, voran ein mächtiger Fuchs, hinein in den brennenden Stall.

O Grauen! Die unglückseligen Geschöpfe! Es wogt durch die Männerreihen! Vielleicht ist es noch nicht zu spät –

Zwei Männer stürzen den Tieren nach. Nasse, wollene Halstücher um den Kopf geschlungen. Man kennt sie nicht gleich. Alle starren sie, von Grauen festgebannt.

Jetzt heißt es: Gisbert und der heilige Josef – 132

Auch zwei Menschen in dem brennenden Gebäude! Sie pumpen fieberhaft – die Augen quellen ihnen aus den Höhlen – die Gesichter sind rauchgeschwärzt – wie büßende Dämonen sehen sie aus, wie verdammte Seelen –

Und starren alle auf die Tür des brennenden Stalles. Da – ein Paar Tiere werden hinausgejagt – ein Paar hinausgeführt von den beiden Männern, die sich nicht auf den Füßen halten – sie brechen zusammen – die Tiere haben sich losgerissen – sie stürmen im Kreise und dann mit gesträubten Mähnen und selbst feuerschnaubend hinweg über die beiden hingesunkenen Männer wieder hinein in die Tür, die schon anfängt, Feuer zu speien – wiehernd hinein in den Flammentod.

Jetzt sind Helfer bei den liegenden, überrannten, zertretenen Gefährten. Gust Elbenfried steht mühsam auf – aber Gisbert – was ist mit Gisbert? Aus tiefer Kopfwunde blutet er und ist besinnungslos.

Horst hält seinen Kopf. »Gisbert – Du Freund aller Kreatur – Du lieber, armer Junge – und immer unser Sorgenkind –« –

Sie tragen ihn ins Haus. Ein Sanitäter verbindet ihn. Die Wunde ist böse.

Ein Arzt muß her zu meinem Jungen! Mag hier der Plunder verbrennen! Die Häuser – das Vieh! Um Gisbert geht es!

Horst holt sich ein Pferd und jagt in die Stadt. An den Goldbergen galoppiert er vorüber. Zuschauer stehen auf den Höhen. Feindlich gesinnt, da sie nicht helfen. Voll böser Gedanken, mit Verwünschungen.

Dort auf dem einsamen Hünengrab, dem Hügel abseits, eine einzige Frauengestalt – dunkel – fahl beleuchtet von der fernen Feuersbrunst. Kauernd, vornübergebeugt, mit all ihren Sinnen, all ihrem Willen schürend in dem Feuerwerk der Vernichtung. Wie der böse Geist des nächtigen Unheils. 133

Vorüber! Was ist ihm das Weib! Nicht sich mit Gedanken beladen! Leicht und schnell in die Stadt – und mit Hilfe zurück zum Jungen. Nur der – nur der!

Der Gaul ist verstört von der Feuersbrunst – so unruhig – nur ein mächtiges Nervenbündel – und er selbst – auch ihm zucken alle Fasern – sich zusammenhalten – sich und das Tier – –

 

Und jetzt auf dem Hof – da Gisberts Blut strömte und die Pferde sich hinopferten – als wäre das Schicksal versöhnt – ein Wunder geschieht – die Flammen brausen nicht mehr vorwärts – sie steigen himmelan – sie wenden sich – der Wind hat sich gedreht – ein großes, tiefes, freies Atmen geht durch all die stickenden Männerlungen – beschworen das Unglück – gerettet – gerettet –

Nun donnern Wagen den Hof herauf. Die Feuerwehr aus der Stadt –

Sie ist willkommen. Ablösung ist not. Und der Brand ist noch längst nicht erloschen.

Auf der Diele des Herrenhauses ist ein Büfett hergerichtet. Hier werden jetzt Stärkungen ausgeschenkt. Strempel ist der Marketender und besser hier am Platz als da draußen.

Jetzt, wo die Gefahr bewältigt ist, kann der Baron als Wirt die Ehren machen. Noch fiebernd von dem Kampf, geschwärzt wie all die Kampfgenossen, gehoben durch die Gemeinschaft über alle Gedankennot. Er kippt mit dem Torfmeister einen kräftigen Korn. Und fast fröhlich bebt ihm der Sinn, als der Alte von selbst erzählt: junge Arbeiter aus der städtischen Eisengießerei wären hier mit Handgranaten im Gelände herumgeschlichen – das wären die Brandstifter, nun und nimmermehr Moorhofer Leute!

Da drückte er die Flosse des Alten: »Ich wußt es. Und daß Du, Alter, bei mir bliebst! Und Strempel 134 auch! Mit der Treue ist es wie mit dem Verstand – sie ist immer nur bei wenigen gewesen.« Beruhigt blickte er.

Männer kamen und gingen, alle schwarz wie die Teufel. »Ein Negerdorf sind wir«, sagte Borkhus, und hatte Lust zu lachen.

Eben brachte Kunz einen Negerjungen herein – der da oben auf dem Dachfirst des Pferdestalles für drei herumhantiert hatte – und war doch ein Mädchen, Vita, das Pfarrertöchterlein im Turnanzug. Ihr Vater stelzte hinterher. Da gab es ein Erkennen und Lobsprüche, ungemessen, auf die Heldenjungfrau.

Ihr aber ging das nicht ein. »Ist das Heldentum, was einem Spaß macht? Heldentum ist, wenn ich Kaffee kochen muß.«

Kunz sprang zu Gisbert hinauf. Er brachte den traurigen Bescheid, daß die Besinnung immer noch nicht wiedergekehrt sei. Er werde sich mit Horst, der jetzt bei ihm sitze, in der Wache bei dem Freunde teilen. Und die Schatten der Todesnähe legten sich mit dunkler Ruhe über die aufgestörten noch immer nicht gesammelten Gemüter.

 

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