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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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Ausstand

Die Ziegelei war im Betrieb. Der erste Ziegelstein war gebrannt. Wie eine Erstgeburt wurde er betrachtet und gefeiert, wie ein Täufling ging er von Hand zu Hand. Eine helle Freude gab das und ein strammes Hurra – Muz kreiste singend um sich selbst und biß sich in den Schwanz, daß die Haare stoben.

Bauen, bauen – war jetzt Losung und Feldgeschrei. In diesem Sommer noch sollte das erste Haus unter Dach kommen. Für das Fundament galt es, Findlingsblöcke zu sprengen, die reichlich im Gelände lagen. So erfrischte und befeuerte eine Tätigkeit die andere. Im Siedlerhaus war frohmütiges Wesen.

Dankwart hatte das Modell einer Mühle konstruiert, die die Kraft des Windes in Akkumulatoren aufspeichern sollte. Er hoffte auf ein Patent, das die Finanzen der Siedlung stärken würde. Mit denen stand es nicht zum besten. Aber auch die Sorgenfalten Mündners, ihres Rechnungsrats, bügelte die Frühlingssonne aus.

Die Sprengschüsse in der Felshalde lockten ein paar scheue Gestalten auf die Höhen – Müßiggänger, Beobachter? Das Knallen war ihnen nicht behaglich, Ursache und Zweck schienen sie nicht völlig zu beruhigen.

»Was sind das da oben für lauernde Vögel?« fragte Kunz. »Was bedeutet ihr Erscheinen! Ich schließe auf Sturm.«

Und es ballten sich die Wolken. Die Provinzhauptstadt entsandte ihre »Agitatoren« und »Organisatoren«. 123 Jetzt, wo es mit allen Händen an die Frühjahrsbestellung gehen sollte, ward gebohrt und gewühlt. Der Landarbeiterstreik kam ins Rollen.

Immer noch hatte Herr von Borkhus sein überlegen gläubiges Lächeln. Seine Leute waren wie immer. Still, gehorsam – gehalten, zugeriegelt und ducknackig. Wär das nicht ihre Art gewesen, hätte es Verdacht wecken können. Aber so –! –

Da tritt eines Morgens sein langer, straffsehniger Inspektor bei ihm ein. Ein Herr sei unten. Einer von den Roten offenbar. Er wolle mit Herrn von Borkhus über die Lohnverhältnisse in Moorhof sprechen.

»Was? Der Hetzer mit mir – über die Lohnverhältnisse meiner Leute? Sagen Sie dem Herrn, daß ich mit meinen Leuten über meine und ihre Angelegenheiten selber zu sprechen pflegte. Daß ich mir seine Vermittlung verbäte. Daß ich ihn ersuchte, meinen Hof – nein, meinen Gutsbezirk sofort zu verlassen! Aber sofort!«

Schnaubend geht der Baron im Zimmer auf und ab. Der Inspektor setzt noch seinen eigenen Trumpf auf die Bestellung. Herr Knubart – dies ist der abgewiesene Besucher – zieht sich wohl ingrimmig vom Hofe zurück, auf dem die Leute gerade zur Mittagspause sich befinden. Aber von ihnen begleitet, macht er auf der Dorfstraße vor dem Hoftor halt, lehnt sich an die Mauer und spricht zu den Umstehenden mit einer Ruhe, in der es höhnisch und boshaft brodelt: »Euer Herr und Gebieter hat mich des Landes verwiesen. Wie es bei Herrn und Gebietern so Mode ist, wird er jetzt, wo ich hierbleibe, wohl die Hunde auf mich hetzen.«

Er kennt das Volk. Er kennt die springenden Funken. In den Jungen flammt es wild: »dat sall he maken!« Die Alten blicken düster und dumpf, auch in ihnen schwelt es. 124

»Vielleicht zeigt der Herr Baron mir aber,« so fährt der Sprecher fort, »wie ich Euch besuchen kann, ohne den Grund und Boden, den er sein Eigen nennt, zu betreten. Oder darf keiner zu Euch kommen, ohne seinen Willen? Seid Ihr Eingesperrte! Seid Ihr Sträflinge!«

»Dat wier noch beder!« Hier schreit etwas auf.

»Sein Grund und Boden. Auf dem stehen wir ja allerdings. Und daran ist nichts zu ändern. Wenn Ihr nichts daran ändert.«

Da ist er wieder, der große, berauschende Fernblick. Die Sinne taumeln. Und das Feld ist wohl bereitet, als der Baron jetzt mit dem Inspektor hier draußen erscheint.

»Ich dulde es nicht,« so tritt er dem Führer entgegen, der ihn blaß, aber in eiskalter Gelassenheit erwartet, »ich dulde es nicht, daß Sie hier auf meinem Gutsboden mir meine Leute aufputschen! Sie werden sich auf der Stelle entfernen.«

»Ich werde es, sobald die Leute sich nicht mehr mit mir zu unterhalten wünschen. Wir befinden uns hier auf einer öffentlichen Straße –«

»Über die ich aber die Polizeigewalt habe! Und die ich zu politischen Hetzereien und zu politischen Ansammlungen nicht mißbrauchen lasse!«

»Von politischer Versammlung ist mir nichts bekannt.« Und jetzt gab er der Sache die gehörige Wendung. »Wollt Ihr Leute, daß ich, der ich Euer Gast bin und Euch meinen Rat erteilen möchte, noch mit Euch zusammenbleibe –?« –

»Ja! Ja! Hierbleiben! Wi sünd noch nich farig!«

Herr von Borkhus hatte das Spiel verloren. Alles krampfte sich in ihm zusammen – er konnte nicht auf die Leute einreden, konnte die alten Bande nicht schürzen, konnte nicht um ihre Seelen werben – 125 auch wenn sein Stolz es nicht verschmäht hätte, die Sprache hätte ihm versagt.

Aber, daß es um ihre Seelen zu werben galt – gegen den Fremden, den Volksverführer – daß seine Mannen von ihm abfallen wollten – wie hatte er auf ihre Treue gepocht vor sich und den andern – wie hatte er eine Welt aufgebaut auf dieser Treue – nun lag diese Welt in Trümmern.

Der Inspektor aber – ihm dankte der Herr einen großen Teil der Abtrünnigkeit seiner Leute – wollte die Karre nicht im Dreck stehen lassen. Hier konnte nur ein Lachen helfen. Und er rief grinsend: »Volksbelustigung! Wanderprediger! Kurpfuscher! Anreißer und Hausierer gehören auf die Landstraße! Unsere Leute wissen schon, was sie von dem Schwindel zu halten haben.«

Er führte mit heldenhafter Miene den Baron, der mühsam sich aufstützte, nach dem Herrenhaus zurück. Die anderen fühlten den Sieg. Das erhitzte ihnen das Blut. Knubart aber wußte, daß er das Eisen zu schmieden hatte. Und er schwang den Hammer.

Nach einer Viertelstunde hatte er sie soweit. Sie faßten den Beschluß – die paar Alten, die Scheuen oder Hartnäckigen wurden verängstigt oder überrannt – zwei sollten als Abordnung zu dem Gutsherrn gehen und verlangen, daß er Knubart als ihren Vertrauensmann empfinge und mit ihm die Verhandlung führte. Weigerte er sich: Ausstand mit dem Glockenschlag!

Und so geschah es. Die Abordnung, zwei von den jüngsten Schreiern, flog hinaus, am Nachmittag ging niemand mehr zur Arbeit.

Herr von Borkhus saß allein und grübelte dumpf vor sich hin. Die wirtschaftlichen Gedanken, mit denen der Inspektor ihn überschüttete, hatte er von sich getan. Seinem Leben hing er nach. 126

Was war ihm noch geblieben? Das Vaterland in Schutt gelegt, und jetzt sein eigenes Haus, das Reich seines eigenen Schaffens unterhöhlt und im Verfall. Ein Krüppel war er! Die Arme, die ach so müden und doch immer noch hoffnungsvollen – waren sie ihm nicht glatt vom Leibe gehauen! Ein Stumpf war er, nutzlos – nur daß das Herz noch in ihm schlug, und in dem Herz schlug der tödliche Gram.

Und wenn er nicht so ein Tor gewesen wäre! Ein Narr! Ein Kinderspott! »Meine Leute! Wie verwachsen sind sie mit mir!« Und nun dieser hergelaufene Fremde, dieser kaltäugige, kaltschnäuzige Gesell, lehnt sich an die Hofmauer, und von oben hin zieht er all die Männer an der Nase zu sich her. Läßt sie tanzen, wie er pfeift. Alle, all die Getreuen ihres Herrn!

Nach Horst, dem jungen Freunde, ruft seine Seele. Vor dem hat er am meisten sich gerühmt. Aber der ist ihm gut gesonnen, vor dem braucht er sich nicht zu schämen.

Horst findet Strempel, den schrägäugigen, bei dem Baron. Mit seinem »komplett« hat er aufs neue der Meinung und dem Willen des Herrn sich zugeschworen. Eine kleine Genugtuung ist das. Und die Dumpfheit ist wenigstens im weichen. Horst aber findet, daß in den schiefen Lidern und all den Falten des verkniffenen Gesichtes etwas lauert. Darf er es sagen?

Die Herren sitzen beisammen. »Ja, Horst, ich gehöre nicht mehr in die Zeit. Abgetan – spurlos. Mitleidlos. Nun selbst zum Schutt, zu den Scherben geworfen.«

Horst kam von der Zyklopenarbeit des Felsenrückens. Seine Muskeln zitterten. Sie wußten von Männerkraft und Männerglauben.

»Ein glatter Überfall ist dies. Krieg um des Krieges willen. Die Verständigung planmäßig hintertrieben. Sie wollen den Bruderkampf. Wir müssen ihnen das Handwerk legen.« 127

Auch hier gelte es, ein Beispiel zu liefern! Und den Arbeiterführern, die die Welt unter sich zu verteilen anfingen, sollte denn doch um ihre Gottähnlichkeit bange werden.

Horst stellte dem Baron seine Siedler als Nothelfer zur Verfügung. Alle würden sie Hand anlegen, die meisten von ihnen wären mit der Landwirtschaft vertraut. Die Frühjahrsarbeit sollte weitergehen – und lange Gesichter würden ihr zuschauen!

Und in die großen schweren Augen des Barons kehrte ein Leuchten zurück, abendlich und weh, aber sie hatten doch wieder lebendigen Schein. Die alte Kampfnatur reckte sich in die Höhe. Er gab als Herr seine Anordnungen für den folgenden Tag.

Horst brachte in seiner Körperschaft die Angelegenheit zur Sprache. Helle Hilfsbereitschaft leuchtete auf. Nur in Mulitz, dem Maurer, und in Metzling regten sich genossenschaftliche Widerstände. Aber die Einmütigkeit verschlang sie. Schon in der Nacht fanden die ersten Siedler auf dem Hof sich ein, das Vieh zu besorgen. Mit dem Morgengrauen war die Mannschaft auf den Kartoffeläckern. Die Pflanzmaschinen waren in Betrieb gesetzt, fröhlich ging die Arbeit von statten. Am Wegrand zeigten sich verdrossene und drohende Gesichter. Streikende Landarbeiter, denen ihre Macht aus den Händen geschlagen war.

Kunz sang ihnen lustige Kartoffellieder vor. Wie Knollen flogen die knolligen Reime ihnen um die Ohren. Wütend schlichen sie beiseite.

Dann rotteten sie sich zu Hauf. Den Siedlern, diesen »gottverdammten Hunden« sollte es ans Leder gehen. Die Hitzigsten wollten auf der Stelle gegen sie losbrechen. Den Bedächtigen gelang es, den Sturm zu beschwören. Aber am Abend, in der Dunkelheit, sollte es den Heimkehrenden eingetränkt werden! Daß sie das Wiederkommen vergäßen! 128

Horst hatte die Augen und Ohren überall. Er ahnte nichts Gutes. Wilde Drohworte flogen ihnen zu. Er mußte auch um die Baracke sorgen. Ein »giftiges Geschwür« hatte sie einer genannt, tobend mit geiferndem Mund – ein Geschwür, das »ausgebrannt« werden müßte!

Die wachsende Wut verhieß auch dem Hof Übles für die Nacht. Da bestimmte Horst, daß die Maschinengewehre hervorgeholt würden. Zwei kamen nach dem Gut, zwei wurden vor der Baracke aufgestellt. Die Arbeiter schäumten.

Die Siedler waren bewaffnet, als sie abends heimzogen. In der Dämmerung, aus dem Knickbusch wurden sie beschossen. Kunz, der den Zug führte, ließ sofort das Feuer erwidern, dann den Busch stürmen. Die Meuchler hatten sich in dem Dunkel zerstreut. Von ein paar Streifschüssen war Blut geflossen. Das Blut gab jetzt dem Groll die Überhand und der Kampfbegier.

 

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