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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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Die Goldberge

Lud Uhlenbrook hatte ein Grab geschaufelt. Frühling der Mörder – mit allem, was nur noch wenig Leben hat, macht er ohn Erbarmen kurzen Prozeß.

Auf dem Kirchhof war der Alte mit Lona zusammengetroffen. Sie begleitete ihn nach Hause. Es gab sonst in ihren Gesprächen keine Politik. Aber hier, wo die Luft und alles, was sie atmete, mit Hochspannung geladen war, sprach die Politik von selbst.

»Kommt nun der Streik?« fragte der Alte.

»Er kommt.«

»Hier auch?«

»Hier zuerst.«

»Und hier haben die Leute es noch am besten.«

»Eben deshalb zuerst hier.«

Da blickte der alte Lud nun doch in dunkle, ihm unbehagliche Gründe, und er schüttelte den Kopf. Aber er rührte nie an anderer Leute Glauben und Tun, und ließ sich selbst nicht daran rühren. 107

»So viel kann ich Euch sagen, ich mache nicht mit.«

»Lud« – dies ungleiche Paar nannte sich beim Vornamen und duzte sich – »hier gibt es nur ein entweder oder!«

»Dann also oder.«

»Und damit stehst Du auf der Seite der andern.«

»Ich steh für mich allein.«

»Das gibt es nicht. Ein Allein gibt es nicht. Denn hier ist Krieg, und hier ist Feind und Freund. Du aber bist unser Freund – der Freund der Unterdrückten – Du selbst ein Mißhandelter.«

Sie war nun anders, sie rührte schon an den Glauben anderer mit ihrem Fanatismus, der ganz von selbst Proselyten machen mußte. Und der Hochschwall der Propaganda brach über den Alten herein.

Er schüttelte Schopf und Fell und sprühte den Wasserfall wieder von sich. »Ich hab jetzt 'ne Arbeit, die mir Spaß macht. Und darum bleibe ich bei der Arbeit. Ich zeig den Siedlern, was Torf ist. Und die Jungs mag ich leiden.«

Sie rannte nicht mehr an gegen diesen eigenwilligen Zyklopen. Er hatte seine Höhle, die Einsamkeit. Wenn man ihn störte, kroch er in den Schlund. Aber ihre Wut durfte sie befeuern gegen die Siedler, sie, die gefährlichsten der Gegner, die festesten, die gewappneten und bewehrten.

In der letzten Zusammenkunft, als der Haß gegen diesen Trupp der Reaktion die Gemüter aufwühlte, hatte Genosse Knubart, der lauernd Schläfrige mit der viereckigen Stirn und der sichernden Nase, in seiner lässigen Art bemerkt: »Ihre Burg ist eine Holzbaracke. Und Holz brennt so leicht!«

Seit der Zeit fieberte der Gedanke in ihr: den roten Hahn ihnen aufs Pappdach! Ein paar Handgranaten, geworfen in der Nacht bei Frühlingssturm –! – 108

Wie standen diese Männer ihr im Wege bei dem Werk ihrer langsamen, kalten Rache an dem Zerstörer ihres Lebens – nicht weniger als bei der großen Tat der Volkserneuerung.

Lud, der gute, fühlte es, wie die giftige Glut wieder in ihr auflohen wollte. Er nahm mit seiner vollen zärtlichen Pranke ihren Arm. »So, Lütt, jetzt kommst Du mit rein, wir kochen uns einen Sonntagsnachmittagskaffee. Und Du läßt Dir vom Moor etwas vormusizieren.«

Als sie beisammensaßen, klopfte es, und Horst trat in die Stube. Der Alte, der ihm zugetan war, hieß ihn herzlich willkommen. So setzte er sich zu ihnen. Zuerst heizten sie mit Torf die Unterhaltung. Horst brachte eine gute Nachricht. Die alte Schlickeysensche Torfmaschine, die lange unbrauchbar gelegen hatte, weil niemand hatte entdecken können, was ihr eigentlich fehlte, war von einem seiner Leute wieder instand gesetzt worden. Jetzt konnten sie also kräftig ins Zeug gehen!

Horst war fröhlich und frisch. Mit einer kleinen bewußten Grausamkeit ließ er diesen Erfolg der Siedlung ausklingen. Er wußte, daß alles, was mit ihr zusammenhing, Lona zuwider war, die abgekehrt und verschlossen dasaß. Mit diesem hochmütigen Gesicht und den in sich gekehrten, den umgekehrten Augen, die er kannte. Sein Frohmut sollte der Abhängigkeit wehren.

Das Weib in ihr hatte längst gespürt, daß sie auf ihn wirkte. Ebensogut empfand sie, wie er jetzt dieser Wirkung widerstrebte. Daß er sich schützen wollte, bestärkte sie im Bewußtsein ihrer Machtmittel. Aber sie war nicht verschlagen, nicht verschmitzt und tückisch genug, um erotische Listen in den politischen Kampf zu tragen. Judithregungen kleineren oder größeren Formats lagen ihrer Natur fern. Ehrlich wie ihr Schmerz um den getöteten Freund, ehrlich wie ihre 109 kommunistische Überzeugung war ihre Feindschaft, ihr Haß, ihre Rachsucht. Vielleicht, daß aus dieser Wahrhaftigkeit die Kraft stammte, der Horst sich nicht entziehen konnte.

Schon war sein Mitleid wieder obenauf, stärker als der Hang, an ihrem Hochmut, dem unleidlichen, sich auszulassen. Und wieder lockten ihn die Geheimnisse ihres Wesens, ihres Lebens, ihres Wirkens.

Heut brech ich den Bann! Ist sie nicht auch ein Mensch, ein Weib, ein junges Weib – mehr als Dogma, als Klage, als Anklage und Rache? Atmet sie nicht den Frühling wie wir? In dieser Breite, die ihre Heimat ist!

Wer kann von der Heimat sich lösen? Niemand, auch sie nicht. Hat etwas die Macht, diesen einen Klang in uns auszulöschen? Nichts auf der Welt, kein Unglaube, kein Glaube, kein Fanatismus in Gedanken und Gefühlen, keine Ekstase, keine Verdumpfung – selbst in unsern Wahnsinn tönt der Klang hinein. Und mag sie noch so gefangen sitzen in ihrem starren System – was sind Mauern für diesen Klang?

Sie ist in der Heimat, die vom Frühling erschauert. Was bleibt bestehen von der Welt, die sie sich aufgebaut hat in der künstlichen Mühsal keuchender Gedanken! Hier ist nun einer, der den Frühling Deiner Heimat mit Dir atmet – er pocht an Deine Verschlossenheit. Wird ihm nicht aufgetan?

Sprichst Du nicht mit deutscher Zunge wie er? Ist nicht in Dir wie in ihm deutsches Leben – ob es an ungleich gestimmte Saiten rührt? Sind nicht beide in Not, er wie Du! Sind beide nicht Suchende, Klimmende, Steigende – wenn auch auf verschiedenen Wegen, wenn für den einen der andere auch in die Irre geht!

Und vor Horst leben die Worte Gisberts auf – was reden wir immer und immer von den 110 Unterschieden! Das Gemeinsame sollen wir suchen, des Gemeinsamen sollen wir uns bewußt sein, immer und immer!

Du sprichst deutsch und ich spreche deutsch – wir sollten nicht miteinander sprechen können? Und Horst richtet das Wort an Lona.

»Kennen Sie unsere Goldberge hier?«

»Ja.«

»Haben Sie sich einmal von da oben die Welt angesehen, jetzt im Frühlingsglanz?«

»Nein.«

»Das sollten Sie tun. Die See – das Dünengelände – die gotischen Türme der Stadt – all die Dörfer, eingebettet in Gärten – ein Schimmer von Grün haucht schon aus dem Grau. Und wie hierher nach Westen das hüglige Feld in die Moorniederung verrinnt – man sieht nicht viel so Schönes in unserm Norden.«

Sie ging artig darauf ein, wenn auch kühl und freudlos. »Damit machen Sie einem beinahe Lust. Leider aber bin ich so einigermaßen landschaftsblind.«

»Das glaube ich nicht.«

»Nicht?«

»Nein. Weil Sie doch in der Musik leben.«

Sie stutzte. Was weißt Du und was willst Du von mir? Dann ging sie den Zusammenhängen in seinen letzten Worten nach.

Horst aber, da er jetzt bei »musikalisch« war: »Uhlenbrook – Meister – die Goldberge klingen ja – deutlich hab ich das gehört!« Jungenaugen glänzten dazu, wie voll von leuchtendem Märchenschreck.

»Wenn Sie das gehört haben,« sagte der Alte, »dann sind Sie auch einer von den Erlesenen.«

»Erlesen? Wozu?«

»Jetzt will ich Euch erzählen, was das mit den Goldbergen ist.« Wie die Sage saß er in seiner Tabakswolke. 111

»Da liegt ein König begraben, ein Heerkönig, ein Seekönig. Der Mächtigste, den es gegeben hat. Der Reichste an Taten, an Ehren und an Schätzen. Alle Meere hat er befahren, von allen Küsten brachte er Gold und Gut nach Hause. Das deutsche Meer aber war sein Reich, hier durfte niemand fahren ohne seinen Willen. Mehr Jahre hat er gesehen, als die anderen Menschen und war darum auch weiser als sie. Und wie es zum Sterben mit ihm ging, da befahl er, daß alle seine Schätze mit ihm ins Grab gesenkt würden. Schätze darf man erwerben, aber nicht vererben. Er sah seinen Nachfolger – und sah den Verfall seines Reichs. Mit einem Fluch über jede gierige Hand, die an das begrabene Gold rühren würde, streckte er sich auf sein Sterbelager. Denen aber, die nichts für sich selber wollen und begehren, die alles, was sie selber haben und selber sind, dem Volke darbringen, denen klingen die Stimmen aus dem Grunde. Denen singt das versenkte Gold. Ihre reinen Hände sollen es heben, ihnen soll es die Macht mehren, daß sie dem Volke helfen zu alter Herrlichkeit.«

Horst überlief es wie leise zitternde Runen. Lona aber blickte wieder voll Hohn.

»Und das Reich des alten Königs zerfiel. Und das deutsche Meer war nicht mehr deutsch. Sein Nachfolger wollte mit habsüchtigen Händen die Schätze sich heraufholen, da erschlug ihn ein Nebenbuhler. Den aber meuchelte ein anderer. Die Herrlichkeit kam nicht wieder herauf. Weil die Sinne gierig waren und die Hände nicht rein. Und wie um den Kyffhäuser die Raben, fliegen die Raubmöven um diesen Berg. Wenn aber eines Menschen Fuß seine Höhe betritt, zu altheiligen Zeiten, zu Frühlingsanfang, zur Tag- und Nachtgleiche, in der Thomasnacht, der längsten des Jahres, der ersten der wilden Nächte – und es tönt dann das Klingen zu ihm auf, so ergeht an ihn der 112 Ruf. Zum Helfer bist Du erkoren! Bleib getreu und halte Dich bereit!«

Bleib getreu und halte Dich bereit, so klang es nach in Horst. Und ihn störten ganz und gar nicht Lonas hochgezogene Lippen.

Sie schwiegen eine Weile. Jeder blieb bei seinen Gedanken. Das deutsche Meer soll wieder deutsch werden! so flammte und lebte es in Horst.

Jetzt nimmt Lona das Wort. »Es spricht ja wohl so mancherlei für den alten Herrn Deiner Sage. Obwohl sein großartiger Standpunkt: das Gold ist verflucht, stiehl Du also möglich viel für Dich zusammen, damit es den andern nicht schadet – obwohl dieser Standpunkt ein Maß von Edelmut bekundet, wie ihn nur der Kapitalismus aufbringen kann. Im übrigen – warum die Deutung seines Vermächtnisses nun gerade in Patriotismus und in Hurra auslaufen muß? Reine Hände und das Wohl der Gemeinschaft – was heißt das anderes, als daß sich niemand mit eigenem Besitz besudeln soll!«

Über Horst leuchtete eitel Friedfertigkeit. »Ist das nicht das Wundervolle an unseren Sagen, daß sie mehr sind als ihre Deutungen? Daß sie alle beschenken, alle beglücken!«

Lona gab nichts darauf. Sie lehnte sich zurück und sagte dann in ihrer laschen Überlegenheit: »Der eine Gedanke, muß ich ja sagen, macht mir gerade hierbei ganz besonderen Spaß. Wie Ihr Teutonen immer über die Juden herzieht mit ihrem goldenen Kalb. Und über ihre Psalter mit dem Golde aus Reich Arabien. Seht Euch doch einmal Eure eigenen Überlieferungen an. Um was geht es denn bei Euch? Nur und immer! Da ist das Rheingold – da ist der Nibelungenhort. Im Waltarilied – diese begeisternden Kämpfe Eurer Urzeithelden, in denen sie sich frohlockend Arme und Beine glatt mit dem Schwerte abschlagen, um was 113 werden diese Heldenkämpfe geführt? Um den Hunnenschatz, den der edle Walter dem alten Etzel ausgespannt hat. Und dann im ganzen Mittelalter, diese König- und Kaiserkämpfe! Wer den Kronschatz hat, hat auch die Mannentreue. Die Geschichte dieses Buschkleppertums – läuft sie nicht weiter durch die folgenden Jahrhunderte? Und geht es nicht in derselben Tonart fort bis in unsere Tage? Was sagt Ihr dazu, Ihr Weisen aus dem Abendlande? Wie heißt doch Euer Sprichwort? Treu wie Gold!«

Verdrossen winkte sie selber sich ab, und Horst hatte keine Neigung nun groß sein Streitroß aufzuschirren. Wogegen? Gegen eine blendende äußere Dialektik, die an dem tieferen Wesen der Dinge vorbeijongliert?

Er sagte nur ein bedächtiges Wort, das nicht angriff: »Solange das Gold konzentriertes Brot ist –! Und solange der Mensch Brot zum Leben nötig hat –! Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein.«

Sie wollten beide nicht die Klingen kreuzen. Auch in ihr kam eine Sehnsucht nach Stille auf, eine Lust, sich zu dehnen und die leisen Schwingungen des Frühlings aufzunehmen wie ein streichelndes Heilmittel für die wehen Nerven und das müde Blut.

Lud Uhlenbrook hatte die Blicke auf seinem Moor. Dabei stöhnte er unsäglich. So brüllt nur das Glück. Rehwild zog äsend an dem Waldrande hin. Durch die leichten Zirruswolken streute die Nachmittagssonne wehende Lichter wie Blütenflocken auf den grünlichen Dämmer der erwachenden Gräser. Fröhlich kreisend schwangen sich Kibitze über den Wiesen.

Der Alte paffte seinen Knasterdampf vor sich. Dadurch sah ihm seine Welt noch zauberhafter aus. Mit einer fröhlich herben Absage an die beiden: »Wenn ich dies hier habe – was geht mich das da draußen an! Ich pfeif auf Euren Kram! Schlagt Euch die Köpfe ein, daß ich was zu begraben kriege! Der 114 Moordeubel bin ich, und der Torfdeubel bleib ich und dem lieben Gott sein Lieblingsdeubel dazu! So – und wenn einer gegen mein Moor was sagt –! –«

Lona regte sich. »Ich sag was, Lud Uhlenbrook. Du stehst vor Deinem Moor wie der Ausrufer vor seiner Schaubude. Aber lauter Freud und Wonne ist es wirklich nicht mit ihm. Ich bin da vor kurzem ganz gefährlich in den Sumpf geraten – ein paar Schritte weiter, und Du hättest mich in Deinem Raritätenkabinett gehabt.«

»Ja« – und nun wurde der Alte großäugig angstvoll und warnte schwer, »wie darfst Du auch weglos auf ihm herumabenteuern!« Die Pfeife wollte ihm ausgehen.

»Und ganz übel,« fuhr Lona fort, »ist dieser Fluß, der sich da hindurchwindet, schwarz, träge und drohend. Ein Fluß, der nicht fließt, der tückisch schleicht – er plätschert nicht, er rieselt nicht, er schult nur immer düster nach einem hin. Und seine angefaulten Weiden, denen alle struppigen Haare sich sträuben – menschenfreundlicher machen sie ihn nicht.«

Horst, der ihr mit weiten Wimpern zuhörte: »Und Sie wollen keinen Sinn für Landschaft haben?«

»Höchstens da, wo die Landschaft – für mich so lebhaften Sinn hat. Aus einer Art Notwehr. Ich kann mir nicht helfen, unheimlich ist mir das Moor geworden.«

Der Torfmeister sah ihr durch und durch. »Du hast die Moorangst, Kind! Daß Du es nie ohne mich betrittst! Wer vorm Moore bangt, wird von ihm gelangt!« Er hatte jetzt etwas Gewaltiges in den Augen. Und seine Worte zwangen.

Halb unwillig sagte Lona: »Wie ein alter Zauberer bist Du.« Aber ein Nachdenkliches blieb über ihr. 115

 

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