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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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Märzenglanz – Herzentanz

In die deutsche Not jubelte ein früher Frühling hinein. Ein zärtlicher Hauch läutete die Schalmeien der Primeln, der Leberblümchen und Anemonen. Über der Heide in Frohlocken taten die Lerchen ihren Sonnendienst. Knisternde Seide war die Luft. Wer an sie rührte, dem gingen prickelnde Schauer durchs Blut.

Ein Sonntag. Die jungen Siedler zogen nachmittags in die Stadt, auf die Dörfer zum Tanz und suchten sich was zum liebhaben. 100

Kunz in holdem Ungestüm dunkler Sehnsucht streifte durch die Welt. Ihm war's, es müßte ihm heut ein Wunder geschehen. Er schritt allein, ohne Muz – auch der war heute auf Frühlingsabenteuer aus. Und nun sang er sich den Knickbusch entlang, der hier zwischen Wiese und Heide lief, träumte sich in Kinderspiele hinein und in Märchen.

So in gedankenlosem Stammeln und Dammeln geriet er auf die Dorfstraße. Und kam an dem Pfarrhausgarten vorüber. Wie er über die Rotdornhecke blickte, sah er etwas, was ihn stillstehen hieß.

Ein kleiner Turnplatz war hier eingerichtet. Eine Mädchengestalt, zum Entzücken geschmeidig, im Turnanzug, hing am Reck. Jetzt machte sie die Schwungstemme, leidlich. Sie war selbst nicht zufrieden und wiederholte die Übung.

Kunz hatte es nicht mehr draußen gelitten. Er war kurzen Fußes durch die Pforte eingetreten, stand schon im Sand der Arena und riet sachverständig, als die ihm abgekehrte zur zweiten Wiederholung sich anschickte: »Das Kreuz mehr durchdrücken. Und den Kopf weiter zurück.«

Sie sah hängend über die Schulter zu ihm hin, gar nicht erschreckt, fast ungestört. Machte den Aufschwung, um nach oben, auf ihre Stange und in die richtige Position gegen Eindringlinge und Unberufene zu gelangen. Setzte sich oben hin, den Arm um den Pfosten, und blickte vernichtend herab auf den Störenfried.

Er hatte geglaubt, ein Kind vor sich zu haben – nun brach er zusammen vor so viel damenhafter Ablehnung und Unnahbarkeit.

Kunz war nur zweimal in seinem immerhin bewegten Leben verlegen gewesen. Dies war der dritte Fall. Und er fragte etwas, wie ein Schuljunge, wußte selbst nicht wonach: ob er hier zum Herrn Pastor käme? 101

Da oben der geschürzte Mund bewegte sich nicht, die Augen blieben drohend – nur durch das rechte Bein ging ein kurzer Ruck, und die Fußspitze wies den Weg nach rechts.

Kunz wurde ratlos. Ratlosigkeit war ihm das Weltenfernste. So wurde er sinnverwirrt, und seine Haltung zerfiel. Er wollte lachen, aber es wurde nur so ein geohrfeigtes Lächeln, und eine Heftigkeit stieg ihm in die Kehle. So kam es denn stoßend heraus: »Sagen Sie mal, sind Sie stumm? Oder verbergen Sie einen Zungenfehler?«

Nun wurde aus dem eisigen Drohen da oben eine spitze Niederträchtigkeit. »O nein – aber ich kann die dicken Menschen nicht leiden.«

Kunz, der Arme! Dieses war nun tödlich. Hier gab es keine Rettung. Jetzt lag er platt auf der Nase. Ein Kübel Eiswasser war ihm über den Schädel gegossen. Schauernd lief es ihm die Rückenrille hinunter. Bis in Mark und Seele fror es ihn aus. Nützten ihm die verzweifelten Hilferufe seiner Selbstgespräche? Dick – dick! Ich bin nicht dick! Daß ich diesen unglückseligen Kartoffelkopp habe –! Aber meine Glieder – könnt ich die zeigen! Ja – geschlemmt hab ich ja wohl ein wenig – in Wildbraten – gewildertes schlägt besonders gut an – aber dick – um des Himmels willen – dick –! –

Der Mantel ist schuld! Dieser elende Sack, den sein Vetter, der bauchige Generalstrebler, ihm vererbt hat!

Runter mit den Lumpen! Reißt den Mantel ab – wirft die Mütze hin – stürzt sich auf das Reck – nur die eine Wiedergeburt seiner Ehre gibt es – die schnippische Sylphide da oben flattert entsetzt auf und hängt dann bebend an dem einen eng umarmten Pfosten – Kunz hat die Stange ergriffen – schon fliegen die Beine hoch – fliegen zurück – und nun in tadellosem 102 Riesenschwung schlägt der gestreckte Leib Rad durch die Luft – einmal – zweimal – dreimal – viermal –

Da aber, in dem wütenden Eifer, versagen die Hände – sie gleiten von der glatten Stange – in hohem Bogen wird der Körper weit fortgeschleudert und fällt schwer wie ein Klumpen in dem Gesträuch dumpf auf die Erde.

Mit geisterhaften Eulenaugen hockt die Turnerin da oben – wie in eine Vision geschreckt und gebannt – dann gleitet sie zu Boden in die Wirklichkeit – jetzt weiß sie, was geschehen ist – ein Unfall – dem Gestürzten helfen –! –

Sie läuft in das Gebüsch – da sitzt er, mitten in einem dornigen Stachelbeerstrauch – die eine Backe ist blutig geritzt – er fühlt mit den Fingern hin – dann beschmiert er sich lustig indianermäßig das Gesicht mit Kringeln und Schleifen – legt die Arme übereinander wie ein Götzenbild – verbeugt sich im Sitzen vor der scheu sich Nahenden und verkündet hohl: »Mein Name ist Rutenberg.«

Dann lacht er laut und herzhaft mit seinem wunderhübschen Mund.

Da denkt sie, was ist das für ein lieber fröhlich verrückter Junge, und sie lacht zurück. »Haben Sie sich auch nichts getan«, fragt sie sorgend und hilfsbereit.

Er schüttelt höchst munter den Kopf. »Aber den Seismographen in den Erdbebenwarten habe ich gehörig eins ausgewischt.«

Sein Platz scheint ihm immer noch zu gefallen. Er macht keine Miene, sich zu erheben, und spricht belehrend weiter: »In unserer Reiterhorde war ich wegen meines losen Sitzes berühmt. Jetzt weiß ich doch, daß ich auch im festen Sitz Vorbildliches leiste.« Und damit versucht er aufzustehen. Es geht langsam, aber dafür tut es weh. 103

Sie greift zu, ihn zu stützen, da gibt er sich einen gewaltigen Ruck, der ihm durch alle Knochen fährt. Doch damit hat er sich beisammen und ist wieder fest auf den Füßen.

Nun der Sorge um ihn ledig, sieht die Kleine die Stelle sich an, wo er so unsanft den Planeten erschüttert hat. Der Stachelbeerbusch ist heillos verwüstet. Da zieht sich ihr feines Gesicht in die Länge. »Oh, das ist einer von Vaters neuesten und besten – im Jahre 17 gepflanzt, als er auf Urlaub hier war – ein blood hound. Nun müssen wir hin zu ihm und ihm gleich alles sagen. Sonst geht es uns schlecht.«

Wir – und uns – so war die Freundschaft geschlossen zwischen Vita Waermann, dem Pfarrertöchterlein, und Kunz Rutenberg, dem Siedler und Soldaten, dem Wilderer und Turner, der eher die Erde zertrümmerte, als daß er dick sein wollte.

Und nun standen sie vor dem Pastor, einem geraden, schlank gewachsenen, helläugigen Mann, der viel eher soldatisch, als geistlich sich hielt. Er war zuerst als Feldprediger draußen gewesen, dann hatte er als Offizier in der Front gestanden. Jetzt ging er nach schwerer Verwundung am Stock. Erst vor acht Tagen hatte Vita ihn aus dem Genesungsheim abgeholt und seit heute, Sonntag, versah er wieder sein Amt.

Unter den Gottesgelehrten zählte er nicht zu den Gekrönten. Aber in der Obstzucht war er Baas und ein Vorkämpfer für die Fruchtweinkultur als eine fruchtbare Erwerbsquelle auf deutschem Boden. Berühmt war sein eigener Stachelbeerwein, so daß ein zungenfertiger Amtsbruder ihn also gefeiert hatte: »Ein Pastor und ein Wehrmann und auch ein Stachelbeermann.«

Diesen geradezu leidenschaftlich zärtlichen Vater seiner Sträucher mußte man schonend vorbereiten. Er vernahm alle Einzelheiten, wie das junge Freundespaar die Bekanntschaft geschlossen hatte – das 104 Außergewöhnliche sollte seine Vorstellung auflockern für Ungeahntes, Unsägliches. Aber die Katastrophe, die seinen Busch zerschlagen hatte, fuhr ihm doch ins Gekröse.

Spornstreichs stakte er los in den Garten. Die beiden blieben zurück, zwei gescholtene, zitternde Kinder – blieben beieinander, miteinander, als trügen sie beide an der Schuld. Und durch Kunz strömte die Glückseligkeit der Gemeinschaft, die sie auf sich genommen hatte – für ihn.

Der Vater Stachelbeermann kam kopfschüttelnd zurück. »Gerade auf den blood hound.« Vorwurfsvoll: »Und es ist doch so viel Platz im Garten! Aber, wenn Sie schon eine Sitzgelegenheit in meinen Ribitzeln suchten, warum haben Sie sich nicht lieber dem Schoße der Queen Mary oder der smiling beauty anvertraut?«

Hiermit ging es nun schon schalkhafter zu. Und jetzt flog das letzte des längst schon lächelnden Unmuts davon, und die Gastfreundschaft öffnete völlig und warm dem Besucher, der mit einem Riesenschwung in das Leben des Pfarrhauses sich befördert hatte, die Arme.

Kriegserinnerungen das erste und die leuchtenden Flammen – und dann das würgende Grau der Friedensnot. Und jetzt Glaube und Wille und Gelöbnis. Wir werden sie zerbrechen, unsere Handschellen! Und dann – ein gutes Werk werden unsere freien Hände verrichten – gute deutsche Arbeit werden sie tun! Ja, ihr lieben Feinde Deutschlands – die Zeit kommt – sie kommt, sie kommt, und es fluscht mal wieder!

»Jetzt müssen wir wieder nach einem anderen Katechismus beten«, sagte Pastor Waermann. »Jetzt hol ich mir wieder meinen alten Ernst Moritz Arndt hervor.

»Wer Zwingherrn bekämpft, ist ein heiliger Mann! Wer Übermut steuert, tut Gottes Dienst! Das ist der Krieg, welcher dem Herrn gefällt! Das ist das Blut, dessen Tropfen Gott im Himmel zählt!« – So der 105 Alte und so jetzt wir Neuen. Dies, dies ist unsere Glaubenslehre. Und keine andere verkündige ich, bis der neue Tag anbricht.«

Kunz hätte ihm um den Hals fallen mögen. Mit großen, glücklichen Augen sitzt er da. Wir haben ihn, den Seelsorger, den wir brauchen! So Gutes ist uns Siedlern beschieden! Und ich habe ihn gefunden – an der Hand des wonnesamsten Mägdeleins. Ich wußte ja, daß mir ein Frühlingswunder geschehen würde! O du gebenedeite, verunglückte Riesenwelle am Reck, die in diesen Lichtkreis mich fliegen ließ. Mich, den Entdecker, mich, den Boten des Heils für die Kameraden.

Vita, jetzt ganz als das Hausmütterchen angetan, das sie in ihrem Hauptberufe war, brachte den Kaffee. Was hat sie für wundervolle Augen, denkt Kunz. Nichts als Augen, Augen das ganze holdselige Gesicht. Graugrün sind sie, wach, hell, groß und weit, und sehen alles, sehen bis auf den Grund. Katzenaugen sind es, die schönsten der Welt.

Wie kräuselt sich dieses rotbraun flammende Haar in Löckchen, in goldigem Flaum um die schmale trotzige Stirn! Wieviel eigenwillige Kraft spannt sich um diese leicht geschwungenen, ein wenig höhnisch geschürzten Lippen.

Sehr ernst und verantwortungsvoll ist jetzt ihr Gesicht, ein wenig altklug wirkt so viel Würde, denn ihre Erscheinung hat immer noch etwas Kindliches trotz ihrer achtzehn Jahre.

Der Vater fährt ihr über die Stirn, die kraushaarige. »Meine Katz im Schürzenlatz! Ist das nun so schlimm?«

»Ach ja, Vater.«

»Dieses »ach ja« hat es in sich. Sie verwünscht ihr Geschlecht. Als es in den Krieg ging, wollte sie absolut mit. Vierzehn Jahre und ein Mädel. Festbinden mußte man sie.« 106

»Ich wär da draußen schon was nutz gewesen. Und hätte ich Euch bloß Kugeln in die ersten Reihen getragen. Wie die Johanna Stegen.«

»Ich trau Dir nicht. Du hättest mitgeschossen.«

»Vielleicht.« Und dann sagte sie: »Nun, das nächste Mal.«

Das nächste Mal. Dieses unheimlich große Wort – in der kindlichen Leichtherzigkeit, die es sprach, war doch der Klang aus tiefster Qual. Die die Mädchenseele schlug, wie die Männerherzen.

Das nächste Mal! Wie ein Denkmal stand vor ihnen dieses Wort. Furchtbar und erhaben. Gebaut aus schwerster Not und düsterster Notwendigkeit und gekrönt mit Flammen.

 

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