Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dreyer >

Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
Schließen

Navigation:

Achim

Horst blieb noch mit Herrn von Borkhus und Achim zusammen.

»Nun ja,« sagte der alte Herr, »unser Hornburger Schießen müssen wir nun einmal haben. Aber es ist mir lieb, daß ich Sie mit den Herren bekannt machen konnte. Vielleicht wird doch der eine oder andere Hilfe nötig haben. Wenn es ernst wird.«

»Es wird ernst, Vater.«

»Achim –!« Er hob lächelnd die Hand. Das hieß: ein Schwarzseher wie Du.

»Zum Frühjahr haben wir hier den Ausstand. Wir werden von der Tücke der Bevölkerung was erleben.«

»Sie ist nicht tückisch, mein Junge. Wir haben sie nur nicht immer richtig behandelt.« Er sprach jetzt sehr schonend und mild mit ihm, wie mit einem Kranken.

Achim war schon nicht mehr bei der Sache. Er ging, sich nach seiner Frau umzusehen. Borkhus sprach mit Horst über ihn. 97

»Das Herz blutet einem. Was haben Krieg und Frieden aus dem Jungen gemacht. Man spricht manchmal bei mir von Vertrauensseligkeit –«

Horst nickte innerlich dazu.

»Seligkeit – du lieber Gott –! Bei dem Jungen war es Seligkeit! So was von einem frohlockenden Zutrauen zu allem und jedem, das Himmel und Hölle bezwang! Das über jede Enttäuschung hellauf lachte, wie über Scherz und neue Lebenslust. Seine Augen hätten Sie sehen müssen! Und jetzt entfärbt, entseelt zu dieser griesen Kälte. Bleifarben. Und wie sieht es in ihm aus! Zum Heulen!«

Er hielt klagend inne. Horst rüttelte tröstend an ihm. »Ihr Sohn ist jung, er hat seine Tätigkeit, er hat Sie und hat die wundervolle Frau.«

»Das ist ja das Furchtbare. Man kommt nicht mehr zu ihm. Nichts von dem, was ihm lieb war, rührt noch an ihn. In uns allen ist ja etwas in Trümmer gegangen. Aber, daß in ihm nur noch Schutt liegt! Argwohn – Ablehnung – Gleichgültigkeit – eine völlige Gefühlsumnachtung.«

»Ist Herr von Mönkhov schwer verwundet gewesen, schwer verletzt?«

»Seinem Körper ist nichts geschehen. Nicht die Haut ist ihm geritzt. Und er war vorne von Anfang bis zu Ende. Sein Körper – er ist gewachsen wie ein Gott – als ob die Kugeln den wie ein Heiligtum gescheut hätten. Dafür ist ihm nun die Seele in Fetzen gegangen. Die letzten Kämpfe haben ihm den Rest gegeben, da zwischen Aisne und Marne. Wie das Unglück hier herausbrach aus den Wäldern von Villers-Cotterets, das Verhängnis, das Verderben. Er wußte, jetzt ging es um Deutschlands Leben, um Deutschlands Tod. Überladen zum Zerspringen von der ganzen gewaltigen Inbrunst seines letzten Hoffens und Glaubens und Wollens – und da zerriß es in ihm. Das 98 Grauenhafteste hat er erlebt – den Überlauf ganzer Scharen – den Verrat der vielen! Wie ein Irrsinniger hat er vor sich hingelacht – stundenlang. Er hat es gesehen mit eigenen ersterbenden Augen, wie Deutschland erschlagen, wie Deutschland gemeuchelt ward. Dies ist Achims Schicksal.«

Die Männer schwiegen, versunken, vergraben. Ein gut Teil ihres eigenen Lebens war so zerbrochen und verdorben.

»Und nun, Horst, müssen Sie auch noch mehr hören. In der Schlacht war es zum Handgemenge gekommen, mit Amerikanern. Mannschaften zerschossener Tanks. Gewehr und Pistole waren leer. Mit den Fäusten gehen Achim und ein amerikanischer Offizier auf einander los. Einen regelrechten Boxkampf liefern sie sich, in fair play. Inmitten der rasenden Hölle, des Feuerorkans, der tosenden Geiser und Wirbel giftiger Wolken auf der zerwühlten, zerrissenen, brüllenden, verzweifelt ihre Fetzen um sich werfenden Erde. Kämpfen wie auf dem Podium. Angestiert von der verblüfft glotzenden Umgebung. Die Amerikaner haben vielleicht gewettet. Und Achim schlägt den Gegner nieder. Der Amerikaner ist geworfen – aber – es gibt keine Symbole mehr – Amerika wirft uns. Und jetzt passen Sie auf, von diesem sieghaften Zweikampf her hat er einen Lichtschein mitgenommen in seine Dämmerung. Der einzige, den er hat. Und er hütet ihn mit einer Leidenschaft. Er hat von jeher mit Hingabe Sport getrieben, am liebsten den, bei dem es ganz und allein auf die eigenen Glieder ankommt. Im Boxen war er immer ein Meister. Jetzt gibt es kaum für ihn etwas anderes auf der Welt. Sein Tagewerk beginnt mit stundenlangem Training. Immer hat er Besuch von »Professionals« und von »Amateuren«, mit denen er stundenlang übt. Auch sein Diener – der ihm ein Vermögen kostet – ist ein alter 99 erfahrener Faustkämpfer von Beruf. Seines Geistes Nahrung: die Sportberichte und Sportzeitungen. Für die Wirtschaft bleibt so gut wie nichts übrig. Und – das Leben meiner Tochter können Sie sich vorstellen.«

Frau Tilde mit ihrer zarten Geistigkeit, ihrer stillen Empfindungskraft und Tiefe! Wie vieles von der Klage ihrer Augen, von dem wehen Lächeln um ihren Mund ward Horst verständlich.

»Eine Leidenschaft – wie die Spielerleidenschaft, die auch auf Trümmern wuchert. Und auch unausrottbar ist.« So schloß Herr von Borkhus, stark bewegt.

Das Ehepaar kam ins Zimmer. Sie wollten gleich nach Mönkhov zurückfahren. Frau Tilde begrüßte Horst in aller Freundschaft. »Es ist mir ein wahrer Trost, daß Vater Sie alle in der Nähe hat. Ihr seid hier am dichtesten bei der Stadt und hier wird es zuerst losgehen.«

Und wieder Herr von Borkhus mit seiner überlegenen Zuversicht: »Kinder, ich rat Euch sehr, an Euch selbst zu denken! Die Ihr mit Eurem Koch eine Brandfackel in diese Welt geworfen habt. Mir unter meinen Leuten kann und wird nichts geschehen.« Und in seinen Augen strahlte auf, was noch an Licht in ihnen war.

 

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.