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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Besuch in der Baracke

Es ging auf den März zu. Nach Erde roch es und zerfließendem Schnee. Vom Frühling schwirrte und klirrte schon dies zitternde Ahnen durch die Luft, dieses Surren, in dem die Nerven schwingen und das Blut singt.

Jetzt wurde der Siedlerbaracke ein sonderlicher Festtag beschieden, Frau Tilde machte ihr den versprochenen Besuch. Es war gegen Mittag, da kam sie mit dem Vater die Höhe herabgeschritten.

Die Siedler marschierten von den Räumungsarbeiten auf der Ziegelei die Chaussee daher – Gisbert in dem Arbeitstrott wandelte plötzlich mit gestreckten Armen wie auf eine Erscheinung zu, er hatte sie zuerst gesehen. Kunz spürte, wie er ihnen entrückt wurde, und ging seinen Blicken nach. Und jetzt lief es durch die Reihen: »Damenbesuch«. Alles war befeuert, hob sich und spannte sich.

Viel Staat war ja nicht mit ihnen zu machen. Wie die Müllkutscher sahen sie alle aus, und den eitlen unter ihnen war das peinlich. Gisbert dachte nicht an sein Kleid, Kunz schon eher, er zog und ordnete und bürstete unwillkürlich mit den Händen. Als aber die Augen dieser Frau vor ihnen aufleuchteten, da flog 86 jedwedes Äußerliche über alle Berge, und sie atmeten wie in einer Lichtflut.

Es geschah von selbst, daß Gisbert gleich an ihrer Seite war. Und sie nahm ihn auf, ganz so, als gehöre er zu ihr. Er mußte ihr all die Herrlichkeiten zeigen – denn Herrlichkeiten waren es, da ihre Augen darauf fielen. Er und sie – Mitläufer die anderen.

Die Stallungen kamen zuerst an die Reihe. Sie waren ein Teil der Baracke, alles lag unter einem Dach, wie bei einem niederdeutschen Bauernhaus. Die Ställe hatten längst noch nicht die ihnen zugedachten Bewohner. Sie besaßen bisher ein Pferd, ein alter Fliegenschimmel war es, wehmütig aber treu. Dann zwei Kühe und sieben ganz kleine Ferkel. Diese sieben die junge Fröhlichkeit des Baues, mit denen Muz seine ausgelassenen Spiele trieb, von dem Quieken und den frohlockenden Ringelschwänzchen zu immer neuen Tollheiten begeistert.

Nebenan aber thronte etwas erschütternd Einsames. Hier in dem Hühnerstall saß nichts als ein großer schwarzer Hahn in der tragischen Erhabenheit seines verlorenen Schicksals.

Gibt es was Jammervolleres als einen Hahn ohne Hühner?

Muz konnte keinen Blick in diesen Stall tun, ohne mit gesenkten Ohren trostlos winselnd zu verzagen.

Kunz, der als »Conferencier« sich in erreichbarer Nähe hielt, mußte nun doch sein Sprüchlein hersagen. »Dies ist nun unser heiliges Tier.« Den Zusatz aber, der ihm auf die Zunge wollte: das Wappentier unserer Barackenaskese – den tat er angesichts der Besucherin doch lieber in seine Sparbüchse.

Frau Tilde aber war auch ohne irgendwelche Erörterungen reichlich bewegt. »Der arme Kerl – in Einzelhaft – was hat denn der nur verbrochen! Er soll Gesellschaft haben.« Und sie versprach als Stiftung 87 sieben Hennen von der Mönkhover Zucht, die im Lande berühmt war.

»Zum Lohn dafür aber müssen Sie mich heute zu Mittag einladen«, sagte sie munter.

»Das paßt großartig!« rief Kunz. »Es gibt Kartoffelsuppe.«

Die verleugnete nun ihre »Blutsverwandtschaft mit der Wasserleitung« auch heute nicht. Aber wer achtete darauf? Die Wirte nicht und nicht die Gäste.

Es war die strahlende Kraft dieser Frauenseele, was sie alle emportrug über die Dinge. Sie hatte ihren Platz zwischen dem heiligen Josef und dem Balbutz, und Weltkind wie Prophet sahen zu ihr auf als wie zu unserer lieben Frau. Sie hatte so viel Freude an all diesen braven Jungen. Sie meinte, daß in dieser harten, ernsten und stillen Arbeitsgemeinschaft so etwas wie das Herz Deutschlands schlage. Und leid tat es ihr, daß sie wie die Sträflinge hausten, in dieser lieblosen Kahlheit, dieser Farblosigkeit und dürftigen Enge.

Hier wollten ihre Hände schmücken und beseelen. Wohnlicher sollt Ihr es haben, Ihr armen Verwaisten und Heimatlosen! Diese traurigleeren Fenster, die wie tote Augen starrten – sie hatte Stoff zu Vorhängen, mit denen wollte sie anfangen, das tote Bretterhaus zu beleben.

»Und Blumen sollen Sie jetzt im Frühling haben. Einen kleinen Vorgarten legen wir uns an. Mit Tausendschönchen, Priemeln, Stiefmütterchen. Daß etwas Leuchtendes Sie in Empfang nimmt, wenn Sie von Ihrer schweren Arbeit nach Hause kommen.«

Und all die Blicke der Männer und ihre Herzen erbauten sich an einer Lichtgestalt. Um den feinen zarten Kopf mit diesen tiefen, versunkenen Augen, die aus ihrer Versunkenheit ihre Schätze hoben, stand es wie ein Schein, dieses wunderbar Festliche und Frauliche zugleich – ein Schein, vor dem man andächtig ward. 88

Herr von Borkhus indessen ließ sich von Horst über die Arbeiterversammlung berichten. »Natürlich, sie wetzen die Messer. Wir sollen das Schleifen hören, und wir hören es. Vielleicht, daß es mehr ist als Drohung. Haben auch die meisten von uns ein gutes Gewissen – manch einer hier im Kreise rutscht doch mit der Hose ganz gehörig auf Grundeis. Hier wird die Rechnung präsentiert werden und – wie die Sache nun einmal liegt – nicht hier allein. Da nun schon – wer hat es gesagt – Frauen, Dummköpfe und politische Bewegungen zu verallgemeinern lieben.«

»Den Organisierten wird ja auch nichts anderes übrig bleiben«, bemerkte Horst.

Die müden Züge des Herrn von Borkhus – sie erschienen Horst noch nie so schmerzlich abgespannt – erhellte jetzt die junge gläubige Phantastik seiner Augen. »Ich weiß, auch von meinen Leuten hat der größere Teil sich eingeschrieben. Überzeugungen glauben nun einmal erst dann an sich selber, wenn sie abgestempelt sind. Jeder muß nun mal seinen Schein haben – wie könnte er sonst auf ihm bestehen! Aber, wenn es ernst wird, dann sind solche Scheine Papier. Der Herzschlag ist dann der Ton, der die Musik macht. Und – ich kenne meine Leute, so gut wie sie mich kennen!«

Er warf den Kopf zurück, nun ganz ein froher, sieghafter Führer. Sein Gesicht belebte sich frisch, dunkler und heißer leuchteten die Augen. Hier frohlockte eine Zuversicht, die aus der Tiefe seines Wesens quoll, aus der glückhaft frohen Treue seines eigenen Fühlens.

Zagend, mit leiser Sorge blickte Horst in diesen Überschwang feuriger Gewißheit. Er hatte seinen Argwohn, und er fühlte, daß Enttäuschungen hier ins Leben greifen müßten. In dieses Leben, getragen von dem Selbstvertrauen des Häuptlings, das durch Geschlechter angezüchtet war. 89

Selbstgewißheit! Und kommt es nicht darauf an? Ist das nicht der Kern alles Wesens, alles Werdens, alles Schaffens! Ist das nicht die lebendige Urkraft, die schließlich ins Ewige uns finden läßt und zu Gott – die Gewißheit, das Gewissen! Beides dasselbe! Des Glaubens Inbegriff! Des Menschen Seele!

War ihm, Horst, genug von dieser Urkraft gegeben, genug zur Führerschaft? Immer wieder die Zweifel. Und die Gefahr des Zerbröckelns. Ja, wir sind mürbe geworden. Verwittert haben uns die Zeitenstürme. Hab ich selbst noch so viel innern Halt, den anderen ein Halt zu sein?

Wie hat es mich geworfen, als die erste Regung zur Fahnenflucht in unsere Reihen brach. War es ein Gefühl eigener Schuld? Hatte ich die Fahne nicht tapfer, nicht stark und treu genug getragen? Waren nicht meine eigenen Gedanken auf der Flucht gewesen? Wie oft hatte ich mich gesehnt – ja gesehnt nach meinen Büchern, nach Forschung, nach Wissenschaft, nach geistigen Fernsichten. Nach Einsamkeit auch, nach den Freuden stiller Entdeckungen, nach den Verzückungen und Verzauberungen in ungestörten Träumen.

Ja – wie an Ketten trug ich oft an meiner Pflicht. Und nur, weil ich selber schwankte und treulos werden konnte, kam dieses Wanken in die Reihe.

Ist es nicht eine erlesene Schar, die auf mich blickt? Ein Vorbild für mich, die ich ihr Vorbild sein soll. Und so ist es recht. Nur so ist die starke Gemeinschaft da. Wir haben sie. Hat Herr von Borkhus sie mit seinen Leuten? Ich fürchte, er träumt zu leicht. Hat er nicht ein reichliches Maß dieser lieben Leichtgläubigkeit, die so kindlich ist und ach, so deutsch!

Wie hat er sich selbst die Mannestreue des alten Strempel herausgeputzt, bei dem aus jeder Pore seines gelben Felles der kalte listige Gelegenheitsmacher schielt. Und richtig, jetzt ist der auch schon als Kronzeuge da. 90

»Lieber Horst, Sie kennen eigentlich von meinen Leuten nur den alten Strempel. Können Sie sich denken, daß der übermorgen zu mir sagt: ›Sie müssen sich allein anspannen, ich fahre Sie nicht!‹ Können Sie sich das vorstellen?« In seinen Blicken war eine unauslöschliche Heiterkeit.

Horst mußte wenigstens soviel sagen: »Meine Vorstellungswelt ist nun mal ein wenig aus dem Gelenk wie die ganze Welt überhaupt –«

»Hier dürfen Sie sie getrost wieder einrenken.« Er winkte fast mitleidig mit der Hand. »Und nun habe ich eine Bitte an Sie. Mich persönlich berührt ja der angeblich drohende Streik am wenigsten. Aus politischen Gründen aber habe ich die Herren aus dem Umkreis für heute nachmittag zu einer Besprechung gebeten. Sie waren auf der konstitutionellen Versammlung des Arbeiterverbandes – Ihre Eindrücke sind uns von Wert.«

 

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