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Die Siedler von Hohenmoor

Max Dreyer: Die Siedler von Hohenmoor - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Siedler von Hohenmoor
authorMax Dreyer
year1922
firstpub1922
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Siedler von Hohenmoor
pages301
created20170610
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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Lona und die Landarbeiter

Die Roten legten sich kräftig ins Zeug. Zur Gründung eines Landarbeiterbundes wurde in dem zweiten großen Saale der Stadt eine Versammlung abgehalten. Horst ließ es sich nicht nehmen, sie zu besuchen. Der heilige Josef und der Balbutz begleiteten ihn.

Sie kamen spät und fanden in einer Ecke noch notdürftig Platz. Hier walteten keinerlei Gedanken an ein Rauchverbot. Höllenkräuter waren entbrannt. Verzweifelt kämpften Nase und Augen und erlagen ehrenvoll.

Es saßen fast nur Männer im Saal. Die wenigen Frauen duckten und verkrochen sich, als wären sie auf gefährlichen Abwegen. Auch von den Männern hockten einige Alte da wie ein Haufen Unglück. Ganz unheimlich war ihnen diese Staatsaktion. Mehr als einer bangte wohl um Kopf und Kragen.

An einem Tisch hatten sie sich erst Mut trinken müssen, zu so schauerlicher Verschwörung. Und befreiten sich mit sachten Witzen aus ihrer Beklemmung. »Korl Du moest betahlen. Ick häw mien Portmonee to Huus vergeten – wiel nicks in is!«

Auf einen alten unanfechtbaren Sinnierer redeten Jüngere glaubenseifrig ein: »Nu sast sehn, Vadder Jahn – nu wad allens ümrührt, un denn wad 't anners in de Welt.«

Er schüttelte den Kopf. »Anners? Rührt ji so veel ji willt. Fett schwemmt ümmer baben!«

Munter lärmend aber gaben sich die Jungen. Sie hatten ihre politische Weisheit aus dem Schützengraben mit nach Hause gebracht und fühlten jeder Lage sich gewachsen.

Jetzt erscheinen durch eine Nebentür die Einberufer der Versammlung und nehmen auf der Empore Platz. Lona ist unter ihnen. 74

Es sind ihrer fünf. Der Vorsitzende, ein schlanker, aufrechter Mann mit scharfen wie gemeißelten Zügen, mit eigentümlich grellen und packenden Raubvogelaugen. Der Führer steht ihm im Gesicht geschrieben. Er ist aus der Hauptstadt gekommen. Rechts von ihm sitzt Lona, links der Koch. Er hat nichts Gemästetes, ist trocken und kantig, der Schädel ist oben kahl, nur in der Mitte, über der Stirn, brennt eine einsame rothaarige Flocke. Die Augen stechen und sind heiß. Sein Nachbar ist der zierliche knabenhafte Mann, der auf der Borkhus-Versammlung die kurze Brandrede hielt, und den der Bierfahrer vom Tisch heruntersetzte. Er hat ein hektisches und verbittertes Frauengesicht. Alle Glieder sind bei ihm in fiebernder Bewegung, in den Augen tobt die Unruhe. Lona hat zu ihrer anderen Seite einen sehr behäbigen, angegrauten, breitstirnigen Herrn, der offenbar nicht ausgeschlafen hat, und sich ein paarmal die Hand vor den gähnenden Mund hält. Zwischendurch tiefsinnig vor sich hinblickt und mit den Elementen der Fingernägelpflege sich befaßt. Aber in den kleinen lauernden Augen ist etwas, das nur darauf wartet, geweckt zu werden. So oft er sich regt, stößt er die Nase vor wie ein witterndes Wild.

Lona blickt unter halbgesenkten Lidern über die Versammelten. Dann starrt sie – Horst hat sich eben seitwärts zum Balbutz gewandt – jetzt wird er in die Bahn ihrer Augen gezwungen, die in seine Ecke, die auf ihn geheftet sind.

Sie beugt sich ans Ohr des Vorsitzenden, das Falkenauge stößt jetzt auch auf ihn – dann erhebt sich der Mann sofort. Klingelt kurz. Stille.

Durch Horst zuckt es hin: wollt Ihr mir zuleibe? Gut, ihr Leute! Kommt an!

»Arbeiter und Arbeiterinnen,« so spricht der Vorsitzende, »das ist meine Anrede – Ehre, wem Ehre gebührt! Die Einladung zu dieser Versammlung ist 75 lediglich an Euch ergangen. Eure Angelegenheiten sollen hier besprochen und geordnet werden. Die Anwesenheit von Leuten, die nicht darauf Anspruch erheben können, Landarbeiter zu sein, ist nicht erwünscht.«

Ich bin auch Landarbeiter auf meine Art, denkt Horst mit innerem Schmunzeln. Er soll mir schon deutlicher kommen.

»Ich muß deshalb alle diejenigen, die nicht diesem Stande angehören, ersuchen, den Versammlungsraum zu verlassen.«

Seine Blicke geben aller Augen die Richtung. Viele sind aufgesprungen, alle stieren sie in die bezeichnete Ecke. Horst rührt sich nicht. Erst recht nicht, da jetzt in Lonas Züge ein häßlich Feindseliges sich einwühlt.

Falkenauge aber läßt nicht locker. »Wie ich höre, ist der Leiter der Hohenmoorer Siedlung hier anwesend.«

Jetzt erhebt sich Horst.

»Spitzel!« ruft ein Zwanzigjähriger. Mit diesem Wort dünkt der Junge sich auf der Höhe und blickt stolz um sich her.

»Wollen Sie mir ein paar Worte gestatten«, beginnt Horst.

»Bitte.«

»Wir Mitglieder der Siedlung arbeiten genossenschaftlich gemeinsam an unserem Werk. Ich selbst bin unter allen Umständen Siedler oder, wie man sonst sagt, Kolonist. Ich mach ein Stück Land urbar, ich helfe Neuland schaffen. Wenn einer sich Landarbeiter nennen darf, sind es meine Genossen und ich.« Kurz und bündig.

In die Gesellschaft ist Bewegung gekommen, es wird dafür und dagegen gemurmelt. Horst sieht den grauen Schopf des Torfmeisters wackeln und hört seine gedämpfte Stimme wie schweres unterirdisches Rollen.

Falkenauge holt zum zweiten Schlage aus. »Diese Einwendungen sind doch sehr anfechtbar. Die Siedlung ist ein Unternehmen. Ihr Leiter ein Arbeitgeber. Und 76 wenn diese Persönlichkeit nun noch aus dem – jetzt glücklicherweise abgeschafften – Offizierstande herkommt und vor allem mit dem Besitzer von Moorhof, der uns hier in mehr als einer Hinsicht beschäftigt, in freundschaftlicher Beziehung steht –! –«

Dies soll das Henkerbeil sein. Horst aber hält mit dem Nacken ganz und gar nicht still. »Darf ich noch einmal?«

»Bitte.« Doch diese Gewähr sieht schon einer schroffen Ablehnung gleich.

Horst schmunzelt innerlich. Meine Klinge will ich wenigstens schlagen! »Was einer früher war, kann heute und hier doch unmöglich in Frage kommen – ebensowenig wie der Umgang und Verkehr jedes einzelnen der hier Erschienenen zur Untersuchung steht. Es handelt sich doch ganz ausschließlich um den jetzigen Beruf. Und wenn ich für meine Person gefragt werde, welchen Beruf ich heute ausübe, habe ich gar keine Möglichkeit etwas anderes zu sagen als: ich bin Landarbeiter, Landarbeiter in einem genossenschaftlichen Arbeiterverbande, der, wenn Arbeitgeber, doch sein eigener Arbeitgeber und in demselben Maße sein eigener Arbeitnehmer ist. Der Herr Vorsitzende hat die Erklärung abgegeben, daß die Anwesenheit von Leuten, die nicht Landarbeiter sind, nicht erwünscht wäre. Wenn hiernach wirklich verfahren wird, müßten, so weit ich über den Stand und Beruf der Herrschaften unterrichtet bin, die da oben am Tisch der Versammlungsleitung sitzen, diese zunächst einmal samt und sonders ihre Sachen zusammenpacken und den Saal verlassen.«

Ohorufe, erst einzeln, dann anschwellend, werden laut zu diesem umgedrehten Spieß. Aber viele denken: ein verfluchter Kerl, und manch einer grient im Stillen. Horst aber hat sein unbändiges Behagen an dem Flammentanz auf den Gesichtern da oben – auch die 77 viereckige Stirn des Phlegmatikers droht – an dem furioso in den Augen der Musiklehrerin.

Doch die wetterfeste politische Kultur der geschulten Volksmänner ist gleich an der Arbeit. Zuerst und vor allem nieder mit jeder Mißtrauensregung! Der Koch bittet ums Wort und spricht: »Ich bin anderer Meinung als unser verehrter Herr Vorsitzender. Er wünscht einen engen geschlossenen Kreis. Wir haben hier keine Geheimnisse. Im Gegenteil! Ich wünschte, es hätten sich hier recht viele von den Unternehmern, den Arbeitgebern, den Herren Gutsbesitzern eingefunden. Was sie hier zu hören kriegten – ja, die Ohren würden ihnen schon davon gellen! Aber vielleicht würden sie uns dann der Arbeit überheben, einmal mit der Faust an ihre Tür klopfen zu müssen!«

Bravo! Jetzt ist der Wagen auf dem richtigen Gleis. Der Fall Horst liegt sacht in der Versenkung. Die Tagesordnung steigt.

Der Vorsitzende spricht über die Notwendigkeit der Arbeiterorganisation. Die Landarbeiter, die einzigen, die bisher nicht organisiert wären. Rückständig wären sie. Arbeiter und rückständig, das gäbe es aber nicht! Das Rückständige wäre bei denen da oben zu Hause, und mit denen räumte die neue Zeit jetzt gründlich auf. Herren und Knechte – das wäre deren Weisheit und Wille, aber das hätte aufgehört! »Menschenwürde!«

Horst fuhr zusammen. Wieder das Wort!

»Und in Eure eigenen Hände ist die Menschenwürde gelegt. Ihr habt jetzt dafür zu sorgen, daß hier auf dem Lande auch menschenwürdige Verhältnisse eintreten. Das erste ist höhere Löhne! Und wenn Ihr alle einig seid – die, die auf den Kornsäcken und den Geldsäcken sitzen, können, werden und müssen sie zahlen!«

Dies ist der Faden. Und er hat sie an der Strippe.

Horst hörte helläugig zu. Der Mann ist ein Künstler 78 in seiner Art, er hat die rechten Finger für das Masseninstrument.

Jetzt wird noch ein Stück in Moll gebraucht. Sie verstehen sich schon auf Konzertprogramme. Lona nimmt das Wort.

Zagend steht sie auf, aber dann entfaltet sich das, was sie spricht, wie eine Knospe zum Blühen und Glühen.

Sie sei ein Kind dieses Landes. Als Kind habe sie es verlassen. Nun, da sie wiedergekommen sei, habe es ihr den Sinn bewegt, wie wenig Menschen hier den Kopf hoch tragen. Kaum hebt einer den Blick vom Boden. Das ist es: sie tragen eine eigene Not und sie zieht eine eigene Sehnsucht. Von der Erde stammt ihre Not, und ihr Sehnen geht zu der Erde. Darum ist auf sie, ob sie's selber nicht wissen, ihr schwerer Blick gesenkt. Ein eigenes Stück Land, so brennt es in ihrem Herzen. Mit dem Boden sind sie verwachsen, durch ihr Schaffen sind sie ihm angetraut. Denn nur die Arbeit flicht den lebendigen Bund. Und sie arbeiten nicht für sich selbst. Sie dürfen es ja nicht. Ihnen gehört die Erde – und sie gehört ihnen nicht. Das liegt auf ihnen wie ein Fluch. Diesen Fluch gilt es zu lösen. »Ihr sollt nicht mehr dulden um die Erde, Ihr sollt leben mit ihr, in ihr – ja Ihr sollt leben!«

Das greift ihnen mit fester und doch linder Hand an die innersten Seiten, an ihre heiligen Wünsche. Das ist wie Musik, das ist Seele und Sieg. Sie sind alle bezwungen.

Auch über Horst geht ein Zauber. Von der Innigkeit eines wahren Fühlens, die wie ein Stern leuchtet durch den dicken Brodem der Versammlung.

Kaum hat er das in ihr gesucht. Nicht, daß dieser Schein aufsteigen könnte, dieser stille Schein aus den lohenden Flammen ihres Wesens. 79

Ein Unrecht bittet er ihr ab, daß er sie bei den wilden Schlagwörtern gesucht hat, bei den knalligen Feuerwerkern von Beruf mit ihren hohlen Kanonenschlägen, ihren verpuffenden Raketen und windigen Leuchtkugeln.

Und sie können es nun doch nicht lassen, sie sorgen schon wieder dafür, daß die Stille und Andacht nicht bleibt. Der Knabenhafte hat das Wort bekommen. Lange schon hat es in ihm gefressen. An dem Gedämpften, dem Ruhigen, Sanften erstickt er. Mit den Armen fährt er durch die Luft. Zwei brandrote Flecken leuchten auf den hageren Backen.

»Ja, Ihr sollt leben! Aber leben heißt kämpfen! Des sollt Ihr eingedenk sein, Tag und Nacht und zu jeder Stunde! Und Eurer Kampfgenossen sollt Ihr gedenken, in Treue bis zum Tod – und in Zuversicht! Nie hat die Menschheit ein größeres Heer gesehen! Das Heer der Menschheit ist es! Verbrüdert als Eidgenossen alle Proletarier der Welt! Gibt es was Gewaltigeres? Wer kann uns widerstehen! So müssen wir fühlen – und die Welt ist unser! Wir kennen kein Vaterland, das Deutschland heißt! Unser Vaterland ist die Erde!«

Seine Stimme schrillt wie eine zersprungene Saite. Junge Kehlen brüllen ihr Bravo. Durch Horst zuckt der Schmerz. Er kennt den Text und die Weise – er will lächeln und es wird eine Grimasse.

In die Versammelten blickt er. Täuscht er sich? Rollt dort nicht ein Kopfschütteln durch die Reihe – prägen sich hier nicht Unmutsfalten in alten ernsten Gesichtern?

Und jetzt – eine mächtige Stimme rauscht auf in der Mitte des Saales – langsam hat sich der Torfmeister erhoben – formelle Einwände des Vorsitzenden orgelt er nieder – er spricht, also hat er das Wort. 80

»Das hätte der kleine Mann da oben nicht sagen müssen, daß wir kein deutsches Vaterland kennen. Was kennen wir denn, wenn wir Deutschland nicht kennen? Bloß Deutschland kennen wir, und ein Stück deutsche Erde ist ja, was wir wollen! Kann man das Land auf den Nacken nehmen und rausschleppen in die weite Welt? Hier ist das Land, und hier sind wir! Bloß das geht uns was an, und das ist, wofür wir leben und streben! Gewiß, die Unterdrückung soll aufhören, die Knechtung und Unbill. Freie Männer wollen wir sein! Aber, wo können wir das anders sein, als auf einem eigenen Stück freier deutscher Erde!«

Horst fährt in die Höhe – er wär am liebsten über all die Köpfe gesprungen, hätte den alten Moorriesen ans Herz gedrückt und sich alle Rippen an ihm verbogen.

Beifallsgemurmel in den Reihen. Die Schreier sind verdutzt. Dann aber neue Kampfrufe aus jungen Kehlen. »Vaterland – quatsch!« – »Proletarier aller Länder!« – »Hoch die Internationale!«

Heißer wird das träge Blut, Feindschaften entbrennen, tiefer ziehen sich die Risse – die Leiter sind auf der Wacht. Jetzt ist der Behäbige und Verschlafene, der Mann mit dem viereckigen Schädel, hell bei der Sache. Er stößt die Nase vor und spricht.

»Genossen! Wir begehen den alten Fehler, daß wir an Worten uns erhitzen. Und daß unsere Gedanken uns so weit fortfliegen. Darin hat mein geschätzter Vorredner recht: Hier, wo wir sind, hat unsere Arbeit einzusetzen. Das Nächste ist Trumpf. Ich spreche nicht von Deutschland, ich gehe noch viel weiter. Oder richtiger, ich gehe ins Nähere und Engere. Von unserer Provinz rede ich. Von unserm Kreis. Über die Verhältnisse, gegen die wir hier anzukämpfen haben, will ich Euch ein Licht aufstecken. Mit Hilfe von Zahlen, die beweisen!« 81

Wozu hat man seine Statistik? Er nimmt ein Blatt aus seiner Mappe, und läßt seine Ziffern sprechen. Die Leute hören gläubig zu, Unmut und Zorn finden ihre Weide. Sie rufen »aha« und »pfui Deubel« und »nieder mit den Ausbeutern!«

»So also, Genossen, sieht die Welt hier aus. Und mit dieser Welt werden wir aufräumen. Das Frühjahr steht vor der Tür, der Frühling soll alles neu machen. Mit der Frühjahrsbestellung werden wir unsere eigene Saat säen, die Saat unserer gerechten Sache. Das soll heißen: werden die neuen Lohnsätze, über die wir uns noch verständigen müssen, nicht bewilligt, dann wird gestreikt!«

»Bravo! – Bravo!«

»Dann sollen die Herren allein ihr Land bestellen! Wollen sehen, wie sie damit fertig werden! Paßt auf, sie kommen auf den Knieen zu uns angerutscht. Denn was ist ihr Land ohne uns! Ihr Land? Unser Land!«

»Bravo! – Bravo! – Bravo!«

»Dazu ist aber nötig, daß wir einig sind. Dafür ist die Organisation der Landarbeiter die Lebensbedingung. Sie wird heute geschaffen. Die Listen liegen hier aus. Ich weiß, daß Ihr Euch alle hier einzeichnet! Alle ohne Ausnahme! Geschlossen wird unsere Reihe sein. Und unsere Parole für den bevorstehenden Kampf: Der Frühling macht alles neu!«

Sie können's, das muß Horst sich wieder und wieder bestätigen. Er sieht den Zug, der zu den Listen sich drängt. Einige stehen gesondert, zaudern, blicken sich ins Gesicht aus schweren, aus scheuen, aus widerspenstigen Augen. Dann zieht die Masse sie an, und sie fügen sich ein. Wenige nur schleichen sich abseits, ein paar gehen frei, hart und stolz aus dem Saal, ihren eigenen Weg.

Als Horst auf die Straße kam, stand da der Torfmeister mit Lona im Gespräch. Er schritt grüßend vorüber, da rief der Alte ihn an. 82

»Gehen Sie nach Hause?«

»Ja.«

»Wollen Sie mich mitnehmen?«

»Gern.« Horst blieb stehen.

»Sie Beide kennen sich ja wohl«, sagte der Torfmeister. Da sprach Horst zu Lona ein Wort, aus Artigkeit, doch auch von Herzen.

»Von dem, was Sie heute gesagt haben, könnte ich jedes Wort unterschreiben.«

In ihrem Auge stand ein brüskes: habe ich Sie gefragt! Aber ihr Ton war farblos, als sie zurückgab: »Und doch werden Sie, wenn es hier zum Klappen kommt, nicht auf der Seite der Bedrängten stehen.«

»Für mich gibt es nur eine Bedrängnis.«

»Deutschlands.« Der Hohn war müde, und dennoch, vielleicht gerade deshalb fraß er sich ihm bis ins Mark.

»Gewiß. Mein erster Gedanke ist, das Land vor Schaden zu bewahren.«

»Gut, daß es verschiedene – Gedankenwelten gibt.« Sie verneigte sich, reichte dem Alten die Hand und wandte sich heimwärts.

Die drei Siedler waren unterwegs mit dem Moormeister. Er hatte sich schnell mit dem Balbutz angefreundet. Sie sprachen lebhaft. Horst und der heilige Josef wanderten still und versunken.

Horst ist bei Lona. Warum läßt diese Frau ihn nicht los? Was ist übler an ihr, ihre Geistesverfassung, ihre Gesinnung oder diese verstiegene Selbstüberhebung? Wie hat sie ihre »Gedankenwelt« betont, die hohe und weite, gegen sein enges, kümmerliches, »monomanes« – so schilt man es ja wohl – gegen sein deutsches Gedenken. Soll er nicht lachen und lachend sie abtun, ein für allemal? Was muß er immer wieder mit dem Erschütternden ihres Schicksals sie sich aufdrapieren!

Er will nicht in eigenen Erlebnissen wühlen. Wie viel Entsetzlicheres hat er selber gesehen. Warum nur 83 läßt er von diesen Greueln sich nicht bannen, warum muß ihr Los das Bezwingende sein!

Was ist's, das ihn so lockt an dieser Frau! Daß er ihr Leben ergründen will, wissen und fühlen von ihrem Wesen, dem verborgenen. Ja, dem verborgenen. Hier sind Tiefen, in die er blicken muß – er fühlt es, er weiß es, er wird es.

Daß sie so zur Sphinx ihm wird – oh, mit dem vollen Grusel, dem rieselnden vor der tötlichen Rätselhaftigkeit – sind es nicht bloß die Sinne, die dieses Bild ihm schaffen und schmücken? Die Sinne, die großen Lügner dieses Lebens. Ist es in seiner weibverlassenen Einöde dieser junge schöne Leib, was ihn betört?

Kunz hat ihn den Eisheiligen getauft, weil er kein Schürzenjäger ist. Was weiß der von seinem Eis, von seiner Heiligkeit.

Ja, ja – warum sich selbst was erzählen! In seine Sinne sind die Funken geflogen. Ihr Wesen – was ist an dem weiter zu enträtseln? Es offenbart sich ja. Es wirkt, es strömt. Es geht ihm ins Blut.

Was wollen ihre Augen? Was will ihr Mund, mit dem heißen Rot von ihm? Was will er – er von ihren schwellenden Lippen?

Er ist ins Laufen geraten. Der heilige Josef, sein Begleiter, trottet brav neben ihm her. Schweigend wie er.

Der Alte kann nicht mit. Weit bleibt das andere Paar hinter ihnen zurück. Da rollt ein Wagen des Wegs, er hält, der beinmüde Torfmeister steigt auf und fährt nun grüßend an ihnen vorüber.

Horst hat jetzt die beiden Kameraden an seiner Seite. Nun ist er in einer anderen Welt. Der heilige Josef trägt an etwas, seine Hände schnappen in die Luft, er findet noch nicht die Sprache.

»Nun, Elbenfried?« fragte Horst, ihn zu beflügeln. 84

»Ich hatte so vieles auf der Seele und hab es nicht gesagt – immer diese Trägheit des Geistes – diese Feigheit des Herzens. Eine Schuld ist das! Denn wir sollen Zeugnis ablegen – immer wieder! Bekennen sollen wir und immer wieder bekennen!«

»Aber wir sollen auch nicht unsere Perlen vor die Säue werfen!« Fritz Eggert zeigt seine Bibelfestigkeit und möchte sich damit von weiteren pastoralen Ergüssen loskaufen.

Gustav schüttelt den schweren Apostelkopf. »Mit keinem Wort der Schrift betrügen wir uns mehr. Über nichts täuschen wir uns so sehr wie über das, was Perlen, und das, was Säue sind.«

»Ganz gewiß«, ermuntert ihn Horst.

»Ich hätte sprechen müssen. Immer und immer wieder muß man das Licht entzünden. Schließlich leuchtet es doch durch all den Rauch. Und der eine und andere brennt sich sein eigenes Licht daran an. Von Brüdern sprechen sie. Nur in diesem Kreise sprechen sie von Brüdern. Aber hinwiederum, Brüder sind nur und nur die Proletarier. Und es wird eine Brüderschaft des Hasses. Warum können sie sich den Blick nicht weiter machen und nicht das Herz! Warum können sie die Hände nicht herausreichen über die Hecke, hinter die sie sich einsperren! Und wenn diese Hände hundertmal leer zurückkommen – schließlich werden sie doch einmal ergriffen, und der Bund der Geister nimmt seinen Anfang.«

»Nun ja – auf den Anfang kommt es an. Aber wer soll anfangen? Immer sagt der andere, daß es der eine sein muß!«

»Daß der Haß so leicht ist und die Liebe so schwer! Wie soll man sprechen, was soll man tun, daß die Herzen sich öffnen! Wie soll man die Augen erheben, die immer nur die Not des Leibes sehen! Nicht die Seelennot aller gequälten Geschöpfe! Wie sie führen, 85 daß sie in der großen Liebe die Heilung suchen auch für die kleinen Leiden.«

»Sie verlangen viel, Gustav Elbenfried.«

»Wir sollen viel verlangen«, spricht er in Verzückung. »Wir müssen das Höchste wollen, nur so werden wir des Niederen Herr!«

Sie schweigen. In diesem Bekenntnis lebt das Beste von ihnen allen.

 

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