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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zur Zeit der Befreiungskriege saß einmal um Mitternacht ein Fischer bei Speyer am Wasser. Da kam eine verhüllte Gestalt und begehrte ans badische Ufer übergesetzt zu werden. Drüben entstiegen dem Nachen wunderbarerweise mehrere verhüllte Gestalten, die nun in der Ferne wie Erscheinungen verschwanden. In der vierten Nacht hörte der Fischer vom badischen Ufer rufen: Hol über! Wieder bestieg die düstere Schar den Nachen, und als sie ausstiegen, gaben sie dem Fischer seinen Lohn. Unter ihren schwarzen Mänteln sah man Schwert, Panzer und Schild funkeln. Sie schwebten in Richtung des Kaiserdomes davon. Der Fischer betrachtete seinen Fährlohn und sah, daß es Goldmünzen waren mit den Bildnissen der toten Kaiser. Er deutete die Erscheinung so: Die alten Kaiser im Dom waren lebendig geworden, um Deutschland beizustehen, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln. Zuletzt soll ja der geschlagene Napoleon durch die Pfalz gekommen sein; er habe in Lautern übernachtet und in dem eisernen Bett Barbarossas geschlafen.

Zwei Menschen sind in eine Wildnis verschlagen. Sie dringen in ein Eiland vor, über gestürzte Baumstämme sich mühend, gegen Schilfwälder anstürmend, erschauernd innehaltend unter greisenhaften Weiden, Wild aufstöbernd 73 und fremdes Getier. Vertrockneten Schlamm treten ihre Füße, verendete Pflanzen, flechtenüberzogenes Gewirr aus Hochwasserzeiten, würgendes Schlinggewächs.

Ursula, fremde Seele an meiner Seite. Ursula, zwischen Wind und Weite mir begegnet, welch ein Glück, der Himmel warf uns auf eine Rheininsel. Ursula. Grüne Insel.

Wind ist aufgekommen, vorsommerlicher Wind von Süden her. Hört nur, wie das Schilf saust und singt, wie die Weiden silbern blinken, wie die Pappeln mit den Kronen schaukeln und wie unsere Haare wehen im Odem des wachsenden Jahres. Ursula, du blühendes Rätsel, du Menschengefährte, den ich einem entgleisten Güterzug zu verdanken habe, wie soll dieses Spiel enden!

Ein aufgestörter Inselhase hoppelt davon. Das Dickicht ist bevölkert von Fasanen. Allerorten brechen sie aus dem Versteck, enteilen gestreckten Körpers oder fliegen gurrend davon.

Draußen, wo das stille Wasser glänzt, tummeln sich die Wildenten, die Wasserhühner und Haubentaucher.

»Ursula, das kam so: ich sah einen Schornsteinfeger und dachte, der Schwarze bringt dir Glück. Zwei Rippen und eine Unterarmfraktur. Das Glück geht wunderliche Pfade. Glauben Sie an Schornsteinfeger?«

»Ich glaube nur an Ihre Narrheit. Außerdem liegt hier ein Kahn im Wasser.«

»Ja, ein Kahn, ein ausgedienter Geselle, ich möchte nicht mit ihm über den Rhein steuern.«

Ursula sitzt schon in dem morschen Fahrzeug, halb ist das Wrack aufs Land gezogen, die Spitze schaukelt im dunklen Altwasser.

74 Ich setze mich an Ursulas Seite auf die Ruderbank, es ist sehr einsam hier, man hört das Lied der Welt. Die Welt singt auf ihre besondere Weise, man muß wachen Sinnes sein, um ihre Melodie zu hören.

»Einen Tag lang Räuberdasein«, sagt Ursula und starrt ins Wasser.

»Sie sollten ein Lied singen. Fräulein Ursula.«

Ursula fährt erschrocken hoch und schaut mich angstvoll an.

»Singen soll ich? Hier in dieser Wildnis singen, das ist nicht Ihr Ernst; nein, Sie scherzen wirklich. Ich singe hier nicht, warum sollte ich singen?«

»Weil Gott Ihnen die Stimme gab. Hier wohnt Gott.«

»Hier wohnt Gott? Ich sehe ihn nicht.«

»Man fühlt ihn. Singen Sie ein Lied, Fräulein Ursula!«

»Ich kann jetzt nicht singen, mir ist das alles viel zu fremd, die alten Bäume, das Schilf und das tote Gewässer. Hören Sie nur, ein Schiff ruft. Ganz in der Ferne ruft ein Schiff. Ich singe wirklich nicht.«

»Sie singen nur im Theater?«

»Ja, nur im Theater, sonst nirgends. Im Theater singe ich gerne. Hat Ihnen der Roman gefallen, bin ich nicht eine sonderbare Heilige in diesem Roman?«

»Doch, das sind Sie, der Dichter ist wohl Ihr Freund?«

Sie lächelt ein wenig, der Blick senkt sich, der Mund wölbt sich, die Lippen werden feucht. Ich fühle einen quälenden Schmerz bei diesem Lächeln. Sie ist eine Komödiantin, man sollte sich beizeiten retten vor ihrem gefährlichen Lächeln. »Sprechen Sie es ruhig aus, am Ende lieben Sie ihn?«

75 Sie tötet mich, wenn sie ja sagt, geht es durch meine Gedanken, ich habe nicht mehr nötig, nach Italien und Sizilien zu fahren, nach Afrika und nach den südländischen Inseln.

Das Lächeln leuchtet wie eine trunkene Blüte in ihrem bräunlichen Gesicht. Der Schalk mischt sich mit Melancholie.

»Ich bin froh, daß Sie schweigen.«

»Wenn ich antworte, wird es eine Lüge. Ich habe schon zu viel gelogen in meinem Leben, ich weiß nicht, warum ich so gern lüge. Es ist so verlockend, Rollen zu spielen, das Komödiantische läßt uns nicht mehr los, die Bühne und die Sucht nach der Bühne, beides verdirbt den Charakter. Lassen Sie es still sein um uns.«

Sie kauert sich im Kahn nieder, beugt sich über Bord und schaut in den dunklen Spiegel des Wassers. Ihr Bild malt sich auf der schimmernden Fläche, manchmal leise erzitternd und von Schleiern überwölkt.

»Sie müssen ganz ruhig bleiben«, flüstert sie und schaut ins Wasser. Die Flut ihrer Haare fällt nach vorn, ein sonderbarer Duft entströmt den hängenden Flechten.

»Sehen Sie mein Bild im Wasser?«

»Ursula über der Tiefe.«

»Fällt Ihnen nichts auf an diesem Bild?«

Ich komme nahe an ihre Seite, die Wärme des Körpers fühle ich wie einen Schauer, es ist eine beglückende Minute, ich könnte ihre Haare berühren mit meinem Mund.

Seite an Seite schauen wir in das zitternde Wasser.

»Ganz still, nicht bewegen. Jetzt sind wir alle beide im Wasser. Dort ist der Buchhändler, hier bin ich. Fällt Ihnen gar nichts auf?«

76 »Mir fällt wirklich nichts auf.«

Wir schauen uns an, eine silberne Brücke verbindet unsere Augen. Unfaßbar nahe sind wir uns, auf der silbernen Brücke könnten wir zu einer Gemeinschaft zusammenfinden. Ein fremder Vogel ruft im Schilf, es ist ein schwingender, läutender Ruf.

»Was denn, Ursula?«

Wieder lächelte Ursula, hundert Teufel geistern aus diesem Lächeln. Zum zweiten Male ruft der fremde Vogel. Der Südwind kämmt die gläsernen Halme.

»Unser Spiegelbild ist ein zweites Wesen. Im Wasser ist eine andere Ursula. Denken Sie nicht darüber nach. Was für ein Vogel hat gerufen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wir wollen warten, bis der Vogel wieder ruft.«

Sie hat sich mit dem Rücken gegen die Bordwand des alten Wracks gelehnt und den Kopf nach oben gerichtet, über Schilf und windbewegte Weiden hinweg schaut sie hinauf in den Himmel.

»Hören Sie, nun ist plötzlich kein Wind, manchmal hält die Welt den Atem an.«

Beide Arme hat sie nach rückwärts aufgestützt und schließt, das Gesicht immer noch dem Licht dargewandt, die Augen. Zuckend liegen die Lider mit den schweren Wimpern über den erloschenen Sternen.

Wieviel Zauber in diesem Menschenantlitz.

Ich beuge mich langsam über Gottes ewige Maske und küsse die feuchten, roten Lippen, es gibt nur den einen Weg in dieser verzauberten Stunde.

77 Ursula rührt sich nicht, während ich sie küsse, ich schlinge beide Arme um sie und jetzt, mitten in der Lohe des Kusses, sinkt ihr Kopf nach hinten.

Erde, Weltall, Geburt, Jahrtausende, Sizilien, denke ich in einer kreisenden Wirrnis, Liebe, Tod, rufender Vogel, Schloßhotel. Schlagen Flammen aus der Erde, brennt das Schilf? Stürzen die Bäume, wälzen sich Wasserberge heran?

Feurige Garben über mir. Mir wird bald etwas Schreckliches zustoßen, denn soviel Glück kann nicht auf einen einzelnen Menschen stürzen.

Sie schlägt die Augen auf, zwei Sterne werden neu geboren. Ein Frieren läuft erschauernd über meinen Körper.

Horch, ein Vogelruf!

»Ursula, dort!«

Zwei weiße Reiher streichen mit lautlosem Flügelschlag an uns vorüber. Über den Weiden verschwinden sie wie silberne Abendwolken.

»Ursula!«

»Laß mich allein.«

Sie steigt aus dem Boot, sie schaut sich nicht um, langsamen Schrittes taucht sie in die Dämmerung der Gespensterweiden. Warum zittere ich so, warum bin ich so ohne Haltung und Fassung, was ist geschehen mit mir?

Ich sitze im Boot, den Kopf in beide Hände gestützt, ich kann nichts denken, möglich, daß ich hier verbrenne, daß ich zu Asche werde, im Zerfallen noch dankbar für die Gnade dieses Untergangs.

Warum kommt Ursula nicht zurück? Ich muß mich aufmachen und Ursula suchen. War nicht irgendwo ein Mann, ein wunderlicher Angler, der uns hierherbrachte?

78 Ich bin in diesem Augenblick ein anderer Mensch geworden. Ich gehe, um Ursula zu suchen. Die ganze Insel durchstreife ich, jetzt erst sehe ich ihre Größe. Zwischen Dämmen ist fruchtbares Land, Ackerscholle und gebärende Erde, der Wildnis abgerungen. Zwischen Dämmen schreiten Bauern hinter Pflug und Egge. Saat sprießt auf, und Keime öffnen sich. Ich finde Ursula, draußen am Strom, auf dem großen Damm. Sie ist gegen eine Pappel gelehnt. ihre Haare wehen im unruhigen Wind.

Auf dem Rheinstrom regt sich gewaltig das Leben. Große Dampfer, schwarzen Qualm aus Schornsteinschlünden stoßend, schaufeln vorüber, gewaltige Schleppzüge mühen sich wogenschäumend gegen den Strom. Menschen sind auf den Kohlenschiffen, auf den Getreideschiffen, auf den Holzschiffen. Blumen blühen in Kästen neben der gehäuften Fracht, Wäsche flattert tobend im Wind, Hunde bellen, tuuu – – so brüllen die Schiffe, tuuu brüllen sie, denn sie wollen durch die Schiffbrücke, sie melden aus dröhnenden Dampfsirenen ihr Kommen. Die Bugwellen erreichen das Ufer, klatschend und schäumend springen sie gegen die Dammböschung.

Tuuu – trooo – – – schwarzer Qualm – – schapp, schapp, schapp – – Radschaufeln – – Halloo, ein Mann, am großen Rad stehend, ruft herüber ans Ufer. Was will er, der Himmel mag es wissen. Er winkt, er ist guter Dinge, er ist mitten im Leben, im Kampf, in der Schönheit, in der Arbeit. Es drängt ihn, zu uns herüber zu rufen. Hohooo, gute Fahrt, ahoi! Barbara heißt sein Schiff. Barbara aus Mülheim an der Ruhr.

»Barbara heißt sein Schiff!« rufe ich beglückt.

79 Ursula wendet den Kopf und schaut mich aus verstörten Augen an.

Ganz am Ende eines Schleppzuges hängt ein alter Frachtkahn. Teufel, das Schiff ist mir bekannt. Vorn am Bug eine Gestalt, auf dem Tauwerk sitzend. Ist das nicht Marlena? Ich erschrecke, warum erschrecke ich denn? Was für dunkle Zusammenhänge, lieber Himmel, sind wir ganz von schreckhaften Geheimnissen umgeben? Regt und bewegt es sich zwischen den Vorhängen unserer Seelen?

Maßlose Macht wohnt dem Unsichtbaren inne, dem Unfühlbaren. Nur die dumpfe Ahnung reicht an unsere Begriffe.

Ich bin recht verwirrt, ein Gefühl habe ich, als müßte ich mich verbergen.

Wie war das mit Stein, Schere und Papier?

»Ursula«, sage ich und fühle das Törichte meiner Reden, »da war ein Mensch, der nahm ein rohes Ei in die Faust, hielt es einige Sekunden umklammert, zack war das Ei hart gekocht. Hahaha, Teufel und Beelzebub. Was rede ich nur, das ist alles so sonderbar.«

Wir gehen durch die Inseleinsamkeit zurück, sie spricht kein Wort zu mir. Lange wandern wir und reden nicht, den inneren Damm verlassen wir und kommen wieder in die Wildnis des Rheinwaldes.

Dort bleibt Ursula stehen, beide Arme schlingt sie um mich und sagt leise:

»Niemand darf das wissen. Hörst du, niemand!«

Sie küßt mich, ihre Augen schimmern feucht.

Noch einmal ist sie mir ganz nahe, ich schlinge beide Arme um sie, das Leben dröhnt in meinen Ohren.

80 »Ursula!«

»Niemand darf es wissen!«

Der Abend ist nicht mehr weit.

»Ursula, unser Fährmann kommt. Schon ist er im Schilf.«

Das Boot stößt durch den Wald der Halme, es knirscht im Kies.

Ursula springt in das Boot.

Und nun ereignet sich etwas vollkommen Gespenstisches. Der Angler nämlich, aufrecht im Boot stehend, nimmt wie von ungefähr seinen alten Filzhut vom Kopf. Ich sehe deutlich, wie durch das halb ergraute Haar eine silberweiße Strähne zieht.

So steht der Mann vor mir, unheimlich bekannt ist mir sein Gesicht. Ich sah dieses Gesicht, ich sah diese Haare mit der silbernen Strähne bei einem jungen Menschen. Wo denn, wann denn?

»Sie sehen, daß ich erschrocken bin, Herr Angler, es ist ohne Bedeutung; nichts als eine seltsame Ähnlichkeit.«

Ich wende mich um, und wieder glaube ich, das Mädchen Marlena zwischen den alten Kopfweiden zu sehen.

»Ich bin keiner, der sich narren läßt!« rufe ich und dringe ins Weidengebüsch vor.

Nichts von Marlena, ich stolpere über Wurzelwerk und Schlingpflanzen. Nichts von Marlena. Was zum Teufel kümmert mich diese verkommene Schlampe.

Aber das Boot ist fort. Dort treibt es im Altwasser dahin. Ursula und der Angler im Boot.

»Oberhalb ist ein Damm!« ruft der Angler zu mir herüber. »Kommen Sie über den Damm!«

81 »Über den Damm!« ruft dann auch Ursula, »über den Damm!«

Ich finde den Damm nicht. Doch, jetzt finde ich ihn.

Ich stürme hinüber, am Ufer des Altwassers renne ich entlang, ganz von Sinnen bin ich.

Da ist die Fähre.

Ursula ist fort.

Der Angler ist fort.

Ich höre ein Auto rufen. Brooo, ruft das Auto. Brooo! Meine Gedanken verwirren sich. Unsinn, man kann doch ein rohes Ei in der Faust nicht hart kochen. Spiegelfechterei, hahaha.

Die Fähre landet.

»Sagen Sie mal, lieber Mann, haben Sie nicht den Angler und eine junge Dame gesehen?«

»Doch, sind gerade mit einem Auto davongefahren.«

»Merkwürdig, einfach davongefahren?«

»Ja, das ging etwas plötzlich und unerwartet.«

»War es ein gelber Wagen oder ein grüner Wagen?«

»Nein, es war ein blauer Wagen.«

»Taubenblau am Ende? Hehe, ich frage nur so. Wie heißt denn eigentlich der Angler? Kennen Sie ihn?«

»Den kennt jedes Kind. Herr Dietrich Hagen. Ein Wissenschaftler, ein Naturforscher.«

Ich wende mich und gehe. Dietrich Hagen, meinetwegen, was soll mir der Name.

Ich gehe zu meinem Motorrad. Im Beiwagen, auf den Büchern, finde ich einen Zettel. »Wir sehen uns bald wieder. Du mußt schweigen.«

82 Was ist denn geschehen? Nichts, nur ein Mädchen kam aus einem Roman und verwirrte mir den Kopf. Ursula. Vor wenigen Minuten noch war sie da. Nun ist sie fort.

Ich nehme den Roman in die Hand und lese den Titel.

Die sieben Glückseligkeiten. Von Wolf Hagen.

Es muß doch eine besondere Bewandtnis haben mit der Knodener Kunst. 83

 


 

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