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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viele kennen den Rhein, den die Dichter besungen haben, den Rhein der Burgen, des Weines und der Lorelei. Wenige kennen den Rhein, der vom schlafenden Auwald umgeben ist und eine Urzeitwildnis von unberührter Keuschheit bildet. Der Rheinwald ist eine verzauberte Welt, man soll ihm seine Inbrunst und sein Geheimnis lassen.


wir haben Aale gegessen und Wein getrunken, es ist wie im Märchen, ach, wir Kinder!

Der Pfälzer Wein läßt uns Flügel wachsen. Man kommt auch leicht davon ins Stottern, die Zunge geht ihre eigenen Wege. Ursula zum Beispiel stottert, ich möchte sie so nicht auf der Bühne sehen.

Selig beschwingt schieben wir unseren Rippenbrecher zur Fähre hinunter. Rheinhausen heißt diese Menschensiedlung, der Himmel schenke ihr seinen Frieden.

»Ich ha–abe nicht mal einen Hut«, sagt Ursula. »Wir sind eine richtige Bettelmannsfuhre.«

»Wir bleiben noch eine Weile am Rhein sitzen. Der Wind weht so angenehm um den heißen Kopf.«

»Ich muß heute abend im Sch – – Schloßhotel sein.«

»Sie stottern.«

»Ich sto –stottere nicht.«

»Doch. Im Augenblick haben Sie wieder gestottert.«

»Sie hören alles doppelt, weil Sie zuviel Deidesheimer getrunken haben.«

»Dann müßte ich Sie doppelt sehen. Ich sehe Sie aber nur einmal.«

64 »Nur einmal?! Sie sehen mich nur einmal?«

»Warum sind Sie jetzt erschrocken?«

»Bin ich erschrocken?«

»Als ich sagte, ich sehe Sie nur einmal, sind Sie erschrocken.«

»Sie nehmen sich viel heraus, mir ist toll im Kopf, ich werde schwindelig, wenn das Wasser immerfort so vorbeifließt. Sehen Sie, dort sitzt ein Angler am Rhein.«

Richtig, am Strom sitzt ein Angler und hält die Rute ins Wasser, gewiß hat er einen Wurm an der Angel. Die Rheinfähre, dieses spaßhafte Gefährt, rasselt mit den Ketten. Ein Mann dreht an einer Winde, er richtet die Fähre im spitzen Winkel gegen den Strom. Die Fähre ist stromaufwärts verankert, sie hängt an gewaltigen Ketten und Drahtseilen, es ist eine ganz unglaubliche Geschichte.

Aha, jetzt fährt sie ab, langsam und betriebssicher, ohne Spektakel und viel Aufhebens gleitet sie über den wandernden Rhein.

»Man könnte hier den ganzen Tag sitzen und immerzu gucken«, sage ich zu Ursula. Aber Ursula ist nicht da, sie steht an der Uferböschung bei dem Angler, ich höre, wie sie mit ihm redet. Der Angler erklärt Fräulein Ursula die Landschaft, er spricht vom Rheinwald, vom Auwald und von der Niederung, jenem vergessenen Gestade, zu dem noch keine Segnungen der Kultur – die Jägerflinten ausgenommen – gedrungen sind. Der Mann schaut sich nicht nach mir um, immerfort beobachtet er den Schwimmer seiner Angel, der rasch und hastig, tanzend und hüpfend talwärts drängt. Immer wieder muß er die Angel herausziehen und stromaufwärts von neuem auswerfen.

65 »Drüben ist der Auwald«, sagt Fräulein Ursula und schaut mich aus glänzigen Augen an.

»Ein Urwald«, erklärt der Angler, »wo noch der wilde Hopfen wächst und die Wildrebe. Dort gibt es Sumpfweiden und Kopfweiden, Erlen und Pappeln, Hainbuchen und sehr alte Eichen. Und viele Tiere leben im Rheinwald. Er ist eine verzauberte Welt.«

Ein sonderbarer Angler, ich muß sagen, nie ist mir ein solcher Angler begegnet. Er spricht das alles zu sich selbst, eintönig in der Stimme und halb vergraben, er wendet sich auch nicht um nach uns, ich glaube, er hat keine Ahnung, wer da hinter ihm steht.

Irgend etwas an dem Manne fesselt mich, eine sonderbare Luft umgibt ihn. Er trägt einen Anzug aus Jägerleinen und hat einen alten, reichlich vom Wetter mitgenommenen Hut auf dem Kopfe. Der Mann ist nicht wie andere Männer, er geht irgendwie abseits, er fällt aus dem Rahmen heraus, etwas Außergewöhnliches ist verknüpft mit ihm. Der Mann steht so nahe meinem Herzen.

Ich trete näher zur Seite und betrachte mir sein Gesicht. Es ist ein stilles, verschlossenes Gesicht, das Gesicht eines Fünfzigjährigen etwa. Bartstoppeln lassen das Gesicht düster erscheinen. Der Mann ist unrasiert. Nun, das wird den Fischen, die er angelt, gleichgültig sein.

Am Hut trägt er ein kleines Federchen, das blaue Flügelfederchen einer Wildente.

Nun ich mir dieses Gesicht noch genauer anschaue, glaube ich einen bekannten Zug zu entdecken, eine dunkle Ähnlichkeit taucht auf in diesem verschlossenen Antlitz, eine lebendige Ähnlichkeit, hinter deren Bedeutung ich nicht kommen kann.

66 Ich bringe meinen Mund nahe an Fräulein Ursulas Ohr und sage leise:

»Ich habe das Gefühl, daß ich mit diesem Angler irgendein Erlebnis haben werde. Vielleicht auch ist er mir irgendwo schon einmal begegnet.«

In diesem Augenblick wendet er den Kopf und schaut mich forschend an. Wo habe ich dieses Gesicht gesehen?!

»Viel Getier, wild wie in Urwäldern und verborgenen Wassern. Weiße Reiher nisten dort und Wildschwäne. Haben Sie schon einmal weiße Reiher in der Wildnis gesehen?«

»Nur im Zoologischen«, meint Ursula.

»Haha, das sind keine Reiher mehr, das sind Gespenster. Das sind – jetzt habe ich einen.«

Er zieht die Angel aus dem Wasser, ein Fisch zappelt silbern am Haken, es ist ein Rotauge.

Der Mann nimmt rasch den Fisch von der Angel und tötet ihn. »Man wird sentimental mit den Jahren, die Nerven spielen Eselsstreiche, man mag kein Tier mehr töten. Wer den weißen Wildschwan schießt, hat Unglück. Im kalten Winter neunundzwanzig war der Rhein teilweise zugefroren, es war eine grausame Kälte, in Mengen ist das Wild erfroren. Ein weißer Schwan war festgefroren auf einer Eisscholle, die langsam den donnernden Strom hinabtrieb. Ein Jäger schoß den Schwan, man fand den Mann morgens tot im Bett mit Würgemalen am Halse. Die alte Wanduhr war stehengeblieben.«

»Ein Märchen wohl, eine Gespenstergeschichte.«

Ich glaube nicht an solche Begebenheiten, ich bin ein Mensch, nüchtern und mit klarem Verstand im Leben stehend, ein Buchhändler im Schrittmaß moderner Zeit.

67 »Ich glaube daran«, sagt Ursula leise, »es gibt ungeheuerliche Dinge, ich habe selbst welche erlebt.«

»Was wollen Sie erlebt haben mit Ihren jungen Jahren?« sagt der Angler.

»Oh, ich bin nicht mehr so jung«, antwortet Ursula.

»Erlebnisse machen alt, nicht Jahre!«

»Dann sind Sie uralt, Herr Angler!« sage ich und bin seltsam bewegt. Wo in aller Welt bin ich diesem Menschen begegnet! Wieder wendet er sich um und schaut mich durchdringend an. Welch ein sonderbarer Blick. Wie zwei Lampen stehen die grauen Augen im Gesicht, überwildert von ergrauten Brauen.

»Herr Angler, Sie müssen Ungeheuerliches erlebt haben. Sie sitzen nicht nur von ungefähr hier am Wasser und lauern auf Rotaugen und Hechte. Sie haben eine Vergangenheit zu verdauen.«

Der Mann hat sich schon wieder dem Wasser zugewendet und starrt auf den Korkschwimmer.

»Manche Menschen sind in ihr eigenes Schicksal zurückgetaucht. Wie in einem Wasser leben sie in der glasigen Welt ihres Schicksals. Wer sind Sie eigentlich? Ein Hochzeitspaar?«

Fräulein Ursula muß belustigt lachen, sie stellt die Beine breit und hat eine sprudelnde Freude.

»Wir kennen uns kaum zwei Stunden«, sagt sie.

Und ich: »Wir sind uns begegnet im Raum, wie zwei Kometen.«

»Und so trennen wir uns auch wieder«, beeilt sie sich zu sagen.

»Sich begegnen und sich trennen, zu dieser Melodie dreht 68 sich die Welt.« Der Angler starrt zu Boden, ich weiß, daß jetzt seine Gedanken weit von uns entfernt sind.

»Ich glaube fast«, sage ich, »Sie sind allein.«

»Was kann stärker bevölkert sein als die Einsamkeit. Ich habe eine Frau gehabt und zwei Söhne. Meine Frau starb, ein Sohn starb; der andere ist weit fort von hier. Er mußte flüchtig gehen. Warum erzähle ich Ihnen das?«

Er schaut Ursula aufmerksam an, sein Blick ist suchend, er fahndet nach einem dunklen Zusammenhang. »Ich glaube«, fährt er fort, »ich sage das nur, weil Sie hier stehen, weil Sie wie von draußen gekommen sind, wie irgendeine rätselhafte Botschaft.«

Welch eine veränderte Stimmung plötzlich hier am Rhein, wo die Pappeln im Winde rauschen, wo die Weiden wie silberne Tücher wehen.

»Wir haben Wein getrunken«, sagt Ursula, »es ist alles anders als sonst.«

Der Angler zieht plötzlich seine Angel aus dem Wasser, dreht an der Messingrolle und holt die lange Schnur ein. »Ich fahre jetzt hinüber auf die Rheininsel Floßgrün. Wenn Sie Lust haben, können Sie mitkommen und einen Blick in den Auwald werfen. Diese Landschaft verschenkt sich nicht.«

Mir klopft das Herz bis zum Hals, denn in mir ist eine frohe Ahnung, als ob heute ein besonders entscheidender Tag meines Lebens wäre, ich fühle das Schicksal über mir. Mein Bücherpech nimmt ungeahnte Wandlungen an, dunkle Ursache gewinnt unfaßbare Bedeutung.

Still gleitet die Fähre über den unruhigen Strom. Die Stimmen des Wassers, untergründig und verdämmernd, umschwatzen das wunderliche Schiff.

69 Schon sehe ich den Angler kommen, kräftig sich mühend strebt er in seinem Dreibord unserem Ufer zu.

Wir steigen in das Boot, und der sonderbare Mensch rudert uns langsam in das braune Altwasser hinein. Es ist eine stille Bucht, nur im Schilf hört man das Wildgeflügel schnattern. Die alten Kopfweiden drängen sich dichter zusammen. Erlengebüsch schiebt sich in das trübsinnige Gewässer, in hohen Kurven schaukelt das Schilf. Über die gespenstische Pflanzengemeinschaft stoßen die Pappeln hinaus, phantastische Lanzen mit einem maßlosen Drang nach Himmelsbläue.

»Wenn Sie weiter in den Auwald eindringen«, sagt der Angler, »dann kommen Sie in einen undurchdringlichen Urwald. Ich habe stromaufwärts eine kleine Schilfhütte bei Leimersheim, dort ist der Rheinwald am schönsten, weil er so ungeheuer menschenfern ist.«

Er lenkt den Kahn in das bewegte Schilf, mit zwei kräftigen Ruderschlägen stößt er in den raschelnden Säulenwald. Das Boot spaltet die grüne Mauer, wir sind in einem Käfig, und dann stoßen wir im knirschenden Kies auf Grund.

»Das ist die Rheininsel Floßgrün. Vielleicht ein Stück geheiligten Bodens.«

Er sagt das feierlich, grüblerisch, mit einer stillen Überzeugung in der Stimme.

»Warum meinen Sie das?«

»Hier hat sich Bedeutsames ereignet. Der Rhein ist Deutschlands Schicksal, überall lagert eine verwegene Vergangenheit. Nicht umsonst ist es so still hier, die große Walstatt verträgt keinen Lärm, große Vergangenheit ist ohne Laut und ohne Phrase. Das Übermächtige verliert die Stimme.«

70 Wir sind über den Kahn hinweg ans Ufer gesprungen, der Mann bleibt auf der Ruderbank sitzen.

»Was hat sich hier Besonderes ereignet, wenn wir fragen dürfen? Es ist keine gewöhnliche Neugierde, wie auch Sie kein gewöhnlicher Angler sind.«

Der Mann macht sein Angelgerät zurecht und nickt verloren mit dem Kopf.

»Um die Zeit der Separatistenherrschaft entschied sich hier bei Schnee und Eis und grimmiger Kälte das Schicksal der Pfalz, das Schicksal vielleicht ganz Deutschlands. Wissen Sie, was das bedeutet?«

»Das Schicksal Deutschlands?«

»Ich will Ihnen etwas ins Gedächtnis zurückrufen. Am 9. Januar 1924 wurde im Hotel Wittelsbacher Hof in Speyer der unselige Präsident der autonomen Pfalz, der pfälzische Separatistenführer Heinz Orbis mit zwei Kumpanen von beherzten Männern erschossen. Diese Männer haben ohne viel Aufhebens Geschichte gemacht.«

»O Gott!« Ursula, still und nachdenklich geworden, hat die flache Hand vor die Lippen gelegt.

»Und hier?«

»Hier war ein Stützpunkt der waghalsigen Expedition, bei der zwei Brave das Leben lassen mußten. Hier war auch ein Fährmann, der übersetzte.«

Er hält eine Weile inne und senkt den Kopf, die unruhigen Finger nesteln an Angelschnüren.

»Der ewige Deutsche war hier!« vollendet der Angler. »Und jetzt fahre ich hinaus ins Altwasser und will auf Karpfen gehen. Schauen Sie sich um auf diesem Inselgestade, ich hole Sie später wieder ab. Denken Sie an den ewigen 71 Deutschen. Er taucht immer dort auf, wo die Not des Landes am höchsten ist. Er stirbt nie. Einmal starb ein Mensch hier; mitten im Strom schwimmend traf ihn die Kugel. Er war verraten worden. Auch er lebt, sie leben alle.«

Der Angler zieht einen Riemen aus der Dolle und stakt sich durch das dichte Schilf hinaus ins freie Altwasser.

»Mit ihm hat es eine besondere Bewandtnis«, sage ich zu Ursula, »ich glaube, er weiß um große Geschehnisse. Vielleicht war er selbst Fährmann.«

»Vom ewigen Deutschen sprach er. Ich glaube, er war der Fährmann.«

»Diese Landschaft hat etwas Rätselvolles, als ob sie schweigsam neben unserm Leben herginge. Auch dieser Mensch hat eine dunkle Sendung, die wir nicht kennen und nicht begreifen.«

Wir schauen beide hinaus aufs Wasser, wo der Angler mit der langen Rute sitzt, unbeweglich, festgebannt in ein verwunschenes Szenarium.

»Ursula, er ist wie ein Wächter am Strom.«

»Ja, wie ein Wächter am Strom.«

Sie schaut mich fragend an, dunkler Glanz bricht aus ihren Augen.

Wir machen uns auf und dringen ins Innere der Insel vor. Ich sehe plötzlich eine Gestalt zwischen den Dämmerschatten der Bäume.

Marlena. Dort steht Marlena.

Nein, es ist eine alte Kopfweide. Tollheit. 72

 


 

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