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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wer auf der Landstraße Schwetzingen–Waghäusel südwärts fährt, dem erschließt sich ein Landschaftsbild von eigenartiger Verschlossenheit. Eine ungewöhnliche Stille lagert über dieser vorgeschobenen Niederung, die farbig ist in ihrer Kargheit, spröde in ihrer Liebe und bezaubernd in ihrer Versunkenheit. Nicht weit entfernt, dort wo die Pappeln stehen, strömt der Rhein, Deutschlands Schicksalsstrom

 


 

So fahre ich also durch die anmutige Landschaft und hinter mir sitzt ein Dichter, der mir fortwährend in die Ohren redet.

»Wie Sie sagten, sind Sie Buchhändler. Nichts ist gegen die Buchhändler einzuwenden, obwohl sie es nicht gerade leicht haben. Sie selbst, Heer Hitzwelle, sind ein fliegender Buchhändler, großartig, Sie verkaufen im modernen Tempo, mit Benzinbegleitung, gleichsam im Vorüberflitzen. Flitzender Buchhändler, könnte man sagen, auf und davon flitzender Buchhändler, hohoho!«

Wenn der Mensch nur endlich sein Gerede lassen wollte. Auf freier Strecke hinter Schwetzingen, dort, wo die schönen Kiefernwälder duften, lege ich mehr Tempo vor, ich gebe Kattun, wie sich der Autofahrer ausdrückt. Bäume geistern vorüber, die Straße kommt rasend auf uns zu. Ich merke, wie dem Dichter Alex Angst wird, er klammert sich an meinen Hüften fest, die Aktentasche schlägt gegen meine Schenkel, er muß den Hut in die Stirn drücken, sein Atem stößt mir ins Genick.

42 »Sie fahren nicht gerade langsam, mein Herr, ihr Te–Tempo stammt aus des Teufels Küche –«

»Keine Angst vor Unglücksfällen«, sage ich und gebe noch mehr Kattun, »mir passiert nichts Ernsthaftes, nichts von großem Format, an mir klebt das kleine Pech, mein Pech kann nicht leben und nicht sterben. Hoffen Sie nicht auf eine Katastrophe, die in den Zeitungen steht.«

»Vorgestern bin ich angenehmer gereist. In einem modernen taubenblauen Wagen – –«

»Taubenblau? Sie sind in einem tau – –?«

»Taubenblauen Wagen, mit Verlaub. In Gesellschaft exotischer Herrschaften. Sie sprachen immer von Kalifornien. Ein junger Herr und eine verschleierte Dame.«

Warum erschrecke ich so, warum klopft mein Herz? Ich habe wohl zu viel Kattun auf der Walze.

»Trug die Dame vielleicht einen Schildkrötenring?«

»Erraten, woher wissen Sie das?«

»Ich – bin ein wenig – in der Knodener Kunst bewandert. Können Sie mir Näheres sagen, ich meine, sind Ihnen die Verhältnisse – –«

»Ich könnte Ihnen – hoppla – manches verraten, aber ich bin nicht schwatzhaft. Eines kann ich Ihnen sagen – – die Dame – – jetzt sind wir in Hockenheim, fahren Sie bitte langsam und besitzen Sie die Liebenswürdigkeit, beim nächsten Kolonialwarengeschäft zu halten, ich möchte mir eine Schachtel Zigaretten erstehen. Hier ist schon eins, stopp bitte, stopp!«

Ein toller Dichter, ein unglaublicher Strauchritter. Was macht er denn? Er geht zum Laden und malt einen Vers an die Scheibe. 43

Nicht in fremde Städte laufen,
Nein, zu Haus beim Kaufmann kaufen!

Anschließend begibt er sich in den Laden und kommt nach kurzer Zeit mit einem dicken, hemdärmeligen Mann wieder heraus. Der hemdärmelige Mann liest den Vers, lacht freundlich und behäbig, klopft dem Dichter auf die Achsel und schon gehen sie wieder in den Laden hinein.

Nach einer Weile erscheint Alex Grauvogel wieder unter der Ladentür, qualmt eine Zigarette und schüttelt dem dicken Mann wie einem nahen Verwandten die Hand.

»Bitte weiter«, sagt er, als ob ich sein Chauffeur wäre; bietet mir eine Zigarette aus einer frischen Schachtel an.

»Gutes Honorar«, erzählt er im Weiterfahren, »der Betrag kommt natürlich auf mein Postscheckkonto.«

Ich weiß, daß er lügt wie ein Wahlredner, er hat für den Vers weiter nichts bekommen, als diese elende Schachtel Zigaretten.

»Das Schlimmste ist das Plagiat. Jeder kommt und stiehlt mir meine Verse von den Fenstern weg. Was Sie hier gelesen haben, war ein Original-Alex-Vers. Keine vierundzwanzig Stunden, sage ich Ihnen, und ein anderer macht sein Geschäft damit.«

Am westlichen Horizont ragen jetzt stolze Türme in den Himmel, das ist die alte Reichsstadt Speyer mit ihren Kirchen, mit dem alten Dom, der die Gebeine von acht deutschen Kaisern birgt.

»Wollten Sie nicht etwas von einer gewissen jungen Dame verraten?« fragte ich den Dichter Alex.

»Später, richtig, später. Mir fällt ein, daß ich auch nach 44 Speyer hinüber muß. Ich fahre noch mit Ihnen bis zur Zuckerfabrik in Waghäusel. Dort bin ich außerordentlich gut bekannt und habe eine kleine Transaktion vor, hauptsächlich, um mich Ihnen erkenntlich zu zeigen. Erraten Sie, was ich im Schild führe?«

»Verse gegen Würfelzucker.«

»Daneben geschossen, ich werde dort mindestens zehn Ihrer Bücher verkaufen.«

»Bücher?!«

»Tatsache, mein Herr. Hören Sie zu: etwa einen Kilometer vor der Fabrik halten Sie an und warten, bis ich vom Verkauf wieder zurückkomme. Ich tipple das kurze Stück zu Fuß, bin in einer halben Stunde zurück und bringe Ihnen den klingenden Erlös.«

»Und wieviel Prozent – –«

»Nichts da, Prozent. Sie werden nicht glauben, daß ich auf die paar lumpigen Pfennige angewiesen bin. Papperlapapp, Wurst wider Wurst, da sei Gott für!«

Wir stoppen in der Nähe der großen Zuckerfabrik, ich nehme die Persenning vom Beiwagen, und Alex Grauvogel sucht sich etwa ein Dutzend schöne, neue Bücher aus. Mit Bleistift schreibt er sich die Verkaufspreise hinein.

»Sie wollten mir von einer Dame mit einem Schildkrötenring erzählen. Wie kamen Sie in den Wagen?«

»Durch Zufall, auf der Landstraße bei Heidelberg. Ich war geschäftlich im Neckartal. Schiffahrtsangelegenheit. Na ja, auf jeden Fall fuhr ich mit bis Mannheim. Die Herrschaften wollten dort einen oder zwei Tage bleiben. Apropos, was interessiert Sie an der Geschichte?«

»Nichts, Herr Alex, wirklich nicht der Rede wert. Der 45 Zufall will es, daß ich ganz flüchtig die Bekanntschaft der Herrschaften machte. Ich dachte an einen Hexenstrumpf.«

»Larifari. Ohne schwatzhaft zu sein, die Dame ist irgendwie verwandt mit einem gewissen Herrn Bastian Berghaus, der ein großes Weingut in der Pfalz besitzt. Ich sage Ihnen, ein Mann von seltenem Format. Für jede große Idee zu haben.«

»Sie sollten ihm das Knoblauchsanatorium – – –«

»Alles zu seiner Zeit. Er hat im Augenblick andere Pläne im Kopf. Ich will nicht aus der Schule plaudern, wenn Sie aber zufällig bei ihm etwas über Seidenraupenzucht in der Pfalz hören – – meine Idee, bitte sehr, meine Idee!«

Er macht einige gewichtige Schritte, spuckt auf den Boden, benimmt sich, als wolle er sich augenblicklich in Marsch setzen, kommt aber noch einmal nahe zu mir heran und redet im Flüsterton.

»Dieser Bastian Berghaus, mein Herr, hat die seltsamste Frau unterm Himmelsgewölbe. Frau Karola, dreißig Jahre jünger als er. Ihr Leben ist ein ganzer Roman, davon einmal später. Jetzt hält sie sich ein Vogelhaus.«

»Ein Vogelhaus? Mit seltenen Vögeln?«

»Mit sehr seltenen Vögeln. Galgenvögeln. Landstreichern, Kornhasen und Klinkenputzern. Was glauben Sie, die Frau ist auf die verrückte Idee gekommen, die Landstraße seßhaft zu machen. Die Tippler holt sie von den Straßen und aus den Herbergen und will sie ansiedeln. In einem eigenen Haus wohnen sie, in Karolas Vogelhaus.«

»Kurios, bei meinem Wort.«

»Diese Familie Berghaus sollten Sie kennenlernen, einen solchen Roman haben Sie im ganzen Laden nicht.«

»Und dorthin reist die Dame mit dem Schildkrötenring?«

46 »Getroffen. Unter uns: nicht ausgeschlossen, daß die Dame mit dem Schildkrötenring gar – Frau Karola selbst war.«

»Frau Karola – – selbst? Mit einem Herrn aus Kalifornien?«

»Wer will das wissen. Nicht schwatzhaft, mein Herr. Apropos, Ihre Borduhr zeigt jetzt ein Uhr zwoundvierzig, ich mache mich sofort auf die Socken und werde gegen zwo Uhr dreißig wieder hier sein und mit dem Geld klappern. Geld liegt auf der Straße, man braucht es nur zu pflücken, wie die Gänseblümchen. Hals- und Beinbruch.«

Wiegenden Schrittes, mit flatterndem Gummimantel geht er durch den herrlichen Frühlingstag davon. Ich sehe ihn die sonnig überglänzte Landstraße dahinwandern, lebendiges Gebilde dieser Gotteswelt, Bestandteil des Tages, des Lichtes, der Erde, der Bäume und Wolken. Ein Schiff mit gutem Wind, so steuert er mit vollem Zeug seinem Hafen zu.

Kleiner wird er und kleiner, schimmernder Dunst der Ferne will ihn verschleiern, aber immer noch sehe ich ihn, zwischen Bäumen, umjubelt vom Finkenschlag.

Ein Dichter wandert dahin, ein Mensch, von der Großmannssucht herrlich besessen, ein Liebling des Himmels, ein Flunkerer, ein Gemütsmensch. Alex Grauvogel.

So, nun ist er verschwunden.

Wie festlich belebt ist es doch hier in der freien Welt, welche Geschäftigkeit herrscht allerorten, wie drängt sich alles nach dem Licht und nach dem Leben. Kaum zu glauben, daß es Verruchtheiten gibt und boshaften Sinn, Verrat und Gewinnsucht, inmitten dieser großen Arena der Liebe.

Das Beste, ich setze mich hier in die wilde Wiese; kostenlos nehme ich Platz im Insektengetümmel. Mir fällt ein, ich 47 kann meinen Roman nehmen und lesen, während das Blau des Himmels sich über mir wölbt und das lustige Vogelgesindel mich jubilierend umlärmt.

Ein interessantes Buch, eine eigenwillige Geschichte. Es kommt da also eine Dame vor, ein junges, verwöhntes Fräulein. Ursula heißt sie, Gott über uns, die hat sich aber wirklich gewaschen. Sie ist Opernsängerin, da hat man es schon. Maßlos lebendig ersteht dieses verwöhnte Geschöpf auf den Seiten des Buches, ich würde sie sofort erkennen, wenn sie daherkäme, sie besitzt eine unentrinnliche Einmaligkeit, der Dichter des Romans hat sie meisterhaft gebildet, Gott schütze mich vor ihren Launen.

Ich muß einmal nach Alex Ausschau halten. Er ist noch nicht zu sehen, nun, es wird ihm nicht gerade leichtfallen, gleich ein ganzes Dutzend Bücher an den Mann zu bringen. So was von anständigem Charakter. Nein, Alex kommt noch nicht, nirgends ist ein Alex zu sehen.

Diese Dame also heißt Ursula, und sie ist von einer ungezügelten Schönheit. Ihr Haar ist dunkel, fast schwarz, reich im Glanz und in der Mitte in geworfenen Wellen gescheitelt. Große dunkle Augen besitzt sie, dunkelbraun heißt es und kindhaft weit geöffnet. Der Mund ist üppig, sinnlich geschwungen, die Lippen rot wie eine Frucht. In ihrem Antlitz mischt sich ein Schalk mit Melancholie, ein seltener Akkord in einem Frauenantlitz.

Der taubenblaue Wagen fällt mir ein; die verschleierte Dame sehe ich deutlich vor mir. Schildkrötenring. Ein Glück nur, daß diese Ursula keinen Schildkrötenring trägt, ich würde noch ganz verwirrt werden und zuletzt Leben und Dichtung durcheinander bringen.

48 Alex läßt sich nicht sehen, ich richte mich hoch und schaue die Landstraße entlang, kein Alex weit und breit. Nun, die Herrn Direktoren von der Zuckerfabrik werden nicht gerade auf Bücher gewartet haben; sie haben anderes zu tun, man braucht nicht wenig Würfelzucker in der Welt.

Das Lied der Landschaft nimmt mich gefangen; jede Landschaft hat eine Stimme, sie singt. Wie von wandernden Schäfern ist ihr Gesang. Wenige werden diese Landschaft kennen, die mich hier begnadet umgibt, es ist keine geläufige Landschaft, sie liegt ein wenig abseits, unberühmt und unbesungen. Niederung ist es, mit allem Reichtum an Farben und Eigenleben. Nicht weit entfernt strömt der Rhein dahin. Dort, wo die hohen Pappeln stehen, diese Lichthungrigen und Himmelhungrigen, dort ist der Rhein mit seinen gespenstischen Altwässern. Seine Vegetation reicht bis zu mir herüber mit Schilf und Riedgras, mit Weidengebüsch und saurem Wiesenland. Gelände von Licht durchwirkt, ungeschändet noch von Menschenhand.

Alex, wo bist du? Wenn ich nüchtern darüber nachdenke, glaube ich fast, daß du ein schwatzhafter Halunke bist. Nicht im mindesten erstaunt bin ich, wenn du mit meinen wertvollen Büchern durch die Lappen bist. Ja, das würde mir trefflich zu Gesicht stehen. Nur ein mageres Pech, wie es nach meinem Geschmack ist. Alex, du kommst nicht wieder, du bist auf und davon, du Lebenskünstler und Menschenkenner, du Piratenkapitän.

Da habe ich nun fast zwei Stunden hier vertrödelt, verfaulenzt, schwärmerisch versunken in die Begebenheiten eines Buches für drei Mark fünfundachtzig, töricht verschossen in eine nebelhafte Traumgestalt, die durch diese Seiten wandelt und nichts Besseres zu tun weiß, als ihrer Umwelt die Köpfe 49 zu verdrehen. Ach, auch mir hat sie ihn verdreht, offen herausgesagt. –

Jetzt steht es einwandfrei fest, Alex hat mir meine Zeit und meine Bücher gestohlen.

Eine Viertelstunde will ich noch warten und lesen, dies Kapitel muß zu Ende gebracht werden.

Ich will einmal einige Sekunden die Augen schließen. Stärker tönt das Konzert der Wiese, als gedämpften Grundton vernehme ich das Sausen der Zeit. Auch die Zeit tönt und klingt, ich weiß nicht, ob das alle Menschen hören. Es ist ein feines Sausen und Zischeln, als ob ganz in der Ferne elektrische Maschinen mit hohen Drehzahlen liefen.

So ist Ursula: reiches dunkles Haar, in der Mitte gescheitelt, dunkle Augen voll Schwermut; nebenbei den Schalk, den Teufelsschalk. Herr meines Lebens, so was von Überspanntheit.

Nichts für mich; keinesfalls. Danke verbindlich. Ich käme schließlich noch in die größte Bedrängnis. Das beste überhaupt, ich lese das Buch gar nicht zu Ende. Mag ein anderer sich daran verbrennen.

Man muß einer solchen Ursula aus dem Wege gehen, das ist meine Ansicht, unwiderruflich. Wie oft schon wurden Frauen Schicksal, jawohl, Schicksal für Männer. Sie kamen daher; ganz plötzlich und unerwartet traten sie in ein fremdes Leben und lenkten dieses Leben in eine neue Bahn. Wie rasch ist ein Unheil geschehen, man glaubt es nicht.

Gedanken eines Bummlers, eines Wiesenfaulenzers. Wer wird denn mit geschlossenen Augen in blühenden Gräsern liegen und sich mit Ursula herumstreiten! Wenn sie jetzt daherkäme, sag ich – – –!

Was würde ich beginnen? Nach ihren Strümpfen würde 50 ich schauen, jawohl, ihre Strümpfe müßten genau beobachtet werden. Ein Hexenstrumpf knistert, er schlägt Funken, ich lasse mich nicht irreführen.

In dem Roman »Die sieben Glückseligkeiten« kommt Ursula auch einmal wie von ungefähr des Wegs, man denkt nicht an sie, hokuspokus und abrakadabra, schon ist sie da und – – – 51

 


 

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