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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schwetzingen ist ein Königreich, denn der Spargel ist der König der Gemüse, Botanisch betrachtet, ist er ein Liliengewächs, was nur wenige Spargelesser wissen. Nach Johanni soll man keinen Spargel mehr stechen. Neben seinen Spargelkulturen besitzt Schwetzingen ein Schloß mit berühmten Gartenanlagen nach französischem Geschmack. Man sagt, der böse Feind habe dort den wilden Knoblauch gesät.


Ich muß schon sagen, es gefällt mir in Schwetzingen. Ein hübsches altes Gasthaus, gleich in der Nähe des berühmten Schwetzinger Schlosses. Solche Gasthäuser liebe ich, kleine Räume mit niederen Decken, Stahlstiche, ein alter Hof, wo Frauen Spargel schälen.

Man kriegt hier berühmte Spargel, dazu Schinken und Eierkuchen. Verteufelte Schlemmerei. Die Spargel sind alle gut, es gibt keine bitteren und auch keine solchen, die unten hart und faserig sind wie gekochte Bambusstangen. Wen mag Marlena verraten haben, ich muß oft darüber nachdenken. Sie hatte große Zähne und Löcher in den Strümpfen, sie war verkommen, Gott sei ihr gnädig. Eine Narbe an der Stirn, von einer Kohlenschaufel herrührend. Angst vorm Wasser, nein, was für einsame Menschen durch die Tage und Nächte irren.

Ich erinnere mich einer jungen Dame, die einen Schildkrötenring am Finger trug. Nachts habe ich von ihr geträumt, da wurde die Schildkröte lebendig, und kroch auf mich zu. Dann fuhr ich eine endlose Landstraße entlang, und kam in eine kleine, einsame Wälderhütte. Wieder war die 33 Schildkröte da, sie schlurfte und krakelte auf mich zu, ich wollte nach ihr greifen, da waren es zwei Schildkröten.

Es sind noch mehr Menschen hier im Gasthof, alle essen sie Spargel, Schinken und Eierkuchen, es ist ein stilles, behagliches Übereinkommen.

Auch ist es hier geradezu feierlich still, wie in einer Kirche, es herrscht eine gewisse Spargelandacht.

Daher ein Mann im Gummimantel und mit einer Aktentasche, der jetzt etwas geräuschvoll und beinahe spargelfeindlich hereinkommt, von allen Spargelessern unmutig beobachtet wird.

»Ist es erlaubt?« Schon sitzt er bei mir am Tisch.

Er fällt sofort unangenehm auf, denn er bestellt keinen Spargel, er zerstört die Stimmung des Raumes, zerschneidet die Spargelatmosphäre, benimmt sich in keiner Weise bodenständig.

»Spiegeleier, bitte; ich esse keinen Spargel, man wird nierenkrank.«

Dieses Gelächter, das jetzt spontan aus den Kehlen aller Spargelfreunde kommt. Hat man so was je gehört? Hohngelächter fällt über den Spargelgegner her.

»Ich komme weit in der Welt herum«, spricht der Mann mit prahlerischer Stimme zu mir. »Nur Zufall, daß ich in Schwetzingen bin. Mich interessiert hier der Knoblauch.«

»Was interessiert Sie hier?«

»Der wilde Knoblauch, Sie werden wissen, was Knoblauch ist.«

»Gibt es hier einen besonderen Knoblauch?«

»Das nicht, aber der Knoblauch wächst hier in beträchtlichen Mengen, nämlich in dem berühmten Schloßpark, den Sie gewiß besichtigt haben.«

34 »Noch nicht, ich wollte zuerst mich der Spargeln vergewissern.«

»Einerlei, die meisten Menschen wissen gar nicht, wie gesund allein schon die Knoblauchluft ist. Dieses Knollengewächs steht zur Zeit in Blüte und strömt einen betörenden Duft aus. Solche Knoblauchluft wirkt ungemein günstig auf den Organismus ein. Mit einem Wort, die Menschen sollten Knoblauchluftkuren machen. Mir schwebt ein Knoblauchsanatorium –«

»Sie sind verdreht, mit Verlaub zu sagen.«

»Keineswegs. Ich hätte nicht nötig, mich mit solchen Problemen zu beschäftigen, durchaus nicht, mein Beruf tangiert den Knoblauch nur flüchtig. Aber das Knoblauchproblem liegt augenblicklich in der Luft, es ist hochmodern. Wer eine Nase für solche Dinge hat, riecht sie; eine gewisse Knoblauchwitterung ist fraglos vorhanden.«

Der Mann tut furchtbar geschwollen, er scheint mir ein Schwätzer zu sein, was will er mit seinem Knoblauch?

Außerdem ist er recht merkwürdig gekleidet. Wer, so frage ich, trägt heute noch einen Lavaliereschlips, eine solche Schmetterlingsbinde, die den Schmierenkomödianten früher äußerlich kennzeichnete? Dazu eine verschabte Samtjacke, die unter dem Gummimantel antiquiert hervorglänzt. Kein Zweifel, der Mann spielt sich auf, er will ein Besonderer sein unter vielen, ein fauler Zauberer, der mit Tiraden um sich wirft und ohne ernsthaften Hintergrund ist.

Er verzehrt seine Spiegeleier mit einer großen Hast, gefräßig fast und keinesfalls in dem hier üblichen geruhsamen Spargeltempo.

35 »Man wälzt fortgesetzt Probleme«, fährt er kauend fort, »mein Unglück ist, daß mir zu viel einfällt. Ich bin dauernd auf der Suche nach unternehmungslustigen Menschen. Ich bitte Sie, was geht mich im Grunde der Knoblauch an? Auf Ihr Wohl, mein Herr. Einen Augenblick bitte.«

36 Ganz plötzlich erhebt er sich vom Stuhl und geht auf einen Herrn zu, der beim Büfett erscheint. Aha, das ist der Wirt, der freundliche Besitzer dieses lukullischen Spargelinstitutes, der Herrscher über viele Zentner Stangengewächse. Die beiden sprechen zusammen, mein Tischnachbar redet auf den Wirt ein, fuchtelt mit den Händen und macht Bewegungen wie ein miserabler Komödiant. Dem Wirt scheint die Unterhaltung peinlich, er wehrt sich gegen das Geschwätz wie gegen eine Brummerfliege, und zuletzt gehen sie durch die Tür hinaus ins Freie.

Der Schwätzer fängt an, mich zu interessieren, seine aufdringliche Geschäftigkeit erweckt Neugierde, man möchte ihn näher kennenlernen.

Es ist seltsam, daß mir immer wieder diese junge Dame im taubenblauen Wagen einfällt, ich kann mich nicht frei machen von ihr. Den Roman habe ich bis zur Hälfte gelesen und muß sagen, daß er mich auf unerklärliche Art fesselt. Amerikanische Verhältnisse, eine junge Künstlerin.

Der Mann im Gummimantel kommt an meinen Tisch zurück, sein Mienenspiel zeigt Zufriedenheit. Er preßt das Kinn nach unten und hüstelt.

»Sie interessieren mich, mein Herr«, sagt er, »doch, keine Phrasen und kein Gerede, Sie sind mein Mann, Ehrenwort. Vielleicht fassen Sie es nicht falsch auf, wenn ich Sie zu einer Tasse Mokka einlade.«

Ich verlasse mit dem Schwadroneur das Lokal, mir ist aufgefallen, daß er nicht bezahlt hat. Nein, er geht wie ein Fürst, hoch erhobenen Hauptes, den breitrandigen Hut schwenkt er mit weit ausholenden Armbewegungen.

Vor der Tür halte ich ihn am Gummimantel fest, nun muß 37 ich endlich wissen, unter welcher Flagge der sonderbare Kerl segelt.

»Auf ein Wort, wer sind Sie eigentlich, nehmen Sie die Frage nicht aufdringlich, man interessiert sich, mit wem man zum Mokka geht.«

»Ich bin Dichter«, sagt der Mann.

»Dichter sind Sie? Habe ich recht gehört, haben Sie am Ende Tischler gesagt, und ich habe es nur falsch verstanden?«

»Ihnen ist gewiß noch nie ein Dichter begegnet? Bitte lesen Sie hier nur diese beiden Zeilen, wobei ich ausdrücklich betone, daß ich im Grunde nicht nötig hätte, sie an die Wand zu malen.«

Der Dichter lenkt mein Augenmerk auf eine Beschriftung, die weiß auf der blanken Glasscheibe steht.

Eßt ihr Spargeln, allerbeste,
Wird das Leben euch zum Feste!

Klarheit kommt über mich, ein Licht geht mir auf, nun ich den Zweizeiler lese.

»Ach so!« sage ich und muß ein wenig lächeln, »Sie ziehen umher und machen Reklameverse?«

»Ich ziehe umher?!« poltert er entrüstet los. »Wie meinen Sie das? Umherziehen, haben Sie gesagt. Ich ziehe nicht umher, es macht mir Spaß, verstehen Sie mich recht, ich folgte einer augenblicklichen Laune, als ich den Zweizeiler an die Scheibe malte.«

»Aber Sie essen gar keine Spargeln, Sie behaupten, man wird nierenkrank. Sie essen gebratene Eier, gewöhnliche Produkte, dem Hühnerdarm entschlüpft.«

»Das hat mit der Dichtung nichts zu tun.«

38 »Wirklich ganz großartig! Sie haben hier zu Mittag gespeist und als Bezahlung einen Vers ans Haus gemalt.«

»Was nennen Sie zu Mittag gespeist? Ich hätte ein gebratenes Huhn und eine Flasche Pfälzer Wein verzehren und bezahlen können; aber mein Sinn stand nach Eiern Kommen Sie!«

Wir gehen in eine Konditorei, schon hat er zwei Mokkafilter mit Kirsch bestellt.

»Mein Name ist Hans Hiedewohl«, sage ich, um gegen die allgemeinen Gesellschaftssitten nicht zu verstoßen.

»Ich heiße Alex Grauvogel, Sie werden vielleicht schon von mir gehört haben.«

»Nicht, daß ich mich erinnern könnte, bedaure wirklich.«

»Dann tappen Sie neben der Zeit her. Der Alex-Vers erobert sich die Welt.«

»Der Alex-Vers?! Ist das gewissermaßen ein Warenzeichen für Ihre Lyrik?«

»Jawohl, der Alex-Vers. Kein Geschäft ohne Alex-Vers. Sie dürfen mir glauben, der Alex-Vers bringt das leidige Geld ins Rollen, er kurbelt an. Der Alex-Vers entwickelt sich zum wirtschaftlichen Faktor, ich will nicht prahlen, nein, nein, gar nicht meine Art. Zack, zack!«

Zack, zack, sagt er, haut mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte, stülpt den Kirsch hinunter und wischt sich mit der flachen Hand über den Mund.

»Ich werde heute schon in der ganzen Welt kopiert. Man stiehlt meine Methode nach Strich und Faden, man wittert das Geschäft. Was ich sagen wollte, es wäre mir ein Leichtes, Bücher zu schreiben, Romane und andern Lesestoff, Bände könnte ich füllen mit spannender Lektüre, wenn ich diese Art 39 geistiger Betätigung nicht gründlich verlachte, hahaha, wenn ich – – – einen Augenblick mal.«

Mit einem Ruck springt er vom Tisch auf und eilt beflügelten Schrittes auf einen unbescholtenen Mann zu, der in Konditorjacke und hoher weißer Mütze hinter dem Ladentisch erscheint.

Es entwickelt sich ein eifriges Gespräch, Herr Grauvogel redet mit Macht auf den Konditor ein, aber der Tortenkönig schüttelt bedauernd den Kopf, offenbar hat er für Grauvogels gewaltige Pläne kein Verständnis. Jetzt läßt er ihn gar stehen und verschwindet in Richtung Backstube.

»Nur eine kleine private Sache«, sagt Alex und schlürft den letzten Kaffeerest hinunter. »Mir fällt ein, in welcher Richtung fahren Sie eigentlich mit Ihrer Stinkbombe?«

»Ich fahre Richtung Rheindamm, Speyer, Karlsruhe, badische Seite.«

»Famos, da könnten Sie mich mitnehmen. Nur bis zur übernächsten Ortschaft, es wird Sie nicht belästigen.«

»Gerne, Herr Grauvogel, nur, mein Beiwagen ist angefüllt mit Büchern und Gepäck, mit Radio und Klepper-Zelt.«

»Macht nichts, ich fahre Sozius. Fräulein zahlen.«

Er kramt in seinen Taschen, bringt zwei Zehnpfennigstücke hervor, wühlt innen und außen, in Samtjacke und Gummimantel.

»Nur noch wenig Kleingeld; muß wieder mal ein Schein daran glauben, oder – vielleicht legen Sie rasch die Kleinigkeit aus, wir machen das dann nachher richtig. Das leidige Kleingeld.«

Ich zahle zwei Mokkafilter und zwei Kirsch, dann verlassen wir die Konditorei.

40 Draußen zieht Alex einen alten Lappen aus einer Tasche des Gummimantels und schickt sich an, einen Vers von der Scheibe der Konditorei zu wischen.

Ich habe gerade noch Zeit, zu lesen:

Seine Sorgen rasch vergißt
Wer Gebäck und Kuchen ißt!

»Lumpige zehn Mark hat mir der Mann geboten für den Vers. Was der sich einbildet, ich komme doch weiß Gott nicht auf einer Wassersuppe dahergeschwommen.«

Spuckt erneut auf den Lappen und löscht den dichterischen Erguß von der Fensterscheibe. Preßt das Kinn nach unten und lächelt.

Dann fahren wir davon.

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