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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Von Neckarsteinach aus ist es nicht weit nach der Knodener Höhe. Die Knodener Kunst ist weltberühmt. Im Dreißigjährigen Krieg haben die Knodener einmal einen Trupp fremden Kriegsvolkes festgezaubert und Mann für Mann totgeschossen. Ein Knodener namens Rettig bannte auch einmal französische Reiterei, die plündern wollte. Das Buch von der Knodener Kunst soll noch vorhanden sein

Mit einemmal steht der Herr aus dem taubenblauen Wagen vor mir. Möglich, daß er Ohrenweh hat und mein Gehöröl wünscht. Nein, er wünscht nur, daß ich den Wagen mit Insassen photographieren möchte, Neckar und Dilsberg malerisch im Hintergrund. Ich schiebe mein Motorrad neben das vornehme Kabriolett und knipse auch schon drauflos.

Ein hübscher Mann, strenges und geistreiches Gesicht, ein Mann, der mir nicht eben schlecht gefällt. Er hat Mütze und Brille abgenommen und ich sehe, daß eine senkrechte Falte über die Stirn zur Nasenwurzel läuft. Sein Mienenspiel hat etwas Einstudiertes, versteckt Artistisches, vielleicht ist er ein Schauspieler, ein Mann vom Zelluloidberuf. Und noch etwas Merkwürdiges stelle ich fest. Durch das dunkle, dichte Haar des Mannes zieht eine silbergraue Strähne.

»Sie halten hier eine Siesta?« sagt er.

16 »Das nicht, mir ist das Benzin abhanden gekommen. Kleines Pech, niederträchtig lendenlahmes Pech.«

»Ich werde Ihnen Benzin geben«, sagt der Fremde.

»Oh, vielen Dank, mein Herr. So was nennt man Benzinkameradschaft, Landstraßenkollegialität.«

Der Herr muß lachen, auch die junge Dame lacht. Ihr Lachen, ein wenig komödiantisch, durchrieselt mich mit einer unnennbaren Wärme.

»Donnerwetter, was sehe ich?« ruft der Herr. »Sie haben eine ganze Bibliothek im Beiwagen. Wollen Sie eine Weltreise machen?«

Der Herr mit der grauen Strähne hat meinen fliegenden Bücherladen entdeckt und fängt an, zu schmökern.

»Wohl möglich, daß ich um die Welt reise, das steht durchaus nicht fest. Nichts hält mich ab, über Länder und Meere zu segeln.«

»Wozu aber die vielen Bücher?«

»Ich bin Buchhändler. Wir haben zu Hause vier Schaufenster.«

Und muß immerfort nach der jungen Dame schauen. Lessings gesammelte Werke würde ich darum geben, wenn ich nur ein einziges Mal ihr Gesicht sehen könnte.

Etwas anderes aber sehe ich, nämlich ihre herrliche, schlanke Hand, die jetzt auf der Seitenwand der taubenblauen Karosserie liegt. An dieser Hand schimmert der matte Glanz eines übertrieben großen Ringes. Lieber Gott, gibt es wirklich so große Ringe, nie sah ich solch ungeheuerlichen Indianerschmuck.

»Verflucht!« höre ich den schmökernden Herrn ausrufen. Er hält ein Buch in der Hand, einen modernen Roman aus dem amerikanischen Schauspielerleben. 17 Die sieben Glückseligkeiten. Ich stelle eine leichte Röte auf seinen Wangen fest, der Roman hat ihn aus dunkler Ursache aus dem Gleichgewicht gebracht. Fest hält er das Buch in der Hand und lächelt; er schlägt das Buch auf und blättert die Seiten um, fast ist ihm das Buch wie ein lieber Bekannter, wie ein Freund, den man überraschend trifft, ein wunderlicher Onkel aus Amerika, der plötzlich zur Tür hereintritt und tut, als wäre sein Kommen selbstverständlich.

»Sieh mal«, ruft er der jungen Dame zu, und hält das Buch hoch.

»Eine großartige Überraschung, mitten auf der Landstraße. Die sieben Glückseligkeiten!«

»Interessiert Sie der Roman, oder wünscht vielleicht die junge verschleierte Dame den Roman zu lesen? Ich will Ihnen das Buch schenken, Sie haben mir aus der Benzinverlegenheit geholfen – –«

»Dieses Buch«, sagt der Fremde, »möchte ich nicht aus Ihrem Bestand herausnehmen, aus bestimmten Gründen nicht. Es ist mir lieber, wenn diesen Roman irgendein anderer Mensch kauft.«

»Warum denn?«

»Das kann ich Ihnen nicht näher auseinandersetzen. Ich möchte aber zwei oder drei andere Bücher von Ihnen erwerben.«

Tod und Druckerschwärze, der Mensch kauft mir für zwanzig Mark Bücher ab. Ich werde fast verlegen von soviel fremder Güte. Habe ich nicht schon einmal behauptet, mein Pech würde sich umwenden wie ein nasser Handschuh? Nun habe ich den schönsten Beweis dafür. Wäre mir das Benzin nicht ausgegangen, dann hätte ich dieses Erlebnis nicht gehabt, dann hätte ich die sechs alten Ladenhüter nicht verkauft, ganz 18 zu schweigen von der geheimnisvollen Dame, die etwas dämonisch Schicksalhaftes hat, ohne daß ich imstande wäre, dieses Schicksalhafte zu erklären. Am Ende ein Hexenstrumpf!

Dort sitzt sie immer noch, eine Sphinx am Steuerrad des Kompressors, phantastisch schimmert der Zauberring an ihrer Hand.

Der Herr steigt ein, und die schöne Fremde läßt den Anlasser schnurren. Sie wollen also weiterfahren.

Die Dame, den linken Fuß schon auf der Kupplung, greift nach dem Steuerrad, ich sehe genau die schlanke Hand und den Indianerring. Der Ring stellt eine Schildkröte dar, wie sonderbar, eine große plumpe Schildkröte.

Der Wagen verschwindet. Taubenblau verschwindet er.

Ich stehe versunken und starre die Landstraße entlang. 19

 


 

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