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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es ist schon über hundert Jahre her, da kam in die Gegend von Eisenberg eine alte, halb verhungerte Zigeunerin. Sie bat um Brot, und als man ihr welches gab, zog sie einen Klumpen Erde aus der Tasche und sprach: Bei euch ist der goldene Herrgott begraben, nehmt dies und denkt darüber nach. Die Menschen aber lachten und warfen den Erdklumpen achtlos fort. Jahre später wurden in jener Gegend die großen Lager von Ton und Klebsand entdeckt, die viel Wohlstand brachten. Nun wußte man, was die Zigeunerin mit dem goldenen Herrgott gemeint hatte.

Die Ohreneule hätte am Leben bleiben können, es ist nichts mit dem Strick eines Erhängten, mein Motorrad ist endgültig gestohlen. Ein Glück vielleicht, daß es fort ist, wer weiß, was mir damit noch passiert wäre.

Ich bin durch einen Traum gefahren, nun kehre ich in die Wirklichkeit zurück, das andere Leben ruft mich, ich strebe neuen Ufern zu.

280 Dem Apotheker Häutle habe ich einen Teil meines Geldes gegeben, meine Barschaft reicht aus, um damit nach Hause zu kommen. David Häutle will zu Frau Karola gehen, er wird gute Aufnahme finden bei dieser sonderbaren Frau, die wie ein wilder Vogel in einem Hühnerhofe sitzt und kein Ende findet ihrer verborgenen Sehnsucht.

Mich beschäftigen bedeutende Pläne, mein Ehrenwort darauf. Der Tag im Wingert bei Bastian Berghaus und die Nacht in der Schilfhütte beim Angler haben mir ein wenig die Augen geöffnet.

Es gilt, große Dinge zu erreichen, Pläne und Ideen bewegen die Welt und bevölkern das menschliche Hirn, Länder und Meere, Berge und Ströme warten, daß man Nutzen aus ihnen ziehe und daß man sie der Menschheit dienlich mache.

Das Glück will es, daß ich auf einem Rheinschiff, auf einem großen Frachtkahn den Strom hinabfahren kann. In der Nähe von Germersheim liegt das Schiff; für wenige Pfennige kann ich bis Holland fahren, wenn es mir Spaß macht. Aber ich will gar nicht nach Holland, ich will nach Hause, ich werde Konferenzen mit meinem Vater haben, Verlegersitzungen geradezu, ich will ihm meine Pläne auseinandersetzen, er wird Augen machen, mit welcher glücklichen Fracht beladen ich zu den vier Schaufenstern zurückkehre.

Seht, ich gehe an Bord, mit leichtem Gepäck, über ein schwankendes Brett gehe ich an Bord.

Wer ist auf dem Schiff?

Alex im flatternden Gummimantel. Alex, der Dichter und Tausendfüßler. Kaum zu glauben, wo überall er sich herumtreibt. Er steht breitbeinig am Ladebord, wühlt die Hände in 281 die Hosentaschen und trägt eine Miene zur Schau, als ob er die gesamte Rheinschiffahrt gepachtet hätte.

»Mit welchem Ziel, Herr Alex, haben Sie Kabine belegt, wenn die Frage erlaubt ist?«

»Mannheim, habe dort ein Zwischengeschäft, traf sich günstig mit dem Kasten hier.«

Der Kapitän kommt herbei, ein freundlicher Mann mit krummen Beinen und breiten Schultern.

»Ein kleines Gegengeschäft«, meint er und schmunzelt. Auch seine Frau, eine rundliche Matrone mit schmalem Mund und Knollennäschen, legt die Hände auf den Bauch und freut sich. Ihre Augen sind entzündet von der ewigen Zugluft.

Schade, daß der Apotheker David Häutle nicht da ist, sicher hätte er ein heilsames Augenwasser für sie.

»Ja, ja«, sagt sie, »er wirft den Schinken nach der Speckseite.«

»Gegengeschäft?« frage ich, »hat er die Falzziegel angedichtet?«

»Lesen Sie!«

Der Kapitän spuckt braunen Saft und deutet auf den Eingang zur Wohnkabine. Auf die niedere Tür ist ein Spruch gemalt, sogar mit Blümchen und Ornamenten sinnvoll verziert.

Wer stets der Hoffnung Anker nimmt,
Der hat ein Heim, auch wenn es schwimmt.

Da steht er, ein Original-Alex-Vers, Matrosen kommen und Ladearbeiter, sie lachen und spucken und sind guter Dinge.

»Wir laden noch goldenen Herrgott hier«, sagt Alex und deutet auf die Arbeiter, die in Schubkarren weißliche Erde an Bord fahren.

282 »Goldener Herrgott?«

»Ja, Ton und Klebsand, kommt aus der Gegend von Eisenberg. Dort ist der goldene Herrgott begraben. Hab' ich recht, Kapitän?«

Der Kapitän nickt.

Nachmittags nehmen wir Anker auf und steuern ins offene Fahrwasser hinaus.

Nun treiben wir dahin, ein glückhaftes Schiff, schaukelnd wie des Paradieses Hängematte.

Es ist eine zauberhafte Fahrt, langsam gleiten die bewaldeten Ufer an uns vorüber, das Gewoge des grünen Rheines schäumt gegen das Schiff, jetzt passieren wir die Schiffbrücke in Speyer.

»Einer meiner vielen Freunde«, sagt Alex zum Kapitän, »ich habe ihm schon manchmal aus der Patsche geholfen, stimmt es oder stimmt es nicht, Buchhändler? Na, nur nicht lange fackeln, drauf und dran und carpe diem, hahaha! Wo ist übrigens Ihr Benzinstänkerer?«

»Gestohlen.«

»Herr meines Lebens, gestohlen. Was für miserable Kreaturen es gibt. Na ja, Schwamm drüber. Übrigens wissen Sie, daß die Sache mit den Schnecken so ziemlich perfekt ist? Berghaus wünscht Pläne und praktische Vorschläge, Rentabilitätsberechnungen, kurz und gut, ich werde wohl die Direktion des neuen Unternehmens auf meine Schultern packen.«

Hört nur den Flunkerer an, muß er immer aufschneiden, dieser Bruder Überall, dieses Patenkind glücklicher Sterne?

»Sie werden Leiter der Zucht?«

»Aufs Haar.«

»Schneckendirektor also?«

283 »Wie Sie es nennen wollen. Man rechnet auch mit Ihnen, ich will es offen sagen.«

»Mit mir?«

»Mit keinem andern, Sie sollten sich nach Kräften um die Angelegenheiten kümmern. Ich selbst habe nicht immer Zeit, es liegt so viel in der Luft, haben Sie zum Beispiel schon etwas von den brachliegenden Kupferbergwerken und Quecksilberadern in der Nordpfalz gehört? Nicht, na ja, das sind auch noch ungelegte Eier.«

Ja, so ist es mit diesem Alex. Geschäfte hier und Geschäfte dort, Einfälle an allen Ecken und Enden, nur leider immer verwildert, ohne Ernst und Sammlung. Du lieber Gott, er muß eben umherziehen, er muß auf dem Sprung sein, ohne ihn blieben Räder stehen, Menschen kämen in Bedrängnis, der allgemeine Geschäftsgang würde leiden, carpe diem und in medias res. »Ich bin selbst zur Erkenntnis gekommen«, sage ich bescheiden, »daß bedeutsame Fragen ihrer Lösung harren. Ich wünsche nur, daß man mir Zeit läßt, mich damit zu beschäftigen. Mit Herrn Berghaus habe ich eingehend wegen Herausgabe wirtschaftspolitischer Schriften und Broschüren gesprochen, ich werde sofort mit meinem Vater in Verbindung treten, ich habe alle gute Hoffnung, Herr Alex.«

»Na sehen Sie, und wem haben Sie das zu verdanken?«

»Wem anders, als Alex Grauvogel.«

»Keine Schmeicheleien, jeder macht sein Glück auf seine Art. Auf jeden Fall werden wir Sie dann bald wieder in Deidesheim sehen. Apropos Deidesheim. Es wird Ihnen bekannt sein, daß dort eine gewisse Dame auf Sie wartet?«

»Eine Dame, auf mich?«

284 »Spielen Sie bloß nicht den Dummen, ich bin genau im Bilde, sie hat mir das haarklein erzählt und mich sogar auf Ihre Spur gehetzt. Ist es übrigens eine Art, so mir nichts dir nichts zu verschwinden? Das tut man doch nicht wegen eines kleinen Scherzes.«

»Wegen eines kleinen Scherzes? Hier steht die Weltgeschichte still. Sie spielte mit mir und feierte mit einem andern Hochzeit.«

»Hochzeit? Wer feierte Hochzeit?«

»Ursula.«

Alex stellt die Beine noch breiter, der Gummimantel flattert kühner im Wind.

»Was, zum Henker, kümmert Sie Ursula?«

»Nun, ich will es Ihnen sagen, es braucht kein Geheimnis mehr zu sein. Ursula stieg aus dem Rheingold, ich fuhr mit ihr zu den geräucherten Aalen, wir ruderten auf die Insel im Rheinwald, ich geriet in ein Netz, ich – – ich – –«

»Aber das war doch nicht Ursula.«

»Nicht Ursula? Wer sonst, Sie Tollkopf?«

»Sie sind und bleiben ein Pechvogel. Es war Barbara.«

»Barbara?«

»Ja, Barbara, Ursulas Zwillingsschwester, sie gleichen einander wie ein Ei dem andern. Hahaha, da soll man jetzt nicht lachen. Haben Sie das denn nicht gemerkt?«

Ist Alex plötzlich verrückt geworden, wie kann man so unbändig lachen? Die gesamte Schiffsmannschaft wird aufmerksam.

»Ein Schabernack, Herr Tausendfüßler, Sie wollen mir die Grillen vertreiben, Sie wünschen mich aufzuheitern.«

»Nichts da, lassen Sie sich doch aufklären. Barbara, diese 285 Hexe, wollte nur gerne einmal die Rolle ihrer berühmten Zwillingsschwester spielen, ihre Ähnlichkeit verhalf ihr leicht zu diesem Spaß. Sie trat bei Ihnen als Ursula auf, die Komödiantin. Und aus dem Spiel wurde Ernst, sie kam dann von ihrer Lüge nicht mehr los. Weil Sie Tollpatsch das Mädel nicht angehört haben.«

»Woher wissen Sie das?«

»Weil sie mir alles erzählte und mich beschwor, ich möchte Sie ausfindig machen, damit endlich das lustige Lügengespinst in Fetzen geht.«

Diese Worte spricht Alex, der Dichter.

Ich erhebe mich von meinem Sitz und stehe aufrecht im Strom des Windes. Unser Schiff fährt zu Tal, die Ufer gleiten vorüber.

»Ist das wahr, Herr Grauvogel, was Sie sagen?«

»Mein Ehrenwort a priori!«

»Dann saß Ursula im taubenblauen Wagen und trug den Schildkrötenring, dann hörte ich Ursula im Theater singen, dann stand Ursula mir im Weinkeller gegenüber. Im Rheinwald aber, im Wingert der Sieben Glückseligkeiten, im Trubel des Polterabends war Barbara – – –«

Habe ich nicht ein Ende vom Strick eines Erhängten in der Tasche? Ich ziehe den Strick hervor und zeige ihn Alex. »Welch ein Glück«, rufe ich aus, und schüttle den Strick, »welch ein Glück, daß mir das Motorrad gestohlen wurde. Vielleicht hätte ich sonst nie erfahren, daß es Barbara ist, die ich liebte.«

»So ist es und nicht anders.«

»Und der Wellensittich hat wieder recht. Das ist die zweite Überraschung. Nicht zu glauben, wie klug solche Vögel sind.

286 Hier sehen Sie das Bild meiner Zukünftigen mit dem Zauberspruch. Ich bin ein Mensch im Zeichen der Zwillinge. Es geschehen Wunder auf Jahrmärkten und kosten nur zehn Pfennige.«

Ich zeige Alex das Bild der Dame mit dem Pfefferrohrstöckchen.

»Nun, Sie werden das Glück nicht mit Füßen treten«, sagt Alex.

»Wer weiß um sein Glück, Herr Alex. Ich glaube fast, man soll nicht hinter seiner Liebe herrennen. Sie fällt vom blauen Himmel.«

»Aber Sie kommen doch wieder nach Deidesheim?«

»Ich komme wieder nach Deidesheim, weil ich es Herrn Berghaus versprochen habe. Wir haben Pläne von weittragender Bedeutung. Gewaltige Maulbeerpflanzungen, Züchtung von madenfreiem Obst und andere Dinge mehr. Ungeheures läßt sich hervorbringen, die Erde verschenkt sich, man muß ihr nur die Hände reichen. Unsere Liebe ist nur ein Zwischenspiel.«

»Trotzdem sind Sie ein Pechvogel. Wer seine Liebe findet, soll zupacken. Sie aber ergreifen die Flucht.«

»Ich komme wieder.«

»Da gratuliere ich. Doch nebenbei, Sie haben da einen gewissen Strick in der Tasche. Er soll Glück bringen. Ist es unbescheiden, wenn ich Sie bitte, mir ein kleines Stück davon abzulassen?«

»Das sollen Sie haben.« Ich ziehe mein Taschenmesser und zerschneide den Strick in zwei Teile. »Nehmen Sie, ich bin nie ein Geizhals gewesen.«

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