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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Satorquadrat, eine Zauberformel aus der frühchristlichen Zeit, hilft nicht nur gegen Tollwut, sondern auch gegen jede Hexerei und scheeles Teufelswerk. Eine Umkehr dieser Formel und somit eine Aufhebung des Zaubers sind unmöglich. Wer die Formel liest, wird finden, daß sie vorwärts wie rückwärts und aufwärts wie abwärts lautet

S A T O R
A R E P O
T E N E T
O P E R A
R O T A S


Es ist plötzlich Sommer geworden, das Korn wird gelb, die Früchte reifen auf den Bäumen, man sollte nicht vor Gräbern sitzen.

Wir haben Marlena begraben. Sie kam zur Welt und irrte umher. Sie sang Gassenhauer und ertrank im Rhein. O meine Freunde. Viele Millionen Aale wandern durch das Weltmeer, sie folgen einem dunklen Ruf. Wer, um Gottes willen, ruft sie denn?

In der Nähe von Germersheim haben wir Marlena begraben, da sitze ich allein vor dem Erdhügel, und der Sommer stürmt über das Land. Auch Ursula ist tot, einmal lebte sie, ihr Lachen ging mit dem Teufel spazieren. Viel Glück über dich und Wolf Hagen, mit dem du Hochzeit feiertest.

Man muß vergeben und vergessen können, es liegt eine gewisse Größe im Vergeben und im Vergessen, nur die Lumpen sind unversöhnlich und voll nie erkaltender Rachsucht.

263 Marlena, deine Schuld ist gesühnt, die milde und große Hand der Welt hat sie ausgelöscht.

Ich gehe, und bevor ich gehe, will ich dir meine Rosen von Schiras geben. Zehntausend Rosen von Schiras, Marlena, braucht man für ein einziges Fläschlein; wenn du noch lebtest, du könntest David Häutle fragen. Ich habe sie sorgsam gehütet, nun will ich sie dir schenken.

Ich fahre in den Sommer hinein, an einem Kornfeld setze ich mich nieder und warte, bis der Abend kommt. Ich höre Drehorgeln spielen und Trompeten blasen und Schellen bimmeln, eine fröhliche Katzenmusik lärmt zu mir herüber.

Aha, in Germersheim ist eine kleine Trödelschau, keine großartige Sache mit Dampfkarussell und Zirkus und Berg- und Talbahn, nein, nur ein kleiner Jahrmarkt, ein bescheiden buntes Treiben mit einem einstöckigen Karussell, einer Schiffschaukel und allerlei Verkaufsbuden.

264 Mein Motorrad stelle ich an eine alte Festungsmauer und mische mich in den heiteren Trubel.

Auch wandernde Artisten haben aufgeschlagen, das »Kunstetablissement Ley«. Spaßmacher und Athleten, Seiltänzer und Parterreakrobaten.

Es wird dunkel, alle Buden und Spaßmachereien entfalten ihren Lichterglanz.

Was will ich auf dem Jahrmarkt, ich habe größere Pläne vor. Ich beschäftige mich mit Problemen, man weiß, daß sie Raupen und Schnecken und Maden betreffen, durch Schriften müßten große Ideen Verbreitung finden, alles in allem ist es an der Zeit, daß ich nach Hause zurückkehre, daß ich – – –

Da ist ein Wahrer Jakob, seine tobende Stimme klingt wie eine rostige Türangel. Er verkauft gerade Hosenträger, er macht ein Bombengeschäft und schwätzt dem Teufel beide Ohren ab.

Doch, ich muß nach Hause, ich darf nicht länger zögern, ich habe Herrn Berghaus versprochen, daß ich – – –

Wetter und Wolkenbruch, wie sich die Menschen um den Wahren Jakob scharen, jetzt verschleudert er ein Universaltaschenmesser, zusammen mit Bleistift und Notizbuch und Seidenschlips.

Ich könnte mir gut eine neue Bücherreihe vorstellen, die alle brennenden Probleme in Deutschland kurz und allgemeinverständlich behandelt, auch die Ersatzbeschaffung der Rohstoffe, überhaupt die Ausnützung aller Möglichkeiten, die uns von der Einfuhr unabhängig machen. Ich glaube, daß ich – – –

»Kauft, Leute, kauft!« brüllt der Jakob, »meine Schwiegermutter muß ins Manöver.«

265 Mir fällt ein, daß ich noch ein Dutzend Bücher besitze, nicht mehr ganz neu, durch meine Reise ein wenig mitgenommen. Ich könnte sie dem Wahren Jakob zum Verkauf anbieten.

Er macht gerade eine kleine Pause, ich dränge mich an ihn heran.

»Ich habe einige schöne Bücher«, sage ich, »hätten Sie nicht Lust, sie zu verkaufen, ich gebe sie ganz billig ab, antiquarisch, ich will mich aller Dinge entledigen, die mich an die letzten Wochen erinnern.«

»Bücher?« sagt er und wischt Schweiß ab, »Bücher, das ist ein Artikel, daß mich die besten Läuse jucken, aber ich mach's, zeige du mir mal was her, was ich nicht an den Mann bringe. Her mit den Büchern, mir ist sowieso der Fleckenstift ausgegangen.«

Ich bringe ihm die Bücher, alles, was ich besitze, lade ich auf seinem Verkaufsstand ab, auch die Sieben Glückseligkeiten sind dabei. Ich will leer von dannen gehen, alle Brücken will ich abbrechen. Frei will ich sein von der Bürde unseliger Erinnerung.

Die Sieben Glückseligkeiten. Noch halte ich sie in der Hand, sie sind wertlos geworden für mich. Einmal lebte Ursula, nun ist sie tot. Ach, nicht traurig sein, der Sommer braust, das Leben dröhnt, die Zeit besänftigt alle Stürme bewegter Menschenbrust. Für etwas Großes sich einsetzen, jawohl, ich komme hinter den Sinn des Lebens.

Schon drängen sich wieder Menschen herbei, ein Mann will Hosenträger, eine Frau hat es auf zwölf Meter Papierspitzen abgesehen, alle großen Wünsche werden wach.

»Komm nach Geschäftsschluß wieder«, sagt der Wahre Jakob und fängt an, mit den Hosenträgern um sich zu hauen. 266 Langsam schlendere ich weiter, ein Untertauchen ist es in Lärm und Getöse und wohlfeiler Fröhlichkeit.

Wieder komme ich zu den wandernden Artisten, zum Kunstetablissement Ley.

Eine Vorstellung hat begonnen, ein bemalter Spaßmacher purzelt über das Podium, die armselige Orgel kreischt, Azetylenlampen sirren und verbreiten ihren beizenden Geruch.

Ich trete ins Dunkel, wo die beiden Komödiantenwagen stehen.

Schwacher Lichtschimmer in den kleinen Fenstern. Hier will ich eine Weile bleiben, abseits im Schatten, im kleinen Schlupfwinkel, wo die Nacht brütet inmitten des polternden Trubels.

Die Tür des ersten Wagens öffnet sich, und ich sehe einen Komödianten im flitternden Trikot erscheinen.

Feurige Hölle, das ist der Salto.

»Salto – – –!« rufe ich, »du bist hier?«

Er kommt auf mich zu und erkennt mich. »Ja, ich bin hier, Buchhändler.«

»Bist du ausgerückt im Vogelhaus?«

»Nein, ich habe Urlaub, ich bin auf Tournee.«

»Rede doch keinen Unsinn, du bist davongelaufen. Frau Karola – –«

»Beim Kopfstand und Doppelsalto, es ist wahr! Komme in einer halben Stunde in die Wurstbude, ich will dir's erzählen. Ich habe keine Zeit jetzt, meine Nummer steigt.«

Wirklich, die Drehorgel legt eine neue Nummer auf die Walze, der Salto verschwindet und dann sehe ich ihn, vom Azetylenlicht beleuchtet, auf dem Podium erscheinen. Er tritt als Parterreakrobat und Schlangenmensch auf. Der Unselige, 267 natürlich ist er davongelaufen, das Vogelhaus war ihm schon längst zu eng geworden, schlief er nicht oft nachts auf dem Kastanienbaum? Arme Frau Karola!

Ich gehe weiter, ich schlendere durch den Jahrmarkt, ich habe kein Ziel und kein Ende, ich treibe nur so dahin.

Treten denn alle unseligen Geister der Vergangenheit aus ihren Schattenbezirken? Will sich alles zu einem Kreis runden, treffen Aufgang und Niedergang auf einem Jahrmarkt zusammen?

Wer steht denn dort hinter einem wackeligen Tisch und hält seine Tränklein und Mixturen feil?

David Häutle, der Landstraßenapotheker, der Mann von der Knodener Höhe, der mir das Gehöröl und die zehntausend Rosen von Schiras gab. Kein anderer steht dort und preist seine Wundermittel an, den Warzentod und das Franzosenöl, den Kropfspiritus und den Kinderwein. Auch heilbringenden Tee verkauft er, Baldrian und Pfefferminz, Salbei und Eukalyptus, die Enzianwurzel und Wacholderbeere.

»Guten Abend, Herr Häutle«, sage ich und bin tief gerührt, »Sie werden sich meiner erinnern, mit Ihrer Knodener Kunst schickten Sie mir einen Hexenstrumpf auf den Hals, ich muß mich noch bei Ihnen bedanken.«

Jetzt erst erkennt er mich, er lacht mit welkem Mund, ach Gott, er ist noch schäbiger geworden in seiner Kleidung und abgezehrter in seinem Gesicht, es muß ihm schlecht gehen inmitten seiner Wundermittel, ich glaube fast, er ist hungrig, der große Zauberer und Wunderarzt.

»Iß Aron und Bilbernell, so stirbst nit schnell«, plappert er mechanisch an eine Bauernfrau hin und überreicht ihr eine Tüte mit Tee.

268 Die Orgeln kreischen, die Schiffschaukel entfaltet ihr Lichterspiel.

»Natürlich erinnere ich mich«, sagt er jetzt zu mir und schraubt an einer elenden Azetylenfunzel, »Sie erzählten mir den Räuberschwindel vom geschenkten Motorrad.«

»Ganz recht, da bin ich wieder, meine Knatterkiste steht an der Festungsmauer, ich bin am Ende meiner Fahrt. Ihr Hexenstrumpf hat mir übel mitgespielt.«

»Hexenstrumpf? Sind Sie in die Falle gegangen? Habe ich Sie nicht gewarnt vor den Gartenlilien? Wenn Sie etwas kaufen wollen gegen das Herzgesperr, ich habe hier – –«

»Nein, nein, vielen Dank, Herr Häutle, genug der Zaubermittel. Ich möchte Sie zu Bratwurst und Wein einladen, später, wenn das Geschäft hier zu Ende ist.«

»Da bin ich gerne dabei.«

»In der Wurstbude in einer halben Stunde, Herr Häutle.«

»Schon recht.«

»An Ihre Knodener Kunst werde ich mein Lebtag denken, Sie wissen, ich bin ein Pechvogel, mir läuft manches quer, ich bin recht geeignet, daß die geheimen Mächte ihr loses Spiel mit mir treiben.«

»Ich besitze ein Mittel, um Sie von jedwedem Ungemach der Seele zu heilen.«

»Auch ein Tränklein, das vergessen macht? Das alle Erinnerungen tilgt und die letzten Nöte stillt?«

»Einen Theriak gegen das Gift der Welt, aus gedörrten Kröten hergestellt, die zwischen den zwei Frauentagen Mariä Himmelfahrt und Mariä Geburt gefangen sind.«

»Wär' mir willkommen, Herr Häutle.«

Ich gehe weiter, denn es sind Leute gekommen, die ihre kleinen 269 Nöte und Gebrechen mit sich bringen, sie greifen nach Wacholderbeeren und Abführsaft, nach Augentrost und Zinnkraut.

Beim Wahren Jakob bleibe ich stehen, er packt gerade ein, sein Geschäft ist gemacht, er ist guter Dinge und pfeift durch die Zähne.

»Hier haben Sie fünf Mark«, sagt er und klappert protzig mit dem Geld. »Ich habe die ganze Bibliothek ratzekahl verkauft. Ich sage Ihnen, wenn es alte Kursbücher gewesen wären, ich hätte sie auch an den Mann gebracht. Ja, das ist die Kunst, man muß Bauchweh und Katzenjammer verkaufen können. Ab mit Verlust! Haben Sie noch mehr Schmöker?«

»Nein, es waren die letzten Zeugen verhexter Wochen, ich bin froh, daß sie aus meinem Gesichtskreis entschwunden sind.«

»Eines der Bücher habe ich für mich behalten. Hier, sehen Sie, da steht drinnen, wie einer gleich siebenmal glückselig wird.« Er zieht das Buch von den Sieben Glückseligkeiten aus der Tasche. Mit der flachen Hand klopft er auf den Deckel.

»Mein Herr, ich warne Sie vor diesem Buch. Ehe Sie daran denken, entgleist ein Güterzug und Sie zappeln erbärmlich im Netz. Durch dieses Buch geht ein Hexenstrumpf.«

»Hohoho, mit dem will ich schon fertig werden. Da, Ihre fünf Mark und eine Lilienmilchseife obendrein.«

Ich gehe in die Wurstbude hinein. Da sitzt ja schon der Salto, Vater im Himmel, wie sieht er aus. Die Leinenhosen trägt er und die Schuhe mit den Ledergamaschen, über den Oberkörper aber hat er sich einen erbärmlich zerschundenen gestreiften Pullover gezogen, ein geflicktes Kunstreiterhemd, es ist ein Jammer und eine Affenschande.

Man muß das gesehen haben, wie er hier auf der Bank sitzt, mit dem dürren Hals, mit der vorspringenden Nase und mit 270 dem breiten Brustkorb. Neun Finger besitzt er, einst war er eine fettgedruckte Nummer, jetzt sitzt er in der Wurstbude, ein Mensch, der einen zu Tränen rührt.

»Gestehe, Salto, du bist ausgerückt im Vogelhaus?«

»Meine Hand und Artistenehre, es ist nicht wahr! Bestelle einen Schoppen Kallstadter Saumagen.«

Ich bestelle den Saumagen und gebratene Würste. Er setzt das Glas an und tut einen wilden Zug.

271 »Du erinnerst dich doch an den Polterabend?« sagt er.

»Richtig, es war einmal ein Polterabend, ich habe ihn dunkel im Gedächtnis, es mögen Jahre verstrichen sein – –«

»Unsinn, es war Fräulein Ursulas Polterabend. Du weißt, daß ich übers Seil ging, und dann ging Frau Karola übers Seil, es war eine ganz gewaltige Sache.«

»Vielleicht habe ich es nur geträumt. Frau Karola, eine wunderliche Frau unter den Sternen, sie tanzte über das Seil, kein Mensch erkannte sie – –«

»Nur ich und Herr Berghaus. Weißt du, das liegt uns allen im Blut, wir können nicht anders, ich nicht und Frau Karola nicht und alle andern nicht. Unsere Farbe ist zu echt, sie läßt sich nicht übertünchen.«

»Und darum bist du durch die Lappen?«

»Nein, ich sprach mit Frau Karola, ich erzählte ihr von unserem früheren Zusammensein in Amerika, und plötzlich hat sie mich wiedererkannt. Mein Lieber, das war keine kleine Freude und Überraschung. Sie erzählte mir aus ihrem Leben und wie es kam, daß sie Herrn Bastian Berghaus in Chikago kennenlernte. Denke dir doch, Mensch, sie stammt aus der Pfalz, ihre Eltern sind mit dem Zirkus Barnum viele Jahre durch alle Welt gezogen, der Vater war ein Mackenbacher Musikant, der als Cowboy in der Zirkuskapelle das Tenorhorn blies. Karola wurde ein berühmtes Artistenkind, mit siebzehn Jahren stand sie schon fett gedruckt in den Großstadtprogramms. Ich habe eine Saison lang mit ihr im Luftakt gearbeitet. Diese Überraschung, Buchhändler, für Frau Karola, als ich mich vor ihr abschminkte! Die Folge war, daß sie mir vier Wochen Urlaub gegeben hat, ich habe ihr versprechen müssen, auf Artistenehre, daß ich wiederkomme.«

272 »Urlaub hast du? Für die Jahrmärkte und Possenreißereien?«

»Ich bin auf Tournee.«

»O du Gummigeburt; die Saltos und Kreuzbiegungen, die Volten und Riesenschwünge haben dich um den Verstand gebracht.«

»Ich habe die große Nummer, vergiß das nicht.«

»Ich habe dich gesehen, mir bricht das Herz. Welche Gage, wenn ich fragen darf?«

»Gage? Ich arbeite für Kost und Logis, du glaubst nicht, wie glücklich ich bin.«

»Trink, du Bruder aller Narren. Schau dich um, dort kommt David Häutle, ein Apotheker von der Knodener Höhe. Er ist schuld am Hokuspokus der letzten Wochen.«

Ja, da kommt David Häutle, ein wenig gebückt und mit trostlos baumelnden Armen. Die Hosen sind noch zerschundener, die Schuhe noch zerbeulter, als ich sie damals am Neckar sah, wahrhaftig, der Mann aus Knoden ist nichts als ein Häuflein Elend.

»Herr Häutle, bitte setzen Sie sich«, sage ich und rücke auf der Bank, um ihm Platz zu machen. »Hier steht Kallstadter Saumagen.«

»O Katzendreck und Taubenmist«, jammert er, »ich habe das Rheuma in allen Gliedern, und die schnelle Kathrin plagt mich zum Gotterbarmen. Und einen hohlen Zahn. Jesus Christus!«

Er schiebt sich stöhnend in die Bank.

»Aber Mann, Sie besitzen alle Wundertränklein und Zaubermittel und können sich selbst nicht helfen?«

273 »Das hilft nur immer andern, aber mir nicht. Ich wundere mich oft selbst, daß es den andern hilft. O jemine, ist das ein Leben, die Leute glauben auch nicht mehr an gestoßene Regenwürmer und gedörrte Laubfrösche, wer verlangt heute noch den Kot schwindelfreier Störche für Kinderkrämpfe? Mir fallen die letzten Haare aus.«

»Mann«, sagt der Salto, »Ihr solltet eine Weile von der Landstraße weg, Ihr müßt ausruhen, um wieder ein Kerl zu werden. Ich weiß ein Haus, da könnt Ihr Unterschlupf finden und führt ein Leben wie ein Baron.«

»Richtig«, fahre ich fort und schiebe David Häutle das Schoppenglas hin. »Er meint Frau Karolas Vogelhaus. Dort haben Sie's gut, trinkt und denkt an Frau Karolas Vogelhaus.«

»Frau Karolas Vogelhaus? Ist das ein billiger Ulk?«

»Nein, nein, die lautere Wahrheit. Ich will es Ihnen nicht nachtragen, Herr Häutle, daß Sie die Knodener Kunst samt Hexenstrumpf an mir fliegendem Buchhändler ausprobierten. Nein, ich bin versöhnlich und milde gestimmt, ich will Sie in meiner Knatterkiste persönlich bis nach Deidesheim bringen, dann können Sie Einzug halten in Frau Karolas wundersamen Käfig.«

»Ihr seid ein Zwitscherer«, meint der Salto, »an dem sie ihre besondere Freude hat, aber Ihr habt die besten Federn verloren.«

»So ist es. Aber sagten Sie nicht vorhin etwas von einem Tränklein, das uns mancherlei Übel vergessen läßt?«

Der Salto lacht und schnalzt mit den Fingern.

»Er hat sich in die Falsche verliebt, ich bin im Bilde, Buchhändler. Sie ist auf froher Hochzeitsfahrt, was glaubst du, 274 nach Italien sind sie gefahren, die Turteltauben, nach Rom und Neapel und Sizilien.«

»Gott steh mir bei, auch ich wollte einmal nach jenen südlichen Ländern, Herr Häutle hatte es anders vor mit mir. Na ja, ich mache mir nichts aus Wassermelonen und Erdbeben. Trinkt, Freunde, es ist meine letzte Zaubernacht.«

Eine verzottelte Frau kommt an den Tisch, eine Wahrsagerin, sie hat einen Käfig mit einem Wellensittich, gibt es das auch noch? Am Käfig unten öffnet sie ein Schublädchen, der Sittich turnt herbei und holt mit dem Schnabel ein kleines Brieflein hervor.

»Zehn Pfennige«, sagt die Frau und gibt mir mein Horoskop.

In dem Brieflein steckt die Photographie meiner Zukünftigen, eine herrlich pompöse Dame mit Wespentaille und mächtiger Straußenfeder auf dem Hut. Die Dame trägt ein Pfefferrohrstöckchen mit einer Schleife dran.

Man darf mir also gratulieren, ich gerate in die vornehmste Gesellschaft. Man sieht der Dame mit dem Pfefferrohrstöckchen an, daß sie es auf mich abgesehen hat.

Auf der Rückseite steht:

Glückszahlen bei Vollmond 7, 31, 76. Bei Neumond 8, 13, 67.

Sie sind ein Mensch im Zeichen der Zwillinge, ihre beste Eigenschaft ist, daß Sie allen Dingen auf den Grund gehen. Nüchtern und geschäftstüchtig von Geburt an, werden Sie bald zu Reichtum und Ansehen kommen. Alle anfänglichen Widrigkeiten wenden sich zum Guten. Sie haben keine Phantasie, dafür um so mehr Verstand. Sie werden bald zwei große Überraschungen erleben. 275

Gegen Hexenwerk die Satorformel.

S A T O R
A R E P O
T E N E T
O P E R A
R O T A S

»Nun haben wir's!« rufe ich und muß fröhlich lachen, »gegen Hexenwerk die Satorformel, jetzt ist Ihr Tränklein nicht mehr vonnöten, es wird sich alles von selber lösen, keine dunkle Macht hat ferner Gewalt über mich, denn ich besitze die Satorformel. Und zwei große Überraschungen, darauf müssen wir noch einen Schoppen trinken.«

»Und wenn es möglich ist, noch eine Wurst essen«, sagt Häutle kleinlaut und leckt das Fett von den Fingern ab.

Leider muß der Salto gehen, denn er hat noch eine Vorstellung, es ist höchste Zeit, er hört an der Drehorgel, daß seine Nummer naht.

Es wird ein rührender Abschied, denn der Salto hat zuviel Wein getrunken, er wird in seiner Nummer sämtliche Gliedmaßen verwechseln. Jetzt hat er den Schluckauf, der Adamsapfel kommt nicht zur Ruhe.

»Das Glück sei mit dir, Salto.«

»Im Vogelhaus sehen wir uns wieder.«

»Das walte Gott. Ich komme zu Herrn Berghaus zurück, denn ich habe große Dinge mit ihm vor.«

Der Salto geht; wiegenden Schrittes, elastisch federnd und sich auf die Zehen hebend, ein glücklicher Mensch, ein Vogel auf Urlaub. Am Ausgang wendet er sich noch einmal um, ich höre seinen Schluckauf.

276 »Herr Häutle«, sage ich, »wenn Sie wünschen, will ich Sie in dieser Nacht noch nach Deidesheim ins Vogelhaus bringen. Meine Zeit ist kurz bemessen, ich muß nach Hause. Wo haben Sie Ihr Fahrrad?«

Er zerkaut den letzten Wurstzipfel und wischt sich über den Mund.

»Ich habe schon längst kein Fahrrad mehr. Alles auf den Trittlingen. Ach, wenn ich einmal für ein paar Wochen ein Dach überm Kopfe hätte! Und keine Sorgen.«

»Kommen Sie sofort, ein Mann namens Radieschen wird Sie in seine Arme schließen. Ihr Gehöröl hat Wunder bei ihm gewirkt. Kommen Sie, Herr Häutle.«

Ich bezahle Wurst und Saumagen, und dann verlassen wir das Zelt. David Häutle geht noch rasch zum Waffelbäcker, wo er seinen Vulkanfiberkoffer untergestellt hat.

»Noch sieben Luftballons«, ruft ein fliegender Händler, »kaufen Sie die letzten, ich gebe sie billig ab.«

Ich erstehe die sieben farbigen Kugeln, lustig taumeln sie über meinem Kopf.

Wir gehen zur Festungsmauer. Ich freue mich über meine sieben Luftballons.

Dort trifft mich die erste Überraschung.

Mein Motorrad samt Beiwagen ist fort!

Gestohlen.

Es besteht keinerlei Zweifel, hier stand das Motorrad, jetzt ist es fort, wir schauen uns nach allen Seiten um, wir suchen die Umgebung ab, durchstöbern alle Winkel, Mauern und Ecken, das Motorrad ist fort!

»Hätten Sie wenigstens vorher einen damit überfahren«, 277 meint David Häutle und blickt mir wehmütig in die Augen, »nun ist sie dahin, die moderne Knallschote.«

»Der Wellensittich hat recht gehabt, hier ist die erste Überraschung. Nehmen Sie mal die Luftballons und bleiben Sie hier stehen, ich will mich nach einem Schutzmann umschauen.«

Nirgends ist ein Schutzmann zu finden, der Lärm verebbt, der Jahrmarkt geht zu Ende.

Als ich zu David Häutle zurückkomme, liegt er in einer Nische der Festungsmauer und schläft. Den Wunderkoffer hat er als Kopfkissen benützt. Die bunten Kugeln baumeln an einem Mauerhaken.

Friedlich liegt der Mann aus Knoden da und schläft.

Ich beuge mich zu ihm nieder, etwas schmerzvoll Menschliches liegt über seinen Zügen, der Mund steht ein wenig offen. Luft stößt leise röchelnd aus dem Schlund. Schwacher Weindunst umlagert den Schläfer.

Ich will mich an deine Seite setzen, denke ich, du hast mit deinem Hexenstrumpf die Unruhe in mein Herz gebracht, aber du hast mich auch unbewußt auf größere Gedanken gelenkt. Ich will dafür sorgen, daß du ein Unterkommen im Vogelhaus findest.

Ich setze mich auf die zerfallene Mauer, der Himmel ist über mir mit seinen glänzenden Sternen.

Ich habe keinen Schlaf, die Nacht ist warm, meine Luftballons schaukeln und schunkeln im leichten Wind, ich will hier sitzenbleiben und auf die zweite Überraschung warten. Wer will wissen, was der Wellensittich noch im Schilde führt.

Ich lehne den Rücken gegen die Mauer, es ist wundervoll still hier, die sieben farbigen Kugeln sind lebendig, ein Drang nach Freiheit wird übermächtig wach in ihnen.

278 Ach, vielleicht sind es meine Sieben Glückseligkeiten.

Ich gebe sie frei, die roten und gelben, die grünen und blauen Kugeln. Da schweben sie nun aufwärts, schwerelos und lautlos, da steigen sie mit dem Südwind in den nächtlichen Sommerhimmel, meine Sieben Glückseligkeiten.

Seht nur, wie sie zauberleicht entschweben, jede Kugel ein Traum, eine Sehnsucht, eine verwunschene Träne. 279

 


 

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