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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zerlassen Menschen Fett ist got vor lahme Glieder,
So man sie damit schmiert, sie werden richtig wider.
So aus dem Menschen Hirn ein Wasser wird bereit,
Ein Skrüpel dessen hilfft und stillt das böse Leid.
Gepulvert Menschen Herz nehmt eine Drachme ein,
So wird die schwere Noth ihr Wüten lassen seyn.

Aus: Parnassus Medicinalis illustratus. Ein neues und dergestalt vormahln noch nie gesehenes Thier-, Kräuter- und Bergbuch. Vom Artzeneien Docktorn Johann Joachim Becher aus Speyer 1662.

Wer es wissen will: ich lebe im Rheinwald in einer alten Schilfhütte. Eine verlassene und vergessene Hütte, kein Mensch kümmert sich um ihr Vorhandensein, sie zerfällt und zerbröckelt, man kann Besitz von ihr ergreifen. Der Rheinwald ist meine Wildnis, vom ersten Augenblick an habe ich ihn geliebt, damals schon, als der Angler am Strom uns auf die Insel Floßgrün ruderte, Ursula und mich. Es war eine traumhafte Stunde.

Einmal lebte Ursula, setzt ist sie tot.

Ach, es müßte einen Trank geben, der alles Leid stillt, eine Wunderarznei, die alle Qualen tötet.

223 Ich dringe in das Gestade des Vergessens ein, die verschlossene Landschaft am Strom öffnet ihre Arme nach mir.

Ich sitze in einem schmalen Faltboot. Braune Wasserarme paddle ich entlang, niemand weiß, wohin diese Fahrt mich treibt. Ich bin müde, meine Glieder schmerzen, mein Kopf ist wirr, mein Herz ist krank.

Sumpfweiden und Schwarzerlen, Pappeln in der Ferne, Liguster und Schilfwälder, Lianen und Hainbuchen. Wo ist das Wundertränklein für mich bereitet?

Ein übersponnener Seitenarm, bronzefarbenes Wasser, eine blühende Wasserwiese.

Ein Tränklein, aus Blut und Tod, aus Menschenwitz und sechstausend Kräutern!

Ich glaube, es stirbt sich leicht hier, der Tod wird ein guter Kamerad. Wenn er aus dem Gewoge des Schilfes käme, ich würde ihm ohne Zittern in die Augen schauen. Mein Lieber, könnte ich zu ihm sagen, du bist mir nicht unbekannt, wenn du ein gutes Gedächtnis hast, wirst du wissen, daß ich schon einmal einen Knopf verschluckt habe, es ist lange her; mit einem lächerlichen Hornknopf wolltest du mich in dein Garn locken, ein abgeschmacktes Manöver, du hast schlechte Einfälle, alle Romantik ist von dir gewichen.

Dichter umgarnt mich die Wildnis der Altwasser, ich werde nicht mehr herausfinden, irgendwo werde ich geräuschlos ausgelöscht, ich versinke im braunen Wasserschlaf, Fische werden über mich hinwegstreichen, und seltsames Wassergetier, vielleicht, daß Enten und Wildgänse zu mir hinabtauchen und vor meinem schadenfrohen Antlitz erschrecken.

Jetzt schiebt sich das Gebüsch zusammen, durch Laichkraut wühle ich mich und Rispengras. Welche überreiche 224 Blütenpracht bei Sumpfweiderich und Herzgras, bei Iris und Wasserrosen.

Laßt euch von meinem schellenbehängten Schicksal erzählen. Ein Mensch fuhr auf einem geschenkten Motorrad hinaus, um die Welt zu erleben, Länder wollte er durchstreifen, schauen wollte er Wälder und Berge, Wiesen, Ströme und Seen. Die Welt war ihm nicht weit genug, mit einem Wort, er war auf großer Fahrt begriffen. Da entgleiste ein Güterzug und alles war vorbei. Eine junge Dame kam, und ihr Sinn stand nach einem Spielzeug, so ganz nebenbei, zum Zeitvertreib. Sie spielte ein wenig mit ihm und warf es in eine Ecke. Sie hatte etwas Wichtigeres vor, sie mußte Hochzeit feiern.

Wunderbare Zusammenhänge überall. Gott knüpft Fäden, er webt und spinnt, es ist seine sonntägliche Liebhaberei.

Menschen, Ereignisse, Konflikte von besonderer Art gehören zusammen von Anbeginn; sie treffen sich, sie prallen aufeinander, sie fließen zusammen wie Bäche in einen See. Gott knüpft Fäden, er ist erfindungsreich, ein Weber über den Wolken.

Es rauscht viel Schilf um meine Hütte, Baumwerk zaubert Dämmerung, ich höre unbekannte Tiere rufen. Baumleichen ragen aus dem Wasser, an den Ästen und Stämmen der Kopfweiden hängen strähniges Wurzelwerk und rauhes Gefaser. Der Teufelsbart geistert.

Ich dringe ins Innere der Wasserwälder vor, es ist möglich, daß ich mich auf einer Insel befinde, auf einem Eiland jenseits der Monde. Das Leben ruft zu mir herein, eine Schiffsirene heult; draußen wälzt sich der Strom vorüber, er trägt viele Schiffe, diese Schiffe rufen und tuten und brüllen, 225 denn sie wollen durch die Schiffbrücke. Der Tag dröhnt bis in meine Wildnisdämmerung.

So irre ich umher und dann betrete ich wieder meine Hütte, staunend und fast ergriffen von der Stille, die mich umgibt. Ein grober Holztisch und zwei Hocker. Eine Matratze mit Decken, ein rostiger Kanonenofen, eine alte Kiste mit einem Vorhängeschloß. An den Wänden abenteuerliches Gerät, Angeln, Flinten und Pistolen, verstaubte Entenfittiche, ein Rehgehörn. Holzkäfige, Pfannen, Schüsseln und Töpfe.

Einmal lebte Ursula, jetzt ist sie tot.

Ich setze mich an den Tisch und stütze den Kopf in beide Hände.

Bald werden Tiere aus Busch und Schilf kommen und mich mit den fremden Wunderaugen bestaunen. Ihre Scheu wird langsam weichen, sie werden zutraulich, ich wandle mich in ihre Formen und ihre Lebensweise, mir wächst ein Fell, meine Sinne werden ungeahnt geschärft, man muß gegen den Wind kommen, wenn man mich überraschen will, ich schnüre meinen Wechsel entlang, auf den Hecht gehe ich, auf den Karpfen, auf den Hasen, auf Fasan und Wildente.

Wie lange sitze ich hier am klobigen Tisch und habe den Kopf in die Hände gestützt? Jahrelang? Wächst mein Bart durch die Eichenplatte des Tisches, wo sind meine Raben? Es ist lange her, da sah ich einen Raben, sehr lange muß es her sein, Frau Karolas Raben.

Enten rufen und Haubentaucher, Bleßhühner und die beutesuchende Weihe.

Als ich Ursulas Mund küßte, verbrannte mein Leben.

Die Dämmerung bricht in den Rheinwald ein, der kleine Raum verhängt sich, er wird müde, die Augen wollen sich 226 schließen. Zwischen Erlengebüsch und Weidenstrunk sehe ich neblige Rauchschwaden ziehen. Gott spinnt seine Fäden, merkwürdige Leidenschaft, aus den Jahrmillionen heraufgewachsen. Uraltes Dasein – –

Ich schlafe. Ich träume. Manchmal, wenn Wind weht, höre ich den Strom.

Einmal nachmittags tritt der Angler in die Hütte. Da steht er und ist erstaunt, er hat mich hier nicht erwartet.

»Sie kennen mich doch noch?« sage ich. »Sie ruderten mich und eine junge Dame auf die Insel Floßgrün. Die Dame ist mittlerweile – – he he – – die Frau Ihres Sohnes geworden.«

»Willkommen in meiner Hütte«, sagt der Angler.

»Das ist Ihre Hütte?«

»Seit zwei Jahren. Ich habe sie einem Entenjäger abgekauft.«

»Welchem Entenjäger?«

»Hier hauste jahrelang ein Entenjäger, der den ziehenden Entenschwärmen auflauerte, sie mit Lockenten anköderte und abschoß. Diese Jagd ist jetzt verboten.«

Der Angler setzt sich auf den Stuhl, ich sitze auf der Matratze.

»Es war eine recht merkwürdige Art, damals mit der jungen Dame plötzlich im Auto zu verschwinden.«

»Das war es in der Tat. Stellen Sie sich diese Überraschung vor: Mein Sohn kommt aus Amerika zurück, fährt mit dem Auto nach Speyer, um mich zu besuchen, findet mich nicht zu Hause, fährt an den Rhein und – – na, Sie wissen ja.«

»Allerdings, ich bin vollkommen im Bilde.«

227 »Übrigens gut, daß ich Sie hier treffe, ein sonderbarer Zufall. Sie waren doch in Deidesheim bei Bastian Berghaus?«

»Ja, dort war ich.«

»Auch auf dem Polterabend sollen Sie gewesen sein?«

»Auch das, es war eine geisterhafte Sache.«

»Im Hause Berghaus nicht anders zu erwarten. Übrigens hält Berghaus große Stücke auf Sie.«

»Zu viel Ehre.«

»Sie wissen, er hat Pläne, große, weitgehende Pläne.«

»Ich weiß, es handelt sich um Raupen und Maden und Schnecken. Es sind Lebensaufgaben, man muß erst einmal darüber nachgedacht haben. Ich bewundere Herrn Bastian Berghaus, ein seltener Mensch. Sie waren nicht beim Polterabend, Herr Hagen?«

»Nein, aber bei der Hochzeit. Übrigens haben bestimmte Leute auf Sie gewartet, es sollte eine kleine Überraschung geben.«

»Was für eine Überraschung?«

»Ich darf hier nicht vorgreifen, um den Spaß nicht zu verderben.«

»Spaß?!«

»Ja, ein kleiner Spaß, eine lustige Sache. Nun, Sie werden bald wieder hinkommen, dann wird sich alles lösen.«

»Mein Sinn steht schlecht nach Späßen. Ich will über die Pläne des Herrn Berghaus nachdenken. Wie ist das mit dem Entenjäger?«

»Ein sonderbarer Mensch sind Sie, man muß sich wundern.«

»Nur eine kleine Hexerei. Ein Mann im Netz. Der Entenjäger –«

228 »Kommen Sie mit hinaus, ich will ein paar Fische putzen, die können wir uns dann am Feuer braten. Kommen Sie, dabei kann ich Ihnen die Geschichte kurz erklären.«

Draußen fällt der Abend zwischen die Stämme. Krähenschwärme ziehen, es ist eine schwermütige Stunde.

»Der Entenjäger hält sich eine Reihe mühsam abgerichteter Enten, die er an Schnüren im offenen Wasser anbindet. Er selbst sitzt in seiner Hütte und wartet, bis er die hellen Rufe wandernder Wildenten hört. Kein Klang liegt so klar in der Luft wie der Schrei ziehender Wildvögel.

In der Hütte sitzen in Holzkäfigen mehrere gezähmte Entenerpel. Sobald sich fremde Enten nähern, wirft der Jäger einige Erpel zum Fenster hinaus. Diese fliegen sofort schnarrend zu den angebundenen Lockenten, und sogleich erhebt sich ein plapperndes Geschnatter. Die einsamen Tiere oben in der Luft, fremde Sucher, streifende Kreaturen und Flüchtlinge des vereisten Nordens, hören den vertrauten Ruf, halten Ausschau und fallen froh beglückt bei den Lockenten ein. Vom schilfverdeckten Schießstand aus bringt der Jäger sie zur Strecke.«

»Das ist ein grausames Handwerk.«

»Kein Handwerk, eine Leidenschaft.«

Die Dämmerung ist tiefer geworden, aber noch liegt viel Licht am Himmel, denn es ist die Zeit der kurzen Nächte.

»Ich traf Sie beim Angeln in Rheinhausen, jetzt sind Sie hier, es sind große Entfernungen.«

»Ich bin überall, wo der Rheinwald ist. Mit meinem Boot befahre ich alle stillen Gewässer.«

»Der Rheinwald ist, wenn man so sagen darf, Ihre eigentliche Heimat?«

229 »Ich habe zuviel erlebt in diesen Wasserwäldern, als daß ich noch einmal frei von ihnen kommen könnte.«

»Sie erzählten uns schon damals von schweren Zeiten und bedeutsamen Taten. Ich weiß, wo sich Schicksale erfüllen, dort ist die Landschaft am stärksten.«

»Es gibt einen geschwätzigen Rhein und einen stillen Rhein. Der laute Rhein ist dort, wo die Burgen stehen und wo man die Lorelei singt, der stille Rhein ist hier in den Auwäldern, es ist kein Lärm um seine Zuflucht.«

»Der stille Rhein ist größer.«

»Eine tragische Landschaft. Ich will Ihnen sagen. was das Große an diesem Rheinwald ist: er ist eine unerhört verzweigte Lebensgemeinschaft für sich. Eine unsichtbare Mauer umgibt ihn seit vielen tausend Jahren. Eine Welt jenseits der fortschreitenden Kultur, eine Schicksalsgemeinschaft, immer wiederkehrend, kommend und gehend, lebend und sterbend, begnadet und verdammt aus sich selbst heraus, ein großartiges Symbol von Aufgang und Niedergang.«

»Sie sind Naturforscher?«

Er nickt. Stille um uns.

Jetzt ruft klar und schrill ein Reiher. Ein flüchtender Schatten streicht vorüber.

Der Angler geht in die Hütte zurück.

Ich schweife in die Dämmerung hinein, über mir ziehen die Rabenschwärme, Qualm aus Schiffsschornsteinen wolkt über das Baumgewirr.

Plötzlich bin ich am freien Strom, da treibt er dahin, es ist ein unbeschreiblicher Anblick voll Inbrunst und Feierlichkeit. Stromabwärts stellt der Aalfischer seinen Kutter in die 230 Strömung, langsam treibt der plumpe Koloß ins offene Wasser hinaus.

Nahe am Ufer gleitet ein beladener Kiesnachen vorüber, düsteres Gespenst im sinkenden Licht.

Ich sehe, wie sich eine Gestalt vom Ladebord löst und schattenhaft ins Wasser gleitet.

Die Gestalt müht sich, das Ufer zu erreichen.

Ich eile den Damm abwärts.

Eine Frau, ich helfe ihr aus dem Wasser.

Marlena.

Nässetriefend, die Haare wirr im Gesicht.

»Marlena!« sage ich. »Was tust du?«

Sie erkennt mich, sie schlägt die Augen zu mir auf, zwei Wundersterne im Dämmerlicht des Abends.

»Ich bin hier zu Hause«, sagt sie, »verrate mich nicht.«

»Hier zu Hause?! Zwischen Wasser und Urwald?«

»Nicht weit von hier, mein Vater ist Fischer, dort ist sein Kutter.«

»Warum bist du vom Schiff fort?«

»Ich bin davongelaufen, ich habe es dir doch neulich schon gesagt, daß ich davonlaufe. Laß mich jetzt gehen, mir ist unheimlich hier.«

»Du bleibst in der Hütte bis morgen, wohin willst du in der Nacht?«

»Nach Hause.«

»Aus diesem Irrgarten gibt es nachts keinen Weg, bleibe.«

»Mir ist so unheimlich, ich – ich bin müde – – ich bin so furchtbar müde. Laß mich, ich kann im Wald schlafen oder im Schilf.«

»Du mußt hierbleiben, Marlena.«

231 »Bist du allein in der Hütte?«

»Ich bin allein«, lüge ich.

Der Angler steht mitten im Raum, als wir die Hütte betreten. Auf der Herdplatte schmoren die Fische, eine armselige Lampe brennt.

»Ich habe sie im Wasser aufgefischt«, sage ich.

Marlena schaut den Angler an, sie führt angstvoll einen Finger zum Mund. Ihr Blick ist verstört, sie zittert erbärmlich, Wasser tropft an ihr herunter.

»Wer bist du denn?«

Sie schweigt, ihr Mund bebt, mit schlanken Fingern streicht sie die nassen Strähnen aus dem Gesicht.

»Sonderbar«, sagt der Angler und schüttelt wie in einer peinigenden Ungewißheit den Kopf, »du hast eine verteufelte Narbe an der Stirn. Geh zum Feuer und trockne deine Kleider.«

»Ja«, haucht Marlena und drückt sich scheu in eine Ecke.

Ich weiß mehr als alle, denke ich und fühle nach dem Strick, den ich in der Tasche trage. Ein kleines Ende vom Strick eines Erhängten, das bringt Glück. Da war eine Ohreneule, Marlena, in Frau Karolas Haus war eine Ohreneule, sie lebt nicht mehr, aber du mußt sie gut gekannt haben, ihr habt beide ein schlechtes Gewissen.

»Ich muß noch meinen Nachen aufs Trockene ziehen«, sagt der Angler und verläßt den Raum.

Ich sehe ihn einen schmalen Wildnispfad entlang zum Altwasser gehen. Ich stehe am offenen Fenster, das letzte Licht versinkt, schon schwirren Fledermäuse. Die Ohreneule ruft, ein Unhold aus Schattenbezirken. Ihre gefährlichen Lichter funkeln aus faulem Weidenstamm.

232 Zwischen Astgewirr und Blättergewoge brechen Sterne auf wie Wunderblüten.

Der Angler ist verschwunden.

Ich gehe in die dunkle Ecke, wo das Mädchen Marlena auf der Matratze liegt.

»Marlena!« rufe ich und rüttle sie, »was hast du auf dem Gewissen?«

Sie schaut mich an wie ein wildes Tier.

»Nichts, kümmere dich nicht um mich. Schau her, was ich habe.«

Sie nestelt die nasse Bluse auf, zieht ein kleines Beutelchen hervor und öffnet die Lederschlaufe.

»Schau hinein. Gold, reines Gold. Ich war schon bei den Goldwäschern.«

Wahrhaftig, in dem Beutelchen glänzt ein wenig feiner Goldstaub, es sind nur winzige Körnchen, aber es ist Gold.

»Viel Gold ist im Rhein, mußt du wissen. Man kann reich werden.«

Sie verbirgt das Beutelchen und knöpft die Bluse zu.

»Wenn du mich bestimmt nicht verrätst, dann will ich es dir schenken.«

Der Angler kommt am Fenster vorbei, ein Schatten vor der letzten Helle des Abends.

Er kommt und bereitet das Essen. Die Fische sind gebraten, wir sind versammelt beim Schein der kleinen Lampe.

Marlena ist in die Ecke zurückgeflüchtet. Dort sitzt sie und kaut Brot und gebratenen Fisch, ihre Kleider sind naß, sie riecht nach Teer und Herberge, sie ist ein armseliges Geschöpf, der Himmel sei ihr gnädig.

»Sie ist gekommen wie ein Wild«, sage ich, »vielleicht hat 233 sie schon in Höhlen übernachtet und in der Dschungel der Rheinwälder.«

Marlena kauert sich auf die Matratze, das Gesicht gräbt sie in die Hände, sie wird ganz still und dankbar, alle Gedanken fallen ab von ihr. Wie unheimlich, zu denken, daß ich einmal Stein, Papier und Schere mit ihr spielte.

Eine Weile herrscht Stille. Jetzt spricht Marlena im Schlaf, sie geht auf fremden Pfaden. Des Anglers Stimme:

»Sehen Sie, mein lieber Buchhändler, wenn wir jung sind, dann ist alles nur auf uns selbst gerichtet. Wir verzweifeln an einem kleinen Erlebnis. Später richtet sich unsere kümmerliche Philosophie mehr auf das Ganze, wir wachsen aus uns heraus und werden Teilhaber größeren Schicksals, unser Blick ist mehr auf das Weltbild gerichtet, wir schauen auf uns selbst herab, vor uns selber werden wir kleiner und kleiner. Wir staunen in den Spiegel hinein und sagen, seht welch ein Zwerg. Dort liegt dieses Mädchen, es ist dunkel zwischen uns, wir wissen nichts. Möglich, daß unsere Schicksale irgendwie verknüpft sind.«

Ich erschrecke.

»Was meinen Sie mit verknüpftem Schicksal? Ich verstehe nicht – –«

»Nichts meine ich, weil ich nichts weiß. Dem Unfaßbaren gegenüber sind wir alle Geschwister. Auch dieses Mädchen ist unsere Schwester.«

»Auch dieses Mädchen?«

Mit der flachen Hand fahre ich über meine Augen. Aus der dämmerigen Ecke, von dort, wo Marlena schläft, kommt eine Schildkröte hervorgekrochen, langsam, den Kopf neugierig vorgeschoben, strebt sie auf mich zu, ich höre das schlurfende 234 Geräusch ihrer faltigen Füße. Ist dieses Mädchen überhaupt noch da, hat sie sich am Ende in eine Schildkröte verwandelt? In dieser Umgebung sind alle Wandlungen möglich; wenn ich mich nicht irre, warf der Zauberer Aphrasterus in der Nähe seine verdächtigen Schätze und Gerätschaften in den Rhein. Nein, Marlena liegt im Schlaf wie in einem tiefen Brunnen. In bunten Träumen steigt sie wie auf Stelzen über den Bettel ihres Lebens.

»Herr Angler, wenn ich bitten darf, keine Zauberei! Genug von der Knodener Höhe. Ich bin nicht gerne in Gesellschaft von Schildkröten.«

»Das ist meine Schildkröte Noah. Sie haust hier seit Monaten und fühlt sich wohl. Frau Karola hat sie mir geschenkt.«

»Frau Karola? Nie in seinem Leben kann man diese Frau vergessen.«

Deutlich sehe ich Frau Karola, klar ersteht sie in der Kraft meiner Vorstellung. Einmal nahm sie meinen Kopf in beide Hände. Einmal sah ich sie auf einem Seil.

»Wissen Sie um ihre Vergangenheit?«

»Nein, ich habe an meiner eigenen Vergangenheit zu tragen.«

Wieder wird es still, nur das Feuer knistert. Ein feines Sausen schwingt durch das verrostete Ofenrohr. Weit draußen treibt das Leben vorüber.

Heute geht mein stillster Tag zur Neige, ich will diesen Tag nicht vergessen.

Wir bereiten das Lager, modrige Wolldecken hüllen uns ein. Die Lampe verlöscht.

Das Traumhafte schlägt die Augen auf. Über den Wiesen 235 singen jetzt die Gräser. Hier rauscht das Schilf, hier klingt die Melodie der Einsamkeit. So ist nun die Erde, denke ich. Der Wächter am Strom, aus dem Dunkel: »Nicht weit von hier ist Frankreich.«

Ich lausche ganz ins Herz der Finsternis hinein. Einmal ist mir, als hörte ich Marlena weinen. Tränen sind nie ganz ohne Laut. Auch das stillste Weinen hat noch eine schwingende Stimme. 236

 


 

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