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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lustige und humorvolle, romantische und verkauzte Weinbenennungen gibt es in Hülle und Fülle. Unter vielen anderen trinkt man in der Pfalz Pfaffenberger Finkenecke, Bitz und Bretz von Eschbach, Böchinger Rosenkranz, Zechpeter von Flemlingen, Mandelacker und Immengarten, Fischlinger Hutschnur, Gimmeldinger Meerspinne und Mußbacher Papst, Ruppertsberger Goldschmied und Gutgeistel, Deidesheimer Mäushöhle und Forster Ungeheuer, Kallstadter Saumagen, Freinsheimer Musikantenbuckel, Dirmsteiner Affenberg und Zeller Schwarzer Herrgott.


Die Schiffschaukel ist schuld, ich bin schwindelig geworden, warum auch muß ich bis zur Deckenleinwand schaukeln, muß ich alles übertreiben; zuletzt stürze ich noch ab. Die ganze Menschheit weiß, daß mir das Pech in die Wiege gelegt wurde.

Pech.

Pechschwarzer Rabe.

Hört endlich auf mit dem Orgeln, mit dem Dudeln, der Jahrmarkt ist zu Ende, ich muß an die Arbeit denken, meine Bücher muß ich verkaufen. Wenn jemand Liebhaber ist für Jean Pauls gesammelte Werke – – –

Noch eine einzige Schaukelfahrt, man muß den ambulanten Stand unterstützen.

»Bist du unter die Wurstmarktsorgler geraten?«

Ich schwinge weiter das Orgelrad, Platz nehmen zu einer Fahrt bis zur Deckenleinwand, Geld her, Geld.

»Didelum dittel dittel dong
zocke zurre dolla zicke dittel – –«

192 »Du hast's im Griff, wie der Bettelmann die Laus.«

»Zocke zurre dittel dottel
dolle – – –«

»Hör auf, du jagst mich zu den Kellerasseln. Komm her ans Faß.

»Radieschen, ein Rabe. Ein Dritter ist in unserer erlauchten Gesellschaft, ein Gefiederter, ein mittelmäßiger Sänger, eine Schnabelgeburt – – dort, auf dem Faß!«

»Max«, ruft das Radieschen, »wie kommst du denn in den Keller? So ein Strolch.«

Der Rabe kommt herbeigeflogen, er sitzt auf unserm Tisch, er gebärdet sich aufdringlich und naseweis.

»Frau Karolas Rabe«, sagt der Kellermeister.

Ich sitze wieder auf dem Faß, die Welt ist wie ein Karussell. Der Rabe ist herbeigehüpft. Er neigt den Kopf schief und äugt mich an. Er hackt nach den Knöpfen am Rockärmel.

»Gut, daß du keinen Hut auf dem Kopfe hast, Buchhändler, du müßtest ihn abnehmen und dich verneigen vor diesem Tropfen wie vor des Kaisers Thronsessel.«

»Du bist – – ein Komödiant, man sieht es dir nicht an. Fort mit dir auf die Wanderschmiere!«

»Haha, getroffen. Ich war schon Komödiant, jawohl; einmal habe ich mitgespielt bei einem Festspiel in Neustadt. Und weißt du, wer ich war? Du weißt es nicht, ich will es dir in beide Ohren flüstern: Der Ritter Boos von Waldeck, kennst du ihn?«

»Wo – wohnt er?«

»Ho hoo, ist längst vermodert. Paß auf, hör zu, hab' Andacht, wenn ich vor die Rampe trete! Er war ein Held und 193 Raufbold aus der Ritterzeit. Achtung, mein Stichwort kommt!«

Er nimmt den Krug und macht einige wankende Schritte; vom Schein der Funzel ist er dünn beleuchtet. Der Rabe zittert mit den Flügeln, sperrt den Schnabel auf und sagt etwas. Es müßte jemand hier sein, der die Rabensprache versteht.

»Ich, Ritter Boos von Waldeck, war zu Gast geladen auf Rheingrafenstein. Da hab' ich einen Trunk getan, der seinesgleichen sucht. Solange die Erde steht, wird ihn kein zweiter tun. Da waren viele Ritter mal versammelt zu einem heiteren Zechgelage. Glaubt mir, sie haben trinken können wie die dicksten Schwämme. In Strömen floß das Blut, mit Müh' nur ward die wilde Lust gebändigt. In vorgerückter Stunde erhob sich der Burggraf von Rheingrafenstein und sprach: Ihr Herren Ritter, es geschah, daß einer aus dem Hessenland ein Paar Reiterstiefel bei mir stehenließ. Hier stell ich einen solchen Stiefel auf den Tisch. Schaut euch das Monstrum an, es ist gefüllt mit goldenem Rieslingblut. Wer diesen ledernen Riesenhumpen allsogleich in einem Zuge leert, ihm schenke ich Dorf Hüffelsheim, bei meinem ritterlichen Ehrenwort. Ha ha haaa, es schwieg die ganze Runde und keiner aus der wilden Schar, nein, keiner fand den Mut, den ungeheuren Strauß zu wagen. Da trat ich vor mit festem Schritt. Den wohlgefüllten Stiefel packt ich kühn und fest. Noch einmal holt ich mächtig Luft und setzt ihn herzhaft an. Ich trank und sog, und sog und trank, als wollt ich einen Ozean aufs Trockne legen. Ich leert ihn bis zur Ledersohle, kein Tropfen blieb in seinem feuchten Schlund. Ich warf ihn übern Tisch und rief: Dorf Hüffelsheim mein Eigen! Herr Burggraf, gebt den zweiten Stiefel her, das zweite Dorf!! Ho hoo, da konntet ihr Gesichter sehen, die waren 194 lang wie Regentage. Nie hat ein anderer solche Wette überboten!«

»Ein Schmierenheld, bei Gott, du riechst nach Schminke und Kulissen. Geh in ein Kloster, Ophelia!«

Nein, er geht nicht ins Kloster, mit beiden Händen, wie ein heiliges Gefäß hat er den Krug gefaßt, ich warte, daß ein überirdischer Schein durch das Gewölbe bricht, daß ein himmlisches Glänzen sein dünnes Haupthaar überstrahlt.

»Kraaa – Max – – rrauss!«

Flatteratattera, der Rabe sitzt auf meinem Kopf. Herunter mit dir! Schwarzer Schwingenschlag.

Er kommt nahe an mich heran, sein Mund ist wulstig vorgeschoben, den Krug hält er mir hin wie einen Gral und läßt mich hineinschauen. Welch ein Komödiant in diesem Koloß, hört nur, er redet wieder pfälzisch, er hat umgeschaltet, der Schmierenritter verläßt die weinselige Behausung. Langsam und feierlich hebt er den Gral zum Mund. Es ist maßlos still im Gewölbe, alle andern Weine halten den Atem an.

Saßen wir nicht heute in diesem Weinberge, Ursula und ich? Sieben Glückseligkeiten. Gespenstisches Schattenspiel.

Schon halte ich den Krug in beiden Händen, ein süßer Wahn überfällt mich, aus dem Gold des Weines steigt der Himmel auf, sein Duft windet sich wie Rauch um meine Sinne. Ich spreche es in die schillernde Dämmerung hinab, in den Schlund der Verheißung, in die Zauberhöhle mit dem Schatz des Lebens.

»Die sieben Glückseligkeiten, ich berge sie in meiner eigenen Brust, ich will sie flüsternd nennen: dein Mund und deine beiden Augen, deine Stirn und dein dunkles Haar, deine 195 Jugend und dein Herz und zuletzt noch deine Lüge, Ursula! Ur – su – la!« Ich trinke, lange trinke ich – – –

Plötzlich krächzt der Rabe auf und schlägt wild mit den Flügeln. »Kraa ––« rnft er, »kraa – – rraa!«

Ich sehe den Kellermeister taumeln. Er wankt nach rückwärts, Schreck malt sich in seinem Gesicht.

»Kraaa – – raa.«

»Fräulein Ursula!« höre ich das Radieschen sagen.

Ich wende mich um, ich starre in die Dämmerung, eine Flammengarbe umgibt mich.

Der Krug entfällt meinen Händen und zerschellt klirrend auf dem Boden.

»Zuletzt noch deine Lüge!« stammle ich in die Flammen hinein.

Vor mir im Schatten des Gewölbes steht Ursula. Eine schmale Lichtstraße führt über ihre Gestalt.

Raum ohne Brücke zwischen mir und ihr. Eine gläserne Wand.

»Ursula«, stammle ich und weiß nichts zu sagen.

»Was machen Sie hier?«

Ihre Stimme klingt streng und kalt, merkwürdig verwandelt erscheint sie mir, sie ist böse auf mich.

»Wer sind Sie eigentlich, daß Sie mir immer in den Weg treten? Wie kommen Sie – –?«

»In den Weg treten, sagst du? Ursula – hat mich der Wein so entstellt – – du kennst mich doch, du weißt – –«

»Ich kenne Sie, natürlich sind Sie mir bekannt. Aber in diesem Zustand kenne ich Sie nicht. Ich bitte mir höflichst aus, daß Sie an unsere flüchtige Bekanntschaft nicht irgendwelche Folgerungen knüpfen.«

196 »Flüchtige Bekanntschaft?«

Ein Ring an ihrer Hand. Ein Schildkrötenring.

»Ursula – – dieser – – Ring – –!«

»Sie sind betrunken. Gehen Sie fort, gehen Sie!!«

»Rrraus – – Kraa – – rraus!«

Der Rabe duckt sich, spreizt die Flügel und stößt mit dem Schnabel vor. Er fliegt auf Ursulas Schulter, dort hockt er, boshaft und übellaunig, und plustert das Gefieder auf.

»Betrunken?« hauche ich und bin von Sinnen, »ich habe von den – – sieben Glückseligkeiten – –«

»Sie sind mir peinlich in diesem Zustand.«

Eine zweite Gestalt wächst aus der schwarzen Hölle und tritt an Ursulas Seite. Ich kenne den Menschen, wo habe ich ihn gesehen? Ich jage eine Gedankenstraße zurück, mein Sinn ist wirr, ich bin wirklich furchtbar betrunken, vielleicht ist das alles nur Wahn, Spiegelfechterei, schwarze Kunst aus unterirdischen Weinkellern. Mein Pech ist Zauberdunst. Jetzt weiß ich es: jener Herr im taubenblauen Wagen steht vor mir. Ströme jagen durch mein Denken, Blitze hellen auf, beleuchten mit erbärmlich greller Aufdringlichkeit die Ungewißheit. Mein Hirn ist klar wie ein Kristall in dieser Sekunde.

Der Herr im taubenblauen Wagen. Wolf Hagen, der Sohn des Anglers. Die Dame mit dem dichten Autoschleier, einen Schildkrötenring an der Hand, war Ursula. Komödiantin, Theater, Kulisse, Schminke, Betrug.

»Der Ring, Ursula, der Schildkrötenring! Ich weiß alles. keine Aufklärung bitte. Bleiben Sie hier, meine Herrschaften, wenden Sie sich nicht ab von mir. Ich will Sie nicht belästigen.«

197 Sie wenden sich und gehen, das Dunkel fließt über ihre Gestalten, sie wollen vor mir zerrinnen.

»Ich weiß alles. Wenn du bei mir warst, dann hast du den Ring vom Finger genommen, um deine Komödiantenseele nicht zu verraten. Du hast ein erbärmliches Spiel mit mir getrieben. Oh, über eure verbettelte Schwarzkunst.«

Ich will etwas hinausschreien, aber die beiden sind verschwunden, die Höhle vor mir hat sie verschluckt. Ich höre dumpfe Schritte, von Gewölben widerhallend.

»Kellermeister, Radieschen, auf ein Wort, wer waren die beiden? Ein Hexenstrumpf und ein Mann namens Rettig, habe ich recht?«

»Fräulein Ursula.«

»Fräulein Ursula, die Sängerin?«

»Wer sonst?«

»Und der andere?«

»Wolf Hagen, ihr Bräutigam.«

»Bräutigam? Abgeschmacktes Wort! Ist er nicht schuld am Tod ihres Vaters, hee?!«

»Die Sieben Glückseligkeiten haben dich um den Verstand gebracht. Morgen ist Polterabend, halte dich bereit!«

»Rede pfälzisch, Radieschen, rede pfälzisch. Bräutigam, der Teufel fresse dieses Wort. Er ist der Dichter, habe ich recht? Er hat wohl gar das Buch geschrieben, den miserablen Roman einer falschen Komödiantenseele?«

»Natürlich, Buchhändler.«

»Ein großartiger Schwindel, ein Hokuspokus, Menschen mit Lügenseelen, Gott schütze mich vor ihnen; ich verlache sie, hahahaha, hörst du, wie furchtbar ich sie verlache – – haha ha – lache mit mir, Radieschen, lache, daß die Mauern 198 wackeln – – alle Fässer sollen mitlachen, aus ihren Bäuchen soll das Lachen dröhnen, lache doch, Radieschen, haha – haha – hoho –«

Ich taumle, ich sinke nieder, irgendwo halte ich mich noch an einem Faß. Da liege ich, Gelächter über mir.

»Knäblein, habe ich dir nicht gesagt, vor dem Letzten sinkst du in die Knie?«

Er richtet mich auf, ich stehe staunend und schaue mich um. Was ist denn geschehen mit mir, warum umgibt mich diese Wirrnis und Wildnis? Wo ist übrigens der Rabe, darf man fragen, wo der Rabe hingekommen ist?

»Hier war ein Rabe, ein Vogel mit Federn, er rief abgeschmacktes Zeug, wo ist dieses Tier?«

Das Radieschen führt mich aus dem Keller.

»Polterabend, hast du nicht Polterabend gesagt?«

»Wird ein großer Mummenschanz, Buchhändler.«

»Mich gelüstet's niederträchtig, dabei zu sein. Eine lasterhafte Geschichte. Ich habe einen Einfall, Radieschen, rede nicht von einem alten Backofen. Ich will – – he he – – ins Vogelhaus und als Vogel, als Tippler, den Polterabend mitmachen. Die Herrschaften werden mich nicht erkennen. Verschaffe mir einen jener Leinenanzüge, wie sie Karolas Vögel tragen. Eine Flasche Gehöröl für einen solchen Anzug.«

»Den kann ich dir wohl leihweise verschaffen. Vergiß nicht, daß du betrunken bist.«

»Du auch, denn du redest hochdeutsch. Einen Leinenanzug, Radieschen. Jetzt stehen – – Gassen – und Häuser auf – dem Kopf.«

»Geh schlafen, Buchhändler.«

199 »Besser noch, als ein Leinenanzug, wäre der Finger eines ungetauften Kindes. Unsichtbar könnte ich sein. Hooo, was für Möglichkeiten. Gute Nacht, Radieschen.«

Ich stehe allein in der Sommernacht.

Möglich, daß ich mich schlecht benommen habe. Was verstehe ich übrigens von Schnecken? »Herr Berghaus«, hätte ich vielleicht sagen sollen, »wenn Sie zufällig ein rohes Ei in der Tasche haben, bitte ich um die Ehre, es in meiner Faust hartkochen zu dürfen.« Marlena, schwimmend im Strom, ein Zauberschiff.

Ich gehe nicht in mein Zimmer hinauf, denn ich habe keine Lust, mich ins Bett zu legen. Was soll ich beginnen in meinem Bett, in einem Holzgestell, das in allen Fugen stöhnt und kracht und vollgestopft ist mit Federwerk und Decken. Soll ich mich in diese elende Kiste legen und die Wände anstarren und warten, bis der Tag durch die alten Gardinen schleicht? Es ist noch nicht spät, noch sind die Straßen und Gassen wach, es ist eine zauberische Beleuchtung an den Häuserfronten. Man soll nicht glauben, daß mir das Herz blutet wegen dieses kleinen Komödienspieles, ich bin stark genug, mich darüber hinwegzusetzen. Dieser quälende Schmerz hier in meiner Brust, er hat irgendeine andere Ursache, vielleicht habe ich zuviel Wein getrunken, vielleicht ist es eine vorübergehende Krankheit, mein Großvater war auch nicht stark am Herzen. Es wäre rein zum Lachen, wenn eine solche Episode, eine Bagatelle geradezu, einem jungen Kerl wie mir das Herz in Unordnung bringen könnte. Ich will das nur sagen, auf daß man keine falschen Vorstellungen hat und sich gar einbildet, das gnädige Fräulein mit dem überspannten Schildkrötenring könne mich schwermütig machen.

200 Meine selige und unselige Trunkenheit ist verflogen, ich steige rüstig und mit klarem Kopf bergan. Schon bin ich mitten in den Weinbergen, ihr Laub umgibt mich, ihr krauses und knorriges Astwerk schlingt ein Gewirr von Netzen um meine schreitende Gestalt. Nicht weit über mir atmet die Säulenhalle der Wälder.

Es hat sich in meinem Leben nicht oft ereignet, daß ich betrunken war. Heute nun, da dieser Zustand sich durch die Schuld des Gehöröles und der Sieben Glückseligkeiten einstellte, mußte ich das Pech haben, daß Ursula dazu kam. Sie mag keinen Betrunkenen, gut, das ist ihre persönliche Angelegenheit, meinetwegen. Sie mag keinen betrunkenen Menschen, ebenso wie ich keinen Menschen mag, der mit andern sein herzloses Spiel treibt.

Ewig liegt das Rauschen in den Wäldern. Auch wenn es ganz windstill ist, raunt und saust und plaudert es zwischen den Stämmen.

Da sitze ich am Weg, der Wald ist nahe, die Erde dampft mir entgegen. Eine warme Nacht, von Sternen überwölbt, eine ruhige, stille Nacht, satt in ihrem Duft und in ihrer Süße.

Die Weinberge blühen.

Ich lege mich zwischen aufgeworfene Schollen, die Erde schaukelt und bewegt sich. Ich und die Erde, wir drehen uns jetzt um die Sonne, wir haben es gut vor, wir zwei, es ist eine abenteuerliche Kreiselfahrt.

Ich muß ganz still vor mich hinweinen, weil wir jetzt so dahinsegeln und durch den Raum wirbeln, die Erde und ich, weil diese Reise so lustig ist und doch so gespenstisch. Es ist kein schmerzvolles Weinen, es ist gewiß nicht Ursulas wegen, nein, 201 meine Tränen rinnen still in die Nacht, in den Duft der Rebenblüten und in das nächtliche Geplauder der Wälder.

Wenn bei Nacht Tränen in ein offenes Grab rinnen – – doch ich bin nicht abergläubisch. Nie war ich abergläubisch, wenn jetzt eine Hebamme daherkäme, ich würde getrost mit ihr schnupfen, einmal, zweimal von mir aus, wer wird abergläubisch sein!

Nachtfalter schwirren, ich höre deutlich ihre rasenden Flügelschläge, es mögen Taubenschwänze sein oder Ligusterschwärmer. Am Ende könnte ich sie alle anlocken mit meinen Rosen aus Schiras, sie würden in Schwärmen kommen, ein Geschwirr und Gestöber wäre um mich, meinen Segen über Ursula.

Was würde wohl meine Mutter sagen, wenn sie mich hier liegen sähe, zwischen den blühenden Rebstöcken, Bruder der Pflanzen und Freund den beflügelten Schwärmern?! Mutter, da liegt dein törichter Sohn, schilt nicht auf den Weinbergvagabunden, lächle über seine Narrheit. Mutter, nicht weit von hier, in einem schönen Haus, schläft Ursula. Kennst du Ursula? Es hat nichts auf sich, denke dir, sie bildet sich ein, sie könne mir das Herz brechen. Da kennt sie mich schlecht, keine Spur von Menschenkenntnis besitzt diese Dame mit den braunen Augen und dem gescheitelten Wunderhaar.

Wer stolpert jetzt den alten Wingertweg herauf, wer ist noch wach in der Nacht und hat wirre Pläne im Kopf?

Ein Mensch kommt daher, sein Atem stößt in die schwingende Stille. Ich richte mich auf, der Mensch steht mir gegenüber, wir starren uns an.

»Freund«, sage ich, »dich kenne ich doch, du bist aus dem Vogelhaus? Hast du dich nicht den letzten Tippler genannt?«

202 »Ich gehe auf und davon, ich halte es nicht mehr aus im Vogelhaus.«

»Wirst du schlecht behandelt, mußt du schuften, hungern?«

»Nichts, im Gegenteil, mir geht es viel zu gut. Immer Essen, Trinken und trockene Kleider am Leib. Und nachts ein Bett. Ich sterbe, wenn ich bleiben muß, das sitzt mir hier auf der Brust, ich haue in den Sack. Verpetze mich nicht, sonst sind die Blechköppe noch hinter mir her. Ich habe keine Fleppe, verstehst du mich? Warum treibst du dich in der Nacht herum, hast du's mit dem böhmischen Zirkel?«

»Ich weiß das selbst nicht, frage nicht. Warum bist du der letzte Tippler?«

»Das Ende der Fahrer ist nicht mehr fern, sie sterben aus wie seltene Tiere. Paß mal auf, neulich kommt ein Kunde an, ein Apostelklopfer, und erzählt Räubergeschichten von seinen Fahrten. Meinst du vielleicht, der ist noch ehrlich auf seinen verbogenen Trittlingen durch die Welt getippelt, glaubst du, der hat noch anständig platt gemacht? Scheibenhonig, der ist nur noch mit der Rutsch gefahren, mit Fernlastwagen ist er gereist, auf Schiffen und weiß der Teufel, wie. Vom halben Erdball hat er mir erzählt, aber noch keine zwanzig Meilen auf den Latschen, alles geschnorrt, die Pest über ihn. Nennt mich altmodisch, so ein Pachulke, weil ich noch ein alter Kornhase bin. ›Du bist der letzte Tippler‹, kotzt er mir ins Gesicht. ›Wir Modernen tippeln mit Expreß, mit Auto und Dampfer und wenn's drauf ankommt, mit dem Flugzeug, ohne Schotter und Asche.‹ Ans Rabenholz mit ihm! Ich gehe, hörst du, verpfeife mich nicht. Ich schlafe im Wald, ich putze Klinken, ich krepiere an der Landstraße. Einerlei, nur fort. Also mit Gunst und gut Gelage!«

203 Er macht sich davon.

»Hör mal, auf ein Wort: hast du nichts gelernt, bist du – –?«

»Ein Krummholz bin ich.«

»Krummholz?«

»Na ja, ein Stellmacher.«

»Ach so. Und wer ist schuld, daß du vor die Hunde bist?«

»Eine Frau, du Narr. Sie hat mich an der Nase herumgeführt, das hat mich rabiat gemacht. Gottes Fluch über die Maschke!«

Er verschwindet in der schwarzen Höhle. Lange noch höre ich seine stolpernden Schritte.

Der letzte Tippler. Wieviel Narrheit in wenigen Stunden. Ich lege mich jetzt auf den Rücken. Die Hände unterm Kopf liege ich da, aus Millionen Poren und Zellen und wollüstigen Keimen strömt der Rausch gebärenden Lebens, die Zauberkelche der Nacht sind offen, alle Sterne regnen auf mich nieder. Noch glänzt das vernebelte und versponnene Geleucht ferner Häuser und Siedlungen.

Bunte Falter sind meine Gedanken. Sie flügeln dahin, ein traumhaftes Gestöber. 204

 


 

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