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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Man muß nicht alles glauben, was man hört und sieht. Unmöglich kann jemand ein rohes Ei in der Faust hart kochen, das wird natürlich eine Spiegelfechterei sein. Wahr ist aber, was man von jenem Abt von Disibodenberg erzählt. Er trank wie ein Kanal und zwackte den Bauern die Steuern ab. Da rotteten sie sich zusammen, überfielen ihn und steckten ihn in das größte Faß mit Wein, auf daß er dort ersaufe. Später kamen die Ritter und vertrieben die Bauern. Sie gingen in den Keller, um den Leichnam aus dem Faß zu ziehen, da vernahmen sie im Faß ein wildes Rumoren. Als sie öffneten, war das Faß leer, der Abt hatte es bis auf den letzten Tropfen durch die Gurgel gejagt, lag auf dem Faßboden und schnarchte. Diese Geschichte ist wahr, kein Mensch aber glaubt an die Räubergeschichte mit dem rohen Ei.

Es ist Feierabend, nun gehe ich in Karolas Vogelhaus. Durch das breite Tor trete ich in den Innenhof des Anwesens. Ein großes Gut, muß ich sagen, das sieht man auf den ersten Blick. Rechts das stattliche Herrschaftsgebäude, von Weinreben umrankt, die Front im Winkel nach der 138 Straßenseite gekehrt. Links Stallungen, Schuppen, Scheunen und Lagerräume.

Fässer und Bütten, eine gewaltige Kelteranlage, Weinpumpen und Schläuche, Flaschen und Kisten, es muß toll hergehen in solch einem gärenden, weinsummenden Gehöft, der Duft des Rebenblutes steigt aus allen Kelleröffnungen, der Wein regiert in diesen Bezirken. Und überall, wo Wein wächst, geschehen sonderbare Dinge.

Als ich so zaghaft über den gepflasterten Hof trete, muß ich an Ursula denken. Welch eine Vermessenheit von mir, hier einzudringen, welch ein Wagnis, mich in eine Welt zu wagen, wo sie lebt und atmet, und wo sie mir in jeder Sekunde gegenübertreten kann.

Durch ein kleineres Tor komme ich in einen zweiten Hof. Hier erkenne ich die alte Stadtmauer, es blüht und duftet allerorten, ein Meer von Blumen und Blüten sproßt und treibt in Gärten, an Mauern und Zäunen, kaum sind so viel blühendes Leben, so viel Glück und so viel Schmerzlosigkeit zu ertragen. Mit einem Male stehe ich vor einem großen Käfig, der vom Boden etwa zwei Meter aufsteigt und einige Meter lang ist. Im Käfig wächst eine Hecke, auf der sich mancherlei Vögel emsig tummeln. Wirklich eine bunt gemischte Gesellschaft gefiederter Lebewesen, Finken und Meisen, Drosseln und Schwarzblättchen; dazwischen eine Krähe, aus klugen Augen neugierig schauend. Eine chinesische Nachtigall.

Ein lärmendes Vogelhaus, erfüllt von einem nimmermüden Zwitschern, Trillern und Flöten.

Ich bleibe sinnend vor diesem Vogelhaus stehen, ich weiß nicht, warum ich nachdenklich werde mitten in diesem vielstimmigen Jubilieren. Beim näheren Hinschauen bemerke ich, 139 daß einige Vögel still auf ihren Zweigen sitzen, sie machen einen müden und vergrämten Eindruck; ihr Sinn steht nicht nach Gesang, sie scheinen mir traurig und elend. Ihr buntes Gefieder ist aufgeplustert und hat an Glanz verloren, sie sind weiß Gott nicht in guter Laune.

»An den Käfig muß man sich erst gewöhnen«, höre ich hinter mir eine Stimme. »Immer Drahtmaschen vor den Augen. Flattern, aber nicht fliegen.«

Ich wende mich um, da steht ein Mann im Leinenanzug. Er hat beide Hände in den Taschen und ist ein wenig in sich selbst zusammengekrümmt. Der Mann ist alt, sein Gesicht ist faltig und zerfurcht, auf dem Kopf wuchern nur noch wenige dünne Haare; diese Haare glänzen silberweiß im Licht. Die Augen sind trübe und entzündet, blicken mich aber mit einer durchdringenden Schärfe an. Alles in allem ein unheimlicher Mensch.

»Futter und Wasser und beste Gesellschaft vorhanden«, fährt der Mann fort, »und doch nicht immer nach Vogelart. Habe ich gelogen? Kommst du ins Vogelhaus?«

»Ja, ich komme ins Vogelhaus, wo ist es denn?«

Der Mann, zuerst auf den lärmerfüllten Käfig, dann auf ein niederes Gebäude an der alten Mauer deutend: »Hier, mein Herr, und dort. Ohne Schlummerkies die beste Bleibe, besser als jede Zuckerbüchse. Das Ende aller Speckjäger, höhöhö!«

Der Mann hat ein merkwürdiges Lachen, er ist wohl nicht richtig beisammen, offenbar leidet er unter einer kleinen Störung. Ich wette, er ist Mitglied des Vogelhauses.

»Wer bist du?«

»Eine alte Sumpfeule. Ein kranker Ohrenuhu.«

140 Leise durch die Zähne zischend, greift er mich beim Rockärmel und zieht mich nach dem Käfig; mit dem ausgestreckten Finger auf einen Vogel deutend, sagt er:

»Siehst du den dort? Das bin ich. Der und ich, wir gehören zusammen.«

Abseits sitzt ein bunter ausländischer Fink auf einem Ast; still sitzt er da und verelendet, umlärmt vom abendlichen Gesang. Er rührt sich nicht, er ist zu einer flaumigen Kugel aufgeblasen, manchmal zucken die Lider über die schwarzen Perlenaugen.

»Der macht nicht mehr lange mit. Komm herein jetzt, komm nur, es geht lustig zu in unserer Klappe. Du scheinst mir ein Honorist.«

Der Mensch bedrückt mich, ich bin froh, wenn ich ihn nicht mehr sehe, denn er bringt Verstimmung und unheimliche Gefühle. Fort mit der Ohreneule.

Ich schaue mich um und sehe Haus und Ställe und Keller, die Dämmerung lagert über dem Gutshof. Wie komme ich in diese Umgebung, ich bin ein Mann im Netz.

Die Tür des niederen Hauses öffnet sich, heraus kommt Gulli, der Riese.

Heraus kommt hinter ihm der Elwetritsch, und jetzt hebt im Käfig ein Lärmen und Tosen und Umherfliegen an, als ob ein Unwetter unter die Gefiederten gefahren wäre.

Ein Schauspiel ohnegleichen ersteht vor meinen staunenden Augen. Während Gulli auf mich zukommt, öffnet der kleine Elwetritsch die Drahttür und schlüpft in den Vogelkäfig hinein.

Fliegend und flatternd, schwirrend und hüpfend stürmen die Vögel auf ihn zu und umtoben ihn wie ein buntschillerndes 141 Gestöber. Auf seinem Kopf sitzen sie, auf seinen Schultern und Armen, an der Brust krallen sie sich fest und auf den Händen, es ist ein unbeschreiblicher Aufruhr unter sie gefahren, sie scheinen besessen vor Freude und Glückseligkeit. Wahrhaftig, dieser Mensch ist der geliebte Bruder aller Tiere.

Da steht er mitten im Käfig, klein, mit rundlichem Gesicht und rötlichem Haar. Da steht er in einer Vogelwolke, schmunzelt und schwitzt. Perlen stehen auf seiner Stirn, das Gesicht glänzt von ausbrechendem Schweiß, o über diesen Sonderling der Welt.

Gulli zerrt mich durch die Tür in das Gebäude hinein, wir kommen in eine große Stube, wo die Hölle lodert.

Da sind ein Dutzend aufgeräumte Brüder beisammen, es geht hoch her in diesem Gesinderaum, in dieser einzigartigen Vogelstube. Der Salto muß wohl gerade eine tolle Geschichte erzählt haben, denn sie sind in wildem Gelächter begriffen.

»Ein neuer Taschenkrebs, was?« ruft mir einer zu, »bist du auf dem Drallewatsch gekommen?«

»Den kenne ich doch«, sagt der Salto und kommt auf mich zu. »Warst du nicht heute morgen in der Bettlade?«

»Doch, dort war ich, weil ich meine Mitmenschen für mein Leben gerne auf den Händen laufen sehe.«

Die Vögel umdrängen mich jetzt, dicht schieben sie sich heran, die ehemaligen Kornhasen und Klinkenputzer, eine rechte bunte Kollektion, muß ich sagen.

»Du bist doch kein Kunde«, sagt einer und packt mich lachend bei den Schultern. »Du willst hier wohl die Menagerie besuchen? Mensch, Eintritt ein Krug vom vorjährigen Saft.«

»Den will ich gerne spendieren.«

142 »Kanker, hast du's vernommen? Der Herr gibt einen Vorjährigen aus.«

Kanker ist ein junger Kerl, dürr, daß er brennt, ein verhungertes Bürschlein. Er nimmt den großen Tonkrug und streckt die Hand aus.

»Kies, wenn ich so frei sein darf.«

Der Riese schiebt sich monumental zur Tür herein, gebückt kriecht er durch die Öffnung wie durch eine Höhle.

»Was sagst du zu dem Pachulke?« Der Salto lacht mich an und deutet auf Gulli. »Wenn er eine Braut hätte, sie müßte mit der Leiter zu ihm kommen.«

Gulli ist in bester Laune, er hat sein ganzes Elend vergessen, wie ein Turm ragt er über die Brandung hinaus.

»Hab' ich euch nicht einen sauberen Gast gebracht?«

Ein Männlein mit O-Beinen wackelt heran, sein Mund ist eingefallen, fast ohne Lippen, die Nase will aufs Kinn stürzen.

»Bist am Ende ein verkappter Fußlatscher, August ohne Latte?«

»Quatsch«, ruft Gulli, »er ist gekommen, um uns zu studieren, hab' ich recht? Ihn interessieren unsere Schicksale. Komm, schau dir diesen an, er ist der letzte Tippler.«

»Oha, ein Romanschreiber, ein Geschichtenschwindler. Kannst du 'ne anständige Schere machen?«

Ich lache ihn an. »Nein, aber Stein, Schere und Papier kann ich.«

»Das sehe ich dir an«, meint der letzte Tippler, »daß du noch keine gebrannten Mandeln unter den Trittlingen gehabt hast. Geschichten, was? Ich könnte dir vielleicht was erzählen, mein Leben ist ein ganzer Roman.«

143 Der Kanker bringt den Wein, Herr meines Lebens, ist das ein Riesenkrug. Er knallt ihn auf den Tisch, zehn Liter faßt dies Behältnis.

»Her mit dem Rachenputzer!« Gulli greift zum Krug, er setzt an, sein knolliger Adamsapfel hüpft auf und nieder.

»Aussteigen«, brüllt das O-Bein und reißt ihm den Krug vom Mund.

Da kommt ja auch der Elwetritsch herein, langsam und vorsichtig, wie ein scheues Tier, das in eine freie Lichtung tritt.

»Salto, wir müssen dem noblen Honoristen eine Galavorstellung geben.« Gulli packt den Kanker vorn an der Krawatte, Rock und Hemd ballen sich zusammen in seiner Eisenfaust, er hält den Dürren wie eine Zaunlatte in die Luft hinaus.

»Elwetritsch, komm in meine Linke!« ruft er und grapscht auch noch den Rothaarigen; nein, dieser tolle Riese, der an seiner Kraft und an seinem Volumen Schiffbruch litt.

Da zappeln die beiden in seinen Fäusten. Ein rauher Beifall setzt ein, nie war ich in einer solch verrückten Gesellschaft. Kaum ist der Kanker frei, stelzt er zum Krug, packt ihn mit beiden Händen und fängt an, wie eine Saugpumpe zu schlucken.

Er krakelt in die Ecke, holt eine Papierrolle, hängt sie an einen Nagel und rollt sie auf.

»Kanker, die Moritat!«

Im Hintergrund ergreift jemand ein uraltes Schifferklavier, schiebt sich durch den Menschenklumpen und hockt sich vor das Plakat, das mit kindhaften Zeichnungen geschmückt ist. Der Kanker deutet mit dem Stock auf die Jahrmarktsbilder und grölt eine schreckliche Moritat herunter.

144 Mich trifft es wie ein nasses Tuch, wo habe ich diesen elenden Gassenhauer gehört, wer sang solchen Leierkastenschmachtfetzen?

Marlena.

Richtig, Marlena, in jener Nacht am Neckar, ein Schiff lag vor Anker, es war eine sonderbare Stunde. Marlena ist schuld, daß man einen Menschen tötete. Marlena mit der Narbe an der Stirn sang diese blutige Geschichte.

Ein Mädchen jung von achtzehn Jahren,
Verführt von einer Männerhand,
Sie mußte ach so früh erfahren
Was falsche Lieb' für Folgen fand.

145 Der düstere Mann, der am Vogelkäfig stand, die Ohreneule, kommt durch die Tür. Dort bleibt er gebückt stehen und hört auf das Johlen. Kanker ist in guter Fahrt, die Quetschkommode jault, Gulli lacht, daß die Scheiben zittern.

»Macht doch ein Fenster auf«, sage ich, »hier ist eine Luft, die man mit dem Hammer zerschlagen muß.«

Manchmal muß ich an das Mädchen Marlena denken. Einmal sah ich sie im Traum, sie trieb im Strom dahin, ein dunkles und gespenstisches Schiff.

Sie lief von Hamburg bis nach Bremen,
Von da aus ging sie an die Bahn,
Ihr Haupt, sie legt es auf die Schienen,
Bis daß der Zug von Hamburg kam.

»Diese Tränenzwiebel kenne ich«, rufe ich in das Getöse hinein.

Der düstere Mensch lehnt gegen den Türpfosten, seine Gedanken sind grimmig und irgendwie bösartig. Weiß Gott, was er auf dem Gewissen hat, er paßt nicht in diese fröhliche Kameradschaft, etwas Lasterhaftes spielt um seinen eingefallenen Mund.

»Wer ist der Mann dort?« frage ich Gulli.

Kanker singt weiter, das Schifferklavier macht einen Heidenlärm.

Jedoch der Schaffner hat's gesehen,
Er winkt ihr zu, ja mit der Hand;
Allein der Zug, er blieb nicht stehen,
Ein Haupt voll Blut rollt in den Sand.

Welch einen Beifall weckt das blutige Haupt. Der Krug ist leer.

146 »Bringt einen neuen Krug! Was will die Ohreneule?«

»Hoho«, lacht Gulli, »vielleicht drücken ihn Erbsen in den Schuhen. Hohoo, hast du Heimweh? Du mußt das Hemd verkehrt anziehen.«

»Den sehe ich an der Feldglocke hängen, den alten Miesmacher.«

Der Salto kommt auf den Alten zu und stößt ihm lachend vor die Brust.

»Brauchst einen Strick, gelt? Willst dich aufhängen. Mußt du immer kommen und uns Essig in die Stimmung schütten? Einen Strick, hee, einen Strick.«

Das O-Bein bringt ihm wirklich einen Strick, eine rauhe Gesellschaft ist hier beisammen. Der Düstere nimmt den Strick und schwingt ihn grimmig wie einen Lasso.

»Ihr Dummköpfe!« sagt er und schiebt sich langsam in die Bank hinein.

Der Salto, als er den frisch gefüllten Weinkrug sieht, startet zu einer Solonummer.

Er zieht den Rock aus, die Genagelten zieht er aus und die Ledergamaschen. Er streift die Hemdärmel hoch und schnallt den Hosengürtel fester.

»Tisch frei!« ruft er, »meine Galanummer auf die Walze!«

Seht den Salto, diesen Teufelskerl mit dem maroden Finger, nun der Artist in ihm aufersteht wie der Jüngling zu Nain. Solche Verbeugung, solche Prahlerei mit dem Bizeps bei gewinkeltem Arm bringt nur ein Mann vom Bau zuwege.

Seht den Salto, wie er unter der Galoppmelodie der Quetschkommode Anlauf nimmt und nun waagrecht, wie ein Indianerpfeil über den langen Tisch dahinschnellt, wie er am Ende Griff faßt mit seinen neun Fingern, sich blitzartig 147 überschlägt, und – »hee hopp!« – mit einem Schlußsalto elegant wie Gummi auf die Beine kommt.

Der Beifall stürzt wie eine Wetterwolke über ihn her. Ist er schon zu Ende, war das alles? Bewahre, er saust schon wieder über den Tisch, hält mitteninne, steht auf den Händen und hüpft über den Tisch, verharrt eine kurze Weile auf der Kante, federt mit den Ellbogengelenken und springt – Herrgott noch mal – auf den Händen vom Tisch auf den Boden, hopst dort wie ein Verrückter umher, macht die Kreuzbiegung, macht die Brücke und richtet sich schlangenmenschhaft von rückwärts auf.

Da steht er, die große Nase scheint noch stärker hervorzutreten, sein Gesicht ist rot wie eine Tomate, die Sehnen am Hals sind wie Stricke geschwollen.

Das Publikum donnert Applaus, die Quetschkommode gibt einen Tusch, der Salto tritt gravitätisch aus der Manege.

»Nächste Nummer«, ruft er aus, »der Herr Direktor selbst mit seinen vierzig Elefanten.«

Ich kann mir nicht helfen, ich muß begeistert in die Hände klatschen.

»Gebt den Krug dem Salto, gebt ihm W . . .!« Mir bleibt der Satz in der Kehle stecken, wie ein Hieb aus dem Ungewissen trifft es mich, meine Hände erstarren mitten im Klatschen . . . ich starre nach dem offenen Fenster!

Draußen ist eine Gestalt am Fenster; schaut zu uns herein, ein Antlitz ist hell erleuchtet, staunende Augen sind dem Lampenlicht preisgegeben – – Ursula!

Ich taumle nach rückwärts, ich will umsinken, ist niemand da, der mich hält? Sagte ich nicht, überall wo Wein wächst, geschehen sonderbare Dinge.

148 Nichts mehr, die Gestalt ist fort, Nacht hat das Antlitz verschluckt, Schwärze hat die Augen ausgelöscht . . . o dieses Hexenkabinett.

Ich stoße durch den Tabakqualm zum offenen Fenster vor, und schaue hinaus. Nichts, die Nacht ist dunkelblau geöffnet, Sterne glänzen, ich höre einen Brunnen rauschen. Nachtschwärmer kommen durchs Fenster und umschwirren die Lampe.

Das Getöse wächst wieder an, der Krug kreist, die Menschen sind besessen. Der Düstere soll verschwinden, bitte sehr, ich wünsche, daß er verschwinde. Keine Eule unter den Prachtfinken.

Salto steht vor mir, seine Brust geht auf und nieder, er zeigt mir den Zaun seiner Zähne.

»Mensch im Vogelhaus«, sage ich, »warum bist du nicht auf Tournee? Du kannst mit neun Fingern noch die Menge begeistern.«

»Schon lange aus, für die Spitzentricks reicht's nicht mehr. Mein Finger ist beim Teufel, schau her. Ich habe früher nur im großen Luftakt gearbeitet, mein Freund. Ich glaube manchmal, das ist schon hundert Jahre her.«

»Sahst du niemand am Fenster stehen?«

»Nein, du siehst Unken und Eulen.«

»Es stand eine Frau am Fenster. Ich schwöre es bei meiner Gesundheit.«

»Verrückt. Schau dir den Elwetritsch an, die Nachtschmetterlinge brechen ihm das Herz.«

Was ist denn? Elwetritsch, sieh zu, daß du in die Falle kommst, du bist von Gott verlassen. Er rennt in der Stube umher und fängt die Nachtschwärmer ein, geht zum Fenster 149 und setzt sie in Freiheit. Kein Zweifel, ihn bedrückt die leidende Kreatur, die hier am Licht verbrennt.

»Elwetritsch«, sage ich zu ihm und packe ihn am Rock, »komm mit dort in die Ecke auf der Bank, du mußt mir ein Endchen erzählen, was für eine komische Kanaille du bist.«

Wir sitzen in der Ecke, Qualm brodelt im Raum, der lustige Lärm rennt in Ecken und Winkel. Es herrscht eine unsagbare Schwefelstimmung, der Satan hockt in den Mauerritzen.

»Wie kommst du ins Vogelhaus, Elwetritsch; du Geistergestalt?«

»Das ist ein ganzer Roman.«

»Überall Romane, jedes Leben hier ein romantischer Wälzer. Sag mal, sahst du vorhin jemand am Fenster stehen?«

»Ja, ein fremdes Mädchen, ich glaube, es war das amerikanische Fräulein. Warum fragst du, interessiert dich etwa . . .?«

»Nein, nein, nur nebenbei; es fiel mir ein, ich erschrak, als so plötzlich . . . du wolltest mir erzählen, du bist der Bruder aller Tiere.«

»Das ist mein Verhängnis geworden. Von mir führt eine Brücke zu den Tieren, lache mich nur tüchtig aus. Alle Tiere kommen zu mir und sind mir zugetan, du darfst es mir glauben. Ich könnte durch Urwald und Dschungel gehen, bald wäre das wilde Getier um mich versammelt, ich bin wie ein Rattenfänger, hinter dem die Tiere herziehen.«

»Was faselt er dir vor?« ruft der Düstere, der plötzlich neben uns an der Wand steht. »Ein Muttersohn, eine Fliege, sonst gar nichts. Was hat er erlebt? Dunst, das ist alles.«

»Geh in die Hölle!« rufe ich.

150 »Siehst du«, fährt Elwetritsch fort, »ich wirke überall peinlich. Ich habe Sommersprossen und schwitze. Ich würde am Nordpol schwitzen. Du lachst dir einen Leistenbruch, wenn ich dir erzähle, wie mir das Leben mitgespielt hat. Hör zu: mein Vater hatte eine größere Schlächterei, unser Geschäft hat einen klingenden Namen. Stelle dir vor, mein Vater ein Metzger. Sein Handwerk hat mir schon von Kind an die Nerven stranguliert. Nun hätte ich als einziger Sohn Metzger werden sollen, begreifst du den Hohn? Schon als Kind merkte ich, wie sich die Tiere mir anfreundeten. Ich konnte keine Spinne töten. Und hätte Metzger werden sollen. Der Gedanke, irgend etwas abschlachten zu müssen, trieb mir das Grauen in die Kehle. Mein unseliger Vater hatte sich aber in den Kopf gesetzt, ich müsse Metzger werden. Ich wurde in die Lehre gedrängt, gezwungen. Mach dir doch mal gefälligst klar, ein Mensch soll berufsmäßig Tiere töten, dem der Schweiß in Strömen ausbricht, wenn er nur daran denkt. Aus dem Schlachthaus bin ich davongelaufen, schreiend und tobend, ein kranker Taugenichts . . . holla, ein Ligusterschwärmer!«

Er rennt davon, klettert an der Lampe hoch und geht auf eine wilde Jagd nach dem Ligusterschwärmer.

Haha, welche Erlebnisse fallen mir in den Schoß, auf welcher Marionettenbühne des Lebens befinde ich mich, wieviel Kuriositäten sind hier auf engem Raum versammelt. Ein Kabinett verelendeter Menschen, eine Privatlaune der Schöpfung machte sie zu Tipplern und Kornhasen.

Da war doch noch einer, der sich der letzte Tippler nannte. Wo ist er, ich will ihn sehen, beim Pferdefuß. Wer mag ihm das Bein gestellt haben, über welche Verdrehtheit ist er gestolpert?

151 Am Tisch ist ein großer Aufruhr entstanden. Der Salto hat mit schmierigen Karten ein verdammtes Kunststück gemacht. Sie umlärmen und bestürmen ihn.

In mich fährt ein boshafter Teufel, ich weiß nicht, was mich von der Bank hochtreibt, was mich wie Pulver unter diesen Knäuel verschrobener Menschen schleudert.

Da bin ich schon mitten unter ihnen, unselig aufgestachelt.

»Das ist nichts«, rufe ich in die lodernde Bewegung hinein »Ich weiß euch einen Steuermann, der nimmt ein rohes Ei in die Faust, hält es eine Weile umklammert und – zack! – ist das Ei hart gekocht.«

Eine Weile herrscht Stille, sie hören mir zu, ihr Staunen wird wachgerufen.

»Was will der Honorist, er soll es vormachen. Was ist es mit dem rohen Ei? Ein Schwindel. Spiegelfechterei. Schaubudenzauber.«

»Ich selbst kann es nicht«, fahre ich in meiner unseligen Verblendung fort, »aber der Steuermann Max kann es nur so aus dem Handgelenk heraus. Das Mädchen Marlena hat mir das erzählt, in einer Nacht am Neckar.«

»Welche Marlena? Wo ist denn Marlena?«

Ein Stimmenchor fällt über mich her.

»Ist sie deine Kalle?«

»Das Mädchen Marlena auf einem Frachtschiff. Eine, die zu euch gehört, ausgestoßen, auf der Landstraße liegend. Eine Narbe auf der Stirn, mit einer Kohlenschaufel geschlagen.«

Was setzt geschieht, hätte kein Mensch erwartet, es kommt blitzschnell und mit stürmischer Leidenschaftlichkeit.

Der Düstere nämlich, urplötzlich lebendig geworden, drängt wie ein Torpedo durch den Menschenklumpen und fährt mir 152 an den Hals. Wie auf einem Raubflug fällt die alte Ohreneule über mich her.

»Welche Marlena denn, du Komödiant?« Er keucht, er gräbt die Zähne in die Unterlippe. »Welche Marlena meinst du, was willst du mit der Narbe? Wer schlug mit der Kohlenschaufel?«

Er würgt mich, ich packe zu und will ihn von mir abschütteln, mit der flachen Hand fahre ich unter seinen Hals und drücke ihm das Kinn zurück.

Jetzt drängen die anderen herbei und wollen helfen.

»Zurück!« rufe ich, »ich werde allein fertig.«

Ein Druck noch aufs Kinn und ein Griff in die Lenden, eine kurze Drehung, und ich schleudere ihn auf den Fußboden.

Langsam erhebt er sich, kommt auf mich zugewankt und bleibt vor mir stehen, die Arme baumelnd, den Rücken gekrümmt, schillernde Nässe in den trüben Augen.

»Du hast – da – etwas gesagt – – du – hättest – das nicht – – sagen sollen. Das lebt immer weiter – – das ist wie eine – Ratte in mir.«

Er wendet sich und torkelt durch die raucherfüllte Stube.

»Wie – eine Ratte – – ist – das!«

Er will hinaus, da öffnet sich die Tür und, wie aus einem schwarzen Schlund kommend, tritt eine Frau herein.

»Frau Karola!« höre ich eine Stimme hinter mir.

Das also ist Frau Karola, denke ich in einem Nebel, in einer Verwirrung und Betäubung. Das ist Frau Karola, nun steht sie lebendig vor dir. Hunde kommen hinter ihr hereingestürmt. In ausgelassenen Sätzen rennen sie geradeswegs auf den Elwetritsch los. Ich erkenne zwei schwarze Cockerspaniel, einen herrlichen braunen Setter und einen Drahthaarvorsteher.

153 »Was für ein Leben herrscht hier?« sagt Frau Karola und tritt weiter in die Stube herein. »Wird ein Fest gefeiert?«

Eine schöne Frau, bei meiner Seele, mit einem verwegenen Anstrich. Nicht jede Frau ist von einem solchen Schmelz umgeben.

Sie erkennt in mir den Fremden, sie schaut mich durchdringend an mit diesen merkwürdigen Augen, die schmal werden beim Beobachten, so, als ob die Frau ein wenig kurzsichtig wäre.

»Wer sind Sie, ich kenne Sie gar nicht.«

Mir rasen verschiedene Gedanken und Vorstellungen durch den Kopf. Diese Frau, das weiß ich bestimmt, saß damals nicht im taubenblauen Wagen. Sie trägt auch keinen Schildkrötenring.

»Sie antworten nicht, warum schauen Sie nach meinen Händen?«

»Einer, der uns studieren will«, sagt mit demütiger Stimme der Salto, »er interessiert sich für unseren Lebenswandel. Wir sind dankbare Objekte.«

Weiß Gott, ich fange an zu stottern, ein nebelhaftes Rad kreist in der Stube, ich würde etwas darum geben, wenn ich draußen wäre.

Der braune Setter kommt und beschnüffelt mich, ich fühle seltsam erschauernd seine kalte Hundenase. Das beste, denke ich, du redest etwas Dummes, das hat dir schon manchmal aus der Klemme geholfen.

»Einen prachtvollen Bernhardiner haben Sie hier, gnädige Frau.«

Und ich tapse mit beiden Händen nach dem Hund und versuche, ihn zu streicheln. »Ein gutes Tier, kann er bellen?«

Segen über meine Dummheit, Frau Karola lacht.

154 »Bernhardiner!« sagt sie mitten im fröhlichen Lachen, »die beiden Schwarzen halten Sie wohl für Meerschweinchen?«

»Das nicht, o nein, ich werde doch wohl Pudel kennen; ich bin Hundefreund, Hundeliebhaber geradezu, bitte um Vergebung.«

»Unsinn, Vergebung. Wer sind Sie in Teufels Namen?«

Es ist recht still geworden im Raum. Die Vögel sitzen auf ihren Stangen, vielmehr auf den Bänken und gebärden sich alle recht friedlich, es ist wie in einer Kinderschule.

»Ein Buchhändler bin ich, ein fliegender Hans. Ich bin im Motorrad auf Tournee, ich will – – sammle Stoff – – ich nahm nicht an, daß Sie so plötzlich hier erscheinen würden, mein Pech ist berühmt, wenn es auch nur recht mäßig im Format ist. Hinwiederum ist ein umgestülpter Handschuh –«

»Buchhändler? Motorrad?! Erzählte mir nicht jemand von einem motorisierten Buchhändler, von einem Hans im Pech?«

Sie macht einen Schritt auf mich zu, eine Falte legt sich gedankenvoll über ihre Stirn.

»Sind Sie am Ende neulich mit einer Dame – – –«

Ich falle ihr ins Wort, ich lasse sie nicht ausreden; meine Erregung wird so groß, daß ich irgend etwas Törichtes plaudern muß. Ich handle in Notwehr.

»Ich hatte das Glück – das Pech – – das Glück, das Pech, daß ein Güterzug entgleiste. Meine Hand liegt auf dem Herzen, ich war nicht schuld daran.«

Wieder muß Frau Karola lachen, nein, nur lächeln. Da steht sie leibhaftig vor mir, ein Rätsel zwischen Galgenvögeln und einem Buchhändler, da steht sie also, ich sehe sie mit wachen Augen, ihr Haar ist braunrot, das Gesicht schmal, die Nase 155 ein wenig gebogen. In der Mitte des Scheitels stoßen die Haare in einem geschwungenen Winkel in die Stirn vor.

»Kommen Sie mit«, sagt Frau Karola, »es ist spät in der Nacht.«

Wir verlassen das Vogelhaus, es zwitschert und zwilcht hinter mir her. Wir sind schon draußen im dunklen Garten, die Hunde, nächtlich erregt, umkreisen uns wie ruhelose Trabanten. Dort ist der Käfig, in Schwarz und Schatten gehüllt. Ich höre schlaftrunkene Vogelstimmen, der Rabe plappert, sein Schnabel knackt.

Wie in aller Welt kommt es, daß ich mit Frau Karola zusammen in einem finsteren Gutshof stehe, umgeben von Rebenlaub und vom Duft blühender Jasminhecken?

»Wissen Sie denn, daß diese Dame hier im Hause ist?«

»Fräulein Ursula sagte mir, daß sie hierher – –«

»Ursula sagte Ihnen das?«

Frau Karola ist überrascht. Sie scheint über etwas nachzudenken, und mitten im Nachdenken muß sie wieder lächeln.

»Ja, sie machte kein Hehl daraus. Auch daß demnächst hier eine Hochzeit stattfindet, weiß ich. Ich habe nichts damit zu tun, nur ein kleines Erlebnis, sonst nichts. Nein, nein, Sie sollen sich nichts dabei denken, das ist alles vorbei.«

»Warum sind Sie nach Deidesheim gekommen?«

»Das – das weiß ich nicht – – der Dichter Alex, ich kenne einen Dichter namens Alex. Er hat eine Schneckenidee, wir wollen mit Herrn Berghaus – – nehmen Sie an – kennen Sie – gnädige Frau, es ist jemand oben am Fenster, jemand schaut heraus – –«

»Karola!« ruft eine Stimme von oben.

»Ursula, bist du es? Ich komme gleich.«

156 O Gott, die Hölle zündet um mich ihre Fackeln an.

Ich schaue nach dem Fenster. Das Licht verlöscht.

»Was ist denn los mit Ihnen? Sie frieren?«

»Ja, ich friere. gnädige Frau, es ist mein Geburtsfehler. Immer muß ich frieren, es ist toll. Sehen Sie, der Elwetritsch, der kommt immer in Schweiß, ein trostloser Zustand. Und ich friere immer, es ist rein zum Verzweifeln. Ich würde am Äquator frieren.«

»Hat diese – – Ursula Ihnen den Sinn verwirrt?«

»Keineswegs, wie sollte sie. Ich habe sie längst vergessen, du lieber Gott, man trifft so viel Menschen. Ich habe eine große Reise vor, bis nach Sizilien und Afrika, haha, die Abenteuer warten auf mich.«

»Lassen Sie sich nicht verwirren, es gibt Mädchen, die ein Doppelspiel treiben.«

»Hexenstrümpfe.«

»Es sind Doppelwesen, man muß vor ihnen auf der Hut sein.«

Wie nahe steht Frau Karola bei mir, ich fühle etwas von ihrer Wärme auf mich überströmen. Eine wunderliche Frau ist in meiner Nähe, eine Frau mit einem Geheimnis. Ein Fenster war hell. Nun ist es dunkel.

Die Frau mit dem sonderbaren Geheimnis faßt plötzlich mit beiden Händen meinen Kopf, drückt ihn nach hinten, daß mein Gesicht dem Himmel zugewandt ist. Sie schaut mich lange an, ich sehe ihre Augen in der Nacht; sie muß feine Hände haben, das fühle ich an der Berührung.

»Es ist gut, daß wir Geheimnisse haben«, sagt sie mit ganz veränderter Stimme. »Wir sind reich durch unsere Geheimnisse.«

157 »Ja, gnädige Frau, ich – ich – – liebe Ursula!«

Sie führt mich durch das Gittertor ins Freie.

»Ich glaube nicht, daß Sie Ursula lieben!« sagt Frau Karola.

Ich stehe allein.

Wo war ich? In Frau Karolas Vogelhaus.

Mit der flachen Hand fahre ich über meine Stirn. Es gibt hier etwas wegzuwischen.

Die alte Mauer. Das Vogelhaus von hinten, ich erkenne es, die Nacht hat es umhüllt.

Dicht am Haus ein blühender Kastanienbaum.

Es regt sich in der Schwärze über mir.

Ein kleines Fenster wird geöffnet. Jemand steigt durch das Fenster auf den blühenden Kastanienbaum.

Undeutlich erkenne ich eine Gestalt. Wenn mich nicht alles täuscht, ist es der Salto.

»Hee, Salto?!« rufe ich leise in die Äste hinauf.

Wie ein Affe kommt er am Stamm herunter.

»So, du bist es, Buchhändler? Warum gehst du nicht in den Kahn?«

»Ich gehe schon. Die Nacht ist groß, der Wein blüht.«

»Wie hat dir Frau Karola gefallen?«

»Es darf nicht viel solche Frauen geben. Man kommt um den Verstand.«

»Hör mal, ich weiß um ihr Geheimnis, nur ich allein.«

»Sag es mir.«

»Ich darf nicht, ich muß schweigen. Gute Nacht.«

»Was machst du auf dem Baum?«

»Ich schlafe manchmal oben im Gipfel. Du weißt, ich habe jahrelang im großen Luftakt gearbeitet. Ich muß manchmal 158 zwischen Himmel und Erde sein. Ich habe eine alte Hängematte, die knüpfe ich oben zwischen die Äste. Dort schlafe ich.«

Er klettert am Baum hoch, er verschwindet zwischen den Zweigen.

Ich höre das Laub knistern und rauschen.

Jetzt ist alles still. 159

 


 

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