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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der heilige Cyriacus wohnte ehedem in einer Klause bei Lindenberg und ging Tag für Tag durch die Weinberge den weiten Weg bis nach Deidesheim, wo das Stadttor jedesmal von selber aufsprang, wenn er ankam. Einmal war der Heilige sehr ermüdet und nahm sich einen Wingertpfahl als Handstock. Als er vor das Tor von Deidesheim kam, blieb dieses geschlossen. Da wußte Cyriacus, daß er Unrecht getan hatte, er brachte den Pfahl zurück, und nun sprang das Tor auf.

Ich bin noch höher hinaufgestiegen, bis zum Rand des Waldes. Das Land ist so feierlich heute, dabei ist ein Werktag wie andere auch; warum ist das Land so feierlich?

Ich sitze auf dem Heidefelsen, irgendwo singt eine junge Winzerin. Das Lied ist wie ein Schiff auf schwach bewegtem Meer.

Es kommt jetzt ein Riese durch den Wingert heraufgestiegen. Goliath ist auferstanden und stapft zwischen Rebstöcken, einen derben Pfahl in der Hand.

130 Nie sah ich in freier Wildbahn einen so hünenhaft großen Menschen.

Er kommt näher, da steht er vor mir, gewaltig aufgeschossen, wie ein Baum schwankend und wankend in seiner übernatürlichen Länge.

»Ich will mich zu dir setzen«, sagt der Riese und läßt sich auf dem Felsen nieder. Mindestens zwei Köpfe ragt er über mich hinaus.

Er sagt du zu mir, ich muß unbewußt mit Riesen auf gutem Fuß stehen.

»Ich glaube«, sage ich voll Staunens, »ich sehe dich durch ein Vergrößerungsglas. Du bist eine erweiterte Ausgabe.« Und muß schmunzeln.

»Siehst du, schon fängst du an zu schmunzeln. Das ist mein ewiges Schicksal. Das ganze Weltgebäude lacht über meine Größe.«

»Du bist weit über zwei Meter groß.«

»Ich bin zwei Meter dreiundvierzig, ärztlich gemessen. Warum aber ist das lächerlich? Du erlaubst, daß ich hier Mittag mache.«

Er kramt seinen Rucksack aus, bringt Schwarzbrot, Speck und einen Weinkrug hervor und fängt zu tafeln an.

»Willst du mithalten?«

»Nein, ich bin nicht hungrig. Woher kommst du denn?«

»Aus den Sieben Glückseligkeiten.«

»Aus den Sieben Glücks – – –?«

Er kaut kolossal drauflos, mein Erstaunen bemerkt er nicht. Sein glattes, gebräuntes Gesicht ist in zuckenden Bewegungen, die Zähne gräbt er kannibalisch in den Speck.

»Ja, aus den Sieben Glückseligkeiten. So heißt der 131 Wingert dort. Mensch, eine berühmte Spitzenlage. Weingut Berghaus.«

»Überall Berghaus. Wohnst du . . .«

»Ich wohne im Vogelhaus.«

»Nicht anders zu erwarten. Dann hast du einen kuriosen Namen?«

Er reißt Schwarzbrot auseinander, er kaut mit gewaltigen Backen, sein Hunger ist eine Art Sehenswürdigkeit.

»Drunten heiße ich Gulli. Das kommt von Gulliver, weiß der Henker. Frau Karola hat mich Gulli getauft.«

Er setzt den Krug an den Hals.

»Bist du ein Kunde?« fragt er mich, »oder ein Kuckucksei?«

»Du kannst mich fast so nennen.«

»Mensch, aber nicht vom Bau, du bist ein Linkmichel.«

»Wie kamst du denn ins Vogelhaus?«

»Das ist ein ganzer Roman, mein Lieber.«

Gulli heizt weiter ein, er hat Zähne wie ein Pferd. seine Hände sind Tatzen, monströse Glieder, man hat Angst vor solchen Greifwerkzeugen.

»Gulli«, sage ich, »wenn du mir die Hand schüttelst, muß ich zum Arzt.«

Er trinkt den Krug leer, stößt fauchend Luft aus und legt sich ins Heidekraut. So, da liegt er jetzt auf dem Rücken, die Knie stehen nach oben.

Baumwipfel schaukeln im schwachen Wind, es riecht nach Harz und Rinde. Ach, welch eine zauberhafte Stunde, ein Riese liegt auf dem Rücken und erzählt.

»Mein Schicksal ist, daß ich aus dem Rahmen falle. Der Herrgott hat sich einen Spaß mit mir erlaubt, ich bin über das Durchschnittsmaß hinausgewachsen. Ich bin ein Einsamer, ein 132 Alleingänger, ein Mensch jenseits der normalen Abmessungen. Ein solcher Mensch wird von den übrigen abgedrängt, er steht bald außerhalb, er ist eine unglückselige Einzelfigur. Mein Riesenwuchs hat mich zum Elenden gemacht, zum Geächteten, zur Spottfigur, zum Schmunzelobjekt. Als junger Mensch nährte ich den Haß in meinem Busen, die ganze Menschheit wurde mir zuwider, weil sie so gleichmäßig groß gewachsen ist. Stelle dir mal gefälligst vor, du kannst nirgends hingehen, ohne belacht zu werden, hoho, seht den großen Kerl, den Goliath, den Riesen, was für ein komischer Kauz beim Neungeschwänzten, der kann den Mond abstauben, wenn er umfällt, ist er über der Landesgrenze. Paß auf, Mensch, ein anderer kann in einen Laden gehen und sich einen Hut kaufen oder ein Paar Schuhe; ich nicht, denn ich habe Größen, die aufs Zwerchfell wirken. Schuhnummer zweiundfünfzig und Kopfweite fünfundsechzig. Für mich hängt in der ganzen Welt kein Anzug auf der Stange; in kein Bett kann ich mich legen, auf keinem Stuhl kann ich sitzen, durch keine Tür komme ich ungebückt hinein. Alles muß mir nach Maß gemacht werden, selbst Teller und Gabeln und Messer lassen, in meinen Händen, nur den Hohn der Umwelt aufkommen. Ich bin eine lebendige Unmöglichkeit, das Zerrbild aller, die in Normalmaßen durchs Leben wandeln; ich bin ein Titanenabkömmling, ein Urwaldaffe mit Menschenverstand, eine Abnormität, die zum grausamen Schicksal wird, weil sie so grotesk hinausragt über die menschliche Gemeinschaft.«

»Du redest wie ein Buch, Gulli; aber ich verstehe dich, deine Tragik wächst mir riesenhaft entgegen. Du bist nur irrtümlich auf der Erde.«

»Riesenhaft, siehst du! Wenn ich noch dumm geboren wäre 133 oder blöd, meine Lage selbst nicht erkennend, in ein wohltätiges Dunkel träger Gedankenlosigkeit gehüllt. Aber nein, ich bin mit klarem Verstand ausgestattet, meine törichte und barocke Sensation steht klar vor meinem Hirn, ich weiß um meine Unmöglichkeit. Siehst du, das hat mich vor die Hunde gebracht.«

»Vor die Hunde?«

»Ja, ich bin verkommen, verelendet, verludert, verstromert. Die Landstraße hat mich geschluckt, die große Wanderstraße, wo allein man untertauchen kann.«

Wie prachtvoll redet dieser Mensch daher. Ist es denn möglich, daß ein Riese auftaucht mitten zwischen blühenden Weinstöcken, daß er neben mir im Heidekraut liegt und mir so plastisch sein seltenes Schicksal darstellt!

»Ich bin Tippler geworden, denn ich war in keinem Beruf möglich, das Lachen der Umwelt hat mich hinausgespien ins Alleinsein, das verfluchte Schmunzeln wurde mir unheilvoll zum Verhängnis, die Heiterkeit, die ich allerorten stürmisch erregte, hat mich halb zum Wahnsinn getrieben. Ich bin von guten Eltern, mein Lieber, von ganz normalen Eltern, ich habe gute Schule genossen, ich hätte studieren sollen, meine Goliathfigur hat mir den Garaus gemacht. Ich bin nichts als ein Hokuspokus.«

»War es denn nicht möglich, gleichgültig zu werden . . .?«

»Es wäre mir fast geglückt, wenn das eine nicht gewesen wäre, das eine . . . verstehst du, was ich meine?«

»Ich weiß nicht . . .«

»Jeder junge Mensch verliebt sich in ein Mädel, hörst du, bei jedem kommt einmal die Stunde. Einmal im Leben tritt das zutiefst Menschliche an ihn heran. Mir blieb es versagt, ich ging durch meine Mammutjahre mit einer unsagbaren 134 Qual. Und ich sagte mir oft selbst: Sieh nur, Goliath, du bist geboren und wirst sterben, ohne das erlebt und kennengelernt zu haben, was am stärksten menschlich ist. Hahaha, mußt du nicht schmunzeln, treibt es dir nicht das Gelächter in die Kehle?«

»Ich denke mir, es müßte eine Riesin zu finden sein, die . . .«

»Hahaha! Verpuchte Schwarzamsel. Nirgends, mein Lieber. Vor die Hunde. Tippler bin ich geworden, zehn Jahre lang habe ich den ganzen Erdball durchwandert. Mein blonder Knabe, ich habe allerlei hinter meine Stiefelsohlen gebracht. In Afrika war ich und Amerika, in der Südsee und bei den Walfischfängern, in der Steppe, im Urwald und im Busch. Nach zehn Jahren bin ich hier im Vogelhaus gelandet. Frau Karola hat mich eingefangen, diese wunderliche Frau, die sich einbildet, man könne die Landstraße seßhaft machen, man könne die Ungesiedelten siedeln. Man kann es nicht, auch in mir gärt es und tobt es, in hellen Nächten ruft mich die Landstraße, denn sie ist mir Heimat geworden. Ich lebe hier gut, ich hätte sonst keine Wünsche, uns allen geht es gut im Vogelhaus: wenn der Trieb nicht in uns wäre, der unselige Trieb.«

Gulli schweigt. Ich höre ihn atmen, seine Nähe ist gewaltig, ich fühle, wie die Schöpfung ihr krauses Spiel mit ihm treibt. In diesem Augenblick wird mein eigener Schmerz klein und unscheinbar. Fast scheint es mir, ich könne durch das Netz entkommen, ich könne eine zerrissene Masche benützen, um zu entschlüpfen.

Gulli schweigt. Heide wächst im Umkreis und Heidelbeergesträuch. Das Konzert des Tages ist eröffnet, die Welt scheint gut gelaunt heute, sie hat ihre verschwenderische Stunde. Wer mich sucht, kann mich finden, bei einem Riesen liegend, mitten im Palast des Tages.

135 Zugestanden, es gibt Grausamkeiten auf dieser Erde, die Natur ist nicht ohne Brutalität. Hier aber dreht sich das Universum zu einer Leierkastenmelodie. Vielleicht bewegt ein genialer Gassenhauer die Sonne und alle Wandelsterne.

Seht, ein Riese kam aus den Sieben Glückseligkeiten und sprach zu mir von seinem Schicksal.

Der Riese richtet sich jetzt hoch, stützt sich auf die Arme und schaut mir nahe ins Gesicht.

»Gestehe nur, du hast doch sicher ein Mädel; irgendwo hast du eine Freundin, die an dich denkt, die auf dich wartet, habe ich recht oder nicht?«

»Ich . . . weiß . . . es nicht.«

»Rede kein Gewäsche, Knabe. Ich kann dir nur sagen, sei Gott dankbar dafür, freue dich in jeder Stunde, daß du solches Glück hast.«

»Ja, Gulli, ich will mich freuen.«

»Wer das nie erlebt hat, der ist kein Mensch, der ist ein Monstrum, wie ich. Hör mal zu: uns alle packt es manchmal im Vogelhaus, wir zittern mit den Flügeln, wir schütteln das Gefieder und möchten auf und davon fliegen. Aber Frau Karola hält uns mit einer unsichtbaren Macht. Wir haben ja auch keine Papiere. Frau Karola hat unsere Fleppen in Verwahrung genommen. Sie hält keinen mit Gewalt, aber wer fliegen will, der muß vor sie hintreten und seine Fleppe verlangen. Das hat bis jetzt noch keiner fertiggebracht. Ab und zu macht sich einer auf die Socken. Nachts zieht er davon, ohne Papiere, es treibt ihn nur so hinaus, ein unsichtbarer Wind fegt ihn davon.«

Noch näher rückt er zu mir heran, seine Stimme sinkt zum Flüstern.

136 »Wir alle wissen, daß Frau Karola selbst gefangen ist, daß sie fliehen möchte und nicht kann, daß sie verborgene Wünsche hat, die sich nicht mehr erfüllen lassen.«

»Sag mal, Gulli, kann man nicht einmal dieses Vogelhaus sehen, kann man nicht auf Umwegen hineinkommen, um es zu bestaunen? Ich traf schon zwei Vögel in der Bettlade, den Salto und den Elwetritsch.«

»Du kannst heute schon kommen. Die Herrschaften sind fort. Besuch aus Amerika ist da, eine Sängerin ist dabei, sie singt heute abend in Mannheim; die ganze Familie ist zur Vorstellung gefahren. Du kannst uns heute nach Feierabend besuchen. Knäblein, wir sind kuriose Wolkenschieber. Komme nur herein, und wenn dir jemand in den Weg läuft, dann mache den Unzelmann.«

»Unzelmann?«

»Na ja, das ist ein Brocken Rotwelsch. Heißt sich dumm stellen und eine Falle reißen. Jetzt muß ich an die Arbeit.«

Gulli erhebt sich, er wächst aus dem Heidekraut heraus, mit Wucht schiebt er sich in den blanken Himmel, lieber Gott, was für kolossale Füße hat der Mensch.

»Gulli, man hat früher den Wein mit den Füßen gekeltert. Damals hätte dein Leben einen tieferen Sinn gehabt.«

Er wankt davon, die Arme baumeln, der Körper biegt sich wie im Sturm, sein Rücken ist wie ein bewegter Fels, er stapft den Hang hinab, ein plumper Höhlenbär, langsamen und tappenden Schrittes. Die Sonne bescheint ihn, eine Lerche steigt auf, es rauscht von den Wäldern her. Über dieser Stunde liegt das rätselvolle Lächeln der Welt.

»Wohin gehst du, Gulli?« rufe ich dem Riesen nach.

»In die Sieben Glückseligkeiten.« 137

 


 

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