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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wer kennt den Vogel Elwetritsch? Man hört von ihm, man hat ihn gesehen, aber keinem Jäger ist es je gelungen, einen Elwetritsch zu erlegen. Am Ende wohnen ihm doch Zauberkräfte inne. Er hockt auf Kirchhofsmauern, auf alten Weinfässern und im Gebälk zerfallener Scheunen. Ein Geisterspuk, ein Hexentier, mit Federn, mit Haaren, mit Schuppen. Es wäre an der Zeit, daß man endlich einen Elwetritsch zur Strecke brächte. Nebenbei nennt man Elwetritsch oft einen gutmütig tölpelhaften Menschen, ein komisches Stiefkind des Lebens, einen kindhaft verschrobenen Außenseiter der Gesellschaft. Das hat aber mit dem wahren Vogel Elwetritsch nichts zu tun.

Wer hätte es für möglich gehalten, daß plötzlich der Dichter Alex daherkommt? Alex Grauvogel, wie er leibt und lebt, froher Laune und voll Unternehmungsgeist. Alex, der Verspoet, der Flunkerer, der liebenswürdige Schwindler, da sitzt er neben dem Chauffeur auf einem Fernlastzug und rasselt durch Deidesheim.

»Alex«, rufe ich, »hee, Herr Alex!«

Er hört mich, der Fernlastzug bremst, Alex springt vom Wagen und kommt auf mich zu, flatternden Gummimantels, mit der Aktentasche wedelnd.

»Ich dachte Sie schon in italienischen Orangenwäldern, Gott zum Gruß, mein Lieber!«

114 Gott zum Gruß, mein Lieber, sagt er; die Bücher hat er wohl vergessen. Er streckt mir die Hand hin, der Lavaliereschlips glänzt fettig, prachtvoll sieht die Samtjacke aus.

»Gut, daß ich Sie hier treffe, wirklich ein verteufeltes Glück«, flunkert er und klopft mir auf die Schulter.

Er tut, als ob ich ihm die Bücher abgelaust hätte, großartig benimmt er sich und aufgeräumt, er trägt mir gewiß nichts nach.

»Wie kommen Sie nach Deidesheim?« frage ich.

»Wie ich nach Deidesheim komme? Was für eine Frage, haha, wie komme ich nach Deidesheim. Wohin komme ich nicht, müssen Sie fragen. Überall komme ich hin, die ganze Welt mein Feld, faktisch, nichts zu tippen.«

»Der Fernlastzug – –«

»Großartiger Zufall; mein Zug wäre erst in einer Stunde gegangen, überhaupt die Eisenbahn; hier verkehrt nicht ein einziger D-Zug. ich bitte Sie, Deidesheim und kein D-Zug, ein so weltberühmter Weinort. Wenn mein Einfluß bei der Eisenbahndirektion größer wäre, ich würde einen Fliegenden Deidesheimer – – – apropos, Buchhändler, Bücher, richtig, mein Konto bei Ihnen ist noch nicht ganz ausgeglichen – kommen Sie, wir gehen einen Schoppen trinken, kommen Sie in die Bettlade – – –«

Mit der Bettlade meint er eine Weinstube. Richtig, hier hängt ein Wirtshausschild: Bettlade. Alex bestellt einen Schoppen Deidesheimer Traminer, Jahrgang 1933. Er schiebt mir das Glas hin.

»Ich habe in Deidesheim wichtige Dinge vor. Die Menschen schlafen alle, sie wittern kein Neuland. Wenn ich mehr Zeit hätte, aber man kommt ja nicht zur Ruhe, überall Pläne, Unternehmungen – –«

115 »Zu dem Schwetzinger Knoblauchsanatorium ist wohl noch kein Grundstein gelegt?«

»Knoblauch hin, Knoblauch her, ich will mich auf die Schnecken werfen.«

»Sie wollen in Schnecken machen?«

»Schnecken, jawohl, Schneckenzucht. Die Leute pflanzen hier nur Wein, und immer wieder Wein. Richtig, zugestanden, kein Wort gegen den Wein, die Pfälzer aber vergessen die Weinbergschnecken. Hier könnte ein Schneckenparadies geschaffen werden – ich denke, wir trinken noch einen Schoppen. Herr Wirt, haben Sie hausgemachten Schwartenmagen? Ja? Zweimal, bitte!«

So ist dieser Alex, er weiß nicht einmal, ob ich Schwartenmagen esse, morgens um zehn Uhr, ich könnte ein Gegner dieser Wurst sein, ein ausgekochter Schwartenmagenfeind. Es sitzen noch einige Leute in der Bettlade, gute, echte Pfälzer Winzer, Deidesheimer Winzer, ein wenig derb und grobgeschnitten, ein prächtiger Menschenschlag. Sie reden vom Wein, wie wäre es anders möglich. Vom rationellen Zuckern reden sie, vom Asbestfilter und vom Unfug des Schwefelns, von Gelatine und Fischblasen zum Schönen der Weine, von Kasein und spanischer Erde. Auch die Knochenkohle spielt eine Rolle, Herrgott, sie geraten sich noch in die Haare, sie werden hitzig, es entstehen Meinungsverschiedenheiten. Zwischendurch saugen sie mit Inbrunst an den Weingläsern.

Der Wein verbrüdert sie, er schlingt ein betörendes Band um die Bewohner dieses reichgesegneten Landstriches, wo alle Menschen sich so gebärden, als ob sie miteinander verwandt wären.

»Die Schnecken haben Zukunft«, prophezeit Alex und zieht 116 den Schlips fester, »ich würde es ohne Besinnen wagen, größere Summen in die Schnecken zu stecken.«

»Geld in die Schnecken stecken?«

»Natürlich, selbstredend, liegt klar auf der Hand; wer Geld in die Stecken schneckt – – Schnecken steckt, hat einen guten Riecher. Eine ganz einfache Rentabilitätsberechnung zeigt Ihnen die Wahrheit meiner Behauptung. Nehmen Sie an, eine Schnecke legt vierzig Eier, nur vierzig Eier – –«

»Legen Schnecken Eier?«

»Natürlich legen sie Eier, Schneckeneier. Man könnte es in der pfälzischen Weingegend jährlich mindestens auf zehn Millionen Schnecken bringen. Wenn ich mehr Zeit hätte, und wenn meine Gelder nicht festgelegt wären – – übrigens hören Sie mal zu, was am Nebentisch geredet wird: vom Weinzuckern, von der Frankenthaler Sonne reden sie.«

»Wieso Frankenthaler Sonne?«

»Nicht nur in Waghäusel, auch in Frankenthal ist eine große Zuckerfabrik.«

»Mit Bücherliebhabern?«

»Reden Sie nicht von Büchern. Mit diesem Frankenthaler Zucker wird der Wein gezuckert, genau nach dem Gesetz, wenn er nämlich zu viel Säure hat, das heißt, wenn die Sonne sich in dem betreffenden Jahr zu selten machte. Und weil dieser Zucker quasi a priori die Sonne ersetzt, nennt man ihn Frankenthaler Sonne, im Volksmund, compris? Der Volksmund hat Witz, verachten Sie den Volksmund nicht!«

Ein großartiger Mann betritt jetzt mit dröhnenden Stiefeln die Bettlade, eine kolossale Pfälzer Weingestalt geradezu. Ein Bär, wuchtig, gewaltig, drohend, mit einer Stimme, die aus kellertiefen Fässern kommt.

117 Er poltert zum runden Tisch, wo die andern sitzen. Der Mann ist im Lederschurz, er trägt eine Schirmmütze, sein Kopf ist imponierend; rot angelaufen und verädert das massige Gesicht, ein Doppelkinn fällt über den Hals. Er hält die hohle Hand auf das linke Ohr.

Es wird lauter und stürmischer, als er an den Tisch tritt, er schmunzelt, und sein gütiges Schmunzeln zeigt, daß seine bedrohliche äußere Aufmachung nur Theaterdonner ist. Sie nennen ihn Radieschen. Ein sauberes Radieschen, ich möchte es nicht mit Schwarzbrot und Butter verspeisen. Radieschen mischt sich in die Unterhaltung ein, sein Dialekt ist unverfälscht, seine Stimme rollt und brodelt. Es steht fest, daß er den K.-S.-Filter verwünscht, daß er das Zuckern verwünscht und daß er für den hundertprozentigen naturreinen Wein sein Leben einsetzt. Alles moderne Teufelswerk soll der Blitz zerschlagen.

»Milljackedunnerwetter!« So ruft er, Milljackedunnerwetter.

»Ich muß nun einen Besuch machen«, sagt Alex und trinkt das Glas leer. »In der Schneckenangelegenheit habe ich hier eine Besprechung mit Herrn Bastian Berghaus, ich habe Ihnen ja von dem Herrn schon erzählt.«

»Sie gehen jetzt zu Bastian Berghaus?«

»Auf der Stelle. Elf Uhr Sitzung. Ein Komitee soll gebildet werden.«

»Ein Schneckenkomitee?«

»Wenn Sie's so nennen wollen. Ich möchte nur noch rasch, – – es wird Sie nicht stören, wenn ich in Eile eine kleine Sache erledige.«

118 Er öffnet die Aktentasche, wühlt im Gerümpel und zieht einen weißen länglichen Karton hervor. Aus dem Gummimantel zaubert er ein Glas mit chinesischer Tusche.

Alex nimmt einen stumpfen Pinsel und malt, frei aus dem Handgelenk, in schönen, geschwungenen Buchstaben einen Spruch auf den Karton.

Rein sei der Wein, des Trinkers Wonne,
Und ohne Frankenthaler Sonne!

Dieser gerissene Hund, dieser Teufelsalex, da will er schon wieder Nutzen ziehen aus einem gutmütigen Wortstreit, der am Nebentisch entstanden ist!

Er steht auf, geht zum runden Tisch und zeigt den soeben verfaßten Original-Alex-Vers.

Ein großes Gelächter entsteht, auch der Wirt der Bettlade freut sich, er ist unbedingter Anhänger der ungezuckerten Weine.

Alex schwätzt dem Wirt ein Ohr ab, sie gehen beide an die Wand, und Alex, aus dem Gummimantel eine Schachtel mit Reißnägeln hervorziehend, heftet den Zweizeiler mit vier Nägeln an die Wand.

Er bleibt dann noch eine Weile am runden Tisch stehen und läßt sich über den Weinbau aus; schwafelt von Blauschönung und überschönten Weinen. Schnecken, meint er dann, Schnecken seien hier die Zukunftsmusik. Ob sie überhaupt schon einmal Schnecken gegessen hätten, mit Kräuterbutter?

Ich selbst bin wieder ein wenig verwirrt, eine Tür hat sich geöffnet in meiner Brust, Erlebnisse treten heraus, ich muß mich mit ihnen beschäftigen. Mit einem Schlag bricht alles in mir auf wie eine Wunde.

119 Wieder greift die dunkle Hand nach meinem Herzen.

Ich habe das Gefühl, ich müsse Alex noch etwas sagen, ihn auf eine Dame aufmerksam machen, der er möglicherweise begegnen könne.

Ich finde nicht den Mut. Alex geht.

Er ist schon draußen.

Das Radieschen schmunzelt ihm nach, dann kommt der Koloß mit seinem gefüllten Weinglas an meinen Tisch und hält die hohle Hand aufs linke Ohr.

»Jetzt sage Se mol, was war des für en fideler Schnurrant? Der macht jo Wind wie e Dudelsack.«

»Eine zufällige Begegnung auf der Landstraße. Der Mann hat es auf die Schnecken abgesehen.«

»Was will er mit Schnecken? Is erlaubt, mich zu setze? Prost, do trinke Se mol den Schoppe an.«

»Prosit, auf Ihr Wohl. Sie sind gewiß auch Winzer hier in Deidesheim? Eine Gotteswelt, wahrhaftig. Sind Sie zur Zeit beim Weinkeltern?«

Er lacht wie ein Unwetter und haut sich knallend auf die Schenkel.

»Ohohooo! Sie sin e Schlaule. Im Mai keltere, do lachen die Gäns.«

Er hat eine diebische Freude, weil ich so dumm dahergeredet habe. Kostenlos habe ich ihn in Heiterkeit versetzt.

»Woher kommen Sie denn, Sie Mailüftchen?«

»Aus dem Frankenland.«

»Aha! Also Winzer bin ich bloß nebenbei, ich bin Küfermeister im Weingut Berghaus.«

»Bei Berghaus? Den Namen kenne ich, er beherrscht die Gegend hier.«

120 »Ja, do bin ich schun achtezwanzig Johr. Gute Leut, feine Leut, der Urgroßvatter hot schon's Glück ins Haus gebrocht. Wisse Se, der hot so e Stückel vum Strick eines Gehängten im Hosesack getrage.«

»Was sagen Sie vom Erhängten? Er hat den Strick – –?!«

»– – – eines Gehängten, nit anders. Des bringt Glück ins Haus. Ween Se mol im Wald 'n Uffgehängte finden, dann vergesse Sie nit, e Fetze Strick abzuschneide un einzustecke.«

»Kaum zu glauben. Sie halten schon wieder die Hand aufs Ohr.«

»Ohrenweh, die Klamm, des sin manchmol verdammte Schmerze.«

»Haben Sie kein Mittel, kein Medikament?«

»Nix, die Dokter wisse nix, der Wein is de best Arznei, prost!«

»Es müßte doch irgend etwas geben, um den Schmerz zu stillen.«

»Bei Zahnweh ja, do gibt's e probates Mittel. Man muß mit dem Nagel von einer Totenlade den kranken Zahn dreimol bestreichen.«

»Du lieber Himmel, das sind ja alles grausige Mittel.«

»Sie helfen, uff Ehr und Gewissen! Gucken Sie mich an, ich bin ja sunscht kei Nippfigürche, ich blos dem Teufel in de Schornstein, wann's druff ankommt, aber des Ohreweh, des hot die Neunundneunzigkränk.«

»Ich will nicht aufdringlich sein, aber ich hätte da ein Gehöröl, nach alten Rezepten gebraut. Es stammt von 121 einem Apotheker namens Häutle. Er wohnt auf der Knodener Höhe.«

»Gehöröl? Verkaufe Sie so Zeugs?«

»Ich verkaufe es nicht, ich will Ihnen aber gerne einige Tropfen versuchsweise ins Ohr träufeln.«

Ich öffne das Fläschlein und denke daran, wie gut es doch war, daß ich damals im Neckartal kein Benzin im Tank hatte, welches Pech ja bewirkte, daß ich David Häutle kennenlernte.

»Halten Sie mal bitte den Kopf auf die Seite.«

Ich träufle ihm einige Tropfen ins Ohr und stopfe einen Wattepfropfen hinterher.

»Glauben Sie nicht, daß ich jedem beliebigen Menschen von meinem Gehöröl gebe.«

»Warum geben Sie mir's, Sie kenne mich doch nit?«

»Weil – – weil – was soll ich sagen, – weil Sie Küfermeister bei Berghaus sind.«

»Is des so was Nobliges?«

»Für mich gewiß. Denken Sie nur, ich war noch nie in meinem Leben in einem großen Weinkeller.«

»Do kommt man auch so leicht nit rein. Des kann ich Ihne aber sage, wenn mir Ihr Ohreöl hilft, dann führe ich Sie uff eigene Verantwortung in unseren Keller. Do is des Radiesche gut defür.«

»Sie heißen hier wohl allgemein Radieschen, Sie nehmen das Wort nicht krumm?«

»Ich heiß Radieschen wege mei'm Kopp. Sie sehen selbst, ich hab' en kleine Weinkopp, nenne mer's Kind beim Name, aber wann ich auch e bissel behäbig bin, ich hab' doch nie e Hoor 122 in de Arbeit gfunde. Jesses, ich muß fort, wir fülle jo de Musenhang ab. Also Herr Ohredoktor, wie geredd so gebabbelt.«

Er poltert hinaus, ich höre seine Schritte auf dem Straßenpflaster.

Der Wirt, der Bettladenwirt, steht an meiner Seite.

»Das is'n Mann, des Radiesche, der braucht schon 'n Schoppe fors Maul auszuschwenke.«

»Ein lustiger Mann, das muß ich sagen. Und der Herr Bastian Berghaus, der muß ja eine Persönlichkeit sein, weil alle Welt ihn kennt?«

»Nit zuviel g'sagt, lieber Freund, e weitgereister Mann, kennt die ganze Welt. Un hat schon viel getan für die Pfalz, für den Weinbau un die Weinkultur. Un des kann ich Ihnen unter vier Augen sagen: Wie die Franzmänner im Land waren un des Separatistegesindel, do hat der Mann, der Herr Bastian Berghaus, sein Grund und Bode un sein ganz Vermögen uffs Spiel g'setzt. Anno dreiundzwanzig habe sie ihn über de Rhein gejagt, nachts hat er flüchtig gehe müsse, uff'm Fahrrad is er nach Germersheim un dort vom Altwasser aus über den Rhein.«

Der Bettladenwirt redet im Flüsterton, und jetzt kommt er ganz nahe herbei und zischelt mir ins Ohr.

»Sie werden gehört haben von dem – peng peng! – – in Speyer, im Wittelsbacher Hof, do habe se dene traurige Lumpen und Verräter e Kleinigkeit Blei zu schlucke gebe. Der Herr Bastian – – war nit ganz unbeteiligt an der Sache. Die Fäden gehen nach Heidelberg, dort war auch der Herr Berghaus. Damals war er sechsundvierzig, jetzt is er 123 achtundfünfzig, aber ich sage Ihnen, der haut noch dem Teufel 's Ohr ab.«

»Und seine Frau Karola?«

»Die Frau Karola kann ma losse, wie sie is. Hat e bissel was Exotisches, wie kann des anders sein. Der Herr Berghaus hat Beziehungen zu Kalifornien. Pfälzer sind vor Jahren schon nach Kalifornien, e Deidesheimer hat dort große Obstplantagen angelegt un is e reicher Mann geworde. Seine Nachkommen sind als Obstzüchter bekannt. Vor fünf Jahren is Berghaus wieder übers Wasser, er hat in Kalifornien den Obstbau studiert, er hat immer große Plän im Kopf. Da hat er sich auch die junge Frau Karola mitgebracht.«

»Man erzählt sich von ihrem Vogelhaus?«

»Exotische Launen, versteht kein Hutmacher. Aber der Herr Berghaus is e Mann mit große Raupe im Kopf. Immer was Neues un immer was Neues.«

»Das wird den Dichter Alex freuen, der will ihn ja für die Schnecken begeistern.«

»Wenn die Sache Hand und Fuß hat, dann is der Herr Bastian die richtig Adreß. Hoppla, seh'n Sie, do kommen zwei aus dem Vogelhaus. Die halten jetzt hier ihre Brotzeit.«

Zwei wunderliche Burschen betreten die Bettlade.

»Der Dürre is der Salto, un der Kleine mit dem Strohhut is der Elwetritsch«, sagt der Bettladenwirt.

Wirklich, zwei komische Gesellen, zwei Wunderblüten der Schöpfung, der Salto und der Elwetritsch. Sie tragen Leinenanzüge, genagelte Stiefel und Ledergamaschen. Was für merkwürdige Namen sie haben.

Der Salto ist ein magerer Mensch mit einem schmalen Gesicht und einer kräftigen Nase, die sich aufdringlich 124 hervortut in diesem etwas komödiantischen Gesicht. Der Hals ist lang und sehnig, die Brust im Verhältnis zum übrigen Körper breit und gewölbt. Er mag dreißig Jahre alt sein, die Bewegungen sind lebhaft und haben etwas einstudiert Schaubudenhaftes. Er trägt eine alte, braune, fleckige Baskenmütze.

Der andere, der unbegreiflicherweise Elwetritsch heißt, ist klein und in sich viel dürftiger, wenn er auch rundlich und fett erscheint. Sein Gesicht ist glatt und ähnelt fast einem Kinderluftballon. Er hat Sommersprossen, die Haare sind rötlich, über den sanften Augen sind nur weißlich schimmernde Spuren von Augenbrauen festzustellen. Der Mann schwitzt, Perlen stehen auf der Stirn, der ganze Körper scheint feucht, er hat das Hemd geöffnet, fährt sich, vom Schweiß bedrängt, hinter den Halskragen und wischt das speckige Band innen im Strohhut ab.

»Zweimal Saft, bitte«, ruft der Salto und ist aufgekratzt. Er pfeift durch die Zähne und jetzt – – was macht denn dieser drollige Kauz aus Karolas Vogelhaus?

Auf dem Stuhlsitz macht er einen Handstand, Donnerwetter. Da balanziert er auf den Händen, die Beine stehen nach oben, er klappert mit den Absätzen.

Der Elwetritsch lächelt sanft und schwitzt. Die anwesenden Gäste sind vergnügt und klatschen ihm Beifall.

»Wirklich zwei aus der Menagerie der Welt«, sage ich leise zum Bettladenwirt, der ihnen den Wein bringt. Sie kramen Eßbares aus ihren Beuteln und fangen zu kauen an.

»Ohne Eintritt zu sehen«, flüstert der Wirt.

»Was für Menschen sind es?«

»Gefangene Tippler.«

125 »Vögel in Käfigen?«

»Zwei von Frau Karolas Lieblingen. Der Salto war ein großer Artist, Luftakt. Er hat einen Finger verloren, aus war's mit ihm.«

»Und der andere? Warum heißt er Elwetritsch?«

»Nach dem Vogel Elwetritsch, des is e Vogel, den's gar nit gibt, ein sagenhafter Vogel, ein Spuk, verstehen Se?«

»Ach so, und der Mann – –«

»– – is ein ganz seltener Zwitscherer. Denken Sie bloß, zu dem kommt alles Viehzeug, auch das wilde Getier, Hasen und Rehböck un Fasanen. Nit zu glauben.«

»Salto, mach die Kreuzbiegung«, ruft ein Winzer vom Tisch herüber. Salto läßt sich das nicht zweimal sagen. Er biegt das Kreuz, bis die Hände den Boden berühren, überschlägt sich nach rückwärts und läuft auf den Händen durch die Gaststube.

Der Elwetritsch lächelt und wischt sich mit einem roten Taschentuch die entblößte Brust ab.

»Bei der Hochzeit«, ruft der Salto und schneidet eine Zirkusfratze, »bei der Hochzeit werdet ihr ein Wunder erleben. Auf das hohe Seil, meine Herrschaften. Ich spanne ein Seil über den Gutshof und tanze Seil zu Ehren von Fräulein Ursula.«

Ich erschrecke, ein boshafter Schlag trifft mich aus dem Hinterhalt.

»Was meint er mit der Hochzeit?« frage ich den Wirt. Wieder friere ich, eine gräßliche Angewohnheit, immer gleich zu frieren. Dort sitzt der Elwetritsch und kann sich vor Schweiß nicht retten, ich aber friere wie ein Hund im Winter.

126 »Es findet demnächst e Hochzeit statt bei Berghaus. Eine Sängerin is aus Kalifornien gekommen, berühmt, sage ich Ihnen, ihr Bild war in der Illustrierten – –«

»Soso«, sage ich und fange auch noch zu zittern an, »soso, nun das interessiert mich nicht – – sehen Sie nur den Elwetritsch an.«

Der Elwetritsch steht am offenen Fenster und hält die flache Hand mit Brotkrumen hinaus. Da kommen die Spatzen und Buchfinken an, sie umflattern und umzwitschern ihn, setzen sich auf seine Hand und picken die Brotkrumen.

Welch ein Hexenkabinett. Was geschieht denn mit mir, ist das alles nur ein verrückter Traum! Ursula und immer wieder Ursula. Der Mann im Netz, immer gegen die engen Maschen stoßend. Seiltänzerei bei ihrer Hochzeit. Ein Mann mit Spatzen auf der Hand. Ein Mann, auf den Händen laufend. Ein Mann im Netz.

Gebt mir frische Luft, meine Freunde.

Luft, ich ersticke. Es ist furchtbar, in einem Netz zu hängen. Ich verlasse die Bettlade.

Durch die Weinberge steige ich hinauf bis zum Wald. Dort setze ich mich auf einen Fels und bin still und nachdenklich. Ich bin früher nie so still gewesen und auch nie so traurig. Gewiß, ich freue mich ja auch, weil es so lustige Geschöpfe Gottes gibt, weil diese Erde so reich bedacht ist mit kuriosem Spielzeug, weil ich selbst lebe und Allotria treibe.

Ich hätte nicht nötig, traurig zu sein. Seht, ich traf einen Mann, der mir Rosen von Schiras gab, ich traf einen Mann, der sich mit Zweizeilern durchs Leben schlägt, ein Dritter hat mit der Hebamme geschnupft und wieder ein anderer zog aus, um eine wundersame Frau aus einem fernen Land überm 127 Meere zu holen. Übrigens kriecht hier eine Weinbergschnecke. Recht vorsichtig geht sie zu Werk, tastend, prüfend, maßlos mißtrauisch. Ich mache eine kleine Bewegung, schon zieht sie ihre Hörner ein. Nun wandert sie dahin, eine glitzernde Fährte hinterlassend, ihr wundervolles Haus glänzt in der Sonne.

An Alex denke ich, an zehn Millionen Schnecken, an Kräuterbutter.

128 Nie ist dieses Gespensterleben zu begreifen.

Weinberge, überall Weinberge. Himmel und goldene Sonnenstraße. Rauch aus Schornsteinen, schwankende Kuhgespanne. Und über mir rauscht der Wald, der Bruder der Ewigkeit. Immer wird es Wälder geben.

Oh, wie ich den Wald liebe.

Oh, wie ich Ursula liebe!

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