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Die sieben Glückseligkeiten

Roland Betsch: Die sieben Glückseligkeiten - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie sieben Glückseligkeiten
authorRoland Betsch
year1938
firstpub1934
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDie sieben Glückseligkeiten
created20160930
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Genau genommen, war es eine anmutige Torheit, als jener badische Herzog Karl die Stadt Karlsruhe gründete. Nur weil er einmal, inmitten vieler Schnaken, ausruhte, gründete er eine Stadt mit fächerförmigen Straßen. Erfahrene Städtebauer behaupten, man hätte die Stadt entweder ganz an die Schwarzwaldberge oder ganz an den Rhein legen sollen. Die Karlsruher selbst sind schlau und ziehen Vorteil aus dem Zwiespalt der Lage, dergestalt nämlich, daß sie heute Karlsruhe an den Rhein legen und morgen in den Schwarzwald, wie es ihnen gerade günstig erscheint.


Auf der Kaiserstraße in Karlsruhe befindet sich eine Plakatsäule, dort steht zu lesen: Badisches Staatstheater. Gastspiel Ursula Ulrichs, San Franzisko. So steht hier zu lesen. Kein Traum, keine romantische Angelegenheit.

Gastspiel Ursula Ulrichs. Die Bohème. Oper von Puccini. Mimi: Ursula Ulrichs.

Ich kann immerzu vor der Plakatsäule stehenbleiben, ich brauche im Leben hier nicht mehr weg zu gehen. Es regnet heute, es ist kein erfreulicher Tag. Ein warmer Mairegen gießt boshaft auf mich hernieder. Nein, ich verlasse die Plakatsäule nicht, Regen ist gesund, Regen ist nützlich, die Mairettiche werden wachsen und die Spargeln.

Mimi: Ursula Ulrichs.

Ursula, man erinnert sich doch an Ursula, an das dunkle Kind. Vorsicht, Hexenstrumpf!

Alle Menschen rennen an der Plakatsäule vorbei, niemand bleibt stehen und liest. Ich könnte euch etwas erzählen, da würdet ihr Augen machen. Wenn ich auch hier verregnet und 84 einsam stehe, ich wäre imstande, mich bei euch in ein großartiges Licht zu setzen. Nicht jeder ist mit einer Sängerin bekannt, gut bekannt, darf ich ruhig sagen, es wird nur wenige geben, die mit einer berühmten Operndiva im Rheinwald, auf einer Insel namens Floßgrün – – mehr sage ich nicht. Niemand darf wissen, daß ich mit ihr geräucherte Aale gegessen habe, daß sie gestottert hat und im Zauberdickicht des Rheinwaldes mit mir in einem alten Fischerboot saß. Ein Geheimnis ist um mich und Ursula, und dieses Geheimnis läßt mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Ich grüble, früher habe ich nie gegrübelt, mögen Philosophen grübeln.

Mimi: Ursula Ulrichs.

Möglich, daß sie unser Verhältnis noch nicht enthüllen will; daß verschiedene Umstände sie zwingen, die Aale und den Rheinwald zu verheimlichen.

Höchste Zeit, daß ich mir eine Eintrittskarte hole. Ein großer Schreck durchfährt mich; ich bin ein berühmter Pechvogel, ich wundere mich nicht, wenn es keine Eintrittskarten mehr gibt.

Durch den klatschenden Regen renne ich nach der Theaterkasse und erhalte noch eine Karte für die Galerie.

»Ist die Sängerin berühmt?« frage ich.

»Sehr berühmt und sehr beliebt«, sagt das Fräulein mit den rotbraunen Haaren, »sie kommt aus Amerika.«

»Danke, vielen herzlichen Dank. Ich bin naß vom Regen, ich habe an einer Plakatsäule gestanden.«

Ich glaube, Ursula nimmt mich nicht ernst. Wie sollte sie, die unter so vielen Künstlern wie ein Wandelstern kreist, die in der Welt umherzieht, die bejubelt wird, umschwärmt und umworben, wie sollte sie ihr Herz an einen Buchhändler mit vier Schaufenstern verlieren, an einen Menschen, der schon 85 einmal einen Knopf verschluckt hat und um ein Haar daran erstickt wäre.

Abends klettere ich auf die Galerie, tadellos trocken, im frisch gebügelten Anzug.

Parkett, Logen und Ränge wimmeln von Menschen, es ist ein wahrer Hexensud. Lichterfluten stürzen aus vielen hundert Glühbirnen. Im Orchesterraum sitzen schon die Musiker und stimmen ihre Instrumente.

Auf der Galerie hier ist es wie in einer Bücklingskiste. Wenn die Leute wüßten, wer ich bin, sie würden sich anders benehmen, sie würden mir Platz machen und sich nicht so breit und fett hinsetzen, wie es mein rechter Nachbar tut. Er hat Watte in den Ohren, sicher hat er Ohrenweh. Wenn der Mann nicht so geschwollen täte, ließe ich vielleicht mit mir reden, ich meine wegen meines Gehöröls. Wie bekannt ist, besitze ich ja ein Fläschlein Gehöröl, das ich von Herrn Häutle erstanden habe.

Der Mann spielt sich auf, als ob er die Bohème allein komponiert hätte, so nebenbei, zwischen Frühstück und Mittagessen.

Ich rate ihm nicht, sich irgendwie abfällig über Ursula zu äußern, das könnte ihm übel bekommen.

Kaum habe ich das gedacht, da sagt er auch schon: »Bin mal gespannt, was für ein fremder Braten uns da wieder aufgetischt wird.«

Mit dem fremden Braten meint er Ursula, es besteht kein Zweifel. Ich stoße vor und schaue ihm drohend ins Gesicht.

»Wieso Braten? Wen meinen Sie mit dem Braten?«

»Den Gast meine ich, den amerikanischen Braten, gewiß wieder eine dritte Garnitur.«

86 »Sie haben ja den Braten noch gar nicht gerochen. Wer Watte in den Ohren hat – –«

»Kümmern Sie sich nicht um meine Angelegenheiten.«

»Ruhe!« ruft von hinten eine Stimme. Einige Galeriebeflissene recken die Hälse, der dicke Mann nimmt eine streitsüchtige Haltung an, seine Augen werden rund und gedunsen, die Unterlippe schiebt sich vor.

Eine liebenswürdige Frau, die links neben mir sitzt, will versöhnend wirken.

»Haben Sie schon mehr Opern gesehen?« fragt sie mich und lächelt; sie hat einen fetten Mund, weil sie nämlich ein Schinkenbrötchen verspeist hat.

»Natürlich«, antworte ich ihr, »aber natürlich; erst in letzter Zeit habe ich wieder einige Opern gesehen, ›Maria Stuart‹ und den ›Gewissenswurm‹.«

87 Hört nur, wie sie im Umkreis meckern und sich freuen, die Bänke wackeln, so ehrlich freuen sich die Galeriekartenbesitzer, weil sie glauben, in mir einen Dummen gefunden zu haben.

»Das sind doch keine Opern«, kichert die liebenswürdige Dame.

»Und so was mischt sich in Kunstgespräche«, brummelt der dicke Mann und schiebt die Unterlippe noch weiter vor. Es wäre mir ein leichtes, diesem Nebenmann die rechte Antwort zu geben, sofort könnte ich ihn zum Schweigen bringen.

Mein Herr, könnte ich sagen, ich sitze nur aus Laune hier, aus schrullenhafter Liebhaberei; genau genommen, gehöre ich in die Fremdenloge, in die Proszeniumsloge, dort, wo die Männer im Smoking und Frack und die Damen in Samt und Crêpe de Chine ihre Polstersessel innehaben. Dort wäre mein eigentlicher Platz, und wenn Sie mich fragen, warum, dann sage ich Ihnen, weil ich die amerikanische Sängerin kenne, weil ich sie sogar gut kenne, viel besser, als man hier auf dem Olymp ahnt. Nicht nur, daß ich mit ihr Räucheraale gegessen habe, nein, es wäre da von einem Abenteuer im Rheinwald zu berichten, das nicht gerade alltäglich genannt werden kann, ich will nicht prahlen.

»Junge Dachse«, knottert der Mann fort, »sollten erfahrenen Theatergängern – – –«

»Meinen Sie mit den jungen Dachsen – – –«

»Ich meine, wen ich meine.«

»Der Ausdruck amerikanischer Braten – –«

Er muß husten, der Kragen wird ihm zu eng.

»Schscht! Psst! Ruhe, es geht los!«

Der Zuschauerraum verdunkelt sich, das Chaos der Stimmen verebbt, noch klingt es wie ferne rauschendes Wasser, dann 88 wird es still. Einige Nervöse hüsteln und räuspern sich. Mein Nachbar nimmt die Watte aus den Ohren. Der Vorhang geht auf.

Zu weit scheint mir die Entfernung zu sein von hier bis zur Bühne, eine ganze Welt liegt dazwischen, eine unsichtbare gläserne Wand, ein luftleerer Raum, unmöglich wird es sein, diese Entfernung zu überbrücken. Was haben denn die letzten Tage aus mir gemacht? In ein Netz haben sie mich gelockt, ein raffinierter Fischer hat mich in seinem Garn gefangen.

Von der Decke der Bühne hängt ein Mikrophon herab, die Aufführung wird also übertragen, durch alle Lüfte und Winde und Wolken rast sie, jeder Ton ein galoppierendes Pferd, ein Zauberpferd, das sich millionenfach teilt und spaltet. Jeder Mensch kann Ursula singen hören, der Gelehrte in seiner Studierstube, der Kranke im Spital, der Walfischfänger in der Nordsee und der Glöckner auf dem einsamen Turm.

Ich kenne diese Oper genau, keine zwei Minuten mehr und Ursula muß durch die wackelige Leinwandtür auf die Bühne treten. Jetzt ist sie da, dem Himmel sei Dank, mein Herz steht nicht still; es schlägt weiter, nur lauter schlägt es und wie ein Hammer.

Ursula, welche Anmut.

Ursula, wieviel Zauber geht von dir aus!

Warum friere ich denn so furchtbar? Wir sind im Mai, hier ist es warm und dunstig, ich aber friere.

Des Himmels Engel singen in dir, Ursula, goldene Kugeln strömen aus deinem Munde.

Genau erkenne ich dich unter der Schminke; deine Augen, deine Stirn, deine Wangen und den – – den Mund, den ich – – ich – – ich – – geküßt – – habe!

89 Jeder Ton aus deiner Vogelkehle ist mir ein Geschenk der Welt, jede Bewegung rührt mich bis tief in meine Brust hinein, ich kann nichts tun, als hier sitzen und frieren. Zugestanden, die kleinen dunklen Mächte stellen mir ab und zu ein Bein, aber alles Pech meines Lebens gegen die Gnade dieser Stunde. Wie lange sitze ich hier? Bin ich ein Jahr älter geworden? Der Vorhang sinkt.

Wasserfälle, Überschwemmungen, tosende Katarakte.

Nein, das ist der Beifall.

Ursula vor der Rampe, immer wieder vor der Rampe.

Ich heule nicht, das ist nur Entspannung, Wirkung von Akkorden, weiß der Himmel, was es ist. Tränen sind es, gewiß, aber bitte mich nicht für weichlich und sentimental zu halten. Was heißen Tränen? Wenn man Meerrettich reibt, kommen auch die Tränen. Tränen beweisen nichts. Ich wische sie aus den Augen, es ist hell überall, eine unangenehme Helle.

»Das Licht tut einem in den Augen wehe«, sage ich zu der liebenswürdigen Dame. Die Dame lächelt.

»Wundervoll«, stellt sie fest, »nicht wahr, wundervoll. Ist sie eigentlich verheiratet?«

Der dicke Mann mischt sich ein, er kneift ein Auge halb zu, er macht eine Schnecke aus seinen Lippen. Spott überkräuselt sein Gesicht.

»Es fehlt ihr an der Stütze.«

»Woran fehlt es?« frage ich und fixiere sein Kinn.

»An der Stütze.«

»So, an der Stütze? Sie reden von Stütze, wo Sie von Grütze reden sollten; an dieser nämlich fehlt es Ihnen.«

»Werden Sie nicht ausfallend; Sie kommen anscheinend nur ins Theater, um zu krakeelen; um Händel zu suchen.«

90 »Ich kann es nicht dulden, daß eine Dame, eine weltberühmte Künstlerin – –«

»Hehehe, weltberühmt! Kritik ist frei, jeder Theaterbesucher hat das Recht, zu kritisieren. Verschonen Sie mich mit Ihren albernen Bemerkungen.«

Er greift in die Tasche und wickelt ein Eßpaket aus. Ißt Knoblauchwurst und Schwarzbrot. Ein Duft verbreitet sich, als ob man in Schwetzingen wäre.

»Sie reden von Stütze und essen dabei Knoblauchwurst. Hier ist eine Luft, die meinen Freund, den Dichter Alex, beglücken würde. Dieser Alex will in Gegenden, wo wilder Knoblauch wächst, Sanatorien errichten. Hier ist aber kein Sanatorium.«

»Aber Sie gehören in eines hinein«, sagt der Dicke und kaut schmatzend weiter.

»Wenn jemand schon von Stütze redet – was meinen Sie überhaupt mit Stütze; bitte, was verstehen Sie unter Stütze?«

Die Galerieumgebung freut sich, die Nachbarschaft hat eine angenehme Abwechslung während des Szenenwechsels.

»Er hat es nicht so schlimm gemeint mit der fehlenden Stütze«, flötet die Dame links, »man sagt das nur so hin. Was meint er überhaupt mit der Stütze?«

»Stütze, das ist ein gesangstechnischer Ausdruck«, meldet sich eine Stimme hinten, »die Gesangsstütze liegt im Brustkorb, sie – –«

»Ich lasse mir meine Wurst nicht verbieten!«

»Schscht! Ruhe, es geht weiter. Still jetzt da vorne.«

»Man weiß noch lange nicht«, trumpfe ich noch rasch auf, »ob es nicht Pferdewurst – –«

Der Vorhang geht hoch.

Ich will meine Umgebung vergessen, Wurst und Watte 91 sind mir einerlei, ich will sitzen wie in einem klaren Kristall, durch dessen glitzernde Fläche die Akkorde schwingen. Ich will ein Taucher sein und hinabtauchen in ein Meer der Liebe und Schönheit. Ursula singt, Ursula verklärt die Zeit.

Sprach ich nicht vom Walfischfänger? Hoch am Sturm kreuzt er durch nördliche Zonen, vielleicht ist Treibeis in Sicht, Vögel segeln im Odem des Sturmes, die Brecher gehen über Bord, eine Regenbö stürzt schaudernd auf das Schiff.

Unten sitzt ein Mann in der Kajüte, alles Gerät ist festgeschraubt, er muß sich irgendwo anklammern, sonst wirft ihn diese Affenschaukel über den Haufen.

Was macht der Mann? Putzt er Fische, schärft er Harpunenhaken, liest er einen Kriminalroman, betäubt er sich mit Punsch und steifem Grog? Liegt er da und schläft, schnarcht, träumt, segelt durch die Welt, steigt in seinem Traum auf gespenstischen Stelzen über sein Walfängerdasein hinaus und schmückt sich mit einer Königskrone?

Nichts von alledem. Er schraubt am Empfangsgerät.

Jetzt hört er Ursulas Stimme.

Auf Welle 609 hört er Ursula Ulrichs, gastierend als Mimi im Staatstheater Karlsruhe.

Ja, das hört er, deutlich und rein, als ob er selbst im Theater säße, oben auf der Galerie, wo – – furchtbar tobt die See, die Kajüte dreht sich wie ein Hexenrad, Wasser klatscht tobend gegen die Bullaugen – – wo auch noch ein Buchhändler sitzt, ein Pechrabe und Glücksritter, ein Segler auf Landstraßen, ein Kraftfahrer mit einem merkwürdig erworbenen Motorrad. Auf dem Schiff singt Ursula – Wal in Sicht, ruft oben ein Mann am Ausguck, klar Harpunenkanonen – Ursula singt weiter. Bald färbt sich das Meer 92 rot von Blut – – Ursula singt. Im vierten Akt muß sie sterben. Es gibt keinen Ausweg, sie muß sterben. Ich muß mich festhalten an der Brüstung, um nicht zu schreien; ein Ton, ein Hilferuf sitzt in meiner Kehle, er will heraus, ich ersticke. Hat sie alles vergessen, den Rheinwald, den Angler, das alte Boot, das Versprechen? Legt man sich einfach hin und stirbt?

»Ssst! Schsch! Ruhe!«

Was denn, wo denn? Ist der Wal aufmerksam geworden, ist das gewaltige Tier vergrämt? Ein Fehlschuß?

Licht; dem Himmel und allen Heiligen sei Dank, Licht. Der Kronleuchter, der mir fast vor der Nase hängt, schlägt plötzlich seine hundert Augen auf.

Klatschen, Rumoren, Spektakeln, Trampeln.

Ein Mann steckt Wattepfropfen in die Ohren. Wer ist der Mann, ich kenne ihn, er hängt irgendwie mit Knoblauchwurst zusammen.

Ursula ist nicht tot, es war ein Irrtum, ein Komödienspiel, ein Theaterschwindel war es.

Ursula lebt. Unten auf der Bühne lebt sie und wird immer wieder beklatscht.

Auch andere Künstler werden beklatscht, Dirigent und Regisseur, Maschinenmeister und Bühnenbildner, alle nehmen Huldigungen entgegen, wie im Kindergarten haben sie sich an den Händen gefaßt, sie müssen gewiß unter sich gut befreundet sein und sich gegenseitig lieben, eine einzige große Eintracht muß unter ihnen herrschen, seht nur, wie sie sich an den Händen gefaßt haben und lächeln. Es sind gute Menschen, man muß sie bewundern. So friedvoll und in Harmonie, so ganz ohne Neid und Scheelsucht sollten alle Menschen untereinander leben, es wäre schöner auf dieser Welt.

94 Kein Ende des Beifalls. Ursula muß zuletzt vor den Eisernen, die Menge wünscht es. Ich brülle meine Hurras und Bravos, daß der Kronleuchter zittert.

Die Galerie ist schon leer, Lichter verlöschen, es wird immer dunkler um mich.

Eine enge Treppe führt nach unten, es ist so kahl und nüchtern, das Echo meiner Schritte kommt aus allen Ecken und Winkeln, ich wundere mich nicht, wenn hier Mäuse laufen. Die Nacht draußen ist voller Lichterglanz.

Menschen, feierlich gekleidet, eilen zu ihren Autos, Motoren schnurren, Scheinwerferaugen öffnen sich gleißend, weiße Lichterkegel schieben sich in die Schwärze des Schloßgartens.

Ich stehe am Portal und schaue dem festlichen Treiben zu. Alles, was um mich herum geschieht, geschieht um Ursulas willen, es ist kaum zu Ende zu denken. Soviel Aufwand für dich, Ursula. Der Platz leert sich. Geräusche verebben, die Schutzleute verlassen das Szenarium, das ihrer Obhut anvertraut war.

Mich aber hält der alte Steinkasten wie ein Magnet, ich finde den Theaterbau schön, angenehm und sympathisch. Ich könnte hier wohnen auf weiß wie lange Zeit, jeder Stein ist mir lieb und jede alte Tür. Auf die Treppe könnte ich mich setzen und ganz zufrieden sein.

Ich gehe noch nicht fort, wohin sollte ich gehen, es gefällt mir hier, die Mainacht ist warm, über mir glänzen Sterne, und vom Botanischen Garten kommt ein Rauschen und Plätschern. Uralte Brunnen verströmen ihre Wasserkunst, wenn ich Glück habe, singt eine Nachtigall.

Nein, ich gehe noch nicht fort, hier ist mein Platz, hier geht das Glück um, ich warte auf seine gute Kameradschaft. 95 Überall sind die Lichter erloschen, ein einziger Eingang nur ist schwach erleuchtet, ich will hingehen und Umschau halten. Dort steht auch noch ein Auto, stumm und starr sitzt der Lenker auf seinem Sitz und wartet.

»Die Vorstellung ist wohl zu Ende?« frage ich. Warum frage ich so töricht?

»Ja«, sagt er, »schon lange.«

»Sie warten hier gewiß auf einen verspäteten Besucher?«

»Nein, es ist der Wagen des Herrn Intendanten.«

Ich trete ins Dunkel zurück. An der erleuchteten Tür steht: Eingang nur für Bühnenmitglieder. Ich lehne mich gegen die kühle Steinmauer.

Wie leise das Wasser rauscht. Duft fremder Blüten weht vom Botanischen Garten her. Vielleicht sind es Orchideen, Nachtgewächse mit weit geöffneten Blütenkelchen. Wer weiß, ob dieser Duft nicht giftig ist, betäubend und betörend, ein Fallstrick der Natur.

Jetzt, da alle Lichter gelöscht sind, werfen die Sterne ihren ganzen Lichtzauber aus. Immer wenn es geregnet hat und der Himmel aufklart, vergeuden die Sterne ihren Glanz.

Die Tür zum Bühneneingang öffnet sich.

Drei Gestalten schreiten über den Platz auf das Auto zu. Eine Dame und zwei Herren.

Ursula!

Ich erkenne sie zwischen Dunkel und Schatten. Das ist Ursula. Der erste Herr eilt auf das Auto zu.

Der zweite Herr empfängt Ursula; zärtlich duldet sie seine Umarmung. Sie schaut zu ihm auf und lehnt den Kopf gegen seine Schulter.

96 Ich presse meinen Körper an die Mauer, bebend und zitternd kralle ich meine Hände in das Gestein.

Einen Augenblick bleiben sie stehen unter dem Mantel der Nacht. Er streicht über ihre Wangen, sie neigt sich ihm fester zu, sie sind ein glückliches Paar unter den Sternen. Sie steigen alle in das Auto, und dann fährt das Auto fort. Nie in meinem Leben war ich so allein.

Ich gehe dem Rauschen nach, der Stimme des Wassers.

Ein kleiner Teich, ein Wasserrondell mit einem Springbrunnen. Der Springbrunnen springt nicht, er ist müde geworden und schlafsüchtig, nur kleine Wassermengen entströmen ihm, es ist, als ob er am Verbluten wäre.

Im Wasser schwimmen Fische, ich kann sie deutlich sehen, nur langsam sind ihre Bewegungen. Sie schlafen, und im Schlaf rudern und treiben und gleiten sie durch ihre feuchte Welt.

Es ist gar nicht einmal gesagt, daß der Mann Ohrenweh hatte, es gibt Menschen, die tragen aus alter Gewohnheit Watte in den Ohren.

Wenn ich nach Sizilien fahren will, dann wird es Zeit, daß ich mich davonmache. Ein weiter Weg, ein paar tausend Kilometer.

Das Wasser hier ist kühl, wenn man beide Hände eintaucht, fühlt man die Kühle bis ans Herz. Das Mädchen Marlena hatte Angst vorm Wasser. Toll, auf einem Schiff zu leben und Grausen vorm Wasser zu haben. Einmal träumte ich von Marlena, ich habe es noch keinem Menschen erzählt. Sie trieb im Wasser dahin, ein lautloses Schiff. Auf dem Rücken lag sie, die Haare schwammen wirr zerteilt im 97 Strom. Sie war bleich im Gesicht, nur die Narbe an der Stirn leuchtete wie eine rote Blüte.

Ein dicker Goldfisch ist ganz in meiner Nähe, ihn interessieren meine Hände, er kann seine Neugierde nicht bezähmen. Alles, was lebt, ist neugierig. Die Neugierde ist allen Lebewesen gemeinsam.

Ich selbst bin neugierig, was für eine Bewandtnis es mit dem Angler hat, mit dem Wächter am Strom, mit der Ähnlichkeit und mit dem Verfasser der sieben Glückseligkeiten. Ich will ihn noch einmal aufsuchen, bevor ich nach Sizilien fahre. Meine Bücher werde ich verschenken, die Sizilianer lesen keine Bücher.

Mir tut nichts weh, mir tut bestimmt nichts weh. Ich bin ganz still und ruhig. Ich brauche niemand, der mir beisteht. Da sitze ich am Wasser, am Teich. Dort sind die Fische. Das Wasser plaudert im Schlaf. Ich rede auch oft wirres Zeug im Schlaf, meine Mutter sagt es.

Ich bin ganz still.

Mir tut nichts weh. 98

 


 

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