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Die Sieben gegen Theben

Aischylos: Die Sieben gegen Theben - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleGriechische Tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides
authorAischylos
translatorJ. G. Droysen (Berlin 1832)
year1961
publisherDeutscher Bücherbund
addressStuttgart, Hamburg
titleDie Sieben gegen Theben
pages41-74
senderahipler@mainz-online.de
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Eteokles:
O gottverblendetes, o du gottverworfenes
Und allbeweintes, mein Geschlecht des Ödipus!
Weh mir! Des Vaters Flüche werden jetzt erfüllt.
Doch nicht zu weinen und zu jammern ziemt sich mehr,
Auf daß erzeugt nicht werde noch unselgrer Gram!
Mit rechtem Namen neid- und haderreich genannt,
Wird bald erkannt sein, wo hinaus sein Wappen zielt,
Und ob ihn heimführt jene goldgeprägte Schrift,
Die mit dem Wahnwitz seines Sinns im Schilde prahlt.
Ja, wenn ihm Zeus' jungfräulich Kind, wenn Dike ihm
Gedank und Taten lenkte, dann vielleicht geschäh's;
Doch nicht, da er des Mutterschoßes Nacht verließ,
Nicht seiner Kindheit, noch da er zum Jüngling wuchs,
Nicht als der Wangen erstes Haar sich dichtete,
Niemals hat Dike sein geachtet noch gehört.
Und jetzt, zum Elend seines Vaterlandes gar,
Wird sie, ich weiß es, nimmermehr ihm nahe sein;
Nein, eine Lüge wahrlich wär ihr Name dann
Gerechtigkeit, die einem Frevler Schutz verleiht!
Darauf vertrauend geh ich, stelle gegen ihn
Mich selbst; wer anders könnte mehr gerechter gehn?
So Fürst dem Fürsten, Bruder meinem Bruder, Feind
Dem Feind entgegen geh ich. – Reicht mir schnell den Speer,
Die Doppelschienen und des Steinwurfs sichre Wehr!

Chor:
Nicht, teurer König, Sohn des Ödipus, im Zorn
Nicht werde dem gleich, der das Ärgste arg gewagt.
Nein, schon genügt's, daß Kadmos' Bürger aus zum Kampf
Mit Argos' Volk ziehn; sühnen läßt sich deren Blut;
Allein von Bruderhänden blutger Wechselmord –
Die eigne Blutschuld läßt ihn nun und nimmermehr!

Eteokles:
Wenn irgend schmachlos alle Schuld zu tragen ist,
So sei's; denn einzig bleibt im Tode noch Gewinn;
Wer aber feig und schuldig, dem gib keinen Ruhm!

Erste Strophe

Chor:
Und du beharrst noch, Kind!
Laß dich von Ates kampfwildem Gelüst nicht hinreißen im Zorn;
Den Keim böser Begier, erstick ihn!

Eteokles:
Weil doch den Ausgang sehr der Gott beschleuniget,
So fahr zum Strom Kokytos, seinem Teil, der Stamm
Des Laios ganz hin, den Apollons Haß verfolgt.

Erste Gegenstrophe

Chor:
Wildes Verlangen reizt
Blutig dich auf, den Mord gar zu begehn, die fruchtbittere Schuld
Nimmer gesühnten Blutes!

Eteokles:
Es steht ja meines lieben Vaters arger Fluch
Mit trocknem, tränenlosem Auge neben mir
Und zeigt und nennt mir letzte Lust vor letztem Schmerz.

Zweite Strophe

Chor:
Laß dich betören nicht!
Nein, du erscheinst nicht feig, so du dein Leben wahrst;
Und es beschleicht der sturmnächtgen Erinnys Fuß
Nimmer das Haus, wenn dein Opfer empfahn die Götter!

Eteokles:
Längst schon vergessen haben auch die Götter mein;
Nur unsres Todes Opferblut erfreuet sie;
Warum denn jetzt uns flehend weigern noch dem Tod?

Zweite Gegenstrophe

Chor:
Tu's, da er jetzt sich dir
Nahete, weil vielleicht bald mit des dunklen Zorns
Schwindendem Wetter sanftwehend der Dämon dir
Wieder erscheint; doch jetzt stürmt er in wildem Wüten!

Eteokles:
Wohl stürmet furchtbar jetzt der Fluch des Ödipus,
Und allzu wahr wird meiner Träume nächtiges
Gebild, das blutig teilte meines Vaters Reich.

Chor:
Uns Mädchen folge, wenn auch ungern, tu es doch.

Eteokles:
Verlangt, was ich zu tun vermag; doch sagt es kurz.

Chor:
Geh nicht den Weg, Herr, nicht zum siebenten Tor hinab!

Eteokles:
Des Zornes Schneide stumpft ein Wort jetzt nicht mehr ab.

Chor:
Kampflosen Sieg auch ehren dir die Himmlichen.

Eteokles:
Der Krieger darf sich nicht getrösten dieses Worts.

Chor:
Du willst vergießen deines eignen Bruders Blut?

Eteokles:
Mit Gottes Hilfe flieht er nicht mehr seinem Tod!
(Der König mit Gefolge ab)

Erste Strophe

Chor:
Mich graust's! Die stammtilgende Zorngöttin, sie naht,
Die götterungleiche, die wahrhaftige Schulddeuterin,
Flucherinnys, zornmächtig in wutblinden Verwünschungen des Wahnsinns,
Ödipus' gräßlicher Fluch;
Brudervertilgend empört sich Haß jetzt.

Erste Gegenstrophe

Ein Fremdling jetzt würfelt ihr Los draußen im Feld,
Vom Skythenland kam er, ein vieltrauriger Erbteiler wohl;
's ist scharfschneidiger Stahl, welcher ihr Land blutig verteilt, jedem, wieviel ihm,
Fallend, zum Grabe genügt,
Seines, des größeren Reichs verarmet.

Zweite Strophe

Erschlügen jetzt beide Brüder,
Fielen sie beide wechselmordend,
Tränke der Erde trockner Staub
Der Leichname schwarzgeronnen Blut,
Wer wüßte dann Sühne noch?
Wer wüsche dann je sie rein? –
O neues Weh, der alten Schuld ihres Hauses beigemischt!

Zweite Gegenstrophe

Der Frevelschuld alter Zeiten
Denk ich, der rastlos gestraften,
Die fortgewährt ins dritte Glied,
Da trotz Phoibos' Willen Laios –
Obschon ihn dreimal gewarnt
Der pythischen Weltmitte Spruch,
Daß, wenn er stürbe kinderlos, seine Stadt er rettete –,

Dritte Strophe

Betört dann durch der Freunde bösen Rat,
Den Tod er erzeugte, den Sohn Vatermörder, den Ödipus sich,
Der drauf das heilge Saatfeld
Des Mutterschoßes, der ihn gebar,
Mit blutschuldigem Samen
Besät; die verworfene Brautnacht
Weihte blinder Wahnsinn.

Dritte Gegenstrophe

Ein Meer von Schuld brandet Wog um Woge her,
Sie senket sich, hebt sich zu dreifältigem Tosen geschwellt, bis sie wild
Jetzt ans Steuer der Stadt schlägt,
Indes die Mauern wenige Frist
Zum Bollwerke sich breiten;
Dann, fürcht ich, zugleich mit den Fürsten
Geht die Stadt zugrunde.

Vierte Strophe

Erfüllt wird jetzt der alterbenden Flüche Last, schweren Endes wahr;
Der emporsteigende Sturm zieht nicht vorbei,
Und über Bord ins Meer versinkt
Manch Kleinod bald des allzubeglückten Mannes.

Vierte Gegenstrophe

Denn wen noch haben so Götter, Freunde, Mitbürger hochgeehrt,
In der heimatlichen Stadt wen alles Volk
Wie Ödipus, der unsrem Land
Die Mannräuberin tilgte, das blutige Scheusal?

Fünfte Strophe

Sobald enträtselt
Die entsetzliche Ehe der Elende,
Da trug er nicht mehr seinen Schmerz,
Irrenden Geistes ersann er ein doppeltes trauriges Weh,
Schlug mit der Hand sich des Vatermordes
Das Auge, lieb wie liebste Kinder.

Fünfte Gegenstrophe

Bot seinen Kindern
Die zorngetränkte Speise dar,
Weh, weh! Das bittre Wort des Fluches,
Daß mit bewaffneter Hand um das Erbe sie blutig dereinst
Loseten; und es vollendet, fürcht ich,
Die schnelle Flucherinnys jetzt schon!

(Ein Bote tritt auf)

Bote:
Getrost, o Mädchen, ihr der Mütter liebste Sorg,
Dem Joch der Knechtschaft ist die Theberstadt entflohn,
In Nichts zurücksank unsrer Feinde stolzes Drohn;
In heitrer See schifft jetzt die Stadt, trotz allem Schlag
Der empörten Wogen hat sie kein gefährdend Leck;
Rings schützt die Mauer, und die Tore sind zumal
Mit viel bewährten Heldenkämpfern wohl verwahrt.
Es steht an sechs der Tore jetzt das meiste gut,
Jedoch das siebente nahm der hehre Siebenfürst
Phoibos Apollon, daß des Laios alte Schuld
Vollendet würde am Geschlecht des Ödipus.

Chor:
Welch neues Unheil brach herein auf unsre Stadt?

Bote:
Die Männer beide schlug in raschem Wechselmord –

Chor:
Wer fiel? Wie sagst du? Mich übertäubt dein Wort mit Angst!

Bote:
Sei ruhig, hör mich ruhig; Ödipus' Geschlecht –

Chor:
Ach, weh mir Armen, alles sah ich wohl voraus!

Bote:
Kein Zweifel bleibt mehr; ja sie beide sanken hin.

Chor:
Und kam es dahin? Hart, o hart ist's! Aber sprich!

Bote:
Ja, so erschlugen beide sich mit Bruderhand.

Chor:
Also gemein war beiden eines Dämons Zorn!

Bote:
Ganz tilgen mag er jetzt den unglückselgen Stamm.

Chor:
Wohl froh darüber magst du sein und weinen auch ...

Bote:
Daß unsre Stadt sich rettet'. Doch die Herrn der Stadt,
Die beiden Feldherrn, teilten mit dem skythischen
Gestählten Eisen ihres Reichs Gesamtbesitz;
Wieviel ein Grab deckt, bleibt des Landes denen noch,
Die durch des Vaters argen Fluch erschlagen sind.
So ward die Stadt frei; doch der Bruderkönige Blut,
Im Wechselmorde trank es ein der Erde Staub.
(Bote ab)

Chorführerin:
Du gewaltiger Zeus und ihr, Götter, der Stadt
Schutzwehr, die getreu ihr die Zinnen bewacht
Der kadmeischen Burg,
Ach, soll ich mich freun und dem Retter der Stadt,
Der des Grams sie befreit, Dank jauchzen?
Soll ich die gramreich, schuldreich, kindlos
Hinsterbenden Fürsten beweinen?
Sie in Wahrheit, wie es der Name verhieß,
Sind zwietrachtreich
In des Wahnsinns Frevel erschlagen.

Erste Strophe

Chor:
Finstrer Fluch, du zornerfüllter, an dem Geschlecht, an Ödipus!
Eiskalter Schauer rieselt mir in das bange Herz;
Den Grabgesang stimm ich an,
Der Thyias gleich, da tot ich sie,
Sie blutig tot und mordbefleckt ich hören muß; wohl traurig war
Dies Verbrüdern ihres Speers.

Erste Gegenstrophe

Nicht versagt hat, laut bekundet hat sich des Vaters grauser Fluch
Und fortgewuchert Laios' unbeugsamer Sinn.
Und meine Sorge endet nicht,
Der Götter Sprüche ruhen nicht!
Ihr Vielbeweinten, ach, von euch ward so vollbracht Unglaubliches,
Ach, ein unaussprechlich Leid!

Chorführerin:
Dort naht es sichtbar, dort des Boten Wort erfüllt!

(Die Leichen der Brüder werden gebracht)

Chor:
Zwiefacher Jammer!
Zwiefältiger entsetzlicher Wechselmord!
Zwiemordend Verhängnis blutig erfüllt, wie nenn ich's?
Wie sonst denn Grames Gram, der eingekehrt zu Haus und Herd?
Weh! Zu der Wehklage Wehn, o Mädchen,
Schlagt Haupt und Brust mit Gramgeleites Ruderschlag,
Mit dem dahinfährt über des Acheron öde Flut
Der jammerreiche, schweigende,
Schwarzbewimpelte Trauerkahn,
Der sonnenlose, phoibosunbetretene, allfahrende tief in das Reich der Dämmerung.

(Der Trauerzug ist hereingezogen; tief verhüllt kommen die Schwestern der erschlagenen Brüder aus dem Palast)

Chorführerin:
Und es nahn gramvoll zu der traurigen Pflicht
Sich Antigone und Ismene.
Und den Klagegesang, sie singen ihn bald
Selbst aus tiefbusiger liebender Brust,
Wie es fromm sich gebührt um der Teuersten Tod.
Uns aber geziemt's, vor ihrem Gesang
Der Erinnys trostlos Klagegeschrei
Und dem Hades dann
Helljammernde Hymnen zu singen.

Erste Strophe

Chor:
Io, Io! Toren ihr, mißtrauend den Treuen,
Alles Leides ungeschreckt, Unselge,
Das Vaterhaus wolltet ihr mit Macht fahn!

Unselige wohl! Unseliger Tod
Ward ihnen im Sturz des Geschlechtes!

Erste Gegenstrophe

Io, Io! Räuber ihr des Vaterhauses,
Beide bittrer Eigenmacht begierig,
Nun ausgesöhnt seid ihr durch den Blutstahl!

Ja, wahrlich, es hat jetzt Ödipus' Fluch,
Sich vollendet die hehre Erinnys!

Zweite Strophe

Durchbohrt beiden sieh die linke Brust!
O wohl, durchbohrt jammervoll
Von Bruderhand Bruderbrust!
Erschlagen, ach, nenn ich sie!
Weh euch, Brüder, des Wahnsinns,
Weh euch, Flüche zu wechselndem Mord um Mord!
Todwunde – nennst du wohl, was ihren Leib,
Ihr Geschlecht zugleich erschlug? –
In unsagbarer Wut,
In zwietrachtblutigem Mord
Schlug mit des Vaters Fluch!

Zweite Gegenstrophe

Geseufz hallet weithin durch die Stadt!
Es seufzt der Wall, rings erseufzt
Die teure volkreiche Flur.
Den Nachgebornen bleibt der Besitz,
Drum dich, arges Geschlecht,
Drum euch Hader und Haß in den Tod gestürzt!
Ihr Erbteil, Haß im Herzen teilten sie's,
Jedem gleich ein gleicher Teil.
Doch ihr Erbteil war
Zur Lust ihren Freunden nicht,
Nicht freundlich Ares.

Dritte Strophe

Durchbohrt vom Blutstahl, so liegen beide,
Durchbohrt vom Blutstahl, so harrt auf beide –
Du weißt es wohl, sag mir, wer?
Der Väter Grabstätte harrt!
In Wehklagen ihres Stamms hallt
Des Grames Grabgeleit, jammergeseufzt, tränenreich, herzzerreißend,
Jammererstickt, freudeverwaist, weinend im truglosesten Schmerz,
Daß in der Brust – ach, wie ich weine –
Mir das Herz bricht um die Fürsten beide!

Dritte Gegenstrophe

Wohl mag man gramreich begrüßen beide!
Soviel sie Gram reichten ihrem Volke
Und Schar um Schar allem Feind!
Ihr Vielverderblichen im Kampf!
Gramreich gar vor allen Weibern,
Soviel Kinder je trugen im Schoß, war, die geboren euch hat!
Welche den Sohn selbst zum Gemahl selber erkor, diese gebar,
Daß sie sich so mußten erschlagen
In dem Mordtausche der Bruderhände!

Vierte Strophe

Ja, Bruderhand, gar und ganz vertilgende,
In dem Gericht der Wut,
In dem verwilderten Haß,
Jetzt zum Beschluß der Zwietracht.
Nun ruht ihr Haß, in blutger Erde
Vermischt nun sich ihr Leben, ganz sind jetzt sie eines Blutes!
Der strenge Kampfschlichter ist der pontische,
Heißer Glut entstürzte Feind,
Zweischneidiger Stahl; Erbes strenger Teiler ist
Des blutgen Kriegsgottes Wut, der wahres End
Schuf des Vaters Flüchen.

Vierte Gegenstrophe

Ihr Teil erlost haben, ach! die Schuldigen
In dem verhängten Weh;
Unter den Leichen hinab
Dehnt sich ein endlos Erdreich!
Mit wehreich blühndem Jammer haben
Gekränzt nun sie ihr Haus, ein Festlied jauchzen laut zum Schlusse
Die Flüche, wildgellend Lied vom sinkenden,
Allgeschlagnen Heldenstamm!
Im Tor erhöht standen Atas Siegstrophä'n,
Wo beide Tod fanden, wo nach beider Tod
Schwieg der Dämon!

Antigone:
Getroffen trafst du!

Ismene:
Mordend sankst auch du dahin!

Antigone:
Mit dem Speer erschlugst du!

Ismene:
Von dem Speere sankst du!

Antigone:
Weh sinnend du!

Ismene:
Weh duldend du!

Antigone:
O strömt, ihr Tränen!

Ismene:
O strömt, ihr Klagen!

Antigone:
Tot liegst du!

Ismene:
Ein Mörder!

Antigone:
In meinem Busen wühlt der Schmerz!

Ismene:
Es bricht in meiner Brust das Herz!

Antigone:
Ach wehe, weh! Vielbeweinter du!

Ismene:
Und wieder ganz Unselger du!

Antigone:
Durch den Freund kamst du um!

Ismene:
Und den Freund schlugst du tot!

Antigone:
Zwiefaches Elend!

Ismene:
Zwiefache Klage!

Antigone:
Und wir nun diesem Jammer nah!

Ismene:
Wir, ihre Schwestern, den Brüdern nah!

Chor:
O Moira, nächtige Gramesspenderin!
Heiliger Schatten Ödipus'!
Und du, Flucherinnys,
Allgewaltig nahtest du!

Antigone:
Wehe, weh mir! Bittren Leides bittre Schau!

Ismene:
Die du mir reichtest heimgekehrt!

Antigone:
Nicht kam er heim, zu töten ihn!

Ismene:
Gerettet selbst, opfert' er sein Leben doch!

Antigone:
Opfert' er sein Leben selbst!

Ismene:
Und entriß es jenem auch!

Antigone:
Trauriges Geschlecht!

Ismene:
Trauriges ertrug's!

Antigone:
Doppelte Trauer des gleichen Grames!

Ismene:
Doppelt beweint in unendlichem Gram!

Antigone:
Trostlos sag ich's!

Ismene:
Trostlos seh ich's.

Chor:
O Moira, nächtige Gramesspenderin!
Heiliger Schatten Ödipus'!
Und du, Flucherinnys,
Allgewaltig nahtest du!

Antigone:
Da sahst du ihn hinabgesandt!

Ismene:
Nicht später sahst auch du ihn da!

Antigone:
Sobald du herkamst gegen ihn!

Ismene:
Den Speer emporhobst gegen ihn!

Antigone:
Trostlos sag ich's!

Ismene:
Trostlos seh ich's!

Antigone:
Weh mir! O Schmerz! O Schmerz!

Ismene:
Schmerz, Schmerz dem Geschlecht, dem ganzen Land!

Antigone:
Vor allen mir!

Ismene:
Weh, weh! und drüber mir noch!

Antigone:
Ach, weh der unselgen Not!

Ismene:
Eteokles, herrlichster Fürst und Herr!

Antigone:
Weh, weh! Ihr aller Müh Beladenste!

Ismene:
Weh, weh! ihr Unheiltaumelrasenden!

Antigone:
Ach, wehe weh! Wo begraben wir sie hin?

Ismene:
Ach, wo zumeist es ehrenreich!

Antigone:
Ja! Ja! Beim Vater, Gram bei Gram!

[ (Ein Herold tritt auf)

Herold:
Verkünden muß ich, was des Volkes hoher Rat
Der Stadt des Kadmos hat geboten und gebeut.
Eteokles, weil er treuen Sinn dem Land bewährt,
Soll seiner Heimat liebes Grab zur Ruh empfahn;
Denn ihren Feinden wehrend fand er seinen Tod,
Den heimischen Tempeln treu sich weihend fiel er da,
Wo jedem Jüngling schönster Tod zu finden ist.
Doch seines Bruders Polyneikes Leiche soll
Grablos zum Raub den Hunden dahingeworfen sein,
Von dem verwüstet läge dies Kadmeerland,
Wenn seiner Lanze nicht ein Gott entgegenstand;
Auch noch im Tode soll er so verworfen sein
Den Göttern seiner Väter, die er so mißehrt,
Daß er mit fremdem Volk die Stadt zu nehmen kam.
So denn von raubeinsamen, scheuen Vögeln wird,
Ehrlos begraben, würdger Ehren er sich freun,
Doch keine Hand ihn finden, die ihm ein Grab erhöht,
Und keines Grablieds heilge Klagen ihm sich weihn,
Vergessen aller Pflicht er, allen Freunden sein.
Also geboten hat des Volkes hoher Rat.

Antigone:
Ich aber sage dies des Volkes hohem Rat:
Und wenn ihn denn kein andrer mitbegraben will,
Will ich ihn doch begraben, will die Gefahr verschmähn,
Zu begraben meinen Bruder; nimmer scheu ich mich,
So ungehorsam mich zu weigern des Gebots.
Ein großes Wort, geboren sein von einem Schoß
Der armen Mutter, eines schuldigen Vaters Blut!
Drum, meine Seele, gern dem Ungernfrevelnden
Weih lebend dich dem Toten treu und schwesterlich!
Nein, diesen Leichnam soll der hungerwilde Wolf
Mir nimmermehr zerfleischen; hoffe keiner das!
Nein, selbst bereiten will ich, ob ein Mädchen auch,
Die fromme Grabesweihe und ein frommes Grab,
Will tragen ihn in meines Byssoskleides Schoß,
Ihn selbst bestatten. Wehren soll es keiner mir.
Wohl wird zur Tat sich einen Weg mein Mut erspähn.

Herold:
Doch ich ermahn dich, trotze nicht dem ganzen Volk!

Antigone:
Doch ich ermahn dich, nicht verkünd Unnützes mehr!

Herold:
Streng pflegt ein Volk sein, wenn es dem Untergang entkam.

Antigone:
Streng sei es, der bleibt nun und nimmer ohne Grab!

Herold:
Und den die Stadt haßt, ehrtest du des Grabes doch?

Antigone:
Noch war an ihm nichts hassenswert den Ewigen.

Herold:
Nichts, bis in Gefahr er stürzte dieses teure Land.

Antigone:
Als Feind verstoßen nur vergalt er seinem Feind.

Herold:
Doch statt des einen büßten alle seinen Haß.

Antigone:
Begraben dennoch werd ich ihn, sprich weiter nicht.

Herold:
Doch eigenmächtig! Wiß es wohl, ich sage nein!

(Der Herold ab; es setzen sich die Züge der beiden Leichen in Bewegung, der des Eteokles folgt Ismene, der des Polyneikes Antigone)

Chorführerin:
Weh, weh dir!
Trotzsinnende, stammaustilgende Wut
Der Erinnys, die so jetzt Ödipus' Stamm
Bis zur Wurzel hinab graunvoll austilgt!
Was will, was soll ich? Wie rat ich mir recht?
Wie ertrag ich es gar, zu beweinen dich nicht,
Dich nicht in die Gruft zu geleiten;
Doch ach, es erschreckt mich, es scheucht mich zurück
Die Furcht vor dem Volk.
Dich freilich erhebt viel feiernder Schmerz,
Doch der soll still, ohn klagend Geleit,
Von dem einsamen Gram nur der Schwester beweint,
Hingehn? Wer könnte gehorchen?

Erster Halbchor (Polyneikes' Leiche folgend:)
    So bestrafe die Stadt, so bestrafe sie nicht,
Wer dich, Polyneikes, beweinet;
Mit wollen wir gehn, ihn begraben mit dir,
Ihn geleiten zur Ruh, denn das Volk auch hat
Anteil an dem Gram. Und zu andrer Zeit
Wird ein andres dem Volke gerecht sein.

Zweiter Halbchor (Eteokles' Leiche folgend:)
Wir aber, wir gehn mit dir, wie die Stadt,
Wie ein heiliges Recht es geboten.
Nach der Ewigen Schutz, nach Zeus' Allmacht
Hat der ja zumeist die Kadmeia geschützt,
Daß sie nicht hinschwand,
Daß sie nicht vor den Fluten des feindlichen Heers
In den Abgrund sank der Vernichtung. –]

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