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Die Selbsttaufe

Karl Gutzkow: Die Selbsttaufe - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleDie Selbsttaufe
pages67-145
created20020417
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1846
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7.

Ottfried kam zum Thee. Er wußte schwerlich, wie dringend er erwartet, wie der träge Zeiger an der Pendeluhr mißmuthig angeblickt wurde. Sidonie rief sich den ganzen ersten Eindruck wieder zurück. Sie fand den geistreichen jungen Mann allerdings noch nicht so geschult, daß sie ihn ohne Weiteres gewagt haben würde in die Gesellschaft einzuführen; aber sie gefiel sich darin, ihn sich in dieser Ausbildung zu denken und sich selbst als die, die an ihn die letzte Hand zu legen hätte. Das noch Unfertige eines Stoffes, der für die Zukunft Außerordentliches versprach, reizte sie. Sie dachte sich als seine Bildnerin. Dann aber staunte sie, wie hoch das Geschöpf wieder über dem Meister stehen würde. Was kann ich an ihm aussetzen? sagte sie sich und lächelte, als sie fand, daß höchstens für einen ersten Besuch sein Halstuch zu bunt gewesen war. Das lernt sich, dachte sie und schämte sich, an solche Dinge zu denken. Sie war gespannt, wie er sich am Abend ausnehmen würde. Sie hatte selbst eine eigene Toilette gemacht, die für die Beleuchtung ihr vortheilhafter schien. Einen großen Cirkel von Diplomaten hätte sie nicht gespannter erwarten können, und als Ottfried endlich gemeldet wurde, fühlte sie, daß sie erblaßte.

Er kam mit Befangenheit und schien von diesem traulichen tête-à-tête mit der jugendlich schönen Frau in eine befremdliche Spannung versetzt. Es war ihm seltsam zu Muth in diesem kleineren Gesellschaftszimmer, das von einer in mattgeschliffener Glocke brennenden Flamme magisch helldunkel erleuchtet wurde. Die siedende Theemaschine, die silbernen Geräthe, die gewaltig großen Tassen und das Alles doch nur ein Atom in dem Eindruck des Ganzen, in dem unwiderstehlichen Zauber dieser traulichen Begegnung. Sidonie bemerkte das Alles, unter Anderem auch, daß das bunte Halstuch mit einem einfachen schwarzen vertauscht war. Noch größer aber war ihre Freude, als Ottfried erzählte, daß er zu Hause eine angenehme Ueberraschung gehabt hätte. Der junge Schönburgk, jetzt schon Regierungsrath, wäre in seinen bescheidenen Gasthof gekommen, hätte ihn mit alter Freundschaft aufgesucht, umarmt und versprochen, ihn morgen seiner Familie vorzustellen. Damit war denn nicht nur eine angenehme Thatsache, sondern auch ein Gegenstand der Unterhaltung gegeben, der sich nach allen Richtungen hin ergiebigst ausspannen ließ. Dieser trauliche unterhaltende Verkehr ließ unbemerkt die Stunden vorüberschleichen. Als es dreiviertel auf 10 Uhr schlug, erhob sich Ottfried erschrocken und Sidonie raffte ihre Kraft zusammen, ihn wenigstens doch mit folgenden Worten zu entlassen: Was die bewußte Angelegenheit in Betreff meines Vaters betrifft, so glaub' ich, der kürzeste Weg ist der, Sie essen morgen mit ihm bei mir zu Mittag. Kommen Sie aber schon um drei Uhr, damit ich Sie eine Stunde allein habe. Meiner Schwester könnten Sie in einigen Zeilen, die ich besorgen lassen werde, davon Anzeige machen.

Ottfried that das und Agathe, nach einer verzweiflungsvoll halb durchwachten Nacht, war glücklich, endlich den Schimmer einer ihr leuchtenden Hoffnung zu erblicken. Ottfried schrieb ihr mit freundlicher Güte, daß er erwarten dürfe, noch heute mit dem Vater ausgesöhnt zu werden und sie dann bald an sein Herz drücken zu können. Besonders freudig wurde Agathe durch die Lobsprüche gestimmt, die Ottfried ihrer Schwester ertheilte. Sie erkannte darin die Möglichkeit, daß auch Ottfried der Schwester nicht mißfallen hätte, und las die Worte, die auf Sidoniens Schönheit, Geist und Liebenswürdigkeit gingen, mit vorzugsweisem Wohlgefallen. Sie ahnte nicht, die gute Seele, daß ihre Schwester den Brief, den sie ganz in der Frühe zu besorgen empfing, wohl eine Stunde lang von allen Seiten betrachtet, die Aufschrift mit Eifersucht wohl hundertmal gelesen und sich selbst hatte zurückhalten müssen, diesen Brief geradezu in das Kaminfeuer zu werfen, das zum ersten Male wieder, da es zum Winter ging, neben ihr loderte. Erst mit einer Resignation, die ihr das Herz beinahe abdrückte, hatte sie sich entschließen können, ihrem Bedienten den Brief zur Besorgung an Agathen einzuhändigen.

Was nur dem Fräulein ist! dachten die Leute im Hause, als sie Agathen fröhlich singend treppauf treppab hüpfen sahen. Da hätte man aber erst ihre Freude sehen sollen, als Frau von Büren vorfuhr und auf der Treppe, sich losringend aus den Umarmungen der glücklichen Schwester, ihr mit lächelnder Ironie sagte: Lass' mich, Kind, ich gehe eben zum Vater, um den Gegenstand abzumachen. Sie näherte sich den Zimmern des Commerzienrathes, Agathe, leise auf den Zehen trippelnd, warf ihr hundert Kußhändchen nach: sie durfte sich nicht hören lassen, um den Vater nicht zu verstimmen. Ach, sie hätte aber so gern das Gespräch belauscht und glücklich war sie, als sie in der That im Nebenzimmer einige Worte von dem Gespräche drin aufhaschen konnte. Sie verstand wenig, aber das konnte sie doch hören, wie Sidonie »ihr zu Liebe« Märchen erfand. Im gräflich Schönburgkschen Hause wäre sie mit dem Doctor Eberlin bekannt geworden, demselben jungen Manne, der in Schönlinde mit Agathen ein Verhältniß angeknüpft hätte. Dies Wort: Verhältniß gefiel ihr freilich nicht, aber getröstet wurde sie sogleich, als Sidonie fortfuhr und den Doctor Eberlin einen höchst geistreichen, höchst liebenswürdigen, höchst empfehlungswerthen jungen Mann nannte, den sie beschlossen hätte, sogleich in ihr Haus einzuführen und den sie auch heute, wenn der Vater nichts dagegen hätte, mit ihm bekannt machen und mit ihm aussöhnen wolle. Der Vater schien überrascht und wiederholte einige Male mit Nachdruck: Graf Schönburgk? Graf Schönburgk? Sidonie war klug genug, ihren Vater von seiner schwächsten Seite zu fassen. Das gräflich Schönburgksche Haus war eines der ersten des Landes. Wallmuth erstaunte, wie jener halsstarrige junge Mann dort aufgenommen, dort so wohlgelitten sein könnte? Noch ehe Sidonie Ottfrieds Stellung in jenem Hause mit Phantasiefarben auszumalen nöthig hatte, war der »gute Vater« schon gewonnen und ausgesöhnt. Agathen rauschte es um's Ohr wie Engelklänge, sie konnte nichts mehr vernehmen, eilte hinunter in die Küche, um das heutige Mittagessen zu vereinfachen, und faßte dann Posto an ihrem Zimmer, um Sidonien zu sich hineinzuziehen und sie vor Dankbarkeit und Schwesterliebe ganz todtzudrücken. Diese kam denn auch bald, nahm den stürmischen Anfall von Liebkosungen der Schwester mit gerührtem Lächeln an, entzog sich aber einer ferneren Unterhaltung durch den Vorwand von Geschäften, die zu dringend wären. So seh' ich dich bei Tisch? sagte Agathe. Bei Tische nicht, bemerkte Sidonie, aber der Vater wird Ottfried ja heut Abend bei Euch zum Thee einladen. Vielleicht komm' ich auch. Damit ging sie, mühsam die gewaltigste Aufregung verbergend.

Die Aussöhnung mußte vollständig gelungen sein; denn um sechs Uhr kam der Vater nach Hause gefahren, angeröthet, echauffirt, wie immer, wenn er irgendwo besonders sich gefallen hatte. Ottfried hatte ihm in einem Grade zugesagt, daß er in seiner Zufriedenheit über den geistvollen, taktfesten, klugen und weltmännisch gebildeten jungen Mann kein bezeichnenderes Wort fand, als Agathen scherzend zu sagen: Sie wäre seiner gar nicht werth! Vater! sagte sie mit rührender Stimme, indem sie die Hände flehend zusammenlegte und bat, sie nicht mit solchen Scherzen zu ängstigen. Ja, sagte er, wäre Ottfried von Adel, ich gönnt' ihn einmal am liebsten unserer holden Turnerin, der Harriet! Er meinte das aber nicht bös, sondern lachte und bat sich aus, daß am Abend beim Thee alles nach der besten Ordnung ginge. Frau von Büren würde ja auch kommen.

Diese aber kam nicht, sondern nur Ottfried. Als er gemeldet wurde, stand Agathe gerade allein im Zimmer und bereitete den Thee. Wie er eintrat, flog sie auf ihn zu und schloß ihn selig in ihre Arme. Ach, nun hatte sie ihn! Es war der Zeitraum einer Secunde. Sie flogen auseinander, als sie nebenan den Vater hörten; Wallmuth trat ein.

Man sprach über Viel und Mancherlei, über Vergangenheit und Zukunft, vom alten Eberlin, von Schönlinde, vom Zeitgeist, von Münzsammlungen, von Kupferstichen, von Erziehung und von den Preisvertheilungen bei der vergangenen Industrieausstellung. Ottfried trank drei Tassen Thee und aß vier Stücke Kuchen. Er schämte sich seines Appetites, gestand aber dem Commerzienrath zu, daß er bei Frau von Büren nur wenig gegessen hätte. Einige Minuten nach neun Uhr empfahl er sich; denn er bemerkte, daß der Vater schläfrig wurde. Agathe gab ihm mit Innigkeit die Hand und bot ihm holdselig und voll Liebe gute Nacht! Seine Nerven waren so aufgeregt, daß er noch nicht in seine Wohnung zurückkehren mochte. Um sich zu beruhigen, entschloß er sich noch zu einem Spaziergang durch die Promenaden, welche die Stadt umgaben. Es war alles still, alles dunkel. Das Laub raschelte schon unter seinen Füßen, so zahlreich fiel es von den fröstelnden Bäumen. Er begegnete keinem Wanderer, kein Licht erhellte die dunkeln Wege, nur von den Landhäusern fielen aus den Fenstern zuweilen einige helle Streifen. Er kam auch an Sidoniens Wohnung und fand das Fenster, in dem sie Abends weilte, matt erleuchtet. Gedankenvoll blieb er stehen; es war ihm, als stünde eine weibliche Gestalt an dem Fenster und drückte eine Stirn, die glühen mußte, an die Scheiben. Sie war's gewiß – sie verschwand wieder; nach einer Weile leuchtete das weiße Gewand – Er stand und stand – sie war's gewiß – gewiß – sie verschwand dann wieder. Ottfried harrte lange – sie erschien nicht mehr. Still bewegt schlich er nach Hause.

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