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Die Selbsttaufe

Karl Gutzkow: Die Selbsttaufe - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleDie Selbsttaufe
pages67-145
created20020417
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1846
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6.

Agathe hatte einen unruhigen Tag, eine schlaflose Nacht. Gottfried war in einem bescheidenen kleinen Gasthofe eingekehrt. Sie hätte ihn am liebsten sogleich in das väterliche Haus geführt, hätte ihm die schönsten Prunkgemächer desselben zur Wohnung umgestalten mögen. Unterweges, auf der Heimkehr vom Friedhofe, hatte er ihr in aller Kürze erzählt, daß ihr Vater ihm in schnöden und wegwerfenden Ausdrücken verboten hätte, des Weiteren an eine Verbindung mit seiner Tochter zu denken. Er hätte ihm dabei ein langes moralisches Capitel über die Pflichten der Jugend und die Rechte des Alters gelesen und ihn in der That dahin gebracht, sich vorläufig zum Stillschweigen zu entschließen. Inzwischen wäre seine letzte Prüfung glücklich von Statten gegangen, doch kehre er jetzt nicht als Candidat der Theologie, sondern als Doctor der Philosophie von der Universität heim. Er wäre nun hier, um sich eine Zukunft zu gründen, und sehe das plötzliche Wiederfinden seiner lieben Agathe als ein heiliges und bedeutungsvolles Wahrzeichen an.

Das zu hören, that Agathen wohl, und sie hatte nun nichts Ernsteres für das Leben zu thun, als zwischen dem Vater und Gottfried eine Versöhnung zu stiften. Als sie dicht am väterlichen Hause, ängstlich sich umblickend, schieden, hatte der Geliebte noch dies zu ihr gesagt: Agathe, noch Eines, nennen Sie mich nicht Gottfried! Seitdem ich in Schönlinde predigte und der Gemeinde so unverständlich war, ist ein tiefer Riß durch mein Herz gegangen. Ich fühle mich nicht fähig, für die Verbreitung eines solchen Gottesreiches zu wirken, wie es dieser Welt verständlich, vielleicht auch nützlich und heilsam ist. Zweifel, nagende Zweifel sind über mich gekommen und ich fühle mich durch meinen Namen, der da Frieden in Gott verkündet, beängstigt, ja verhöhnt; mit einem Wort, ich fühle mich nicht wohl in diesem Namen. Agathe sah den theuern Freund erstaunt an und meinte: Wie soll ich Sie aber dann nennen? Er zog ein Portefeuille aus der Brieftasche, öffnete es und gab ihr eine zierliche Visitenkarte, auf welcher sie las: Ottfried Eberlin, Doctor der Philosophie. Es war ihr bei dieser Umgestaltung des eignen Namens wunderlich zu Muthe und gern hätte sie bittend und prüfend an seinem Auge verweilt. Es klang ihr sonderbar, als der junge Mann sagte: Haben wir doch Alle ein zweites Leben oder sollen doch dahin dringen, zum zweiten Male geboren zu werden. Das Eine gibt uns die Welt, das Andere der Geist; im Einen sind wir abhängig, im Andern frei. Jedermann sollte das Recht haben, sich in einem gewissen Alter über seine Stellung zur Gesellschaft, über seinen Stand, seine Religion, ja selbst über seinen Namen zu entscheiden, jeder, der es dahin gebracht hat, sich aus sich selbst zu erzeugen! So hab' ich wenigstens für mich gethan. Ich wollte, ich könnte meinen alten Namen noch mit Freuden tragen. Ich kann es nicht. Liebe Agathe, nennen Sie mich von heute an Ottfried. – Agathen schlug das Herz vor Angst, aber auch vor hoher Verehrung. Der Geliebte schien ihr so unerreichbar groß, indeß sie sich klein vor ihm dünkte. Es war etwas Majestätisches in ihm. Dann besprachen sie noch rasch, wie sie sich durch geheime Botschaften in Verbindung setzen wollten, und trennten sich mit Innigkeit und glücklichem Vertrauen auf die Zukunft.

Die ernsteste und heiligste Aufgabe der wie im Traum wandelnden Agathe war jetzt die, den Vater und Ottfried – gehorsam wie sie war, nannte sie, wenn auch beklommen, den Theuern gleich so, wie er befohlen hatte – auszusöhnen. Eine unmittelbare Vorstellung an den strengen Mann, wußte sie, würde nicht zum Ziele führen. Wie es anstellen? Sie sagte sich, daß es hier nur einen Weg gäbe, den, sich der Schwester zu entdecken. Sie kannte die unwiderstehliche Gewalt, die Sidonie auf den Vater übte, und so schwer es ihr wurde, mit Liebe bei diesem Gedanken zu verweilen, so bannte sie doch in seine Nothwendigkeit die klügere Erwägung. Nur Sidonie kann helfen! Das stand fest bei ihr und ängstlich schrieb sie der Schwester einige Zeilen mit der Bitte, ob sie zu einer ihr sehr wichtigen Angelegenheit morgen in aller Frühe ihren Rath in Anspruch nehmen dürfe. Frau von Büren antwortete sehr verbindlich und schon nach neun Uhr machte sich Agathe zur Schwester auf den Weg.

Sidonie erstaunte über die Anwesenheit des Geliebten, dessen plötzliche Verwandlung in Ottfried sie sonderbar, ja wunderlich, aber originell motivirt fand. Sieh, sieh, sagte sie nachdenkend, als Ottfried Eberlin erregt mir dieser Mann ebenso viel Interesse, wie ich ihn als Gottfried Eberlin gleichgültig gefunden habe! Sie versprach ihr Möglichstes, bedingte sich aber erst die persönliche Bekanntschaft des Fremden. Man kam überein, daß Ottfried sich noch im Laufe des Tages zwischen drei und vier Uhr bei Frau von Büren sollte anmelden lassen. Agathe, überquellend von Dankbarkeit, küßte der Schwester tausendmal die schönen zarten Hände, schrieb auf dem zierlichen eleganten Schreibtische der Dichterin zwei Worte an Ottfried, die Sidoniens Bedienter in den Gasthof tragen sollte, und eilte dann glückselig und behend wie ein Rehlein nach Hause. Wie schmerzlich ihr Erstaunen, als der Bediente die Rückantwort brachte, Herr Doctor Eberlin bedauerte, um jene Zeit sich versagt zu haben. Auch morgen habe er zur selben Zeit nicht frei, aber wenn es erlaubt wäre, würde er übermorgen etwas früher kommen. Agathe sah darin wirklich Hindernisse und Abhaltungen, Sidonie aber, weltklug wie sie war, schrieb der Schwester: »Gutes Kind, er wird die Ankunft seiner Garderobe abwarten. Also übermorgen.« Durch einige Zeilen wurde sie auch von Ottfried unterrichtet, daß Sidonie recht gerathen hatte.

Ein langer peinlicher Tag war das für Agathen. Sie hatte an ihm von dem Geliebten nichts, als in der Fremdenliste seinen Namen, den der Vater in seiner jetzigen Gestalt nicht kannte, nichts, als beim Vorübergehen vor seinem Gasthofe das Flattern eines Vorhanges an den Fenstern, das sie von ihm bewohnt glaubte. Am Tage, wo er zu Sidonien gehen sollte, schrieb er zur Antwort auf zwei zärtliche Mittheilungen, die er von ihr empfangen hatte, ein Billet voll Freundlichkeit und Hingebung, das sie deshalb sogleich an Sidonie schickte, weil der Schluß lautete: Von Frau von Büren hab' ich so viel Ausgezeichnetes gehört, daß ich mit Spannung dem Augenblick entgegensehe, sie kennen zu lernen.

Sidonie konnte sich nicht verbergen, daß ein Besuch, den man erwartet und erst später zugesagt bekommt, etwas hat, was selbst ohne alles tiefere Interesse einigermaßen beschäftigt. Sie konnte sich nicht verbergen, daß sie auf die Bekanntschaft dieses Mannes gespannt war. Sie sammelte alle Eindrücke, die sie durch dritte Hand nun schon von ihm empfangen hatte. Sein langes, unentschlossenes Verweilen auf der Hochschule, oder in der Gegend derselben, seine Rückkehr ins Vaterhaus, der Eintritt in den Garten (während Agathe Salat schnitt, setzte sie lächelnd hinzu), seine vorhergegangene rücksichtsvolle Wahl einer andern Wohnung, um Agathen nicht zu vertreiben, die etwas gespannte Beziehung zum alten Pfarrer, seinem Vater, die mislingenden Predigtversuche, die gefällige Aushülfe für den kranken Freund in der Schule, die sanfte und ruhige Art der Verständigung mit Agathen, die stolze Antwort auf bevormundende Zumuthungen des Vaters, das Ausschlagen der dargebotenen Summe zu einer Bildungsreise, deren er nicht mehr bedürftig zu sein erklärte, endlich seine merkwürdige Namensänderung, in der Sidonie einen heroischen Willensakt erblickte, Alles das führte sie sich lebhaft wieder vor. Dennoch bei allen diesen günstigen Vorbedeutungen konnte sie die erste Vorstellung, die sie von dem Gottfried gefaßt hatte, nicht aufgeben, die Vorstellung von einem hagern, blonden Candidaten der Theologie. Geistreiche Leute sind träge. Ihr erster Einfall bleibt ihnen der liebste.

Endlich wurde Ottfried gemeldet. Frau von Büren, um den Eindruck zu erhöhen, ließ ihn in den Salon des mittlern Stockwerks verweisen, wo sie ihn zu empfangen gedachte. Als sie selbst von ihren Zimmern hinunterstieg, erstaunte sie über das Rauschen ihrer seidenen Gewänder auf der Treppe. Sie hatte sich fast bewußtlos gewählter als sonst gekleidet. Wie sie eintrat und der Fremde sich verbeugte, wie sie ihm anbot, sich eines Sessels zu bedienen und selbst in ein Sopha zurücksank, da hatte sie von dem Besuche noch keinen klaren Eindruck empfangen. War sie doch selbst nicht ohne Verlegenheit! Erst als sie saß und den jungen Mann betrachtete, der sichs mit einer gewissen sichern Nachlässigkeit in seinem Sessel bequem machte, bekam sie eine Anschauung, die sie zwang, auf dem Fremden zu verweilen. Es ist mir immer merkwürdig, sagte sie, den jungen Gelehrten musternd, von irgend einem neuen mir begegnenden Menschen den ersten Eindruck zu empfangen. Man glaubt eine so große Kenntniß der Physiognomien und Charaktere zu besitzen, daß man die Menschen klassenweise beurtheilen müßte, und ist doch in Verlegenheit, wenn man einer neuen Species begegnet, sich für sie sogleich auf den rechten Namen zu besinnen.

Mit Frauen ist es umgekehrt, bemerkte mit sicherm Ausdrucke Ottfried. Der Mann erscheint als ein Vereinzelter und um ihn zu verstehen, sucht man ihn in eine allgemeinere Gattung unterzubringen. Die Frauen dagegen machen im ersten Augenblick den Eindruck, als wären sie alle Mitglieder einer einzigen großen Familie, und erst allmälig löst die genauere Kenntniß das einzelne weibliche Individuum von der Masse ab und stellt es unter die Beleuchtung seiner eigenthümlichen Schönheiten oder Verdienste.

Frau von Büren hatte Mühe, den Satz zu verstehen; denn sie war zerstreut. Der Muth, eine so zusammenhängende Phrase gleich bei der ersten Begrüßung auszusprechen, interessirte sie ebenso sehr, als das Organ Ottfrieds, sein Dialekt und seine gerundete Satzbildung. Sie mußte eine Pause machen, um aus den Worten Ottfrieds sich durch stillschweigende Wiederholung die vorgetragene Behauptung zu vergegenwärtigen. Sie meinen, sagte sie endlich, daß das weibliche Geschlecht schon früh durch seine Erziehung darauf angewiesen wird, besondere Kennzeichen zu verlieren und frischweg im Allgemeinen unterzugehen? Sie haben Recht, eine Frau kann sich selten durch mehr auszeichnen, als durch ihr Schicksal. Sind Sie zum ersten Male in der Residenz?

Nach Vollendung meiner Studien, sagte Ottfried, vor fünf Jahren war ich einige Wochen hier, die ich sehr angenehm im Gräflich Schönburgkschen Hause verlebte.

Graf Schönburgk? fragte Frau von Büren, kennen Sie die Familie?

Der junge Graf, antwortete Ottfried, war mein Jugend- und Schulfreund. Wir wohnten sogar auf der Universität zusammen und wollten nach Vollendung unserer Studien eine Reise nach Paris und London machen. Wir kamen aber nicht weiter als bis an den Rhein.

Wie das? fragte Sidonie lächelnd.

Wir reisten, wie eben Studenten reisen, zu Fuß. Bis an den Rhein gekommen, waren wir so müde, daß wir beschlossen, uns gründlich auszuruhen. Die Ruhe war aber zu bestrickend, zu poetisch. In dem reizend gelegenen Bonn trafen wir die Natur so merkwürdig abweichend von heimischen Eindrücken, der große majestätische Rheinstrom mit seinen grünen Wogen verlockte uns so, das Siebengebirg, die frohe Art, dort das Dasein zu genießen, steckte uns so an, daß wir sagten: Hier ist gut sein, hier laßt uns Hütten bauen.

Sidonie mußte lachen, und indem auch Ottfried lachte, bemerkte sie, daß er schöne Zähne hatte.

Ottfried fuhr fort: Zwei Monate gingen darüber hin. Wir wollten über Strasburg nach Paris und rafften uns endlich zur Weiterreise auf. Ein Unglück wollte aber, daß Schönburgk alle Ritterburgen und ich alle Klosterruinen liebte. Wir sahen auf den Bergen keinen Trümmerhaufen, den wir nicht erkletterten. So ging es natürlich sehr langsam den Rhein hinauf. Eine schöne Gegend, ja ich gestehe, selbst irgend einer Frau Wirthin Töchterlein konnte uns bestimmen einzukehren und tagelang mit süßem Nichtsthun hinzubringen; denn, dachten wir, Paris entläuft uns ja nicht und London, das viel stabiler als das unruhige Paris ist, London am Wenigsten.

Frau von Büren hatte bei einem ersten Besuche nie so viel geschwiegen. Sie schwieg, weil sie sich unterhielt und wirklich belustigt fühlte.

Ottfried fuhr fort: Wir hatten nun für unsere Wallfahrt, die ein Jahr dauern sollte, schon über vier Monate verbraucht und kamen jetzt erst nach Heidelberg, nach dem göttlichen Heidelberg. Hier war an kein Trennen zu denken. Im Hof der alten Schloßruine, auf grasdurchwachsenen Steinen, unter schattigem Buschwerk schlugen wir rasch unser Wanderzelt auf. Während die andern Studenten in den Hörsälen kritzeln mußten, durften wir freigesprochenen Akademiker den Vormittag schon mit seinem frischen goldenen Sonnenlicht genießen. Es gibt nur eine Naturanschauung, die vormittägige. Da saßen wir mit guten und schlechten Büchern und sahen träumerisch über die Blätter hinweg durch die offenen Fenster- und Mauerlücken der alten Ruine, sahen die so ernst niederblickenden alten rothsteinernen Ritter und belebten uns diese Vergangenheit mit dem alten Leben und der alten Sitte. Dann gingen wir in den Schloßgarten, bahnten uns verbotene Wege durch die Büsche, kletterten höher und erreichten den malerischen Weg, der zum Wolfsbrunnen führt. Dort – doch wie kann ich das schöne poetische Leben, zu dem auch gekochte Eier und gesottene Forellen gehören würden, in seine Einzelheiten zerlegen! Genug, gnädige Frau, auf Heidelberg, Mannheim, Schwetzingen, auf die Weinlese zuletzt ging der ganze Sommer und Herbst hin, und als wir noch vier Monate auf Paris und London Zeit behielten, hatten wir auf Paris und London keine Wechsel mehr und kehrten, fröhlich und um Menschenkenntniß bedeutend bereichert, für den Winter nach Hause zurück.

Frau von Büren kannte sehr wohl diese berühmte und seiner Zeit vielbelachte Reise des jungen Grafen Schönburgk und erstaunte, daß Ottfried der Theilnehmer derselben gewesen war. Seitdem, sagte sie mit Beziehung, scheinen Sie am Reisen keinen Gefallen mehr zu finden.

Doch! erwiederte Ottfried, aber ich habe mir eine eigene Philosophie gebildet. Ich glaube, daß man Unrecht thut, in erster Jugend sich den Genuß von Eindrücken zu gewähren, die wir uns für ein späteres Alter aufsparen sollten. Man trachtet sicher noch einst nach manchen Freuden, die uns das Schicksal zu versagen grausam genug ist; darauf hin soll man sich die Freuden aufsparen, die uns nicht genommen werden können, die Freuden der Natur. Ich werde, wenn ich heute einen Schmerz erlebe, morgen nach Paris reisen, und bin ich alt und sehe mit Trauer, daß es bergab geht, dann gedenk' ich das bekannte Sprüchwort buchstäblich wahr zu machen: Neapel sehen und dann sterben!

Sidonie war erstaunt, wie in Ottfrieds Aeußerungen Scherz und Ernst so lieblich wechselten. Sie wußte nicht, was von jenem Natur und von diesem Kunst war; nach beiden Seiten hin fühlte sie sich von der großen Wahrheit betroffen. So viel ich diesen Aeußerungen entnehme, sagte sie endlich, besitzen Sie einen für Ihr Alter seltenen Ueberblick über das Leben, ja sogar über Ihr eigenes Leben! Sie kommen mir vor wie ein Kaufmann, der ein großes Geschäft abzuschließen gedenkt und sich hinsetzt, um den Ueberschlag eines möglichen Gewinnes oder Verlustes zu machen. Im Ausgaben-Etat setzt er soviel an für zufällige Schäden, soviel für Ausgaben, die nicht vorauszusehen waren, kurz, Sie ziehen Ihre Bilanz und unterschreiben das Geschäft des Lebens erst, nachdem Sie sich auf alle Fälle sichergestellt haben.

Ein ironischer Zug flog um Ottfrieds Lippen. Es klingt philisterhaft, sagte er, und ist doch wahr, sehr wahr verglichen. Wie soll man sich anders mit dem Leben abfinden? setzte er düster hinzu. Entweder ein Pistolenschuß oder diese Klugheit. Das ist die Kunst des Daseins, das Leben unter sich, nicht über sich zu haben. Wenn Sie aufstehen, gnädige Frau, wenn Sie um eine Ecke biegen, worauf sind Sie gefaßt, was erwarten Sie, das Ihnen begegnen wird?

Die meisten Menschen, antwortete Sidonie, erwarten das Glück.

Wohl denen, die es immer finden, sagte Ottfried. Ich verstehe aber diese Menschen nicht; ein einziges Unglück schlägt sie zu Boden.

Wo finden Sie denn aber den Genuß des Daseins? fragte Sidonie.

In uns selbst, antwortete Ottfried; in dem Gefühl unserer Kraft, im Bewußtsein unsers Willens, im Stolz unserer Ausdauer, ja im Trotz gegen das Geschick. Was hatt' ich denn, als ich auf die Welt kam? Was wurde mir denn geboten? Meine Mutter starb, indem ich geboren wurde. Ist das nicht schrecklich? Ist das nicht fluchwürdig, zum Leben sich einzudrängen, indem man Andere tödtet? Und doch, kann ich dafür? Die Moral dieses Lebens ist grausam. Einige sind glücklich, aber nur sehr Wenige; Millionen sind es nicht. Sollen wir nun seufzen, uns schleppen, stöhnen, ächzen und den Schöpfer anwinseln: Glück, Glück! Nein, ich will kein Glück und das ist meine Zufriedenheit.

Sidonien preßte sich die Brust zusammen. Sie stützte das Haupt und ihre langen Locken fielen über die schneeige Hand. Zu dieser Philosophie, sagte sie nach einer Weile, müssen wir freilich kommen, wenn wir beobachten, daß unser Jahrhundert sich so entsetzlich in den Materialismus verliert und alle Stände, die höchsten wie die untersten, nach Behaglichkeit trachten. Schwer wird es freilich Denen werden, die eine Zeitlang glücklich wie der Glanzkäfer in der Rose schlummerten und nur vom Duft der Rose und vom Rosenroth des Daseins träumen durften! Dann wird es schwer, sehr schwer, umzulenken und anders zu fühlen und anders zu hoffen, sehr schwer!

Sidonie sah, daß Ottfried sie schärfer betrachtete und dann, von einem Gedanken beschlichen, den er wahrscheinlich vermeiden wollte, sich im Zimmer umschaute, die Gemälde, Statuen, die Kronleuchter, die Stehuhren und Vasen flüchtig betrachtete. Er zupfte an seinen Handschuhen und strich sich die Fläche seines Hutes glatt. Sidonie erschrack, als er die eingetretene drückende Pause so zu verstehen schien, als wär' er entlassen. Um schnell dies Mißverständniß zu beseitigen, fragte sie etwas Gleichgültiges: Sind Sie noch mit der Schönburgkschen Familie bekannt?

Der junge Schönburgk, erwiederte Ottfried, ist in den Staatsdienst getreten und hat seitdem wohl andere Grundsätze angenommen, als daß er noch in alter Unbefangenheit an seinen Studiengenossen zurückdenken könnte. Es ist auffallend, welchen Einfluß das praktische Leben auf jugendliche Gemüther ausübt. Ich habe Charaktere gekannt, die beim ersten Schritt in eine Amtsstube, beim ersten Actenstück, das sie gravitätisch vom Büreau mit nach Hause nahmen, absolut umgeschlagen sind. Deshalb auch hab' ich bisher eine so große Furcht vor irgend einem praktischen Wirkungskreise gehabt. Ich erschrecke, wenn ich mir so plötzlich eines Morgens könnte abhanden gekommen sein, oder wenn ich mich auf mich selbst besinnen müßte, oder mir selbst so langweilig vorkäme, wie ich es vielleicht Andern bin... ich glaube, mein guter Schönburgk weiß auch nichts mehr von unserer pariser Reise, von dem Wirthshaus zum Stern in Bonn, nichts mehr vom Drachenfels und den alten Granitsäulen im Schloßhof zu Heidelberg.

Vielleicht erinnert er sich daran, wenn Sie bei ihm Ihre Karte abgeben, sagte Sidonie.

Nein, antwortete Ottfried, eine Freundschaft, die mit heißen Abschiedsthränen endete und vier Jahre dann stumm blieb, kann man durch eine Visitenkarte nicht wieder anknüpfen. Schrecklicher noch als der Haß ist die Gleichgültigkeit.

Wie gedenken Sie sich denn nun hier einzurichten? fragte Sidonie immer lebhafter.

Ich werde, sagte Ottfried, auf der Bibliothek mich mit alten Handschriften beschäftigen. Ich vergaß vorhin zu bemerken, daß mich damals in Heidelberg eine große Vorliebe für altdeutsche Literatur ergriffen hatte. Ich bekam die Erlaubniß, alte Handschriften in meine Wohnung zu nehmen, und nahm sie in die Schloßruine, setzte mich vorn auf eine der Steinbänke, die an der großen Altane angebracht sind, nieder und las die buntverzierten alten Gedichte von jenen Rittern und Fürsten, die hinter mir, aus Stein gebildet, über die Schulter in das Pergament hereinlugten. Das Uebrige – dafür erwart' ich Ihren Rath.

Meinen Rath? fiel Sidonie ein und fühlte sich sonderbar betroffen. Es wogte und wallte in ihren Gefühlen auf und ab. Die ganze Bedeutung dieser Unterredung faßte sie mit beklemmender Gewalt, sie merkte, daß sie fast eine Stunde mit Ottfried sprach, ohne der Aufgabe, der diese Stunde hätte gewidmet sein sollen, die mindeste Aufmerksamkeit zu schenken. Erschreckend hierüber, sah sie zur Erde nieder, suchte, um ihre Verlegenheit zu verbergen, nach einer ausweichenden Bemerkung, fuhr aber erschrocken zusammen, als sie einen Wagen vorfahren hörte, in welchem sie den Wagen des Vaters voraussetzen konnte. Sie sprang auf, eilte an's Fenster – der Vater stieg wirklich aus. Ihn Agathens Geliebten hier finden zu lassen, war unmöglich. Sie bat Ottfried um Entschuldigung, sagte einige Dinge, die ihr selber unverständlich hätten vorkommen müssen, deutete etwas von einem Wiederbesuch an und entließ Ottfried durch eine Thür, wo er dem Vater nicht begegnen konnte.

Der eintretende Vater fand seine geliebte Tochter erschöpft in einem der ringsstehenden Lehnsessel ruhen. Er bedauerte sie so nervenleidend zu sehen. Er befühlte ihre Stirn, ihre Hände und erklärte es durchaus für nothwendig, daß sie im nächsten Jahre Seebäder nähme. Sie meinte das auch, sprach wenig und entließ den Vater, der beim Handelsminister zu Tisch gebeten war und nur im Vorbeigehen sie hatte begrüßen wollen.

Nun war Sidonie allein und fühlte, daß die Verstellung einer Unpäßlichkeit Wirklichkeit geworden war. Mit eiskalter Hand fuhr es ihr in den Nacken. Sie entsetzte sich, wie es möglich war, nicht mit einer Sylbe den Gegenstand zu berühren, um dessentwillen Ottfried gekommen war: sie erschrack, was sie Agathen sagen sollte: sie erschrack vor dem jungen Manne selbst, der ihr einen eigenthümlichen Eindruck gemacht hatte. Das fühlte sie wohl, sie mußte ihn wieder sprechen und das bald. In zwei Worten, die in eine zierliche Briefenveloppe geschlossen wurden, bat sie ihn, zur Fortsetzung des gestörten Gespräches, sie heute Abend noch zwischen sieben und acht Uhr zum Thee zu besuchen. Ottfried versprach zu kommen und wie der Bediente diesen Bescheid brachte, fühlte sie sich wie neubelebt. Stören mußte man sie aber in diesem Augenblick nicht; für heute war sie keiner Mittheilung fähig, selbst nicht für Agathe, die bald nach Tisch gemeldet wurde. Frau von Büren befände sich außerordentlich unwohl, hieß es. Sie nahm Niemanden an. Auch Agathen nicht.

Arme Agathe!

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