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Die Selbsttaufe

Karl Gutzkow: Die Selbsttaufe - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleDie Selbsttaufe
pages67-145
created20020417
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1846
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4.

Ein Brief väterlichen Inhalts wurde nach Schönlinde abgesandt, Sidonie legte einen Zettel bei, der im Albumsstyl einen geistreichen Glückswunsch enthielt, und von Agathe erfolgte eine jubelndfrohe Rückantwort, und die Nachricht, daß sie binnen kurzem wieder bei den Ihrigen eintreffen würde. Auch Erkundigungen über den Sohn des Pfarrers wurden eingezogen. Sie lieferten ein unvollständiges, uninteressantes, aber nicht nachtheiliges Resultat. Frau von Büren, die noch immer sich nicht entschließen mochte, etwas von ihren poetischen Arbeiten drucken zu lassen, bemerkte mit feiner Beziehung auf sich selbst: Geistliche und Frauen sind desto besser, je weniger die Welt von ihnen weiß. Die Anwendung dieses bekannten Schiller'schen Spruches auf Theologen durfte allerdings neu genannt werden.

Agathe kam an. Eine etwas baufällige Kalesche, mit Körben und Koffern bepackt, führte sie und einen weiblichen dienstbaren Geist, der sie begleitet hatte, in das väterliche Haus zurück. Man hatte sie daheim so gern, daß ihr von den Hausgenossen alles freudig entgegenkam, sie inniglich bewillkommnete. Sie stieg aus. Eine kleine behende Gestalt, mit dunkelschwarzem Haar, das einem nicht schönen aber feinen Gesichtchen etwas Interessantes gab. Hände, Füße, Alles war außerordentlich schmächtig an ihr. Es war eine jener Gestalten, die wir oft sehen müssen, um uns ihre Züge ganz einzuprägen; sie fiel nicht auf, sondern verlor sich in's Allgemeine, wogegen auch die einfache bescheidene Tracht keinen Einspruch zu machen versuchte. Man mußte sie kennen, lang' und sicher kennen, um von ihr auch nur angehalten, geschweige gefesselt zu werden. Dem aber, der sich die Mühe gab, bei und in ihr zu verweilen, dem mußte sie freilich, wenn auch nicht bedeutend, doch lieb und theuer werden.

Sie hatte die Stunde ihrer Ankunft bestimmt angegeben. Doch erwarteten sie weder Vater noch Schwester. Jener ließ sich in der gewohnten Runde seiner Morgenvisiten nicht stören, diese hatte ihre bestimmten Tage, an welchen man sie in der Gallerie des Fürsten vor gewissen berühmten Bildern copirend fand. Dafür erwartete Agathen die ganze Dienerschaft und alle Nachbarn. Sie gab jedem die Hand und wußte jeden nach dem Stand seiner Angelegenheiten, wie sie ihn verlassen hatte, zu befragen. Darin war sie Meisterin, in jedes Kern, in jedes innerste Bedürfnisse zu dringen. Selbst der Canarienvogel in ihrem dunkeln Zimmerchen schien sie zu erkennen und hüpfte behend von Steg zu Steg, als wollt' er seine Freude verrathen... Freilich kam ihr Alles im Hause dumpf vor, die Fenster mußten geöffnet, die niedergelassenen Jalousien aufgezogen werden. Was war sie an Luft gewöhnt! An Luft und Sonne! Die alte Haushälterin hatte Blumen auf ihr Zimmer gestellt, sie standen schon seit gestern und neigten welk ihre Häupter. Man fand sie wohler aussehend und sprach von der Molkenkur. Von ihrer Liebe wußte im Hause freilich noch Niemand.

Die Geschenke, die sie jedem mitbrachte, brannten sie. Sie mußte sie rasch austheilen. Freilich sagte sie, was kann man vom Lande mitbringen? Aber Alle waren zufrieden, die Mägde mit ihren bunten Tüchern, die sie von Dorfhausirern gekauft hatte, die Bedienten mit feingeschnitzten hölzernen Messern und Gabeln, die im Gebirg sehr kunstvoll gefertigt werden, mit schlanken Pfeifenröhren, gestrickten Tabaksbeuteln, und der Sekretair ihres Vaters mit einer Cigarrenspitze aus solchem Agatstein, wie er im Gebirg gefunden wird. Selbst dem Canarienvogel machte sie ein Geschenk mit einem zierlich geschnitzten Holzringe, den sie in den Bauer hängte und auf dem er sich nun wiegen und schaukeln konnte. So war Alles froh und nur der gute Vater fehlte und die gute Schwester saß in der Gallerie und copirte einen Ecce homo von Guido Reni.

Agathe ging in den Garten, in welchem die Treibhäuser die Hauptrolle spielten. Diese Cactus und Camelien sehen ohnehin so vornehm auf uns herab, als wollten sie sagen, daß sie für uns unpoetische Menschen nicht in die Welt gekommen wären! Hier bekam sie keinen andern Gruß, als vom Gärtner, der sie über die frühjährigen Engerlinge und die große Raupenernte unterhielt. Von ihrer Liebe wußte Niemand etwas. Aber der Vater! Das Herz schlug ihr, als sie mit wohlbekanntem Ton seinen Wagen vorrollen hörte. Sie lief was sie konnte durch den Garten und Hof zurück, weil sie ihn noch auf der Treppe zu erwischen hoffte. Aber er war schon in sein Cabinet eingetreten und von diesem scheuchte einmal für allemal ein Verbot zurück. Sie durfte ungerufen es nicht betreten. Mancher Andere durfte hinein, z. B. Frau von Büren; Agathe aber deshalb nicht, weil sie die Gewohnheit hatte, auf Schritt und Tritt zu räumen und sich einigemal hatte beikommen lassen, die geistreiche Unordnung dieses Zimmers weniger auffallend zu machen. Fünf Minuten stand sie zögernd, ob sie klopfen sollte. Der Vater war so eigen! Endlich wagte sie, sich zu räuspern, seine Aufmerksamkeit zu wecken und mit erstickter Stimme nicht weit vom Schlüsselloch zu rufen: Guten Tag, lieber Vater! Da öffnete dieser, in einer Umkleidung begriffen, die Thür und, den Kopf herausgestreckt, lauteten die Begrüßungsworte also: Was machst du denn? Du sollst dich ja anziehen! Frau von Büren erwartet uns ja zu Tisch! Schon halb vier Uhr! Rasch! Rasch! Und nun flog sie auch schon und eilte auf ihr Zimmer, um sich umzukleiden. Sie hatte eine große Freude, daß die Schwester sie so schnell sehen wollte. Das ging – ein Kleidungsstück nach dem andern – Rosa freilich nicht, was ihr die liebste Farbe war, die sie aber niemals tragen durfte, wenn sie mit Frau von Büren zusammen war, da Rosa ein für allemal von ihrer geistreichen Schwester in Beschlag genommen war; aber himmelblau, veilchenblau, erbsengrün, das durfte man ihr nicht nehmen und ihr Mädchen half das Schönste wählen, das Schönste wenigstens von dem, was sie besaß. Nun war es aber auch gleich vier, der Wagen hatte gehalten und auf der Treppe umarmte der Vater mit vieler Innigkeit seine gute Tochter. Sie hätte ihm wenigstens gern noch rasch ihre kleinen Geschenke gezeigt, aber dazu war keine Zeit. Der Vater lebte nur für die Möglichkeit, sich bei seiner ältesten Tochter zu verspäten. Im Wagen hätte er doch von Agathens Liebe sprechen können, aber da hatte er sein Auge immer nur nach der Straße gerichtet, um ja keinen Gruß, den er draußen etwa empfing, unerwiedert zu lassen. Dabei fand er immer noch Zeit, einige Male recht »herzlich« zu sagen: Ich freue mich doch, daß du wieder da bist! Und wie gut du aussiehst! Und Harriet sollst du sehen, sie klettert auf alle Bäume und springt an einer Stange über eine Barriere von vier Fuß Höhe.

Fast kindisch freute sich Agathe auf das trauliche Alleinsein mit den Ihrigen. Bei Tische, dachte sie, wird Alles besprochen werden und ich werde von Ihm reden, von Ihm! Hätte sie ahnen können, daß Frau von Büren schon Gottfrieds Namen lächerlich fand! Mit Schrecken bemerkte sie aber schon beim Empfang, daß die Bedienten ihre bessere Livree trugen und von einem Familienkreise nicht die Rede war. Im Salon oben harrten auch schon einige Künstler und Gelehrte und der Vater flüsterte ihr zu: Wie gut deine Schwester ist! Sie hatte ja heut' ein Diner und war sogleich bereit dich dazu einzuladen! Agathe hätte auch gewiß ihrer Schwester dafür innig gedankt, wenn sie Gelegenheit gehabt hätte, sie sogleich zu umarmen. Sie erschien aber erst nach einer kleinen Weile, in rauschender Schönheit, bezaubernd und effektvoll. Sie rief, ohne im Geringsten der Herren, die sich verbeugten, zu achten: Ach, Agathe! legte ihren schönen Arm mit den langen ihn halb bedeckenden Glaceehandschuhen um die Schulter der Schwester und drückte sie an die weichgebauschten Falten ihres seidenen Brustlatzes. Da sie Rosa trug, war es in der Ordnung, daß sich Agathe nur erbsengrün producirte. Im Bewillkommnen der Herren meldete der Bediente, daß angerichtet wäre. Der durch seine Reisen bekannte Legationsrath von K. führte Agathen zu Tische.

Verspätet kam Harriet gesprungen und fuhr rasch, ohne sich viel um die Anwesenden zu kümmern, mit ihrem Löffel in die schon servirte Suppe. Da sah sie die Tante und, theilnehmender fast als alle, ließ sie die Suppe fahren und herzte erst die Tante. Der Großvater fand das viel zu unmanierlich und empfahl Harriet Sorgfalt für ihre langen Kleiderärmel, die sie bei der Umarmung fast in die Suppe getaucht hätte. So dämpfte die Etikette auch hier wieder die Natur. Und doch wurde Harriet eigens für die Natur erzogen! Sie kam so eben, frisch und rosig, aus der kürzlich errichteten Schwimmschule für junge Damen von Stande. Sidonie bemerkte dies und der Gegenstand des Tischgespräches wurde die Frage, ob es gut wäre, daß Damen schwimmen lernten. Es eröffnet sich mir, sagte der fremde Gast, den Sidonie durch das Diner ehren wollte, ein berühmter Zerrissenheitsdichter, es eröffnet sich mir eine ganz neue Aera für den gesellschaftlichen Roman, wenn ich mir denke, daß künftig nicht mehr von reitenden Indianen, Valentinen und Faustinen, sondern von schwimmenden die Rede sein wird. Wie wir früher die Seeromane hatten, werden wir jetzt die Flußromane bekommen, die Periode einer Literatur, die man vielleicht, im Gegensatz zum Salzwasser des Meeres, die Süßwasserromantik nennen könnte.

Der Legationsrath, der viel gereiste, fiel beistimmend und ergänzend ein: Es sind auch die Seebäder bereits dieser neuen Entwickelung der Literatur entgegengekommen. In Ostende hat die grüne Meereswoge längst erreicht, was einer George Sand unmöglich war. Das Meer hat die Frauen emancipirt. Ich erstaune, daß unsere im Allgemeinen schon auf den Strand gekommene Literatur sich den Strand von Ostende hat entgehen lassen. Ein Roman, der sich beim feuchten Begegnen in den Umarmungen Amphitritens anspinnt, eine Liebe, die sich entzündet, während zwei Wesen den elektrisirenden Schlag einer und derselben heranrollenden Welle abwarten, ist noch nicht erfunden worden.

Wallmuth glaubte es gewissen Rücksichten schuldig zu sein, daß er das Gespräch von Harriets Schwimmstunden auf ihre Leistungen im Turnfache hinlenkte. Der berühmte Bildhauer, der gleichfalls zu den Geladenen gehörte und mit dem größeren Theile seiner Orden gekommen war, bemerkte, daß dies die plastische Seite der neuen Erziehung wäre, und setzte hinzu: Wenn die Schwimmkunst mehr den Maler interessiren muß, da Najaden und Nixen ganz eigentlich in sein Bereich gehören, so sind die turnenden Frauen eine desto größere Ueberraschung für den Bildhauer. Der Sinn für Formenschönheit wird eine angemessenere Pflege finden. Die ursprüngliche Hinneigung zu meiner Kunst, die, wie ich glaube, im Geschmack viel tiefer begründet ist, als der Sinn für Malerei, wird sich nun freier herausstellen, als es bei den störenden früheren Vorurtheilen möglich war. Es gab Zeiten, die ich selbst erlebt habe, wo bei den öffentlichen Kunstausstellungen, die der Malerei und Plastik zu gleicher Zeit gewidmet waren, die Säle der Bildwerke immer leer standen, während man die der Gemälde überfüllt antraf. In Berlin hatte man auch deshalb das Auskunftsmittel getroffen, einen Theil der Gemäldegallerie von dem andern durch den dazwischen gelegenen Saal für die Bildwerke zu trennen, so daß jeder, der den einen Theil besucht hatte, um zum andern zu gelangen, auch gezwungenermaßen einige Aufmerksamkeit den Gegenständen der Plastik widmen mußte. Aber da hätte man sehen sollen, wie die Frauen mit niedergeschlagenen Blicken vorüberhuschten, um nur durch die Bildwerke schnell hindurch wieder hinüber zu trauernden Juden und trauernden Königspaaren zu gelangen. Ich zweifle nicht, daß diese Vorurtheile mit dem Anblicke turnender junger Mädchen und Frauen immer mehr verschwinden werden.

Der fremde Dichter warf einen langen geistreichen Blick auf Harriet und sagte nach einer Pause: Je länger ich dieses liebliche Wesen betrachte, desto schöner gruppirt sich mir schon eine künftige Dichtung, in welcher die liebliche Harriet die Heldin sein müßte. Ich denke mir einen Roman, der in der Herzensentwickelung eines weiblichen Wesens, welches in seiner Jugend schon schwimmen und turnen lernte, unstreitig Alles übertreffen müßte, was wir in dieser modernen Sphäre schon besitzen.

So und in ähnlicher Weise glitt das Gespräch belebt und anregend vorüber. Wie konnte freilich Agathe daran Theil nehmen? Waren das Handgriffe, die aus dem zarten Gesaite ihrer Seele einen Ton hervorbringen konnten? Das Thema dieses Gespräches zu verurtheilen, fiel ihr nicht ein. Nur im Stillen dachte sie bei sich selbst: Ob wohl Gottfried darüber etwas zu sagen wüßte? Sie hing diesem Gedanken so lebhaft nach, daß sie, als Sidonie so gütig war auch einmal an sie eine Frage zu richten, sie überhörte und glühendroth vor Scham wurde, als der Vater mit strengem Blick sie erinnerte, ob sie Sidoniens Frage nicht gehört hätte! Sie sah fragend die Schwester an, diese hatte aber schon einen andern Gegenstand ergriffen und kam auf die Kleinigkeit nicht zurück. Das machte sie doppelt verlegen und zog ihr vom Vater einen Blick zu, der ihr tief durchs Herz fuhr.

Nach Tisch aber ward es besser. Man erhob sich und Frau von Büren hatte es so einzurichten befohlen, daß man den Kaffee im Garten unter einem ausgespannten Zelttuche trank. Um den Herren das Rauchen zu gestatten, hatte sie die Gewohnheit, selbst eine kleine spanische Cigarre anzuzünden, die sie jedoch kaum einen halben Zoll weit ausrauchte. Den Moment, wo ihr das glimmende gelbe Papier ausging, benutzte sie, um sich zu Agathen zu setzen, mit Freundschaft ihre Hand zu ergreifen und zu sagen: Nun, gute Seele, wie geht es dir? Agathe war mit einem Wort, mit dem einen Handdruck ganz in ihrer Gewalt. Sie zog die beiden Hände der Schwester an sich, sah ihr in's schöne Auge und sprach nichts als den glücklichen Seufzer: Ach, Sidonie! Sidonie erhob sich und machte sich etwas in den nächsten Sträuchern zu schaffen, wohin sie Agathen mitzog. Sidonie sprach dort erst noch mancherlei Herzliches, aber doch Gleichgültigeres, dann aber, als sie unbemerkt schienen, sagte sie plötzlich, mit einer lachenden, stark von Ironie gefärbten, aber frauenzimmerlich wohlwollenden Miene: Also, Agathe, du liebst?

Da flammten des armen Mädchens Augen auf. Da ward es licht und hell um sie her, als hätte sie vorher nur Nacht um sich gesehen. Da schlug die Brust vor Seligkeit hoch empor und das Herz zuckte wie in einem Wonnekrampf, an dem man lachend sterben könnte. Sie wollte reden, sie konnte nicht. Sie wollte einen Ton der Freude ausrufen, ihre Stimme erstickte. Sie schlang den Arm um den Hals ihrer Schwester und sank, von einem Baume vor der Gesellschaft geschützt, mit stürmisch hervorquellenden Wehmuthsthränen ihr auf die Brust. Ach, daß es die Schwester war, die nach Ihm fragen konnte, nach Ihm, den sie liebte, so innig, so zart, bescheiden! Sie schluchzte nur noch mehr, je mehr es sie drängte zu reden und die Worte ihr nicht kommen wollten. Sie bedeckte die herzliche Sidonie mit Küssen, küßte ihre Hand, nannte sie mit allen Schmeichelnamen der zärtlichsten Schwesterliebe und raffte sich dann von diesem vernichteten, aufgelösten Zustande zur Fassung durch Lachen empor, künstliches Lachen, das bald natürliches wurde und ihrer Schwester das größte Vergnügen machte. Du sollst von Ihm hören, sagte Agathe in stürmischer Eile, sollst Ihn sehen! Er ist zur Universität zurückgekehrt, um seine letzten Prüfungen zu bestehen, er ist siebenundzwanzig Jahre, nicht groß, und engelgut. Daß er nur dem Vater gefällt, daß er dir gefällt! Und so jubelte sie in einem Entzücken fort. Sidonie mußte sie nur beruhigen, weil ihr Zustand jetzt zu auffallend mit ihrer Schweigsamkeit bei Tische contrastirte und sie doch Beide zur Gesellschaft zurückkehren mußten. Wer auch nicht tief sah, mußte doch bemerken, daß in dem stillen Mädchen eine Aenderung vorsichgegangen war. Sie kümmerte sich um die Servirung des Kaffees, befahl, daß man den Herren Aschenbecher brächte, hüpfte mit Harriet auf und ab, erzählte ihr von dem kleinen Andres aus der Klosterschule und war auch nicht im Mindesten verstimmt, nicht im Mindesten gekränkt, als der Vater nach der Uhr sah und bemerkte, es wäre Zeit zum Theater. Er hatte eine Loge genommen, um das Debüt einer berühmten Sängerin zu hören. Vier Plätze waren nur da. Zwei für den Vater und Sidonien, zwei bot er dem Legationsrath und dem Geheimrath an. Der Zerrissenheitsdichter war ihm zu modern und noch nicht vornehm genug. Etwas anders wär' es gewesen, wenn dieser Dichter schon den Hoftitel gehabt hätte. Dieser empfahl sich, Harriet mußte englische Stunde nehmen, die vier Inhaber der Loge fuhren in die Oper und Agathe wanderte allein, verlassen, zu Fuß, aber glücklich und ohne Groll, ohne Bitterkeit, umklungen vom Echo der Frage: Also du liebst? nach Hause.

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