Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Gutzkow >

Die Selbsttaufe

Karl Gutzkow: Die Selbsttaufe - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleDie Selbsttaufe
pages67-145
created20020417
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1846
Schließen

Navigation:

3.

Dieser lautete:

Schönlinde, 6. Juni.

»Theurer Vater, herzliebe Schwester!

Jedesmal, daß ich die Feder ansetze, um an Euch, geliebte Menschen, zu schreiben, scheint es mir ein Verbrechen, daß ich mich in diesem ländlichen Aufenthalte so glücklich fühle. Ich kann aber nicht anders! Ich kann auch diesen ewig blauen Himmel, diese duftenden Gärten nicht kränken, ich muß mit Lobgesängen von ihr reden, dieser Pracht und Herrlichkeit Gottes, ach! von diesem reizenden Schönlinde. Es ist hier auch zu schön! Für mich gewiß, die ich mit weniger Grün, mit weniger Blumen zufrieden wäre. Brauch' ich Berge, brauch' ich solche Thäler? Verdien' ich diesen blauen Spiegel des großen Sees, der sich in seiner majestätischen Größe wiegt und schaukelt und dessen Ufer erst von unzähligen kleinen, oft bunten Kieselsteinen besäet und dann mit Obstbäumen bepflanzt sind, die bald unter der Last ihrer reifenden Früchte seufzen werden. Das solltet Ihr blitzen sehen, wenn man nach einem Regen wieder in die erfrischte Natur hinaustritt und die Sonne darüber wegscheint, über die nassen Kräuter und Gräser, die tropfenden Sträucher und die großen, großen Bäume, denen man recht ansieht, wie wohl ihnen ist nach dieser Erquickung! Ich kann mich nicht satt sehen und denke mir manchmal, wenn ich das Alles mit meiner kranken Brust so recht einsauge – ein besserer Geschmack, als die säuerlichen Molken – das Herz müßte mir springen, weils zu schwer, zu frisch, zu reich für mich ist. Seid nicht bös, daß ich von meinem Uebel rede. Die Molken bekommen mir gut.

Nun kann ich wohl sagen, Ihr edlen Menschen, nun fehlt nur Ihr noch, um mein Glück zu vollenden! Aber Ihr habt wohl noch Schöneres gesehen, wenn es Schöneres geben kann. Vor zwei Jahren waren Eure Briefe aus Italien freilich prächtiger und die aus der großen und wilden Schweiz noch schöner als die aus Italien, aber ich las das damals so still in meinem Stübchen, wo ich nur kleine Resedatöpfchen vor mir hatte und nicht einmal in Sidoniens Garten laufen konnte, weil Ihr Andern den Schlüssel gegeben hattet. Wer weiß, ob jetzt der Zauber noch so groß wäre, wenn ich das hier noch einmal lesen wollte in meiner Geißblattlaube, die sich dicht an einen Hügel lehnt, von dem ich über mir in lustigen Sprüngen eine Quelle hinunterhüpfen höre, die oben aus dem alten Klosterhofe kommt. Oben steht ein altes Kloster, liebe Sidonie. Es ist aber jetzt nicht mehr von Mönchen bewohnt, sondern ein Schulgebäude geworden, wohin die Kinder der ganzen Gegend in die Schule gehen. Die armen Kleinen patschen immer barfuß hinauf den steilen Berg, der oft vom Regen glatt ist. Jedes hat sein Büchelchen unterm Arm und eine Schiefertafel, die es wie sein Leben hütet. Neulich fiel einem seine Tafel entzwei; so bitterlich hab' ich noch nie Einen in der Welt weinen hören. Als unsre gute Mutter starb, haben wir selbst nicht so wehmüthig geweint, wie der kleine Andres über seine zerbrochene Schiefertafel. Ich schenkt' ihm eine neue.«

Als Harriet im Vorlesen des Briefes bis an diese Stelle gekommen war, sagte der Commerzienrath, sichtlich von dem Briefe geärgert: Es ist doch wahr, das Mädchen ist wirklich dumm! Erinnert diese Geschichte nicht an jenen Brief, in dem sie uns über nichts geschrieben hat, als über das angenehme Knirschen, wenn Ziegen Gras fressen? Sidonie lächelte. Die Kleine aber, der die Geschichte vom Andres und der zerbrochenen Schiefertafel gefiel, fuhr fort:

»Von der Klosterschule – sie ist evangelisch, wie die ganze Gegend – muß ich aber, selbst auf Gefahr hin, Euch zu langweilen, noch mehr sagen. Der vordere Eingang ist sehr prächtig und sticht gegen die bescheidene alterthümliche Bauart des Uebrigen sehr ab. Man hat diese Eingangspforte erst in spätern Jahren gebaut. Tritt man hinein, so ist alles dunkel, winklicht, gothisch, bis man wieder in den Kreuzgang kommt, wo die Kinder spielen, Knaben und Mädchen, die, wenn sie ganz klein sind, hier zusammen unterrichtet werden. Was sind die Kinder froh, wenn sie aus den dumpfen Schulstuben kommen! Ich bin schon so bekannt mit ihnen, daß sie mich alle grüßen. Denke dir, Sidonie, ich stehe dann gewöhnlich an der Quelle, die in der Mitte des Kreuzganghofes entspringt und aus einem alten Granitbassin mit einem pausbäckigen Wassergott in der Mitte weiter geführt wird bis hinunter nach Schönlinde. Die Kleinen kommen erhitzt und wollen trinken. Ich hindere es aber und sorge, daß sie sich alle erst abgekühlt haben. Dann erst lass' ich jeden heran. Natürlich trinken sie nicht aus Gläsern oder Bechern, sondern mit der flachen Hand, oder sie legen den Mund ohne Weiteres in den Trog hinein und schlürfen das reine felsenkühle Wasser.«

Und dies schöne Trinkwasser, fiel der Commerzienrath lachend ein, fließt dann wieder nach Schönlinde hinunter? Er lachte so, daß sich seine Orden bewegten. Still, sagte Sidonie, still, Väterchen, ich bin gerade bei der Emaille des kleinen blauen Sterns. Harriet, die sich an diesem Klosterhofe einen Tummelplatz für Turnübungen träumte, fuhr glückselig fort:

»Vergebt, daß ich Euch mit Dingen unterhalte, die mir selbst gedankenlos erscheinen müßten, wenn ich nicht in der Lage wäre, ein Geständniß daran anknüpfen zu müssen, das eine der wichtigsten Beziehungen meines Daseins betrifft.«

Sidonie hielt einen Moment mit der Arbeit inne. Wallmuth horchte hoch auf. Harriet las:

»Ja, geliebter Vater, theure Schwester, nehmt die Anfänge dieser Zeilen für das verlegene Stottern, mit welchem man sich den Weg zu einem Richterstuhle zu bahnen sucht, von dem herab über unser Herz auf Tod und Leben soll geurtheilt werden. Ach, ich hab' es zu umgehen gesucht, habe den Brief in einer Absicht begonnen, mit der ich ihn nicht enden kann, ich kann nicht verschweigen, nicht zurückhalten, was mein tiefstes Innere bewegt. Seid gut und milde in dem Augenblick, da Ihr dieses leset! Seid menschlich, nicht stolz, nicht vornehm – vergebt, daß ich Euch um eine Nachsicht bitte, die Ihr mir Armen ja stets habt angedeihen lassen!«

Was will sie? fragte Wallmuth erstaunt.

»Ich bin,« fuhr Harriet im Lesen fort, »nach Schönlinde gegangen, wie der Herr Hofmedicus von Müller es wollte, meiner Gesundheit wegen. Die Beängstigungen und Beklemmungen meiner Brust haben sich etwas gelindert, aber wohl mehr durch die Landluft, als den Genuß der Molken, den ich jedoch fleißig fortsetze. Was mich dagegen von anderer Seite her beunruhigte, war die sichtliche Verlegenheit, in welche unsern guten alten Eberlin meine wirkliche Ankunft versetzte. Hatte der würdige Mann, aus Dankbarkeit für das Gute, das er als Lehrer der Mutter einst im Haus ihrer Eltern genossen, sich übereilt, indem er uns meine Aufnahme in seine trauliche Pfarrwohnung zusagte, oder war die Nachricht, daß sein Gottfried von der Universität käme, ihm selber unerwartet, genug, ich gerieth in nicht geringe Verlegenheit, als ich, kaum angekommen und eingerichtet in dem geräumigen Fremdenzimmer der Pfarrwohnung, hörte, daß der junge Eberlin in einem Briefe seine baldige Ankunft gemeldet hatte. Der Vater schien überrascht von diesem Besuche, er hatte ihn nicht erwartet. Gottfried war im Begriff, sich auf der Universität als Doctor zu habilitiren, hatte seinen Plan aber geändert und wollte den Sommer, als Candidat der Theologie, bei seinem Vater zubringen. Nun paßte das freilich nicht recht, daß ich gekommen war. Gottfried, dacht' ich in mir, wird ankommen, sich nach den besten Winkeln und Plätzen seines traulichen Elternhauses umsehen und sich in seinem Frieden, in seinen gelehrten Arbeiten gestört fühlen. Der Pfarrer meinte dagegen, daß ich mich oder Ihr Euch in meinem Namen zu beklagen hättet. Das Haus ist zu klein, sagte er, man wird finden, daß der Anstand verletzt wird, und so wollte er Gottfrieden abschreiben. Ich konnte ja das aber nicht zugeben und so stritten wir, bis eines Abends ein junger Mann die Gitterthür des Vordergartens öffnet und eintritt, während ich gerade Salat für das Nachtessen breche. Es fiel mir gleich auf, daß der Fremde den geheimen Druck kannte, mit dem man die Thür von Innen öffnet, und wie er schüchtern die Mütze zog und Phylax, statt zu bellen, sich winselnd vor ihm krümmte und ordentlich wie mit Freudengeschrei um ihn wedelte und heulte, da wurde mir angst und bange und ich sah erschrocken auf mein Eckzimmerchen, auf das gerade die Abendsonne so golden schien. Der alte Eberlin saß und las am offenen Fenster. Wie er den Hund hört, sieht er hinaus, schlägt das Buch zu und ruft erschrocken: Ach, du mein Gott! Da flog er auch schon heraus, der alte Mann, und lag seinem Sohn in den Armen. Das war auf der Schwelle des Hauses. Ich kniete in der Ferne im Salatbeet und mußte weinen, weil ich dabei an unsere gute selige Mutter dachte.

Auszuziehen braucht' ich aber doch nicht; denn Gottfried hatt' es klug angefangen. Er war schon eine Stunde in Schönlinde, hatte aber sein Quartier beim Schulverweser oben im Kloster genommen, wo es Zimmer die Fülle gab, und der Schulverweser, ein blasser kranker Mann, war Gottfrieds Freund und Schulgenoß und die hatten eine mächtige Freude, daß sie oben zusammen wohnen konnten. Der alte Eberlin lachte und meinte, sie sollten's nun auch so lassen.

Jetzt bitt' ich, lieber Vater und liebe Schwester, hört mir ruhig zu. Gottfried hatte schon von mir gehört gehabt. Daß er mich nicht stören wollte, gefiel mir. Sein blasser Freund nannte mich oben immer gnädiges Fräulein und war sehr schüchtern. Gottfried schien mir aber noch schüchterner, denn er redete gar nichts, außer mit dem Vater, der nach der ersten Freude des Wiedersehens nicht mehr so zufrieden mit ihm war wie anfangs. Du verlierst nun wieder einen ganzen Sommer, sagte er ihm, und bringst es in deinem Leben zu nichts. Gottfried stützte den Kopf in den Arm und sah in den Teller. Auch schmecken wollt' es ihm nicht. Du solltest Doctor werden, sagte der Vater, und kommst als Candidat. Zum Prediger taugst du nichts. Laß mich nächsten Sonntag predigen, antwortete ganz still der arme Mensch. Der alte Eberlin sagte mürrisch: Wenn du dich dazu nicht verunreinigt hast! Ich verstand das nicht. Sie schwiegen. Dann kamen sie auf andere Dinge und sagten sich zuletzt versöhnt gute Nacht.

Ich gehe ängstlich um etwas herum, was ich sagen will und sagen muß. Aber verschweigen werd' ich nichts. Das war schon vor drei Wochen, damals, wo ich so verkehrte Briefe schrieb. Gottfrieds Predigt hatte mich verwirrt gemacht. Er sprach so leise, daß die Landleute nicht mit ihm zufrieden sein konnten. Ich aber verstand ihn und begriff Alles, was er sagte, und als er zuletzt betete und zum Segen kam und den Segen nicht, wie ein ordentlicher Pfarrer, gab, sondern ihn auch auf sich herabflehte und sagte: Der Herr segne uns und behüte uns, der Herr lasse sein Antlitz über uns leuchten und sei uns gnädig, der Herr hebe sein Angesicht auf uns und gebe uns seinen Frieden! – da war ich in Thränen verloren und hätte sterben mögen. Ich kam nach Hause und wußte nicht wie. Bei Tische konnte ich nicht zu ihm aufsehen. Den ganzen Tag war mirs, als müßt' ich mich vor ihm verstecken. Den Abend, als er mit mir und dem kranken Freund am See entlang spazieren ging und sich dann von mir trennte, dankt' ich ihm für seine Predigt.

Der Schulverweser litt an der Zehrung. Sein Amt ward ihm schwer und sein Gehülfe verstand wenig. So trat manchmal Gottfried für den armen Freund ein. Wenn ich zum Kloster hinaufstieg, hört' ich schon seine sanfte Stimme von Ferne; denn die Thüren, die in den Kreuzgang führen, standen auf, weil es sehr heiß war. Ich schlich mich dann über den knisternden rothen Sandsteinboden näher und setzte mich auf einen Schaft der schönen blanken gothischen Säulen, die das Dach des Kreuzganges tragen, nieder. Da lernt' ich, wie man klar und verständig, zutraulich und doch streng mit Kindern umgehen müsse, um von ihnen geliebt zu werden. Einmal kam ich zu nahe, man merkte meine Nähe, ich mußte an die offene Thür gehen. Da standen alle die Kleinen auf und Gottfried lächelte wie beschämt. Die Ehrenbezeigung ängstigte, das Lächeln rührte mich, und doch setzt' ich mich hinten auf die letzte Bank, um zuzuhören. Gottfried war in Verlegenheit. Ich bekam Muth, und um ihm von dem meinigen einzuflößen, sagt' ich, ich will Märchen erzählen. Ich erzählte und seitdem muß ich jeden Nachmittag in den Klosterhof und ein Märchen mitbringen. Einige Kinder küssen mir die Hand, andere schenken mir Büschel von Walderdbeeren und ganz, ganz kleine Bübchen, die kaum sprechen können und nur zur Obhut von ihren im Feld arbeitenden Eltern hierher gegeben werden, pflücken Sternblümchen und bringen sie mir mit verschämter Liebe.

Der alte Eberlin wollte die täglichen Begegnungen mit seinem Sohne stören. Es ging nicht mehr. Eines Abends –«

Sidonie nahm bei dieser Stelle Harriet den Brief ab und schickte die vom Lesen und Turnen hungrige Tochter hinunter zur Haushälterin. Das Portrait war vollendet. Der Vater sah seiner Tochter über Agathens Mittheilungen befremdet an. Diese lächelte fein und fragte den Alten, ob er den Brief zu Ende hören wolle. Wallmuth war im höchsten Grade gespannt und Sidonie fuhr fort:

»Eines Abends, der Vater war zu Bett gegangen, begleitete ich Gottfried, der zum Kloster hinauf wollte, eine kleine Strecke seines Weges. Es war Mondschein im abnehmenden Licht, und Alles still im Oertchen, stiller noch, wenn man hinterrücks den Gartenpfad einschlug und das ganze schlummernde Leben unter sich liegen ließ. Da steht ein großer breitastiger Nußbaum am schmalen Wege und eine alte Steinbank, vielleicht für die Mönche, die zum Kloster hinaufstiegen, ein Ruhesitz, vielleicht Station eines alten Calvarienberges. Gottfried zog mich auf die Bank nieder und legte schüchtern seine Hand in die meinige. Es war so sanft und feierlich in der Natur. Drüben glänzte der See, unter uns im Orte schlugen die Uhren zusammen, ein Paar Bursche jodelten und im Gebüsch dicht vor und um uns leuchteten die Glühkäfer. Meine Hand hatte schon öfter in der seinigen geruht, aber nie so lange, nie so ruhig. Ich sah ihn schon seit Tagen leiden, ich sah, sein Herz bedurfte eines Trostes, eines empfänglichen Gegenherzens, dem er sich vertrauen konnte. Der Vater schien kalt und sonst verstand ihn Niemand, auf der Kanzel nicht, wie viel weniger im vertraulichen Gespräch! Ich wußte nicht, wie ich das nennen sollte, was ihn zu mir zog. Liebe wagt ichs nicht zu nennen; denn ich bin nicht schön, bin leidend, kann Niemand gefallen und habe noch Niemanden gefallen. Ich bin die Tochter eines Mannes, der mich nimmermehr an Gewöhnliches wegwerfen würde, und das Außerordentliche ist nicht gekommen. So ward ich vierundzwanzig Jahre und habe die ersten halb bewußtlosen Träume von Liebe schon hinter mir. Gottfried, sah ich, wollte mir schon seit Tagen von Liebe sprechen, er wagte es nicht. Ich hätte ihm selbst den Muth geben mögen, der ihm zu fehlen schien. Es bekümmerte mich, daß ich ihm soviel Scheu einflößte: ich schämte mich, daß ein so reicher und edler Geist vor mir sich demüthigte und irreredete. Ihn nun hinhalten und mit seinem Herzen zu spielen, kalt erscheinen bei innerer Wärme und ihm das Geständniß seiner edlen Brust erschweren, das schien mir unwürdig und vermessen. Und so straft' ich ihn nicht, als er mich an sich zog und von Liebe sprach. Sein Kuß bebte auf meinem Munde und ich gelobte ihm die Treue, die ich ihm ewig halten werde. Er brachte mich an sein Vaterhaus, ich bracht' ihn wieder an den duftenden Nußbaum, er mich wieder an das Haus und ich ihn wieder an den Baum, bis es eilf schlug. Da schieden wir, aber ich merkte wohl, daß er noch so lange um das Haus hin- und wiederging, bis ich die Fenster schloß und mein Lichtchen löschte.

Das war gestern. Und heute schrieb' ich den besten Menschen mir nicht zu zürnen, wenn ich mich Gottfried Eberlins Verlobte nenne. Guter Vater, Du wirst mir vergeben! Für die Welt, in der meine theure Schwester Sidonie glänzt, bin ich nicht geschaffen. Mutter sagte mir oft, in der Zeit, da sie mich unterm Herzen trug, hätte sie viel weinen müssen. Ach, nun bin ich auch ein so düstrer Schatten geworden, der Euch so oft in Euerm verdienten Glücke, in dem Lichtäther Eures feineren Daseins stört! Laßt mich ziehen, laßt mich meines Gottfrieds Braut und künftige Gattin sein! Er wird sich seinem Vater entdecken und Vergebung erhalten, wenn ich ihm die Eurige bringen kann. Ich komme nun zurück. Die Wallungen der Brust, die mir diese aufgeregten Tage verursachten, störten den Erfolg der Cur. Laßt mich an Herzen zurückkehren, die mich nicht verdammen! Schämt Euch nicht der künftigen Gattin eines Geistlichen! Gottfried kehrt rasch zur Universität zurück, um die letzte seiner drei Prüfungen zu vollenden. Er schreibt an Dich, geliebter Vater, wenn Du ihm sein willst, was Du mir bist! Ich bete zu Gott, daß er mir die Liebe Eurer Herzen erhält, und nenne mich, bewegter als je, empfundener als je, Eure gehorsame Tochter und treue Schwester

Agathe
 

Von Wallmuths Stirn hatten sich die düstern Furchen verzogen. Er blickte, als Sidonie geendet, diese an und schien an ihrem Auge das Zeichen zu erwarten, wie er sich benehmen sollte. Die Anrede, die Agathe an ihn aus voller Ueberzeugung gerichtet hatte, diese Voraussetzungen, daß er der beste, edelste, zärtlichste aller Väter wäre, rührten ihn und Sidonie, die ihn dafür genug kannte, hätte grausam kalt sein müssen, wenn sie ihm nicht erlaubte, wiederum der Thräne, die aus seinem Auge quoll, freien Lauf zu lassen. Die gute Seele! sagte sie halb theilnehmend, halb mit einer gewissen ironischen Duldung. Wallmuth konnte nun, um sein Weinen zu verbergen, ganz frei lachen, lachte und weinte und sagte dann: sie soll nur kommen! Mag sie ihn nehmen, wenn er eine Pfarre mitbringt. Zu Höherem verstieg sich nie ihr beschränkter Sinn und wenn er Geschick hat, kann man jetzt auch im geistlichen Fache zu einer bedeutenden gesellschaftlichen Stellung kommen.

Eine Hochzeit! sagte Frau von Büren und schlug satirisch verwundert die Hände zusammen. Gottfried Eberlin! setzte sie lachend hinzu, wie kann man sich in einen Menschen verlieben, der Gottfried heißt!

Liebes Kind, sagte der Vater, indem er seinen Hut nahm und Sidonie klingelte, um den Wagen zu bestellen, liebes Kind, in unserm neuen Schwager mußt du dir einen blonden langgeschossenen jungen Menschen denken, mit unbeholfnem Benehmen, wasserblauen Augen, Röcke tragend mit zu kurzer Taille, Beinkleider ohne Sprungriemen, ewig die qualmende Pfeife im Munde, Gottes Wort vom Lande! Was hilfts!

Und Agathe neben ihm, fuhr Sidonie fort, indem sie den Vater hinausbegleitete, Agathe im Gemüsgarten, Salat lesend, die Schulkinder stricken lehrend, die gute Seele! Ich meine doch, man sollte erst Erkundigungen einziehen, ob dieser Gottfried ihrer auch würdig ist. Sie ist so gutmüthig, daß sie im Stande wäre, ihn schon darum zu nehmen, damit sie ihm nicht wehe thut –

Der Vater küßte seine, wie er sie nannte, gefühlvolle und kluge Sidonie, versprach, diese Erkundigungen einzuziehen und stieg die Treppe hinunter. Unten rief er nochmal hinauf: Sidonie, wie hieß er?

Sidonie rief lachend von oben herab: Gottfried!

Beide lachten herzlich. Der Wagen rollte davon.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.