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Die Selbsttaufe

Karl Gutzkow: Die Selbsttaufe - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleDie Selbsttaufe
pages67-145
created20020417
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1846
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2.

Der Wagen sprengte durch die belebten Gassen. Es war Markttag, der Himmel hatte sich aufgeklärt, aus Verdruß vielleicht, früh Morgens die Mißbilligung eines geistreichen Mannes sich zugezogen zu haben. Der Commerzienrath fuhr beim portugiesischen Gesandten vorüber, dem er einen weniger aufregenden Thee zu empfehlen sich vornahm. Alles war heiter und froh in ihm, wie immer, wenn er seine vier Pfähle hinter sich hatte. Er gehörte zu den Naturen, die nur außer dem Hause liebenswürdig sind. Er gestand dies auch selbst ein, ja er nannte sich zuweilen schwach, verwöhnt, eitel sogar, was er jedoch Alles mit so schalkhafter Grazie that, daß man gezwungen war, ihn des Gegentheils zu versichern. Der Gedanke, daß ihn die stolzen Renner (ein Schimmel und ein Brauner, nach moderner Art zweifarbiges Gespann) zu seiner Tochter Sidonie, verwitweten Baronin von Büren, brachten, schien sein, von einer knappanliegenden Perücke jugendlich umschattetes Haupt zu verklären.

Frau von Büren, die berühmte schöne Frau, bewohnte dicht vor dem Thor ein reizendes Landhaus. Ehe der Wagen dorthin gelangte, bekam Wallmuth einen Anfall plötzlichen Entzückens, riß das Fenster des Wagens auf, klopfte und trampelte, daß man halten sollte, und rief auf die Straße unarticulirte Freudenlaute aus. Der Wagen hielt. Der Kutschenschlag wird geöffnet, die Treppe niedergelassen und heranspringt ein allerliebstes zehnjähriges Mädchen, Harriet, Sidoniens Tochter, seine Enkelin. Küsse, Liebkosungen, hundert Fragen und alle auf einmal. Engel – Großpapa, Großpapa – Engel – ! Dieser geistreiche, gefühlvolle und reiche Mann war wirklich glücklich. Harriet, die kleine Baronesse, hatte ihm nur guten Morgen sagen wollen und sollte dann, der Bediente, der sie begleitete, stand in bescheidener Ferne, in die gymnastische Unterrichtsstunde gehen. Harriet lernte Leibesübungen! Die Mutter wollte dies aus künstlerischen, der Großvater aus diätetischen Rücksichten. Er ergriff überhaupt jede Gelegenheit, sich als ein Mann ohne Vorurtheile, als ein Mann, der in Nichts am Alten hing, zu zeigen. Keine verbesserte Kaffeemaschine wurde erfunden, die er nicht sogleich anschaffte und begutachtete. Man konnte immer sicher sein, wenn von einer neuen Entdeckung die Rede war, daß Wallmuth sich über sie schon ein Urtheil gebildet hatte. Man muß gestehen, daß dies, wenn nicht gerade Geist, wofür man es meistens erklärte, doch eine gründliche Bekanntschaft mit der Kunst, das menschliche Leben zu verlängern, verräth.

Nach einigen Küssen und warnenden Verhaltungsmaßregeln ging die liebliche Harriet, bepackt mit einem Papier voll Bonbons, in die Turnstunde. Der Großvater fuhr zu Sidonien. Er fand sie in ihrem Maleratelier. Dies war wunderbar gelegen. Natürlich mußt' es nur ein Fenster haben, aber dies war hochgewölbt, im gothischen Styl, und gab eine Aussicht in Gärten und Felder zum blauen Gebirge hin. An den Wänden hingen Skizzen, Studien, halbvollendete Brustbilder, auch ein Apparat zum Daguerreotypiren fehlte im Interesse der Landschaftsmalerei nicht. Rechts und links war dies genial ordnungslose Atelier von den eleganten Boudoirs und Cabineten der Besitzerin umgeben.

Sidonie schien verstimmt oder zerstreut. Sie lag auf einem kleinen Eckdivan hingestreckt, sie befand sich noch in der Morgentoilette, in einem allerdings reizenden Negligé. Ein Buch lag aufgeschlagen neben ihr. Hatte sie darin gelesen, philosophirte sie über das Gelesene, sie behauptete, als der Vater eintrat, ein prickelndes Kopfweh zu empfinden. Dieser, der nur zwei Leidenschaften hatte, die für den Ruhm und die für seine Tochter, wollte ihr in diesem Falle keinen Zwang anthun, aber sie sagte mit melodischer Stimme: Behüte Papa; bleibe nur! Mit allen deinen Orden! Du siehst wie Harlekin aus. Setz dich, wir machen heut ein Ende. Sie ging an eine Staffelei, kehrte das darauf verkehrt liegende Gemälde um, es war der Commerzienrath und Ritter Wallmuth, den sie kunstvoll gemalt hatte, der leibhaftige Großpapa der lieblichen Harriet, in der Hofuniform, mit allen seinen Orden, die Sidonien zu malen mehr Schwierigkeiten machten, als die welken Gesichtszüge des alten Herrn. Sidoniens Kopfweh machte aber, daß Wallmuth zum Sitzen kaum zu bewegen war. Er küßte sein Kind mit der Zärtlichkeit eines Liebhabers, gab ihr eine Menge Verhaltungsmaßregeln, schlug ihr vor, mit ihm ins Freie zu fahren, was sie jedoch alles einfach mit einer Oeffnung des großen Fensters erwiederte. Nun strömte ein frischer Zugwind, geschwängert von Jasmin- und Hollunderdüften, in das dumpfe Zimmer. Sie sagte: Ich will dich heute fertig malen! Das entschied. Gegen dieses Will seiner Tochter war der Vater nicht gewohnt, etwas einzuwenden.

Besuche störten den Akt nicht, sondern belebten ihn. Sidonie besaß eine so starke Geisteskraft, daß sie malen und sich doch mit Künstlern oder Theoretikern, die sie besuchten, unterhalten konnte. Die meisten von der letzten Art lieferte das diplomatische Corps. Kaufte man nicht jetzt die Farben schon präparirt und gerieben, Sidonie hätte aus einigen Legationssekretairen und Offizieren ihre Farbenreiber wählen können. Man kam und ging. Man brachte Neuigkeiten und nahm welche mit. Man bewarb sich um Sidoniens Gunst. War sie doch jung, reich, schön! Sie galt für geistreich und war es auch. Nicht so, wie man gewöhnlich Frauen geistreich nennt, die nur das Talent haben, ewig zu fragen, alles zu bezweifeln und nichts über Menschen und Dinge für ausgemacht zu halten, als das Gespräch darüber, sondern sie besaß positiven, behauptenden, schaffenden Geist, sie konnte sich für eine Meinung erhitzen, sie konnte so lange für eine Ansicht streiten, bis sie merkte, daß sie darüber unschön wurde. Dann brach sie ab. So leidenschaftlich, wie sie wirklich war, wollte sie doch nicht scheinen.

Sidonie war vom Baron von Büren früh Witwe geworden. Dieser Herr war ein junger Elegant gewesen, den Sidonie um so liebenswürdiger finden mußte, als ihn alle Welt so fand. Er heirathete sie, sie wurde Mutter, der Vater starb. Ein junger Mann, scheinbar blühend, starb! Ein Herzfehler konnte ihn nicht länger leben lassen. Er starb, als Sidonie noch im Stande war, um ihn zu trauern. Sie war jung, unfertig und hatte in ihm ein Ideal gefunden. Nach der Trauerzeit wurde sie reifer, las viel, dachte nach, dichtete, malte; da schwand auch die Erinnerung an ihren Gatten. Sie fand, daß er nicht Eigenschaften besaß, die sie dauernd würden glücklich gemacht haben. Sie sagte sich im Stillen, daß er im Grunde unbedeutend gewesen war: und das genügte, ihr das Gedächtniß an ihn auf immer zu vertreiben. Sie hatte sich durch Talent und Lebenstakt so über die Menge erhoben, daß sie sich durch Verbindung mit etwas Gewöhnlichem nur wieder in die große Masse der Alltäglichen würde hinuntergestoßen gefühlt haben. Sie sprach diese Stimmung auch offen aus, in Gedichten und Romanen, die jedoch noch nicht gedruckt waren und in der Gesellschaft nur in sauberen Abschriften circulirten. Ihr Vater wünschte, daß man ihre geistreichen Arbeiten drucken, jedoch nicht verkaufen möchte. Der vornehm gewordene Mann hielt es für eine Profanation des Standes, Bücher herauszugeben, die von jedem gelesen und von jedem – beurtheilt werden dürften. Er wünschte, daß man diese Werke der Baronin von Büren nur auf sauberem Velin gedruckt leihweise erhalten könnte, daß man sie als »gedruckte Manuscripte« hohen Personen verehren, sie an diejenigen gelehrten Gesellschaften, deren Mitglied er war, senden und allenfalls einzelnen hervorragenden Charakteren in der Literatur, in Maroquin gebunden, als Angebinde »vollkommener Hochachtung« zum Geschenk machen könnte. Doch verwarf Sidonie diese und andere Pläne. Sie sagte: Schreiben ist bei mir Krankheit – Druckenlassen wäre vielleicht ein Heilmittel, ist aber ein so gewagtes, daß ich daran, statt gesund zu werden, vielleicht sterben könnte.

Der Vater liebte solche Aeußerungen nicht. Es waren die einzigen, die er von seiner Tochter zu misbilligen den Muth hatte. Glücklicher machte es ihn, wenn sich Sidonie folgendergestalt äußerte: »Wenn eine Frau von Stande drucken läßt, so erregt ihr erstes Werk Staunen, ihr zweites Neid, ihr drittes Feindschaft. Im Grunde kann man auch nur ein gutes Buch schreiben, wenigstens eins nur, in dessen Lobe sich Alle vereinigen. Der Seelenzustand, den man in diesem Werke ausgesprochen hat und der alle Herzen fortriß, erscheint nur einmal wahr, nur einmal geben die Menschen sich die Mühe, ihn für wahr zu halten, nur einmal strengen sie sich an, ihn zu bewundern. Später, wenn sich die Stimmung dieses Buches wiederholt, erklärt man sie für gemacht, und wenn man gar Fortschritte sich erlaubt, wenn man den Muth hat, künstlerisch reifer und vollendeter zu werden, dann kann man keinen Roman herausgeben, dessen Schluß nicht jede Kammerfrau anders gewendet hätte.« Das Entzücken, welches der Commerzienrath über solche Ansichten empfand, wurde nur dadurch wieder gemildert, daß Sidonie ironisch genug war, hinzuzusetzen: »Diese Meinung von Büchern soll freilich nicht hindern, daß ich deren vielleicht ein halbes Dutzend dennoch drucken lasse.«

Das Gespräch der anwesenden Morgenbesuche wurde lebhafter, heitrer. Auch Sidonie ging auf diese Stimmung ein. Der Vater fragte, ob ihr Kopfweh verflogen wäre. Nicht ganz, sagte Sidonie. Und doch suchst du mich zum Lachen zu stimmen? fiel Wallmuth ein. Damit du im Bild ein freundliches Gesicht machst, bemerkte Sidonie. Ihr Vater hätte sie umarmen mögen. Sein Auge verklärte sich. Er war glücklich, der Vater eines Wesens zu sein, welchem man so sichtlich bemüht schien, Interesse einzuflößen. Der Stolz wuchs, als einer der berühmtesten Bildhauer angemeldet wurde, der vom Hofe berufen war, einige seinem Genie anvertraute Kunstideen auszuführen. Der stolze Künstler, der, wie so viele seiner Kunstgenossen, durch Glück und Auszeichnungen ein großer Herr geworden war und sich ganz in die Hände einiger talentvoller Schüler, die auf seinen Namen arbeiteten, gegeben hatte, wollte nicht unterlassen, einer so berühmten Dilettantin, wie Sidonien von Büren, seine Aufwartung zu machen. Der Bildhauer, er hatte den Titel Geheimrath, sprach mit Bewunderung von dem Gemälde, war aber so sehr schon Weltmann geworden, daß ihn die Orden Wallmuths, er trug selbst ein Band im Knopfloch, länger aufhielten, als man bei der Genialität eines Schülers von Michel Angelo hätte voraussetzen sollen. Er erkundigte sich sehr eifrig, ob jener Stern ein Stern erster oder zweiter Klasse wäre, verweilte lange bei dem Unterschiede der Einfassung des griechischen Erlöserordens von der des portugiesischen Christusordens und sagte dann erst: Ich würde mir ein Vergnügen machen, diesen Kopf zu modelliren, wenn dies nicht hieße, mit einem Gemälde zu wetteifern, das unübertrefflich ist. Während sich das Gespräch des kleinen Cirkels auf die Werke ausbreitete, zu deren Vollendung der große Meister berufen war, sann Wallmuth darüber nach, was er wohl thun könnte, um seinerseits diesen Mann, der ihm und seinem Kinde so Verbindliches gesagt hatte, recht zu ehren. Da die Bildhauer mehr mit dem Tode als mit dem Leben zu thun haben, so fiel ihm die widerliche Störung von heute früh ein und brachte ihn auf einen Vorschlag, den er mit schüchterner Ehrerbietung dem berühmten Künstler zu machen wagte. Schon lange sehe ich mich, sagte er, für das Grab meiner Frau... hier traten ihm die Thränen in die Augen, wirkliche Thränen! Er weinte, – die Versammlung ehrte seinen Schmerz und schlug die Augen nieder. Wallmuth sammelte sich und fuhr fort: Es ist eine düstere Seite im edlen Berufe des Bildhauers, sich soviel mit dem Tode beschäftigen zu müssen. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn der Herr Geheimrath mir die Ehre erwiesen über das Grab meiner guten Louise aus carrarischem Marmor... Er stockte wieder. Sidonie mußte ihn ergänzen. Der gute Vater! sagte sie. Er hängt mit innigster Zärtlichkeit an der zu früh verstorbenen guten Mutter. Aber kein Mausoleum für sie allein! Eine Begräbnißhalle für die Familie! – Dabei fixirte sie den Vater. Dies war für den alten Mann zu viel. Er weinte zuletzt besonders deshalb, weil Sidonie mit ihm zu sterben gedachte. Der Geheimrath war ebenfalls sehr gerührt und die übrige Gesellschaft gab sich das Wort, diesen schönen Zug edler Herzen, diesen Beweis eines sanften Gemüthes von Seiten des Commerzienrathes heut Abend überall da zu erzählen, wo man gewiß war, daß er beim Whist an den Vorfall würde wieder erinnert werden. Dem Vorfall mit dem armen Grabespfleger von heute früh, der für seinen Rasen, seine Blumen und den erquickenden Thau seiner Gießkanne vielleicht auf ein Jahr mit fünf Thalern zufrieden war, hatte nur die alte Wirthschafterin zugehört und die war taub, nur der Bediente und der war beschränkt. Den Vorfall mit dem Mausoleum, das vielleicht 5000 Thaler kosten konnte, erfuhr die ganze Stadt, ja, da der berühmteste Bildhauer es fertigen sollte, vielleicht die Welt.

Der Geheimrath sagte mit Vergnügen zu und ging. Die Andern folgten. Es war eine Stille eingetreten. Wallmuth bereute es doch, daß er sich so hatte überraschen lassen, er rechnete. Sidonie, die die Schwächen ihres Vaters durch und durch kannte, biß sich ironisch auf die Lippen. Die peinliche Stimmung dauerte eine Weile, dann sprang Harriet, die aus der Turnstunde kam, wild dazwischen. Sie kletterte auf einige Tische, um von einem Schrank herunterzuspringen. Sie kugelte sich auf dem Sopha kopfüber und reckte sich so entsetzlich, daß ihr die Arme knackten. Flegelhaft mußt du nicht werden, sagte der Alte zornig. Er hatte das Bedürfniß, sich über eine unangenehme Empfindung an irgend Etwas auszutoben. Sidonie, der diese Morgensitzungen langweilig zu werden anfingen, bat ihn, seiner Orden wegen, nur noch eine halbe Stunde zu sitzen, und damit er einen Gegenstand fand, seinen Zorn zu kühlen, war der Zufall so günstig, grade in diesem Augenblick einen Brief von Agathen zu bringen. Wie schwer, wie dick, wie lang wieder, sagte der Commerzienrath. Ich sterbe noch an diesen bornirten Briefen. Harriet soll ihn uns vorlesen, sagte Sidonie. Harriet war schwer dazu zu bringen. Aber sie mußte, der Großvater wollt' es. Er wollt' es nicht wegen des Inhalts, der ihn keineswegs zu spannen schien, sondern damit Harriet nach ihren Leibesübungen nun auch wieder ein geistiges Gegengewicht bekam. Glücklicherweise versteht sie den dummen Inhalt nicht, brummte er. Damit setzte er sich wieder in eine Attitüde, Sidonie malte, und Harriet, die wohl wußte, daß ihr wunderlicher Großvater vor der Welt zwar immer nur Zuckerwerk, unter vier Augen aber auch manchmal Ohrfeigen austheilte, las mit stotternder furchtsamer Stimme Agathens Brief.

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