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Die Seerose

Julius Stinde: Die Seerose - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorJulius Stinde
booktitleDie Perlenschnur ? Zwei Erzählungen
titleDie Seerose
publisherVerlag von Freund & Jeckel, (Carl Freund.)
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc974f8df
created20070322
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Julius Stinde

Die Seerose

1895


Gräfin Marie von Kalckreuth zugeeignet.


Das Boot stieß ab; der Kies des Grundes knirschte, als es sich losriß. »Bleibe,« rief eine flehende Stimme vom Lande. »Kehre um! Bleibe bei uns.«

»Ich kann nicht. Zu eng ward mir die Heimath!« scholl es zurück. »Ich ziehe aus, das Glück zu suchen. Euch will ich es bringen. Ich komme wieder, wenn ich es gefunden. Leb wohl, Vater, leb wohl, geliebte Mutter; Schwestern; lebet wohl und Du, meine süße Braut. Ade! Ade!«

Grüßend schwenkte er den Hut. Der kühle Morgenwind spielte mit dem blonden Lockenhaar des jungen Mannes, der, aufrecht im Boote stehend, sein klares blaues Auge der Küste zuwandte, die mit jedem Ruderschlage der Matrosen weiter zurückwich. Immer näher dagegen kam das Schiff, das in der See vor Anker lag und des Reisenden harrte, der mit ihm über das Meer fahren wollte, in der weiten Welt das Glück zu suchen.

Als der Anker aus der Tiefe gehoben war und die frische Brise die Segel faßte, durchschnitt das Schiff die Wellen, die sich schäumend am Bug erhoben, als wollten sie ihm den Weg versperren. Das Schiff aber durchschnitt sie stolz, und die Seeleute sagten, die Fahrt wäre gut.

Den Zurückbleibenden enteilte das Schiff zu bald. Mit ihren Blicken folgten sie, bis es, kleiner und trüber werdend, am Horizont der grauen Möve glich, dann einem winzigen Schatten, den nur das liebende Auge noch von dem flimmernden Nebel der Ferne unterschied, und dann war es entschwunden. Welle auf Welle rollte an das Ufer, und eine jede rauschte.

»Er konnte uns verlassen,« klagten die Schwestern, »gering däuchte ihm die Heimath.«

»Er sucht das Glück,« murmelten die Wellen.

»Gedenke mein,« weinte die Braut.

»Er sucht das Glück,« klang es wieder.

»Behüte Du ihn, Gott im Himmel,« flüsterte die Mutter.

Schweigend lieh ihr der Vater den Arm, schweigend wandten sie sich dem Hause zu. Die Blumen blühten und dufteten im Gärtchen vor der Thür, sie blieben unbeachtet. In dem Hause war Alles unverändert und dennoch erschien es wie umgewandelt. Es war öde darin, als sei ein geliebter Todter hinausgetragen. Sie waren reich durch die Liebe dessen gewesen, der heute von ihnen ging, nun fühlten sie sich arm und die Sorgen und Mühen um des Tages Nothdurft, sonst frohes Schaffen und Thun, lasteten schwer auf ihnen wie ein drückendes Muß. Ihr Leben war leer geworden, denn mit ihm, der gegangen war, hatten sie verloren, was er gewinnen wollte ... das Glück. Durch all ihr Denken und Empfinden klang schmerzlich dies Eine, und so sangen auch draußen die Wellen des Meeres.

Die Wellen! Was sie wissen, das sagen sie weiter, eine kündet es der andern. Wer ihre Sprache versteht, dem verrathen sie manch wunderbares Geheimniß, aber es sind nur Wenige, denen diese Gabe eigen, und nur die Dichter können wiedererzählen, was sie vernommen haben. Deshalb schmieden Manche Verse, worin das Meer und die Wellen vorkommen, damit man wähne, sie wären Dichter.

Die Wesen des Meeres sind vertraut mit der Sprache der Wellen, die Noth lehrte sie ihnen. Wenn das Murmeln und Plätschern in Brausen und Sausen übergeht, dann horchen sie auf. »Hört Ihr!« sprechen sie, »die Wellen rufen: Unwetter und Sturm. Bergt Euch vor der drohenden Gewalt.« Und wenn dann die Wogen um die Wette brüllen mit dem heulenden Winde, in wilder Luft auftosend das Uferland zerreißen und verschlingen, haben die Wasserwesen eine Zuflucht gefunden, wie sie ihrer Art am dienlichsten, bis sanftere Hebungen des sich ebnenden Meeres das goldene Licht der Sonne zu fröhlichem Schaukelspiel einladen und die vergehenden Wellen den jung entstehenden Friedensbotschaft ansagen, deren Wiederhall in die Tiefe dringt, die Zagenden aus den Fesseln der Angst zu erlösen. Vergessen sind bald Gefahr und Ungemach und dem Geplauder des Meeres lauscht es sich gut, denn viel weiß es zu erzählen. Es sieht Länder und kennt Eisberge, darauf weiße Bären treiben, Kriegsschiffe trägt es, große, gewaltige, und leichten Schaum spritzt es den Kindern zu, die sich muthwillig mit ihm necken. Keine Zeitung der Welt bringt jeden Tag und alle Jahre so viel Neuigkeiten und so viel Verschiedenes wie das Meer.

Das kommt allen denen zu Gute, die ihren Wohnort nicht verlassen, wie die Seerosen, welche sich auf den Felsen angesiedelt haben, an denen die Strömung vorbeizieht und ihnen, den Festsitzenden, Beute zuführt. Einzelne schimmern gelblich und gleichen den blühenden Nelken, etliche tragen grünliche Fühlarme in Gestalt schlängelnder Würmer, kreisförmig um den in der Mitte liegenden Mund geordnet, andere sind mit dem blassen Roth der knospenden Rose geschmückt und haben daher für sich und ihre nächsten Verwandten den Namen der Seerosen erhalten. Nur langsam können sie sich von einem Orte zum andern bewegen, indem sie den fleischigen Fuß von dem Gestein ablösen und weiter schieben. Deshalb behagt ihnen strömendes Wasser am meisten, das kleine Thiere in ihre Nähe bringt, die sie erhaschen und verzehren. Auch bethört ihre Farbe manch lüsternes Fischlein, das von dem lockenden Geäst kosten möchte oder die regen Fühlarme für ein schmackhaftes Gewürm hält. Wehe Dir, Fischlein. Die Seerose ist mit feinen Geschossen bewaffnet, die sie auf Dich schleudert. Treffen Dich ihre Harpunen, dann bist Du verloren. Die bloße Berührung schon schlägt brennende Wunden, gelähmt und betäubt, umschnürt von den Wurffäden, verfällst Du dem gleißenden Blumenthiere, in dessen dehnbarem Schlund Du verschwindest.

Wie alle abwartenden Leute, führen die Seerosen ein beschauliches Leben, und da sie sich nicht weit von dem Flecke rühren, an dem sie haften, ist ihnen das nächste Bereich die Welt, ja sie hegen die feste Ueberzeugung, ihretwegen sei das Gestein da, der beuteführende Strom des Wassers und der von oben eindringende Schein des Tages. Unverständlich bleibt ihnen daher Vieles in dem Gesange der Wogen.

Unter den Seerosen war jedoch eine, die mehr wußte als ihre Schwestern, weil sie mehr gesehen hatte als diese. Sie konnte sich rühmen, weit herumgekommen zu sein, denn ihr Sitz war das Gehäuse einer Schnecke, in welchem ein Krebs Wohnung genommen. Wenn nun der Krebs spazieren ging, schleppte er das spitz-gewundene Haus mit sich und die darauf ankernde Seerose. Zwar kam sie nur langsam vorwärts und in die Ferne traute sich der Krebs nicht, aber den anderen Seerosen gegenüber, die nicht wankten und wichen, war sie ein kühner Wanderer.

»Verstehen Sie, was die Wellen heute rauschen?« fragte die Seerose den Krebs.

»Gewiß,« antwortete der Krebs, »sie erzählen, daß Jemand fortgezogen ist, das Glück zu suchen.«

»Das vernehme auch ich,« entgegnete die Seerose gereizt, »mein Ohr ist ebenso scharf wie das Ihrige; ich wollte nur fragen, ob Sie wissen, was das Glück ist?«

»Nein,« erwiderte der Krebs. »Aber es muß etwas Ausgezeichnetes sein, sonst würden die Wellen nicht so eindringlich davon singen. Hören Sie nur.« – Beide lauschten.

Gar seltsam klang der Wogengesang: wie Sehnen nach Unaussprechlichem, wie Verlangen nach Wonne und herausforderndes Begehren. Bisweilen schwoll der Sang zu triumphirendem Jubel, aber allmälig erstarb er wie klagender Hauch, bis er von Neuem anhub und schmeichelnd die Tiefe durchtönte.

»Wenn Sie denken, wie ich,« begann die Seerose nach einer Weile, »dann machen auch wir uns auf, das Glück zu suchen, denn, aufrichtig gesagt, mir gefällt es hier nicht mehr. Mich bei den Genossinnen anzusiedeln, behagt mir keineswegs. Nachdem freie Bewegung mich verwöhnt hat, würde das Ausharren an einem Platze mir zur Qual werden. Andererseits bringt das umherschweifende Leben mancherlei Fährlichkeit. Oft genug warfen Sie mich um ... ich nehme an, Sie thun es nicht mit Absicht ... und ich zürne nicht, wenn ich mit dem Antlitz in den bloßen Sand falle; aber häufig ereignete es sich, daß ein lauernder Feind sich unter dem Sande verborgen hielt, der mir einen der besten Fühlarme abbiß, bevor ich den ersten Schreck überwand und mich zum Knäuel zusammenballen konnte.«

»Die Butten und Flundern sind Betrüger,« entschuldigte sich der Krebs, »Man sieht nicht, wo sie sich einscharrten, denn sie vermögen ihrer Haut die Färbung des sandigen Grundes zu geben, in den sie sich betten. Ist es da zu verwundern, wenn man darüber stolpert? Ihr Vorwurf wäre geeigneter gegen die List dieser Thiere gerichtet, als gegen mich, der ich Sie an die besten Futterplätze kutschire.«

»Vielleicht umsonst?« fragte die Seerose höhnisch, »Mich dünkt, Sie kommen nicht zu kurz. Wer ist es, der die Fischchen mit den Brennkapseln erlegt? Ich. Wer erhält die Hälfte der Beute? Sie. Die größere Hälfte sogar.«

»Immer den Kopf,« murrte der Krebs.

»Mein zarter Magen bedarf der weicheren Nahrung,« erwiderte die Seerose, »Daran werden Sie nichts ändern. Außerdem möchte ich nur noch bemerken, daß mein Schutz Sie oft vor räuberischen Angriffen bewahrt. Wie mancher Achtfuß, der Sie hart bedrängte, wich flüchtig von dannen, wenn ich ihn annesselte und mancher Feind floh, sobald er meine prangende Farbe gewahrte und Ihre Vertheidigerin bereits aus der Ferne erkannte. Darum, lieber Freund, gebühren auch mir die besten Stücke.«

»Es wäre schön, wenn wir einen Ort fänden, wo keine Nachstellung unser Dasein verbitterte,« sprach der Krebs, »Fast möchte ich glauben, dort, wo das Glück ist, liegt der Ort.« »Ganz meine Meinung. Je eher, um so lieber verlasse ich diese Gegend.«

»Mir wird es schwer, mich zu trennen. Man hat hier seine Bekannten. Wer weiß, ob es anderwärts ebenso gesellig ist?«

»Und mich treibt die Gesellschaft von dannen,« erwiderte die Seerose geringschätzig. »Wen hat man hier? Seerosen, die nicht von der Stelle gekommen sind, mit denen ich mich nicht unterhalten kann, weil ihnen jegliches Verständniß für Entferntes abgeht. Was haben die Aermsten von der Welt gesehen? Nichts, als ihre unmittelbare Nähe. Erzähle ich von dem Tangwalde und der Jagd auf den Algenwiesen, lachen sie und behaupten, ich übertriebe. Finde ich dagegen ihr Geschwätz fade, schelten sie mich anmaßend. Und den lieben langen Tag sprechen sie nur davon, ob die Strömung gut war oder schlecht, viel Speise brachte oder wenig. Das kann Jemand von meiner Bildung nicht aushalten.«

»Es giebt aber doch noch andere gescheidte Leute, mit denen sich reden läßt,« wandte der Krebs ein, »das Seepferdchen unterhielt uns bisweilen recht spaßhaft. Hätte es nicht gefürchtet, daß Sie, meine Verehrte, in einem Anfall von Heißhunger die Wirkung Ihrer Nesselbomben auch einmal an ihm versuchten, sein Humor würde sich gewiß um Vieles glänzender zeigen. Drohende Strenge verscheucht die Lust zum Scherzen.«

»Oft genug sperrten Sie Ihre Scheeren auf, das Seepferd zu greifen,« gab die Rose zurück.

»Nur um Beifall zu klatschen,« wies der Krebs den Vorwurf ab.

»Mir gefielen die Bemerkungen des Seepferdes selten und geradezu unerträglich war die prahlerische Art, mit der es sich seiner Schwimmkünste rühmte. Wir sind allerdings nicht gleich behende im Auf- und Absteigen, Rudern und Segeln, dafür aber sind wir um so gediegener.«

»Ich fand es sehr komisch, wenn das Seepferd erzählte und mit dem einen Auge nach der einen, mit dem anderen nach der andern Seite blickte, das sah zu drollig aus, selbst bei ernsten Geschichten. Schade, daß es Ihretwegen fortbleibt.«

»Meinetwegen?« fuhr die Seerose auf. »Warum nicht gar. Es hängt an irgend einem Seegrashalm und brütet seine Jungen aus. Deshalb kommt es nicht. Keinen erbärmlicheren Pantoffelhelden giebt es als das Seepferd, dem die Gattin die Eier aufpackt, die es in der Brusttasche so lange hüten muß, bis die Brut ausschlüpft. Ist das ein Mann, vor dem man Achtung haben kann? Ein Mann, der Kinderfrau spielt, während das Weib sich um Nichts kümmert und den ganzen Tag probirt, ob ihr Hellgrau besser steht als Grünlichbraun oder Blasentangfarbe, ist nach meinem Erachten ein Tropf. Mit dieser Gesellschaft wünsche ich nicht mehr zu verkehren. Kurz und gut, ich bin entschlossen, diese Gegend zu verlassen und das Glück zu suchen.«

»Allein?« – »Wir Beide zusammen.«

»Wenn ich aber nicht einwillige?«

»Glauben Sie mich entbehren zu können? Versuchen Sie doch, auf eigene Hand zu leben, Es wird Ihnen schwer fallen. Vereint sind wir wehrhaft, gesellt gelingt uns leichter Erwerb, geschieden verdoppeln sich Jedem Unsicherheit und Mühsal. Bedenken Sie ferner Ihre schwache Seite. Wer beschützt Sie bei Ihrem nächsten Wohnungswechsel, wenn ich Sie verlasse?«

»Sie mahnen mich in unzarter Weise an meine Gebrechlichkeit, das ist nicht hübsch von Ihnen.« Der Krebs rollte seine gestielten Augen wild, streckte die Fühler zornig und stemmte die Scheeren wüthend gegen den steinigen Grund, daß das Schneckengehäuse sich aufrichtete und die Seerose in eine bedenklich schiefe Lage gerieth. »Wäre ich doch nur so geartet wie der Hummer, mein Vetter, ringsum in starken Panzer gehüllt, ich ließe mir keine schadenfrohen Worte von Ihnen bieten. O, wie wollte ich mich rächen für die wegwerfende Behandlung, die Sie mir zu Theil werden lassen.«

»Jeder wird so behandelt, wie er es ertragen muß,« entgegnete die Seerose, »Verhehlen wir uns indeß keinen Augenblick, daß nicht gegenseitige Neigung, sondern gegenseitiger Nutzen uns zusammenführte. Wir wären scheelsüchtige Feinde, wenn nicht der Vortheil uns zu Genossen machte. Der Vortheil, mein Verehrtester, ist stärker als die Liebe, kettet er doch sogar uns Beide, die wir keine Spur von persönlichem Wohlgefallen an einander finden. Noch nie reichte Eine aus dem Geschlechte der Seerosen Einem aus Ihrer Sippe die Hand zu ehelichem Bunde. Dazu seid Ihr insgesammt zu häßlich.«

»Wer Euch hübsch findet, ist mit Blindheit geschlagen,« rief der Krebs aufgebracht.

»Wir zieren den Fels, wir schmücken das Riff, Blumen des Meeres nennt man uns,« entgegnete die Seerose und breitete in anmuthigem Spiel ihre farbigen Arme aus, damit sie ihre ganze Schönheit zeige. »Komm hervor aus Deinem Haus,« spottete sie, »daß man Deine Mißgestalt bewundere. Komm doch, Du Herrlicher, eile Dich, die Wellen möchten ein Lied von Dir singen. Warum verbirgst Du den Preisenden das Ebenmaß Deiner Glieder?«

»Kann ich dafür, daß ich mit muthigem Sinn und leider mit, ach, zu weichem Körper geschaffen bin?« fragte der Krebs vorwurfsvoll, »Kopf und Vorderglieder sind allerdings mit festem Harnisch versehen und taugen so für Angriff wie für Verteidigung, aber mein Rumpf entbehrt der deckenden Schale. In die leeren Windungen verlassener Schneckengehäuse bin ich genöthigt ihn zu zwängen, daß er vor arglistig anschleichendem Gesindel geborgen sei. Aber theuer muß ich die Sicherheit bezahlen. In die Form des Hauses schmiegt sich der Leib und fügt sich den Krümmungen, die einer Schnecke kleidsam sein mögen, mich jedoch entstellen und schändlich in ein Doppelwesen verwandeln. Heldenthaten begehre ich zu vollbringen, nach Unabhängigkeit giere ich, aber der verkrüppelte Leib lastet hemmend auf dem Streben, wie das steinerne Gehäuse auf meinem Rumpfe, Und dazu kommt Dein herber Spott, wenn die Laune Dich reizt. Solches Leid muß ich erdulden. Schelte meine Vorfahren, die mir das traurige Erbtheil der Schwäche vermachten, und höhne nicht mich Schuldlosen.«

»Wenn ich rede, so geschieht das zu Ihrem Besten. Sie wollen höher hinaus, als Ihre Beschaffenheit erlaubt, und das verdirbt Ihre Stimmung. Im Uebrigen bitte ich mir aus, daß Sie mich nicht im Eifer des Wortes duzen. Unser Verkehr ist ein geschäftlicher, der am gedeihlichsten von Vertraulichkeiten frei bleibt.«

»Könnte ich nur, wie ich wollte,« grollte der Krebs innerlich, »Du solltest es büßen, herzloses Geschöpf,« und da die Seerose das letzte Wort behalten hatte, schwieg auch sie. Die Wellen aber sangen die lockende Weise von vorhin. Aus der Sehnsucht des Wogengesanges und der Bitterniß des Kummers erkeimten dem Krebse Gedanken, die sein Herz allmälig mit freudiger Hoffnung erfüllten. »Finde ich das Glück,« also sann er, »wird es mir den höchsten Wunsch gewähren und meinem heldischen Geiste einen gewappneten Körper verleihen; dann werfe ich die doppelte Bürde ab: führerlos klebt die Seerose an dem Gehäuse, ich aber ziehe von dannen, der selbstsüchtigen Gefährtin ledig.«

»Warum schwingen Sie Ihre Fühler so unternehmend?« fragte die Seerose.

»Ich denke an das Glück!«

»Haben Sie sich besonnen?«

»Ich willfahre Ihnen. Ziehen wir aus, das Glück zu suchen, je eher, um so lieber.«

»Hätten Sie sich nicht widersetzt, Ihnen wäre die scharfe Mahnung erspart geblieben. Merken Sie sich das für die Zukunft. Nun aber wollen wir uns auf den Weg machen, uns leitet der Sang der Wellen. Ihm folgen wir.«

»Für eine weite Reise ist das Schneckenhaus schon zu hinfällig, auch dürfte seine Abgenutztheit uns wenig Ansehen in der Fremde erringen,« wandte der Krebs zaghaft ein. »Mir ist jedoch die leere Schale eines Kinkhorns bekannt, ein geräumiger Aufenthalt für mich und ein Ihrer Schönheit angemessenerer Sitz als der bisherige. Leicht ließe sich der Umzug bewerkstelligen, wenn Sie zustimmen.«

»Wer das Aeußere nicht vernachlässigt, findet auch bald die Würdigung seiner inneren Vorzüge,« bemerkte die Seerose. »Wo liegt das Horn?«

»In der Nähe des Tanghaines, den das Seepferd bewohnt. Gerne böte ich ihm einen Abschiedsgruß.«

»Recht so. Geben wir überhaupt den Zurückbleibenden zu verstehen, daß uns weder ihr Umgang, noch die Verhältnisse genügen, mit denen sie zufrieden sind. Das erregt ihren Neid.«

»Aus Neid und Abgunst entsteht üble Nachrede.«

»Gegen Verleumdung wehrt sich der Mächtigste vergebens; sie zeigt ihm nur, wie hoch er steht ... und wie niedrig die Lästerer denken. Wer mich einmal verunglimpfte, dem gebe ich absichtlich Ursache zu neuer Schmähung, damit ich seiner lache, wenn er des Aergers nicht Herr wird.«

»Dies ist das Horn,« sprach der Krebs jetzt, der während der letzten Reden wacker fortgeschritten war. »Wenn es beliebt, schleichen Sie auf meine rechte Scheere, daß ich Sie hinüber hebe auf das neue Haus.«

Die Seerose that nach dem Geheiße des Gefährten, aber nur langsam rückte sie von der Stelle, und geraumer Zeit bedurfte es, bevor sie fest an der Scheere haftete und der Krebs sie versetzen konnte. Wohl gelüstete ihn, ihr mühseliges Gleiten bespottend, Vergeltung zu üben, aber die eben vernommene Drohrede schloß ihm nicht minder den Mund, wie der demüthigende Gedanke, daß er in der nächsten Minute das Elend seines Daseins neugierigen und übelwollenden Blicken preisgeben müsse. So lange läßt Noth sich ungebeugt tragen, als sie nicht zum Schimpf wird. Der Offenkundigkeit hält der deckende Mantel hoffnungsvollen Vertrauens auf Wendung des Schicksals nicht Stand, sie zerfetzt ihn und deutet erbarmungslos auf die Blößen.

Peinlich war es dem Krebs, sich aus der alten Wohnung hervorzuwinden, denn mit jeder Drehung kam seine Ungestalt mehr und mehr zum Vorschein. Sonst versperrte er mit dem krustigen Vorderkörper den Eingang des Schneckenhauses und kein Späher gewahrte die von andern Krebsen abweichende Bildung des Leibes, jetzt aber, der bergenden Schale entkrochen, glich er halb einem unförmlichen Wurme, dessen Schlingungen jeglicher Annmth entbehrten.

In diesem Augenblicke nahte das Seepferdchen, Von Erstaunen ergriffen unterbrach es die wirbelnde Bewegung seiner Rückenflosse und hemmte plötzlich die Fahrt. »Gevatter,« rief es, »Sagt, seid Ihr es selbst oder seid Ihr ein Anderer?«

»Verscheuchen Sie das Pferd mit Ihren Wurfgeschossen,« bat der Krebs,

Die Seerose lachte.

»Das Seepferdchen ist heute bei gutem Humor,« sprach sie.

»Ich finde es albern,« brummte der Krebs, der sich beeilte, Besitz von der neuen Wohnung zu nehmen und die elende Hälfte seines Körpers darin zu hehlen, mit Angst spähend, ob auch kein Feind nahe, der ihn in seiner Hülflosigkeit verletze.

»Jeder will sich an possirlichen Worten ergötzen, wen sie aber treffen, der schilt den Schalk dumm,« sprach die Seerose.

Der Krebs war mittlerweile eingeschlüpft und sich dehnend und reckend, damit er die Gänge des Kinkhorns ausfülle, rief er: »Vor Kurzem schmähten Sie das Seepferd, jetzt loben Sie es. Leichter als der Witzling redet sich der Doppelzüngige aus der Freundschaft.«

»Wenn mir das Seepferd heute weniger einfältig erscheint als sonst, ist damit nicht gesagt, daß ich es überhaupt leiden mag. Die Zuversicht, ihm fernerhin nicht wieder zu begegnen, macht mir seine Unangenehmheit erträglich. Jawohl, Du Roß ohne Beine,« rief sie dem Seepferdchen zu, »Du Augenverdreher warst mir von je zuwider, froh sind wir, Dich und die Deinen zu verlassen, wir wandern in die Weite.«

Das Seepferd gaffte mit dem einen Auge auf die Sprecherin, mit dem andern schielte es nach dem Krebs. »So wird mein heißester Wunsch erfüllt,« entgegnete es. »Sorglos schweift meine Brut umher, wenn Du auf Deinem Einspänner ihr nicht mehr nachstellst, lustigen Reigen werden wir schwimmen, wenn Du gegangen bist.«

»Willst Du mir nicht Lebewohl sagen?« fragte der Krebs und streckte dem Seepferd die geöffnete Scheere entgegen.

»Dein Händedruck möchte mir übel bekommen, « entgegnete das Seepferd. »Ich darf mich nicht leichtsinnig opfern, wer brächte sonst den Meinen die Freudenbotschaft Eurer Abreise?« Rasch drehendem Rädchen gleich rührte das Seepferdchen Kopf- und Rückenflosse und entschwamm in zierlichem Bogen.

»Vorwärts!« befahl die Seerose. »Gerade aus, immerzu, bis wir das Glück gefunden haben. Hinter goldenem Vorhange weilt es mit seinen Schätzen!«

»Das Seepferd sah mich in meiner Blöße; schwatzend wird es die Kunde meines Elends verbreiten. Darum fort von hier!«

Sie machten sich auf den Weg. In gewohnter Weise ergriffen sie Beute, wie sie sich bot, und als es Nacht ward, lag die alte Heimath ein gut Stück hinter ihnen.

Am nächsten Morgen, als milde Dämmerung auch in dem Wasser das Anbrechen des Tages verkündete, setzten sie ihren Marsch fort. Kein Anzeichen kündete jedoch, daß sie dem Glücke sich näherten. Ueberall glich der Grund des Meeres der Gegend, die sie verlassen. Im kiesigen Sande lagen Plattfische schlau versteckt, wie zu Hause, die Felsen, an denen sie vorüberzogen, waren mit Seerosen besetzt wie daheim, Tangwälder gab es, wie dort auch, und Seegrashaine, in denen Seepferdchen, Fische, Geschöpfe aller Art ihr Wesen trieben.

»Wollen wir das Ziel erreichen, müssen wir die Nacht zu Hülfe nehmen,« schlug die Seerose vor. »Nichts Neues zeigt sich, nur Altgewohntes und längst Bekanntes.« – »Mühsal aber und Beschwer haben zugenommen, sogar der Rast muß ich entsagen,« entgegnete der Krebs.

»Das Glück wird Sie entschädigen. Vorwärts!« Verdrossen tastete der Krebs sich durch das nächtliche Dunkel, sorglich die Fühler gebrauchend, damit er nicht einem Wegelagerer in den Rachen laufe oder die Kräfte an einem Hinderniß verschwende, das dem Ueberlegenden nur die Verzögerung durch einen Umweg bereitet. Zu Statten kam ihm, daß seine Augen auch im matten Halbdunkel ihren Dienst nicht versagten. Die Seerose ruhte eingerollt auf dem Gehäuse, weder dem Feinde noch dem Freunde begehrlich; in ihren Träumen prangte die Herrlichkeit des Glückes.

Als sie am Morgen sich erwachend regte, war ihre erste Frage: »Sind wir zur Stelle?« Die gaukelnden Bilder inneren Schauens verblaßten, der Anblick des seitherigen Einerlei gab ihr verneinende Antwort. »Krebs,« rief sie, »Du Unzuverlässiger, wohin hast Du uns gebracht? In weitem Kreise krochst Du der alten Heimath zu.

Den Tanghain erkenne ich. Sieh selbst, dort kommt auch das Seepferd mit seinen Jungen.«

»Seid Ihr wieder da?« fragte das Seepferd, »Wie erging es Euch auf der Reise? Hat man Euch anderwärts nicht geduldet, daß Ihr das alte Nest aufsucht, in dem es Euch so gar nicht gefiel? Gut, daß Ihr heimkehrtet, denn es fehlte an Stoff zum Lachen, und ausgelacht wird mit Recht, der sich eines Unternehmens rühmte, bevor er es zu Ende führte. Ich werde den trübsinnigen Hering rufen, Euer Anblick wird ihn aufheitern.«

»Warum achtetest Du nicht besser auf den Weg?« herrschte die Seerose den Krebs an. – »Der Gesang der Wellen schwieg, in der Nacht schlug ich eine falsche Richtung ein. Bei Tage folge ich dem Lichte, und achte darauf, ob der hellere Schein mir zur Rechten fällt oder zur Linken. Schwer ist das Glück zu finden. Wollen wir nicht lieber hier bleiben?«

»Hier, wo uns fortan kein Wort gegönnt wird, das nicht der Schadenfreude entspränge? Sollen wir die Schmach ertragen, daß sogar der Hering, der von dem großen Schwarm der Grünlinge zurückblieb, sich über uns lustig macht? Er, der Thörichtste von Allen.«

»Eine Auster hat es ihm angethan,« ergänzte der Krebs ihre Rede, »Groß ist seine Liebe zu ihr, sie aber weist ihn hartnäckig ab.«

»Weil er zu fett ist. Magerkeit gilt heutiger Zeit als höchstes Verdienst. Wer Wohlgefallen erregen will, mindert das Maaß seines Leibes durch schmale Kost und gezügeltes Leben.«

»Mir erschien er stets als Muster der Abzehrung, aber Leidenschaft hat ihren eigenen Geschmack. Vielleicht hilft ihm die Schwermuth, der er verfallen, die Gunst der Spröden zu gewinnen, denn Gram benimmt die Eßlust.«

»Mag er sich der dummen Auster wegen zu Tode fasten, ich wünsche ihn nicht zu sehen. Vorwärts, Krebs, vorwärts, dem Aufgang des Lichtes zu, damit wir dem Spotte entgehen.« Die Seepferdchen aber und der melancholische Hering schwammen herbei und gaben den Davonziehenden das Geleite. Die Seerose ballte sich ein, der Krebs jedoch war gezwungen, die Neckereien der Verfolgenden anzuhören, bis ihr Müthchen an seinem scheinbaren Gleichmuthe erkühlte und sie des Rückwegs gedachten. Innerlich regte sich dagegen der Zorn und die Galle stieg ihm mehr denn je in den Kopf. »Zerstückeln mit meinen Scheeren möchte ich Euch sammt und sonders,« grollte er, »an Zeit sollte es mir nicht fehlen, wenn die Kraft auch mangelt. Nur den Hering ließe ich leben, den martert unerwiderte Liebe peinvoller als das Kneifen meiner Zangen. Ungleich und ungerecht sind die Fähigkeiten vergeben. Warum kann nicht auch ich verschwinden wie die Qualle, um lästigen Drängern zu entgehen? Dem Wasser gleicht ihr Körper, nur in unmittelbarer Nähe nimmt sie das Auge wahr; sie entschwebt und man weiß nicht, wo sie blieb; wie durch Zauber wird sie unsichtbar. Treffliche Dienste hätte mir jetzt solche Kunst geleistet, die ich vom Glücke begehren will, wenn ich es treffe. Zu ihm, zu ihm.« Und rastlos wanderte er, die unlieb gewordene Heimath zu fliehen.

Durch Erfahrung klug gemacht, steuerte der Krebs dem Süden zu und erwarb sich dadurch die Anerkennung der Gefährtin, »Salziger wird die Meerfluth,« sprach sie, »und manchem Geschöpf begegnen wir, das wir früher nie sahen. Große Fische ziehen über uns weg und Ungeheuer, deren Schatten Furcht verbreitet. Grimme Schildkröten zeigen sich, ihr Biß würde uns Beide auf einmal zermalmen, wenn sie uns beachteten, Ungekannte Gefahren bedrohen uns, nicht wissen wir, ob das Fremde freundlich oder feindlich gesonnen, bange Ungewißheit mahnt zu gesteigerter Vorsicht. Trotzdem aber erfreut uns Manches. Mannigfach ist die Nahrung und leicht zu erlangen, üppiger und reicher gestaltet sich Alles. Selbst das Gestein ist belebt, aus unzählbaren Oeffnungen drängen die Knospen der Korallen hervor, Verwandte meines Geschlechtes, gewaltige Baumeister, ungeachtet ihrer Kleinheit. Wundervolle Fischchen umspielen die Felsbüsche der Korallen in buntem Schiller, grün, blau und roth und feurig, wie das Glühen des scheidenden Tages. Hoch oben erblicke ich Seerosen, fahre mich hinauf, Krebs, damit ich sie begrüße. Der Weitgewanderten bezeugen sie Ehrfurcht, und ob meiner Schönheit werden sie staunen.«

Der Krebs klomm empor, bis er die Höhe erreichte. Dort, in einem Becken, dessen Rand wogenbrechende Korallenwände bildeten, wuchsen Blumenthiere, gar herrlich anzuschauen. Als hätte der Regenbogen ihnen seine Farben geschenkt, so prangten sie, ein lichtumflossenes Blumenbeet des Riffes.

»Ist dies der Garten des Glücks, Ihr Schwestern?« fragte die Seerose.

»Wer bist Du?« entgegneten die also Angeredeten. »Dreist nennst Du uns Schwestern, wir aber wollen nichts von Dir wissen, denn Dein Gewand ist dürftig und armselig Deine Gestalt. Gehe von hinnen, wir müßten uns Deiner schämen, wenn Du weiltest.«

»In meiner Heimath war ich die Schönste,« rief die Seerose stolz.

»Warum verließest Du die Stätte, wo Deine Schönheit galt? Warst Du die Erste, warum kommst Du zu uns, die Letzte zu sein?«

»Wir spielen nicht mit Dir, Du Garstige,« riefen die bunten Fischlein.

»Und wie häßlich ist Dein Gefährte,« begannen die Seerosen des Beckens aufs Neue. »Ist er Dein Schatz, so hast Du übel gewählt. Vielleicht aber birgt das plumpe Gehäuse seine schönere Hälfte und schimmernde Perlen, wie die Muscheln unserer Tiefe. Enthülle Dich, Du Kobold, vielleicht macht Reichthum Dich erträglich.« »Gehen wir,« bat der Krebs die Seerose flüsternd.

»Nicht begehren wir zu bleiben,« sprach die Seerose, »da Ihr uns fortweist. Eines aber bitte ich Euch. Sagt uns, wisset Ihr, wo der Weg geht, der zum Glücke führt?«

»Der aufgehenden Sonne zu,« war die Antwort, »Vor langer Zeit segelte ein Schiff an unserm Riff vorbei, von singenden Wellen begleitet. Auf dem Schiffe stand ein Mensch, in Sinnen verloren, den Blick in die Ferne gerichtet, dorthin, wo die Sonne aus dem Meere tauchte. Gebräunt war sein Antlitz, golden sein lockiges Haar, in seinen Augen brannte sehnendes Verlangen, Der suchte das Glück. So sagten die Wellen. Mehr ist uns nicht kund.«

»Nun wissen wir den Weg,« sprach die Seerose. »Nicht wünsche ich Euch wiederzusehen. Das aber hafte als Stachel in Eurem grausamen Herzen, tausendmal schöner, tausendmal beneidenswerther als Euch macht mich das Glück, wenn ich es gefunden.«

Krebs und Rose verließen das Becken des Riffes. »Melde uns, wenn Du es fandest,« riefen die Seerosen ihnen nach.

Beschwerlich war der Abstieg. Wäre das Gehäuse nicht fest gewesen, würde es oft im Falle zertrümmert worden sein und manche Verletzung erlitt die Seerose an den spitzen Zacken der Korallenbüsche, denn steil ging es hinab und nicht vermochte der Krebs den Sturz abzuschwächen. In der Tiefe erst war ebener Grund zum Wandern. Dort aber war das Licht fast ganz verschwunden und nur blaugrüner matter Dämmerschein herrschte in der furchtbaren Stille, die kein Laut unterbrach, »Hier sind wir verloren,« sagte der Krebs nach einer Weile. »Wohl regen sich Geschöpfe, aber ich vermag sie nicht wahrzunehmen, in der grünlichen Trübe wandelt sich ihr Purpurroth in Dunkelheit, ich aber werde von ihnen gesehen, da mein grauer Panzer in dieser Beleuchtung von den blutfarbenen Gewächsen absticht, hinter denen ich mich verstecke. Auch die bläulichen Farben des Kinkhorns sind sichtbar und nur ein kräftiges Roth könnte Ihnen, Gefährtin meiner Leiden, Schutz gewähren. Ihre Schönheit verräth Sie hier den Feinden; uns Beiden gereicht sie zum Verderben. Doch was liegt an mir? Ungunst warb mir in der Heimath zu Theil, Niemand schenkte mir Neigung, nur Vortheil verband mich der ungütigen Genossin, und wohin ich mich wende, unwandelbar bleibt das Siechthum meines Leibes. Käme ein Gewaltiger, der mich mit einem Schlage vernichtete, ich wollte ihm danken.«

»Krebs, warum so verzagt?« begann die Seerose. »Manche Gefahr haben wir bestanden, wir werden auch diese überwinden, wenn wir zusammenhalten. Köstlich belohnt das Glück Mühe und Entbehrung. Strebe muthig vorwärts, nur freundliche Worte werde ich für Dich haben und nicht zürnen, wenn Du mich vertraulich anredest. Fest ist der Grund, tappe weiter.«

Der Krebs that, wie ihm geheißen, aber finsterer ward es und unheimlicher mit jedem Schritte. »Schräg ab senkt sich der Fels, auf dem wir wandern,« sprach er, »nicht vermag ich an dem glatten Felsen wieder hinauf zu klimmen.«

»Haben wir das Thal erreicht, wird an der anderen Seite ein gemächlicher Weg sich auskundschaften lassen.«

Nach einer Weile rief der Krebs ängstlich: »Eine Strömung ergreift uns, sie reißt uns fort. Wir sinken, wir fallen!«

Dunkle Nacht umfing die Sinkenden. Von dem Rande der Klippe hatte ein Strom sie hinweggeschwcmmt und ohne Halt stürzten sie in die Tiefe,

Zuerst vergingen ihnen die Sinne, dann aber versuchten sie zu erkennen, wo sie sich befänden.

»Noch haben wir den Abgrund nicht erreicht,« sagte der Krebs, »immer noch bewegen wir uns hinab. Kälter wird das Wasser und beengend, verloschen ist das Licht, nicht das Glück haben wir gefunden, wohl aber das Verderben.«

»Ganz allein sind wir,« klagte die Seerose, »allein in der Finsterniß, fern von allem Lebenden. Nichts regt sich. Sprich zu mir, Krebs, Du bist der einzige, der mich zu trösten vermag.«

»Trost soll ich Dir spenden? Du verlocktest mich zur unheilvollen Fahrt. Wie herrlich war die Heimath. Im Wasser schwankte das Seegras, brauner Tang breitete sein Gezweige aus, nicht fehlte es an Beute und munteren Gesellen. Wäre ich wieder bei dem Seepferd, sein Spott sollte mir Labsal sein.«

Die Seerose antwortete nicht. Leise Zweifel stiegen in ihr auf, ob sie das Glück je fänden. Hatte sie die Heimath verlassen, einem Nichts nachzujagen? »Sinken wir noch immer?« fragte sie sorgenvoll.

»Endlos ist die Tiefe, endlos der Weg, Nie kehren wir zurück.«

Eine geraume Zeit verging den abwärts Schwebenden. »Was ist das?« rief der Krebs. »Mir war, als glomm mattes Dämmerlicht von unten auf. Nun aber verblich es.«

»Blicke dorthin,« rief die Seerose. »Ist es ein Stern, der auf uns zueilt?«

Aus der Dunkelheit näherte sich ein Schimmer, der allmälig die Gestalt eines seltsam geformten Fisches annahm. Ungeheure, große starrende Augen saßen ihm im Kopfe, schmal war der Rumpf und lang der biegsame Schwanz, Auf den Seiten breiteten sich leuchtende Flecken aus und auch der Schweif war in Licht gehüllt. Seinen Pfad erhellte der Fisch und sich selbst.

Er umkreiste die Ankommenden und blickte sie unverwandt mit den schrecklichen Augen an, »Wohin entfliehen wir vor ihm?« fragte der Krebs leise. Die Seerose gab keine Antwort, furchtsam hatte sie sich eingeknäult. Endlich fühlte der Krebs, daß der Grund erreicht war. Lange hatte das Sinken gedauert, denn das Gebirge des Meeres, von dem sie gestürzt waren, konnte sich an Höhe mit einem Bergriesen des Festlandes messen und schnitt jäh ab wie eine Wand. »Seerose,« rief der Krebs, »wir sind zur Stelle.«

»Haben wir das Glück erreicht?« fragte sie und öffnete den Kranz ihrer Fühlarme.

»Vorläufig festen Boden und körnigen Sand, in den wir uns vor den glimmenden Gespenstern eingraben können. Von allen Seiten treiben sie herbei, gar verschieden gestaltet, aber gleich bedrohlich. Hier helfen Deine Nesselbomben gewiß. Nur zu.«

Einer der Lichtfische drang auf die Seerose ein, sie aber schleuderte ihre Nesseln ab und eilend entfloh der Getroffene in die finstere Nacht zurück. Anderen erging es nicht besser. »Ihrer sind zu viele und meine Kraft erlahmt,« sagte die Seerose. »Auch die Kälte hindert mich am Kampfe und nur mit Anstrengung vermag ich mich zu bewegen. Dazu kommt erschöpfender Hunger, Ach, wie köstlich war die Heimath.«

Der Krebs wollte antworten, aber ein nie gesehener Anblick machte ihn verstummen. Ringsum begannen Steine und Felsen sich mit bläulichem Scheine zu überziehen, Leuchtthiere, die wie Moos an dem Gestein saßen, glühten auf. Dazwischen erglänzten größere Korallen und warfen lichtere Strahlen aus. Wie Mondschein lag es auf dem Grunde des Meeres, auf den Riffen und den Vorsprüngen der Abhänge, und wie feurige Kometen schweiften die wunderbaren Fische blitzend und funkelnd durch die Fluth. Das Meeresleuchten erfüllte die Wildniß der Tiefe mit seiner ganzen Herrlichkeit.

Nach kurzer Zeit erlosch das Leuchten und die Finsterniß hüllte Alles ein. Der Krebs erholte sich von seinem Erstaunen und sprach: »Dies Licht sah ich bereits von oben, als wir noch schwebten, es wird wiederkehren. Benutzen wir es klüglich, so erspähen wir den Ausgang aus der Schlucht. Ueberdies glaube ich bemerkt zuhaben, daß es nicht ohne Absicht strahlt, denn mancherlei eßbares Gethier regt sich, blind einher schleichend, nur mit Fühlern begabt, die ihm das Auge ersetzen. Entsendet nun die Koralle, oder wer es sonst sein mag, unerwartetes Licht, so wird der Blinde erkannt und ergriffen. Der Nachbar aber, lecker nach Beute, leuchtet auch auf und so der Folgende, bis weite Strecken von glühenden Laurern erhellt sind. War ihre Mühe vergeblich, löschen sie das Licht, es für ergiebige Gelegenheit sparend.«

»Du bist klüger, als ich dachte,« antwortete die Seerose. »Krebs, ich habe einen wahren Schatz an Dir.«

»Mein Geist war stets aufgeweckt und stark, nur mein Leib ist schwach. Doch der Lichtzauber beginnt aufs Neue, jetzt ergreife ich, was mir nahe kommt,«

Es gelang dem Krebs, ein blindes, nicht leuchtendes Fischlein mit langen Bartfäden zu erwischen. Er theilte gewissenhaft, aber diesmal erhielt die Seerose den Kopf. Sie dankte und aß ohne Widerstreben; die Noth in der Fremde schien ihren zarten Magen gekräftigt zu haben.

Noch oft wiederholte sich das Leuchten der Tiefe, es verlor aber gar bald für sie die überwältigende Schönheit und galt ihnen nur als willkommenes Mittel, Nahrung zu erlangen und einen Ausweg aufzuspüren. Die Lichtfische stellten ihnen allerdings nach, jedoch wußten sie sich zu vertheidigen, sei es durch die Nesseln oder durch Einnesteln in den Sand, wie sie von den Plattfischen der Heimath gelernt hatten. Einige der Lichtfische wurden zutraulich und unterhielten sich gern mit den Fremdlingen. Vom Glücke aber wußten sie nichts.

Das aber sahen der Krebs und die Seerose ein: ihres Bleibens war nicht in der Tiefe, da ihnen die Eigenschaft des Leuchtens fehlte. Zuweilen vergingen Wochen, ehe die Nacht erhellt wurde, so daß sie Mangel litten.

Nicht wußten sie, wie lange Zeit vergangen war, bis es ihnen gelang, einen sanft aufsteigenden Abhang zu finden, bevor sie aber die grüne Dämmerung wieder erreichten, waren Jahre verflossen. Freudig begrüßten sie das von oben kommende Licht. »Es erinnert an die Heimath,« sprachen sie.

»Wollen wir das Glück noch ferner suchen?« fragte der Krebs.

»Ich fürchte, je mehr wir ihm nachstreben, in um so weitere Ferne rückt es, je näher wir ihm zu sein glauben, desto gefährlicher werden die Hindernisse. Und so viel und so oft wir fragten: Keiner hat das Glück gefunden, Niemand vermochte zu sagen, was es sei und wo es wohne.«

»Einer weiß es. Der sehnende Mensch auf dem Schiffe.«

»Ob wir von ihm rechte Auskunft erhielten?«

»Seine Spur ist verloren. Das Spiel der Wellen tilgt die Furche des Schiffes, kein Anzeichen verräth seinen Pfad. Wie würden wir zu ihm gelangen? Doch es könnte sein, daß das Glück nicht im Meere sich birgt, sondern auf dem Lande, Menschen zugänglich, unerreichbar für uns. Hätten die Wellen nicht von dem Glücke gesungen, wir würden das Elend der Fremde nicht mit der Heimath vertauscht haben.«

»Auch ich habe erfahren, nichts Schöneres giebt es als die Heimath. Mir däucht, wir hatten das Glück, ohne daß wir es wußten, denn es gab Zeiten, in denen wir zufrieden waren. Verlangten wir nicht von dem Glücke, es solle jeden unserer Wünsche erfüllen? Oft war ich ohne Wunsch, was bedurfte ich da des Glückes? Zu willig gaben wir dem Sange der Wellen Gehör. Doch horch, sie künden Unwetter, rasten mir, bis es austobt.«

Furchtbar zog der Sturm daher, heulend hetzte er die Wogen, daß sie in wildem Aufruhr daherstürzten und suchten, woran sie ihre Wuth ausließen. Blitze zuckten und der Donner krachte und sie antworteten mit hohlem Rollen. Dazwischen hallten Nothrufe von dem Schiffe, das die Wellen umwirbelten. Schon hatte der Wind den Mast wie ein Rohr zerknickt, zerschellt war das Steuer.

»Trügerisches Glück,« rief eine Stimme in den brausenden Sturm, »um Deinetwillen verließ ich, die mich liebten. Du führtest mich in die Irre. Vergrämt sind die Eltern, vergessen hat mich die Braut, in die Ferne folgten die Schwestern den Gatten, nichts nannte der Vereinsamte sein, als die Heimath; sie wieder zu betreten war das Letzte, was ich von Dir erbat. Auch das versagst Du mir.«

Da kam eine Woge, die gewaltigste von allen, Sie wälzte sich über das Schiff, das sich auf die Seite legte und sank. Ein Strudel schloß sich über ihm. Der Schein der Blitze beleuchtete einen Mann, der an eine Plante geklammert mit den Wellen rang, allein als der Morgen grau über dem Meere hing, war auch er nicht mehr zu erblicken.

Drunten ruhte er auf dem weißen Sande des Grundes, grünliches Seegras zu Häupten. Noch schwankte das zähe Gewächs in dem aufgeregten Wasser, aber schon legte sich das Wüthen des Sturmes. Als der erste Sonnenstrahl hinabdrang, machten zwei Wanderer Halt bei dem Ruhenden. Es waren der Krebs und die Seerose.

»Ein Mensch liegt hier,« sprach die Seerose, »Ob ihm die Wellen die klagende Weise singen?«

»Ihm gilt das Lied. Dieser war es, der gleich uns hinauszog, das Glück zu suchen. Doch ärmer als wir ist er. Er hat keine Heimath mehr.«

»Aermer als wir,« sagte die Seerose und wandte sich ab, »Komm, Krebs, es giebt kein Glück.«

»Vielleicht doch,« entgegnete der Krebs, »nur erkennen wir es nicht, wenn wir es haben. Gar leicht stoßen wir es von uns. Wenn wir es verachten, weicht es in die Ferne. Dann trachten wir ihm nach, wie wir der Heimath zustreben, die wir verachteten.«

»Du magst Recht haben. Im Uebermuthe gab ich dem Locken der Wellen Gehör, in Ueberhebung zwang ich Dich, mir zu folgen. Du erwiesest Dich in Noth und Gefahr als treuer Kamerad und versäumtest jede Gelegenheit, Dich an mir zu rächen. Laß uns Freunde sein, nicht blos auf eigennützigen Vortheil bedachte Genossen. Ich verspreche Dir, Dich nie wieder mit verletzenden Worten zu kränken.«

»Das sieht ja beinahe aus wie Glück. Mit den Andern will ich schon fertig werden. Die Seepferde sind feige Memmen, wenn sie merken, daß wir zu einander halten.«

»Die Seerosen empfangen uns voraussichtlich nicht mit Wohlwollen, aber was verschlägt das? Sie verstehen doch nicht, wenn ich ihnen von den Purpurthieren der Tiefe erzähle, von den schönsten Schwestern im Becken des Korallenriffes, von den Lichtthieren und dem leuchtenden Abgrunde. Wir werden ihrer entrathen können, wie wir sie nicht vermißten, als wir unter den Fremden uns allein genug waren.«

»So hätten wir dennoch das Glück gefunden, Eintracht und Freundschaft nennt es sich. Doppelt entzückend wird nun die Heimath sein.«

»Wollen wir umkehren und es dem Manne mit dem stillen Herzen sagen? Mich jammert seiner.«

Sie fanden ihn aber nicht wieder, so emsig sie auch suchten. Die Fluth war gekommen und hatte den Todten sanft zu den Wellen emporgehoben, damit sie ihn an das Ufer trügen. Das thaten die Wellen in schweigender Nacht und legten ihn an den weißen Dünen nieder. Dort fanden die Fischer der Insel beim Anbruch des Tages einen Gast, dessen Mund nicht bat, dessen Auge nicht flehte. Keiner kannte ihn, fremd war er Allen.

Hart waren die Hände der Männer und strenge ihre Züge, aber gelinde nahmen sie den Todten, als wäre er ein schlummerndes Kind, und wehmüthig weilten ihre Blicke auf ihm, als sei er ihr Bruder.

Einen hölzernen Schrein fügten sie zusammen, darin sie ihn betteten, und ihre Frauen und Töchter kamen und bedeckten ihn mit Blumen.

Unter dem Schutze der Dünen war ein Garten von niederen Erdwällen eingehegt. Röthliche Haide blühte darin im Verein mit blauen Glockenblumen, gelbem Rainfarrn und dürftigen Kräutern des Feldes, aber darüber schwebte der Friede.

Ein Gitterthor führte zu dem Garten, das trug die Inschrift: »Heimstätte für Heimathlose.«

Als der Abend sich neigte, brachten die Fischer den Fremden hierher, daß er eine Stätte neben denen fände, die gleich ihm Schiffbruch erlitten und nichts weiter auf Erden hatten, als das Grab mit kleinem Kreuze, das keinen Namen nennt.

Der Geistliche sprach schlicht und einfach zu den Versammelten, wie sie empfanden und verstanden. »Hättet Ihr vermocht, dem Scheiternden Hülfe zu bringen, Ihr hättet eigene Noth und Gefahr nicht geachtet und das Leben darangesetzt. Jeder von Euch wäre hinausgegangen, daß er den Bruder errette. Gott sandte uns das Heil, damit wir erkennen, daß wir seine Kinder sind: darum lasset auch uns barmherzig sein untereinander und uns lieben, wie Kinder eines Vaters. Nur den letzten Liebesdienst können wir dem Fremden erweisen, als wäre er der Unsrigen Einer, und Gott bitten, daß er den Schmerz Derer lindere, die vergebens hoffen und harren. Schlafe in Frieden, namenloser Mann, Bruderhände bestatten Dich, Mitleid und Erbarmen geben Dir das letzte Geleite.«

Es war still geworden, nur leises Rauschen der Wogen hallte vom Strande herüber, weich wie ein Wiegenlied. –

»Was singen die Wellen?« fragte die Seerose.

»Sie singen von dem Menschen, der hinauszog, das Glück zu suchen, und von dem Sehnen, das nun gestillt ist.«

»Fand er die Heimath?«

»Neige Dich mit mir. Unaussprechliches durchzittert unsere Herzen. Er hat das Glück gefunden.«

Die dunkle Wölbung des Abendhimmels zertheilte sich, goldener Glanz brach hervor und lichtumsäumt waren die Wolken. Selige Engel schwebten empor, sie trugen den Entschlafenen. Und in dem Glanz des geöffneten Himmels stand eine Gestalt, zu schauen wie die eines Menschen-Sohnes. Die breitete die Arme aus in milder Barmherzigkeit und küßte seinen bleichen Mund, daß er zu ewigem Leben erwache.

Ein heiliger Schauer durchbebte die ganze Natur bis in die Tiefen des Meeres.








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