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Die Seekönigin

William Russell: Die Seekönigin - Kapitel 1
Quellenangabe
authorWilliam Russell
titleDie Seekönigin
publisherVerlag von Robert Lutz
year1922
translatorHans Lindner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170118
projectid0f27b75d
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Erstes Kapitel.
Mein Geburtsort Newcastle am Tyne

Ich bin nicht nur eines Seemanns Tochter, sondern kann sogar behaupten, daß ich unter Seeleuten geboren wurde und zwar mit demselben Rechte, als ob ich an Bord eines Schiffes das Licht der Welt erblickt hätte. An dem betreffenden Abende nämlich befand sich gerade eine ganze Gesellschaft von Kapitänen und Steuerleuten im Wohnzimmer unseres Hauses. Wie meine Mutter oft erzählte, war das Zimmer so voll Tabaksqualm, daß die Gestalten der Gäste nur in schattenhaften Umrissen sichtbar waren, als der Arzt hineintrat, um meinem Vater die Nachricht von meiner Ankunft zu überbringen. Als er ihn nach längerem Suchen entdeckt zu haben glaubte, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte: »Kapitän, ein kleines Sorgenbündel ist eben für Sie angekommen, ein niedliches kleines Mädchen. Soviel ich sehen kann, verspricht sie Ihnen ähnlich zu werden.« Dann erst bemerkte er, daß er sich an den Unrechten gewandt hatte.

Der Doktor erzählte später die Geschichte nebst allem, was folgte, meiner Mutter.

Als mein Vater die frohe Botschaft hörte, schwenkte er seine lange Tonpfeife, deutete auf die dampfende Bowle auf dem Tische und sprach:

»Jungens, hier ist Punsch genug, das Mädel damit zu taufen. Nehmen Sie Platz, Doktor! Setzen Sie sich! Hier ist 'ne Pfeife und da haben Sie 'n Glas. Wie soll sie heißen, Jungens? Ich werde zuletzt reden.«

Tiefes Schweigen folgte auf diese Rede. Die Gegenwart des Arztes machte die alten Seebären offenbar befangen.

Mein Vater ließ jedoch nicht nach. Er wandte sich an den Jüngsten der Gesellschaft, einen Steuermann, und forderte ihn auf, den Anfang zu machen und einen Namen für die Kleine vorzuschlagen.

»Na,« meinte der Angeredete, »ich für meine Person bin für Polly. Das ist ein praktischer Name. Wenn man's eilig hat, braucht man blos das Ende abzuschneiden und sagt Poll.«

Nach einer Pause, während der er die Wirkung des eben gemachten Vorschlages auf seine Gäste beobachtet hatte, deutete mein Vater mit seiner Pfeife auf den zunächst Sitzenden, ebenfalls einen Steuermann. Dieser nahm erst einen Schluck Punsch, um sich die Kehle anzufeuchten und bemerkte dann: Er könne nicht leugnen, daß Polly ein brauchbarer Name sei und würde sich auch hüten, was dagegen einzuwenden, da seine eigene Mutter so geheißen habe. Wenn jedoch das Kind sein eigenes wäre, würde er sich in Betreff des Namens nicht an die alten Karten halten, sondern selber Lotungen vornehmen und versuchen, etwas Eigenartiges herauszufinden – einen Namen, über den die Leute staunen sollten. Was würde Kapitän Snowdon (mein Vater nämlich) z. B. zu Eurydice meinen?«

Er sprach den Namen der Gattin des Orpheus natürlich englisch aus.

Ein alter Schiffer bemerkte mit rauher Seemannsstimme: »Es gab ein Schiff solchen Namens, das nach Hull gehörte und vergangenes Jahr in Callao war. Es ist ein heidnisches Wort, mein Freund – der Doktor da wird dir das sagen. Du wirst keinen Pfarrer finden, der darauf eingeht, einem christlichen Kinde solchen Namen zu geben, Snowdon.«

Manche Namen wurden noch in Vorschlag gebracht, aber mein Vater schüttelte zu allen den Kopf.

Endlich sagte ein alter Schiffer aus North-Shields, dem es schon zu viel wurde, und der kaum die Reizbarkeit, die man fast immer bei älteren Seeleuten findet, bekämpfen konnte: »Hören Sie mal, Snowdon; wir alle haben nachgedacht und wieder nachgedacht, so daß wir nichts mehr herausfinden können. Wir sind fast bis auf den Grund in unsern Köpfen gekommen, und es hat keinen Zweck, noch tiefer zu gehen. Soll ich Ihnen sagen, warum? Weil Sie schon selbst einen Namen gefunden haben. Unser Freund hat die ganze Zeit die Flaggleine in der Hand gehabt,« fuhr er zu den andern gewendet fort, »und wartet nur, bis wir nichts mehr in unserm Flaggenkasten haben, um dann sein eigenes Signal aufzuhissen.«

»Nun, ich will es gern zugeben,« sagte mein Vater mit strahlendem Gesicht. »Ich will sie Jessie nennen. Es war der Name meiner Schwester, und ich habe ihn so gern, weil etwas von Blumenduft und Sommerpracht darin ist. Füllt eure Gläser, Jungens, und bietet der Kleinen ein Willkommen auf dem stürmischen Meere des Lebens, während ich gehe, um nach meinem Mädchen zu sehen.«

Diese kleine Einleitung zeigt, daß ich nicht nur in Newcastle geboren wurde, sondern, wie ich schon sagte, gerade so unter Seeleuten, als ob ich meinen ersten Schrei in einer Schiffskajüte ausgestoßen hätte. Als mein Vater zu seinen Gästen zurückkehrte, baten sie ihn, er möchte mich holen, damit sie mich auch zu sehen bekämen. Wie man mir erzählte, würde es meinem Vater ein Vergnügen gewesen sein, mich in diesen Tabaksqualm zu holen und bei der Gesellschaft die Runde machen zu lassen, wenn der Arzt nicht eine strenge Miene aufgesetzt und erklärt hätte, daß ich in dieser Atmosphäre sofort den Geist aufgeben müßte.

Ich habe mir oft mit heimlichem Vergnügen das Bild ausgemalt, das entstanden wäre, wenn man meinem Vater seinen Willen gelassen hätte. Keine Erinnerung an etwas wirklich Geschehenes hätte fester in meiner Seele haften können, als die Vorstellung, wie mein Vater mein winziges Körperchen in den Armen hielt und die dunklen verwitterten Gesichter seiner Freunde auf mein kleines Gesichtchen mit jener kindlichen Zärtlichkeit blickten, die des ehrlichen Seemanns Charakter zu einem der wenigen liebenswerten Dinge dieser Welt macht.

In jenen Tagen gab es in Newcastle viele altertümliche Häuser und noch heute giebt es wohl kaum eine Stadt gleicher Größe in England, die reicher an architektonischen Gegensätzen ist. Namentlich die in der Nähe des Flusses liegenden Straßen weisen noch viele von diesen zwei bis drei Jahrhunderte alten Gebäuden auf. Eine dieser Gassen, die ›Side‹ mit Namen, ist sehr steil und an ihrem oberen Ende so eng, daß sich die Bewohner der gegenüberliegenden Häuser von ihren Fenstern aus nachbarlich die Hände reichen könnten. Die Giebeldächer, überhängenden Stockwerke und die eigentümlichen breiten Fenster, die wahrscheinlich einst mit unzähligen kleinen bleigefaßten Butzenscheiben versehen waren, verleihen dieser Straße einen eigenartigen Reiz und versetzen den Beschauer in die Zeit der Puritaner und Kavaliere zurück.

Auch meines Vaters Haus war ein solcher Bau, wie sie noch in der ›Side‹ vorhanden sind. Jetzt ist es abgebrochen und ein geräumiges, modernes Gebäude steht an seiner Stelle. Am meisten gegenwärtig ist mir noch das Wohnzimmer, ein großer, viereckiger, fast dunkler, niedriger Raum, welcher mit seinen massiven Balken oben und seinen Möbeln eher einer Schiffskajüte als einem Zimmer in einem Wohnhause glich. Der größte Teil der ›Ausrüstung‹ – so nannte mein Vater die Stühle und Tische – hatte viele Meilen auf dem Ozean zurückgelegt. Die Stühle kamen aus einem Ostindienfahrer; die schöne Messing-Oellampe, die von der Mitte der Decke herabhing, war in einem Wrak ans Land getrieben und von meinem Vater auf einer Auktion erstanden worden. Sehr in die Augen fallend war ein wunderbar geschnitztes Buffet von arabischer Arbeit, das mein Vater einige Monate vor seiner Verheiratung in einem Mittelmeerhafen gekauft hatte. Die an den Wänden hängenden Gemälde und Stiche stellten ausnahmslos Vorgänge aus dem Seeleben dar, wohlbekannte Schiffe der heimischen Reederei, eine Ansicht der Tynemündung bei Sturm, einen bei Whitby entmasteten Kohlenfahrer u. s. w. Darunter hingen einige an Rollen befestigte Seekarten, die fast alle mit Bleistift markierte Kurslinien aufzuweisen hatten. Noch anderer Gegenstände dieses Zimmers erinnere ich mich lebhaft – und ich verweile bei ihnen, weil sie für meine Erziehung bedeutsam waren – besonders eines kleinen ovalen Hohlspiegels, welcher jede Gestalt, die sich darin spiegelte, und wenn es ein Riese gewesen wäre, als gekrümmten Zwerg mit großem Kopf und ungeheuren Füßen erscheinen ließ. Um den Spiegel herum waren zahlreiche Südsee-Trophäen angebracht, von denen einige aus dem großen Ozean von Seeleuten mitgebracht worden waren, die schon unter Cook und Vancouver gedient hatten – lange, scharfe Speere, Schilde, geformt wie die Schale einer Schildkröte, Grasmatten, Tomahawks, barbarisch böse aussehende Aexte, und ich weiß nicht, was sonst noch. Die Kaminsimse und Seitentischchen waren mit Modellen von Schiffen, Canoes, Rettungsboten, sowie mit einer Menge chinesischer Elfenbeingegenstände, wie Kartenbehälter, Broschen, Tierfiguren und dergleichen mehr geschmückt. Kurzum, unser Wohnzimmer hätte wohl ein Museum genannt werden können. Mein Vater brachte von jeder Reise eine neue Seltenheit mit, um unsere Sammlung zu vervollständigen. Die Kapitäne und Steuerleute, die uns besuchten, kamen auch selten mit leeren Händen, und im Laufe der Zeit wurde das Wohnzimmer so voll von merkwürdigen und interessanten Gegenständen, daß unsere Nachbarn zu sagen pflegten, wir würden unsere Miete über und über herausschlagen, wenn wir von jedem einen halben Schilling erhöben für die Erlaubnis, diese Wunderdinge besichtigen zu dürfen.

Ich glaube kaum, daß die Umgebungen meiner Kindheit allein schon meine Gedanken gefärbt und ihnen die Richtung gegeben hätten, welche sie später nahmen, wäre ich nicht mit Liebe zur See und zu den Seeleuten geboren worden. Das Gegenteil liegt in der Regel viel näher. Manche Kinder fassen einen Widerwillen gegen den Beruf ihres Vaters, nur weil sie beständig in gewissem Sinne damit in Berührung kommen und immer von demselben hören, bis sie endlich erwachsen sind und das Elternhaus verlassen. Aber in meinem Falle wurde die mir angeborene Liebe zur See durch meine ganze Umgebung groß gezogen und befestigt. Als ich eben alt genug geworden war, um einige Worte im Zusammenhange sprechen zu können, sagte meine Mutter häufig, um wie man zu sagen pflegt, mit mir vor ihren Freunden zu paradieren: »Hier ist Klein-Jessie; fragt sie, was sie für einen Mann haben will, wenn sie ein großes Mädchen ist,« und ich antwortete stets: »Ich will nur einen Seemann heiraten, und wir wollen in einem schönen Schiff leben.«

Man glaube mir, es war mir ernst mit dem, was ich sagte, obwohl ich noch ein Kind war. Und damit man wisse, daß nicht alle Frauen so wetterwendische Geschöpfe sind, wie die Männer glauben, so bekenne ich, daß ich dasselbe sagte und dachte – aber für mich – als ich zwanzig Jahre alt war; nur mit dem Unterschied, daß ich mir dann statt eines Schiffsjungen einen Kapitän zum Schatz wünschte.

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