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Gutenberg > Arthur Conan Doyle >

Die sechs Napoleons

Arthur Conan Doyle: Die sechs Napoleons - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorConan Doyle
titleDie sechs Napoleons
translatorMartin Langwaldt
submitted20050921
sendermartin@langwaldts.de (Martin Langwaldt)
created20051111
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Conan Doyle

Die sechs Napoleons

Übersetzt von Martin Langwaldt © 2005

Es war nichts besonders Ungewöhnliches, daß Mr. Lestrade von Scotland Yard abends mal bei uns hereinschaute, und seine Besuche waren Sherlock Holmes willkommen, denn sie ermöglichten es ihm, über alles, was im Hauptquartier der Polizei vorging, im Bilde zu sein. Als Gegenleistung für die Neuigkeiten, die Lestrade brachte, war Holmes stets bereit, sich aufmerksam die Einzelheiten eines jeden Falles anzuhören, mit dem der Detektiv befaßt war, und gelegentlich war er in der Lage, aus seinem umfangreichen Wissens- und Erfahrungsschatz heraus ohne tätige Einmischung einen Hinweis zu geben oder einen Vorschlag zu machen.

An diesem speziellen Abend hatte Lestrade über das Wetter und die Zeitungen gesprochen. Dann war er in Schweigen verfallen und paffte nachdenklich seine Zigarre. Holmes betrachtete ihn höchst aufmerksam.

»Irgend etwas Nennenswertes los zur Zeit?« fragte er.

»Ach, nein, Mr. Holmes – nichts Besonderes.«

»Dann erzählen Sie mir davon.«

Lestrade lachte.

»Nun ja, Mr. Holmes, es hat keinen Sinn zu leugnen, daß ich doch etwas auf dem Herzen habe. Aber es ist eine derart absurde Angelegenheit, daß ich gezögert habe, Sie damit zu behelligen. Andererseits, auch wenn sie banal ist, so ist sie doch zweifellos sonderbar, und ich weiß, daß Sie eine Vorliebe haben für alles, was jenseits des Gewöhnlichen ist. Aber meiner Meinung nach fällt sie wohl eher in Dr. Watsons Gebiet als in unseres.«

»Krankheit?« fragte ich.

»Auf jeden Fall Verrücktheit. Und eine sonderbare Verrücktheit noch dazu. Man würde nicht glauben, daß es in der heutigen Zeit jemanden gibt, der einen solchen Haß auf Napoleon I. hat, daß er jedes Abbild von ihm, das er sieht, zerschlägt.«

Holmes sank in seinem Sessel zurück.

»Das fällt nicht in meine Zuständigkeit«, sagte er.

»Genau. Das sagte ich. Aber wenn nun dieser Mann Einbrüche begeht, um Darstellungen zu zerschlagen, die ihm gar nicht gehören, dann ist das kein Fall für den Arzt mehr, sondern für einen Polizisten.«

Holmes setzte sich wieder auf.

»Einbrüche! Das ist schon interessanter. Lassen Sie mich die Einzelheiten hören!«

Lestrade holte sein offizielles Notizbuch hervor und frischte aus dessen Seiten sein Gedächtnis auf.

»Der erste Fall wurde vor vier Tagen gemeldet«, sagte er. »Es war im Laden von Morse Hudson, der in der Kennington Road ein Geschäft für Bilder und Statuen hat. Der Angestellte hatte den Verkaufsraum kurz verlassen, da hörte er ein Krachen, und als er wieder hinein eilte, fand er eine Gipsbüste von Napoleon, die mit mehreren anderen Kunstwerken auf dem Ladentisch gestanden hatte, in Scherben zerschlagen. Er rannte auf die Straße hinaus, aber obwohl mehrere Passanten erklärten, daß sie einen Mann bemerkt hatten, der aus dem Laden gelaufen war, konnte er niemanden sehen und auch nichts finden, um den Schurken zu identifizieren. Es schien einer dieser sinnlosen Akte von Vandalismus zu sein, die von Zeit zu Zeit vorkommen, und als solcher wurde er auch dem örtlichen Streifenbeamten gemeldet. Der Gipsguß war nicht mehr wert als ein paar Schillinge, und die ganze Sache schien zu kindisch zu sein für eine besondere Untersuchung.

Der zweite Fall war jedoch ernster, und auch eigentümlicher. Er ist erst letzte Nacht geschehen.

In der Kennington Road, und nur ein paar hundert Meter von Morse Hudsons Geschäft entfernt, wohnt ein bekannter Mediziner namens Dr. Barnicot, der eine der größten Praxen südlich der Themse hat. In der Kennington Road sind seine Wohnung und das Haupt-Sprechzimmer, aber er hat noch eine Filialpraxis mit Apotheke in der Lower Brixton Road, zwei Meilen entfernt. Dieser Dr. Barnicot ist ein begeisterter Bewunderer von Napoleon, und sein Haus ist voll von Büchern, Bildern und Hinterlassenschaften des französischen Kaisers. Vor kurzer Zeit hatte er bei Morse Hudson zwei identische Gipsgüsse der berühmten Napoleon-Büste des französischen Bildhauers Devine gekauft. Einen davon hatte er in der Eingangshalle seines Hauses in der Kennington Road aufgestellt und den anderen auf dem Kaminsims der Praxis in Lower Brixton. Nun, als Dr. Barnicot heute Morgen herunterkam, stellte er erstaunt fest, daß während der Nacht in sein Haus eingebrochen worden war, aber daß nichts gestohlen worden war außer dem Gipskopf aus der Eingangshalle. Er war nach draußen gebracht und brutal gegen die Gartenmauer geschmettert worden, wo auch seine zersplitterten Bruchstücke auf dem Boden entdeckt wurden.«

Holmes rieb sich die Hände.

»Das ist wirklich mal was Neues«, sagte er.

»Ich dachte mir schon, daß es Ihnen gefallen würde. Aber ich bin noch nicht am Ende. Dr. Barnicot wurde um zwölf Uhr in seiner anderen Praxis erwartet, und sie können sich seine Verblüffung vorstellen, als er bei seiner Ankunft dort feststellte, daß in der Nacht das Fenster geöffnet worden war, und daß die Bruchstücke seiner zweiten Büste im ganzen Zimmer verstreut waren. Sie war dort, wo sie gestanden hatte, in Atome zerschmettert worden. In keinem der Fälle gab es irgendwelche Spuren, die uns einen Hinweis auf den Verbrecher oder Verrückten hätten geben können, der die Taten begangen hat. Nun, Mr. Holmes, haben Sie die Fakten.«

»Sie sind eigentümlich, um nicht zu sagen grotesk«, sagte Holmes. »Darf ich fragen, ob die beiden Büsten, die in Dr. Barnicots Räumlichkeiten zerschmettert wurden, exakte Duplikate von derjenigen waren, die in Morse Hudsons Geschäft zerstört wurde?«

»Sie stammten aus der selben Gußform.«

»Diese Tatsache spricht zwangsläufig gegen die Theorie, daß der Mann, der sie zerschlägt, von irgendwelchem Haß auf Napoleon im allgemeinen beeinflußt wird. Wenn man bedenkt, wie viele hundert Statuen des großen Kaisers in London existieren müssen, ginge es zu weit, wenn man es als Zufall ansehen würde, daß ein umtriebiger Bilderstürmer ausgerechnet mit drei Exemplaren derselben Büste anfängt.«

»Nun, das habe ich mir auch schon gedacht«, sagte Lestrade. »Andererseits ist dieser Morse Hudson in diesem Teil von London DER Verkäufer von Büsten, und diese drei waren seit Jahren die einzigen, die er in seinem Laden gehabt hat. Also, auch wenn es, wie Sie sagen, in London viele hundert Statuen gibt, ist es sehr wahrscheinlich, daß diese drei die einzigen in diesem Bezirk waren. Daher würde ein örtlicher Fanatiker auch mit ihnen anfangen. Was meinen Sie, Dr. Watson?«

»Die Monomanie bietet unbegrenzte Möglichkeiten«, antwortete ich. »Da gibt es den Zustand, den die modernen französischen Psychologen als IDÉE FIXE bezeichnen, der von unauffälliger Art sein kann und ansonsten von völliger geistiger Gesundheit begleitet wird. Ein Mann, der viel über Napoleon gelesen hat, oder dessen Familie vielleicht durch den Großen Krieg nachhaltig gelitten hat, könnte ohne weiteres solch eine IDÉE FIXE entwickeln und unter deren Einfluß zu jeder erdenklichen Wahnsinnstat fähig sein.«

»Das reicht aber nicht, mein lieber Watson«, sagte Holmes kopfschüttelnd, »denn keine noch so große IDÉE FIXE würde es Ihrem interessanten Monomanen ermöglichen herauszufinden, wo sich diese Büsten befinden.«

»Und wie erklären Sie es?«

»Das versuche ich gar nicht. Ich würde lediglich anmerken, daß in der exzentrischen Handlungsweise dieses Gentleman eine gewisse Methodik liegt. Zum Beispiel: In Dr. Barnicots Eingangshalle, wo ein Geräusch die Familie hätte aufwecken können, wurde die Büste erst nach draußen gebracht, bevor sie zerschlagen wurde, wohingegen diejenige in der Praxis, wo die Gefahr eines Alarms geringer war, dort zerschmettert wurde, wo sie stand. Die Angelegenheit erscheint absurd und unbedeutend, trotzdem wage ich es nicht, auch nur irgend etwas banal zu nennen, wenn ich daran denke, daß sich einige meiner klassischen Fälle anfangs nicht im mindesten vielversprechend gezeigt haben. Sie werden sich erinnern, Watson, wie die furchtbare Sache mit der Familie Abernetty zuerst dadurch meine Aufmerksamkeit erregt hat, wie tief die Petersilie an einem heißen Tag in die Butter eingesunken war. Ich kann es mir daher nicht leisten, Ihre drei zerbrochenen Büsten zu belächeln, Lestrade, und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir eventuelle neue Entwicklungen dieser eigentümlichen Ereignisse mitteilen würden.«

 

Die Entwicklung, um die mein Freund gebeten hatte, kam schneller und in einer unendlich tragischeren Form, als er sich hätte vorstellen können. Ich war am nächsten Morgen in meinem Schlafzimmer gerade beim Anziehen, als es an der Tür klopfte, und Holmes eintrat, ein Telegramm in der Hand. Er las es vor:

 

»Kommen Sie sofort, Pitt Street 131, Kensington.

LESTRADE.«

 

»Worum geht es denn?« fragte ich.

»Weiß nicht – könnte alles mögliche sein. Aber ich habe den Verdacht, daß es die Fortsetzung der Geschichte von den Statuen ist. In diesem Fall hat unser Freund, der Bilderstürmer, seine Tätigkeit in einem anderen Viertel von London aufgenommen. Kaffee steht auf dem Tisch, Watson, und ich habe eine Kutsche vor der Tür.«

In einer halben Stunde hatten wir die Pitt Street erreicht, ein ruhiger kleiner Seitenarm gleich neben einem der schnellsten Ströme des Londoner Lebens. No. 131 war Teil einer Häuserreihe, allesamt flachgesichtige, respektable und höchst unromantische Behausungen. Als wir anhielten, fanden wir am Geländer vor dem Haus eine neugierige Menschenmenge versammelt. Holmes pfiff.

»Heiliger Georg! Das ist mindestens ein versuchter Mord. Nichts Geringeres bringt einen Londoner Botenjungen zum Stehenbleiben. Die hängenden Schultern und der gereckte Hals von diesem Burschen da deuten auf eine Gewalttat hin. Was ist das, Watson? Die obersten Stufen abgewaschen und die anderen trocken. Auf jeden Fall genug Fußabdrücke! Nun ja, nun ja, dort am Fenster ist Lestrade, und wir werden gleich über alles bescheid wissen.«

Der Beamte empfing uns mit sehr bedrückter Miene und führte uns in ein Wohnzimmer, wo ein äußerst derangierter und aufgeregter älterer Mann mit einem Flanell-Morgenmantel bekleidet auf und ab schritt. Er wurde uns als der Eigentümer des Hauses vorgestellt – Mr. Horace Harker vom Zentralen Pressesyndikat.

»Es geht wieder um die Sache mit den Napoleon-Büsten«, sagte Lestrade. »Sie schienen sich gestern Abend dafür zu interessieren, Mr. Holmes, also dachte ich, Sie würden vielleicht gern dabei sein, jetzt wo die Angelegenheit eine viel ernstere Wendung genommen hat.«

»Wohin hat sie sich denn gewendet?«

»Zu Mord. Mr. Harker, würden Sie diesen Herren bitte genau erzählen, was geschehen ist?«

Der Mann im Morgenmantel wandte sich mit höchst melancholischer Miene an uns.

»Es ist schon sonderbar»«, sagte er, »daß ich mein ganzes Leben lang Nachrichten über andere Leute zusammengetragen habe, und jetzt, wo mir selbst etwas wirklich Berichtenswertes passiert ist, bin ich so durcheinander und aufgeregt, daß ich keine zwei Worte zusammensetzen kann. Wenn ich als Journalist hier hereingekommen wäre, hätte ich mich interviewt und in jeder Abendzeitung zwei Spalten gehabt. Aber so verschenke ich wertvolle Auflage, indem ich meine Geschichte wieder und wieder allen möglichen Leuten erzähle, und ich selbst habe gar nichts davon. Ich habe allerdings schon von Ihnen gehört, Mr. Sherlock Holmes, und wenn Sie diese sonderbare Sache nur aufklären, soll mir das Lohn genug sein für die Mühe, Ihnen die Geschichte zu erzählen.«

Holmes setzte sich hin und hörte zu.

»Das Ganze scheint sich um diese Büste von Napoleon zu drehen, die ich vor etwa vier Monaten für genau dieses Zimmer gekauft habe. Ich habe sie billig bei Harding Brothers entdeckt, zwei Häuser vom High-Street-Bahnhof entfernt. Ein großer Teil meiner journalistischen Arbeit findet nachts statt, und ich schreibe oft bis zum frühen Morgen. So war es auch heute. Ich saß in meinem Kämmerchen ganz oben auf der Rückseite des Hauses, um drei Uhr etwa, als ich mir sicher war, daß ich unten irgendwelche Geräusche hörte. Ich lauschte, aber sie wiederholten sich nicht, und ich kam zu dem Schluß, daß sie doch von draußen gekommen waren. Dann plötzlich, etwa fünf Minuten später, kam ein fürchterlicher Schrei – das schrecklichste Geräusch, Mr. Holmes, daß ich je gehört habe. Es wird mir in den Ohren klingen, solange ich lebe. Eine oder zwei Minuten saß ich starr vor Schreck da. Dann schnappte ich mir den Schürhaken und ging nach unten. Als ich in dieses Zimmer hier kam, stand das Fenster weit offen, und ich bemerkte sofort, daß die Büste vom Kaminsims verschwunden war. Warum ein Einbrecher ausgerechnet so etwas mitnehmen sollte, geht über mein Verständnis, denn es war ja nur ein Gipsguß und von keinerlei echtem Wert.

Sie können selbst sehen, daß jeder, der durch dieses offene Fenster hinaussteigt, mit einem weiten Schritt die Vordertreppe erreichen könnte. Genau das hatte der Einbrecher offenbar getan, also ging ich hinüber und öffnete die Tür. Als ich im Dunkeln hinausging, fiel ich beinahe über einen Toten, der da lag. Ich lief zurück, um eine Lampe zu holen, und da war der arme Kerl, ein riesiger Schnitt durch die Kehle und alles ein einziges Blutbad. Er lag auf dem Rücken, die Knie angezogen und den Mund schrecklich aufgerissen. Er wird mich in meinen Träumen verfolgen. Ich konnte gerade noch meine Polizeipfeife blasen, und dann muß ich ohnmächtig geworden sein, denn ich weiß nichts mehr, bis im Flur der Polizist über mir stand.«

»Und wer war der Ermordete?« fragte Holmes.

»Es gibt nichts, was uns sagt, wer er war«, sagte Lestrade. »Sie können sich die Leiche im Leichenschauhaus ansehen, aber wir haben bis jetzt noch nichts herausgefunden. Er ist groß, sonnengebräunt, sehr kräftig, nicht älter als dreißig. Er ist schlecht gekleidet, aber trotzdem scheint er kein Arbeiter zu sein. Ein Klappmesser mit Horngriff lag neben ihm in einer Blutlache. Ob es die Tatwaffe war, oder ob es dem Toten gehört hat, weiß ich nicht. An seiner Kleidung war kein Name, und nichts in seinen Taschen außer einem Apfel, etwas Schnur, einem billigen Stadtplan von London und einem Photo. Hier ist es.«

Es war offensichtlich ein Schnappschuß, der mit einer kleinen Kamera gemacht worden war. Es zeigte einen wachsamen, affenähnlichen Mann mit scharfen Zügen, dichten Augenbrauen und einer sehr außergewöhnlich vorstehenden unteren Gesichtshälfte, wie das Maul eines Pavians.

»Und was ist aus der Büste geworden?« fragte Holmes nach einem sorgfältigen Studium dieses Bildes.

»Wir haben Nachricht davon bekommen, kurz bevor Sie eingetroffen sind. Sie wurde im Vorgarten eines leerstehenden Hauses in der Camden House Road gefunden. Sie wurde in Stücke zerbrochen. Ich gehe jetzt rüber, um sie mir anzusehen. Kommen Sie mit?«

»Sicher. Ich muß mich nur noch kurz einmal umsehen.« Er untersuchte den Teppich und das Fenster. »Der Bursche hatte entweder sehr lange Beine, oder er war äußerst sportlich«, sagte er. »Bei diesem Abstand war es keine leichte Aufgabe, dieses Fenstersims zu erreichen und das Fenster zu öffnen. Der Rückweg war vergleichsweise einfach. Kommen Sie mit uns, um die Überreste ihrer Büste zu sehen, Mr. Harker?«

Der untröstliche Journalist hatte sich an einen Schreibtisch gesetzt.

»Ich muß versuchen, noch etwas daraus zu machen«, sagte er, »obwohl ich keinen Zweifel habe, daß die ersten Ausgaben der Abendzeitungen mit allen Einzelheiten schon raus sind. Das ist typisch für mein Glück! Sie erinnern sich, als in Doncaster die Tribüne eingestürzt ist? Tja, ich war der einzige Journalist auf dieser Tribüne, und meine Zeitschrift die einzige, die keinen Bericht darüber hatte, weil ich zu verstört war, um ihn zu schreiben. Und jetzt bin ich zu spät dran bei einem Mord vor meiner eigenen Haustür.«

Als wir das Zimmer verließen, hörten wir seine Feder schrill über das Kanzleipapier kratzen.

Die Stelle, wo man die Fragmente der Büste gefunden hatte, war nur ein paar hundert Meter entfernt. Zum ersten Mal ruhten unsere Augen auf dieser Darstellung des großen Kaisers, die im Kopf des Unbekannten solch rasenden und zerstörerischen Haß zu erzeugen schien. Sie lag in zersplitterten Scherben auf dem Gras verstreut. Holmes hob einige davon auf und untersuchte sie sorgfältig. Seine angespannte Miene und sein zielstrebiges Vorgehen überzeugten mich davon, daß er endlich auf einer Spur war.

»Nun?« fragte Lestrade.

Holmes zuckte die Schultern.

»Wir haben noch einen langen Weg vor uns«, sagte er. »Trotzdem – trotzdem – nun, wir haben einige vielsagende Fakten, nach denen wir handeln können. Der Besitz dieser billigen Büste war – zumindest in den Augen dieses merkwürdigen Verbrechers – mehr wert als ein Menschenleben. Das ist ein Punkt. Dann ist da die merkwürdige Tatsache, daß er sie nicht im Haus zerschlagen hat oder gleich draußen vor dem Haus, wenn das Zerschlagen seine einzige Absicht war.«

»Er war aus der Fassung und aufgewühlt nach der Begegnung mit diesem anderen Burschen. Er wußte kaum, was er tat.«

»Nun, das ist allerdings wahrscheinlich. Aber ich möchte Ihre Aufmerksamkeit insbesondere auf die Lage dieses Hauses lenken, in dessen Garten die Büste zerstört wurde.«

Lestrade sah sich um.

»Es ist ein leerstehendes Haus, und deswegen konnte er sicher sein, daß er im Garten nicht gestört werden würde.«

»Ja, aber da ist noch ein leeres Haus weiter oben in der Straße, an dem er vorbeigegangen sein muß, bevor er zu diesem hier kam. Weshalb hat er sie nicht dort zerschlagen, wenn es doch offensichtlich ist, daß jeder Meter, den er sie mit sich herumträgt, das Risiko erhöht, daß ihm jemand begegnet?«

»Ich geb's auf«, sagte Lestrade.

Holmes zeigte auf die Straßenlaterne über unseren Köpfen.

»Hier konnte er sehen, was er tat, und dort konnte er es nicht. Das war sein Grund.«

»Beim Jupiter! Das stimmt«, sagte der Detektiv. »Jetzt wo ich darüber nachdenke: Dr. Barnicots Büste wurde nicht weit von seiner roten Laterne zerschlagen. Und was, Mr. Holmes, sollen wir mit dieser Tatsache anfangen?«

»Sie uns merken – sie registrieren. Möglicherweise stoßen wir später auf etwas, bei dem sie von Bedeutung ist. Welche Schritte gedenken Sie nun zu unternehmen, Lestrade?«

»Die praktischste Vorgehensweise wird meiner Meinung nach die sein, den Toten zu identifizieren. Das sollte keine Schwierigkeiten machen. Wenn wir erst einmal wissen, wer er ist und wer seine Partner sind, dürften wir einen guten Ausgangspunkt haben, um herauszufinden, was er letzte Nacht in der Pitt Street wollte, und wen er dort getroffen hat, der ihn auf der Türschwelle von Mr. Horace Harker umgebracht hat. Meinen Sie nicht auch?«

»Zweifellos; trotzdem ist es nicht ganz die Art und Weise, wie ich den Fall angehen würde.«

»Was würden Sie denn tun?«

»Oh, Sie dürfen sich von mir in keiner Weise beeinflussen lassen. Ich schlage vor, Sie verfolgen Ihren Weg, und ich den meinen. Danach können wir unsere Notizen vergleichen, und die einen werden die anderen ergänzen.«

»Sehr gut«, sagte Lestrade.

»Wenn Sie zur Pitt Street zurückgehen, könnten Sie vielleicht Mr. Horace Harker noch einmal besuchen. Richten Sie ihm von mir aus, daß ich mir inzwischen ganz sicher bin, und daß letzte Nacht bestimmt ein verrückter Mörder mit napoleonischen Wahnvorstellungen in seinem Haus war. Das wird für seinen Artikel nützlich sein.«

Lestrade machte große Augen.

»Das glauben Sie doch nicht ernsthaft?«

Holmes lächelte.

»Nein? Nun, vielleicht nicht. Aber ich bin sicher, daß es Mr. Horace Harker und die Kunden des Zentralen Pressesyndikats interessieren wird. Nun, Watson, ich denke, daß wir wohl ein langwieriges und ziemlich kompliziertes Tagewerk vor uns haben werden. Ich würde mich freuen, Lestrade, wenn Sie es einrichten könnten, sich heute Abend um sechs Uhr in der Baker Street mit uns zu treffen. Bis dahin würde ich gern dieses Photo aus der Tasche des Toten behalten. Es ist möglich, daß ich Sie um Ihre Begleitung und Unterstützung bei einer kleinen Expedition werde bitten müssen, die heute Nacht unternommen werden muß, falls sich meine Schlußfolgerungen als korrekt erweisen sollten. Bis dahin auf Wiedersehen und viel Glück!«

Sherlock Holmes und ich gingen gemeinsam zur High Street, wo wir das Geschäft der Harding Brothers aufsuchten, in dem die Büste gekauft worden war. Ein junger Angestellter teilte uns mit, daß Mr. Harding bis zum Nachmittag außer Haus sein würde, und daß er selbst ein Neuzugang sei, der uns keine Informationen geben könne. Holmes' Miene verriet seine Enttäuschung und Verärgerung.

»Nun ja, nun ja, wir können nicht erwarten, daß alles nach unseren Wünschen verläuft, Watson«, sagte er schließlich. »Dann müssen wir eben am Nachmittag wiederkommen, wenn Mr. Harding bis dahin nicht hier sein wird. Ich versuche gerade, wie Sie zweifellos schon vermutet haben, diese Büsten zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen, um herauszufinden, ob es dort nicht irgend etwas Besonderes gibt, das ihr bemerkenswertes Schicksal erklären kann. Begeben wir uns zu Mr. Morse Hudson aus der Kennington Road und sehen wir mal, ob er etwas Licht ins Dunkel bringen kann.«

Eine Fahrt von einer Stunde brachte uns zu dem Geschäft des Gemäldehändlers. Er war ein kleiner, untersetzter Mann mit rotem Gesicht und lebhaftem Temperament.

»Jawohl, Sir. Direkt auf meinem Ladentisch, Sir«, sagte er. »Wozu wir eigentlich Zölle und Steuern bezahlen, weiß ich wirklich nicht, wenn jeder Raufbold einfach so reinkommen und einem die Ware zerschlagen kann. Jawohl, Sir, ich war es, der Dr. Barnicot seine beiden Statuen verkauft hat. Eine Schande, Sir! Eine Nihilisten-Verschwörung – das ist es, sage ich. Niemand außer einem Anarchisten würde rumlaufen und Statuen zerschlagen. Rote Republikaner – so nenne ich die. Vom wem ich die Statuen bekommen habe? Ich weiß nicht, was das damit zu tun haben soll. Aber wenn Sie es unbedingt wissen wollen, ich hatte sie von Gelder & Co. in der Church Street, Stepney. Die sind ein bekanntes Haus in der Branche, schon seit zwanzig Jahren. Wie viele ich hatte? Drei – zwei und noch eine sind drei – die zwei von Dr. Barnicot und die eine, die mir am hellichten Tag auf dem Ladentisch zerschlagen worden ist. Ob ich dieses Photo kenne? Nein, kenne ich nicht. Doch, ja, kenne ich. Das ist doch Beppo. Das war so ein italienischer Gelegenheitsarbeiter, der sich im Laden nützlich gemacht hat. Er konnte ein bißchen schnitzen und vergolden und einrahmen und dies und das. Der Bursche hat letzte Woche gekündigt, und ich habe nichts mehr von ihm gehört seitdem. Nein, ich weiß nicht, wo er herkommt, oder wo er hingegangen ist. Ich hatte ihm nichts vorzuwerfen, solange er hier war. Er war seit zwei Tagen weg, als die Büste zerschlagen wurde.«

»Nun, das ist alles, was wir von Morse Hudson erwarten durften«, sagte Holmes, als wir aus dem Geschäft traten. »Wir haben diesen Beppo als gemeinsamen Nenner, sowohl in Kennington als auch in Kensington, dafür hat sich unsere Zehn-Meilen-Fahrt gelohnt. Und nun, Watson, begeben wir uns zu Gelder & Co. in Stepney, Quelle und Ursprung der Büsten. Es würde mich überraschen, wenn wir dort unten nicht etwas Hilfe bekommen.«

In schneller Folge durchfuhren wir den Rand von Nobel-London, dann Hotel-London, Theater-London, Literatur-London, Geschäfts-London und schließlich Seefahrts-London, bis wir zu einer Stadt am Fluß mit hunderttausend Seelen kamen, wo die Mietshäuser in der Hitze kochen und überfüllt sind mit den Ausgestoßenen Europas. Hier, in einer breiten Durchgangsstraße, einst das Refugium wohlhabender Kaufleute aus der City, fanden wir die Skulpturenfabrik, nach der wir suchten. Draußen befand sich ein beträchtlicher Hof voll mit monumentaler Bildhauerei. Drinnen war ein großer Saal, in dem fünfzig Arbeiter mit Schnitzen oder Modellieren beschäftigt waren. Der Geschäftsführer, ein großer blonder Deutscher, empfing uns höflich und gab klare Antworten auf Holmes' sämtliche Fragen. Eine Konsultation seiner Bücher zeigte, daß hunderte von Abgüssen einer Marmorkopie von Devines Napoleon-Kopf genommen worden waren, doch daß die drei, die vor etwa einem Jahr an Morse Hudson geliefert worden waren, die Hälfte einer Charge von sechs Stück bildeten, deren andere drei an Harding Brothers, Kensington gegangen waren. Es gab keinen Grund, weshalb sich jene sechs von irgend einem der anderen Güsse unterscheiden sollten. Er konnte keinerlei Anlaß nennen, den irgend jemand haben könnte, sie zu zerstören – er mußte sogar lachen bei dem Gedanken. Ihr Großhandelspreis war sechs Schillinge, doch die Einzelhändler würden zwölf oder mehr dafür bekommen. Der Guß wurde mittels zweier Formen hergestellt, eine für jede Gesichtshälfte, und dann wurden diese beiden Profile aus Gips zusammengefügt, um die vollständige Büste herzustellen. Die Arbeit wurde gewöhnlich von Italienern ausgeführt, in dem Saal, in dem wir uns befanden. Nach der Fertigstellung wurden die Büsten zum Trocknen auf einen Tisch im Durchgang gestellt und später eingelagert. Das war alles, was er uns sagen konnte.

Doch der Anblick des Photos hatte eine bemerkenswerte Wirkung auf den Geschäftsführer. Sein Gesicht rötete sich vor Zorn, und seine Stirn legte sich in Falten über seinen blauen teutonischen Augen.

»Ach, dieser Schurke!« rief er. »Ja, allerdings, den kenne ich sehr gut. Dies war immer eine respektable Firma, und das einzige Mal, daß wir je die Polizei hier hatten, war wegen eben dieses Burschen. Das ist jetzt über ein Jahr her. Er hatte einen anderen Italiener auf der Straße niedergestochen, und dann kam er in die Fabrik mit der Polizei auf den Fersen, und hier wurde er dann festgenommen. Beppo war sein Name – seinen Familiennamen kenne ich nicht. Geschah mir ganz recht dafür, einen Mann mit so einer Visage einzustellen. Aber er war ein guter Arbeiter – einer der besten.«

»Welche Strafe hat er bekommen?«

»Der andere hat überlebt, und er ist mit einem Jahr davongekommen. Ich habe keinen Zweifel, daß er inzwischen wieder draußen ist, aber er hat es nicht gewagt, seine Nase hier zu zeigen. Wir haben einen Vetter von ihm hier, und ich schätze, der könnte Ihnen sagen, wo er ist.«

»Nein, nein«, rief Holmes, »kein Wort zu dem Vetter – nicht ein Wort, ich bitte Sie dringend. Die Sache ist sehr wichtig, und je weiter ich damit vorankomme, desto wichtiger scheint sie zu werden. Als Sie in Ihrem Hauptbuch den Verkauf dieser Güsse nachschlugen, habe ich gesehen, daß das Datum der 3. Juni letzten Jahres war. Könnten Sie mir das Datum nennen, an dem Beppo festgenommen wurde?«

»Ich könnte es ihnen ungefähr anhand der Lohnliste sagen«, antwortete der Geschäftsführer. »Ja«, fuhr er nach einigem Blättern fort, »er wurde zum letzten Mal am 20. Mai bezahlt.«

»Vielen Dank«, sagte Holmes. »Ich denke, daß ich Ihre Zeit und Geduld jetzt nicht länger in Anspruch nehmen muß.« Nach einem letzten Wort der Warnung, daß er nichts über unsere Nachforschungen sagen solle, wandten wir uns erneut westwärts.

Der Nachmittag war weit fortgeschritten, ehe wir Gelegenheit hatten, in einem Restaurant ein hastiges Mittagessen einzunehmen. Eine Zeitungstafel am Eingang verkündete: »Wahnsinnstat in Kensington. Verrückter Mörder geht um«, und der Inhalt des Blattes zeigte, daß Mr. Horace Harker es doch noch geschafft hatte, seinen Bericht in Druck zu geben. Zwei Spalten wurden von einer höchst sensationellen und blumigen Wiedergabe des ganzen Vorfalls eingenommen. Holmes lehnte die Zeitung gegen den Gewürzständer und las beim Essen. Ein oder zweimal kicherte er.

»Das hier ist gut, Watson«, sagte er. »Hören Sie zu:

 

›Es ist befriedigend zu wissen, daß es in diesem Fall keine Meinungsverschiedenheit geben kann, da sowohl Mr. Lestrade, einer der erfahrensten Gesetzeshüter, als auch Mr. Sherlock Holmes, der bekannte Berater und Experte, zu dem Schluß gekommen sind, daß die Reihe von grotesken Vorfällen, die ein so tragisches Ende genommen hat, eher auf Wahnsinn als auf vorsätzliches Verbrechen zurückzuführen ist. Keine Erklärung außer geistiger Entartung wäre in Anbetracht der Fakten stichhaltig.‹

 

Die Presse, Watson, ist eine höchst wertvolle Institution, wenn man sie nur zu gebrauchen weiß. Und nun, wenn Sie aufgegessen haben, werden wir unsere Fährte in Kensington wieder aufnehmen und uns anhören, was der Geschäftsführer von Harding Brothers zu der Angelegenheit zu sagen hat.«

Der Gründer jenes großen Emporiums erwies sich als eine schneidige, hektische kleine Person, sehr adrett und flink, mit einem klaren Verstand und einer beredten Zunge.

»Ja, Sir, ich habe den Bericht in den Abendzeitungen schon gelesen. Mr. Horace Harker ist ein Kunde von uns. Wir haben ihm die Büste vor ein paar Monaten geliefert. Wir hatten drei Büsten dieser Sorte von Gelder & Co. in Stepney bestellt. Sie sind inzwischen alle verkauft. An wen? Oh, ich schätze, wenn wir in unserem Verkaufsbuch nachsehen, können wir Ihnen das ganz schnell sagen. Ja, hier haben wir die Einträge. Eine an Mr. Harker, sehen Sie, und eine an Mr. Josiah Brown, Adresse Laburnum Lodge, Laburnum Vale, Chiswick, und eine an Mr. Sandeford aus der Lower Grove Road, Reading. Nein, ich habe dieses Gesicht auf dem Photo, das Sie mir zeigen, noch nie gesehen. Das würde man wohl kaum vergessen, nicht wahr, Sir, ich habe nämlich selten ein häßlicheres gesehen. Ob wir irgendwelche italienischen Angestellten haben? Ja, Sir, wir haben einige unter unseren Arbeitern und Putzleuten. Ich schätze, sie könnten schon heimlich einen Blick in dieses Verkaufsbuch werfen, wenn sie wollten. Es gibt ja keinen Grund, auf dieses Buch besonders aufzupassen. Tja, tja, das ist schon eine sehr seltsame Sache, und ich hoffe, daß Sie es mich wissen lassen werden, wenn bei Ihren Ermittlungen irgend etwas herauskommt.«

Holmes hatte sich während Mr. Hardings Aussage mehrere Notizen gemacht, und ich konnte ihm ansehen, daß er mit dem Lauf der Dinge gänzlich zufrieden war. Er machte jedoch keine Bemerkung, abgesehen davon, daß wir uns beeilen müßten, um nicht zu spät zu unserer Verabredung mit Lestrade zu kommen. Und tatsächlich, als wir in der Baker Street ankamen, war der Detektiv schon da und schritt in fieberhafter Ungeduld im Zimmer auf und ab. Sein bedeutender Gesichtsausdruck verriet, daß sein Tagewerk nicht ergebnislos geblieben war.

»Nun?« fragte er. »Glück gehabt, Mr. Holmes?«

»Wir hatten einen sehr arbeitsreichen Tag, und er war nicht ganz verschwendet«, erklärte mein Freund. »Wir haben beide Händler besucht und auch den Hersteller. Ich kann nun den Weg jeder Büste von Anfang an nachvollziehen.«

»Die Büsten!« rief Lestrade. »Nun ja, Sie haben Ihre eigenen Methoden, Mr. Sherlock Holmes, und es steht mir nicht zu, auch nur ein Wort gegen sie zu sagen, aber ich glaube, ich hatte einen erfolgreicheren Tag als Sie. Ich habe den Toten identifiziert.«

»Was Sie nicht sagen.«

»Und ein Motiv für das Verbrechen gefunden.«

»Prächtig!«

»Wir haben einen Inspektor, der sich auf die Saffron-Hill-Gegend und das italienische Viertel spezialisiert hat. Nun, dieser Tote hatte ein katholisches Emblem um den Hals, und das, zusammen mit seiner Hautfarbe, brachte mich auf den Gedanken, daß er aus dem Süden sein könnte. Inspektor Hill hat ihn sofort erkannt, als er ihn zu Gesicht bekommen hat. Sein Name ist Pietro Venucci aus Neapel, und er ist einer der schlimmsten Halsabschneider in London. Er steht in Verbindung mit der Mafia, die, wie Sie wissen, eine politische Geheimgesellschaft ist, die ihre Dekrete mit Mord durchsetzt. Da sehen Sie, wie sich die Angelegenheit langsam aufklärt. Der andere Bursche ist wahrscheinlich auch Italiener und ein Mitglied der Mafia. Er hat wohl in irgend einer Weise die Regeln gebrochen. Pietro wird auf ihn angesetzt. Wahrscheinlich ist der Mann auf dem Photo, das wir in seiner Tasche gefunden haben, eben dieser andere, damit er nicht aus Versehen den Falschen absticht. Er beschattet den Kerl, er sieht ihn in ein Haus einsteigen, er wartet draußen auf ihn, und in dem Handgemenge bekommt er selbst eine tödliche Verletzung ab. Wie ist das, Mr. Sherlock Holmes?«

Holmes klatschte anerkennend in die Hände.

»Ausgezeichnet, Lestrade, ausgezeichnet!« rief er. »Ich konnte nur Ihrer Erklärung für die Zerstörung der Büsten nicht ganz folgen.«

»Die Büsten! Sie kriegen diese Büsten wohl einfach nicht aus dem Kopf. Aber das ist doch gar nichts; minderschwere Sachbeschädigung, sechs Monate höchstens. Der Mord ist es, den wir wirklich untersuchen, und ich sage Ihnen, daß ich dabei bin, sämtliche Fäden in die Hand zu bekommen.«

»Und der nächste Schritt?«

»Ist denkbar einfach. Ich werde mit Hill ins italienische Viertel gehen, den Mann aufspüren, dessen Photo wir haben, und ihn wegen Mordes verhaften. Kommen Sie mit uns?«

»Ich denke nicht. Ich schätze, wir können auch einfacher ans Ziel gelangen. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, weil alles davon abhängt – nun, es hängt alles von einem Faktor ab, der völlig außerhalb unserer Kontrolle ist. Aber ich habe größte Hoffnung – genau gesagt stehen die Wetten exakt zwei zu eins –, daß ich Ihnen werde helfen können, ihn zur Strecke zu bringen, wenn Sie heute Nacht mit uns kommen.«

»Ins italienische Viertel?«

»Nein, ich schätze, wir dürften ihn wohl eher in Chiswick antreffen. Wenn Sie heute Nacht mit mir nach Chiswick kommen, Lestrade, dann verspreche ich Ihnen, daß ich morgen mit Ihnen ins italienische Viertel gehen werde, und die Verzögerung wird keinen Schaden verursachen. Und nun glaube ich, daß ein paar Stunden Schlaf uns allen gut tun würden, denn ich habe nicht die Absicht, vor elf Uhr aufzubrechen, und es ist unwahrscheinlich, daß wir vor morgen früh zurück sein werden. Sie werden mit uns zu Abend essen, Lestrade, und dann steht Ihnen das Sofa zur Verfügung, bis es Zeit ist loszufahren. In der Zwischenzeit, Watson, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie nach einem Eilboten klingeln würden, denn ich muß noch einen Brief abschicken, und es ist wichtig, daß er sofort auf den Weg geht.«

Holmes verbrachte den Abend damit, in den archivierten alten Tageszeitungen herumzuwühlen, mit denen eine unserer Dachkammern vollgestopft war. Als er endlich wieder herunterkam, lag Triumph in seinem Blick, doch er sagte keinem von uns etwas über das Ergebnis seiner Recherchen. Ich für meinen Teil hatte die Methoden, mit denen er die verschiedenen Wendungen dieses komplizierten Falles verfolgt hatte, Schritt für Schritt nachvollzogen, und obwohl ich das Ziel, das wir erreichen würden, noch nicht erkennen konnte, war mir klar, daß Holmes mit einem Versuch dieses grotesken Kriminellen rechnete, auch noch an die beiden verbleibenden Büsten heranzukommen, von denen sich die eine, wie ich mich erinnerte, in Chiswick befand. Zweifellos war der Zweck unseres Ausflugs der, ihn auf frischer Tat zu ertappen, und ich konnte die List meines Freundes nur bewundern, mit der er einen falschen Hinweis in die Abendzeitung geschmuggelt hatte, um dem Burschen weiszumachen, daß er seinen Plan ungestraft fortsetzen könne. Ich war nicht überrascht, als Holmes vorschlug, daß ich meinen Revolver mitnehmen sollte. Er selbst hatte sich die bleiverstärkte Reitgerte genommen, die seine Lieblingswaffe war.

Um elf stand eine vierrädrige Kutsche vor der Tür, und darin fuhren wir zu einer Stelle auf der anderen Seite der Hammersmith Bridge. Hier sollte der Kutscher warten. Ein kurzer Fußmarsch brachte uns zu einer versteckt liegenden Straße, die von hübschen Häusern gesäumt war, jedes auf seinem eigenen Grundstück. Im Licht einer Straßenlaterne lasen wir an einem der Torpfosten »Laburnum Villa«. Die Bewohner hatten sich offenbar schon zur Ruhe begeben, denn alles war dunkel, abgesehen von einem Oberlicht über der Eingangstür, das einen einzelnen verschwommenen Lichtkreis auf den Gartenweg warf. Der Holzzaun, der das Grundstück von der Straße trennte, warf einen tiefdunklen Schatten nach innen, und hier kauerten wir uns nieder.

»Ich fürchte, Sie werden eine lange Wache vor sich haben«, flüsterte Holmes. »Wir können unseren Sternen danken, daß es nicht regnet. Ich glaube, wir dürfen es nicht einmal wagen zu rauchen, um uns die Zeit zu vertreiben. Aber die Chancen stehen zwei zu eins, daß wir eine Belohnung für unsere Mühen erhalten werden.«

Es stellte sich jedoch heraus, daß unsere Nachtwache nicht so lang sein sollte, wie Holmes uns hatte fürchten lassen, und sie endete auf sehr plötzliche und eigentümliche Weise. Im nächsten Augenblick, ohne daß das kleinste Geräusch uns vorgewarnt hätte, schwang das Gartentor auf, und eine geschmeidige, dunkle Gestalt, so flink und agil wie ein Affe, eilte den Gartenweg hinauf. Wir sahen sie an dem Schein, der durch das Oberlicht fiel, vorbeihuschen und im schwarzen Schatten des Hauses verschwinden. Es folgte eine lange Pause, während der wir den Atem anhielten, und dann drang ein sehr leises Knarren an unsere Ohren. Das Fenster wurde geöffnet. Das Geräusch verstummte, und wieder folgte eine lange Stille. Der Bursche stieg in das Haus ein. Wir sahen das plötzliche Aufblitzen einer abgedeckten Laterne im Inneren des Zimmers. Was er suchte, war offenbar nicht dort, denn wir sahen das Licht abermals durch einen anderen Fensterladen, und dann durch einen weiteren.

»Gehen wir zu dem offenen Fenster. Wir schnappen ihn uns, wenn er rausklettert«, flüsterte Lestrade.

Doch ehe wir uns in Bewegung setzen konnten, war der Mann wieder aufgetaucht. Als er in den schimmernden Lichtkreis trat, sahen wir, daß er etwas Weißes unter dem Arm trug. Er schaute sich verstohlen um. Die Stille in der verlassenen Straße beruhigte in. Mit dem Rücken zu uns legte er seine Last auf den Boden, und im nächsten Moment gab es ein scharfes Knacken, gefolgt von einem Klappern und Rasseln. Der Mann war so sehr auf sein Tun konzentriert, daß er unsere Schritte nicht hörte, als wir über den Rasen schlichen. Mit einem Tigersprung war Holmes auf seinem Rücken, einen Augenblick später hatten Lestrade und ich seine Handgelenke gepackt, und die Handschellen waren angelegt. Als wir ihn umdrehten, blickte ich in ein abscheuliches, fahles Gesicht mit wutverzerrten Zügen, das zu uns heraufstarrte, und ich war sicher, daß es tatsächlich der Mann von dem Photo war, den wir gefaßt hatten.

Doch Holmes schenkte seine Aufmerksamkeit nicht unserem Gefangenen. Auf der Türstufe hockend, war er damit beschäftigt, das, was der Mann aus dem Haus geholt hatte, aufs sorgfältigste zu untersuchen. Es war eine Büste von Napoleon wie diejenige, die wir am Morgen gesehen hatten, und sie war in ähnliche Stücke zerbrochen worden. Vorsichtig hielt Holmes jede einzelne Scherbe ins Licht, doch sie unterschieden sich in keiner Weise von jedem anderen zerbrochenen Stück Gips. Er hatte seine Untersuchung gerade beendet, als die Lampen in der Eingangshalle aufflammten, die Tür geöffnet wurde, und der Besitzer des Hauses, eine joviale, rundliche Gestalt in Hemd und Hose, sich zeigte.

»Mr. Josiah Brown, nehme ich an?« fragte Holmes.

»Jawohl, Sir; und Sie sind zweifellos Mr. Sherlock Holmes? Ich habe den Brief bekommen, den Sie per Eilboten geschickt hatten, und ich habe genau getan, was Sie gesagt haben. Wir haben alle Türen von innen abgeschlossen und abgewartet, was sich tut. Nun, ich freue mich sehr zu sehen, daß Sie den Schurken haben. Ich hoffe doch, meine Herren, daß Sie auf kleine Erfrischung hereinkommen werden.«

Lestrade wollte seinen Gefangenen jedoch unverzüglich hinter Schloß und Riegel bringen, also wurde unsere Kutsche geholt, und ein paar Minuten später waren wir alle vier auf dem Weg nach London. Unser Häftling sprach kein einziges Wort, doch er starrte uns aus dem Schatten seiner verfilzten Haare wütend an, und einmal, als meine Hand in seiner Reichweite zu sein schien, schnappte er danach wie ein hungriger Wolf. Wir blieben noch auf der Polizeiwache, bis wir erfuhren, daß eine Durchsuchung seiner Kleidung nichts außer ein paar Schillingen und einem langen Fahrtenmesser zum Vorschein gebracht hatte, auf dessen Griff sich reichlich frische Blutspuren befanden.

»Das wäre erledigt«, sagte Lestrade, als wir uns trennten. »Hill kennt diese ganzen Herrschaften und er wird ihm schon einen Namen geben. Sie werden feststellen, daß sich meine Theorie mit der Mafia als völlig richtig erweisen wird. Aber ich stehe auf jeden Fall tief in Ihrer Schuld, Mr. Holmes, für die professionelle Art und Weise, wie Sie ihn aufgespürt haben. Nur verstehe ich es noch nicht so ganz.«

»Ich fürchte, es ist schon etwas spät für Erklärungen«, sagte Holmes. »Darüber hinaus gibt es noch ein oder zwei Details, die noch nicht erledigt sind, und dies ist einer jener Fälle, bei denen es sich lohnt, sie wirklich vollständig aufzuklären. Wenn Sie morgen um sechs Uhr noch einmal zu mir kommen wollen, dann werde ich, glaube ich, in der Lage sein, Ihnen zu zeigen, daß Sie noch immer nicht die ganze Bedeutung dieser Angelegenheit erfaßt haben, die einige Merkmale aufweist, die sie in der Geschichte der Kriminalität absolut einmalig macht. Wenn ich Ihnen je eine weitere Chronik meiner kleinen Rätsel gestatte, Watson, sehe ich schon voraus, daß Sie Ihre Seiten auch mit einem Bericht über den einzigartigen Fall der Napoleon-Büsten bereichern werden.«

Als wir uns am nächsten Abend wieder trafen, brachte Lestrade viele Neuigkeiten über unseren Gefangenen mit. Sein Name, so schien es, war Beppo, Familienname unbekannt. Er war in der italienischen Kolonie ein wohlbekannter Tunichtgut. Früher war er ein geschickter Bildhauer gewesen und hatte sich seinen Lebensunterhalt auf ehrliche Weise verdient, doch dann war er auf die schiefe Bahn geraten und war schon zweimal im Gefängnis gewesen – einmal wegen eines kleinen Diebstahls und einmal, wie wir schon gehört hatten, weil er einen Landsmann niedergestochen hatte. Er sprach perfekt Englisch. Seine Gründe für das Zerstören der Büsten waren noch immer unbekannt, und er weigerte sich, irgendwelche Fragen danach zu beantworten, doch die Polizei hatte herausgefunden, daß er eben diese Büsten sehr wohl eigenhändig angefertigt haben könnte, da er bei der Firma Gelder & Co. mit dieser Art von Arbeit beschäftig gewesen war. All diese Neuigkeiten, von denen wir viele bereits kannten, hörte sich Holmes mit höflicher Aufmerksamkeit an, doch ich, der ich ihn so gut kannte, konnte deutlich sehen, daß er mit seinen Gedanken woanders war, und ich entdeckte eine Mischung aus Unruhe und Erwartung unter jener Maske, die er zu zeigen gewohnt war. Endlich fuhr er in seinem Sessel hoch, und seine Augen leuchteten. Es hatte an der Tür geklingelt. Eine Minute später hörten wir Schritte auf der Treppe, und ein älterer rotgesichtiger Mann mit ergrauten Koteletten wurde hereingeführt. In der rechten Hand trug er eine altmodische Reisetasche, die er auf den Tisch stellte.

»Ist Mr. Sherlock Holmes hier?«

Mein Freund verbeugte sich und lächelte. »Mr. Sandeford aus Reading, nehme ich an?« fragte er.

»Ja, Sir. Ich fürchte, ich habe mich ein wenig verspätet, die Züge waren ungünstig. Sie hatten mir wegen einer Büste geschrieben, die sich in meinem Besitz befindet.«

»Genau.«

»Ich habe Ihren Brief hier. Sie schreiben: ›Ich wünsche, eine Kopie von Devines Napoleon zu besitzen, und bin bereit, Ihnen zehn Pfund für diejenige zu zahlen, die sich in Ihrem Besitz befindet.‹ Ist das richtig?«

»Sicher.«

»Ich war sehr überrascht von Ihrem Brief, denn ich kann mir nicht vorstellen, woher Sie wissen, daß ich so etwas habe.«

»Selbstverständlich müssen Sie überrascht gewesen sein, aber die Erklärung ist sehr einfach. Mr. Harding von Harding Brothers hat mir gesagt, daß sie ihre letzte Kopie an Sie verkauft hatten, und er hat mir Ihre Adresse gegeben.«

»Ach, so war das also. Hat er Ihnen gesagt, was ich dafür bezahlt habe?«

»Nein, das hat er nicht.«

»Nun, ich bin ein ehrlicher Mann, wenn auch kein besonders reicher. Ich habe nur fünfzehn Schillinge für die Büste bezahlt, und ich denke, Sie sollten das wissen, bevor ich zehn Pfund von Ihnen annehme.«

»Ich bin sicher, Ihre Skrupel ehren Sie, Mr. Sandeford. Doch ich habe diesen Preis genannt, also gedenke ich, auch dabei zu bleiben.«

»Nun, das ist sehr anständig von Ihnen, Mr. Holmes. Ich habe die Büste gleich mitgebracht, wie Sie gebeten hatten. Hier ist sie!« Er öffnete seine Tasche, und endlich sahen wir auf unserem Tisch ein vollständiges Exemplar jener Büste stehen, die wir schon mehr als einmal in Bruchstücken gesehen hatten.

Holmes zog ein Blatt Papier aus seiner Tasche und legte eine Zehn-Pfund-Note auf den Tisch.

»Wären Sie so freundlich, dieses Papier zu unterzeichen, Mr. Sandeford, in Anwesenheit dieser Zeugen. Es besagt lediglich, daß Sie sämtliche Rechte, die Sie je an der Büste hatten, an mich abtreten. Ich bin ein methodischer Mensch, wissen Sie, und man weiß nie, welche Wendung die Dinge vielleicht später einmal nehmen werden. Vielen Dank, Mr. Sandeford; hier ist Ihr Geld, und ich wünsche Ihnen einen sehr guten Abend.«

Die merkwürdigen Handlungen von Sherlock Holmes, nachdem unser Besucher verschwunden war, zogen unsere gebannte Aufmerksamkeit auf sich. Er begann damit, daß er ein sauberes weißes Tuch aus einer Schublade nahm und es über den Tisch breitete. Dann stellte er seine neu erworbene Büste in die Mitte des Tuches. Schließlich nahm er seine Reitgerte und verpaßte Napoleon einen kräftigen Schlag auf den Kopf. Die Figur zerbrach in Scherben, und Holmes beugte sich gespannt über die zerschmetterten Überreste. Im nächsten Augenblick hielt er mit einem lauten Triumphschrei einen Splitter in die Höhe, in den ein rundes, dunkles Objekt eingebettet war wie eine Pflaume in einen Pudding.

»Meine Herren»«, rief er, »ich darf Ihnen die berühmte schwarze Perle der Borgias vorstellen.«

Lestrade und ich saßen einen Moment lang schweigend da, dann brachen wir in einen spontanen Applaus aus wie beim gut ausgeführten Höhepunkt eines Theaterstücks. Holmes' blasse Wangen erröteten, und er verbeugte sich vor uns wie ein Meisterdramatiker, der die Hommage seines Publikums entgegennimmt. In solchen Momenten hörte er für einen Augenblick auf, eine Denkmaschine zu sein, und verriet seine menschliche Liebe für Bewunderung und Applaus. Dasselbe eigentümlich stolze und zurückhaltende Wesen, daß sich mit Unmut von öffentlicher Bekanntheit abwandte, vermochte von der spontanen Anerkennung und dem Lob eines Freundes zutiefst bewegt zu sein.

»Jawohl, meine Herren«, sagte er, »dies ist die berühmteste Perle, die zur Zeit auf der Welt existiert, und ich hatte das Glück, durch eine Kette von Schlußfolgerungen ihren Weg rekonstruieren zu können vom Schlafzimmer des Prinzen von Colonna im Dacre-Hotel, wo sie verloren ging, bis ins Innere dieser letzten der sechs Büsten von Napoleon, die von Gelder & Co. in Stepney hergestellt wurden. Sie werden sich erinnern, Lestrade, welches Aufsehen das Verschwinden dieses wertvollen Juwels und die vergeblichen Bemühungen der Londoner Polizei, es wiederzufinden, erregt haben. Ich wurde selbst zu dem Fall hinzugezogen, doch ich konnte kein Licht ins Dunkel bringen. Der Verdacht fiel auf die Zofe der Prinzessin, die Italienerin war, und es wurde nachgewiesen, daß sie in London einen Bruder hatte, doch wir konnten sie nicht miteinander in Verbindung bringen. Der Name der Zofe war Lucretia Venucci, und ich habe keinerlei Zweifel, daß dieser Pietro, der vor zwei Nächten ermordet wurde, der Bruder war. Ich habe die Daten in den archivierten alten Zeitungen nachgeschlagen und festgestellt, daß exakt zwei Tage nach dem Verschwinden der Perle die Verhaftung von Beppo wegen eines Gewaltverbrechens stattfand – das geschah in der Fabrik von Gelder & Co., in genau dem Moment, als diese Büsten hergestellt wurden. Nun können Sie die Abfolge der Ereignisse klar erkennen, obwohl Sie sie in umgekehrter Reihenfolge sehen, als wie sie sich mir gezeigt haben. Beppo hatte die Perle in seinem Besitz. Er könnte sie Pietro gestohlen haben, er könnte Pietros Komplize gewesen sein, er könnte auch der Verbindungsmann zwischen Pietro und seiner Schwester gewesen sein. Für uns hat es keine Bedeutung, was die korrekte Lösung ist.

Die Hauptsache ist, daß er die Perle HATTE, und in dem Moment, als er sie bei sich trug, wurde er von der Polizei verfolgt. Er flüchtete zu der Fabrik, wo er arbeitete, und er wußte, daß er nur ein paar Minuten Zeit hatte, um diese ungeheuer wertvolle Beute zu verstecken, die sonst bei ihm gefunden würde, wenn man ihn durchsuchte. Im Durchgang standen sechs Gipsgüsse von Napoleon zum Trocknen. Einer von ihnen war noch weich. Sofort machte Beppo, ein geschickter Handwerker, ein kleines Loch in den feuchten Gips, ließ die Perle hineinfallen, und mit ein paar Handgriffen verschloß er die Öffnung wieder. Es war ein bewundernswertes Versteck. Unmöglich, daß irgend jemand es entdecken könnte. Doch Beppo wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, und in der Zwischenzeit wurden seine sechs Büsten in London verteilt. Er wußte nicht, welche seinen Schatz enthielt. Nur wenn er sie zerbrach, konnte er es herausfinden. Nicht einmal Schütteln würde ihm etwas verraten, denn bei dem feuchten Gips war es wahrscheinlich, daß die Perle daran haften würde – wie es auch tatsächlich geschehen ist. Beppo ließ sich nicht entmutigen, und er machte sich mit beträchtlichem Einfallsreichtum und Hartnäckigkeit auf die Suche. Durch einen Vetter, der bei Gelder arbeitet, bekam er die Einzelhändler heraus, die die Büsten gekauft hatten. Er schaffte es, bei Morse Hudson Anstellung zu finden, und auf diese Weise spürte er drei von ihnen auf. Aber die Perle war nicht da. Dann brachte er mit Hilfe eines der italienischen Angestellten heraus, wo die drei anderen Büsten gelandet waren. Die erste war bei Harker. Dorthin wurde er von seinem Komplizen verfolgt, der Beppo für den Verlust der Perle verantwortlich machte, und er erstach ihn in dem folgenden Handgemenge.«

»Aber wenn er sein Komplize war, wozu hatte er dann sein Photo bei sich?« fragte ich.

»Als Hilfe bei der Suche nach ihm, wenn er irgendwelche dritten Personen nach ihm fragen wollte. Das war offenbar der Grund. Nun, nach dem Mord rechnete ich damit, daß Beppo sich mit seinen nächsten Zügen eher beeilen würde, als sie aufzuschieben. Er würde fürchten, daß die Polizei sein Geheimnis durchschauen würde, also machte er hastig weiter, damit sie ihm nicht zuvorkämen. Natürlich konnte ich nicht sagen, daß er die Perle nicht schon in Harkers Büste gefunden hatte. Ich hatte noch nicht einmal mit Sicherheit gefolgert, daß es überhaupt um die Perle ging, doch für mich stand fest, daß er nach etwas suchte, da er die Büste an den anderen Häusern vorbeitrug, um sie in dem Garten zu zerbrechen, vor dem eine Laterne stand. Da Harkers Büste eine von dreien war, standen die Chancen genau so, wie ich Ihnen sagte – zwei zu eins dagegen, daß die Perle sich darin befand. Es blieben zwei Büsten, und es war offensichtlich, daß er es zuerst mit der in London versuchen würde. Ich warnte die Bewohner des Hauses, um eine zweite Tragödie zu vermeiden, und unsere Fahrt dorthin brachte das glücklichste Ergebnis. Zu dieser Zeit wußte ich natürlich schon sicher, daß wir hinter der Borgia-Perle her waren. Der Name des Ermordeten verband das eine Ereignis mit dem anderen. Es blieb nur eine einzige Büste übrig – die in Reading –, und dort mußte die Perle sein. Ich habe sie dem Eigentümer in Ihrer Gegenwart abgekauft – und da liegt sie.«

Wir saßen einen Moment lang schweigend da.

»Tja«, sagte Lestrade, »ich habe Sie schon eine ganze Menge Fälle bearbeiten sehen, Mr. Holmes, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals eine so professionelle Arbeit gesehen zu haben. Wir sind nicht eifersüchtig auf Sie bei Scotland Yard. Nein, Sir, wir sind sehr stolz auf Sie, und wenn Sie morgen rüberkommen, gibt es keinen Mann, vom ältesten Inspektor bis zum jüngsten Konstabler, der sich nicht freuen würde, Ihnen die Hand zu schütteln.«

»Danke!« sagte Holmes. »Vielen Dank!« Und als er sich abwandte, kam es mir so vor, als sei er näher daran, von den weicheren menschlichen Empfindungen gerührt zu sein, als ich es je erlebt hatte. Einen Augenblick später war er schon wieder der kalte und praktische Denker. »Legen Sie die Perle in den Safe, Watson«, sagte er, »und holen Sie die Unterlagen über den Conk-Singleton-Fälschungsfall heraus. Auf Wiedersehen, Lestrade. Wenn Sie wieder einmal auf ein kleines Rätsel stoßen, wird es mir eine Freude sein, Ihnen den einen oder anderen Hinweis auf dessen Lösung zu geben, wenn ich kann.«








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