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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Schwestern
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeVierter Band
year1893
firstpub1880
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5c81e946
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Siebentes Kapitel

Inmitten der weißen Mauer der von Bastionen und Wällen rings umgebenen Festung von Memphis lag der alte Königspalast, ein stattliches, neu getünchtes Ziegelgebäude mit zahllosen Höfen, Gängen, Zimmern, Sälen, verandaartigen, bunt bemalten Anbauten von Holz und einem schönen, säulenreichen Festbau in griechischem Stil.

Üppig grünende Gartenanlagen umgaben ihn rings, und eine ganze Schar von Arbeitern pflegte die Blumenbeete und die Schatten spendenden Gänge, die Sträucher und Bäume, hielt die Teiche rein und fütterte die Fische, hegte die Tierparks, in denen es Vierfüßler jeder Art, von dem schwer einherschreitenden Elefanten bis zu der leichtfüßigen Antilope, und viele bunte Vögel aus allen Ländern zu sehen gab.

Von den prächtig ausgestatteten Badehallen stiegen leichte weiße Dämpfe auf, aus den Hundezwingern tönte lautes Gebell und aus den langen offenen Ställen der Rosse das Gewieher der Hengste, Hufestampfen und das Geklirr der Halfterketten.

Ein halbkreisförmiges neues Bauwerk, das Theater, schloß sich an den alten Palast, und viele große Zelte für die Leibwachen, Gesandten und Schreiberkollegien, sowie andere, die den Hofbeamten als Speisesäle dienten, erhoben sich inmitten der Gärten und außerhalb der sie umgebenden Mauer.

Den Soldaten gehörte der große, von den Straßen der Stadt in die Königsburg führende Raum, worin an der Seite von schattigen Höfen die Häuser der Wachtmannschaften und die Gefängnisse standen. Andere Krieger lagen in Zelten hart bei den Mauern des eigentlichen Palastes.

Das Geklirr der Waffen und der griechische Kommandoruf ihrer Führer schallte gerade jetzt bis zu den Räumen hinauf, in denen die Königin weilte, und diese Räume waren hochgelegen; denn Kleopatra hielt sich während der Sommerzeit am liebsten in luftigen Zelten auf, die sich unter breitblätterigen Pflanzen des Südens und ganzen Hainen von blühenden Sträuchern auf dem flachen, mit marmornen Bildsäulen überreich geschmückten Dache des Königspalastes erhoben.

Nur ein einziger Zugang führte zu diesem mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Asyl, das Tag und Nacht vom Strome her von leisen Winden umweht ward, und in das kein Unberufener einzudringen und die Ruhe der Königin zu stören vermochte; denn am Fuße der auf das Dach führenden breiten Treppe wachten Veteranen aus der Zahl des mazedonischen Kriegeradels, die der Kleopatra nicht weniger unbedingten Gehorsam schuldeten als dem Könige selbst.

Diese vornehme Schar ward beim Untergang der Sonne abgelöst, und die Königin vernahm die Befehle der an ihrer Spitze stehenden Offiziere und das Gerassel der auf den Estrich prallenden Schilde; denn sie war aus dem Zelte ins Freie getreten und schaute nach Westen, wo die sinkende Sonne die gelbe, gräberreiche und völlig nackte Kette des libyschen Kalkgebirges und die gruppenweise zusammenstehende Reihe der Pyramiden mit wundervollen Farben übergoß, die nach und nach auch die leichten Silberwolken am klaren Himmel, der das Tal von Memphis überwölbte, mit Rosenrot anhauchten und mit goldenen Rändern verbrämten.

Die Königin, die jetzt mit einer jungen Griechin, der blonden Zoë, der Tochter des Großjägermeisters Zenodotus, die ihr von den früheren Spielgefährtinnen die liebste war, ins Freie trat, blieb, obwohl sie nach Westen schaute, unberührt von dem Zauber dieses glänzenden Schauspiels; denn während sie, um nicht geblendet zu werden, die Handfläche wie einen Schirm über die Augen breitete, sagte sie:

»Wo der Kornelier nur bleibt! Als wir vor dem Tempel in den Wagen stiegen, war er verschwunden, und so weit ich den Weg ins Gebiet des Sokari und Serapis übersehe, läßt sich weder sein Fuhrwerk noch das des Euläus, der ihn begleiten sollte, erblicken. Es ist wenig höflich, sich so ohne Abschied zu entfernen, ja ich könnt' es undankbar nennen, weil ich ihm in Aussicht gestellt hatte, ihm auf dem Heimwege von meinem Bruder Euergetes zu erzählen. Der ist heute mittag wirklich mit seinen Freunden angekommen, und er kennt ihn noch nicht, weil Euergetes sich in Kyrene aufhielt, als Publius Kornelius Scipio in Alexandria ans Land trat. Siehst du den schwarzen Schatten dort bei den Weinbergen von Kakem? Das ist er vielleicht! Aber nein, du hast recht, das sind nur Vögel, die dicht zusammengeschart über den Weg fliegen. Auch du siehst gar nichts weiter? Nein? And wir haben doch beide junge und scharfe Augen. Ich bin neugierig, wie Euergetes dem Publius Scipio gefallen wird. Es kann kaum zwei verschiedenere Wesen geben als sie, und doch haben sie etwas Wesentliches miteinander gemein.«

»Sie sind beide Männer,« unterbrach Zoë die Königin und schaute sie dabei an, als erwarte sie für dies Wort den Beifall der Herrin.

»Das sind sie,« entgegnete Kleopatra stolz. »Mein Bruder ist ja noch so jung, daß er, wenn er kein Sohn eines Königs wäre, kaum dem Kreis der Knaben entwachsen und unter anderen Epheben ein Jüngling sein würde, und doch findet er auch unter den Alten keinen, der ihn an Stärke des Willens und rücksichtsloser Tatkraft überträfe. Er hat schon, bevor ich das Weib des Philometor ward, Alexandria und Kyrene an sich gerissen, das ja von Rechts wegen meinem Gatten gehören sollte, der von uns dreien der Älteste ist, und das war wenig brüderlich von ihm gehandelt, und wir hätten gewiß auch manchen anderen Grund, ihm zu zürnen, aber als ich ihn vorhin nach dreiviertel Jahren wieder sah, mußt' ich das alles vergessen. Ich begrüße ihn, als ob der junge Titan mir und seinem Bruder, der nun doch einmal mein Gatte ist, nur Gutes erwiesen hätte. Ich weiß ja, wie wild er oft sein kann, wie zügel- und maßlos über alle Grenzen; doch ich verzeihe ihm, dem jungen Giganten. Seien wir froh, wenn er nicht einmal den Pelion über den Ossa türmt! Auch in meinen Adern strömt rasches Blut, und der Stamm, aus dem seine Ausschreitungen wuchern, ist Kraft, echte und starke Kraft. Wo lebt die Frau, der solche markige Kraft nicht ans Herz greift? Nichts bewundern wir williger an den Männern als sie; denn sie ist die einzige Gabe, die uns die Götter mit spärlicherer Hand zumessen als ihnen. Das Leben dämmt sonst wohl die übervollen Ströme ein, aber daß ihm das bei dem stürmischen Lauf dieses Mannes gelingen wird, möcht' ich bezweifeln. Immerhin kommt seinesgleichen rasch vorwärts und bleibt stark bis zum Ende, das ihn gewiß einmal plötzlich ereilt, und solch ein wildes Wasser ist mir lieber als ein dünner Fluß in der Ebene, der niemand schädigt und, um das Dasein ja recht lange zu fristen, im Sumpfe verdunstet. Wenn einem, so darf man ihm das Toben verzeihen; denn maßlos und staunenerregend wie seine Fehler, ja, sag' ich's nur gerade heraus, seine Laster, sind doch auch, wenn er nur will, meines Bruders große, Alt und Jung bezaubernde Vorzüge. Wer übertrifft ihn in Griechenland und Ägypten an Schärfe und Schwungkraft des Geistes?«

»Du darfst stolz auf ihn sein,« entgegnete Zoë. So hoch wie Euergetes kann selbst ein Publius Scipio nicht stiegen.«

»Aber dafür bleibt Euergetes die feste, ruhige Sicherheit des Korneliers versagt. Der Mann, der die guten Eigenschaften dieser beiden in sich vereint, der braucht, mein' ich, keinem Gotte zu weichen.«

»Er wäre unter uns unvollkommenen Sterblichen der einzig Vollkommene,« entgegnete Zoë. »Aber einen vollkommenen Menschen können die Götter nicht dulden, weil sie ja sonst die unbequeme Mühe auf sich nehmen müßten, mit einem ihrer Geschöpfe zum Wettkampf in die Schranken zu treten.«

»Da kommt dennoch einer, an dem es nichts auszusetzen gibt,« rief die junge Königin, indem sie einer reichgekleideten älteren Frau, die ihr ihr Kind, einen zweijährigen blassen Knaben, zuführte, entgegeneilte.

Zärtlich, aber voll stürmischer Heftigkeit, griff sie nach dem Kleinen, um ihn auf den Arm zu nehmen; aber das zarte Kind, das ihr zuerst entgegengelächelt hatte, erschrak, wandte sich rasch von ihr ab und versuchte das schmale Gesichtchen in die Kleider der vornehmen Wärterin, die es mit den Händchen umschlang, zu verbergen.

Die Königin warf sich sogleich auf die Knie, erfaßte des Knaben Schulter und war erst mit Schmeichelworten, dann mit Gewalt bestrebt, ihn zu bewegen, die ihn verbergenden Kleiderfalten loszulassen und sich ihr zuzuwenden; doch obgleich ihr die Frau, die auch des Knaben Amme gewesen war, mit freundlicher Zurede beistand, begann das geängstigte Kind doch heftig zu weinen und sich um so ungestümer gegen die Zärtlichkeitsbeweise der Mutter zu wehren, je leidenschaftlicher sich diese bemühte, es an sich zu ziehen.

Endlich hob die Wärterin den jungen Prinzen hoch auf und wollte ihn der Mutter reichen, nun aber artete das Weinen des widerstrebenden Kindes, das seine Ärmchen krampfhaft fest um den Hals der Amme schlang, in lautes Geschrei aus.

Mitten während dieses wenig geschickt geführten Kampfes der Mutter gegen den Eigenwillen des Kindes erscholl im Palasthofe Rädergerassel und Aufschlag, und kaum hatte die Königin ihn vernommen, als sie sich von dem schreienden Knaben abwandte, nach der Brüstung des Daches hineilte und Zoë zurief:

»Publius Scipio kommt! Es ist höchste Zeit, daß ich mich für das Festmahl kleide. Will das unartige Kind noch immer nicht hören? Trag es fort, Praxinoa, und laß dir sagen, daß ich unzufrieden mit dir bin! Du entfremdest mir mein eigenes Kind, um den künftigen König für dich zu gewinnen. Das ist nichtswürdig oder beweist doch, daß du ungeschickt bist und dem dir anvertrauten Amt nicht gewachsen. Die Pflicht der Amme hast du erfüllt, aber ich werde eine andere Wärterin für den Knaben suchen und finden. Keinen Widerspruch! Keine Tränen; ich hab' an dem Geschrei des Kindes genug!«

Mit diesen laut und leidenschaftlich gesprochenen Worten wandte sie der wie versteinert dastehenden Praxinoa, der Gattin eines vornehmen mazedonischen Edlen, den Rücken und trat in das Zelt, in dessen Innenraum soeben einige vielarmige Lampen auf kleine Tischchen von zierlicher Arbeit gestellt wurden.

Diese, wie das gesamte Gerät im Ankleidezelte der Königin, bestanden aus schimmerndem Elfenbein, das sich schön von dem himmelblauen, mit silbernen Lilien und Ähren durchwirkten Zelttuche und den Tigerfellen abhob, mit denen alle Polster überzogen und die wolligen weißen, mit einem blauen Mäander umsäumten Teppiche auf dem Fußboden belegt waren.

Heftig warf sich die Königin auf einen Sessel vor dem Putztisch, schaute so lange in den Spiegel, als sähe sie ihr Gesicht und ihr volles blondrotes Haar zum ersten Male, und sagte dann, indem sie sich halb an Zoë wandte, halb an ihre Lieblingszofe aus Athen, die mit anderen Dienerinnen hinter ihr stand:

»Es war Torheit, daß wir mein dunkles Haar blond färbten; jetzt mag es so bleiben; denn Publius Scipio, der von unseren Künsten nichts ahnt, fand diese Farbe selten und schön und braucht nicht zu wissen, woher sie stammt. Den ägyptischen Kopfputz dort mit dem Geierhaupt, in dem der König mich am liebsten sieht, findet Lysias und auch der Römer barbarisch, und so muß jeder ihn nennen, den die Ägypter nichts angehen. Aber wir sind ja heute abend unter uns, und so will ich denn den goldenen Ährenkranz mit den Trauben von Saphir aufsetzen. Dazu meinst du, Zoë, würde das durchsichtige Bombyxgewand passen, das gestern aus Kos ankam? Aber ich mag es nicht, denn es ist gar zu leicht gewoben, verbirgt gar nichts, und es fehlt mir gerade jetzt an der nötigen Fülle. Man sieht wieder die Sehnen an meinem Halse, der Ellbogen wird spitz, und ich bin leichter geworden. Das kommt von dem ewigen Verdruß, der Erregung, den Sorgen! Wie mußt' ich mich gestern wieder im Rate regen; denn mein Gatte gab immer nur nach, stimmte zu und wollte sich gefällig erweisen. Wo es zu verneinen gilt, da muß ich eintreten, so ungern ich es tue und so widersinnig ich es finde, daß ich den Groll, den Enttäuschung und Abweisung ja immer erregen, auf mich nehme und mich für hart und herzlos halten lasse, um meinem Manne den zweifelhaften Ruhm zu erhalten, der weichste, freundlichste unter allen Männern und Fürsten zu sein. Daß mein Sohn eigenen Willen zeigt, führt zu erregenden Auftritten, aber es ist besser so, als würfe Philopator sich jedermann in die Arme. Die Erziehung eines Knaben muß zunächst darin bestehen, daß man ihn »Nein« sagen lehrt. Ich sage ja selbst oft ja, wo ich's nicht sollte, doch ich bin ein Weib, und wir sind schöner beim Nachgeben als beim Widerstreben, und was gäbe es für uns Wichtigeres, als schön zu sein? Bleiben wir nur bei diesem lichtblauen Gewande und legen wir darüber das Netz von Goldfäden mit den Saphiren über den Knoten. Es wird gut zu dem Kopfschmucke passen. Behutsam doch mit dem Kamme, Thaïs, du tust mir weh! – Ich mag nicht mehr schwatzen. Zoë, reich mir die Rolle dort. Es verlangt mich, den Geist ein wenig zu sammeln, bevor ich hinuntergehe, um mit den Männern beim Gastmahl zu reden. Wenn man das Gebiet des Todes und den Serapis besucht hat und an die Unsterblichkeit unserer Seele und ihr Schicksal im Jenseits erinnert worden ist, überliest man gern einmal wieder, was der liebenswürdigste unter allen männlichen Denkern von verwandten Dingen zu sagen weiß. Hier magst du beginnen, Zoë!«

Die Gespielin der Kleopatra winkte den untätigen Dienerinnen, sich zurückzuziehen, ließ sich auf ein niedriges Polster gegenüber der Königin nieder und begann verständnisvoll und mit geübter Stimme zu lesen und immer weiter zu lesen, von keinem Ton unterbrochen als von dem Klirren des Geschmeides, dem Rauschen kostbarer Stoffe, dem Tropfenfall der in Kristallschalen gegossenen Öle und Essenzen, den kurzen, leise geflüsterten Fragen der die Königin schmückenden Mädchen und den nicht minder raschen und leisen Antworten Kleopatras.

Alle, die nicht mit der Person der Königin beschäftigt waren, und es mochten wohl zwanzig jüngere und ältere Frauen sein, die gruppenweise entlang den Wänden des großen Zeltes standen oder auf Polstern am Boden saßen, harrten so regungslos des Augenblicks, in dem auch an sie die Reihe kommen würden, sich dienstlich zu erweisen, als habe sie das bannende Wort eines Zauberers gelähmt. Nur mit den Augen und leisen Fingerbewegungen verkehrten sie miteinander; denn sie wußten, daß die Königin es nicht liebte, gestört zu werden, wenn man ihr vorlas, und daß sie sich nicht scheute, alles, was ihre Wünsche und Neigungen kreuzte, wie einen drückenden Schuh oder eine gerissene Saite weit von sich zu schleudern.

Ihre Züge waren unregelmäßig und scharf, die Backenknochen und Lippen, hinter denen schneeweiße, aber weit auseinanderstehende Zähne glänzten, zu stark entwickelt, aber so lange sie ihre kräftige Fassungsgabe aufgeboten und mit glänzenden Augen, die denen einer Seherin glichen, und mit halb offenem Munde den Worten Platos gelauscht hatte, ward sie von einem unbeschreiblich feinen Anmutsschimmer, der aus einer besseren, höheren Welt zu kommen schien, umflossen, war sie weit schöner gewesen als jetzt, da sie fertig geschmückt und, nachdem Zoë den Plato aus der Hand gelegt hatte, von den sie umringenden Frauen mit lauten und maßlosen Schmeichelworten umringt ward.

Kleopatra liebte es, sich so lebhaft gefeiert zu sehen, und um die Bewunderung Vieler zu genießen, mußte, wenn man sie schmückte, die Zahl der Frauen an ihrem Putztische groß sein. Von allen Seiten wurden ihr Spiegel vorgehalten, Falten besser gelegt und die mit Edelsteinen geschmückten Sandalenriemen gerade gezogen.

Hier pries man die Fülle ihrer Locken, dort die Schlankheit ihres Wuchses, die Zartheit ihrer Knöchel und die Kleinheit ihrer Kinderhände und Füße.

Ein Mädchen machte das andere, aber laut genug, um von ihr gehört zu werden, auf den Glanz ihrer Augen, der reiner sei, als das Wasser der Saphire an ihrer Stirn und dem Gewande, aufmerksam, und die Zofe Thaïs aus Athen versicherte, Kleopatra sei stärker geworden; denn ihr goldener Gürtel sei heute weit weniger leicht zu schließen gewesen als vor zehn Tagen.

Jetzt winkte die Königin, Zoë warf eine silberne Kugel in ein mit reicher getriebener Arbeit von gleichem Metall geschmücktes Becken, und bald darauf ließ sich vor dem Tore des Zeltes der Schritt der Leibwächter hören.

Kleopatra trat ins Freie, überflog mit einem raschen Blick das mit Pechpfannen und Fackeln hell erleuchtete Dach und die aus dunklen Laubgruppen weiß hervorglänzenden marmornen Bildwerke und näherte sich dann, ohne sich nach dem Zelte, in dem ihre Kinder ruhten, umzuschauen, der Sänfte, die junge mazedonische Edle für sie auf das Dach getragen und dort niedergelassen hatten.

Zoë und die Athenerin Thaïs unterstützten sie, als sie in die Sänfte stieg, und ihre Gespielinnen, Dienerinnen und andere aus den benachbarten Zelten herbeigeeilte Frauen bildeten zu beiden Seiten ihres Weges Spalier und brachen in laute Rufe der Bewunderung und des Entzückens aus, als ihre Herrin nun, hoch auf den Schultern der Träger thronend, an ihnen vorbeischwebte.

Die Diamanten am Griff des Federwedels der Kleopatra blitzten hell auf, als sie ihren Frauen mit jener gnädigen Herablassung zuwinkte, die den Begrüßten erinnert, wie tief er unter dem Grüßenden steht. Jede Handbewegung war königlich stolz und gemessen, aus ihren Augen aber leuchtete ungezügelt und unverschleiert die Lust des jungen Weibes an dem schön vollendeten Putz, die Freude an der eigenen Person und die Erwartung froher, festlicher Stunden.

Jetzt verschwand die Sänfte im Tor der breiten, auf das Dach führenden Treppe, und die Athenerin Thaïs seufzte leise vor sich hin und dachte: »Könntest du doch auch einmal in solcher zierlichen Muschel von vielfarbig schimmernder Perlmutter wie eine Göttin durch die Luft schweben, von schönen Jünglingen getragen, gefeiert und rings umjubelt! Da oben fährt die wachsende Selene an den winzigen Sternen kühl und lautlos vorbei, und so zog sie mit ihren Fackelträgern im Purpurgewand an all den Flammen und Lichtern hier zwischen den Zelten und an uns Armen vorüber zum Festmahle, und zu welchem Schmaus und zu welchen Gästen! Alles hier oben jubelte ihr zu, und es wollte mir scheinen, als hätte dort unter den kühlen Marmorbildern selbst das ernste Antlitz des Zeno den Mund geöffnet und ihr ein Schmeichelwort nachgerufen. Und doch wären Zoë und die blonde Lysippa und die schwarzlockigen Töchter des Demetrius und auch ich armes Ding schöner, viel schöner als sie, wenn wir uns mit Kleidern und Juwelen putzen könnten, für die Könige gern ihre Reiche verkauften, wenn wir wie sie es der Aphrodite gleichtun und in einer Muschel thronen dürften, die, als schwämme sie mitten im Meer, auf smaragdgrünem Glasflusse ruht, wenn mit Perlen und Türkisen besetzte Delphine unsere Fußschemel wären und uns zu Häupten weiße Straußenfedern wehten wie Silberwolken, die zu Athen an schönen Frühlingstagen den Himmel zieren. Mir würde das durchsichtige Gewand schon stehen, das sie sich nicht zu tragen getraut! Wär' es doch wahr, was gestern Zoë vorlesen mußte, daß es den Seelen der Menschen beschieden sei, in immer neuen Formen auf Erden zu wandeln! Vielleicht käme dann die meine noch einmal in einem Königskinde zur Welt! Ein Prinz möcht' ich nicht werden; denn von dem wird so vieles gefordert, wohl aber eine Prinzessin. Wie wunderschön das doch wäre!«

Solches und viel Ähnliches träumte Thaïs, während Zoë vor dem Zelt des Königskindes mit ihrer Base, der obersten Wärterin des Prinzen Philopator, ein leises, eifriges Gespräch führte.

Die Amme des fürstlichen Knaben trocknete von Zeit zu Zeit die Augen und schluchzte schmerzlich, indem sie sagte:

»Mein eigenes Kleines, meine anderen Kinder, den Gatten und unser schönes Haus in Alexandria hab' ich verlassen, um einem Prinzen die Brust zu reichen und ihn aufzuerziehen. Glück, Freiheit, den Schlaf der Nächte hab' ich geopfert um der Königin und dieses Knaben willen. Wie wird mir das alles gelohnt! Als wär' ich eine gedungene Magd und nicht die Tochter und das Weib eines Edlen, kündigt mir dies halbe Kind, das kaum neunzehn Jahre zählt, vor dir und ihren Gespielinnen an jedem zehnten Tage den Dienst, und warum? Weil in ihrem Sohne das unbändige Blut ihres Geschlechts fließt, und weil er nicht in die Arme einer Mutter fliegen mag, die tagelang nicht nach ihm fragt und sich nur in müßigen Augenblicken, wenn sie jede andere Laune befriedigte, um ihn kümmert. Die Fürsten verteilen Gunst oder Ungunst nur so lange gerecht, als sie Kinder sind. Der Kleine weiß recht gut zu unterscheiden, was ich ihm bin und gewähre, was Kleopatra. – Brächt' ich's übers Herz, ihn heimlich zu mißhandeln, so wäre dieser Mutter, wie sie nicht sein soll, bald der Wille geschehen. So schwer es mir fällt, das schwache Kind, das mir so fest an die Seele gewachsen ist, als wär' es mein eigenes, und fester, ja fester noch – ich darf es wohl sagen, schon jetzt zu verlassen, so tu' ich es diesmal dennoch, selbst auf die Gefahr hin, daß Kleopatra uns, mich und meinen Gatten, ins Unglück stürzt wie schon so manchen, der sich ihrem Willen zu widersetzen wagte.«

Die Prinzenamme weinte laut auf; Zoë aber legte die Hand auf die Schulter der Betrübten und sagte begütigend:

»Ich weiß, daß du mehr unter den Launen der Kleopatra zu leiden hast als wir alle, aber übereile dich nicht! Morgen schickt sie dir, wie schon so häufig, nachdem sie dich kränkte, ein schönes Geschenk, und wenn sie dich wieder und wieder beleidigt, so wird sie es wieder und wieder gutzumachen versuchen, bis dies Jahr vorbei, deine Pflicht bei dem Prinzen erfüllt ist und du wieder zu den Deinen zurückkehren darfst. Geduld üben tut uns allen not. Wir leben wie Leute, die in einem baufälligen Hause wohnen und denen heute ein Stein, morgen ein Balken auf das Haupt oder die Füße zu fallen droht. Nehmen wir ruhig hin, was uns trifft, sucht man unsere Wunden zu heilen, widersprechen wir, so mögen alle Götter uns gnädig sein; Kleopatra ist aber auch wie ein gespannter Bogen, dem der Pfeil entflieht, sobald auch nur ein Kind, eine Maus, ein Zugwind die Sehne berührt, wie ein überfülltes Gefäß, das überfließt, wenn ein Blatt, ein neuer Tropfen, eine Träne hineinfällt. Wir alle würden bald bei solchem Leben zugrunde gehen, sie aber braucht Unruhe, Anspannung, Erregung in jeder Stunde. Spät kommt sie vom Schmause, kaum sechs Stunden liegt sie in unruhigem Schlaf, und bis wir sie wieder zum Mahle schmücken, gönnt sie sich kaum so lange Ruhe, wie das Steinchen bedarf, um aus der Kralle des Kranichs zu Boden zu fallen. Aus dem Rat geht es zu gelehrten Gesprächen, von den Büchern in den Tempel zu Opfern und Gebeten, aus dem Heiligtum in die Werkstätten der Künstler, von den Gemälden und Bildsäulen in den Audienzsaal, vom Empfang der Untertanen und Fremden in die Schreibstube, von der Beantwortung der Briefe zum Festzug und wieder zum Opfer, von diesen Diensten hierher und in das Ankleidezelt, wo sie, während man sie schmückt, meiner Vorlesung aus schwierigen Werken zuhört, und wie zuhört! Kein Wort entgeht ihr, und ganze Sätze weiß ihr Gedächtnis festzuhalten. Von all diesem Hinundher muß die Seele ihr ja sein wie ein wundes Glied, das Schmerz empfindet, sobald man es unsanft berührt.

Wir sind ihr nicht mehr und nicht weniger als elende Mücken, nach denen man schlägt, wenn sie lästig fallen, und die Götter mögen dem gnädig sein, den die Hand dieser Königin trifft! Euergetes haut mit Schwertern entzwei, was ihm in den Weg kommt, Kleopatra sticht mit Dolchen, und in ihrer Hand ist ja ihre eigene Macht und die ihres gefügigen Gatten vereinigt. Reize sie nicht! Nimm hin, was du nicht abzuwenden vermagst, wie ich nicht murre, wenn ich mich beim Lesen verspreche und sie mir das Buch aus der Hand reißt oder vor die Füße wirft. Dabei habe ich doch nur für mich selbst, du aber auch für deinen Gatten und deine Kinder zu fürchten.«

Praxinoa neigte traurig, aber zustimmend das Haupt und versetzte:

»Habe Dank für diese Worte! Ich denke immer nur mit dem Herzen, du aber meist mit dem Kopfe. Du hast recht, es bleibt mir auch diesmal nichts übrig, als mich zu gedulden; aber hab' ich erfüllt, was ich hier auf mich genommen, und bin ich wieder zu Hause, so laß ich wie eine von einer schweren Krankheit Genesene dem Asklepius und der Hygiea ein großes Opfer schlachten; das aber weiß ich schon jetzt, daß ich lieber als arme Magd an der Handmühle stehen, als mit dieser reichen und vergötterten Königin tauschen möchte, die, um das Leben voll auszugenießen, hastig und ruhelos an dem Besten vorbei eilt, was das Dasein den Sterblichen bietet. Schrecklich, entsetzlich denk' ich mir solch ein Leben ohne Ruhe, und öde wie in der Wüste muß es in dem Herzen einer Mutter aussehen, die mit anderen Dingen so viel zu tun hat, daß sie die Liebe des eigenen Kindes, die jeder Taglöhnersfrau entgegenblüht, nicht zu gewinnen vermag. Lieber alles, alles geduldig tragen, als solche Königin sein!«

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